Jochen Schmidt

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Nach unserer ersten Begegnung, der Feier seines 19. Geburtstages und seiner Verabschiedung aus dem Zivilleben im November 1989, sah ich Jochen erst wieder, als Ralf Petry und ich unserem Traum von einer Band zu neuem Leben verhelfen wollten.
Die alten Mitglieder von Bolschoi Rabatz hatten keine Lust mehr, sich auf Ralfs und meine Macken einzulassen, aber es gab ja auch erfolgreiche Zweimann-Bands, z.B. Simon & Garfunkel
[1] . Das Problem war nur, dass Ralf mittlerweile in einem besetzten Haus wohnte, [2]   in dem man den Unterschied zwischen Mein und Dein für irrelevant hielt. Deshalb brauchten wir einen neuen Gitarrenverstärker. Es gab nur einen in der Gegend, der sich nicht trauen würde, uns zu widersprechen, wenn wir ihn bäten, uns seinen Verstärker zu borgen. Als wir bei ihm klingelten, übte Jochen gerade einen Velvet Underground Song. [3]


Jochen Schmidt - git.;  Ralf Petry - dr.; Dan Richter - voc.

Und so beschlossen Ralf und ich, die Gitarre samt Gitarristen gleich mit auszuborgen. Für das Konzert in der Rigaer Straße probten wir wochenlang, nur um dann von dem Conferencier als Bosch’n’Robotz angekündigt zu werden, was wie der Name eines Bohrmaschinenroboters klingt.
Ich weiß noch, dass ein Mädchen damals immer schrie: „Anna Maria“ – das war einer der Songs, den wir von Orbita gecovert hatten.
Wir hatten noch ein paar schöne und weniger schöne Auftritte. Anfang 1992 hatte Ralf keine Lust mehr auf die Band und stieg aus. Meine Hoffnung, mit ihm noch mal Musik zu machen, starb mit Ralf am 6. Dezember 1992.
Danach sah ich Jochen eine Weile nur noch sporadisch. Von 1994-96 versuchten wir dann, gemeinsam Spanisch zu lernen. Wir waren beide sehr bockig gegenüber Frau Kessel. Aber es hat sich gelohnt, porque ahora hablamos español perfectamente.
Heute finde ich es verwunderlich, dass ich erst 1997 in einem Brief, den er mir nach Ghana schrieb, erfuhr, dass Jochen wie ein Besessener schreibt. Als ich wiederkam war der Roman fertig. Daneben produzierte er pausenlos. Innerhalb eines Jahres las ich hunderte Seiten Gedichte, Theaterstücke, ein Drehbuch, Übersetzungen, Dialoge, Erzählungen von ihm. Außerdem studierte er, hatte einen Job an der Uni, lernte Katalan, spielte Fußball, schaute sich Fußball im Fernsehen an, und absolvierte ein einschüchternd hohes Lesequantum. Und Jochen war ein ausgesprochener Langschläfer.
[4] Es soll ja Talente geben, die mit der linken Hand eine Geschichte schreiben und gleichzeitig mit der rechten ein Gemälde malen können. Jochen muss parallel seine Füße benutzen.
1998 waren wir das erste mal bei der Reformbühne Heim und Welt. Es dauerte ein Jahr, bis uns klar wurde: So was müssen wir auch machen. In der Nacht zum 1. August, einen Tag vor der Abreise von Jochen nach Bulgarien, [5] saßen wir auf meinem Balkon und ventilierten die Idee der Gründung einer Lesebühne namens „ Chaussee der Enthusiasten“ (zur Geschichte der Chaussee der Enthusiasten und anderer Lesebühnen hier klicken).

Praktisch zeitgleich mit den ersten Auftritten, aber unabhängig von diesen, gewann Jochen den „Open Mike“ der literaturwerkstatt . Und nur wenige Minuten, nach der Siegerehrung kreisten die Verlagsvertreter, die ihm Wochen zuvor noch seinen Roman zurückgeschickt hatten, um ihn wie die Fliegen. So hatte er endlich die Genugtuung, auswählen zu können, wer sein erstes Buch veröffentlichen sollte.
Dieses Buch sollte dann aber nicht der schon geschriebene und zu diesem Zeitpunkt in der vielleicht vierten Version vorliegende Roman werden, sondern ein Band mit Erzählungen.
Dieses Buch erschien im Sommer 2000, und trägt den rätselhaften Titel Triumphgemüse. Die Geschichten durchzieht eine Melancholie, wie man sie von Jochen kaum vermutet, wenn man ihn nur von der Bühne kennt. Und trotzdem sind sie unglaublich frisch geschrieben.

Im Jahr 2000 hätte ich gewettet, dass Triumphgemüse innerhalb weniger Wochen ein Bestseller wird. Gut, dass ich das nicht getan habe – das Buch hat sich zwar halbwegs verkauft, und ist auch als Taschenbuch erschienen, doch die hohe Qualität von Triumphgemüse steht im krassen Gegensatz zu seinem vergleichsweise schwächlichen kommerziellen Erfolg. Aus irgendeinem Grunde landete Jochen bei den Kritikern in der Ostalgie-Schublade, dabei spielt lediglich eine einzige Erzählung aus Triumphgemüse in der DDR („Der blaue Reifen“), und die hätte sich mehr oder weniger auch im Westen zutragen können.
Die ersten Lesebühnen betrachteten sich noch als eine Art laut vorgetragene Zeitung. Es ist eindeutig Jochen Schmidt, der den permanenten literarischen Anspruch in die Lesebühnen eingeführt hat. [6] Mit Jochen gemeinsam aufzutreten heißt, für jeden misslungenen Satz einen Gewissensbiss zu bekommen. Mir guckt ein virtueller Jochen bei jeder Lesung über die Schulter. Das Schlimme – davon werden meine Texte auch nicht besser.
Im Sommer 2001 erschien dann endlich der Roman unter dem Namen Müller haut uns raus [7] . Ich weiß mittlerweile nicht mehr, was ich davon halten soll.

 

Vielleicht habe ich das Buch in den verschiedenen Fassungen zu oft gelesen, ganze Kapitel kommen und gehen sehen. Am Ende hat mich die Geschichte des Helden nicht mehr interessiert. Vielleicht hat Jochen im Laufe der Jahre selbst die Leidenschaft für das Buch verloren. Möglicherweise passiert einem Autoren so etwas, wenn man zu oft immer den selben Text korrigiert. Am Ende eine sprachlich perfekte Story ohne Spannungsbogen. Dennoch besser als der meiste Schnickschnack den man in Buchläden von Schreiberlingen unserer Generation angeboten bekommt.
Ein schönes Buch von Jochen heißt Seine großen Erfolge, und ist die beste Sammlung von Lesebühnentexten, die je erschienen ist. Ich wiederhole: Das Buch „Seine großen Erfolge“ von Jochen Schmidt ist die beste Sammlung von Lesebühnentexten, die je gedruckt wurde.

Sein neustes Buch nennt sich Gebrauchsanweisung für die Bretagne. Jochen, der Fuchs, couvriert einen wunderbaren Reiseroman im Gewand eines Reiseführers. Besonders für Leser geeignet, denen die Bretagne bisher einigermaßen egal war.

 

 



Eingefleischten Fans sei sein öffentliches Tagebuch empfohlen. Auftritte und Leidenschaften, kann man hier erfahren.

Außerdem ist Jochen Schmidt der Designer der Homepage der Chaussee der Enthusiasten

 

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[1] Ich weiß – Simon Garfunkel gehören nicht unbedingt zu den Protagonisten des Punk Rock. Trotzdem sind sie ein gutes Beispiel für das, was ich meine.

[2] Kastanienallee 86. Genau dort hatte Jochen damals eine Wohnung besetzt. Als er wiederkam, wusste keiner, dass er quasi Pionier der Bewegung war.

[3] Das bestreitet er heute. Aber ich weiß es besser.

[4] Das ist er immer noch. Wer darauf erpicht ist, es sich mit ihm für einen Zeitraum, von, sagen wir 14 Monaten zu verscherzen, der rufe bei ihm vor 12 Uhr mittags an.

[5] Der 1. August ist kurioserweise der Geburtstag von Ralf Petry und auch der von Bohni .

[6] Da lasse ich mir nicht reinreden.

[7] Die erste Version hieß noch „Weibergeschichten“. Zwischendurch war auch mal der Titel „Müde Kicks“ im Gespräch.