Akzeptiere, dass das Akzeptieren nicht eingefordert werden kann

Akzeptiere das Paradox: Akzeptanz lässt sich nicht einfordern. Bleib bescheiden. Akzeptiere, dass deine Mitspielern der Bühne manchmal blockieren. Du weißt selber, dass das auch Profis immer wieder mal unterläuft. Mach das Beste draus und spiel!
Akzeotiere die Schwächen deiner Mitspieler, ohne Akzeptanz für deine Schwächen einzufordern (á la „So bin ich nun mal.“)

Einer blockiert

Je länger ich es lehre, umso mehr erkenne ich den Sinn des Spiels „Einer blockiert/einer akzeptiert“. Nicht nur lernen die Schüler, was Akzeptieren und Blockieren ist. Man lernt auch viel schneller, was ein Angebot überhaupt ist. Denn der Akzeptierer muss schließlich fette Angebote machen, damit sie überhaupt blockiert werden können.
Ich sage meinen Schülern: Vermeidet den Streit und diskutiert nicht über Werturteile („Die Blumen sind ja schön.“ „Nee, die sehen scheiße aus.“) Bleibt nicht bei einem Thema (nein/doch/nein), sondern der Akzeptierer muss immer wieder Neues anbieten. Der Blockierer kann sich prima an einzelnen Wörtern orientieren.
„Ich gehe jeden Tag hierher und gieße die Blumen.“
Mögliche Blocks:
– Du gehst doch nicht, du fährst.
– Du kommst doch immer nur nachts.
– Du gießt sie ja nicht, du düngst sie.
– Das sind ja keine Blumen, das ist doch Farn.
– Normalerweise kommst ja nicht du hierher, sondern deine Tante.

Hinzufügen

Aus „Unsolicited Advice About Auditions“ aus dem Improtagebuch von Ben Whitehouse. Zum Thema Hinzufügen:
One of my favorite teachers Christina Gausas always says „An improviser shows their personal style by ‚anding‘.“ This is extremely true for auditions situations. remember how you „and“ is your signature. Only you „and“ the way you do, because let’s face it „Yessing“ is just agreeing with your partner’s „and.“ Be sure to give really jusicy „ands.“
Genau. Das Hinzufügen wird ja oft unterschätzt. Dabei geht es genau darum.

Skepsis

Richard Dawkins: „Nach meiner Überzeugung ist vertrauensselige Gutgläubigkeit bei Kindern etwas Normales und Gesundes, aber bei Erwachsenen kann sie zu einer ungesunden, sträflichen Einfalt werden.“
Dawkins spricht hier über die Gutgläubigkeit Erwachsener angesichts von Scharlatanen, Astrologen, PSI-Medien usw., die sich dm Schauder des Moments überlassen und dies für Evidenz halten.
Widerspricht diese Beobachtung nicht dem, was wir bei vielen Impro-Anfängern erleben – den Hang zum Nein-Sagen, zur Skepsis, zum Zu-viel-Überlegen?
Ich denke, es ist eher eine Frage von Zeit und Ort – wo lasse ich mich auf Intuition und Jasagen ein? Wann halte ich inne, überlege, berechne?

Macbeth

Aus Macbeth 1. Aufzug, 2. Szene
Krieger (verwundet, berichtet vom Kampf): (…)
Kaum zwang das Recht, mit Tapferkeit bewehrt,
Die hurt’gen Kerne, Fersengeld zu zahlen,
Als der Norweger Fürst, den Vorteil spähend,
Mit blanken Waffen, frisch geworbner Schar
Aufs neue Kampf begann
Duncan: Entmutigte
Das unsre Feldherrn nicht, Macbeth und Banquo?
Krieger: Jawohl! wie Spatzen Adler, Hasen Löwen.
Gradaus gesagt, muss ich von ihnen melden,
Sie waren wie Kanonen, überladen
Mit doppeltem Gekrach; so stürzten sie,
Die Doppelstreiche doppelnd, auf den Feind;
Ob sie im heißen Blute baden wollten,
Ob auferbaun ein zweites Golgatha,
Ich weiß es nicht –
Doch ich bin matt, die Wunden schrein nach Hilfe.
Duncan. Wie deine Worte zieren dich die Wunden;
Und Ehre strömt aus beiden. Schafft ihm Ärzte.

Man stelle sich diese Stelle aus Macbeth als Improszene vor. Bemerkenswert ist hier das radikale Akzeptieren und Vorantreiben. Die Frage, ob Macbeth und Banquo entmutigt waren, beantwortet der Krieger poetisch, mit einem Bild, das sich direkt aus der Frage ergibt. Man beachte das „Jawohl!“, ohne das das Bild nicht möglich wäre. Und hübsch lyrisch auch die doppelte Dopplung ausgerechnet des Wortes „doppeln“.

Akzeptiere und engagiere dich

Ich hatte lange Zeit gedacht, im Grunde ließe sich in der Impro alles aufs Akzeptieren zurückführen. Aber es gibt einen zweiten entscheidenden Punkt, den ich vielleicht eine Weile übersehen habe, weil er in meiner eigenen Entwicklung als Improvisierer nie eine Rolle gespielt hat: Einsatzfreude (Engagement, Commitment).
Accept = YES
Commit = AND

Aus der vollen Leere schöpfen

Sich innerlich zu befreien, zu leeren, heißt nicht, dass wir leer und öde dastehen sollen. Das Ja-Sagen genügt nicht, wir brauchen auch Einsatzfreude. Das heißt, wir müssen unsere Fähigkeiten, unser Wissen einbringen, ohne andererseits unserer Eitelkeit zu gestatten, Wissen und Fähigkeiten zu blockierenden Elementen werden zu lassen.

„Empty your mind. Be formless, shapeless, like water. Now, you put water into a cup – it becomes the cup. Putting it into a tea-pot – it becomes the teapot. Look, water can flow, or creep, or drip or crash. Be water, my friend.“ – Bruce Lee… Weiterlesen

Einsatzfreude, Witz und Geist

Seltsam, wenn Akzeptieren, Figuren-Schaffen, formales Storytelling usw. funktionieren, aber man als Zuschauer sich dennoch langweilt. Ich glaube, wir sehen so etwas häufig bei „übertrainierten“ Gruppen und bei Impro-Spielern, deren Hauptfokus die Rolle ist. Die Show braucht aber ein zusätzliches Element: Kreatives Engagement. Es ist einerseits wichtig loszulassen, sich auf Impulse der anderen einzulassen, aber genauso wichtig ist es, bereit zu sein, sie kreativ zu verarbeiten. Billiges Gagging zu unterlassen heißt nicht, Humor sei verboten. Sich auf andere einzulassen, sich freizumachen, heißt nicht, doof zu spielen oder den Geist auszuschalten. Nutze deine Fähigkeiten, deinen Geist, deinen Witz.

Ideen – revisited

Ich präzisiere meine Position zum Thema „Ideen“. Vor drei Jahren sagte ich hier, es komme auf Ideen nicht an, sondern auf den Flow. Inzwischen denke ich, man sollte die eigenen Ideen zwar schätzen, sich aber nicht an sie klammern. Im Grunde ist jede Idee brauchbar, entscheidend ist, was wir daraus machen. Sei offen für den Fluss der Ideen. Schätze jede einzelne, aber sei bereit, sie fahren zu lassen. Wenn man sich öffnet, muss man auch nicht befürchten, dass der Ideenfluss versiegt.
Vor allem in der Partner-Improvisation müssen wir lernen, die Ideen des Anderen zu schätzen. Wem das schwerfällt, möge versuchen, sie erst mal überhaupt nicht zu bewerten, sondern nur zu nutzen, zu akzeptieren und mit ihnen zu spielen. Die Liebe wird sich dann mehr oder weniger automatisch einstellen.

Intelligent oder doof spielen

Ein schneller Lacher, wenn man doof spielt: Der Pilot, der nicht weiß, wie das Flugzeug zu starten ist, der Zahnarzt, der mit einer Bohrmaschine seinen Patienten malträtiert usw. Nichts gegen schnelle Lacher, aber wir bringen uns um eine echte Fallhöhe, wenn wir die Figuren gleich zu Beginn scheitern lassen.
Es sind nicht nur Zahnärzte und Piloten, es sind häufig auch alltägliche Handlungen, die inkompetent ausgeführt werden: Ein Ei braten. Nicht wissen, wo sich Gegenstände befinden, nicht wissen, wie jemand heißt usw. Die Vermutung liegt nahe, dass wir es wieder mit Angst zu tun haben. Ich vermeide als Spieler spezifisch zu sein und bleibe im Bereich des Sicheren.

Spiele nicht dümmer als du bist. Behaupte, bescheid zu wissen, auch wenn es um die technische Ausrüstung eines AKW oder um komplizierte Finanztransaktionen handelt.

Vorschläge

Noch mal zum Thema Vorschläge: Im Grunde ist jeder Vorschlag wertvoll, solange er uns inspiriert. Aber wie geht man mit den uninspirierenden Vorschlägen um? Zunächst: Sehr, sehr oft werden Vorschläge als „schlecht“ abgetan, nur weil sie ein heikles Thema berühren. Was aber geschieht, wenn wir die Themen ernstnehmen? Einer der besten Harlds, die ich je sah, haben die Gorillas zum Thema Gynäkologe gespielt, obwohl der Zuschauer, der diesen Vorschlag gab, den Schauspielern sicherlich ein Bein stellen wollte.
Tatsächlich gibt es Vorschläge, die man als öde wahrnimmt. Das kann verschiedene Gründe haben. Z.B. gibt es als Vorschlag für einen Ort extrem häufig „Schwimmbad“. (Wieviele gescriptete Theaterstücke gibt es eigentlich, die in einem Schwimmbad spielen?) Nun kann man das tatsächlich ablehnen, und wenn man es sympathisch macht, weren die Zuschauer schon nicht einschnappen. Aber wir können auch lernen, damit zu leben. Dann wird es nämlich keine Schwimm-Lehrszenen mehr geben, sondern wir werden das Schwimmbad als Hintergrund für echtes Drama (oder meinetwegen auch Comedy) nutzen.
Anscheinend hat es oft mit ersten Assoziationen zu tun, was das Publikum vorschlägt. Z.B werden bei freien Vorgaben („Ein Wort, bitte!) oft Lebensmittel genannt. Ich habe Harolds zu Leberwurst, McDonalds, Orangensaft, Karpfen u.v.m. gespielt. Wenn ich heute solch einen Vorschlag bekomme, lehne ich ihn ab, weil ich das Gefühl habe, das Thema Futter ddurchdekliniert zu haben. Wer weiß, in zwei Jahren ist das wieder anders.

Wörter aufgreifen

Satz-Elemente des Impro-Mitspielers aufgreifen und in ihrer Konsequenz weiterentwickeln. Wenn wir dies positiv betreiben, bringt es die Szene in einen ungekannten Schwung.
Shakespeare treibt dieses Spiel mit Vergnügen, und es ist ein großer Spaß, die Tragödie Macbeth nur auf dieses Spielchen hin zu lesen.
Ganz nebenbei schärft es als Übung das Zuhören, das Akzeptieren und das Vorantreiben.

Scheinbares Blockieren

A: „Ach, ist das heute warm!“
B (ausdruckslos oder irritiert): „Das ist doch nicht warm!“

A: „Ach, ist das heute warm!“
B (Schließt B bemutternd den oberen Knopf der Jacke): „Das ist doch nicht warm!“

Im ersten Beispiel klassisches Blockieren – die Plattform muss neu geschaffen werden oder wir sind mitten in einem Streit um die Ausgangssituation. Im zweiten Beispiel geht B mit A’s Angebot spielerisch und konstruktiv um, er schafft sofort eine Situation, die A’s Angebot eher verstärkt.
Es geht also nicht unbedingt darum, was gesagt wird, sondern auch wie es gesagt wird. Die Frage ist immer, ob die Geschichte und das Spiel vorangetrieben werden, ob wir neue Risiken eingehen oder ob wir verharren.

Karl Valentin – ein Blockierer?

Aus der Impro-Perspektive muss man Valentin wohl als Blockierer oder zumindest als ewigen Nein-Sager bezeichnen. Seine Partnerin muss das Kleinholz seiner Logik wieder zusammensetzen, und er zerstört es umso mutwilliger. Allerdings hält er permanent den improvisatorischen Ball in der Luft. Laut Auskunft von Karlstadt konnte Valentin sich den Text auch nie richtig merken und so ging man immer wieder zu Improvisiertem über, was zu großartigen, nicht erhaltenen Gags führte. Karlstadt beschwor sich selbst während des Aufführens, sich die Gags zu merken, konnte aber anschließend nie eine Zeile rekapitulieren. Traurig, wenn man bedenkt, wie leicht man heutzutage Ton und Film aufnehmen kann.

Weitere Gedanken zum Thema Akzeptieren

Aus einem Interviewspiel heraus, in dem es in er Logik der Spieldynamik lag, Fragen zu verneinen, diskutierten wir noch einmal die Frage Akzeptieren/Blockieren. Neue Arbeitshypothese: Wir akzeptieren, wenn wir den Grundgedanken des Angebots konstruktiv weiterführen, was in der Regel zwar mit einem „Ja und“ erreicht werden kann. Aber die Energie des Angebots kann auch mit einem Nein fortgeführt werden.
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Improv meets Autism – Ein Brief des Kollegen Deniz Döhler

Liebe Kollegen!
Mein Name ist Deniz Döhler, und ich liebe und lebe das Improvisationstheater seit nunmehr über 12 Jahren. Die letzten 8 Jahre sogar so sehr, dass es meiner Frau Christiane Döhler und mir möglich war davon als Familie hauptberuflich leben zu können. Wir haben durch das Improvisationstheater viele Geschenke im Leben erhalten, für die wir unendlich dankbar sind, sei es die Bekanntschaft und Freundschaft zu anderen Improspielern und -gruppen, Workshopleitern, unseren eigenen Kursteilnehmern oder die Möglichkeit Improtheater in Kindergärten, Schulen, Universitäten, soziokulturellen Einrichtungen und Firmen vorstellen oder einsetzen zu dürfen.
Nie hätten wir uns träumen lassen, dass die Fähigkeiten die uns das Improvisationstheater vermittelt hatte uns einmal bei der wichtigsten Aufgabe unseres Lebens einen unschätzbaren Dienst erweisen würden: Nämlich unseren Sohn Luka Maximilian aus seiner autistischen Welt in unsere zu holen. Vielleicht kennen einige von Euch schon unsere Geschichte mit unserem mittlerweile 3-jährigen Sohn Luka der mit 22 Monaten die Diagnose „dringender Verdacht auf frühkindlichen Autismus“ erhielt. Hier eine kurze Zusammenfassung:
Noch bis vor Kurzem nahm Luka nichts in den Mund, und man konnte ihn nicht im Gesicht berühren. Er lehnte es ab, mit einem Löffelchen gefüttert zu werden, und so gestaltete sich das Abstillen außerordentlich schwierig. Schließlich verweigerte er Beikost total, und mit knapp einem Jahr wog Luka weniger als 7 Kilogramm.
Er spielte nicht wie andere Kinder, sondern ließ in stereotyper Art und Weise Objekte wie z. B. eine Schüssel stundenlang kreiseln. In der Gegenwart von gleichaltrigen Kindern schien er verloren, bewegte sich entweder gar nicht vom Fleck, oder weinte, wenn es ihm zu laut wurde. Irgendwann fing er an, die Kinder in seiner Krabbelgruppe ins Gesicht zu kneifen, keine pädagogische Herangehensweise half, dieses Verhalten zu korrigieren. Wir begannen, den Kontakt mit gleichaltrigen Kindern zu vermeiden.
Luka mit 18 Monaten: er hatte keinen Zugang zu Sprache (er verstand nichts, geschweige denn konnte er reden), er zeigte nicht auf Gegenstände, um etwas zu bekommen, sein Blickkontakt war unvollständig, er hatte kein Gefühl für Gefahr. In dem Maße, wie Luka „sonderbarer“ wurde, wurde unser Familienleben anstrengender.
Als er 19 Monate alt war, und bei den Experten, die wir konsultierten, das erste Mal das Wort Autismus fiel, begannen wir zu recherchieren und hörten von einem, in Deutschland noch recht unbekannten, Autismus-Programm aus den USA, dem Son-Rise® Programm. Dieses wurde in den 70er-Jahren von Eltern für ihr damals autistisches Kind entwickelt. 3 Jahre lang arbeiteten sie intensiv mit ihrem Sohn, und im Laufe dieser Zeit verlor er seine autistischen Merkmale komplett. Dieses Kind, das im Rahmen seiner Diagnose mit einem IQ von unter 30 eingestuft wurde, dessen Eltern man anriet, „diesen hoffnungslosen Fall am besten in eine Institution einzuliefern“, besuchte im Erwachsenenalter eine Eliteuniversität und leitet heute das Autism Treatment Center of America.
Nähere Infos entnehmt bitte der Internetseite www.autism-treatment-center.org. Bei weiterem Interesse am Son-Rise®-Programm hätten wir auch eine BBC-Dokumentation auf DVD auf Wunsch zur Verfügung.
Dieses Programm ist sehr zeit- und kostenaufwendig, da es je nach den Möglichkeiten des Kindes und der Eltern sowie bei guter Verträglichkeit bis zu 60 Stunden die Woche durchgeführt werden kann. Das funktioniert nur, wenn man unterstützt wird. Wir als Eltern sind ohne die Hilfe und Mitarbeit von ehrenamtlichen Helfern ziemlich aufgeschmissen. Und so war es denn auch unser erstes Ziel, 5-8 gute Geister zu finden, die jeder 4-6 Stunden die Woche mithelfen würden. Als wir über das Programm lasen, übersetzten wir die Techniken in den Impro-Jargon. Für uns ein naheliegender Gedanke, aber entscheide selbst, ob es für Dich auch so ist:
Das Programm findet in einem Spielraum statt, der extra für das Kind eingerichtet wird. In diesem Raum soll alles erlaubt sein, und es soll dem Kind Spass und Lebensfreude bereiten, sich darin aufzuhalten. = Aha, das ist wohl ein „Au-Ja-Raum“
Hier spielt man dann mit dem Kind auf eine akzeptierende und wertungsfreie Art und Weise, d. h. wenn das Kind z. B. stundenlang Gegenstände dreht, akzeptiert man dies und macht sogar mit, flattert es mit Armen, flattert man auch, schaukelt es selber ununterbrochen hin und her tut man das auch. Dadurch, dass man als erstes die autistische Welt des Kindes betritt und dort das „Ja-Spiel“ mit ihm spielt, baut man eine Vertrauensbasis auf. = Hmm – Impulse annehmen, akzeptieren und „Au-Ja“ spielen. Wieder vertrautes Terrain.
Ist die Vertrauensbasis etabliert werden die Spiele interaktiver, und je nach Herausforderung des Kindes liegt der Fokus auf Kommunikation, Interaktion, Blickkontakt oder Körperkontakt. Im 2. Schritt wird das Kind dann über die Energie, den Enthusiasmus und die Begeisterungsfähigkeit des Erwachsenen der mit ihm spielt motiviert, sich immer länger in unserer Welt aufzuhalten, sich mehr und mehr aus seiner autistischen Welt hinauszuwagen. = Ha, Überakzeptieren, positiv bleiben und Handlung vorantreiben!
Die Spieleinheiten werden von den Eltern durch einen Observierungspiegel hindurch beobachtet, und der Erwachsene erhält am Ende seiner Sitzung mit dem Kind ein detailliertes Feedback. Was lief gut? Was kann man noch verbessern? Und natürlich wie kann man effektiver spielen / kommunizieren. Alle 14 Tage trifft man sich dann zum Training und zur Supervision mit allen Helfern und wertet die Ergebnisse gemeinsam aus, formuliert neue Ziele und sucht nach geeigneten Techniken und Spielen, um das Kind genau da abzuholen wo es gerade ist. = Das klingt fast wie Vor- und Aufbereitung einer Vorstellung…
Doch wo findet man nun blos Menschen, die all die Fähigkeiten besitzen, die es auszuhalten durch einen Spiegel hindurch beobachtet und angeklotzt zu werden, die spontan, kreativ und interaktiv spielen können, Impulse akzeptieren und bei Bedarf verstärken oder umwandeln können und darüber hinaus auch noch team- und feedbackfähig sind???
Na, und dann fiel bei uns endlich der Groschen: Natürlich im Improtheater!!! Und nach anfänglicher Schüchternheit begann ich, einer ersten Kursteilnehmerin aus einer unserer Improworkshops von den Parallelen des Programms und Impro zu erzählen und sie sagte sofort ja zu Spieleinheiten mit unserem Kind.
2 Monate später waren wir 10 Improspieler, wir erklärten uns das Programm immer in der Fachsprache des Improtheaters, suchten ständig nach passenden Improspielen oder -techniken, die uns beim Erreichen unserer Ziele unterstützen könnten. Lukas Entwicklung ging ab wie eine Rakete.
Nach über 12 Monaten Therapie nach der Son-Rise®-Methode mit vielen Improspielern als ehrenamtlichen HelferInnen und einer Einzelfallhelferin, die jedeR durchschnittlich 4-6 Stunden die Woche mit Luka im Rahmen des Programms bei uns zu Hause arbeiten,
hat Luka nun einen
– sehr guten Blickkontakt,
– er hat das Kauen gelernt,
– er isst und trinkt selbstständig alles, was wir auch zu uns nehmen,
– putzt sich die Zähne, und
– er beginnt, aufs Töpfchen zu gehen.
– Seine Körpergröße und sein Gewicht sind seit mehreren Monaten wieder altersgerecht.
– Aber das Schönste ist, dass unsere Kinderärztin seine Sprachentwicklung als altersgemäß eingestuft hat,
– er den Kontakt zu Menschen und seit Kurzem auch zu Kindern von sich aus sucht,
– Körperkontakt regelrecht einfordert, und
– dass Luka eine altersgerechte Interaktionspanne beim Spielen hat.

Wir haben einen Integrationskindergarten für Luka gefunden, wo ein Erzieher und ein Heilpädagoge nach Son-Rise® mit uns zusammen arbeiten werden, um es Luka zu ermöglichen, dort in einem geschützten Rahmen das Interagieren mit Gleichaltrigen zu erlernen.
Unsere Kinderärztin und alle Helfer vom Jugendamt sind sich einig, dass das Programm für Luka ein Riesenerfolg ist und dass es weitergehen muss wie bisher. Leider wird das Programm bislang nicht von der Krankenkasse finanziert, da es als Therapie in Deutschland weder wissenschaftlich anerkannt ist, noch es in Deutschland ausgebildete Son-Rise®-Therapeuten gibt. Deshalb fliegen wir regelmäßig in die USA zu Fortbildungen bzw. werden ausgebildete Therapeuten einfliegen lassen müssen.
Wir erhalten zwar unabhängig vom Programm für Luka Pflegegeld der Stufe I (monatlich 205,- €) und Zusatzleistungen gem. §45 (jährlich 406,- €), wofür wir auch dankbar sind, aber diese decken nicht im geringsten die Kosten für Lukas Therapie-Programm in diesem Jahr.
Die Kosten für Lukas Son-Rise®-Programm in 2008 betragen um die 25.000,- €. Diese Summe beinhaltet 2 x 1 ganze Fortbildungswoche am Institut in den USA, monatliches Feedback und Beratung vom Institut durch Videofeedback und Telefonkonsultationen, einen 7-tägigen Besuch eines ausgebildeten Son-Rise®-Therapeuten bei uns zu Hause, um mit Luka direkt zu arbeiten und zwecks Weiterbildung, Feedback und Supervision unseres mittlerweile 12-köpfigen Teams
Anschaffungen von ergänzendem Therapiematerial aufgrund Lukas jeweiligen Entwicklungsgrades
Den Bau eines Ja- Raums auf dem Gelände von Lukas Kindergarten.
Wir werden für die Kosten weiterhin selbst aufkommen – so gut wir nur können, aber aufgrund unserer Lebensumstände mit Luka sind unsere Einnahmen aus unserer freiberuflichen Tätigkeit als Theaterpädagogen und Schauspieler in den letzten 2 Jahren unter das Existenzminimum für eine dreiköpfige Familie geschrumpft, weshalb wir Dich hiermit um eine Spende bitten: In Form der Teilnahme als Spieler und vielleicht sogar Workshopleiter beim Benefizimprofestival „Improv Meets Autism“
Inspiriert von Lukas Erfolg, beginnen Eltern von Kindern aus dem Austismusspektrum mit uns Kontakt aufzunehmen. Gerne möchten wir diese mit den eingegangen Spendengeldern auch unterstützen.
Um das Programm und Luka näher kennenzulernen besucht bitte unsere Internetseite www.fuer-Luka.de. Wir laden Dich natürlich auch herzlich ein, uns besuchen zu kommen, falls Dir das möglich ist und Du in Berlin wohnst oder zufällig in der Stadt sein solltest. Das Pro
gramm läuft täglich von 9-12 und 16-19 Uhr plus alle 14 Tage Supervision und Training donnerstags von 19-21 Uhr. Ansonsten kannst Du uns auch jederzeit unter (030) 43 20 39 01 anrufen oder uns eine e-mail Schreiben unter info [at] improtheaterberlin.de
Wir haben natürlich volles Verständnis wenn Du oder Deine Gruppe aus welchen Gründen auch immer nicht teilnehmen wirst / kannst oder möchtest. Aber vielleicht möchtest Du uns auf eine andere Art unterstützen. Melde Dich einfach, wir würden uns sehr freuen von Dir/Euch zu hören, bekannter oder unbekannterweise.
Vielen Dank dass Du Dir die Zeit genommen hast, diese Zeilen zu lesen
Improvisiere Dich heiter und gelassen durch den Alltag
Liebe Improgrüsse
Deniz und Christiane Döhler
Spieler beim Improtheater Berlin: the WäM!
Paternoster und Fatma-Express
Vielen Dank • Berlin im März 2008

„Ich kann das nicht“

Es ist erstaunlich, wie oft Schüler schon vor einer Übung sagen: „Das kann ich nicht.“ Es ist, als reduzierten sie damit die Fallhöhe. Wenn die Szene dann nicht gelingt, wie sie es sich erhofften, haben sie die Entschuldigung schon im Ärmel: „Ich hab ja gesagt, ich kann das nicht.“ Das wäre ja halb so schlimm, das Problem ist nur, dass dies eine selbsterfüllende Prophezeiung ist. Eine der größten Überwindungen für viele Schüler ist beispielsweise das Singen, eine Hemmung, die oft von Eltern, Lehrern und Freunden genährt wird. Wenn ich aber an das Singen mit der Ich-kann-das-nicht-Haltung herangehe, ist das die sicherste Garantie dafür, dass es tatsächlich traurig, gequält, schief und unrhythmisch klingt. Singgehemmten Schülern spiele ich oft einen Dreiklang am Klavier vor und bitte sie, dazu einen schiefen, unpassenden Ton zu singen, eine ziemlich schwere Übung, an der sie meistens „scheitern“, denn unser an Dreiklangsharmonien geschultes Ohr sucht sich instinktiv einen passenden Ton. Aber durch dieses „Scheitern“ erfahren sie, dass sie automatisch und instinktiv „richtig“ singen.

Klarheit und Akzeptieren

Ich beobachte immer wieder zwei entscheidende Tugenden in der theatralen Improvisation: Klarheit und Entschiedenheit der Angebote einerseits und Akzeptieren andererseits:
Oft haben die Tugendbolde der einen Seite ein Problem mit der anderen. D.h. gute Behaupter empfinden es als Verlust eine aus ihrer Sicht „schwächere Idee“ zu akzeptieren. Gute Akzeptierer zögern oft, weil sie auf das Angebot der Mitspieler warten.

Realismus, Glaubwürdigkeit

Carol Hazenfield meint, viele Spieler würden zu viel Wert auf Realismus legen, anstatt die Möglichkeiten des Improtheater zu nutzen und aus der alltäglichen Realität auszubrechen. Dazu ein paar Gedanken.

Wir müssen zunächst einige Sachverhalte auseinanderhalten:
1. Realismus bedeutet nicht, dass es immer um alltägliche Probleme durchschnittlicher Menschen geht. Wir können ihn im Improtheater vielmehr als Abgrenzung zu surrealistischen Szenen, Musical-Szenen, abstrakten Szenen, Szenen im Makro-Level usw. verstehen.
2. Glaubwürdigkeit heißt nicht, dass wir im Rahmen der Alltagswahrscheinlichkeit spielen. Es ist z.B. nicht sehr wahrscheinlich, dass es unbemerkt bleibt, wenn am hellichten Tage in Los Angeles ein Beifahrer einen anderen Mann im Auto aus Versehen in den Kopf schießt und das ganze Auto von innen mit Blut beschmiert ist. Aber in Pulp Fiction nehmen wir das als verrückte Variante hin. Der Alltag per se ist story-technisch nicht allzu interessant. Interessant ist der Tag, an dem xy geschah.
3. Inwieweit realistische mit surrealistischen oder anderen non-realistischen Elementen angereichert wird, ist eine Frage der Form. Z.B. gibt uns die Form „Der rote Faden“ („Thread„) die Möglichkeit, in die Poesie der kleinen Sinneserlebnisse des Alltags einzutauchen. Da wäre rein formal einfach schade drum, wenn auf einmal die Gegenstände zu sprechen begönnen.

Allerdings sollte man als Spieler bereit sein, die Brechungen der Mitspieler zu akzeptieren und sich so auf die Suche nach neuen Formen begeben.

Selbstfesselungen

Sobald er außerhalb der Szene ist, quetscht sich der Spieler an den äußersten Bühnenrand oder verdrückt sich hinter den Vorhang. Auch bei einer kleinen Bühne kann man „off“ sein, ohne abzugehen: Man lockere den Gesamt-Tonus und lasse die Figur von sich fallen.
Die Aktionshand oder der Aktionsarm wird gefesselt: Samy Molcho hat darauf hingewiesen, dass man seine Impulse unterdrückt, wenn man die Aktionshand umgreift. Dasselbe gilt natürlich auch fürs Verschränken der Arme vor der Brust usw. Öffne dich physisch für deine Mitspieler. Ein offener Körper bewirkt einen offenen Geist.
Um zu signalisieren, wie schwer irgendeine Handlung, ein Lied, oder eine Übung ist, verziehen viele Spieler ihr Gesicht. Ebenso, um Wichtigkeit oder „Ernsthaftigkeit“ zu markieren. Sei freundlich.
Der Spieler fesselt den Geist durch „Nein“-Sagen. Man öffnet den Geist (und auch die sich ergebenden Möglichkeiten) durch Ja-Sagen.
Der Spieler stoppt den Geist durch „Aber“-Sagen. Der Spieler treibt voran durch „Und“-Sagen.
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Vergeigt

Gestern improvisierte Geschichte bei der Chaussee der Enthusiasten. Noch nie so uninspiriert. Gerade mal halbwegs über die Bühne gebracht. Die als Inspiration vom Publikum beschrifteten Zettel etwas übermäßig mit den üblichen Verdächtigen (haufenweise Lebensmittel, und das jedes mal in irgendeiner Abwandlung auftauchende Wort „Donaudampfschiffahrtskapitänswitwenversicherungspolice“). Und tatsächlich stieg in mir eine Art Widerwillen gegen diese Art der Improvisation auf, und sogar gegen die Zuschauer.
Das alles hat natürlich mehr mit mir selber zu tun: Wäre ich offen und freundlich genug gewesen, hätte mich das eher inspiriert als abgestoßen.

Fragte mich zwischendurch: Soll ich jetzt einfach abbrechen? Immerhin hat es genügend Zuschauern auch gefallen? Was sich auf jeden Fall noch mal zeigt: Wenn man schon uninspiriert auf die Bühne geht, ohne den nötigen Drive, dann kann man das Improvisieren höchstens effektiv „abarbeiten“. Man versetze sich also selbst in die notwendige Bühnengeilheit.

Türen

Ein Zeichen für Angst vorm Akzeptieren ist es, wenn szenisch übermäßig Türen „eingebaut“ sind. Wenn ich eine Tür oder eine Wand etabliere, rechtfertige ich es gewissermaßen, von meinem Mitspieler getrennt zu sein.
Es geht hier natürlich nicht darum, dass man keine Türen etablieren oder verwenden soll. Aber wenn in drei aufeinanderfolgenden Szenen die Charaktere gefesselt, eingesperrt oder ausgesperrt sind, der Laden „schon geschlossen“ ist, kann es sich lohnen, den Fokus auf physische Bewegung und aufs Ja-Sagen zu verlegen, statt die Existenz von Fesseln und verlorenen Schlüsseln zu rechtfertigen.

Begründungen

Wenn in Szenen viel begründet wird, ist es ein Zeichen dafür, dass die Gruppe nicht im Moment ist und die Einzelspieler versuchen, auf kompliziert-clevere Weise die Elemente miteinander kausal oder zeitlich zu verknüpfen. Symptome sind übermäßig oft auftretende Wörter wie „weil“, „denn“, „damals“ usw. Nicht nur in Ein-Wort-Geschichten, sondern auch im szenischen Spiel erlebt man das oft. Das Spiel wirkt dann oft angestrengt, kopfig und unelegant. Es sieht nach angestrengter Arbeit aus. Nach der Show fragen sich die Spieler dann, was sie wohl falsch gemacht haben und schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu.
Diese angestrengten Begründungen und Rechtfertigungen benötigen wir gar nicht, wenn wir radikal akzeptieren, wenn wir die etablierten Sachverhalte als gegeben hinnehmen, die nicht abgewehrt werden und deren Existenz szenisch nicht gerechtfertigt werden muss.

Akzeptieren

Akzeptieren können wir einerseits als Technik begreifen, andererseits aber auch als grundlegendes Prinzip der Improvisation.
Johnstone beschreibt vor allem den technischen Aspekt: Indem wir vor allem auf Sinn-Gehalte eingehen, treiben wir die Geschichte voran. Wir verlassen uns psychologisch auf den Strom der Gedanken und Ideen, der durch uns fließt, ohne an einer einzelnen Idee festzuhalten. Dies betrifft nicht nur die Improvisation mit Partner, sondern auch die Solo-Improvisation, z.B. beim Musizieren oder Schreiben.
Wenn wir Improvisation von einer Ebene darüber betrachten, geht es um Akzeptieren des Spiels. Das heißt, ich muss zunächst erkennen, worin das Spiel liegt. Beispielsweise hat Johnstone das Spiel „Beide blockieren“ erfunden, welches recht unterhaltsam sein kann, wenn die Spieler das Spiel akzeptieren und sich entsprechend einbringen. Akzeptieren als Prinzip verlangt einen weiten Blick, ein Gespür für Spiele (i.S.v. „Game“) aller Art. Liegt ein verbales Spiel in der Luft, eine emotionale Achterbahn oder ein langer Erzählbogen.
Um Akzeptieren als Prinzip in uns aufzunehmen, brauchen wir Offenheit und ein Gefühl für Muster. Um Akzeptieren als Technik zu verinnerlichen, müssen wir uns von unserer Angst lösen.

Akzeptieren in fragmentierten Langformen

Crossover-Probe mit der Tänzerin Nina Wehnert. Ähnlich wie in anderen nicht-narrativen Langformen liegt eine gewisse Poesie in der Fluktuation, im Fraktalen usw. Die Schwierigkeit besteht aber darin, sich nicht aus der Schwierigkeit der Darstellung ins Fraktale zu retten, bloß weil man szenisch-narrativ in Schwierigkeiten steckt. Die Poesie der Brüche ist keine Entschuldigung fürs Blockieren.

Akzeptieren / Blockieren

Im Workshop wieder Diskussion übers Akzeptieren, als ich ein Blockieren entferne, obwohl die Szene im Grunde funktionierte. Man kann natürlich bis zum Abwinken diskutieren, ob ein Angebot geblockt wurde oder nicht. Der Kern, so denke ich, liegt darin, dass 95% der Blockierungen aus Angst geschehen. Selbst wenn man mit den so entstehenden Szenen noch einigermaßen kreativ umgehen kann, katapultiert es die Szenen wesentlich besser, wenn nicht verneint wird. Ich kann mich eigentlich auch nicht erinnern, je eine Blockierung gesehen zu haben, die nicht aus Angst entstand, sich auf die Angebote des anderen einzulassen, wobei ich das Blockieren aus Arroganz („Meine Idee ist besser als deine“), als Teilmenge des Angst-Blockierens auffasse.