Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter
September 2007
Ab 26. September 2007: Jeden Mittwoch im RAW-Tempel um 21 Uhr die neue Impro-Show
Foxy Freestyle - Bereit für Impro
|
1.9.07 Prozess statt Produkt Im Workshop: Schauspielerin A. stürzt hektisch
auf die Bühne, quietscht und fuchtelt mit ihren Händen herum (nur aus dem
Kontext kann man entnehmen, dass sie gerade mit einem Auto herangefahren
sein will). Ich unterbreche, und bitte sie, mehr Wert auf die Darstellung
zu legen. Es folgt eine Diskussion darüber, ob solch eine Konzentration
auf die Details der Sache nicht die Freude nimmt. Man wolle sich doch
ausspielen.
2.9.07 Gutes Miteinander Vor zwei Tagen wieder mal bei einer Show der Gorillas im Ratibor-Theater. Erstaunlich gutes Miteinander von vier Schauspielern (Robert Munzinger, Thomas Chemnitz, Ramona Krönke, Michael Wolf) in acht Rollen in einer doch recht komplexen Geschichte, die an einem Stück erzählt wird. Schön, wie die Spannung durch die einzelnen Spielern gehalten wird, da macht es nichts, wenn zwei, drei Mal einer der Spieler selbst vom Lachen ergriffen wird, wenn es gar zu köstlich wird.
3.9.07 Männer fehlen/Frauen fehlen In Improgruppen oder Workshops mit starkem Frauenüberhang vermissen die Frauen die Männer. Umgekehrt kommen Männer ganz gut alleine klar (oder artikulieren es nicht, wenn sie Frauen vermissen.)
4.9.07 Positiv sein In einem
Interview mit den
Beatles in den USA fragt ein Reporter umständlich und in einem
Tonfall, der Sensation und Skandal signalisiert, was die Beatles auf die
Vorwürfe sagen, "Day Tripper" handle von einer Prostituierten und "Norwegian
Wood" von einer Lesbe. Paul: "Na, wir wollten einfach mal Songs über
Prostituierte und Lesben schreiben."
5.9.07 Theater ist Kommunikation Bei einer größeren Veranstaltung sah ich gerade
ein kurzes Stück von ca. zehn Jugendlichen im Alter von ca. 18 Jahren vor
einem sehr großen Publikum bei relativ ungünstiger Akustik. Was Spolin selbst kleinen Kindern beim Theaterspielen als erstes lehrt: Theater ist Kommunikation. (Sie vergleicht es mit einer Mutter, die einem Kind eine Geschichte vorliest.) Es mag ja nett sein, wenn die Geschichte schön ist, aber was hilft das, wenn sie verwurschtelt wird, wenn die Feinheiten verloren wird oder sie einfach nicht verstanden wird? Der Wunsch, sich schön mitzuteilen und verstanden zu werden, ist ein Kernpunkt der Darstellung. (Das ist nicht zu verwechseln mit Opportunismus gegenüber einer angenommene Dummheit des Publikums.) Aber ich brauche als Schauspieler zumindest ein Gefühl dafür, wie ich wahrgenommen werde, wie ich zu sehen und zu hören bin.
6.9.07 Beethoven, der alte Rocker Eher studienhalber als des Genusses wegen höre
ich in die Klaviersonate op. 111 von Beethoven hinein. Urplötzlich im
zweiten Satz (nach ca. 9 Minuten ein Rhythmuswechsel, und man glaubt, der
Pianist wolle einen veralbern: Eindeutig Boogie-Woogie! Hat der gute alte
Ludwig da in die Popmusik des 20. Jahrhunderts geschnuppert? Oder haben
die Boogie-Pianisten den Stil bei Beethovens letzter Sonate abgekupfert?
7.9.07 Auftritt des Dritten Weshalb tritt man als dritte Figur auf? Der große
Vorzug, en man als Dritter, Außenstehender hat: Man sieht die Szene von
außen, sieht also noch deutlicher, worum es geht und vor allem: Was fehlt!
8.9.07 Grund-Atem Gehe nach Möglichkeit mit ruhigem Atem in die
Szene. Die "Los-Geht's"-Mentatlität verleitet viele Spieler, schon gehetzt
auf die Bühne zu springen. Atme legato statt stacatto. Wenn ich gehetzt
auf die Bühne gehe (weil es die Figur verlangt), brauche ich einen inneren
Ausgleich, denn der Atem hat die Tendenz, einen in seinen Strom
fortzureißen. Das kann man sich im positiven Sinne also zunutze machen.
Und umgekehrt braucht man, wie gesagt den Ausgleich.
9.9.07 Schwere Auch Schwere, Trägheit und Schwerfälligkeit müssen, wenn sie überhaupt auf die Bühne gebracht werden sollen, vom Spieler durch innere Leichtigkeit ausgeglichen werden. Sonst droht die Szene selbst schwerfällig zu werden.
10.9.07 Aber Anfängern einfach mal das Wort "aber" verbieten. So wie es sich manchmal lohnt, manchmal für eine Weile mal die Fragerei zu verbieten.
11.9.07 Angebote Arbeitshypothese fürs Training: Es gibt keine
schlechten Angebote, solange es Angebote sind.
12.9.07 Lehren Je länger ich unterrichte, umso größeren Respekt
habe ich vor der Kunst des Lehrens.
13.9.07 Egoismus Die Spieler X und Y liebten Szenen, wenn sie im Mittelpunkt standen bzw. wenn die Szenen so liefen, wie sie sie vorausgesehen hatten. Lief etwas schief, z.B. wurden sie umdefiniert, gerieten sie in Schwierigkeiten und hielten die gesamten Szenen für verdorben.
14.9.07 Einfachheit Um "interessant" (Johnstone würde sagen: "originell") zu sein, geraten vor allem fortgeschrittene Spieler oft in eine Art Starre. Sie wollen etwas besonders Schlaues sagen, verkrampfen dabei und ringen nach Atem. Loslassen, atmen, aufnehmen, abgeben.
15.9.07 Labern vermeiden - noch eine Strategie Um Ruhe ins Spiel eines zum Labern neigenden Spielers zu bekommen: Einen positiven, absolut ruhigen Hochstatus spielen lassen.
16.9.07 Ahne und gute Geschichten Ahnes Text Wie ich mal dachte, dass es nötig
sei zu erklären, wie man eine perfekte Geschichte schreibt wäre ein
schönes Vorwort für alle Kreativitäts-Ratgeber- und Impro-Bücher.
17.9.07 Ahne und gute Geschichten II Es ist ja schön und gut die Techniken des
Storytelling zu studieren. Aber man sei auch bereit, sie jederzeit über
den Haufen zu werfen. Wesentlich in der Improvisation ist der Fluss, die
Struktur ist zweitrangig.
18.9.07 Paradox unterrichten Man arbeite in entspannter Atmosphäre.
Erfolgsdruck ist hinderlich. Es ist immer wieder hilfreich, genau mit dem
Gegenteil des zu Erreichenden zu beginnen und dabei Spaß zu haben. So sind
ja die Spiele "Nur Fragen" oder "Nur Blockieren" entstanden. Alles, was
man dafür braucht, ist Spielfreude.
19.9.07 Fetisch Heldenreise In der Strukturierung von Langformen wird immer
häufiger auf das Modell der Heldenreise gebaut. Manche Ensembles bläuen
sich diese Struktur regelrecht ein, und spielen dann im besten Fall
strukturgerecht aber beschränken sich unnötigerweise. Das Schlimme aber:
Man merkt es ihnen an, wie sie sich an einer Struktur abarbeiten.
Die Fetischisierung der Heldenreise scheint mir ein Indiz für die Verunsicherung der Improvisierer bei Langformen zu sein. Es ist, als würde man die Sonatenform studieren, um dann nur noch Sonaten zu spielen.
20.9.07 Aus einem Interview mit Keith Jarrett in DIE ZEIT 39/2007 "Wenn schon vorher bekannt ist, welche Musik auf dem Programm steht, dann befinden Sie sich am Ende des Konzertes genau dort, wo Sie angefangen haben. In der Improvisation geht es aber um Kräfte. Kräfte, die in komponierter Musik nicht vorhanden sind. Bei der weiß man, was einen erwartet. Man geht in ein Konzert, weil man Stockhausen oder Schönberg hören will." "Wir nehmen sie Improvisation als Fluss wahr, aber eigentlich besteht sie aus rasend schnellen Impulsen, fast digital. Mir ist aufgefallen, dass ich beim Spielen in letzter Zeit öfter unwillkürlich blinzle, statt meine Hände zu beobachten. Dieses Blinzeln ist ein Weg, die Realität in Scheiben zu schneiden. Das macht den Fluss weniger sichtbar, den ich sehe nichts genau. Wenn ich meine linke Hand beobachte, stelle ich fest, dass sie Dinge macht, die ich nie komponieren würde oder nie bewusst spielen würde. "Der große Luxus am Improvisieren ist - und jeder Improvisator weiß das -, dass du das, was du spielst, nicht gut finden musst. Wenn ein junger Pianist zu mir kommt, ,mir etwas vorspielt und nicht recht zufrieden damit ist, dann erkläre ich ihm, dass er das Gespielte nicht genügend hasst. Man muss davon besessen sein, etwas zu spielen, was man bisher nicht gehört hat, was man nicht erwartet hat." Dieser Satz sollte eingerahmt in der Garderobe von Improvisierern hängen. Nicht das scheinbar "Gute" wiederholen, sondern sich selber überraschen - darin liegt der Charme der Improvisation!
21.9.07 Tempo In einer
Studie über Zeitwahrnehmung fand man heraus, dass die Schweizer in
Bezug auf die meisten Punkte die schnellsten Bürger sind. Das steht nun in
krassem Gegensatz zum Image, das man von diesem Volk hat.
22.9.07 Seltsame Klischees in der Impro Immer wieder zu beobachten: Zwei Spieler beginnen eine Szene und sprechen mit französischem Akzent, um zu markieren, dass das Ganze in Frankreich spielt. (Mick Napier nennt diesen Ausgangspunkt sogar konstruktiv.) Aber warum sollten sich zwei Franzosen auf Deutsch (bzw. Englisch) mit französischem Akzent unterhalten? Das würden sie ja nur tun, um von jemand Drittem verstanden zu werden. Hier also: Muttersprache benutzen und deutlich machen, wer und wo man ist. Für Behaupte-Spielchen gibt es noch das Kauderwelsch.
23.9.07 Proben vs. Aufführungen Bei vielen Ensembles kristallisiert sich eine strikte Trennung zwischen Proben- und Aufführungspraxis heraus. Man probt auf eine bestimmte Weise, die Spieler entwickeln ihre Verhaltensmuster auf Proben und bei Vorstellungen sind sie völlig verschieden davon. Oftmals geht das soweit, dass Spieler nicht in der Lage sind, Gelerntes produktiv einzusetzen. Man sollte sich als Spieler dann nicht überlasten. Es ist gut, sich vorzunehmen, auf ein konkretes Element zu achten und damit zu spielen.
26.9.07 Blackouts Fast jeder war schon mal in der
Blackout-Situation. ("Oh Gott, ich hab ja gar keinen Text!" "Oh Gott, dazu
fällt mir ja gar nichts ein!" usw.) Die ganze Wucht der Improvisation, die
Wucht des Nichts steht einem so klar vor Augen. (Und das macht ja auch die
Faszination der Impro aus.) Was also tun in solchen Momenten? Sich Zeit
nehmen und sich irgendeine Technik, irgendeines Spiels kurz bewusst
werden.
27.9.07 Premieren-Nachtrag Premiere von
Foxy Freestyle. Gut besuchter
RAW-Tempel. Wie so oft bei Premieren neuer Gruppen hauptsächlich Freunde,
Kollegen, Bekannte.
28.9.07 Vergleich Performance/Text
Interessanter Vergleich des Verhältnisses
Performance/Text bei Poetry Slams. Verglichen werden ein Text von
Volker
Strübing und einer von
Andreas Maier (beides seltsamerweise keine Lyrik,
nur Prosa).
29.9.07 Interview-Souveränität oder Wie man doch noch von Nena lernen kann Wenn der Interviewer nicht aufhört, dumme Fragen
zu stellen, einfach mal das Gespräch abbrechen. Auf charmante Art tut das
Nena in einem Interview mit der taz. Der Interviewer Thomas Winkler
ist derart verschlossen und uninteressiert, dass er sich an verbalen
Winkelzügen festhält, statt wirklich etwas über Nena erfahren zu wollen.
30.9.07 Status-Senken für Sympathie Bei Vorlesern, Komikern, aber auch Impro-Spielern
immer wieder zu beobachten: Der Akteur tritt aus der Primär-Performance
heraus und kommentiert das, was er tut (s. z.B. die bereits oben erwähnte
verunglückte Lesung von Andreas Maier). Man stellt sich quasi neben
den Text oder die Performance und distanziert sich von ihr. |
English version (excerpts) 2007
|
Dan Richter