Konflikte in Impro-Gruppen (3) – „Schwierige“ Spieler

Konflikte in Impro-Gruppen (3) – „Schwierige“ Spieler

Als Live-Künstler betreten wir einen Bereich, in dem wir unseren kreativen Prozess öffentlich machen (etwa im Gegensatz zum Schriftsteller oder Maler). Um im Improtheater wirklich frei spielen zu können, müssen wir uns öffnen und verletzbar machen. Das heißt aber auch, dass wir angreifbar sind. Manche Notwendigkeiten, etwa dass man fürs Warm Up vor der Show möglichst ungestört bleiben möchte, sind für Außenstehende nicht nachvollziehbar und erscheinen dann als Marotten. Aber tatsächlich gibt es auch Spieler, die ihre Nervosität und ihr unausbalanciertes Ego ins Schrullige treiben. Angst sucht sich wie Wasser stets seinen Weg: Einige neigen zur Überkontrolle und Dominanz, andere zu Rückzug und Unzuverlässigkeit.
Nun ist es zwar sinnvoll, sich als Gruppe auf ein paar Grundsätze des Miteinanders zu verständigen, zum Beispiel in Bezug auf Zuverlässigkeit und Kommunikationsweise. Aber manchen Spielern gelingt es nicht oder nur schwer, sich diesen Regeln anzupassen. Manchmal spielen psychische Vorbelastungen oder Krankheiten eine Rolle. Als Gruppe muss man sich dann wohl ganz nüchtern fragen: Können wir mit diesem Menschen weiterarbeiten? Sind wir bereit, die Unwägbarkeiten, die mit diesem Verhalten verbunden sind, in Kauf zu nehmen oder ist es nötig, einen Schlussstrich zu ziehen?
Man kann hier für den Umgang mit solch unberechenbaren Spielern keine allgemeinen Regeln aufstellen. Am Ende muss es die Gruppe entscheiden. Die „Schwierigen“ bringen nicht selten, vielleicht gerade durch ein gewisses Übermaß an Sensibilität den nötigen Schuss Wahnsinn in die Gruppe.

Der im Jahr 2007 verstorbene Improvisations-Künstler Michael Stein war über viele Jahre Mitglied der Berliner Lese- und Kleinkunstbühnen Reformbühne Heim und Welt und Surfpoeten. Er war der unzuverlässigste Kollege, den man sich vorstellen konnte. Wenn er keine Zeit hatte, sagte er nicht ab. Wenn er keine Lust hatte, kam er nicht zu den Vorstellungen. Er stand immer wieder mit einem Bein im Gefängnis. Er provozierte das Publikum und die Betreiber der Spielorte. Seine Improvisationen lappten ins politisch Bedenkliche. Und er überzog gnadenlos die Zeit mit seinen Beiträgen. Dennoch hielten seine Kollegen zu ihm, denn sie wussten, was sie an ihm hatten: Einen Stachel in der Seite, der sie stets neu herausforderte. Einen Künstler, der sie inspirierte. Einen Improvisierer, der die Routinen brach und die Gruppe lebendig hielt.

Es mag hart klingen, aber um dieses Abwägen kommt man nicht herum. Zwei Werte stehen einander gegenüber: Die Loyalität gegenüber dem extravaganten Mitglied und die Integrität der Gruppe.
(…)
Man frage sich: Gefährden wir durch die Loyalität und Nachgiebigkeit gegenüber einem Mitglied die ganze Gruppe? Wenn dieser Punkt erreicht ist, hilft nur, eine klare und klar kommunizierte Grenze zu ziehen. Legt die Bedingungen für eine Mitgliedschaft klar und deutlich fest. Welche Frist setzt ihr für welches Verhalten? Und natürlich gelten die Regeln für alle. So kann man nicht von einem notorischen Zuspätkommer ab sofort strikte Pünktlichkeit fordern, wenn man sich selber nicht dran hält. Man kann nicht vom Alkoholiker fordern, nüchtern auf die Bühne zu gehen, wenn man sich ab und zu selber ein Glas Sekt vorher genehmigt.

Intrigieren und Lästern
Vom Lästern ist es nicht weit zur Intrige, die nicht einmal bewusst als Intrige gesponnen sein muss. Wenn permanent am Ruf einer Person gesägt wird, wird dieser Ruf bald in sich zusammenfallen. Hier hilft nur Loyalität aller Mitglieder.
Für die Spieler heißt das, dass dem Lästerer rechtzeitig Einhalt geboten wird. Frage den Lästerer: „Wenn du ein Problem mit XY hast, warum klärst du das nicht mit ihm selbst?“
Geschäftsführer und künstlerische Leiter brauchen hier ein besonders feines Gespür. Ist die Klage über einen Spieler gerechtfertigt? Oder soll hier jemand bloßgestellt werden?

Künstlerische Probleme mit Einzelspielern
Es gibt hauptsächlich zwei Gründe, warum es zu künstlerischen Spannungen zwischen der Gruppe und Einzelspielern kommt: Erstens, wenn die künstlerischen Fähigkeiten des Spielers nicht genügen. Und zweitens, wenn die künstlerischen Ziele von denen der Gruppe zu stark abweichen.
Zu bestimmen, was die notwendigen künstlerischen Fähigkeiten sind, ist immer Aufgabe der Gruppe. Hier gibt es keine objektiven Regeln. Wenn ihr als neue Amateur-Gruppe die Impro-Szene betretet, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass eure Fähigkeiten ausbaufähig sind. In einer größeren Gruppe sind die Talente dann meistens auf unterschiedliche Bereiche verteilt, und allen ist klar, dass man gemeinsam an der Verbesserung des Impro-Repertoires, der schauspielerischen und erzählerischen Fähigkeiten und der Formung der Gruppe arbeiten muss. Aber die traurige Wahrheit ist: Einige Spieler schaffen den Sprung nicht. Gruppen, die als Freundeskreis oder Workshop-Ausgründung entstanden sind, entscheiden, nun auftreten zu wollen, während ein, zwei Mitglieder auch damit zufrieden gewesen wären, einfach still unter sich zu bleiben und das Ganze als Feierabend-Hobby zu belassen.
Es gibt auch Spieler, die ihr Talent langsam aber stetig entfalten. Andere entwickeln sich sprunghaft von Plateau zu Plateau. Und es gibt Spieler, die irgendwann stehenbleiben. Sie sind bei den Proben großartige Kollegen und sensibel im Umgang. Sie spielen sehr aufmerksam, aber es wird ihnen nie gelingen, über die Bühne hinaus zu strahlen. Jedem Spieler gibt man gewiss Zeit, sich zu entwickeln. Doch irgendwann ist klar, ob jemand einfach nur länger als andere braucht, um sich Fähigkeiten anzueignen oder ob das Ende der Fahnenstange erreicht ist.
Machen Spielern fehlen bestimmte Spezial-Fähigkeiten. Das prominenteste Beispiel ist wahrscheinlich das Singen. Mit viel, viel Übung wird es ihnen sicherlich gelingen, halbwegs ein Lied zu improvisieren, das auch irgendwie ganz passabel klingt und man wird mit ihnen auch mal ein musikalisches Game wie „Das klingt nach einem Lied“ spielen können. Aber es ist kaum denkbar, mit ihnen einen improvisierten Opern-Abend aufzuführen. Soll man jemanden deshalb aus der Gruppe verabschieden? Zwei Mal habe ich von befreundeten Gruppen erfahren, dass eine Spielerin und ein Spieler entlassen wurden, weil sie den musikalischen Ansprüchen nicht genügten. In beiden Fällen fragte ich mich: War es das wert? In einem vielleicht noch krasseren Beispiel habe ich es erlebt, wie ein talentierter Spieler durchs Casting rasselte, weil er eine ABC-Szene nicht flott genug spielte.
Die Gruppe (oder die künstlerische Leitung) muss sich fragen: Was wollen wir als Improtheater? Passen die Gruppe und der Spieler gut zusammen oder nicht? Wenn wir uns als explizit musikalische Gruppe einen Namen gemacht haben, dann könnte es für einen Spieler, der mit Singen seine Schwierigkeiten hat, problematisch werden. Aber wenn wir nur ab und zu singen, dann könnte es sein, dass wir gerade ein großes Impro-Talent vertreiben.
Es kommt auch vor, dass sich die Gruppe als Ganzes entwickelt und die Fähigkeiten einzelner Spieler hinken dauerhaft hinterher. Hier darf man nicht vergessen, dass Talent ungleich verteilt ist. Selbst bei grandiosen Gruppen sieht man, dass es unter ihnen Spieler gibt, die extrem schnell und aufmerksam reagieren, andere wiederum bringen tausende glaubwürdige Figuren auf die Bühne. Ihr werdet nie alle in jeder Beziehung auf dem gleichen Stand sein. Man vermeide jeglichen Dünkel, wenn man selber diese oder jene Erfahrung gemacht hat, die den anderen fehlt,  egal ob das Ausbildung, Alter oder Kenntnisse betrifft. Letztlich zählt das, was auf der Bühne geschieht.
Dennoch lässt sich nicht abstreiten, dass einige Spieler irgendwann aufhören zu lernen, in impro-feindliche Muster verfallen oder einfach nicht mehr folgen können. Dann stellt sich die bittere Frage, ob die Gruppe sie mitschleifen soll oder nicht? Auch hier gilt es abzuwägen:

  • Trauen wir dem Spieler noch Entwicklungspotential zu?
  • Ist die Fähigkeitslücke so groß, dass wir tatsächlich ohne ihn auskommen wollen?
  • Ist der Spieler bereit zu lernen?
  • Schieben wir vielleicht die künstlerischen Fragen vor und in Wirklichkeit haben wir ein ganz anderes Problem miteinander?

Besonders schwer ist die Entscheidung, wenn der betreffende Spieler sich alle Mühe der Welt gibt, wenn er trainiert wie kein Zweiter, und sich praktisch und theoretisch bemüht, und dennoch klar ist, dass er es aber einfach nie zur Bühnenreife bringen wird.

Ein solcher Fall war Mirko (Name geändert). Mirko hatte mit seinen Kollegen trainiert und hatte die Gruppe mitgegründet. Aber Mirko hatte ein Problem: Wegen eines Geburtsfehlers war sein Timing defekt. Das heißt, er stotterte nicht nur, er handelte auch verlangsamt und dann wieder völlig hektisch. Seine Bewegungen waren oft unkontrolliert und seine Sprache nicht selten unverständlich. Mit dem einen oder anderen Problem hätte man sich vielleicht noch arrangieren können. Aber in dieser Häufung war an eine dauerhafte Bühnenpräsenz von Mirko nicht zu denken. Und Mirko muss es auch gewusst haben, da er immer wieder Gründe fand, sich aus der Dispo-Liste austragen zu lassen. Er war ein sympathischer Typ und hatte mit vielen Ideen die Gruppe zu dem gemacht, was sie nun war. Irgendwann fand sich jemand, der es wagte, den Elefanten im Raum zu benennen: „Mirko wird auf der Bühne nicht verstanden.“ Aber niemand wollte ihn gehen lassen. Schließlich kam einer auf die Idee, Mirko als Mitglied zu behalten, ihn aber zum Cheftechniker zu ernennen. Mirko war glücklich, er war ausgefüllt von seiner Tätigkeit.

Bisweilen ist an den Fähigkeiten als solchen gar nichts auszusetzen. Vielmehr stimmt die Zielrichtung einzelner Mitspieler nicht mehr mit der der Gesamtgruppe überein. Eine prominente Differenz ist die zwischen Kurz- und Langformen. Überlegt euch gut, ob ihr diese Präferenzen (oder die Betonung der Differenzen) so überstrapaziert, dass die Angelegenheit am Ende für die Gruppe eine Belastungsprobe wird. Ist die leichte Abseitigkeit eines Mitglieds nicht auch befruchtend? Lassen sich verschiedene künstlerische Ziele und Präferenzen nicht auch integrieren? Dabei spielen Gruppengröße und -dynamik sicherlich eine wichtige Rolle. Wenn wir zwanzig beinharte Theatersportler sind und der einundzwanzigste Spieler will das Schiff komplett auf Kurs Langform verlegen, dann braucht er schon gute Argumente, um den Rest der Truppe zu überzeugen. Wenn es hingegen fünf von zwanzig sind, ließe sich vielleicht ein Abend pro Monat als Spielwiese einrichten.
Falls es aber um einen von nur vier Spielern geht, könnte das zu internen Konflikten führen, denn bei so einer kleinen Mitgliederzahl besteht auch immer die Gefahr, dass die ganze Truppe schnell zerbricht. Einheit oder Reinheit – beides kann man zu weit treiben. Sicherlich ist es angenehm, wenn alle in die gleiche Richtung segeln, aber künstlerische Diversität ist ebenfalls ein hoher Wert. Sonst steht man am Ende mit seiner Vorstellung, wie gutes Improtheater auszusehen habe, völlig allein da.

(Die Kapitel „Trennung von Mitspielern“ und „Supervision und Mediation“ sind im Buch nachzulesen.)

(Dies ist ein Auszug aus Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“)

Konflikte in Impro-Gruppen (2) – Konflikte sachlich behandeln

Konflikte in Impro-Gruppen (2) – Konflikte sachlich behandeln

Wenn Konflikte zur Sprache kommen, sollten wir uns so weit wie möglich auf die sachliche Ebene konzentrieren. Und die sachliche Ebene heißt in unserem Fall: Wie können wir miteinander angenehm Improtheater spielen?
Wenn ich sage „so weit wie möglich“, so bedeutet das, dass natürlich auch Befindlichkeiten zur Sprache kommen dürfen, aber wir sollten unsere Erwartungen an die Beziehungsebene zügeln.

  • Statt ein Problem zu einem Problemkomplex aufzublasen oder mehrere Probleme zu vermengen, hilft es, jedes Problem einzeln und für sich zu besprechen.
  • Vermeidet Anschuldigungen und Verallgemeinerungen, auch wenn euch bestimmte Verhaltensmuster nerven. Es gibt stets auch die andere Perspektive. Wer mit Anschuldigungen und Verallgemeinerungen zugeschüttet wird, ist weniger bereit, sich zu verändern. Die typischen Reaktionen sind eher Verteidigung, Gegenangriff oder Abschottung. Nichts davon bewirkt Veränderung.
  • Formuliere Ich-Botschaften statt Anschuldigungen. Also statt „Du blockierst immer.“, lieber: „Ich fühle mich von dir auf der Bühne manchmal nicht wahrgenommen.“
  • Ihr könnt selbstverständlich eure Erwartungen an bestimmte Verhaltensweisen formulieren, aber enthaltet euch jeglicher hobbypsychologischer Analyse, egal wie kompetent ihr euch dafür fühlt.
  • Lernt, mit Differenzen zu leben. Wenn ein Spieler zum Beispiel der Meinung ist, in einer guten Impro-Show müsse auch ab und zu gesungen werden und ein anderer Spieler meint, das sei überhaupt nicht notwendig, dann wird man darüber keine objektive Entscheidung treffen können, da das ja Geschmacksfragen betrifft. Am Ende wird über solche Themen wohl abgestimmt und man muss lernen, damit zu leben, in Abstimmungen zu unterliegen.

(Dies ist ein Auszug aus Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“)

Zusammenfassung Gruppen-Konflikte

Zusammenfassung Gruppen-Konflikte

Vom Impro-Kollegen Herbert Kessler, der gerade auf halbem Wege der Lektüre von  „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“) ist, kam die Bitte, noch einmal im Blog zusammenzufassen, was die wichtigsten Möglichkeiten zur Konfliktvermeidung innerhalb von Impro-Gruppen sind und wie man eine Auflösung vermeidet. Das möchte ich hier tun.

Zunächst einmal: Konflikte sind nicht immer zu vermeiden. Die Frage ist, wie man mit ihnen umgeht. Wichtig ist, dass genügend strukturelle und persönliche Voraussetzungen gesetzt werden, dass die Konflikte nicht eskalieren.

Man setze so viele positive Marker wie möglich:
– Gute Auswahl der Spieler (Kapitel 1)
– Kluge Organisation der Gruppenstruktur (Kapitel 2)
– Sensibles Proben in angenehmer Atmosphäre (Kapitel 3)
– Kluge Wahl der Kommunikationsmittel und sensibles Kommunizieren. (Kapitel 5)

Dennoch kann es zu Konflikten kommen. (siehe Kapitel 5.6)
Diese Konflikte betreffen oft unterschiedliche künstlerische Erwartungen, unterschiedliche Erwartungen an Nähe und Distanz zwischen den Spielern, verschiedene Kommunikationsstile (z.B. sachlich vs. emotional). Gefüttert werden diese Konflikte außerdem von externen Problemen, etwa Zuschauermangel, finanzielle Probleme der Gruppe, biographische Veränderungen einzelner Spieler.

Herbert fragte mich nach Warnzeichen. Dazu gehören wohl
– mangelnde Spiellust
– negative Stimmung in Proben oder auf Treffen
– negativer Tonfall in E-Mails usw.
– eine Unlust, sich über Improvisation auszutauschen.

Natürlich kann es dazu kommen, dass sich einzelne Spieler innerlich von der Gruppe oder gar von Improtheater überhaupt verabschieden. Das lässt sich nicht immer aufhalten. Oft genug aber ist es wichtig,
– sensibel zu kommunizieren,
– Konflikte so weit wie möglich auf der Sach-Ebene zu behandeln,
– nicht zu lästern.
Jede Gruppe und jeder Spieler haben ihre eigenen sensiblen Punkte, die es zu einen gilt. Daher ist von allen Spielern auch eine gewisse Kompromissfähigkeit gefragt. Nicht jedes Problemchen muss zum Superproblem aufgeblasen werden.
Achte nicht so sehr auf den Splitter im Auge des anderen, sondern auf den Balken in deinem Auge. Oder frage dich: Was kann ich jetzt in dieser Situation und in dieser Lage tun, um das Ganze zu verbessern.

Konflikte in Impro-Gruppen (1) – Nähe und Distanz

Konflikte in Impro-Gruppen (1) – Nähe und Distanz

Ähnlich wie Liebespaare erleben Impro-Gruppen in ihren ersten Monaten oft einen regelrechten Rausch der Gemeinsamkeit. Man verbringt auch unabhängig von Improtheater viel Zeit miteinander, es entstehen Freundschaften, man unternimmt sogar Reisen. Und irgendwann nüchtert man aus. Einige Spieler sind durch berufliche oder familiäre Verpflichtungen doch stärker gebunden als sie es zunächst wahrhaben wollten und möchten deshalb die gemeinsame Zeit aufs Eigentliche – das Improtheater-Spielen – begrenzen. Andere merken, dass sie auf einer persönlich-freundschaftlichen Ebene mit dem einen oder anderen Spieler doch nicht allzu viel zu tun haben wollen.
Die Herausforderung besteht darin, die Gruppe nicht mit zu hohen Erwartungen zu belasten. Besinnt euch auf das, was euch zusammengebracht hat: Improvisationstheater. Gemeinsam zu proben und aufzutreten ist eine ziemlich hohe Anforderung für jeden, auch wenn sich das zeitweise nicht so anfühlen mag. Eine Impro-Gruppe ist zunächst ein künstlerisches Team, das, wenn es gut geht, ein gemeinsames Ziel verfolgt. Wenn ihr zehn Spieler seid, ist es relativ unwahrscheinlich, dass jeder Spieler zu jedem anderen Spieler eine innige Beziehung wie zu einem besten Freund aufbaut.
Was du aber von jedem Spieler erwarten kannst (und jeder Spieler auch von dir), ist professioneller Respekt im Umgang. Wenn wir einander respektvoll behandeln, können wir auch mit Spielern auf der Bühne stehen und eine befriedigende Show spielen, die uns persönlich eher weniger behagen.

(Dies ist ein Auszug aus Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“)

Geld als Gruppenkitt

Geld als Gruppenkitt

Auszug aus Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“

Wenn du in einer Gruppe spielst, die ordentlich gemanagt wird, gut besuchte Shows aufführt, regelmäßig für externe Shows gebucht wird und ein Workshop-Curriculum anbietet, dann hast du großes Glück. Zu wissen, dass das, wofür man brennt und in das man Leidenschaft hineinsteckt, einem auch noch das Leben finanziert, ist ein höchst angenehmes Gefühl und ein Zustand der Erfüllung, um den einen Nicht-Künstler regelmäßig beneiden.
Finanzieller Erfolg hat darüber hinaus noch einen angenehmen Nebeneffekt – er glättet kurzfristig die Wogen möglicher Gruppenkonflikte. Die Hitze des Streits, ob das Werbebanner mit gelber Schrift auf rotem Untergrund oder mit roter Schrift auf gelbem Untergrund über der Eingangstür des Theaters hängt, legt sich meistens, sobald das Publikum im vollen Saal begeistert applaudiert. Umgekehrt schaukeln sich solche Nichtigkeiten rasch zu existenziellen Fragen hoch, wenn die Zuschauer ausbleiben und jede Kleinigkeit so erscheint, als ob gerade sie zu Erfolg oder Misserfolg beitrüge.
Mit den regelmäßigen Zahlungen stellt sich somit auch ein Gefühl von Professionalität ein – man lässt kleinere Probleme nicht mehr so nahe an sich herankommen, schließlich erfüllt man ja hier seinen Job. Selbst ein schlecht besuchter Abend lässt sich leichter gemeinsam verdauen, wenn man weiß, dass man so oder so hinterher seine Gage bekommt. Ebenso steht es mit gruppeninternen Zwistigkeiten und künstlerischen Unstimmigkeiten. Sie verlieren an Bedeutung, sobald der Rubel rollt. Geld kittet so manchen Riss.
Das Problem ist nur, dass diese scheinbar heilende Wirkung manchmal nur anästhetisiert. Was wir unter den Teppich kehren, bekommen wir später wieder zu sehen. Das heißt nicht, dass wir wegen jedes Konfliktchens eine Supervision einleiten müssen. Aber wenn es im Gebälk des Gruppengefüges knirscht, wird Geld auf Dauer ebenso wenig helfen wie bei künstlerischen Problemen. Nur weil die Gruppe erfolgreich ist, entbindet es nicht von der Pflicht, die internen Beziehungen zu pflegen. Und natürlich darf der Erfolg nicht davon abhalten, sich über die künstlerische Weiterentwicklung Gedanken zu machen, sonst überholt einen die Entwicklung rascher als gedacht. Zwar heißt es „Never change a winning horse“, aber wenn ihr über Jahre hinweg dieselbe Show mit den immergleichen Games spielt, ohne euch zu verändern, ohne euch Gedanken über Inhalt und Form zu machen, ohne euch nach außen für neue Impulse zu öffnen, dann kann es passieren, dass ihr die Verbindung zum Herzen eurer Kunst verliert und euer geliebter lukrativer Job am Ende wirklich nur noch „ein Job wie jeder andere“ wird.

Improvisationstheater. Band 8. Gruppen, Geld und Management

Am 4. Februar ist nun der Band 8 meiner Reihe „Improvisationstheater“ erschienen. Der Untertitel Gruppen, Geld und Management bezieht sich auf die internen Fragen, die Impro-Gruppen zu lösen haben und die häufig eher organisatorischer als künstlerischer Natur sind: Welche Struktur soll die Impro-Gruppe haben? Wie organisiert man sich demokratisch und wie mit künstlerischer Leitung?
Kann man mit Impro Geld verdienen? Wie sollen Proben organisiert werden?
Vorab wurde mir immer wieder die Frage gestellt: Warum Band 8 und nicht Band 2? Die Frage ist berechtigt. Hintergrund ist, dass die Bände einer inneren Logik folgen. Band 8 war aber der erste, der überhaupt fertig war. Hätte ich jetzt noch mit seiner Veröffentlichung warten sollen? Oder alles umnummerieren? Nö.

Für Neugierige hier das Inhaltsverzeichnis: 
1 GRÜNDUNG EINER IMPROTHEATER-GRUPPE
1.1 Mitglieder finden
1.2 Künstlerische Ziele: Was wollen wir spielen?
1.3 Vision und Mission – Das Warum
1.4 Zeitliches Engagement klären
1.5 Zeitplan
1.6 Zuständigkeiten festlegen
1.7 Finanzielle Grundfragen klären
1.8 Der Gruppen-Name
2 GRUPPENSTRUKTUREN
2.1 Große und kleine Gruppen
2.2 Schön aber anstrengend: Basisdemokratie
2.3 Hierarchisch aber effizient: Gruppen mit künstlerischer Leitung
3 TRAINING UND PROBEN
3.1 Künstlerische Weiterentwicklung
3.2 Bedeutung von Training und Proben
3.3 Probenanleitung
3.4 Häufigkeit der Proben
3.5 Ablauf der Proben
3.6 Szenen besprechen: Das Feedback
3.7 Abschluss
4 AUFFÜHRUNGEN
4.1 Der Spielort
4.2 Auftrittshäufigkeit
4.3 Welche Art von Show?
5 INTERNE KOMMUNIKATION
5.1 Umgang mit neuen Ideen
5.2 Gruppen-Rituale
5.3 Kommunikationskanäle
5.4 Grüppchenbildung
5.5 Männer und Frauen
5.6 Gruppen-Konflikte
6 GELD
6.1 Amateure, Profis und Professionalität
6.2 Profi-Gruppen und Profi-Spieler
6.2.1 Rechtliches
6.2.2 Versicherungen
6.2.3 Künstler haben’s gut – Die Künstlersozialkasse (KSK)
6.2.4 Amateur oder Profi – Abwägungen
6.2.5 „Kann man davon leben?“ – Lukrative Jobs im Improtheater
6.3 Eine Handvoll Tipps für Profis und solche, die es werden wollen
6.4 Geld innerhalb der Gruppe
6.5 Bezahlung der Techniker, Musiker und externen Spieler
7 WERBUNG UND SELBSTDARSTELLUNG
7.1 Outfit
7.2 Internet-Werbung
7.3 Flyer und Plakate
7.4 Radio, Presse, Fernsehen
7.5 Merchandising
7.6 Kurz-Auftritte

Regeln brechen

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Keith Johnstone, dem wir einige großartige Techniken und Faustregeln im Improtheater verdanken, bemerkte bei einigen Trainings, dass seine Schüler dazu neigten, zu viele Fragen zu stellen, um selbst nicht definieren zu müssen. Statt nun seinen Schülern das Fragen zu verbieten, ging er der Sache auf den Grund: Was geschieht, wenn wir eine Szene spielen, in der nur Fragen erlaubt sind? Damit erfand er nicht nur einen Klassiker unter den Impro-Spielen, sondern zeigte, wie man mit kreativ mit solchen Problemen umgehen kann – man schafft sich einfach eine kontra-intuitive Regel, die einen schließlich befreit. Wer das Spiel „Nur Fragen“ je gespielt hat, wird lernen, was für Fragen konstruktiv sind und wie man mit unkonstruktiven Fragen konstruktiv umgehen kann.
Es lohnt sich ungeheuer, die Regeln und Lehrsätze, mit denen man im Laufe seiner Impro-Ausbildung konfrontiert wurde, gegen den Strich zu bürsten.

  • Was geschieht, wenn wir nicht Zug um Zug spielen, sondern ein Spieler extrem lange Passagen hat, während der andere fast gar nichts sagt? Oder wenn beide Spieler sich andauernd ins Wort fallen?
  • Was geschieht, wenn wir nicht Ja sagen, sondern ein Spieler so oft wie möglich verneint? 
  • Was geschieht, wenn wir Szenen nicht positiv starten?
  • Was geschieht, wenn sich einer der Spieler nicht verändert.

Es liegt nahe, diese Experimente vornehmlich im geschützten Proben-Setting auszuprobieren und mal diesen, mal jenen Parameter zu verändern: Was geschieht, wenn beide Spieler negativ sind? Was geschieht, wenn nur einer negativ ist usw.?
In den meisten Impro-Gruppen gibt es auch unterschwellige Regeln oder Glaubenssätze, die sich im Laufe der Jahre herausgebildet haben und nur selten hinterfragt werden. Hier ein paar Beispiele solcher Regeln.

  • Obszöne Vorschläge aus dem Publikum wie „Bahnhofsklo“ oder „Pornodarstellerin“ sind freundlich abzulehnen.
  • In der ersten Hälfte der Show müssen Games gespielt werden, damit man in der zweiten Hälfte den Zuschauern eine Langform zumuten kann.
  • Verkaufs-Szenen oder Unterrichts-Szenen sind unbedingt zu vermeiden.
  • Eine Impro-Show braucht ein Warm-Up.
  • In der ersten Minute müssen das Wer, das Wo und das Was etabliert werden.

Vielleicht kommen der Leserin diese Regeln bekannt vor. Es gibt von ihnen Hunderte, und sie entstehen oft aus gutem Grunde: Man scheitert mit einer Szene oder einer Show und bemerkt ein Muster, eben zum Beispiel dass Unterrichtsszenen dazu neigen zu stagnieren. In der Folge versucht man, eine Regel abzuleiten – Keine Unterrichtsszenen! – um solche Hänger zu vermeiden. Aber man muss sich nur die vielen Filme und Dramen vergegenwärtigen, die sich um das Thema Unterricht spinnen, um zu sehen, wie absurd diese Regel ist. Es geht also eher darum, wie man solche Szenen spielt.
Manche Regeln, wie auch jene letztgenannte, erweisen sich übergangsweise als hilfreich: Warum mit Unterrichtsszenen immer wieder scheitern, bevor man ihnen nicht mal ein paar Minuten in einer Probe gewidmet hat. Andere beruhen auf Annahmen übers Publikum oder darüber, wie eine Impro-Show abzulaufen hat. („Die Zuschauer brauchen ein Warm-Up.“) Hier braucht man einen gewissen Mut, das Experiment am lebenden Organismus – der Impro-Show – vorzunehmen.

TV Series

I believe that most tv series style improv shows don’t work, because the show lacks an audience that returns on a regular basis to watch at least every second show. Also, the characters don’t change. In order to overcome that lack, you need a basic situation that provides enough tension to draw comedy from. However, it doesn’t work as a long form improv drama. For that you have to have (a) pivotal character(s). Everyone in the team needs to know where the story is, what has happened, etc. The story tends to fade away.

Vince Gilligan: „TV is historically good at keeping its characters in a self imposed stasis so that shows can go on for years or even decades. (…) When I realized this, the logical next step was to think, how can I do a show in which the fundamental drive is toward change?“

Schlüsse von langen Storys proben

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Schlüsse zu proben ist nötig, um ein Gefühl dafür zu entwickeln (und später: dieses Gefühl zu verfeinern), wie man den Schluss für Zuschauer und Mitspieler markiert, welches Timing man setzt und welcher Schluss aus Zuschauersicht befriedigend ist.
Szenen- und Geschichtenanfänge zu proben, gehört zum täglichen Brot des Impro-Spielers. Gerade im Beginn der ersten Szene entscheidet sich viel: Gelingt es uns, eine gute Plattform zu bauen, eine interessante Hauptfigur zu erschaffen, das Versprechen der Geschichte anzureißen? Positiv starten, Definieren, Behaupten, sich verändern lassen, das sind alles Impro-Tugenden, die sich mit der ersten Szene ausprobieren lassen. Und wenn sie nichts taugt, fängt man eben von vorne an.
Aber wie probt man Schlüsse? Impro-Gruppen neigen dazu, entweder gar keine Schlüsse (oder auch Mittelteile) zu proben oder sie ziehen tatsächlich eine halbe Stunde Langform-Story durch, um dann das Ende zu improvisieren. Wenn das dann nur mäßig zufriedenstellend war, redet man kurz drüber, und dann geht jeder seiner Wege.
Dabei ist es eigentlich nicht so schwer: Einer improvisiert eine Zusammenfassung im Stile von „Was bisher geschah“ und lässt diese Zusammenfassung aufs Ende zusteuern. Das letzte Szenario wird sehr klar vorgegeben: Wo sind wir? Wer sind wir? Was ist bisher geschehen? Wichtig ist, dass die Spieler die Prämisse der Szene nicht mehr definieren müssen. Sie müssen nur noch die „Poesie“ des Schlusses ausfüllen, die Szene emotional füllen und eventuell sich kurz auf Vergangenes beziehen. Es ist nicht die Aufgabe der Spieler, die Vergangenheit zu erklären, vielmehr geht es darum, Verbindungen herzustellen. Dabei kann Vergangenes auch improvisiert werden, so dass man als Zuschauer rätseln muss, etwa so wie wenn man beim Fernsehen ins Ende eines Dramas gezappt hat.
Bei Schlüssen zu trainieren:

  • Timing
  • Verbindungen
  • Staging
  • letzte Sätze
  • Abgänge/Black Out
  • Behaupten

Kleine und große Improgruppen (3) – Große und sehr große Gruppen

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


In aller Regel wächst die Mitgliederzahl einer Gruppe nur dann auf über zehn Spieler, wenn sich durch den Erfolg der Gruppe auch mehr Möglichkeiten ergeben, insbesondere mehr Auftrittsmöglichkeiten. Für eine Amateurgruppe, die quasi „natürlich“ wächst, macht es nur in Ausnahmefällen Sinn, von vornherein so groß zu starten.
Große Gruppen müssen Folgendes beachten:

  • Die Basisdemokratie wird schwieriger zu handhaben. Ich sage nicht, dass Basisdemokratie auch in größeren Gruppen und Organisationen völlig unmöglich ist, aber sie wird anstrengender und zeitaufwendiger, weil mehr Stimmen gehört werden müssen. Und es besteht die Gefahr, dass wichtige Entscheidungen immer wieder vertagt werden oder die Gruppe künstlerisch stagniert.
    Eine Lösung, die sich hier anbietet, ist, sich von vornherein professionell zu organisieren – mit Geschäftsführung und künstlerischer Leitung.
  • Bei einer großen Gruppe wird es schwieriger, die spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Spieler zu befriedigen. Das kann relativ unproblematisch sein, wenn die Vision und künstlerische Umsetzung alle Mitglieder gleichermaßen überzeugt und begeistert. Zum Problem wird es, wenn Spieler immer wieder zu Show-Formaten eingeteilt werden, die sie im Grunde nicht mögen. Das heißt, es muss, egal in welcher Struktur, einen kommunikativen Fluss geben, der den einzelnen Spielern die Möglichkeit gibt, gehört zu werden.
  • Je größer die Gruppe wird, umso geringer ist die Chance, dass bei rein willkürlicher Spielplan-Aufteilung sich zwei beliebige Spieler auf der Bühne begegnen oder überhaupt zum Austausch kommen. Bei einem Cast ab vierzig Personen hat man vielleicht noch das Gefühl, Teil der Familie zu sein, aber es wird für jeden Einzelnen (inklusive der Leitung) schwierig, die Beziehungsgeflechte noch zu überblicken.

Eine Gruppe von fünfundzwanzig Mitgliedern, mit fünf gut besuchten Shows pro Woche hat natürlich auch Vorteile, sowohl fürs Gesamt-Team als auch für das Einzelmitglied. In der Regel sind solche Gruppen auch wirtschaftlich erfolgreich, sonst würden sie sich ja nicht vergrößern. Das heißt, die Gruppe kann sich vielleicht leisten, ein Theater zu betreiben, ihren Spielern anständige Gagen zu zahlen usw. Wenn es mehrere Shows gibt, kann man auch Impro-Experimente wagen, die sowohl wirtschaftlich als auch künstlerisch riskant sind, da man genügend Masse hat, um das Scheitern aufzufangen. Aus fünfundzwanzig Spielern können sich zum Beispiel auch sechs Opern-Fans zusammenfinden, die unabhängig von den anderen daran arbeiten, ein anspruchsvolles Format wie eine Langform-Oper zu entwickeln, ohne dass der Zusammenhalt der Gruppe durch die Absonderung infrage gestellt würde.

Kleine und große Improgruppen (2) – Mittlere Gruppen (vier bis zehn Spieler)

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Ein Blick auf die Fotos verschiedener Impro-Gruppen genügt, um festzustellen, dass die allermeisten Impro-Ensembles aus vier bis zehn Personen bestehen. Und tatsächlich vereinigt diese Gruppengröße mehrere Vorteile.

Organisatorisch:
In Gruppen von bis zu zehn Mitgliedern funktioniert die Kommunikation noch einigermaßen schnell. Selbst wenn es ein oder zwei E-Mail-Verschlafer in der Gruppe gibt, lässt sich damit leben.
In kleinen Gruppen lassen sich verschiedene Organisationsmodelle anwenden. Ihr könnt basisdemokratisch arbeiten (was bei zunehmender Größe immer schwieriger wird).
Oder ihr delegiert die künstlerische und geschäftliche Leitung (was bei Trios und Duos nur begrenzt sinnvoll ist).
Durch Krankheit, Berufs- oder Wohnortwechsel ausfallende Spieler lassen sich relativ leicht ersetzen oder verschmerzen, ohne dass der Charakter der Gruppe völlig verändert wird.
Da sich in mittleren Gruppen schnell spezifische Rollen herausbilden, kann es zwar immer wieder interne Konflikte persönlicher und künstlerischer Art geben, aber bei einem Mindestmaß an Sensibilität kann man davon ausgehen, dass die Selbstheilungskräfte groß genug sind, um diese Konflikte zu lösen, ohne dass die Gruppe als Ganzes zerstört wird.

Künstlerisch:
Mit einem mittelgroßen Team hat man ungeheuer viele Möglichkeiten. Man kann z.B. kleine game-orientierte Shows spielen. Mit vier Spielern plus Moderator lässt sich aber auch schon eine satte Theatersport-Show auf die Beine stellen, die sich auch noch erweitern lässt, wenn man Schiedsrichter und mehr Spieler pro Team dazu nimmt. Großformate wie Musical oder Group-Mind-Formate wie Harold lassen sich noch mal ganz anders aufziehen als mit Trios. Dasselbe gilt auch für stilistisch orientierte Langformen.
Je größer die Gruppe, umso vielfältiger sind die Talente, die der Gruppe zufließen. Charmante Moderatorinnen, geniale Schauspielerinnen, elastische Tänzer, begnadete Geschichtenbastler und blitzschnelle Improvisierer. Die Unterschiede lassen sich mit gutem Willen rasch fruchtbar machen.

Und da sind wir schon bei den Problemen.
Je mehr Personen beteiligt sind, umso vielfältiger sind nicht nur die Fähigkeiten, sondern auch die Wünsche und Ansprüche. Gerade in demokratisch organisierten Gruppen werden hier rasch unterschiedliche Ziele deutlich. Das heißt: Wenn man die Vielfalt der Talente will, dann muss man auch in gewissem Maße mit unterschiedlichen künstlerischen Zielen leben. Ihr müsst in der Lage sein, Kompromisse zu schließen, ohne eure künstlerische Vision zu verraten. Für das einzelne Mitglied stellt sich die Frage, ob es in der Gruppe seine Vorstellungen von Improtheater weitestgehend umsetzen kann. „Weitestgehend“ heißt, dass ich in Gruppen-Situationen immer Kompromisse schließen muss. Aber wenn dein unabänderliches Ziel darin liegt, die geilste Theatersport-Truppe Europas aufzubauen, während deine Kollegen Theatersport eher langweilig finden, weil sie sich lieber Langform-Impro widmen wollen, dann musst du dich wohl früher oder später nach einer anderen Gruppe umschauen.
Die Vielfalt der Talente ist auch ein Problem, wenn einzelne Spieler auf Rollen festgelegt werden. Der gute Moderator will vielleicht nicht immer moderieren.
Je größer eine Gruppe ist, umso schwerer ist der Kahn zu steuern, da Gruppen, sobald man ein Ziel erreicht hat, zu Konservatismus neigen: „Warum soll man etwas ändern, was funktioniert?“ Es wird unter Umständen schwieriger, die Gruppe von neuen Formaten oder alternativen künstlerischen Richtungen zu überzeugen als das unter drei Freunden der Fall wäre.   Gruppen sollten sich der Gefahr des Erstarrens bewusst sein und sich immer wieder öffnen: Für neue Ideen, für neue Mitspieler, für externe Einflüsse.
Mit wachsender Größe erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit der „Unverträglichkeit“ zweier oder mehrerer Spieler. Hier solltet ihr rasch eine gewisse Gruppendisziplin und (auch bei Amateurgruppen) Professionalität einfordern, in dem Sinne, dass persönliche Animositäten hintenangestellt werden und die Improvisation im Vordergrund steht. In einer Gruppe muss nicht jedes Mitglied mit allen anderen befreundet sein. Aber man sollte auf der Bühne miteinander klarkommen und dort Freude miteinander haben. Probleme sollten schnell und sachlich geklärt werden. Lasst keine Intrigen oder Getratsche in den Gruppen zu. Schneller als geahnt kommt es zu Fronten und Loyalitätskonflikten.
Umarmt eure Gemeinsamkeiten und lernt eure Unterschiede zu schätzen.

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Ergänzung 2019: Diese Gedanken wurden später  ausgeführt in Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“

Kleine und große Improgruppen (1) – Kleine Gruppen (zwei bis drei Spieler)

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management

Der große Vorteil kleiner Gruppen liegt auf der Hand: Man muss nur selten künstlerische Kompromisse schließen. Mit ein oder zwei anderen Leuten, die genauso ticken wie man selber und deren Fähigkeiten die eigenen wunderbar ergänzen, kommt man inhaltlich und formal schnell zur Sache. Enge Freundschaften und ähnliche Interessen befördern die Sache noch. Man braucht keine größeren Debatten, sondern ist schnell spielerisch bei der Sache. Proben und Shows werden einander sehr ähnlich.
Sehr kleine Gruppen haben außerdem den Vorteil, dass sie ziemlich flexibel sind. Man stellt sich aufeinander ein, die Kommunikationswege sind kurz, man braucht auch über organisatorische Fragen keine breiten Debatten zu führen.
Auf der Bühne erreichen gute Duos und Trios oft eine ungeheure Intensität. Das Vertrauen und die Intimität übertragen sich fast magisch aufs Publikum. Und wenn sie miteinander eine Weile gespielt haben, erreicht die Vertrautheit ein Level, auf dem sie einander schon fast die Gedanken des anderen lesen können. Kleinste Andeutungen werden klar verstanden. Nichts muss mit dem Holzhammer kommuniziert werden.
Die Anforderungen an die Impro-Fähigkeiten sind freilich hoch. Da man praktisch kaum im Off ist, hat man nicht den Luxus, die Szene „von außen“ wahrzunehmen. Wenn ihr in einem solch kleinen Duo größere Stücke mit mehreren Charakteren spielt, solltet ihr schon ziemlich gute Schauspieler sein, damit das Publikum und eure Mitspieler die vielen Figuren zuverlässig wiedererkennen können.
Als Duo und als Trioist man auch stark beschränkt in einigen formalen und ästhetischen Möglichkeiten. Auf einen Chor müsst ihr ebenso verzichten wie auf die gewaltige Wirkung von zehn Schauspielern auf der Bühne, die das gleiche tun. Zwar könnt ihr Szenen spielen, in denen mehrere Charaktere gleichzeitig auftauchen. Aber das erfordert nicht nur gute schauspielerische Fähigkeiten, sondern auch ein hohes Maß an Abstraktionsfähigkeit beim Publikum.
Als kleines Ensemble habt ihr auch das Problem, dass Spieler nur schwer ersetzbar sind. Wird einer krank, fällt unter Umständen die ganze Show aus.
Dass Dreiergruppen einerseits sehr munter und energetisch, andererseits aber auf spezielle Art konfliktanfällig sein können, weiß jeder, der schon mal in der Kombination Pärchen plus Freund Urlaub gemacht hat. Wechselnde Loyalitäten, Allianzen und Konflikte sind hier ein mögliches Problem, wenn nicht ausreichend kommuniziert wird. Auch wenn scheinbar alles normal und reibungslos verläuft, sollte man sich ab und zu über Ziele, Gemeinsamkeiten, aber auch Probleme verständigen.

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 Ergänzung 2019: Diese Gedanken wurden später noch ausgeführt in Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“

Amateure und Profis (6) – Professionalität als Falle

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


„Das ist aber überhaupt nicht professionell!“ Irgendwann hört jeder diesen Satz – im Backstage oder bei einer Gruppensitzung, man liest ihn als Argument in einer Online-Diskussion oder im E-Mail-Verkehr.
Wenngleich Professionalität als Haltung eine wichtige Tugend ist, wie wir gesehen haben, so gerät sie auch rasch zum Totschlag-Argument. Das Webdesign, dass einem nicht gefällt, das Outfit eines Kollegen, sogar bestimmte Show-Formate werden mit dem Professionalitäts-Besen vom Tisch gefegt.
Aber: Wenn man sich nur an den Standards anderer Spieler und Gruppen orientiert, erlahmt die eigene Phantasie. Ich frage mich bei manchen auf Hochglanz und Eleganz getrimmten Flyern von einigen Impro-Gruppen, wo denn das Spielerische bleibt. Aus Furcht davor, nicht wie eine Volkshochschul-Theatertruppe rüberzukommen, wirken sie wie Consultants aus dem Londoner Finanzdistrikt. In welcher Profi-Impro-Gruppe würde heute ein Flyer goutiert werden, in der ein Typ mit Perücke in einem Blumentopf sitzt und darüber in Krakelschrift mit Filzstift „Lass knacken, Oppa“ geschrieben steht? Mit diesem Plakat warb einer der erfolgreichsten deutschen Komiker für seine Tour im Jahr 2015 – Helge Schneider.
Schlimmer noch ist es, wenn es um die „Professionalität“ von Impro-Shows geht. Ich habe erleben müssen, wie darum gestritten wurde, ob der Schiedsrichter eines Theatersport-Matches eine Trillerpfeife haben müsse, und beide Seiten warfen der der anderen Unprofessionalität vor. Impro-Konventionen werden verteidigt, Experimente ausgebremst, alles unter dem Deckmantel der Professionalität.
Das große Köln-Concert improvisierte Keith Jarrett auf einem Flügel, der verstimmt war und bei dem die Pedalen klemmten. Aber manche Improtheater-Musiker zicken bei technischen Fragen wie pubertierende Mädchen. So ernst man technische Details auch nehmen soll – als Impro-Künstler muss man auch mit dem Unperfekten umgehen können.
Sound-Checks auf Kleinstbühnen werden mit Verweis auf Professionalität ins Unendliche gezogen, als würde man die Mailänder Scala füllen wollen, nur um schließlich einen halben Song ins Mikro zu gröhlen, bei dem der Techniker auch noch nachjustieren muss.
Und schließlich habe ich auch erlebt, wie das Schauspiel oder die Improvisation von Impro-Spielern als unprofessionell bezeichnet wurde. Der „Unprofessionell!“-Vorwurf ist das hohlste Argument von allen. Eine schauspielerische Geste erzielt ihre Wirkung oder nicht. Ein Impro-Angebot ist stark oder schwach, reichhaltig oder unklar. Ein Satz verständlich oder nicht. Eine Szene temporeich oder lahm. Eine Show lief gut, mittelmäßig oder miserabel. Ein Spieler muss an seiner Präsenz oder seiner Akzeptierfreude arbeiten. Das sind alles Kategorien, mit denen man eine Show, eine Szene oder auch einen Spieler beobachten und nötigenfalls auch beurteilen kann. Aber das Schlagwort „Unprofessionell“ hilft niemandem weiter.

Amateure und Profis (5) – Laien und Dilettanten

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management

Als Impro-Laien bezeichnen wir Spieler, die nur gelegentlich auf die Bühne gehen, etwa zum Abschluss eines Workshops. Von ihnen erwartet man keine großen dramatischen Leistungen, und auch die Toleranz des Zuschauers gegenüber dem Scheitern ist ziemlich hoch. Unperfektes Timing, mittelmäßiger stimmlicher Einsatz und grobe Figurenzeichnung, all das vergibt man jemandem gern, der zum ersten Mal auf der Bühne steht, sich aber hundertprozentig engagiert. Bei solchen Gelegenheitsauftritten wird Professionalität in der Regel nicht erwartet. Selbst innerhalb der Gruppe gibt es keinerlei Verbindlichkeiten. Und doch: Niemand wird etwas dagegen haben, wenn man als Laie mit Profi-Tugenden wie Pünktlichkeit, Respekt, Engagement und Verbindlichkeit glänzt.
Unter Dilettantismus verstehen wir wiederholte Stümperei. Wir wissen, dass die Möglichkeit des Scheiterns der Improvisation innewohnt. Aber wer sich nicht soweit mit den grundlegenden Techniken des Schauspiels, des Storytelling und der Improvisation auseinandergesetzt hat, dass das in den weitaus überwiegenden Fällen zu befriedigenden Ergebnissen führt, muss an sich arbeiten.
Von Dilettantismus sind übrigens auch Profis nicht immer völlig frei. Ich habe hier schon mehfrach die Problematik des „Absichtlich-schlecht-Spielens“ besprochen: Manche Impro-Spieler spielen bewusst ein bisschen „drüber“, um Klamauk-Lacher beim Publikum zu bekommen, sie singen bewusst schlecht, um für ihren Mut, überhaupt zu singen bewundert zu werden. Aber letztlich verderben sie dadurch ihre Kunst.
Und schließlich gibt es auch immer wieder Schauspieler, die frisch von der Schauspielschule kommen (und sich somit zu den Profis zählen) und glauben, mit den Impro-Übungen aus ihren Seminaren kurzerhand eine improvisierte Show zusammenbasteln zu können. Sie mögen Schauspiel-Profis sein und verstehen nicht, dass ihre Improvisation dilettantisch ist.

Amateure und Profis (4) – „Haben Sie denn auch eine Ausbildung?“

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Diese sehr deutsche Frage kommt oft von im Grunde wohlwollenden Zuschauern nach einer Show und bringt so manchen Amateur ins Schwitzen.  Das ist überhaupt nicht nötig. Eure Show und deine persönliche Performance waren gut, mittelmäßig oder schlecht. Und auch wenn eine schauspielerische Ausbildung (und gemeint ist hierzulande ja immer ein Studium an einer Hochschule) einen Aspekt des Impro-Spiels fördert, sagt das noch nichts über die Show oder die persönlichen Leistungen aus. Umgekehrt garantiert ja auch ein Schauspielstudium nicht, dass man anschließend von seiner Kunst leben kann und sich berechtigterweise „Profi“ nennen kann.
Wenn du regelmäßig auf einer Bühne improvisierst, wirst du höchstwahrscheinlich zu-mindest in irgendeiner Form Improtheater-Training genossen haben. Insofern kann die Antwort auf die Frage eigentlich nur „Ja“ sein. Testhalber kann man auch mal „Nein“ antworten, nur um zu sehen, dass die Reaktionen der Fragesteller in der Regel trotzdem positiv sind.

Amateure und Profis (3) – Braucht der Amateur eine „professionelle Haltung“?

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management

Die klare Antwort lautet: Kommt drauf an.
Es kommt drauf an, in welchem Kontext du improvisierst, vor welchen Zuschauern, ob Geld bezahlt wird, wie du dich anpreist und wie du wahrgenommen werden möchtest.
Nehmen wir folgendes Szenario: Ihr improvisiert seit ein paar Monaten in abendlichen Proben mit Freunden aus reiner Freude. Und nun werden drei von euch gefragt, ob ihr auf der Geburtstagsparty einer Kommilitonin zwei, drei kleine Games aufführen möchtet. Niemand wird von euch in einer solchen Situation superduperprofessionelles Auftreten erwarten. Selbst eine kleine Verspätung wird man bei einem derart niedrigschwelligen Auftritt zwar persönlich verantworten müssen, aber nicht mit einem Berufs-Ethos in Konflikt kommen. Nichtsdestotrotz kann es auch hier nicht schaden, sich in professionellem Verhalten zumindest zu üben. Man muss nicht eine kleine Party mit einer Riesen-Gala verwechseln, aber wenn man beabsichtigt, vielleicht öfters aufzutreten, sind solche Fingerübungen nicht das Schlechteste.
Denn dass man als Amateur ganz ohne eine gewisse professionelle Einstellung aus-kommt, wäre eine Fehlannahme! Wenn ihr in einer Impro-Gruppe spielt, die auf längere Sicht angelegt ist, braucht ihr professionelle Formen und Umgangsweisen. In dem Mo-ment, wo ihr vor zahlendem Publikum auftretet, darf das Publikum auch eine gewisse Erwartung an Mindeststandards haben.
Und schließlich habt ihr auch eine Verantwortung vor euch selber. Denn die Ansprüche an die Qualität einer Show sind unabhängig davon, ob ihr vom Improvisieren leben könnt. Sie sind auch unabhängig davon, ob die Zuschauer viel oder wenig Geld bezahlen. Und sie sind ebenfalls unabhängig davon, ob ihr an dieser konkreten Show verdient oder nicht. (Letzteres gilt im Übrigen auch für Profis!) Warum sollte man keine Energie in eine Impro-Show stecken! Gerade wenn man nicht davon lebt, sondern nur zum Spaß improvisiert, muss man doch das Bestmögliche aus dieser unbezahlten oder geringvergüteten Zeit machen.

Amateure und Profis (2) – Improtheater als Hobby und warum man Amateur bleibt

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Was bedeutet es, Improtheater zu spielen, wenn man überhaupt keine Gewinnabsicht damit verbindet?
Zunächst einmal ist es überhaupt keine Schande, als Amateur-Gruppe Improtheater zu spielen oder als Amateur in einer Improtheater-Gruppe zu spielen. Es sagt noch nicht allzu viel über die Qualität der Shows aus. Und es gibt außerdem Gruppen, in denen einige Spieler ihr Geld mit Improtheater verdienen und Spieler, die reine Amateure sind und es vielleicht sogar bleiben wollen. Amateure sind per definitionem Liebhaber ihrer Kunst. Im besten Falle spiegelt sich das auch auf der Bühne wider.
Um Amateur-Spieler oder Amateur-Gruppe zu sein oder zu bleiben, gibt es mehrere Gründe:

  • Die Liebe zum eigenen Job.
    Wenn du einen Beruf hast, der dich erfüllt und den du gern ausübst, der dir und deiner Familie ein gutes Auskommen beschert, dann gibt es doch keinen Grund, diesen aufzugeben, wenn du das mit den zeitlichen Anforderungen, die dein Hobby von dir verlangt, unter einen Hut bekommst.
  • Fehlende Rentabilität
    Wenn man in einer kleinen Stadt einmal pro Monat im Gemeindesaal vor fünfzig Zuschauern bei einem Eintritt von 10 Euro auftritt, dann kann man sich noch so Mühe geben und nach der Decke strecken, die Wahrscheinlichkeit, dass alle Spieler hier irgendwann davon leben werden, sind gering, solange man nicht Grundlegendes ändert.
  • Ungünstiger Markt
    Ein Dorf ist, wie eben beschrieben, ein ungünstiger Markt für Improtheater. Aber eine improgeschwängerte Stadt wie zum Beispiel Chicago ist es eventuell auch. Wenn hinter jeder Ecke ein Impro-Spieler lauert, der auf eine große Impro-Karriere wartet, dann ist die Konkurrenz einfach sehr, sehr hart. Der Vorteil der großen improsatten Städte ist natürlich, dass man leichter auf Gleichgesinnte stößt, mit denen man die eigene Vision durchsetzen kann. Aber dafür brauchst du ein glückliches Händchen und einen langen Atem.
  • Fehlende Risikobereitschaft
    Wenn man bereits einen Job hat, ist es unter Umständen eben auch ein recht hohes Risiko, sich völlig neu zu orientieren, selbst wenn die Aussichten gar nicht übel sind. Wenn man eine Weile Improtheater gespielt hat, unterrichtet, vielleicht auch schon die Fühler Richtung Businesstheater ausgestreckt hat, entwickelt man ein Gefühl dafür, was möglich ist. Man muss aber bereit sein, diesen Sprung zu wagen.
  • Fehlende Qualität
    Dies ist sicherlich ein heikler Punkt. Aber man muss darüber reden. Ich sehe immer wieder, wie sich Impro-Gruppen mit Werbung abrackern, Unsummen in bedruckte Streichholzhefte, Kugelschreiber und T-Shirts stecken, Workshops anbieten und sich Firmen anbieten. Und trotzdem bleiben sie stecken, weil sie nicht genügend an sich selbst arbeiten. Die traurige Nachricht lautet: Dass eine Show improvisiert ist, reicht als Distinktionsmerkmal nicht aus. „Alles ist improvisiert!“ ist keine Schlagzeile mehr. Es müssen noch eine Menge Aspekte dazukommen, die ich hier in anderen Blog-Einträgen schon diskutiert habe: Bühnenpräsenz, inhaltliche Relevanz, darstellerische und erzählerische Eleganz usw.
    Einige Mängel lassen sich auf der Bühne sicherlich mit Frische und Tempo überspielen. Und wenn die Werbung geschickt gemacht ist, funktioniert sie vielleicht sogar für eine Weile. Aber ein Zuschauer, der sich einmal gelangweilt hat, kommt so schnell nicht wieder.

Amateure und Profis (1) – Professionalität als Haltung

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Mit kaum einem Begriff wird in der darstellenden Kunst und besonders im Improtheater so viel Schindluder getrieben wie mit „Professionalität“. Wenn wir uns den üblichen Sprachgebrauch anschauen, werden unter Professionalität drei verschiedene Dinge verstanden:

  1. Die berufsmäßige Ausübung der Kunst, d.h. dass man seinen Lebensunterhalt damit verdient.
  2. Eine bestimmte routinemäßige Haltung zur Kunst, insbesondere Fokus, Achtsamkeit und das Vermeiden persönlicher Allüren und Zimperlichkeiten.
  3. Die Qualität der Kunst.

Ich verwende hier Professionalität hauptsächlich im ersten und im zweiten Sinne des Wortes. Das hat mit folgenden Überlegungen zu tun. Zunächst ist, wer von seiner Kunst leben kann, ein professioneller Künstler. Das sagt noch nichts über die Qualität dessen aus, was er tut. Man schalte den Fernseher an und schaue sich eine beliebige Mixed Comedy-Show an. Neben einigen Genies sieht man erstaunlich viele Bühnenkünstler, die eine Menge Geld dafür erhalten, Abscheulichkeiten zum Besten zu geben, auf Minderheiten herumzuhacken, Plattitüden über Politiker aufzusagen und Vorurteile des Publikums zu bestätigen. Und doch sind es Profis. Sie haben große Mühen auf sich genommen, ein gewisses Talent mitgebracht und sicherlich auch ein bisschen Glück gehabt, um dorthin zu kommen, wo sie heute sind.
Ähnlich ist es auch in der Improtheater-Szene. Die Tatsache, dass jemand viel Zeit und Mühe in die schauspielerische und die Impro-Ausbildung gesteckt hat, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und nun in einem erfolgreichen Ensemble spielt, erhöht zwar die Wahrscheinlichkeit für hohe Impro-Qualität, ein Garant ist sie aber nicht.
Ein berühmtes Beispiel aus der bildenden Kunst ist Vincent Van Gogh, der sich zu Lebzeiten mit seiner Kunst kaum über Wasser halten konnte, heute aber von Kritikern, Liebhabern und dem breiten Publikum ungeheuer geschätzt wird. Und natürlich gibt es solche Künstlertypen und -Gruppen auch im Improtheater: Sie gehen neue Wege, die nur von wenigen verstanden werden, sind aber vielleicht auch nur unfähig oder ungeschickt, ihre Arbeit angemessen zu vermarkten.  Oder sie haben einen Hauptberuf, den sie lieben und von dem sie nicht lassen wollen.
Und umgekehrt: Nur weil du erfolglose Avantgarde betreibst und nicht weißt, wie du dich über Wasser halten kannst, bedeutet das nicht, dass deine Impro-Kunst zu großartig ist, um von anderen verstanden zu werden. Es gibt eben auch miese Avantgarde.

Professionalität als Haltung und Einstellung (d.h. Professionalität im zweiten Sinne) ist eine Voraussetzung, um überhaupt dauerhaft erfolgreich Improtheater ausüben zu können. Sicherlich kann man eine Reihe von Flausen und Mickrigkeiten überspielen, aber sich dauerhaft unprofessionell zu geben, bringt einen nicht auf einen grünen Zweig – weder künstlerisch noch finanziell. Zur professionellen Haltung gehören folgende Facetten.

  1. Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit
    Es fängt damit an, dass du einfach das erledigst, worauf du dich mit der Gruppe geeinigt hast: Pünktlich zu den Proben kommen, Auftritte nicht versäumen, E-Mails lesen und beantworten. Ebenso zuverlässig sei man in der Zusammenarbeit mit Kunden (die z.B. eine Show gebucht haben) und anderen Kooperationspartnern (z.B. den Betreibern der Location) zuverlässig zu erweisen: Termine einhalten, Probleme rechtzeitig und klar kommunizieren.
  2. Kompetenz
    Kompetenz in der Kunst ist nicht etwas, was man irgendwann einmal erlernt hat, sondern sie ist immer wieder zu erneuern. Denn wie jede andere Kunst auch bleibt Improvisationstheater nicht stehen. Wenn du also seit zwanzig Jahren (vielleicht sogar finanziell erfolgreich) deinen alten Stiefel fährst, dann verhältst du dich unprofessionell, weil du deine Kompetenz nicht schärfst.
  3. Rücksicht, Höflichkeit, Respekt und Integrität
    Wer sich einen Ruf als professionell handelnder Improspieler erarbeiten will, sollte andere so behandeln, wie man selbst behandelt werden will. Seid rücksichtsvoll gegenüber Fehlern und Schwächen anderer. Respektiert eure Kollegen – das Barpersonal, die Kassierer und Techniker. Respektiert die Impro-Kollegen inner- und außerhalb eurer Gruppe. Egal, welchen Stil sie spielen, egal ob euch das gefällt, was diese tun, egal ob es Profis oder Amateure sind, respektiert sie! Und (ich wiederhole mich) lästert nie! Seid ehrlich und loyal. Nehmt eure Kollegen in Schutz gegenüber Lästerern. Beklagt euch nicht über frühere Mitspieler.
  4. Engagement
    Engagiert sein ist nicht nur eine Frage des Bühnenverhaltens, sondern auch im Miteinander wichtig. Auch „Kleinigkeiten“, die nicht unmittelbar mit dem Auftritt zu tun haben, werden ernst genommen. Das heißt nicht, dass alle immer zu jeder Kleinigkeit dieselbe Meinung haben müssen. So können wir z.B. unterschiedlicher Meinung sein, ob die Gruppenfotos noch etwas taugen oder ob wir neue brauchen. Die professionelle Haltung zeigt sich darin, dass wir die Frage und die Sorge ernst nehmen.
    Engagement bedeutet darüber hinaus, dass wir Auftritte und Proben ernst nehmen, also pünktlich und ausgeruht erscheinen, dass wir bereit sind, all unsere Fähigkeiten beizusteuern, statt Auftritte nur „abzuarbeiten“, und zwar auch dann, wenn wir dieses Publikum nie wieder sehen werden.
  5. Persönliche Verantwortung
    Je größer die Gruppe und je stärker die Hierarchie, umso einfacher ist es für den Einzelnen, sich zurückzulehnen und einfach mitzusurfen. Wenn zum Beispiel die zwanzig Mitglieder einer größeren Gruppe aufgefordert werden, sich online einzutragen, wann sie proben können, kann man einfach die anderen die Arbeit machen lassen und sich dann an die Gruppenentscheidung dranhängen. Aber professionell ist das nicht, da sich persönliche Verantwortung auch im Kleinen zeigt.
  6. Persönliches so weit wie möglich heraushalten
    Vielleicht ist dies der schwierigste Professionalitäts-Aspekt im Improtheater, denn schließlich ist Improtheater eine sehr persönliche Angelegenheit. Das heißt, wenn wir sensibel spielen, werden wir nicht umhin kommen, große Teile unserer Persönlichkeit anderen zu offenbaren. Im Improtheater wird man seine Kollegen so nah kennenlernen wie in kaum einem andere Beruf. Man erfährt von den Vorlieben und Abneigungen anderer, man lernt ihre Stärken und ihre Schwächen kennen. Entscheidend ist, diese Nähe nicht zu missbrauchen (offenbarte Schwächen zum Beispiel in einer Diskussion als Argumentationswaffe zu nutzen), persönliche Probleme nicht so weit in die Gruppe hineinzutragen, dass sie sie belasten, und Berufliches nicht persönlich nehmen. Und zu guter Letzt: Als professioneller Improspieler musst du im Prinzip mit jedem anderen Improspieler improvisieren können, unabhängig davon, ob du ihn leiden kannst oder nicht, denn hier zählen nur fachliche Aspekte.

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Ergänzung 2019: Diese Gedanken wurden später ausgeführt in Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“

Backstage – Nach der Show ist vor der Show

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Feiert euch! Egal ob du persönlich mit dem Ergebnis zufrieden warst, egal ob die Reaktion des Publikums verhalten oder begeistert war: Ihr habt Großes vollbracht. Aus dem Nichts habt ihr eine komplette Show auf die Beine gestellt.
Bedankt euch bei euren Mitspielern, so wie ihr euch zu Beginn „Toi toi toi!“ gewünscht habt.
Der Übergang von „Nach-der-Show“ in den Alltag sollte genauso geehrt und zelebriert werden wie das Ankommen. Statt also sofort wieder aus dem Backstage zu rennen, sich ein Bier zu schnappen und sich vom Publikum feiern zu lassen, sollte man der Show noch für einen kleinen Moment nachlauschen.
Unmittelbar nach der Show ist das Adrenalin oft noch hoch, die Eindrücke manchmal überwältigend und die Distanz zum Geschehen noch nicht groß genug, um eine gründliche Auswertung vorzunehmen. Ich plädiere allerdings sehr für ein kurzes Feedback.  Die Kunst besteht hier darin, das Positive überwiegen zu lassen, auch wenn es anstrengend war. Bedenkt die drei verschiedenen Perspektiven: Publikum, Mitspieler und Ich. Jeder hat die Show anders wahrgenommen. Selbst wenn wir glauben, an unseren künstlerischen Maßstäben gescheitert zu sein, könnte es dennoch sein, dass das Publikum sich zu Recht über die Show gefreut hat. Und umgekehrt: Selbst wenn ich mich wohlfühle, kann es sein, dass sich meine Mitspieler von mir im Stich gelassen fühlten. Auch wenn drei Zuschauer die Show verlassen haben, können wir uns freuen, in neue Impro-Sphären vorgestoßen zu sein.
Zügelt euren Ärger und das zeitliche Ausmaß des Feedbacks. Mehr als anderthalb Minuten pro Spieler muss es nicht dauern. Bei großen Gruppen sogar weniger.
Beendet die Feedback-Runde mit einem kleinen Ritual und geht dann den Weg zurück, den ihr gekommen seid: Kümmert euch um euer persönliches Wohl, zieht euch um, schminkt euch ab. Packt eure Requisiten und Kostüme weg. Schaut zu, ob Techniker oder andere Assistenten Hilfe brauchen.
Dreht euch um, bevor ihr das Backstage verlasst und hinterlasst es in präsentablem Zustand.

Backstage – In der Pause

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


In Pausen müssen wir den Spagat schaffen, einerseits den Show-Fokus nicht zu verlieren und andererseits wirklich zu pausieren, also uns körperlich und geistig zu erholen.
Eine Pause sollte nicht länger als fünfzehn Minuten dauern, da sonst das Publikum ungeduldig wird. Das bedeutet aber für uns Spieler, dass wir die Pause auch gezielt als solche nutzen sollten, denn diese Zeit geht oft schneller vorbei als man glaubt.
Zunächst gilt es, rasch die körperlichen persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen: Ein kurzer Toilettengang und ein Getränk.
Längere Diskussionen gilt es in der Pause auf jeden Fall zu vermeiden, um die zweite Hälfte nicht mit etwaigen Meinungsverschiedenheiten zu belasten. Insofern verbietet sich auch eine Auswertung des ersten Teils in der Pause. Selbst wenn du die erste Hälfte als positiv wahrgenommen hast, solltest du deine Meinung in der Pause erst mal zurückhalten, da deine Mitspieler es unter Umständen auch anders wahrgenommen haben könnten.
Für die zweite Hälfte der Show kann man sich unter Umständen noch ein paar Fokuspunkte ins Gedächtnis rufen, vor allem wenn im zweiten Teil ein anderes Format gespielt wird.
Wenn man ein längeres Stück improvisiert, liegt manchmal die Versuchung nahe, die Story zu besprechen. Ich rate davon dringend ab, da das bisweilen darauf hinausläuft, vorauszugreifen oder verschiedene Perspektiven gegeneinander abzuwägen. Behaltet das Risiko für den zweiten Teil. Allenfalls ein zwei Nachfragen bei akustischen Missverständnissen oder eine Rekapitulation von Namen und grobem bisherigem Storyablauf sind aus Impro-Perspektive angemessen.
Was aber, wenn man sich nach der ersten Hälfte nicht ganz und gar nicht wohlfühlte, etwa weil man das Gefühl hatte, nicht wahrgenommen zu werden? Auch dann verbietet es sich, sämtlichen Frust auf die anderen abzuladen. Wenn du merkst, dass du mit deinem Unwohlsein allein bist, während alle anderen abfeiern, bitte einen Mitspieler um ein Warm-Up-Quickie, um wieder zusammenzukommen. „Peng!“, Reimen, Assoziieren oder Singen bieten sich an: Alles, was schnell geht, gute Laune schafft und die Spieler zusammenführt.
Was aber, wenn sich das schlechte Gefühl auf die ganze Gruppe gelegt hat, weil man das Gefühl hat, gründlich zu scheitern? In solchen Situationen hilft es, erst einmal für einen Moment gemeinsame Stille auszuhalten. Denn das Gute ist selbst in diesen Augenblicken: Wir arbeiten zusammen, nicht gegeneinander. Auch wenn es auf der Bühne Missverständnisse gegeben hat, haben wir ein gemeinsames Ziel. Findet schnell eine neue Energie, einen gemeinsamen Fokus, auf den ihr euch einigen könnt. Diskutiert nicht lange. Findet rasch den kleinsten gemeinsamen Nenner. Das kann unter Umständen bedeuten, dass man sich darauf einigt die Reißleine zu ziehen und den zweiten Teil völlig anders zu gestalten. Aber das empfehle ich nur als allerletzte Notmaßnahme.

Backstage vor der Show – „Wir brauchen kein Warm-Up“

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management

In meiner Anfangs-Phase als Improspieler traten wir manchmal zu Werbe-Zwecken bei einer Open Stage auf. Man hatte sieben Minuten Zeit, und das war’s. Für diesen kurzen Auftritt wärmten wir uns als Gruppe manchmal eine Viertelstunde lang auf. Irgendwann fragte ich die anderen, ob wir das wirklich bräuchten. Entrüstet hielt man mir Unprofessionalität vor. Und so fügte ich mich der Mehrheitsmeinung.

Ich denke, bei kleineren Auftritten wie Mixed Shows und Open Stages kann man sich überlegen, das formale Gruppen-Warm-Up wegzulassen. Schließlich kann es durchaus sein, dass die äußeren Bedingungen dagegen sprechen:
Belästigt man andere Künstler im Backstage mit dem eigenen Herumgehampel?
Eventuell hampeln andere Künstler um einen herum, so dass man sich aufs Warm-Up kaum konzentrieren kann.
Bei Firmenauftritten oder kurzen Shows auf Tagungen kann es sein, dass es weder die Zeit noch den Ort für ein Warm Up gibt.
Aber auch subjektive Gründe können gegen ein Warm Up sprechen. Wenn sich ein Spieler zum Beispiel schon vom Tag dermaßen ausgepowert fühlt, dass er sich die Reserven für die Show sparen will, sollten das die Kollegen in Erwägung ziehen.
Ich habe es auch erlebt, dass das Geplauder eine dermaßen heitere, künstlerisch-intelligente und kraftvolle Dynamik annahm, dass sie quasi fließend in ein sitzendes Warm Up überging und man entschied, das formale Warm Up fallenzulassen, da es nichts mehr hinzuzufügen gab.
Bei gewissen entspannten Shows, die sehr alltags- und publikumsnah aufgeführt werden, etwa zur Mittagspause im Universitäts-Café oder als Game-Show in einer Bar, kann man das Warm Up ebenfalls fallenlassen, wenn die Aufführung sozusagen eher einer Skizze als einer Gala gleicht.
Verzichtet man bei regulären Shows auf ein formales Warm Up, sollte man aber darauf achten, dass der Impro-Fokus erhalten bleibt. Die Zeit vor der Show stattdessen mit unterspanntem Lümmeln und improfremdem Getratsche zu verbringen, halte ich für Zeitverschwendung.

Backstage vor der Show – Fokus-orientiertes Warm Up

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Nachdem man körperlich und stimmlich wach ist und auch zu einem guten Miteinander gefunden hat, ist es Zeit, sich ein paar Spielen zu widmen, die tatsächlich auch mit der Show zu tun haben. Entscheidend ist, dass man noch genügend Scheiter-heiter-Energie hierher mitnimmt. Zu oft geschieht es nämlich, dass sich Spieler ihr Lampenfieber derart bündeln wollen, dass sie quasi die komplette Impro-Show vorwegnehmen wollen. So wichtig Fokus auch sein mag, er darf uns nicht lähmen und uns so unserer Spielfreude berauben.
Für diesen Punkt gibt es keine allgemein nutzbaren Spiele, da es sehr davon abhängt, was für eine Show man spielt. Wenn ihr ein musikalisch gewieftes Team seid, dann lohnt es sich vielleicht, sich mit mehrstimmigem Gesang aufzuwärmen, was in einer reinen story-basierten Show Quatsch wäre. Für eine Shakespeare-Show könnte man ein Fünfhebige-Jamben-Warm-Up vor die Show setzen (aber eben auch nur dafür).
Fast immer sind Übungen geeignet, die darauf fokussieren, rasch Charaktere zu erschaffen – aus Tieren, Objekten oder Personen.
In storybasierten Shows kann man noch eine Handvoll Fünf-Satz-Geschichten improvisieren.
Ich halte es durchaus für sinnvoll, wenn man vor der Show mit jedem anderen Spieler wenigstens eine kurze Szene improvisiert hat (was ab einer bestimmten Gruppengröße allerdings fast unmöglich ist ). Freeze Tags eignen sich da ganz gut, wenn man sie mit Spezial-Fokus spielt, da sie sonst allzu leicht in der Beliebigkeit verpuffen. Gute Fokuspunkte sind hier: Emotionalität, körperliche Orientierung der Charaktere, Veränderbarkeit der Figuren, Status, Pantomime, Nutzung des Raums. Man kann diesen Fokus allen Spielern zuweisen oder sich beim Spielen selber geben. Manchmal weiß man selbst am besten, was man braucht.

Backstage vor der Impro-Show – Gruppen-Aufwärmen – Heiteres Miteinander

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Jedes Warm-Up, das zum Miteinander-Sein beiträgt, das das heitere Scheitern und überhaupt die Spiellaune fördert, ist ein gutes Warm Up. Das müssen nicht einmal klassische Impro-Spiele sein.
Man beachte aber auch, dass manche Spiele für den Einen die Super-Auflockerung darstellen, für den Anderen aber eher zu viel Konzentration erfordern, zum Beispiel weil sie eine Fähigkeit in den Mittelpunkt stellen, die nicht jedermanns Sache sind, etwa Reimen, Singen, Dialekte, Tanzen. Achtet also bei der Auswahl eurer Spiele darauf, das sich alle wenigstens halbwegs wohlfühlen. Andererseits solltest du als Einzelspieler nicht allzu wählerisch sein und auch mal über deinen Schatten springen, um die Gruppendynamik nicht zu behindern.
Grundsätzlich denke ich, dass hier solche Spiele geeignet sind, die
körperliche Aktivität erfordern,
sprachliche Spielfreude einbringen
geistig nicht allzu fordernd sind
Gruppen-Aufwärm-Übungen, die ich für vor er Show geeignet halte, sind unter anderem:
Sieben
Gordischer Knoten
Ich bin ein Baum
Peng!
Kätzchen sucht ein Plätzchen
Big Booty
Zip-Zoom
Soundkreis
Bauernregeln
Freeze Tags
Freies Assoziieren
Für weniger geeignet halte ich Spiele, die zu lange dauern, etwa umständliche Rate-Spiele. Spiele wie Dissoziieren sind zwar ein gutes Hirntraining, aber ich würde sie eher für Proben aufbewahren, da sie den Flow nicht gerade fördern.
Wenn man eine Handvoll cooler Spiel-Übungen gefunden hat, spricht zunächst einmal nichts dagegen, sie über einen längeren Zeitraum immer wieder einzusetzen. Allerdings nutzen sich manche Spiele nach einer Weile ab. Wenn man merkt, dass die ganze Gruppe ein bestimmtes Spiel praktisch im Halbschlaf spielen könnte, dann ist es Zeit, es beiseite zu legen und sich aus dem riesigen Spielefundus ein neues herauszuholen.

Backstage vor der Show – Persönliche Vorbereitungen

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Seid euch vorher darüber im Klaren, was ihr körperlich und seelisch braucht, um auf die Bühne zu gehen. Nehmt euch entsprechend die Zeit.
Einige Improvisierer nutzen bereits den Weg zum Theater, als Übergang von der Alltags- in die Performance-Welt. Nützlich ist alles, was den Impro-Spirit fördert: Fokussierung, Leichtigkeit, künstlerischer Input, körperliche Wachheit, Verspieltheit, positives Denken. Abträglich sind: schwere Gedanken, sprunghafte Internet-Ablenkung (Facebook, E-Mails, Ballerspiele usw.).
Viele betreiben ein körperliches Warm Up schon zuhause: Ausdauer- und Auspowertraining hilft dem Geist, ruhiger zu fließen. Einen ähnlichen Effekt haben Yoga- und Dehn-Übungen.
Wenn man die Zeit dafür hat, kann man sich auf die Suche nach künstlerischer Inspiration begeben – eine Galerie besuchen, Gedichte lesen usw. Auch hier ist nachhaltige Auseinandersetzung eher gefragt als schnelle Berieselung wie Videoclips.

Eine spezielle Form der gemeinsamen Vorbereitung hat das Duo TJ & Dave gefunden, das auch auf seiner DVD „Trust us“ zu sehen ist: Die beiden spazieren vor der Show zwei Stunden lang durch die Stadt. In der ersten Stunden beobachten sie gemeinsam Situationen und Typen, die möglicherweise in die abendliche Vorstellung einfließen. Anschließend betreibt jeder von ihnen diese Sozialstudien noch einmal für sich allein.

Manche mögen es, im Verkehr Musik zu hören. Ich empfehle Klassik im Öffentlichen Personennahverkehr und Rockmusik zum Mitsingen, wenn man Auto fährt.

Im Theater selbst rate ich dazu, während der Phase der persönlichen Vorbereitung auf folgendes zu achten.

  1. Sorgt für euer physisches Wohl.
    Nutzt die Zeit der persönlichen Vorbereitung, falls ihr noch einen kleinen Snack zur Stärkung benötigt . Zwischendurch-Essen bei der Showbesprechung oder gar beim Warm Up tut weder euch noch der Gruppe gut.
    Für den Gang auf die Toilette gilt das Gleiche.
  2. Nutzt die Zeit, um euch umzuziehen.
    Selbst wenn eure Gruppe leger in Alltagskleidung spielt, solltet ihr durchs Umziehen einen Übergang schaffen. Winterstiefel oder Sandalen sollten auf der Bühne allenfalls als Kostümelemente vorkommen.
  3. Make Up ist zumindest dann angebracht, wenn ihr mit starken Scheinwerfern arbeitet und wenn seit dem frühen ein blühender Pickel euer Begleiter ist. Wer zu hellen Augenbrauen oder zu Augenringen neigt, wird wohl ebenfalls Abhilfe schaffen wollen.
  4. Findet eure innere Ruhe.
    Innere Ruhe zu finden, heißt für viele, das Lampenfieber in den Griff zu kriegen. Ein kleines Maß an Aufregung ist OK, da es einen wach hält, aber echtes Lampenfieber bedeutet letztlich Bühnenangst. Bei vielen führt diese Angst zu Übersprungshandlungen: Die Show bis ins letzte Detail besprechen, sich andauernd nachschminken, die Technik immer wieder überprüfen und nachbessern, usw.
    Eine gute Möglichkeit, das Lampenfieber zu senken und die rasenden Gedanken zu beruhigen, ist eine kleine Meditation: Suche dir dafür ein Plätzchen, wo du einigermaßen ungestört bist. Verschließe dir eventuell deine Ohren mit Ohrstöpseln. Setze dich. Nimm deinen Körper wahr. Nimm deinen Atem wahr. Schließe die Augen und achte nur auf deinen Atem. Wenn du von anderen Gedanken gestört bist, lächle, wenn sie vorbeiziehen. Öffne nach einer Minute die Augen. Lächle und freue dich auf das, was gleich bevorsteht.
  5. Finde einen Moment der Konzentration auf die Show.
    Gehe kurz noch mal für dich die wichtigsten Punkte des Ablaufs durch. Nimm dir einen, maximal zwei Fokuspunkte für die heutige Show vor. 

Backstage vor der Show – Technische Vorbereitung

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Im besten Fall habt ihr einen Techniker, der für euch alle ton-, licht- und bühnentechnischen Vorbereitungen trifft. Dazu gehört als Minimum:

  • Einrichtung der Scheinwerfer
  • Soundcheck
  • Vorbereitung von Show-Utensilien (Stift, Papier, Stoppuhr usw.) und Requisiten (Stühle und eventuell andere Objekte)

Eventuell erweitert sich die Aufgabe der Techniker um:

  • Bühnenaufbau
  • Bestuhlung des Publikums-Saals
  • Vorbereitung von Kasse und Einlass
  • Pausen- und Einlassmusik

Wenn man zum ersten Mal auf einer neuen Bühne steht, gehört es zur technischen Vorbereitung, sie auszuprobieren und abzuschreiten und die Akustik auszuprobieren. Seht zu, dass ihr bei Bühnen, die ihr regelmäßig bespielt, für die Mikrofone die richtige Einstellungen findet und euch notiert, damit ihr euch nicht jedes Mal aufs Neue die mühselige und zeitraubende Arbeit des Soundcheck machen müsst.

Backstage vor der Show – Plauderei

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Leichtes Geplauder hilft vielen Spielern, überhaupt als Gruppe zusammenzukommen. Man fühlt sich gehört. Und schließlich kann heitere Plauderei schon wie ein kleines spielerisches Aufwärmen funktionieren.
Geplauder hält allerdings einige Fallen parat. Daher hier ein paar Ratschläge:

  1. Behaltet die Zeit im Auge. Plauderei ist ihrem Wesen nach zielfrei und mäandert vor sich hin. Wenn das auf Kosten der essentiellen Dinge wie Aufwärmen und technische Vorbereitung geht, ist das fatal.
  2. Haltet die Plauderei leicht. Schwere oder kontroverse Themen sind tabu. 
  3. Lästert nicht!
  4. Auch wenn heiteres Geplauder mal in Sarkasmen umschlagen kann, sollte man darauf achten, dass daraus keine negative Energie entsteht. Dauerhafter Zynismus ist unbedingt zu vermeiden.
  5. Nicht jeder liebt es zu plaudern. Für andere gibt es nichts Schöneres. Findet eine angemessene Balance zwischen den individuellen Bedürfnissen.

Anmerkung zu Punkt 2: Dies kann manchmal schwierig sein, gerade wenn einen wirklich etwas bedrückt. Aber ein gewisses Maß an Sorgenfreiheit im Backstage gehört zur Gruppen-Psychohygiene dazu. 

Schmerzhafte Gruppengründung aus Workshops

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Oft passiert es, dass sich ganze Workshop-Klassen selbständig machen. Das fühlt sich oft zunächst ganz gut an, da man den positiven Schwung aus den Impro-Kursen in die Gruppe mitnimmt. Aber dieser Automatismus schlägt manchmal zurück, da vieles unausgesprochen bleibt, über das sich eine Gruppe verständigen sollte. Eine Workshop-Gruppe ist etwas anderes als ein regelmäßig auftretendes Ensemble. Die Trennungen, die sich hier vollziehen, sind oft schmerzhaft, da man einander oft mag und gemeinsam in die Geheimnisse der Improvisation eingedrungen ist. Aber um wieviel schmerzhafter ist es, wenn man sich in einer bestehenden Gruppe von Mitgliedern trennen muss! Jede, wirklich jede Gruppe, die aus einem Workshop hervorgegangen ist, muss diesen Schritt früher oder später gehen. Geht man ihn während eines bestehenden Workshops, gerät die Chance, die kameradschaftliche Grundlage zu erhalten, zwar ins Wanken, wird aber nicht zerstört. Der Rausschmiss eines Mitglieds führt fast immer zu gegenseitigen Verletzungen. Zwei Fragen muss man sich hier stellen: 1. Will man mit dieser oder jener Person zusammen auf der Bühne stehen? 2. Kann diese Person das auch dauerhaft leisten? Nur wenn man beide Fragen herzhaft bejahen kann, sollte man die Personen aufnehmen. Dass man sich gegen einen Spieler entschieden hat, muss nicht einmal mit seinen Impro-Fähigkeiten zu tun haben. In einer mir bekannten Gruppe, flossen Tränen, als sich alle darüber im Klaren wurden, dass O., den alle mochten und der ein großartiger Improvisierer war, nicht in den Kreis der Spieler aufgenommen werden konnte, da seine kaputten Stimmbänder verhinderten, dass man ihn überhaupt im Publikum hätte verstehen können. Schließlich gab man ihm den Techniker-Job – eine Lösung, mit der alle gut leben konnten.

Ergänzung 2019: Diese Gedanken wurden später noch ausgeführt in Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“