Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter
März 2007
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1.3.2007 Jeder braucht sein Hamburg So oft wird das Üben unterschätzt. Oder
abschätzig betrachtet. Es kommt darauf an, wie man es angeht. Die Beatles
spielten bekanntlich in Hamburg die Rock'n'Roll-Standards bis zum
Abwinken. Manchmal acht Stunden am Tag, und das bei einer Gage, für die
heute nicht mal mehr ein Straßenmusiker sein Instrument aufheben würde.
2.3.07 Wie beginnen wir - Stephen Nachmanovitch, Gott und George Spencer Brown "Die erste Auswahl an Tönen kann sehr
frei sein, aber während wir fortfahren, wird die Entscheidung die wir
getroffen haben, die Entscheidung beeinflussen, die wir treffen werden.
Eine weiße Leinwand oder ein Blatt Papier sind „wüst und leer“ (Genesis
1.2), aber eine einzige Markierung darauf errichtet eine feststehende Welt
und erzeugt eine unendliche Serie schöpferischer Probleme." "Und die Erde war wüst und leer, und es
war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
(George Spencer Brown: Gesetze der Form)
3.3.07 Kunst auf dem Silbertablett "Die Kunst liegt darin, dem Leser nicht
zu viel und nicht zu wenig Information zu geben, sondern die richtige
Menge, um die aktive Vorstellungskraft zu katalysieren. Die beste Kunst
ist die, die sich nicht auf einem Silbertablett präsentiert, sondern die
die Handlungsfähigkeit des Lesers weckt."
4.3.07 Subtilität Szenen werden umso feiner, je weniger
das Offensichtliche benannt und je mehr es als gegeben hingenommen wird:
Eine Figur kommt humpelnd auf die Bühne. Jeder zweite Improspieler wird
sagen: "Oh! Was ist denn mit deinem Bein passiert?" Interessanter ist es
aber, wenn dies eben der humpelnde Butler Anglewood ist, den das Humpeln
eben charakterisiert.
5.3.07 Verknüpfungen und Gags Je schneller die Verknüpfung, umso schneller der Lacher, aber auch umso oberflächlicher.
10.3.07 Impro auf Betriebs-, Geburtstags-, Hochzeitsfeiern Wenn man um des lieben Geldes willen
unbedingt bei solchen Feiern auftreten will oder muss, sollte man sich
darüber im Klaren sein, dass man eine gewisse Animationsfunktion erfüllen
muss, sonst kann man es ganz sein lassen. Während eine Jazzband schön brav
im Hintergrund dudeln kann, ohne ihre würde zu verlieren, ist es für eine
Improgruppe oder auch Komiker usw. tödlich, nicht beachtet zu werden. Im
Grunde wollen Partygäste sich lieber unterhalten oder tanzen, als
irgendjemandem zuhören. Dass es sich lohnt zuzuhören, davon muss man die
dann erst mal überzeugen.
11.3.07 Äm Es ist erstaunlich, wie oft einige
Spieler in Szenen "Äm" sagen, die es sonst nicht tun, aber auch, wie es
anderen Spielern gelingt, genau das zu vermeiden, obwohl sie im
Alltag ständig ein "Äm" einschieben. Erstere vermeiden es zu definieren,
sie senken ihren Status als Spieler, um nicht wirklich etwas behaupten zu
müssen (es könnte ja falsch, schlecht, blöd usw. sein.) Die zweite Gruppe
Spieler scheint auf der Bühne eine innere Spannung zu erzeugen, die ihnen
im Alltag oft fehlt.
12.3.07 Verkrampfen "Wenn ich versuche zu spielen,
scheitere ich; wenn ich das Spiel forciere, zerdrücke ich es; wenn ich
hetze, stolpere ich. Immer wenn ich mich versteife oder mich gegen einen
Fehler oder ein Problem stemme, bewirkt genau dieses Stemmen, dass das
Problem auftritt."
13.3.07 Unterhaltung und Wiederholung Unterm Strich ist es einem halbwegs
aufgeschlossenem Publikum egal, wie das, was auf der Bühne stattfindet
tituliert wird - Improtheater, Comedy, Tanz, Lesebühne oder Asdfölkj.
Wichtig ist, dass wir Spieler uns nicht selber langweilen, was natürlich
umso schwieriger ist, wenn wir uns auf der Bühne wiederholen (im
klassischen Theater, bei geschriebenen Comedy-Nummern usw.). Die Kunst
liegt dann darin, jede Aufführung für sich selbst interessant zu
gestalten.
14.3.07 Grundtechniken Fürs Warm Up vor der Show Grundtechniken üben:
15.3.07 Lob des hohen Tempos Schnell reagieren zu müssen bringt uns
aus dem Gleichgewicht und treibt den Tanz von selber an.
16.3.07 Lob der Ruhe Schnell zu reagieren bedeutet aber nicht hektisch zu werden. Ich brauche eine innerliche Ruhe, um mich auf die Umwelt zu konzentrieren: Die Mitspieler, meine Figur, die Story usw. Und wenn ich diese innere Ruhe und Gelassenheit habe, kann ich sehr schnell reagieren und spielen.
17.3.07 Noch ein Lob des hohen Tempos Vor allem treibt uns hohes Tempo in die Bereiche des Unerwarteten. Ein Trick in der Szene: Wenn sie vor sich hineiert: Erhöhe das Tempo radikal. So schnell, dass du selbst nicht folgen kannst.
18.3.07 Einwort allein Meine neuste Lieblingserfindung:
Ein-Wort-Geschichte allein. Ein Spieler erzählt eine Geschichte und
spricht und denkt dabei in dem Modus der Ein-Wort-Geschichte, d.h. er
lässt sich von seinen eigenen Wörtern überraschen.
19.3.07 Trennung Schauspieler und Rolle in der Improvisation Einer von Johnstones genialen Tricks
besteht darin, positive und schnelle Figuren zu verlangen. Ein
Schauspieler mit gewissem Einfühlungspotential lässt sich allein vom
Spielen solcher Figuren anstecken und formt so eine positive innere
Haltung zum Spiel.
21.3.07 Konservatismus "Vor allem ist zu bewundern, wie seine
Intelligenz es Gernhardt erspart, in die Falle des Konservatismus zu
gehen, die jeder Satire droht. Im Namen einer eingelebten Sittlichkeit den
neumodischen Kram bitter verhöhnen."
24.3.07 Spiele lehren oder Spielen lehren Ich lehre keine Spiele ("games". Ich lehre zu spielen ("play"). Auch wenn diese Auffassung bei vielen Gruppen und Spielern vorherrscht - die Qualität eines Impro-Spielers liegt überhaupt nicht darin, Spiele zu beherrschen, sondern frei zu improvisieren. Das kann man durchaus mit Spielen ("Games") lernen, aber sie sind nicht das Ziel, sondern ein Weg.
25.3.07 Starke Angebote Ein starkes Angebot katapultiert die
Geschichte vorwärts, weil es mehrere Elemente unerwartet kombiniert.
26.3.07 Improtalent "Es hat etwas mit Neugier zu tun, sich
auf unbekannte Situationen einzulassen. Es hat etwas mit Angstfreiheit zu
tun, (...) mit dem Bedürfnis, sich zu äußern, seiner Umwelt etwas zu
vermitteln. Talente müssen nicht extrovertiert sein, schon gar nicht
selbstverliebt. Sie müssen einfach diesen Spielraum Bühne lustvoll
nutzen."
27.3.07 Flow Für Flow gibt es keine Garantie. (...)
Da braucht nur mal der Kaffee zu heiß gewesen zu sein, schon kippt das
Ding um. (...) Man kann imer nur versuchen, die Umstände zu optimieren, um
die Chancen für den Flow zu erhöhen.
28.3.07 Wimmelszenen Typisch in Großszenen: Hauptfigur ist
mit einer Gruppe gleichartiger Figuren, z.B. einer Schulklasse oder einer
Gruppe nerviger Kunden, konfrontiert. Die Szene läuft schon fünf Sekunden,
da stürzt ein weiterer Spieler aus dem Off dazu, einfach um mitzumachen.
29.3.07 Gesang Warum muss in musicalartigen Gesangsszenen der Background immer ein mitschnipsender Doo-Wop-Chor sein?
30.3.07 Der Narrativ-Impuls Ein schönes Format auf dem Berliner
Improfestival "Impro 2007": Berliner Plätze. Die beteiligten
Spieler besichtigen tagsüber einen Platz in der Stadt, nehmen alle
möglichen Eindrücke war. Darüber wird am Abend improvisiert.
31.3.07 Poesie der Form Vor allem, wenn man Langformen
improvisiert, sollte man kurz einen Schritt zurücktreten und sich fragen,
worin die Poesie dieser Form liegt: Soll eine Story auf bestimmte Art
erzählt werden? Liegt der Fokus auf Buntheit, auf Wechsel des Timing, auf
Spontaneität, auf einen Raum oder einen Gegenstand? |
English version (excerpts) 2007
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Dan Richter