271. Nacht – e)

Übe derzeit von Mozarts Klaviersonaten die langsamen Sätze aus:

– Sonate in F, KV 280
– Sonate in B, KV 281 (im Vibraphon-Sound)
– Sonate in Es, KV 282

Alle drei Sätze der

– Sonate in C, KV 545

Die Allegro-Sätze der

– Sonate in B, KV 333 (fast aufgegeben)
– Sonate in F, KV 332

Außerdem

– Mussorgskis Promenade aus "Bilder einer Ausstellung"
– Händels "Fantasie" G-Dur

*

Perî Banû lässt nach ihrem Bruder Schabbar schicken. Dieser trifft ein:

Ein Männlein von Zwergengestalt, das nur drei Fuß hoch war, mit einem Höcker auf der Brust und einem Buckel auf dem Rücken; doch trotzdem trug er eine stolze Miene und ein geheimnisvolles Aussehen zur Schau. Auf seiner rechten Schulter lag eine Keule aus Stahl, die zweihundertsechzig Pfund wog. Sein Bart war dicht und zwanzig Ellen lang, aber so kunstvoll geflochten, dass er den Boden nicht berührte; auch trug er einen langen gedrehten Schnauzbart, der sich bis zu seinen Ohren hinaufkräuselte, und sein ganzes Gesicht war mit langen Haaren belegt. Seine Augen sahen ähnlich ie Schweinsaugen aus; sein Kopf, auf dem er einen kronenartigen Haarwulst trug, war ungeheuer groß und hob sich gewaltig gegen den winzigen Leib ab.

Als Ahmed und Schabbar nun in die Hauptstadt gehen, fliehen die Einwohner vor Schrecken in ihre Häuser und lassen Pantoffeln und Turbane fallen. Auch der König hält sich vor Grausen die Hände vors Gesicht, was den Zwerg erzürnt.

Und so hob der Dämon, ohne einen Augenblick zu zögern, seine stählerne Keule, schwang sie zweimal durch die Luft und traf, ehe der Prinz Ahmed den Thron erreichen konnte, den Sultan so gewaltig auf den Kopf, dass sein Schädel zerschlagen und das Hirn über den Boden gespritzt ward.

Den Großwesir kann Ahmed gerade noch so retten.

Warum eigentlich?

Doch die anderen Minister und die Hexe werden von Schabbar erschlagen.
Ahmed wird nun zum König, macht seinen Bruder Alî mitsamt Gattin Nûr en-Nahâr zum Statthalter einer großen Stadt und bietet dies auch Husain an, der aber das Derwischleben vorzieht.

Bemerkenswertes Happy End: Der Vatersmörder als neuer König.

 

Die Geschichte von Hâtim et-Tâi

Hâtim et-Tâi (ein für seine Großzügigkeit berühmter vorislamischer Held der arabischen Welt) wurde auf einem Berg bestattet, um ihn herum Statuen junger Mädchen.
Der König von Himjar Dhu el-Kurâ lagerte dort eines Nachts mit seinen Gefährten und spottet vorm Schlafengehen:

"O Hâtim, wir sind heute abend bei dir zu Gaste, und wir verschmachten vor Hunger."

Des Nachts erscheint ihm Hâtim et-Tâi im Traum und erschlägt die Reitkamelin, die tatsächlich stirbt, als Dhu el-Kurâ erwacht und gebraten wird.
Als sie am nächsten Tage weiterreiten begegnet ihnen Âdi, der Sohn des Hâtim et-Tâi und bietet ihnen eine Reitkamelin an, da ihm dies sein Vater im Traum befahl. So war Hâtim et-Tâi selbst im Tode noch großzügig.

Der Weise

271. Nacht – d)

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Gebrauchsanweisung für Großstädte

1. Das Dörfchen in der Stadt
Glaube nicht, die ganze Stadt bewohnen zu müssen. Nutze ein paar wenige Orte, in denen du arbeitest, wohnst, dich erholst. Vor allem junge Kleinstadtbewohner, die in die Großstadt ziehen, sind zunächst vom kulturellen Überangebot fasziniert, dann gestresst und irgendwann überfordert. In deiner Kleinstadt gab es alle 10 Wochen eine Theaterpremiere. Hier gibt es 10 Theaterpremieren pro Tag! Vergiss das "Das muss man gesehen haben", das dir deine neuen Freunde einzureden versuchen. Gar nichts muss man. Behalte die Übersicht über deine Gegend.

2. Behalte die innere Ruhe inmitten der Hektik.
Hektik steckt an. Behalte deine innere Ruhe. Vor allem im Straßenverkehr. Bedenke, dass jeder sein eigenes Timing hat. Lass es ihnen.
Wenn dich die Hektik erfasst hat, tu weniger und das richtig.

3. Ignoriere das Ignorierbare.
Wie du schon bemerkt haben dürftest: Die Stadt ist voller Freaks und Verrückter. Aber du bist einer von ihnen. Lass dich nicht vom Wahnsinn in die Irre oder in den Ärger treiben. Kleine Regelverstöße sind Teil des Großstadtalltags.

4. Bewahre dir Empathie und Zivilcourage
Ignoriere nicht das, was man nicht ignorieren darf. Dutzende mögen an einem Mann der auf einer Treppe zusammengebrochen ist, vorübergehen. Hilf ihm!
Schreite ein, wo man einschreiten muss. Du kannst den Hundebesitzer, der den Dreck seines Tieres nicht beseitigt, ignorieren, nicht aber jemanden, der einen anderen bedroht.

5. Natur
Großstädte sind Betonwüsten. Großstadtbewohner leben tendenziell kürzer. Suche Luft, Licht, Natur und Bewegung. Täglich.

6. Sei ein guter Nachbar.
Je mobiler wir sind, umso distanzierter wird unser Verhältnis zu unseren Nachbarn. Baue zu ihnen ein gutes Verhältnis auf. Gegenseitige Hilfe und Rücksichtnahme ist wichtiger als Recht behalten.

7. Nimm Übles nicht persönlich
Der blökende Busfahrer, die betrunkene Radfahrerin, der fiese Fahrkartenkontrolleur – sie scheinen es alle auf dich abgesehen zu haben. Haben sie nicht. Sie leiden heute lediglich an der Großstadt. Es hat nichts mit dir zu tun.

8. Entdecke die Stadt
Wohne in deinem Viertel, aber suche von Zeit zu Zeit immer wieder ungewöhnliche Orte in deiner Stadt auf.

9. Tu Gutes, aber erwarte es nicht.

10. Sieh das Ganze
Eine Großstadt ist ein ungeheuer komplexer Prozess. Mach dir die Mühe und versuche, sie dir vorzustellen, als von dir geschaffenes Räderwerk, in dem alles seinen Platz hat. Sei jedem dankbar für seine Arbeit hier.

11. Genieße die Freiheit.

 

***

 

Man hätte es sich denken können, aber die Hexe rät nun dem trübsinnigen König, den Sohn eine weitere Aufgabe lösen zu lassen:

"Du brauchst dem Prinzen Ahmed nur zu befehlen, dir Wasser aus dem Löwenquell zu bringen. Er muss notgedrungen um seiner Ehre willen deinen Wunsch erfüllen."

Tatsächlich wünscht sich der Vater dies, und Ahmed trägt Perî Banû diesen Wunsch vor, die Böses ahnt, aber ihn instruiert, wie Egon Ohlsen einst seine Gefährten. Um die wilden Löwen, die das Wasser hüten, zu besänftigen, braucht er:
– einen Garnball
– Zwei Rosse
– ein in vier Teile zerlegtes, frisch geschlachtetes Schaf
– eine Phiole
Statt zu Bang Johansen reitet Ahmed nun zur Löwenquelle, besänftigt die Löwen mit dem geschlachteten Schaf, die ihn, nachdem er das Wasser geschöpft hat, auch noch in die Stadt seines Vaters begleiten.

 

Das Wasser der Löwenquelle hat übrigens dieselbe allheilende Wirkung wie der Apfel, den Ahmed zu Beginn der Geschichte bereits besorgt hatte und welcher Nur en-Nahâr geheilt hatte.
Doch auch ein drittes Mal setzt die Hexe dem König einen Floh ins Ohr, und er verlangt nun von seinem Sohn:

"Ich möchte, dass du mir einen Mann bringst, der an Wuchs nicht mehr als drei Fuß misst, aber einen Bart von zwanzig Ellen Länge hat; der soll auf seiner Schulter einen kurzen stählernen Stab, zweihundertsechzig Pfund schwer, tragen, den er mit Leichtigkeit hebt und, ohne die Stirne kraus zu ziehen, um seinen Kopf wirbelt, so wie die Menschen hölzerne Keulen schwingen."

Einen solchen Mann gibt es – den Bruder von Perî Banû.… Weiterlesen

271. Nacht – c)

Was ich dann alles doch nicht oder nur mal kurz geworden bin:

– Mathematiker
– Informatiker
– Mathe/Physik-Lehrer
– Filmregisseur
– Filmschauspieler
– Großhandelskaufmann
– Leichtathlet
– Opernsänger
– Jurist
– Sozialwissenschaftler
– Rockmusiker
– Stand Up Comedian
– Entwicklungs-Consultant
– Linguist
– Politiker
– Ruderer

***

Mein Jahr 2009
Januar – April

 

Mai – August

 

***

Tatsächlich wünscht sich der König ein derart gigantisches Zelt:

"Sollte es dir etwa nicht gelingen, und solltest du mir die gewünschte Gabe nicht bringen, mein Sohn, so möchte ich dein Antlitz niemals wiedersehen. Dann wärest du fürwahr ein trauriger Gatte, wenn deine Gemahlin dir ein so geringfügig Ding abschlagen würde."

Wer hört so etwas nicht gern vom eigenen Vater?

Perî Banû willigt traurig ein, denn sie weiß sicher,

"dass sein Ende nahe ist (…) und dass dein Vater, der von dem kommenden Unheil nichts ahnt, seinen eigenen Untergang betreibt."

Auf Ahmeds Erschrecken hin, klärt sie ihn auch über die alte Zauberin auf:

"Jenes Weib ist eine Hexe aus Satans Brut."

Der Wunsch wir allerdings flugs von Perî Banûs Schatzmeisterin Nûr Dschehân erfüllt. Prinz Ahmed überreicht seinem Vater das Wunderwerk, und gleich einem Kinde, das einen unverschämten Wunsch erfüllt bekommen hat, reagiert auch er:

Es ist seltsam aber wahr, dass im Herzen des Sultans, als er dies seltene Geschenk von dem Prinzen erhalten hatte, Furcht und Zweifel, Neid und Eifersucht auf seinen Sohne, die von der Hexe und dem boshaften Wesir und seinen anderen üblen Beratern in ihm erregt waren, nur noch größer und lebhafter wurden.… Weiterlesen

271. Nacht b)

Kantinenlesen-Essen mit Uli Hannemann Ahne, Hans Duschke, Jakob Hein, Anselm Neft, Stefanie Winny, Falko Hennig, Robert Rescue, Frank Sorge, Bohni, Micha Ebeling, Volker Strübing, Volker Surmann, Ivo Smolak und Kirsten, Lea Streisand, Kirsten Fuchs, Daniela Böhle, Paul Bokowski. Heiko Werning, Thilo Bock, Michael-André Werner, Sarah Schmidt, Manfred Maurenbrecher. Im persischen Restaurant Sufissimo. Gutes Essen, nette Bedienung, ein wenig Slowfood-Tradition, durchaus empfehlenswert. Kein einziger Wein wurde verkauft. Im letzten Jahr noch mehr Freundinnen dabei. Die Kellnerinnen tun einem leid, weil bei uns reflexartig jeder zu seiner Bestellung noch einen lustigen Spruch glaubt machen zu müssen oder an der eigenen Entscheidungsunfähigkeit (es gibt nur 4 Gerichte) scheitert. Aber Mascha verliert den ganzen Abend über ihr Lächeln nicht. Mit einigen kommt man dann doch nicht ins Gespräch. Aber ich habe mir abgewöhnt, bei solchen Feiern mich verpflichtet zu fühlen.
Ein Lesebühnen-Gruppenfoto kommt nicht zustande. Ein bis auf zwei Autoren fast komplettes hätten wir auf Steins Beerdigung schießen können, selbst aus alten Zeiten waren noch Kollegen da. Die Chance gibt es wahrscheinlich (oder sollte man sagen "Hoffentlich"?) nicht so schnell wieder.

Ingeborg Junge-Reyer ist der Name jener Sozialdemokratin, deren Aufgabe es ist, für eine angemessene Stadtentwicklung in Berlin zu sorgen. Zum Thema Gentrifizierung fällt ihr allerdings nur ein, dass es doch gut sei, wenn in ein Haus, in dem sonst nur Arbeitslose wohnen, jemand einzieht, der einen Job hat. Anscheinend bezieht die Dame ihr Wissen über das Thema aus einer halbseitigen Zusammenfassung, die ihr ein Referent auf den Schreibtisch gelegt hat. Fazit: Man kann sowieso nichts machen.
Natürlich ist es begrüßenswert, wenn die Qualität der Häuser verbessert wird, wenn in einen armen Bezirk auch Wohlhabende ziehen, wenn es neben Eckkneipen auch Cafés gibt usw., aber ab einem bestimmten Punkt kippt es. Die Prognosen des guten alten Häußermann haben sich in dem Punkt bisher ziemlich bewahrheitet: Mietenexplosion in Mitte und Prenzlauer Berg. Massive Verdrängung der lange dort wohnenden Bevölkerung, teilweise sogar mit Gewalt. Aber von brennenden Dachstühlen, verstopften Schornsteinen, vermauerten Türen, abgestelltem Wasser lässt sich weniger knackig schreiben als von brennenden Autos.
Soviel zur Tagespolitik.

*

Es folgen: Zimmer aus Gold, Silber, Edelsteinen, köstliche Mahlzeiten, Sängerinnen, Tänzerinnen, Polster und

Kissen, die aus Stickperlen und altpersichen Geweben gearbeitet waren,

Gäste, Sklavinnen usw.

Sechs Monate flossen ihm so im Feenlande dahin, neben Perî Banû, der er in so zärtlicher Liebe zugetan war, dass er es auch nicht einen Augenblick ertragen konnte, sie nicht zu sehen. (…)
Doch nach einer Weile erwachte sein Gedächtnis aus dem Schlummer, und bisweilen ertappte er sich dabei, wie er sich danach sehnte, seinen Vater wiederzusehen.

Die großzügige Prinzessin gestattet ihm die Reise, obwohl sie vor Sorge vergeht. Unterdessen grämte sich natürlich Ahmeds Vater, und wie so oft kooperieren ein böser Wesir, der dem Herrscher einen Floh ins Ohr setzt, der Sohn könne etwas gegen ihn im Schilde führen und eine alte Zauberin, die sich zum Werkzeug des Bösen machen lässt. Sie findet zunächst heraus, dass Ahmed noch lebt. Cut! Unterdessen nimmt Perî Banû ihrem Gatten das Versprechen ab,

"dass du mit aller erdenklichen Eile hierher zurückkehren willst, und dass du mir nicht durch langes Fernsein schmerzliche Sehnsucht und banges Warten auf deine sichere Heimkehr verursachen wirst."

Natürlich darf er nichts vom Feenland erzählen. Sie gibt ihm noch zwanzig Ritter mit, und der grandiose Einzug in die Hauptstadt ist garantiert.

Dort ward er mit so lautem Jubel empfangen, wie man ihn noch nie zuvor im Lande vernommen hatte.

Als er sich seinem Vater nähert gibt er ihm ein redundantes Verlaufsprotokoll der Ereignisse, das wir uns hier sparen. Der Sultan bittet nun seinen Sohn, ihn einmal pro Monat zu besuchen. Als Ahmed nach vier Tagen zu Perî Banû zurückkehrt, gewährt sie ihm von nun an bedingungslose Reisefreiheit.
Als Ahmed zum zweiten Mal seinen Vater besucht, wird der Neid des Wesirs angestachelt:

"Niemand vermag zu sagen, woher der Prinz kommt und auf welche Art er sich solch ein prächtiges Gefolge verschafft hat."

Und wie es in dieser Art von Geschichten eben geht: Die Charaktere bleiben konstant. Psychologisierung oder gar Soziale Konditionierung entfällt. Er ist neidisch = er war neidisch = er wird immer neidisch sein.

Der König wird nervös und beauftragt die Zauberin, herauszufinden, wo Ahmed immer verschwindet, doch die Tür zum Feenpalast bleibt dem menschlichen Auge verborgen, also muss sie eine List anwenden und verkleidet sich als alte, kranke Bettlerin. Prinz Ahmed erbarmt sich ihrer und nimmt sie mit zur Pflege in den Palast.

Wieder einmal das Motiv der listigen Alten, die sich verkleidet einnistet. Fehlte nur noch, dass sie die Fromme mimt und alleingelassen werden will. Doch das bleibt uns diesmal erspart.

Perî Banû entdeckt den Schmu:

"Diese Frau ist nicht so krank, wie sie sich stellt, nein, sie übt Betrug an dir, und mir ahnt, dass irgendein Neider gegen dich und mich Arges im Schilde führt."

Mit einem Trunk aus der allheilenden Löwenquelle wird die Alte wieder auf die Beine gebracht und entlassen. Am Tor sieht sie sich um und findet den Eingang nicht mehr. Dem Sultan berichtet sie alles und stachelt ihn auf:

"Wer weiß, ob er nicht mithilfe von Perî Banû Zwietracht und Zwiespalt im Reiche hervorrufen wird? Hüte dich vor den Listen und der Tücke der Frauen."

Der letzte Satz entfaltet natürlich seine Ironie, wenn er von einer listigen und tückischen Frau ausgesprochen wird.

Den Rat seines Ministers, den Sohn hinrichten zu lassen, verwirft er, lieber will er ihn in den Kerker werfen lassen, aber die Zauberin rät ihm ab, da die Knappen von Prinz Ahmed schließlich Dämonen sind. Lieber möge er seinen Sohn "auf die Probe stellen" und ihn ein Zelt besorgen lassen, dass den ganzen Hofstaat aufnehmen könne. Daraufhin würde sie sich eine weitere Probe ausdenken, usw., bis er am Ende seiner Kräfte sei und endlich gedemütigt und beschämt sich nicht mehr in die Hauptstadt wagen.

271. Nacht a)

Diskussion bei der Chaussee, ob es sich lohnt, unsere Lotsen am Tor2 des RAW zu positionieren, solange wir im Skandal auftreten. Ist es peinlich und hirnverbrannt, wie die eine Fraktion meint, oder liebenswürdig und notwendig, wie die anderen sagen? Wie in der Mathematik kommt man der Sache näher, wenn man sich das Extrem der anderen Seite vorstellt: Man stünde umsonst am Tor oder es kämen wöchentlich Hunderte dort vorbei.
Indessen ignoriert uns de zitty im Programmteil, während sie uns in der vorigen Ausgabe noch mit einem Tagestipp bedachte.
Was die Immobilienspekulanten auf dem RAW nun vorhaben, ist unklar. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass 2007, beim Verkauf des Geländes nur der offizielle Preis gezahlt wurde (obwohl doch die Immobilien- und Baubranche doch sonst als so sauber gilt.)
Trenne mich nun von 10 Jahrgängen "Rolling Stone". Die New Noises CDs klingen für mich von Jahr zu Jahr gleicher. Meine besten Entdeckungen der Nullerjahre habe ich aber auch diesem Heft zu verdanken: Fiona Apple, Laura Veirs, The Strokes. Es sieht nicht so aus, als würde ich mehr als 1 Euro pro 12 Hefte bei Ebay dafür bekommen.
Kuriositäten bei Facebook: Ich soll Fan einer Künstleragentur werden, die sich nicht mit ihren Künstler rühmt, sondern damit, dass sie wirbt. Wieder eine Freundschafts-Anfrage eines ausländischen Künstlers, der mich mit Daniel Richter aus Hamburg verwechselt.
Grob fahrlässige Körperverletzung im Pflegeheim. Aber man zögert, Anzeige zu erstatten, aus Angst, der geliebten Verwandten könne dann noch übler mitgespielt werden. Alternativen: Keine; denn es ist eines der teuersten und am besten ausgestatteten Heime der Gegend, und die Schlamperei und der Zynismus des Pflegepersonals dem Vernehmen nach überall gleich.

*

Ahmed geht wieder eines Morgens den Pfeil suchen.

Wie er so überall suchte, sah er, nachdem er schon etwa drei Parasangen weit gegangen war, den Pfeil flach auf einem Felsen liegen.

Wieviel das sein mag, darüber wird noch gestritten. Wahrscheinlich zwischen 5 und 10 km.

Er entdeckt, dass der Pfeil nicht steckt, sondern abgeprallt war.

Darauf bahnte er sich einen Weg zwischen den spitzen Klippen und den großen Blöcken und kam alsbald zu einer Höhle im Boden, die in einen unterirdischen Gang auslief.

Bis er schließlich an einem unterirdischen Palast landet.

Und alsbald trat aus dessen Inneren eine liebliche Maid, schön und voll Liebreiz, eine Feengestalt in fürstlichen Gewändern und über und über mit den kostbarsten Juwelen geschmückt. Sie schritt langsam und majestätisch dahin und doch anmutig und bezaubernd, umgeben von ihren Dienerinnen wie der volle Mond von den Sternen.

Na, auf so etwas wartet man doch! Die ganze Zeit wird der Leser in die Irre geführt mit irgendwelchen Abenteuern, die die Brüder zu bestehen haben, einer Cousine, die geheiratet werden soll, und nun kommt diese Beauty-Queen. Aber es kommt noch besser:

"Herzlich willkommen, Prinz Ahmed! Ich bin erfreut, dich zu sehen. Wie ergeht es deiner Hoheit, und weshalb bist du so lange mir ferngeblieben?

Nicht nur, dass sie seinen Namen weiß, sie führt ihn auch in den Palast, sie gibt sich ihm auch als Fee zu erkennen:

Du hast wohl in der Heiligen Schrift gelesen, dass diese Welt nicht nur eine Wohnstätte von Menschen ist, sondern auch von einem Geschlechte, das man die Geisterwesen nennt, die an Gestalt den Sterblichen ganz ähnlich sind.

Vielleicht ist diese Stelle gemeint: "In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die berühmten Männer." (1. Buch Mose 6, 4)
Oder sollte sie sich auf die im Koran Dschinni erwähnten Dschinni beziehen?

"Ich bin die einzige Tochter eines Geisterfürsten von vornehmster Abkunft, und mein Name ist Perî Banû."

Sie war es, die den nicht weit genug abgeschossenen Pfeil entführte und vor ihre eigene Schwelle legte.

Also sprach die schöne Maid Perî Banû, indem sie mit dem Blicke sehnender Liebe zu Prinz Ahmed aufschaute; dann aber senkte sie die Stirn in züchtiger Scham und wandte den Blick ab.

Sie möchte ihn ehelichen, und erläutert dies mit einem erstaunlich emanzipierten Standpunkt der Feenwelt:

"Ich habe dir bereits gesagt, dass ich hierüber mit vollkommenster Willensfreiheit entscheiden kann. Zudem ist es bei uns Sitte und uralter Brauch, dass wir Mädchen, wenn wir das mannbare Alter und die Jahre des Verstandes erreichen, nach dem Gebote des Herzens uns vermählen dürfen, eine jede mit dem Manne, der ihr am meisten gefällt und von dem sie glaubt, er werde ihr das Leben am glücklichsten machen. So leben denn Mann und Frau ihr ganzes Leben in Eintracht und Glück. Wenn aber eine Jungfrau von ihren Eltern nach deren Wahl, nicht nach ihrer eigenen, vermählt wird, und sie so an einen Gefährten gekettet wird, der nicht der rechte für sie ist, weil er eine hässliche Gestalt oder ein hässliches Wesen hat und ihre Zuneigung nicht zu gewinnen vermag, dann werden die beiden wohl ihr ganzes Leben lang miteinander streiten, und Not ohne Ende wird für sie aus einer solchen unglücklichen Verbindung entstehen. (…)
Wir tun offen unsere Neigung dem Manne kund, den wir lieben, und wir brauchen nicht zu warten und zu schmachten, bis wir umworben und gewonnen werden."

Was die Bemerkung vom in züchtiger Scham gesenkten Blick Lügen straft. Jedenfalls kann Ahmeds Cousine Nûr en-Nahâr von solcher Wahlfreiheit nur träumen, denn gefragt wurde sie ja nicht.

Doch auch die Eheschließung erfolgt unkonventionell:

"Du bist mein Gemahl, und ich bin dein Weib. Dies feierliche Versprechen, das wir beide einander geben, steht an Stelle einer Eheurkunde. Wir brauchen keinen Kadi; den bei uns sind alle andern Förmlichkeiten und Zeremonien überflüssig und nutzlos."

Es wäre schön zu wissen, ob wir es hier mit der utopischen Phantasie einer weiblichen Erzählerin zu tun haben oder vielleicht eines männlichen, der sich vielleicht eine Beziehung auf Augenhöhe erträumt.

271. Nacht

Die Geschichte von dem Prinzen Ahmed und der Fee Perî Banû

Eine Fußnote des Übersetzers Littmann merkt an, dass diese Geschichte in der Kalkuttaer Ausgabe nicht vorkommt.

Ein König von Indien hat drei Söhne – Husain, Alî und Ahmed, die sich alle für ihre Cousine Nûr en-Nahâr interessieren. Da der König keinen von ihnen bevorzugen will, stellt er ihnen die Aufgabe, in die Welt zu ziehen. Welcher ihm das Sonderbarste brächte, der dürfe die Prinzessin Nûr en-Nahâr ehelichen.
Weitschweifend wird von den Reisen der Brüder berichtet, die gemeinsam losziehen und sich nach einem Jahr in einer Karawanserei wieder treffen wollen. Husain bringt einen fliegenden Teppich mit, ‚Alî ein Fernrohr, das alles erkennt und Ahmed einen Apfel, der alle Krankheiten heilt, wenn man an ihm riecht.

Dies ist hier die erste Geschichte mit fliegendem Teppich!

Als sie sich nach einem Jahr wiedertreffen, schauen sie durchs Fernrohr nach Nûr en-Nahâr.

Diese Schlingel.

Aber die Prinzessin ist krank, also reisen sie per Teppich zu ihr, Ahmed lässt sie an seinem Apfel riechen und sie gesundet auf der Stelle.
Da nun alle denselben Anteil an ihrer Errettung haben, steht der Sultan vor demselben Problem wie zuvor. Nun müssen sich die Söhne im Pfeilweitschießen messen.

Das hätten sie im Grunde auch vorher tun können, nur wäre dann die Prinzessin nicht am Leben. Was aber den Leser irritiert ist die narrative Folgenlosigkeit der auf mehreren Seiten ausgebreiteten Erzählung der Reisen der Söhne. Sie steht im Grunde für sich und ist ohne Plotrelevanz.

Alî schießt den Pfeil weiter als Husain. Den Pfeil von Ahmed findet man nicht mehr. Also wird Alî verheiratet.

Prinz Husain aber wollte bei dem Hochzeitsfeste nicht zugegen sein, da er enttäuscht und von Eifersucht erfüllt war; denn er war der Herrin Nûr en-Nahâr mit einer viel heißeren Liebe zugetan als seine beiden Brüder. Darum legte er seine fürstlichen Kleider ab und zog im Gewande eines Fakirs von dannen, um als Einsiedler zu leben.

Lebensverneinung als Problemlöser. Erst extremer Schmerz scheint die Liebe zu beweisen – das Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten.

Der jüngste Bruder Ahmed verweigert sich auch dem Hochzeitsfest und sucht stattdessen den Pfeil.

 

141. Nacht

Korrektur zur 140. Nacht: Der Pferdedieb stahl es nicht dem Anführer der Christen, sondern dem Anführer der muslimischen Kaufleute, der es wiederum den christlichen Eindringlingen abgenommen hatte. Die Christen unter Führung der alten, uns sattsam bekannten Dhât ed-Dawâhi wurden von dem Anführer der muslimischen Kaufleute Kahardâsch gefangengenommen, aber durch das Zureden der Alten ließ man sie wieder frei, und in diesem Moment schnappte der Pferdedieb zu, nicht ohne verletzt zu werden.
In der Hoffnung, es vielleicht doch noch in seine Heimat zu schaffen, versucht Kân-mâ-kân, ihn auf sein Pferd zu heben, doch er sagt einen letzten Reuevers, spricht das Glaubensbekenntnis und stirbt.
Inzwischen hat sich der Wesir Dandân gegen den ehemaligen Kammerherrn und jetzigen König Sasân empört und das halbe Heer an sich gerissen, mit diesem ist er

bis zu den Indischen Insel, bis zum Berberlande und bis in den Sudan gekommen.

Wieder einmal sehr schwer vorstellbar, wie man sich diese Wanderung vorzustellen habe. Das halbe Heer übers Meer zu irgendwelchen Inseln zu transportieren, erscheint äußerst unrealistisch und nur schwer vorstellbar. "Indische Inseln" zumal unklar. Als solche wären Sri Lanka oder Indonesien denkbar. Beides eigentlich unerreichbar für das Heer. Sudan hingegen zumindest denkbar (Syrien, Ägypten ist das "Berberland", da damals einige Berberstämme dort wohnten), wenn auch nicht in dem kurzen Zeitraum, von dem hier die Rede ist.

Sasân sieht, wie ihm die Felle davonschwimmen und er sendet Kân-mâ-kân, von dessen Ankunft er erfährt, Emire und Ehrengeleite entgegen. Tatsächlich kommt dieser wohlgesonnen und schenkt dem König den Hengst el-Katûl,

und er erkannte, dass es derselbe war, den er gesehen hatte, in dem und dem Jahr, damals, als er die Kreuzesverehrer belagerte, mit des Prinzen Vater Dau el-Makân und zur Zeit der Ermordung seines Oheims Scharkân.

So muss das Pferd wohl inzwischen 18 Jahre alt sein, wenn wir davon ausgehen, dass es damals mindestens sechs Jahre alt war und Kân-mâ-kân vier Jahre.

Kân-mâ-kân wird mit Geschenken und Ehren überhäuft, da Sasân

um den Ausgang der Unternehmung des Wesirs Dandân besorgt war.

Kân-mâ-kân besucht nun zunächst seine Mutter und dann eine Kupplerin, um sich die Liebe Kudijâ-Fakâns zu versichern.

Rahmenhandlung

Umzugszeit 20. – 31.12.2006

Rahmenhandlung

Ähnlich wie in modernen Rahmenhandlungen sichert sich der Erzähler mehrfach ab. (z.B. Eco: Name der Rose), nur ist hier die einzige Instanz Allah, der gleich im ersten Satz gepriesen wird (Sure?), und auch, als die Geschichte anhebt:

Es wird berichtet – Allah aber ist Allwisser Seiner verborgenen Dinge und Alleinherrscher und allgeehrt und allgnädig und allgütig und allbarmherzig! – in den Erzählungen aus alter Zeit und aus der Völker Vergangenheit, dass in frühen Tagen, die weit in entschwundene Zeitalter ragen, ein König vom Geschlecht der Sasaniden im Inselreich von Indien und China lebte, ein Herr der Krieger und Mannen, der Diener und Knechte.

Demut vor Gott, hinter dessen Weitsicht der Mensch zurücktreten muss: Es sind eben doch nur Geschichten, die erzählt werden, wenn auch Warngeschichten, so wird betont. Im Lichte der später folgenden, oft kaum mehr gedanklich zurückverfolgbaren Schachtel-Geschichten, erscheint in der Gesamtsicht schon hier der blinde Fleck von Fiktion: Wer erzählt uns das denn?
Wir werden hier auch gleich in die Zeit der Rahmenhandlung eingeführt: Die Sasaniden – die letzte persische Großdynastie vor der Eroberung durch die Araber. Wie aber kommen dann die islamischen Bezüge in die Erzählungen? Wie kann Schehrezâd dann von Harun er-Raschid wissen, der mehr als ein halbes Jahrtausend nach Zusammenbruch des Sasanidenreiches gelebt hat? Nicht einmal eine halbe Seite gelesen, und schon bin ich einer ganz großen Sache auf der Spur.
Inselreich von Indien und China??

König Schehrijâr lässt seinen in Samarkand herrschenden Bruder Schahzamân (König der Zeit) aus Sehnsucht zu sich rufen. Dieser bricht auf.

Alsbald rüstete er sich zur Reise, ließ seine Zelte, Kamele und Maultiere, Diener und Mannen hinausziehen.

Auch ich rüste mich zur Reise und ziehe fort
a) Zelte. Mein altes Baumwollzelt habe ich nach einigem Abwägen dann doch mitgenommen. Es war einer der letzten Gegenstände, die ich in DDR-Mark bezahlt habe, um mit einer Geliebten in Prag zu zelten. Es erschien mir billig und schön, als ich es so aufgebaut im Haus für Sport und Freizeit stehen sah. Heute verramscht dort der zwielichtige Humana-Handel Klamotten aus zweiter Hand, angeblich um davon Aufbauarbeit in Afrika zu leisten. Die Firma steht auf dem Index des Sektenbeauftragten des Berliner Senats. Die Einzelteile des ca. 20 Meter breite Schilds „HAUS FÜR SPORT UND FREIZEIT“ fand ich Mitte der 90er Jahre hinter einem Bahnhäuschen am S-Bahnhof Biesdorf wieder, und da ich gerade keine fünf-Meter-Tasche dabei hatte, ließ ich sie stehen. Das Baumwollzelt wiegt mit Gestänge 8 Kilo, und ich kann mir realistischerweise nicht vorstellen, wer mit mir da drin noch mal zelten soll.
b) Kamele und Maultiere. Ich wählte statt dieser die Robben und die Wientjes, die Lasttiere der Großstadt. Leider verlor mein Kameltreiber die Kontrolle über das Tier, so dass es einem anderen eine Beule versetzte. Die Versicherung hatte er dummerweise mit 500 Dirhem Euro Selbstbeteiligung abgeschlossen.
c) Diener und Mannen. Sie seien hier der Ehre halber namentlich genannt: Uli Hannemann, Marco Tschirpke, Bov Bjerg, Bohni, Robert Rescue, Manuela Beier, Volker Strübing, Robert Naumann, Falko Hennig, Jochen Schmidt, Stephan Zeisig. Dass einer dieser Mannen eine Frau ist, hätte Schahzamân nicht durchgehen lassen, ich hingegen hatte keine Wahl. Außerdem sind meine Köche Stefanie Winny und Matthias Fluhrer zu nennen, ohne die ich die Strapazen nicht durchgestanden hätte.

Aber um Mitternacht fiel ihm ein, dass er im Schlosse etwas vergessen hatte.

Auch wenn ich andauernd Dinge vergesse – auf Reisen geschieht mir das nie, da ich die russische Tradition pflege, mich, wenn man schon im Mantel ist und die Koffer gepackt sind, mich noch einmal hinzusetzen. Allerdings keinen Bruder, der mich kurzerhand zu sich befehlen könnte. Und wohnte ich in einem Schlosse, ließe sich dessen Inhalt bei einem etwaigen Umzug wie dem, den ich gerade unternehme, sicherlich nicht in 66 Kisten verstauen.

Da fand er seine Gemahlin auf seinem Lager ruhend, wie sie einen hergelaufenen schwarzen Sklaven umschlungen hielt.

Man beachte die Abwertungsskala: 1. Hergelaufen, 2. schwarz, 3. Sklave. Was ist eigentlich „hergelaufen“?
Er schlägt beide tot, reist zu seinem Bruder, wirkt blas und krank und gesundet erst wieder, als er herausfindet, dass es seines Bruders Gattin ebenso treibt.

Die Königin aber rief: „Mas’ûd!“ Da kam ein schwarzer Sklave und umarmte sie, und auch sie schloss ihn in ihre Arme, und er legte sich zu ihr.

Sexualneid gegenüber Schwarzen also schon damals. Die müssen so gut drauf gewesen sein, dass Königinnen ihre Würde und ihren Verstand vor lauter Geilheit verlieren. Und dann heißen sie auch noch Mas’ûd.
Schöne Reaktion von Schahzamân:

Da ward er frei von seiner Eifersucht und seinem Gram, und er sagte sich: „Dies ist noch ärger als das, was mir widerfahren ist.

Schehrijâr bemerkt natürlich die seltsamen Stimmungswechsel und zwingt ihn, mit der heiklen Info herauszurücken. Schahzamân berichtet alles, und zwar nicht nur seinem Bruder, sondern auch dem Leser! Hier muss sich der Leser die erste von, wenn ich mich recht entsinne, hunderten ziemlich redundanten Nacherzählungen antun.
Als Schehrijâr dann des aus seiner Perspektive sicherlich schaurigen Treibens selber Zeuge wird, wirft er alles hin, um mit seinem Bruder den Tod zu suchen.

Das wäre heutzutage nicht so leicht vorstellbar: Merkel ertappt ihren Gatten in Umarmung mit einer schwarzen Praktikantin aus dem Kanzleramt, lässt alles stehen und liegen und beginnt ein Pennerleben. Andererseits: Als Film würde ich’s mir anschauen.
Die beiden Brüder ruhen am Meer und sehen, wie ein Dämon heraussteigt, der in einer Schachtel ein Mädchen gefangenhält. Ihre Schönheit ist Anlass des ersten – eher reizlosen – Gedichts. Der Dämon schläft ein, und überraschenderweise bittet das Mädchen die Könige nicht darum, sie zu befreien, sondern ihr beizuwohnen:

„Stechet einen starken Stich!“

Ich erinnere mich nicht, jemals auf derart liebenswürdige und doch sachlich-knappe Weise, von einer Frau aufgefordert worden zu sein, mich mit ihr zu vergnügen.

Noch überraschender hingegen die Reaktion der beiden Herren. Sie zieren sich und schieben einander vor. Erst die Drohung, den Dämon zu wecken, kann die beiden sozusagen erweichen, um diese Vokabel mal ulkig-unpassend hier einzuflechten. Die beiden müssen dem Weib ihre Königsringe geben. Und dieses zeigt ihnen hundertfünfundsiebzig Ringe, die sie schon anderen Stechern abgenommen hat. Der Dämon habe sie damals in der Brautnacht entführt und nun räche sie sich an ihm auf diese Weise. Trotz ihrer Schönheit kommen die Brüder nicht etwa auf die Idee, sie mit sich zu nehmen, sondern sind nun erleichtert darüber, dass es einem anderen, nämlich dem Dämon schlechter ergehe als ihnen. Kurzerhand kehrt Schehrijâr heim und schlägt seiner Frau, sowie den Sklavinnen und Sklaven die Köpfe ab.
Eheberater und Paartherapeuten waren damals wohl rar.
Und nun nimmt die Geschichte durch die bekannte Wendung ihren Lauf. Jeden Abend heiratet er eine Jungfrau des Landes, um sie am nächsten Morgen zu köpfen,
bis keine mannbare Jungfrau mehr in der Stadt war.

Als der junge Schlawiner Bertolt Brecht in seinen Psalmen schrieb „Mitte August verschwinden die Jungfrauen“, dachte er sicherlich an eine für alle Seiten angenehmere Art der Jungfrauenvernichtung.

Schließlich bleiben nur die beiden Töchter des Wesirs übrig – Schehrezâd und Dinazâd. Als der Wesir um das Leben seiner Töchter bangt, beschwichtigt in Schehrezâd:

„Bei Allah, mein Väterchen, vermähle mich mit diesem König! Dann werde ich entweder am Leben bleiben, oder ich werde ein Opfer sein für die Töchter der Muslime und ein Werkzeug zu ihrer Befreiung aus seinen Händen.“

Frauenpower! Wer hätte geahnt, dass sich schon hier in der Rahmenhandlung eine antipatriarchale Seite des Islam zeigt.
Doch der Wesir antwortet ihr, er wolle nicht, dass es ihr so ergehe, wie dem Esel und dem Stier mit dem Ackersmann.

„Was ist das, das den beiden geschah?“

, worauf der Wesir mit dem Erzählen beginnt. Diese einleitende Frage wird bald schon zum Leitmotiv für märchenhafte Warn- und Mahngeschichten, die eine Rahmenhandlung um die nächste schließen.
Bei Allah! Zum Weihnachtsfest wird in meiner entchristlichten Familie noch mal die Frage aufgeworfen, wieso denn zu Jesus gebetet würde, wenn doch der liebe Gott der liebe Gott sei. Und so muss ich, den sie ungetauft ließen, die Dreifaltigkeitslehre erläutern. Dabei waren sie doch diejenigen, die in den Genuss von Religionsunterricht gekommen waren. Allerdings sollen durch den Dreifaltigkeits-Humbug auch schon gestandene Pfarrer vom Glauben abgefallen sein. Fassen wir zusammen: Gottvater begattet Maria qua Heiligen Geist, damit er als Menschensohn auf Erden wandeln darf, dann opfert der Vater den Sohn sich selbst, (denn Vater, Sohn und Heiliger Geist sind ja nur drei Facetten ein und derselben Sache), um nach der Auferstehung zur Rechten Gottes (also seiner selbst) zu sitzen. Man möge einwenden „rechts“ und „links“ sind Konzepte, die im Himmelsreich sowieso bedeutungslos sind. Aber jeder Christus-Gläubige muss wohl konzedieren, dass Augustinus, der Erfinder des Dreifaltigkeits-Hokuspokus da schon imposante argumentative Flick-Flacks schießen muss. Und wie jedes Jahr erschallt das Jammern der Kirchenvertreter, wie entchristlicht das Weihnachtsfest doch sei. Was erwarten die denn eigentlich? Dass wir wirklich glauben, die Inkarnation Gottes sei in Bethlehem geboren, wo doch nun nicht einmal mehr die Theologen bestreiten, dass es wohl doch Nazareth gewesen sein muss, dass das Datum – nämlich die Wintersonnenwende wohl eher ein Zugeständnis ans europäisch-heidnische Brauchtum ist, und die unbefleckte Empfängnis – nun ja, eine Übernahme aus der ägyptischen Mythologie. Die Weihnachtsente ist verzehrt, der Nachtisch wird gereicht, und das Thema verschiebt sich zur Anbetung von Heiligen betrifft, die ja doch ziemlich eindeutig Götzenbilder darstellen. Leider kann ich hier auch keine Auskunft geben, aber das Interesse meiner Eltern hält sich hier in Grenzen, sind sie doch evangelisch getauft, was offenbar auch nichts gebracht hat, weder ihnen noch der Kirche.

Die Erzählung von dem Stier und dem Esel
Ein Kaufmann, der die Sprache der Tiere versteht, belauscht, wie sein Esel einem erschöpften Stier rät, sich einfach mal krank zu stellen. Der Kaufmann pflügt nun stattdessen mit dem Esel. Der sich über sich selbst ärgernde Esel warnt nun den Stier, er würde geschlachtet werden. Als der Stier nun

seinen Herrn sah, erhob er seinen Schwanz, ließ einen Wind streichen und fing an zu springen.

Dass das Erheben des Schwanzes als Ausdruck von Lebensfreude einzuordnen ist, kann ich nachvollziehen, aber Furzen?
Nun schiebt sich ein narrativer Bruch ein, der für ein Gleichnis, dass doch der Wesir seiner Tochter beibringen will, schon etwas seltsam ist und dieses wohl auch verwässert:

Der Kaufmann lacht, und seine Frau fragt ihn nach dem Grund.

„Das kann ich dir nicht offenbaren, sonst muss ich sterben.“

Warum er denn sterben müsse, wird nicht erwähnt. Wir nehmen es hin. (Vielleicht hat er sich seine Gabe unter dieser Bedingung erkauft).
Der Kaufmann sendet nach Kadi und Zeugen,

um sein Testament machen, und ihr das Geheimnis zu offenbaren, denn er liebte sie gar sehr, da sie seine Base, und sein eheliches Weib und die Mutter seiner Kinder war; und er hatte auch bereits einhundertzwanzig Jahre gelebt.

Base, Weib, Mutter, einhundertzwanzig Jahre – immer muss der Erzähler noch eins draufpacken.
Er geht noch einmal zum Tierebelauschen in den Hühnerstall, wo er den Hahn sprechen hört:

„Bei Allah, unser Herr ist geringen Verstandes! Siehe, ich habe fünfzig Frauen; mit den einen geht’s im Guten, mit den anderen im Bösen. Aber unser Herr hat nur eine einzige Frau und kann mit ihr seine Sache nicht regieren! Warum nimmt er denn nicht für sie ein paar Zweige vom Maulbeerbaum, geht mit ihr in seine Schatzkammer und schlägt sie, bis sie entweder tot ist oder bereut und nie wieder nach etwas fragt!“
„Da tat er mit seiner Frau“ – also sprach der Wesir zu seiner Tochter Schehrezâd – „das, was ich mit dir tun werde.“

Ja was nun! Soll es Schehrezâd so ergehen, wie dem Stier und dem Esel? Oder wie der Tochter des Ackersmanns, der ja nun doch ein Kaufmann war? Bei so einer unklaren Moral der Geschicht, scheint es zwangsläufig, dass sich Schehrezâd ihrem Vater widersetzt:

„Es muss doch geschehen!“

Schehrezâd bereitet sich für die Hochzeit mit Schehrijâr vor, der ja für sie statt Maulbeerzweigen ein Schwert für sie bereithält (ich meine natürlich im wörtlichen Sinne).

und inzwischen ist auch meine Braut in unser neues Heim eingezogen, allerdings standen bei ihrem Umzug noch weniger kräftige Hände zur Verfügung als bei meinem – hauptsächlich Couch potatoes und Rückenbehinderte. Gibt es sozialpsychologische Untersuchungen, warum es einen ärgert, wenn andere pausieren, während man selbst arbeitet, selbst wenn die Arbeit insgesamt die Gleiche ist?

Schehrezâd weiht ihre Schwester Dinazâd in ihren Plan ein, sich in der Brautnacht von ihrer Schwester eine Geschichte zu wünschen. Alles geschieht wie geplant: Als das Brautpaar im Gemach des Königs steht, bittet Schehrezâd, von ihrer Schwester Abschied nehmen zu dürfen, der König gewährt. Dinazâd

setzte sich zu Füßen des königlichen Lagers. Dann ging der König hin und nahm seiner Braut die Mädchenschaft.

Ich hätte es als unpassend gefunden, wenn meine Schwester bei meiner Entjungferung anwesend gewesen wäre. Andererseits waren es auch andere Zeiten. Umgekehrt fällt es mir erst jetzt auf, dass keine meiner Gespielinnen eine Schwester hatte. Im Gegensatz zu Schehrezâd hatten sie aber auch keine nötig. Dinazâd spricht die vereinbarten Worte:

„Ich bitte dich bei Allah, o Schwester, erzähle uns eine Geschichte, durch die wir uns die wachen Stunden dieser Nacht verkürzen können!“

Schehrijâr genügt anscheinend eine Geschichte, um sich die Nacht zu verkürzen. Heutzutage müssen wir bei der Chaussee der Enthusiasten mindestens zwölf vorlesen, um die Zuhörer davon abzuhalten, uns den Kopf abzuschlagen.
Unklares Inventar: gesiebtes Häcksel