Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work
Die schönsten Rituale kollabieren dann doch oft in Ausnahme-Situationen: Krankheiten, dringliche soziale Verpflichtungen, frühe Züge und Flüge, usw.
Im Nachhinein erscheint vieles allerdings doch vorhersehbar: Ist es sinnvoll, den Flug ab 6:30 Uhr zu buchen, nur weil er 20,- Euro billiger ist, einem aber den wertvollen Schlaf raubt? Für Reisen braucht man ohnehin einen Plan B. Auf manchen Flügen kann man schreiben, auf anderen nicht. Einplanen, dass die Reise eher anstrengend ist und man sich genügend Aus-Zeiten für Ruhe und Kreativität setzt. In Zeiten der Krankheit gelingt einem vielleicht nicht immer der große Wurf, aber immerhin Notizen. Lieber locker planen und im guten Fall mehr rausholen, als sich den Kalender dicht an dicht zupacken und dann keinen Puffer mehr haben, wenn der Kindergarten anruft, man müsse das kranke Kind abholen.

*

James Joyce (1882-1941)
Aufstehen am späten Vormittag.
Arbeiten am Nachmittag, „wenn der Geist am besten funktioniere“. Allerdings nicht nur Schreiben, sondern auch andere Verpflichtungen, wie Englisch- und Klavierunterricht.
Abends Bars und Restaurants.
Lange Perioden des Nicht-Schreibens.
Aber auch während der späteren täglichen Arbeit an „Ulysses“ blieb er bei diesem Zeitplan.
Schätzte seine Arbeitszeit für diesen Roman auf knapp 20.000 Stunden. (Das wären bei einem Arbeitstag von 7 Stunden – nur für dieses Buch – 20 Stunden pro Seite. Fragt sich, inwieweit man dann noch vom „Bewusstseinsstrom“ sprechen kann.)

Marcel Proust (1871-1922)
Ab 1908 bis zu seinem Tod arbeitete er an „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Ab 1910 sozialer Rückzug. Schlafen und Arbeiten im Bett.
Aufwachen (fraglich, inwieweit man von „Aufstehen“ bei ihm sprechen kann) zwischen 15 und 16 Uhr. Entzünden von Asthmapulver, bis das Zimmer völlig verraucht war! Croissant und Milchkaffee. Nach Post und „Frühstück“ erst begann er zu schreiben.
Abends von Zeit zu Zeit Spaziergänge in Bars und Restaurants für Inspirationen.
Weitere Drogen: Koffeintabletten, die er mit Veronal auszubalancieren versuchte.
(Man beachte den recht frühen Tod.)

Samuel Beckett (1906-1989)
Um 1946 begann er eine intensive und gleichzeitig exzessive Lebens- und Arbeitsweise:
Aufstehen am Nachmittag, Rühreier. Dann Schreiben bis zur Erschöpfung. Nachts in Bars von Montparnasse, wo er sich gezielt betrank. Die Dämonen der Dunkelheit, der Einsamkeit, der Erschöpfung sollten ihn zum Schreiben bringen.

Igor Strawinsky (1882-1971)
Aufstehen 8 Uhr morgens, Sport, Arbeit bis 13 Uhr.
Tägliches Komponieren, egal ob inspiriert oder nicht. Auf Tourneen komponierte er nicht (s.o.)
Wenn ihn die Inspiration verließ, behalf er sich mit einem Kopfstand, was, wie er meinte „den Kopf erholt und das Hirn säubert.“


Erik Satie (1866-1925)
Ab 1898 lebte er in Arcueil, von wo er Abends nach Paris spazierte und am nächsten Morgen zurück. Auf dem Weg notierte er seine Ideen. Wann er sie zu Papier brachte, bleibt unklar.

Arbeitsroutinen von Künstlern VIII – Und mach dann noch’nen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht.
Markiert in:     

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.