zurück zur Seite "Impro"

Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter

September 2007

Ab 26. September 2007: Jeden Mittwoch im RAW-Tempel um 21 Uhr die neue Impro-Show

Foxy Freestyle - Bereit für Impro

2007    
Jul Aug    
Apr Mai Jun  
Jan Feb Mrz
     
     
2006
Okt Nov Dez  
Jul Aug Sep  
Apr Mai Jun  
Jan Feb Mrz  
       
 

2005

Okt Nov Dez
Jul Aug Sep
Jun

 

1.9.07

Prozess statt Produkt

Im Workshop: Schauspielerin A. stürzt hektisch auf die Bühne, quietscht und fuchtelt mit ihren Händen herum (nur aus dem Kontext kann man entnehmen, dass sie gerade mit einem Auto herangefahren sein will). Ich unterbreche, und bitte sie, mehr Wert auf die Darstellung zu legen. Es folgt eine Diskussion darüber, ob solch eine Konzentration auf die Details der Sache nicht die Freude nimmt. Man wolle sich doch ausspielen.
Ich entgegne: Wenn ihr Spaß wollt, dann müsst ihr den Spaß in dem suchen, was ihr tut, und nicht in dem, was ihr in fünf Minuten oder in fünf Sekunden tun werdet. Wir genießen es, euch zuzusehen, wenn ihr Freude an dem habt, was ihr tut. So teilen wir die Freude. Man muss als Improschauspieler kein 100%iger Pantomime sein, aber Liebe zum Detail darf man als Zuschauer erwarten.
Darüberhinaus führt hektisches Spiel nicht zu Schnelligkeit, sondern verstärkt einfach die Hektik, was uns eher dazu führt, dass unsere Gedanken sich verheddern. Um schnell zu sein, brauchen wir innere Ruhe.

 

2.9.07

Gutes Miteinander

Vor zwei Tagen wieder mal bei einer Show der Gorillas im Ratibor-Theater. Erstaunlich gutes Miteinander von vier Schauspielern (Robert Munzinger, Thomas Chemnitz, Ramona Krönke, Michael Wolf) in acht Rollen in einer doch recht komplexen Geschichte, die an einem Stück erzählt wird. Schön, wie die Spannung durch die einzelnen Spielern gehalten wird, da macht es nichts, wenn zwei, drei Mal einer der Spieler selbst vom Lachen ergriffen wird, wenn es gar zu köstlich wird.

 

3.9.07

Männer fehlen/Frauen fehlen

In Improgruppen oder Workshops mit starkem Frauenüberhang vermissen die Frauen die Männer. Umgekehrt kommen Männer ganz gut alleine klar (oder artikulieren es nicht, wenn sie Frauen vermissen.)

 

4.9.07

Positiv sein

In einem Interview mit den Beatles in den USA fragt ein Reporter umständlich und in einem Tonfall, der Sensation und Skandal signalisiert, was die Beatles auf die Vorwürfe sagen, "Day Tripper" handle von einer Prostituierten und "Norwegian Wood" von einer Lesbe. Paul: "Na, wir wollten einfach mal Songs über Prostituierte und Lesben schreiben."
Was wie ein kleiner Witz erscheint, ist ja fast praktizierter Zen: Jeden Gedanken aufgreifen und in ihm das Positive erkennen.
Ähnlich verfuhr auch Brecht vor dem Ausschuss gegen Unamerikanisches Verhalten. Als er hinterlistig gefragt wurde, worüber er sich mit dem Kommunisten Gerhard Eisler unterhalten habe, antwortete er rasch: "Über Politik."

 

5.9.07

Theater ist Kommunikation

Bei einer größeren Veranstaltung sah ich gerade ein kurzes Stück von ca. zehn Jugendlichen im Alter von ca. 18 Jahren vor einem sehr großen Publikum bei relativ ungünstiger Akustik.
Keinem der Jugendlichen fiel es ein, die Stimme auch nur leicht über die normale Gesprächslautstärke zu heben. Gleichzeitig war jeder mit seiner Aufgabe beschäftigt, die er zu erfüllen hatte, und man konnte kaum erkennen, wer Haupt- und wer Nebendarsteller war, weil alle nur herumwuselten.

Was Spolin selbst kleinen Kindern beim Theaterspielen als erstes lehrt: Theater ist Kommunikation. (Sie vergleicht es mit einer Mutter, die einem Kind eine Geschichte vorliest.) Es mag ja nett sein, wenn die Geschichte schön ist, aber was hilft das, wenn sie verwurschtelt wird, wenn die Feinheiten verloren wird oder sie einfach nicht verstanden wird?

Der Wunsch, sich schön mitzuteilen und verstanden zu werden, ist ein Kernpunkt der Darstellung. (Das ist nicht zu verwechseln mit Opportunismus gegenüber einer angenommene Dummheit des Publikums.) Aber ich brauche als Schauspieler zumindest ein Gefühl dafür, wie ich wahrgenommen werde, wie ich zu sehen und zu hören bin.

 

6.9.07

Beethoven, der alte Rocker

Eher studienhalber als des Genusses wegen höre ich in die Klaviersonate op. 111 von Beethoven hinein. Urplötzlich im zweiten Satz (nach ca. 9 Minuten ein Rhythmuswechsel, und man glaubt, der Pianist wolle einen veralbern: Eindeutig Boogie-Woogie! Hat der gute alte Ludwig da in die Popmusik des 20. Jahrhunderts geschnuppert? Oder haben die Boogie-Pianisten den Stil bei Beethovens letzter Sonate abgekupfert?
Eine kurze Recherche ergibt, dass ich natürlich nicht der Erste bin, der das herausgehört hat. Strawinksy hat auch schon drauf hingewiesen. Ich und der Strawinsky - wir hätten uns sicherlich gut verstanden.

 

7.9.07

Auftritt des Dritten

Weshalb tritt man als dritte Figur auf? Der große Vorzug, en man als Dritter, Außenstehender hat: Man sieht die Szene von außen, sieht also noch deutlicher, worum es geht und vor allem: Was fehlt!
Man kann den Ort, die Figuren oder die Umstände noch klarer zeichnen, und zwar auch als Passagier: Angenommen, wir sehen zwei Geschäftsleute, die einen Deal aushandeln, Ort und Charakter sind jedoch noch nicht ganz klar. Der dritte könnte als verhuschter, ängstlicher Sekretär auftreten: "Entschuldigung, Herr Dr. Nietzsche, die Akten vom Ministerium zur Unterzeichnung." und schnell wieder verschwinden.
(weitere Diskussion dazu hier: http://forums.yesand.com/showthread.php?t=7635 )

 

8.9.07

Grund-Atem

Gehe nach Möglichkeit mit ruhigem Atem in die Szene. Die "Los-Geht's"-Mentatlität verleitet viele Spieler, schon gehetzt auf die Bühne zu springen. Atme legato statt stacatto. Wenn ich gehetzt auf die Bühne gehe (weil es die Figur verlangt), brauche ich einen inneren Ausgleich, denn der Atem hat die Tendenz, einen in seinen Strom fortzureißen. Das kann man sich im positiven Sinne also zunutze machen. Und umgekehrt braucht man, wie gesagt den Ausgleich.
Der Atem führt nicht nur die innere Haltung und dadurch auch die Figur, sondern auch die Gedanken. Spieler, die ruhig atmen, scheinen sich völlig sicher zu sein, was sie sagen sollen. Spieler, die hektisch atmen, scheinen auch gedanklich auf dem Schlauch zu stehen. Ein ruhiger Atem lässt die Gedanken fließen.

 

9.9.07

Schwere

Auch Schwere, Trägheit und Schwerfälligkeit müssen, wenn sie überhaupt auf die Bühne gebracht werden sollen, vom Spieler durch innere Leichtigkeit ausgeglichen werden. Sonst droht die Szene selbst schwerfällig zu werden.

 

10.9.07

Aber

Anfängern einfach mal das Wort "aber" verbieten. So wie es sich manchmal lohnt, manchmal für eine Weile mal die Fragerei zu verbieten.

 

11.9.07

Angebote

Arbeitshypothese fürs Training: Es gibt keine schlechten Angebote, solange es Angebote sind.
(Natürlich kann man hinterher darüber reden, wie obszön, politisch unkorrekt, klischeehaft usw. eine Szene sein soll. Aber für den Zweck des Informationsgewinnes ist im Grunde jedes Angebot brauchbar.)

 

12.9.07

Lehren

Je länger ich unterrichte, umso größeren Respekt habe ich vor der Kunst des Lehrens.
Z.B. ist es jedes Mal aufs Neue auszubalancieren, wie man einerseits auf die verschiedenen Talente und Schwächen eingeht und trotzdem einen Gesamtbogen spannt.

 

13.9.07

Egoismus

Die Spieler X und Y liebten Szenen, wenn sie im Mittelpunkt standen bzw. wenn die Szenen so liefen, wie sie sie vorausgesehen hatten. Lief etwas schief, z.B. wurden sie umdefiniert, gerieten sie in Schwierigkeiten und hielten die gesamten Szenen für verdorben.

 

14.9.07

Einfachheit

Um "interessant" (Johnstone würde sagen: "originell") zu sein, geraten vor allem fortgeschrittene Spieler oft in eine Art Starre. Sie wollen etwas besonders Schlaues sagen, verkrampfen dabei und ringen nach Atem. Loslassen, atmen, aufnehmen, abgeben.

 

15.9.07

Labern vermeiden - noch eine Strategie

Um Ruhe ins Spiel eines zum Labern neigenden Spielers zu bekommen: Einen positiven, absolut ruhigen Hochstatus spielen lassen.

 

16.9.07

Ahne und gute Geschichten

Ahnes Text Wie ich mal dachte, dass es nötig sei zu erklären, wie man eine perfekte Geschichte schreibt wäre ein schönes Vorwort für alle Kreativitäts-Ratgeber- und Impro-Bücher.
Leider hat er es selber schon in seinem Buch Wie ich einmal die Welt rettete als Vorwort verbraten.

 

17.9.07

Ahne und gute Geschichten II

Es ist ja schön und gut die Techniken des Storytelling zu studieren. Aber man sei auch bereit, sie jederzeit über den Haufen zu werfen. Wesentlich in der Improvisation ist der Fluss, die Struktur ist zweitrangig.
Eine der schönsten Nicht-Geschichten von Ahne heißt Am meisten leid tun mir die Krallenbären im Tierpark Friedrichsfelde, die immer nur so blöde rumrutschen, weil der gesamte Fußboden gekachelt ist.
Ein Beispiel für das, was Ahne mal eine Surf-Geschichte genannt hat: Man surft wie auf einer Welle von einem Gedanken zum nächsten, ohne sich um die Verknüpfung Gedanken zu machen. Es genügt, wenn eine bestimmte Haltung sich durch die Geschichte zieht, wenn vielleicht der erste Gedanke am Schluss noch einmal modifiziert auftaucht.
Ursprünglich wollte Ahne sein Buch nach dieser Geschichte benennen. Ich wünsche seinem Lektor und den Angestellten der Marketing-Abteilung von KiWi ein paar schlaflose Nächte dafür, dass sie diesen Wunsch abgeblockt haben.

 

18.9.07

Paradox unterrichten

Man arbeite in entspannter Atmosphäre. Erfolgsdruck ist hinderlich. Es ist immer wieder hilfreich, genau mit dem Gegenteil des zu Erreichenden zu beginnen und dabei Spaß zu haben. So sind ja die Spiele "Nur Fragen" oder "Nur Blockieren" entstanden. Alles, was man dafür braucht, ist Spielfreude.
Indem z.B. im "Nur-Blockieren"-Spiel das Angebot Schritt für Schritt genüsslich zerstört wird, wird im Grunde dasselbe wie bei Akzeptier-Spielen geübt: Eingehen auf die Angebote. Und so ist es nicht verwunderlich, dass gerade Spieler, die häufig blockieren, auch wieder Schwierigkeiten mit dem "Nur-Blockieren-Spiel" haben.
Wenn sich aber die Spieler in einem Geisteszustand des Engagements und des kreativen Miteinanders befinden, kann man durch solche Anti-Spiele gut die Atmosphäre auflockern.

 

19.9.07

Fetisch Heldenreise

In der Strukturierung von Langformen wird immer häufiger auf das Modell der Heldenreise gebaut. Manche Ensembles bläuen sich diese Struktur regelrecht ein, und spielen dann im besten Fall strukturgerecht aber beschränken sich unnötigerweise. Das Schlimme aber: Man merkt es ihnen an, wie sie sich an einer Struktur abarbeiten.
Dabei ist es durchaus sinnvoll, sich mal mit diesem Modell auseinanderzusetzen, mal zu ventilieren, auf welche bekannten Geschichten es zutrifft. Aber genauso wichtig ist es, offenzubleiben für andere Strukturen.
Bekannte Beispiele für Storys, in denen das Prinzip nicht funktioniert:

  • Buddenbrooks/Hundert Jahre Einsamkeit: Es gibt keinen Helden im eigentlichen Sinne. Die Familie selbst ist der Held.
    (Beides wäre zugegebenermaßen auch kaum improvisierbar, da die Kunst hier eher in der dichten Komposition als im Fluss liegt.)

  • Heidi: Die Heldin ist im Grunde ein Engels- oder Feengestalt, die all jene läutert, die mit ihr zu tun haben. Einzige Parallele zur Heldenreise ist die Reise in die Höhle, aber da Heidi an sich schon "rein" ist, kann sie in Frankfurt nicht wachsen. (Ähnlich Schneewittchen usw.)

  • Pulp Fiction: Dieser Film ist ein Paradebeispiel modernen Erzählens um die Jahrhundertwende. Aber auch hier gibt es keinen Helden im engeren Sinne. Vielleicht drei Protagonisten. Aber dass Butch durch die Hölle geht, wird ihn nicht ändern, auch folgt er keinem Ruf. Dass Jules sich zum Guten ändern will, ist eher die Folge eines banalen Zufalls als eines wirklichen Aufbruchs. Vince' Eskapaden ändern ihn nicht. Er stirbt, und zwar dort, wo er sich im Verlauf der Story schon dreimal aufgehalten hat - auf dem Klo.

Die Fetischisierung der Heldenreise scheint mir ein Indiz für die Verunsicherung der Improvisierer bei Langformen zu sein. Es ist, als würde man die Sonatenform studieren, um dann nur noch Sonaten zu spielen.

 

20.9.07

Aus einem Interview mit Keith Jarrett in DIE ZEIT 39/2007

"Wenn schon vorher bekannt ist, welche Musik auf dem Programm steht, dann befinden Sie sich am Ende des Konzertes genau dort, wo Sie angefangen haben. In der Improvisation geht es aber um Kräfte. Kräfte, die in komponierter Musik nicht vorhanden sind. Bei der weiß man, was einen erwartet. Man geht in ein Konzert, weil man Stockhausen oder Schönberg hören will."

"Wir nehmen sie Improvisation als Fluss wahr, aber eigentlich besteht sie aus rasend schnellen Impulsen, fast digital. Mir ist aufgefallen, dass ich beim Spielen in letzter Zeit öfter unwillkürlich blinzle, statt meine Hände zu beobachten. Dieses Blinzeln ist ein Weg, die Realität in Scheiben zu schneiden. Das macht den Fluss weniger sichtbar, den ich sehe nichts genau. Wenn ich meine linke Hand beobachte, stelle ich fest, dass sie Dinge macht, die ich nie komponieren würde oder nie bewusst spielen würde.

"Der große Luxus am Improvisieren ist - und jeder Improvisator weiß das -, dass du das, was du spielst, nicht gut finden musst. Wenn ein junger Pianist zu mir kommt, ,mir etwas vorspielt und nicht recht zufrieden damit ist, dann erkläre ich ihm, dass er das Gespielte nicht genügend hasst. Man muss davon besessen sein, etwas zu spielen, was man bisher nicht gehört hat, was man nicht erwartet hat."

Dieser Satz sollte eingerahmt in der Garderobe von Improvisierern hängen. Nicht das scheinbar "Gute" wiederholen, sondern sich selber überraschen - darin liegt der Charme der Improvisation!

 

21.9.07

Tempo

In einer Studie über Zeitwahrnehmung fand man heraus, dass die Schweizer in Bezug auf die meisten Punkte die schnellsten Bürger sind. Das steht nun in krassem Gegensatz zum Image, das man von diesem Volk hat.
Lässt sich dieser Widerspruch vielleicht so auflösen: Erst durch ihre innere Ruhe und Gelassenheit sind die Schweizer zu effektivem Handeln in der Lage. Wer hingegen hektisch ist, handelt ineffektiv und spricht ineffektiv (labert).

 

22.9.07

Seltsame Klischees in der Impro

Immer wieder zu beobachten: Zwei Spieler beginnen eine Szene und sprechen mit französischem Akzent, um zu markieren, dass das Ganze in Frankreich spielt. (Mick Napier nennt diesen Ausgangspunkt sogar konstruktiv.) Aber warum sollten sich zwei Franzosen auf Deutsch (bzw. Englisch) mit französischem Akzent unterhalten? Das würden sie ja nur tun, um von jemand Drittem verstanden zu werden. Hier also: Muttersprache benutzen und deutlich machen, wer und wo man ist. Für Behaupte-Spielchen gibt es noch das Kauderwelsch.

 

23.9.07

Proben vs. Aufführungen

Bei vielen Ensembles kristallisiert sich eine strikte Trennung zwischen Proben- und Aufführungspraxis heraus. Man probt auf eine bestimmte Weise, die Spieler entwickeln ihre Verhaltensmuster auf Proben und bei Vorstellungen sind sie völlig verschieden davon. Oftmals geht das soweit, dass Spieler nicht in der Lage sind, Gelerntes produktiv einzusetzen. Man sollte sich als Spieler dann nicht überlasten. Es ist gut, sich vorzunehmen, auf ein konkretes Element zu achten und damit zu spielen.

 

26.9.07

Blackouts

Fast jeder war schon mal in der Blackout-Situation. ("Oh Gott, ich hab ja gar keinen Text!" "Oh Gott, dazu fällt mir ja gar nichts ein!" usw.) Die ganze Wucht der Improvisation, die Wucht des Nichts steht einem so klar vor Augen. (Und das macht ja auch die Faszination der Impro aus.) Was also tun in solchen Momenten? Sich Zeit nehmen und sich irgendeine Technik, irgendeines Spiels kurz bewusst werden.
Beispiel: Als Vorschlag kommt aus dem Publikum "Sicherheitszentrale eines Atomkraftwerks". Ich kann jetzt in Panik geraten, weil ich natürlich keine Ahnung habe, wie es in so einer Zentrale aussieht. Stattdessen spiele ich mit Impro-Technik: Ich fokussiere auf die darzustellende Figur, gebe ihr ein bisschen Emotion (möglichst eine Emotion, die meiner eigenen Panik als Spieler entgegensteuert) und eine Routine-Handlung, z.B. Kaffeetrinken. Wenn ich mich hingegen von meiner Panik auffressen lasse, dann stelle ich alles in Frage, bis hin zu dem Punkt, dass ich nicht weiß, ob man in Sicherheitszentralen von AKWs überhaupt Kaffee trinken darf. Typischer Szenenbeginn aus der Panikhaltung: "Oh mein Gott, das AKW explodiert! Aaaaah!" Eine in Ruhe gespielte Szene öffnet hingegen viel mehr Möglichkeiten: Eine Affäre des Sicherheits-Chefs mit der Sekretärin, ein Familiendrama, ein Politkrimi usw.

 

27.9.07

Premieren-Nachtrag

Premiere von Foxy Freestyle. Gut besuchter RAW-Tempel. Wie so oft bei Premieren neuer Gruppen hauptsächlich Freunde, Kollegen, Bekannte.
Foxy-flockige Performance, so wie wir es uns erhofft hatten, auch wenn es noch einige Kinderkrankheiten zu überwinden gibt: technische Pannen, Kommunikationsschwierigkeiten mit DJ und Technikerin, an der Bar eine Vertretung, die zu spät kommt und es versäumt, die Toiletten mit Papier zu bestücken. Und unser schöner Video-Trailer schmiert ab wegen der ungenügenden Leistung eines Laptops aus dem vorigen Jahrhundert.
Reaktionen des Publikums durchweg positiv, was einerseits für die Zukunft ermuntert, aber in Bezug auf die Qualität nicht zu ernst genommen werden darf. Publikum, das aus Freunden und Verwandten besteht, jubelt immer.

 

28.9.07

Vergleich Performance/Text

Interessanter Vergleich des Verhältnisses Performance/Text bei Poetry Slams. Verglichen werden ein Text von Volker Strübing und einer von Andreas Maier (beides seltsamerweise keine Lyrik, nur Prosa).
Das systematische Scheitern von Andreas Maier wird gnadenlos ausgeleuchtet. (Man kann nur hoffen, dass nicht seine Freunde über diese Arbeit stoßen.)
Aber einiges bleibt auch unerwähnt: So hat Maier z.B. wesentlich schlechtere Ausgangsbedingungen. Er wird angekündigt, als ob man sich nicht unbedingt auf ihn freuen müsse. Und folgerichtig redet das Publikum auch einfach weiter. Auf diese Unruhe wirkt Maier in keiner Weise ein, sondern labert einfach drauflos. Offenbar irritiert ihn das Desinteresse dermaßen, dass sein ganzer Vortrag fahrig wirkt. Der springende Punkt ist dabei gar nicht, dass er sein Licht unter den Scheffel stellt (das tut Volker Strübing auch), sondern dass ihm der Text anscheinend gar nichts wert ist. Er trägt ihn im Plauderton des Smalltalks vor. Und man fragt sich, warum man sich das anhören soll, wenn es nicht einmal den Erzähler interessiert. Möglicherweise wird er sich auch während des Lesens bewusst, dass der Text tatsächlich einfältig ist.
Bei Volker Strübing hingegen hat man dagegen von Anfang an den Eindruck, dass er trotz des etwas gestammelten Beginns etwas zu sagen hat. Zwei Pointen noch vor dem Text, von denen eine zumindest recht spontan wirkt, ziehen das Publikum auf seine Seite, ohne dass er sich während des Textes wie Maier anzubiedern braucht ("Kennt ihr auch, oder?").
Man erkennt hier bei Maier auch ein Kennzeichen von schlechten Lesebühnentexten: Die Autoren glauben, es genüge, Dinge oder Sachverhalte aus der Vergangenheit oder dem Alltag aufzulisten, in denen sich das Publikum wiedererkennt. Wenn die zweite Ebene fehlt, taugen solche Texte nicht viel.

 

29.9.07

Interview-Souveränität oder Wie man doch noch von Nena lernen kann

Wenn der Interviewer nicht aufhört, dumme Fragen zu stellen, einfach mal das Gespräch abbrechen. Auf charmante Art tut das Nena in einem Interview mit der taz. Der Interviewer Thomas Winkler ist derart verschlossen und uninteressiert, dass er sich an verbalen Winkelzügen festhält, statt wirklich etwas über Nena erfahren zu wollen.
Das sollte man auch tun, wenn einem von Journalisten das nächste Mal Fragen gestellt werden, wie "Als was bezeichnest du dich?" oder "Kann man davon leben?"

 

30.9.07

Status-Senken für Sympathie

Bei Vorlesern, Komikern, aber auch Impro-Spielern immer wieder zu beobachten: Der Akteur tritt aus der Primär-Performance heraus und kommentiert das, was er tut (s. z.B. die bereits oben erwähnte verunglückte Lesung von Andreas Maier). Man stellt sich quasi neben den Text oder die Performance und distanziert sich von ihr.
Beim Solovortrag geht das nur dann gut, wenn man beim Publikum ohnehin einen Stein im Brett hat. Im häufigeren unglücklichen Fall versucht der Vortragende, eine verunglückte Pointe durch Anbiedern ans Publikum zu retten oder sozusagen über den Mitleidsbonus sich ein Stück Rest-Sympathie zu sichern.
In der Improvisation kann das Heraustreten zur Folge haben, dass man sich über das Gespielte der Mitspieler stellt und sie auf diese Weise blockiert. In diesem Fall sollte das Heraustreten selbst als Teil der Performance markiert sein, d.h. so wenig privat wie möglich, es sei denn es ist selbst wieder Teil des Spiels. (Das klingt hier wahrscheinlich alles ziemlich abstrakt.

English version (excerpts)

2007

Apr

May

Jun

Jan

Feb

Mar

     
    2006
    Dec
     
     
     
     
     
     
     
     

 

 

 

zurück zur Seite "Impro"

Dan Richter