Bernhard Schlink – Die Enkelin

Bernhard Schlink – Die Enkelin

Nach einem Drittel der Lektüre hatte ich das Buch schon einigen Freunden empfohlen. Nicht nur ist die Grundidee großartig, sondern sie ist auch wunderbar umgesetzt. Der ältere Buchhändler findet eines Abends seine Frau tot in der Badewanne. Und beim Studium ihrer Notizen erfährt er, dass sie, bevor sie dank seiner Hilfe in den Westen geflohen war, ein Kind im Osten gelassen hatte. Der verzweifelte und gleichzeitig abgehärtete Ton der Frau ist so wunderbar getroffen, dass er einen Blick auf eine DDR-Story freigibt, die noch nicht erzählt wurde.
Der alte Mann macht sich auf die Suche und landet, soviel weiß man schon aus den Vorankündigungen und dem Klappentext in der ostdeutschen Provinz, wo es von Nazis nur so wimmelt. Ich hätte Schlink die Blut-und-Boden-Deutschen als Setting durchaus abgekauft. Aber das Unheil beginnt, sobald sie den Mund aufmachen. Vor allem Sigrun, die vierzehnjährige, angeblich intelligente Titelheldin, sondert nur Plattitüden ab: “Die Holländer, die Pfeffersäcke, haben uns unsere Kolonien nicht gegönnt. Sie haben uns belogen und betrogen.” Ihr Lieblingsbuch soll “Ein Mädchen erlebt den Führer” sein, und sie bewundert Irma Grese. Soll man das alles wirklich glauben? Eine Vierzehnjährige, die nicht nur einem 40er-Jahre-Nazismus huldigt, sondern diesen gegenüber einem Fremden freimütig offenbart, als wüsste sie nicht wenigstens durch ihre Eltern, dass das tabuisiert ist? Seitenweise kommt sie einem vor wie eine Sechsjährige oder eben: ausgedacht.
Ja, es gibt im Osten (und nicht nur da) die “Volksdeutschen”, aber der Rechtsradikalismus äußert sich heute anders. Anders als in den 90ern, anders als in der 70ern. Und ganz gewiss anders als in den 40ern. Wer in den letzten Jahren ein offenes Ohr hatte, weiß, dass der Ton sich deutlich geändert hat. Es dominieren Verschwörungstheorien. Alte Rituale werden mit neuer Technikskepsis vermischt.


Es scheint, als seien nicht nur die Nazis sondern auch die Technik in Schlinks Welt in den frühen 90ern stehengeblieben. Das Internet kommt so gut wie gar nicht vor. Ebensowenig Smartphones. Dass sich eine Vierzehnjährige, deren Hauptcharakterzug offenbar Neugierde ist, von ihren Eltern dermaßen vorschreiben lässt, in welcher altertümlichen Welt sie zu leben hat, ist schlechthin nicht vorstellbar.
Gegen Ende gelingt Schlink immerhin noch mal eine tröstliche Wende. Vielleicht hätte ich den Mittelteil einfach überspringen sollen.

Svenja Flaßpöhler: “Sensibilität”

Svenja Flaßpöhler: “Sensibilität”

Eigentlich weiß ich nicht mehr genau, was mich bewog, Svenja Flasspöhlers Buch “Sensibel” zu kaufen. Vielleicht war es einfach das Gefühl, dass ich jetzt einfach mal eines ihrer Werke lesen musste, statt nur über sie zu lesen oder sie in Interviews zu hören.
Nachdem ich es bestellt hatte, sah ich schon, dass ihrem Werk ein gehöriger Wind entgegenblies. Ich erwartete eine Streitschrift. Stattdessen bekam ich eine kleine feine philosophische Analyse der Sensibilitäts-Debatten der heutigen Zeit.
Flasspöhler ordnet nicht nur den Begriff historisch ein, sondern zeigt auch, dass die Auseinandersetzung um “Sensibilität” gar nicht so neu ist. Sie zeigt sich nur im neuen Gewand. Wenn es um dieses Thema geht, kochen in der öffentlichen Debatte rasch die Emotionen hoch. Selbst kluge Leute scheuen dann nicht zurück vor Unterstellungen, persönlichen Angriffen, werden laut usw., was oft ein Zeichen für vollkommenes Unverständnis der anderen Seite ist. Mit anderen Worten: Die Analyse kommt zur rechten Zeit.
Wir haben es, kurz gesagt, mit zwei Seiten der erhöhten Sensibilität zu tun: Der aktiven und der passiven Seite, das heißt, wir sind empfindlicher für Zumutungen geworden, aber auch sensibler für das, was man anderen zumuten kann.
Flasspöhler zeigt im historischen Rückblick auf Hume, Rousseau und de Sade, dass Mitgefühl nicht genügt:

„Die reine Empfindung [ist] noch keine Moral… Nichts kann uns von der Notwendigkeit des Urteils und der damit einhergehenden Distanzierung entbinden.“

Verletzungen haben nun zwei Seiten: Sie können eine Person dauerhaft schädigen (“Trauma”) oder sie können sie stärken. In welche Richtung das Pendel ausschlägt, ist von der Intensität der Einwirkung, aber auch von der Persönlichkeitsstruktur, gelernten Coping-Mechanismen und der Art und Weise des Umgangs abhängig.

Flasspöhler erwähnt es nur en passant, aber es ist schon ein Unterschied, ob man z.B. meditatives Training, Psychoanalyse oder preußische Härte im Umgang mit Verletzungen einsetzt.

Ein gesellschaftliches Problem entsteht dann, wenn selbst die kleinste Irritation als Trauma bezeichnet wird – ein irritierendes Kunstwerk, der Sprachcode einer anderen sozialen Gruppe usw. und wenn dann die Folgerung besteht, die Gesellschaft müsste jede noch so kleine Irritation, die jedes Individuum empfinden könnte, verhüten. Dies führt zu einer endlosen Spirale des Unsagbaren (und ich würde sogar sagen zu einem magischen Verständnis von Sprache). Dann sind selbst zitierende Verwendungen von Schimpfwörtern tabu, dann werden jedem größeren Werk der Weltliteratur “Triggerwarnungen” vorangestellt, so als wüsste niemand, der einen Krimi aufschlägt, dass es hier um Verbrechen geht, dann wird letztlich jede Kontroverse (auch wissenschaftlicher und politischer Natur) unter Vorbehalt gestellt.
Andererseits stellt Flasspöhler klar, dass Hassrede durchaus in handfeste Gewalt umschlagen kann, wie die rechtsterroristischen Anschläge der letzten Jahre gezeigt haben.
Aber wo liegt die Grenze?
Welche Kraft hat also die Sprache und wie sensibel ist sie zu gebrauchen?

Man sieht schon: Jetzt kommt das "schlimme Thema" in Hochgeschwindigkeit auf uns zugerast, das Thema, zu dem jeder eine Meinung hat, und zwar eine klare. Und die andere Seite, das sind die Bösen.

Überraschenderweise argumentiert Flasspöhler nun nicht gegen Judith Butler, sondern nimmt sie für sich in Anspruch: Sprache kann nicht fixiert werden, sie ist performativ (so wie sich auch Geschlechter sozial performativ und fluid konstituieren). So wie in den 1970er und 80er Jahren eine performative Umdeutung des einst abwertenden Begriffs “schwul” gelang, könnte dies auch mit anderen Begriffen gelingen.

Man denke etwa an die "Slutwalks", bei denen gegen Vergewaltigungs-Kultur demonstriert wird, aber gleichzeitig auch wie nebenbei das Wort "slut" (Schlampe) performativ umgedeutet wird.

Butler beschreibt den Drag, die Travestie als Spiel, um den performativen Aspekt von „Geschlecht“ zu entlarven. Davon ausgehend fragt sich Flasspöhler, ob das generische Maskulinum nicht seine Freiheit daraus bezieht, dass es von geschlechtlichen Identifikationen absieht.

„Nicht das Geschlecht, sondern das Tun wäre der Kern der Bezeichnung. Unbestritten gehört es zu den Errungenschaften der Emanzipation, dass man Menschen nicht auf ihr Geschlecht reduziert, sondern für das anerkennt, was sie können und machen… Böte das generische Maskulinum dann nicht ein erstaunliches emanzipatorisches Potential – und zwar gerade durch seine umfassende Bezeichnungskraft, die nicht nur einzelne Gruppen meint, sondern alle?“

Im Weiteren fragt sich Flasspöhler, wie weit es Grenzen der Einfühlung gibt. (Man denke an die Forderungen, dass Schwarze Dichterinnen nur von Schwarzen Übersetzerinnen übersetzt werden sollten, dass Homosexuelle nur von homosexuellen Schauspielern dargestellt werden dürften usw. Die Begründung dafür lautet, dass jemand, der nicht dieselben Diskriminierungen erfahren habe, nicht wirklich nachvollziehen könne, was es wirklich bedeutet, in dieser Situation zu sein. Diese Position, die sich an nicht nur an Einzelbeispielen (wie Amanda Gormann) festmacht, sondern in Hollywood allmählich zur Hauspolitik wird, ist natürlich radikal (und wird auch letztlich nicht jenseits einiger symbolischer Akte durchzusetzen sein. Flasspöhler lässt hier den Juristen und Autor Bernhard Schlink zu Wort kommen:

„Das Schreiben über Menschen aus anderen Welten misslingt leicht. Aber es kann auch gelingen, es braucht dazu Wissen und Einfühlung. Warum es ein Verbot geben soll, kann ich nicht verstehen.“

Die konsequente Umsetzung hieße ja, die einzige legitime Literaturform wäre das Tagebuch. Und im Film könnte man nur noch sich selbst spielen. Ja, letztlich nicht einmal das. Denn wer garantiert, dass du dich in dein früheres Ich auch wirklich hineinversetzen kannst?

Wie aber soll die Sensibilität sich angemessen im Miteinander ausdrücken? Wir versuchen zwar, die Ambivalenzen zu überwinden, etwa indem strafrechtlich festgelegt wird, dass im sexuellen Verhalten ein “Nein” auch wirklich ein Nein bedeutet. Damit wird aber lediglich das Problem verschoben. Denn es gibt ja verschiedene Neins – das kategorische Nein, das flirtende Nein, das Nein, das sich vielleicht in ein Ja ändern könnte, das Nein, das sich auf die Tageszeit, nicht aber auf die prinzipielle Beziehung bezieht usw, usf.

Hier könnte die Rechtsprechung noch interessante Überraschungen parat halten.

Flasspöhler diagnostiziert:

„Worum es im Kern geht, ist die Eliminierung verunsichernder Ambivalenz.“

Mit Helmuth Plessner fordert Flasspöhler

“Takt – das Erfassen von Nähe- und Distanzbedürfnissen”.

Wobei man auch hier die Frage stellen kann, wie das gelingen kann, wenn es schon allein in Deutschland Dutzende Formen der Begrüßung gibt: Handschlag, Küsschen auf die Wange, Faustschlag, kurzes Winken, Küsschen auf den Mund, verbale Unterformen, feste Umarmung, lockere Umarmung usw. usf.

Abschließend Flasspöhler:

“Wann muss die Gesellschaft sich ändern, weil ihre Strukturen schlicht ungerecht sind – und wann muss das Individuum an sich arbeiten, weil es die Chancen, die es doch eigentlich hätte, nicht nutzt. Brauchen wir gesetzlich verankerte Frauenquoten oder geht es eher darum, Frauen zu ermutigen und zu ermächtigen, ihre Wünsche zu verwirklichen, und zwar auch gegen Druck und Widerstände?“
„Nicht jede Ungleichheit ist ungerecht und privilegienbehaftet. Es gibt Ungleichheiten, die aus eigener Anstrengung – respektive deren Unterlassung – resultieren.“

Unbeendet 2021

Unbeendet 2021

Im Jahr 2021 schien mir meine Ausbeute an beendeten Büchern recht gering. Nun sehe ich aber auch, dass sich in meinem Lektürestapel doch einige Werke fanden, die ich gar nicht beendet habe – 1) weil ich sie schon nach einigen Seiten aufgab, 2) weil ich von ihnen immer nur kleine Häppchen nehme oder 3) weil ich sie erst gegen Ende des Jahres angefangen habe und 2022 beenden möchte.
Zur ersten Kategorie gehören:
Dirk Stermann: „Hammer“. Ich mag Stermann sehr, und das Thema – die Entstehung der Orientalistik im Wien des frühen 19. Jahrhunderts – sprach mich sehr an. Aber irgendwann musste ich das Buch weglegen. Mir scheint, Stermann hat sich von seiner Bildungsbeflissenheit forttragen lassen. Seitenweise ausgestorbene Berufe, wie als wolle er zeigen, was er gelernt hat. Dazu aufdringliches Namedropping. Das alles wirkte mir dann doch zu angestrengt.
Pissarro: „Briefe“. Die Briefe meines Lieblingsmalers. Gewiss interessant, aber zu viele private und maltechnische Details, mit denen ich dann doch nichts anfangen kann.
Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“. Startete mir zu heftig. Lektüre auf später verschoben.
Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“. Ich mochte ihr Debüt und war auf ihr zwanzig Jahre später erschienenes Folgewerk neugierig. Doch der Erzählansatz erschien mir auf Dauer doch zu anstrengend und gespreizt.
Omar Khayyam: „Vierzeiler“. Ich tippe auf schlechte Übersetzung.
Thomas Mann: „Buddenbrooks“. Drin geblättert, um zu testen, ob eine Neulektüre sich lohne. Ergebnis: Bestimmt. Aber nicht heute.

Zu zweiten Kategorie:
Schalamow: „Durch den Schnee“. Gulag-Prosa. Nach zwanzig Minuten Lektüre jedes Mal völlig geschafft und das Buch wieder für ein paar Wochen beiseitegelegt.
Stephen Kotkin: „Magnetic Mountain. Stalinism As a Civilisation”. Dito.
Maupassant: „Novellen II“. Ab und zu eine Novelle zwischendurch genügt.
Nikolai Demidov: „Becoming an Actor Creator“. Gigantisches Werk des Stanislawski-Schülers. Ein enormer Klopper. Die 814 Seiten wären im Normaldruck wahrscheinlich 3.000. Ja, er hat Wichtiges zu sagen, aber die Rosinen muss man sich aus diesem schwer zu durchsuchenden Buch mühsam herauspicken. Zu viel Geschwätz über die Personen seiner Zeit, zu viel Gejammer über schlechte Kunst.

Dritte Kategorie:
Die Erzählungen aus den Eintausendundein Nächten. Band 4
Liu Cixin: „The Three Body Problem“
(Beide im Dezember 2021 angefangen)

Sahra Wagenknecht – Die Selbstgerechten

Sahra Wagenknecht – Die Selbstgerechten

Dass ich Sahra Wagenknecht noch mal verteidigen würde, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Ausgerechnet diese Politikerin, die über Jahre in der PDS einen verstaubten Kommunismus vertrat und bei der man beim Zuhören ihrer humorlosen Reden vor Trockenheit husten musste.
Nun hatte sie mitten in den Wahlkampf 2021 hinein ihr Buch „Die Selbstgerechten“ geworfen, das prophetisch die Gründe für das Scheitern der Linken vorwegnimmt. (Dass das Buch selbst ein Grund fürs Scheitern gewesen sei, ist Humbug. Keine Partei-Interna werden gesteckt. Und die Handvoll Personen, die leicht camoufliert erwähnt werden, können schon mal den Kick in die Seite ab.)
Die Hauptthese: Die politische Linke verliert ihre Basis, da sie sich nicht mehr um die wirtschaftlichen Belange der Ärmeren kümmert. Anstatt sich mit den proletarischen Schichten zu verbünden, rümpft man die Nase über ihren Habitus, ihre Fixierung auf Konsum, ihre ungeschliffene und ihre politisch unkorrekte Sprache.
Meine linken Freunde waren rasch dabei, das Buch zu verdammen. Einmal wegen des unglücklichen Diktums von den „immer skurrileren Minderheiten“. Zum anderen, weil Wagenknecht angeblich einen neuen Nationalismus predige. Schon während ich das Buch (ein Geburtstagsgeschenk, das ich mir selbst nicht gekauft hätte) las, fragte ich mich, ob die Freunde das Buch wirklich ganz gelesen hatten oder sich die Rosinen herausgepickt hatten, die ihre Vorurteile nur bestätigten.
Dabei müsste das Buch für alle Aufgeschlossenen ein Augenöffner sein. Dass die Linken sich verrannt haben, dürfte jedem klar sein. Aber warum ist das so? Wagenknecht sieht hier die Ursache in einem üblen Schulterschluss mit den (Neo-)Liberalen. Für Liberale rührt jede Ungerechtigkeit aus der Diskriminierung. Was darüber hinausgeht – sprich, Ungleichheit durch ungerechte ökonomische Strukturen – interessiert sie schon seit einigen Jahren nicht mehr. Nun ist es aber deutlich einfacher, Diskriminierungsdetektiv zu spielen, als sich in volkswirtschaftliche Zusammenhänge einzulesen. Das betrifft sogar einfache Fakten. Das beste Beispiel ist, dass die Empörung im Netz die Unilever-Tochter Knorr dazu zwang, die „Zigeunersoße“ vom Markt zu nehmen. Der zeitgleich (durch Entlassungsdrohung durchgesetzte) verschlechterte Tarifvertrag kümmerte die Linken nicht die Bohne. Die Frage der Mikroaggressionen ist der Akademiker-Sternchen-Gemeinde wichtiger als die des materiellen Wohlstands der Abgehängten. Diese Kaste, die vor allem in den Medien dominiert, hat sowohl professionell als auch individuell die Verbindung zum proletarischen Milieu verloren. Wenn überhaupt, dann wird über dessen Vertreter angewidert berichtet, wenn man sie plötzlich mit wütenden Grimassen und hilfloser Grammatik auf Pegida-Demos antrifft. Die Nicht-Akademiker sind den Links-Liberalen schlicht und einfach egal. Und man wundert sich, warum sie plötzlich alle nach rechts abwandern, wo doch die Wirtschaftsprogramme der AfD gerade die Armen benachteiligen. (Der Begriff „Besorgte Bürger“ ist in Satiriker-Kreisen, in denen ich mich bewege, zur Standard-Mini-Pointe geronnen.)
Und schwupps, da sind wir schon beim Thema Nation. Dem Standard-Linken ist es schon unangenehm, wenn bei der Fußball-WM Deutschland-Fahnen geschwenkt werden. (Mir übrigens auch.) Aber nicht genug davon, man verkündet das auch, um noch den letzten potentiellen Verbündeten abzuschrecken. Der Widerwille gegen alles Nationale ist nach der NS-Zeit ein nachvollziehbarer Reflex. Die Nation – davon geht das Böse aus. Das Problem ist nur, dass ohne einen positiven emotionalen Bezug zu einem demokratischen Gebilde, dieses Gebilde in große Schwierigkeiten gerät – man denke an Belgien, Norditalien oder einige der seltsam viereckigen afrikanischen Länder. Wer meint, sich eher als Europäer zu fühlen als als Deutscher, möge sich fragen, wieviele europäische Parlamentarier man denn im Vergleich zu den deutschen kenne. Die Nation existiert in unserem Hinterkopf, wie wir merken, sobald wir bei einer Bundestagswahl mitfiebern, da wir wissen, dass der Bundestag der Ort ist, wo über unsere Kernthemen demokratisch legitim entschieden wird (und nicht in der Europäischen Kommission). Und wieder der Schulterschluss mit den Neoliberalen: Die EU ist – im positiven wie im negativen Sinne – ein liberales Projekt. Im positiven Sinne, weil es die Freiheitsrechte und die Möglichkeiten von Millionen Bürgern ausgeweitet hat. Im negativen Sinne, weil die Demokratie in der EU im Prinzip kaum eine Rolle spielt und weil die EU als supra-nationale Organisation die finanzielle (und damit auch sozialpolitische) Autonomie der Einzelstaaten immer mehr beschneidet. Freiheit heißt hier vor allem Freiheit für die Wohlhabenden.
Kommen wir noch zum heißesten Thema – der Immigration. Wagenknecht gelingt es, den Blick zu erweitern. Ja, die EU-Länder, und vor allem Deutschland, hat ein Problem, was Fachkräfte im Bereich Medizin und Pflege betrifft. Aber die Lösung ist nicht etwa, hier bessere Gehälter zu zahlen und bessere Bedingungen zu bieten. Stattdessen zieht man Fachkräfte aus den Entwicklungsländern ab. Mit anderen Worten: Die armen Länder übernehmen für uns die Ausbildung qualifizierter Fachkräfte und stehen am Ende dumm da. Von den paar Euros, die dann die Glücklichen, die es nach Europa geschafft haben, in die Heimat schicken, kann man sich leider auch nicht neue Ärzte basteln.
Auch um den Konkurrenzkampf zwischen Eingewanderten und geringqualifizierten Arbeitern kümmert sich die Linke nicht. Ebenso wenig um die riesigen Flüchtlings-Camps von Migranten innerhalb Afrikas. Die Antwort ist vielmehr: Offene Grenzen für alle. Finger in die Ohren stecken und laut „Lalala“ rufen. Und sich bei der nächsten Wahl wundern, wenn man keine fünf Prozent erreicht hat.

507.-510. Nacht

507.-510. Nacht

507. Nacht

(Fortsetzung von Die Geschichte von Dschanschâh
in Die Abenteuer Bulûkijas
in Die Geschichte der Schlangenkönigin)

Ein riesiger Vogel stürzt auf den in die Maultierhaut eingenähten Dschanschâh herab und trägt ihn auf einen Berg. Dschanschâh schlitzt das Fell auf, der Vogel fliegt, und Dschanschâh sieht um sich herum vertrocknete Leichen und Edelsteine.
Der Kaufmann verlangt von ihm, die Edelsteine herabzuwerfen, dann würde er ihm den Weg zeigen. Dschanschâh tut das, aber der Kaufmann reitet davon.

Im Märchen Der Edelsteinberg stopft sich der Held nun die Taschen voller Edelsteine, lässt sich von dem Adler ins Tal tragen und rächt sich am Kaufmann. Hier jedoch, wie so oft in den 1001 Nächten hat der Erzähler kein Bedürfnis, irgendwelche Klammern zu schließen, solange es nicht reine Anekdoten oder Witze sind. Es gibt keine Auflösung, keine Wiedereinführung, es sei denn durch die Rahmenhandlung, keine Moral der Geschichte, kein Lernen des Helden, keine moralische Prüfung. Die Aneinanderreihung seltsamer Abenteuer und Begebenheiten genügt.

Dschanschâh wartet drei Tage, dann wandert er zwei Monate lang. Dann gelangt er in ein Tal, in welchem er eine Burg entdeckt, wo ein Alter namens Scheich Nasr, der Herr der Vögel wartet und ihm verrät, dass Salomo ihm die Obhut über diese Burg anvertraut hat.

508. Nacht

Alle Jahre hält der Scheich Musterung über die Vögel. Er verspricht Dschanschâh, in den Vögeln anzuvertrauen, die ihn von diesem Berg Kâf fortbringen sollen. So verbringt Dschanschâh  eine Weile bei ihm. Und als der Tag der Vögel näherkommt, soll er die Zimmer der Burg begutachten.

Doch hüte dich, denundden Raum zu öffnen! Wenn du mir zuwiderhandelst und ihn doch öffnest, so wird dir nichts Gutes begegnen.

Sollte dies auch ein uneingelöstes Story-Versprechen sein wie bei der Superstute in der 494. Nacht, als sich Bulûkija einfach an das Versprechen hielt?

Siehe da, Dschanschâh  betritt tatsächlich diesen Raum.

Und er sah in ihm einen großen Teich, neben dem sich ein Pavillon befand, der aus Gold und Silber und Kristall erbaut war; seine Fenster waren mit Rubinen ausgelegt, und sein Boden war mit grünen Chrysolithen, Ballastrubinen und anderen Edelsteinen gepflastert, die marmorartig verästelt waren. Inmitten jenes Pavillons stand ein Springbrunnen, mit einem goldenen Becken voll Wassers, umgeben von allerlei Tieren und Vögeln, die aus Gold und Silber kunstvoll gearbeitet waren…

Ein Raum, der also eigentlich ein riesiger Garten ist.

509. Nacht

Dschanschâh schläft nach einer Weile bei dem in der Mitte des Raumes befindlichen Thron ein. Es nähern sich drei Vögel, die sich neben dem Teich niederlassen.

Daraufhin legten sie das Federkleid, das sie trugen, ab und wurden zu drei Mädchen, so schön wie Monde, die in der Welt nicht ihresgleichen hatten. Sie stiegen zum Teich hinab, schwammen in ihm munter und lachten. Als Dschanschâh sie erblickte, ward er bezaubert durch ihre Schönheit und Anmut und das Ebenmaß ihrer Gestalten.

In die jüngste von ihnen verliebt er sich.

Aber sie gab ihm zur Antwort: “Lass dies Gerede und zieh deiner Wege!”

Er freestylt:

“Im Garten erschien sie mir in ihren grünen Gewändern,
Den wallenden, und im Haare, das frei herab ihr hing.
Ich fragte sie; Wie heißt du? Sie sprach: Ich bin die Schöne,
Die in dem heißen Feuer der Liebe die Herzen fing.
Ich klagte ihr, was ich gelitten in meiner treuen Liebe.
Sie sprach: Du klagst dem Felsen und weißt doch nichts davon.
Da rief ich: Wenn dein Herz ein Felsen ist, so wisse,
Gott ließ aus Fels entspringen den allerklarsten Bronn.”

Dschanschâh fällt in eine Ohnmacht, in der er bleibt, während der alte Scheich mit den anderen Vögeln seine Rückreise bespricht.

510. Nacht

Der Scheich findet Dschanschâh. Nach den entsprechenden Vorwürfen gibt er ihm einen Rat: Sich beim nächsten Mal zu verstecken und einer von ihnen das Federkleid zu rauben.
Dafür muss er aber wieder ein Jahr warten, worauf sich Dschanschâh  einlässt.

Die sexuelle Gier ist nun wohl doch größer als die Heimatliebe.

 

504.-506. Nacht – Ameisen gegen Affen, Edelsteinberg

504.-506. Nacht – Ameisen gegen Affen, Edelsteinberg

(Fortsetzung von Die Geschichte von Dschanschâh
in Die Abenteuer Bulûkijas
in Die Geschichte der Schlangenkönigin)

504. Nacht

Die Tafel verheißt Dschanschâh außerdem, dass ein Strom, der sich zum Sabbat teilt, ihn in das Land der Juden,

die Mohammed nicht anerkennen,

führen würde.

Mohammed, der aber zum Zeitpunkt der Geschichte noch nicht gelebt hat. Die ganze Geschichte von Schlangenkönigin, Bulûrkija und Dschanschâh muss aus mehreren Storys zusammengebaut sein. Teilweise, wie in den Engels-Geschichten scheinen es muslimische Volksymythen zu sein. In Storys wie dieser scheint die Referenz zu Mohammed eher hinzugefügt, um sich von den Juden abzugrenzen.

“Doch hier werden die Affen, solange du bei ihnen weilst, über die Ghule siegreich bleiben.”

Nach einer Phase der Depression befiehlt Dschanschâh eineinhalb Jahre später den Affen, mit ihnen zur Jagd auszureiten.

Ein Schelm, wer nicht spätestens hier an den Planeten der Affen denkt.

Wäre natürlich interessant zu erfahren, ob Michael Wilson sich von den 1001 Nächten hat inspirieren lassen.

Während des Jagdausflugs fliehen Dschanschâh und die Mamluken eines Nachts vom Affentrupp, werden von diesem aber eingeholt.

Plötzlich aber kamen Ameisen aus der Erde hervor, gleichwie ein Heuschreckenschwarm, und eine jede von ihnen war so groß wie ein Hund.

Es kommt zum Kampf zwischen Affen und Ameisen, wobei die Ameisen Oberhand gewinnen.

505. Nacht

Am nächsten Tag nehmen die verbliebenen Affen wieder die Verfolgung auf.

Mit einem Male stürzte ein Affe wider sie los, der so große Zähne hatte wie ein Elefant, und er sprang auf einen der Mamluken, traf ihn und zerriss ihn in zwei Teile.

Der Rest flieht Richtung Fluss, wo sie schon wieder von den Ameisen erwartet werden, die auch einen der Mamluken töten. Dschanschâh und der letzte Mamluk springen ins Wasser, doch wird dieser an einem Fesen zerschlagen, während sich Dschanschâh an Land retten kann.
Tatsächlich gelangt er auf einer langen Fußreise zu einer Stadt der Juden, die aber wie ausgestorben scheint. Tatsächlich aber befinden sich die Juden wegen des Sabbats in ihren Häusern. Dort trifft er eine schweigende Familie beim Essen, die ihn mit Gesten bittet, sich zu ihnen zu setzen.
Als Dschanschâh ihnen am nächsten Tag seine Geschichte erzählt, lässt ihn der Hausherr wissen, dass jedes Jahr eine Karawane vorbeikomme, die in das zwei Jahre und drei Monate entfernte Jemen reise.

506. Nacht

Dschanschâh darf bei dem Juden in der Zeit wohnen. Nach einer Weile spaziert er auf der Straße und hört einen Mann ausrufen:

“Wer will tausend Dinare als Lohn empfangen und dazu eine schöne Sklavin, deren Reize in lieblichster Anmut prangen, indem er nur vom Morgen bis zur Mittagszeit für mich arbeitet?”

Dschanschâh lässt sich darauf ein und erhält eintausend Dinare, ein Seidengewand und die Sklavin bereits als Vorschuss. Er “ruht” mit dieser Sklavin über Nacht.
Am nächsten Tag aber begleitet er den Kaufmann zu einem hohen Berg. Dort lässt ihn der Kaufmann eines der Maultiere schlachten, ausnehmen und sich in die Haut hineinlegen.

Spätestens wenn das Maultier geschlachtet werden soll, müssten doch Dschanschâh Bedenken kommen. "Looks like we're shy one horse."

Der Kaufmann aber nähte ihn ein, ließ ihn dort liegen und entfernte sich von ihm.

Die Schallplatte "Drei Scheffel Glück" mit dem großartigen Märchen "Der Edelsteinberg" gehörte zu meinen prägenden Kindheits-Storys. Offensichtlich läuft auf diese Geschichte hinaus. Und es wäre interessant zu erfahren, ob die turkmenische Geschichte in die 1001 Nächte oder (was zu vermuten wäre) diese nach Turkmenistan übergeschwappt ist.

501. – 503. Nacht. Bergfest

Bergfest. Die Hälfte der 1001 Nächte und damit drei von sechs Bänden sind geschafft. Wenn ich das Lesetempo durchhalte, bin ich fertig, wenn ich 68 bin.

*

(Fortsetzung von Die Geschichte von Dschanschâh
in Die Abenteuer Bulûkijas
in Die Geschichte der Schlangenkönigin)

501. Nacht

Dschanschâh und seine sieben Mamluken verfolgen die Gazelle, die sich zunächst ins Meer stürzt und dann auf ein Fischerboot rettet. Dort angekommen entdeckt Dschanschâh eine Insel, zu der er mit seinen Gefährten fährt. Nachdem sie sich dort umgesehen haben, werden sie von der Dunkelheit überrascht und der Wind treibt sie aufs Meer hinaus.
Der bei den Pferden zurückgelassene Mamluk berichtet König Tighmus und dessen Frau vom Verschwinden ihres Sohnes.

Als aber die Mutter des Prinzen die Kunde vernahm, zerschlug sie sich das Antlitz und hob die Totenklage um ihn an.
Überlassen wir die Eltern ihrem Kummer und sehen wir nun, wie es Dschanschâh und seinen Mamluken erging.

Sie werden auf eine Insel geworfen, auf der sie einen Mann treffen, der wie Vögel sprach.

Laut Anmerkung des Übersetzers oder Herausgebers wird die "Zigeunersprache" von den Arabern bisweilen als Sperlingssprache bezeichnet.

Doch da blickte jener Mann nach rechts und nach links, und während die anderen noch alle staunend dastanden, teilte er sich plötzlich in zwei Hälften, und jede Hälfte ging nach einer anderen Richtung davon.

Man kann inzwischen davon ausgehen, dass dieses Feature keinerlei Konsequenzen für die Geschichte haben wird, sondern lediglich schmückendes Beiwerk ist. Es erinnert mich an die surrealen Figuren auf den Planeten, die Adolar besucht.

(Ungefähr ab Minute 11:00)

Doch der geteilte Mann kommt tatsächlich zurück mit seinen Kumpanen, die sich alle aufspalten und Dschanschâh und seine Mamluken fressen wollen. Tatsächlich werden drei von ihnen verspeist. Aber die übrigen erreichen das Boot und können fliehen. Auf hoher See schlachten sie die Gazelle und überleben so.
Sie erreichen eine weitere Insel, die ihnen paradiesisch erscheint. Dschanschâh schickt die Mamluken vor, um sie auszukundschaften. Er selbst bleibt im Boot.

502. Nacht

Die Mamluken entdecken eine weiße Burg mit einer edelsteingeschmückten Halle. Sie berichten Dschanschâh davon, der sie nun begleitet. Sie nehmen im Thronsaal Platz, um nachzudenken und zu weinen.

Während sie so trauerten, erhob sich plötzlich ein Geschrei vom Meere her; sie blickten nach der Richtung, aus der der Lärm kam, und sahen nun, dass dort Affen waren, die wimmelnden Heuschrecken glichen.

Die Insel gehört nämlich den Affen, die übrigens auch das Boot versenkt haben.

Da hielt die Schlangenkönigin inne, und dann sprach sie: “All dies, o Hâsib, erzählte der Jüngling, der zwischen den Gräbern saß, dem Bulûkija.” Und als Hasib sie fragte: “Was tat aber Dschanschâh mit den Affen”, fuhr sie also fort…

Eine kleine Zwischenorientierung durch die Erzählerin Schehrezâd, damit wir den Überblick in dieser matrjoschkamäßigen Geschichte nicht verlieren.

Die Affen schlachten und braten diverse Gazellen und bringen auch Früchte und zeigen Dschanschâh und den Mamluken ihre Ehrerbietung. Nachdem dieser sich nach der Insel erkundigt, antworten sie:

“Wisse, diese Stätte gehört Salomo, dem Sohne Davids – Freide sei mit ihnen beiden! -, und er pflegte alljährlich einmal hierher zu kommen, um sie zu ergötzen.”

503. Nacht

Die Affen machen Dschanschâh zum König, und er und die Mamluken fügen sich in ihr Schicksal.
Auf der anderen Seite der Insel, hinter den Bergen, leben allerdings mit den Affen befeindete Ghule, die diese angreifen. Die Mamluken helfen den Affen mit Pfeil und Bogen. Als sie sie vertrieben haben, entdeckt Dschanschâh eine Marmortafel an der Bergwand, auf der sein Schicksal verkündet wird: Der einzige Ausweg liege auf der anderen Seite der Insel.

 

 

 

499.-500. Nacht, Letzter DDR-Pfennig-Artikel, Hochzeit in Kabul

499.-500. Nacht, Letzter DDR-Pfennig-Artikel, Hochzeit in Kabul

Am Montag, dem 2. Juli 1990, dem Tag nach der Währungsunion, befand ich, dass ich für meinen kleinen Campingtrip nach Prag einen Dosenöffner bräuchte. Nach der Arbeit fuhr ich daher ins Centrum Warenhaus am Alex. (Ich hätte ihn gewiss auch in einem kleineren Laden gefunden, aber das Warenhaus lag mehr oder weniger auf dem Weg, und bei kleinen Läden wusste man nie.)
Ich wurde fündig, zahlte die 25 Pfennig und fuhr die Rolltreppe hinab. Und da standen sie schon – die Kamerateams von ARD und ZDF, die darauf aus waren, DDR-Bürger vor die Kamera zu zerren und zu fragen, was sie sich denn nun als erstes von ihrem schönen neuen Westgeld gekauft hätten. Ich war damals wirklich nicht besonders kamerageil, aber in dem Moment spazierte ich absichtlich langsam auf die Teams zu, um ihnen im Falle der Befragung diesen unansehnlichen DDR-Pfennigartikel zu präsentieren.
Ob sie schon was geahnt hatten oder ich ihnen zu unfotogen war – sie ließen mich ziehen. Und jetzt kann es jeder wissen, der lesen kann.

*

(Fortsetzung von Die Abenteuer Bulûkijas in Die Geschichte der Schlangenkönigin)

499. Nacht

Die Schlangenkönigin fährt fort und berichtet, dass nachdem Bulûkija seine Erlebnisse vorgetragen hatte, der Jüngling vor den Grabmalen seine eigene Geschichte erzählt.

Die Geschichte von Dschanschâh

Wir haben nun also eine Geschichte (Dschanschâh) in einer Geschichte (Bulûkija) in einer Geschichte (Schlangenkönigin) in einer Geschichte (1001 Nacht).

Der König Tighmûs von Kabul ist ein reicher Herrscher, aber ohne Weib und Nachkommen. Seine Astrologen meinen, die einzig mögliche glückliche Heirat wäre die mit der Tochter des Königs von Chorasân. Er sendet daraufhin seinen Wesir mit einem riesigen Trupp und reichen Geschenken nach Chorasân, damit dieser um die Prinzessin wirbt, versehen mit der Drohung, sich ihn zum Feind zu machen, falls er widerstrebt.
Bahraqân, der König von Chorasân ist hoch erfreut und überbringt seiner Tochter diese Botschaft. Diese antwortet nur:

“Tu, was du willst.”

Die Beschreibung legt nahe, dass der Wesir mehrere Wochen unterwegs ist. Allerdings darf man nicht die heutige Distanz von zirka 1.500 km annehmen. Denn das alte Chorasân reichte zeitweise weit bis in das heutige Afghanistan hinein.

500. Nacht

Die Prinzessin wird ohne Anwesenheit des Bräutigams vermählt.

Man kann annehmen, dass ihr der kirchliche Segen gegeben wird, denn es es ist von christlichen Mönchen und Priestern die Rede.

Nach zwei Gastmonaten reist die Prinzessin mit dem Wesir zurück. Auch in Kabul findet eine Hochzeit statt.

Dann ging er zu der Prinzessin ein und nahm ihr das Mädchentum.

Sie empfängt auch sofort, und der Held unserer Geschichte (und Erzähler) Dschanschâh wird geboren, dem man die beste Erziehung angedeihen lässt, unter anderem begann er,

dass Evangelium zu lesen,

was nicht heißt, dass er christlich ist wie seine Mutter, sondern das Evangelium (Indschîl), hat eine spezielle Bedeutung im Islam.

Als er groß wird, jagt er eines Tages eine Gazelle, die ihm entkommt und sich ins Meer stürzt.

Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.

495.-498. Nacht – Omikron und Beförderungs-Erschleichung

495.-498. Nacht – Omikron und Beförderungs-Erschleichung

Sobald die Nachricht über die Omikron-Variante heraus war, äußerten die Virus-Spezialisten, dies sei kein Grund zur Panik. Ich frage mich, wann die mal vor die Kameras treten und sagen: “Meine Damen und Herren! Wir bitten Sie jetzt alle, so richtig panisch zu werden.”
Ansonsten darf man sich durchaus freuen, dass der in Allgemeinwissen  und Popkultur eher unterrepräsentierte Buchstabe Omikron, der sich übrigens “O” schreibt, auch mal im Rampenlicht steht.
Betrüblich in der letzten Woche: Nachdem ich jahrelang bei meinen abendlichen Fahrten eine mit meiner Frau geteilte Jahreskarte dabei hatte, haben wir sie im Frühjahr abgeschafft, fuhren viel Fahrrad und kauften die wenigen Tickets online. Prenzlauer Allee. Kontrolleure. Ich erkenne sie an ihrem Hochstatus schon beim Einsteigen – diese Haltung, die signalisiert “Der S-Bahn-Wagen gehört mir.” Sie finden auch prompt ein paar Opfer, aber nicht genügend, um mir einen Zeitvorsprung zu verschaffen. Ich fummle hektisch an meinem Handy, aber der Gorilla brummt: “Ich sehe in der Scheibe, dass Sie versuchen, noch schnell ein Ticket zu kaufen.” In meinen frühen Zwanzigern, als mir das ein, zwei Mal pro Jahr passierte, bin ich dann meistens mit ausgestiegen und weggerannt. Aber weder habe ich noch diese Schnelligkeit noch den hohen Leidensdruck. Und so steht mein Name jetzt in der Beförderungs-Erschleicher-Datei des VBB.

*

495. Nacht

(Fortsetzung von Die Geschichte der Schlangenkönigin)

Bevor die Schlangenkönigin die Geschichte von Bulûkija fortsetzen kann, bittet Hâsib Karîm ed-Dîn sie, ihn wieder an die Erdoberfläche zurückzuführen.

Bei diesem Narrativ könnte auch jedem anderen der Kragen platzen, und man muss sich wundern, dass Schehrezâd nicht um ihr Leben fürchtet.

Die Schlangenkönigin aber prophezeit, dass sobald Hâsib an die Oberfläche käme, er ins Badehaus gehen würde, dort die Waschung vornehmen, und dann wäre es um sie, die Schlangenkönigin, geschehen. Trotz seiner Schwüre, dies nicht zu tun, lässt sie sich nicht umstimmen, da Hâsib ein Sohn Adams sei, der den Bund mit Allah gebrochen habe. Zehn Tage weint er nun, bis er sich schließlich einkriegt und sie resigniert zum Weiterplaudern ermutigt:

“Erzähle mir, wie es Bulûkija erging…”

Bulûkija nimmt Abschied vom König und begegnet auf seinen weiteren Wanderungen den Erzengel Michael sowie vier Engel in Gestalt eines Menschen, eines Raubtieres, eines Vogels und eines Stieres hatte.

(Die Symbole der vier Evangelisten - auch Tetramorph)

Er wandert weiter und gelangt zum Berg Kâf.

Der Erzähler nimmt keinerlei Bezug darauf, dass Bulûkija hier schon mal war.

Auf diesem Berg trifft er, man kann es sich schon denken, wieder einen Engel, dessen Aufgabe es ist, auf Befehl Allahs Dürre oder Überfluss, Krieg oder Frieden zu schaffen.

496. Nacht

Der Engel erklärt weitere Mythen, unter anderem:

“Hinter dem Berge Kâf liegt noch ein Gebirge, das einen Weg von fünfhundert Jahren lang ist, und es besteht ganz aus Schnee und Eis. Dies Gebirge ist es, das die Hitze des Höllenfeuers von der Welt abwehrt.”

497. Nacht

Die Hölle, so ein weiterer Mythos, von dem der Engel erzählt, ist ein Pfand, das Allah der Schlange anvertraut hat:

“Öffne deinen Rachen!” Und als das Ungeheuer seinen Schlund aufgetan hatte, senkte Allah die Hölle in seinen Bauch und sprach: ‘Bewahre die Hölle bis zum Tage der Auferstehung.'”

Wie wir aber von der Schlangenkönigin erfahren hatten, wohnen doch die Schlangen in der Hölle. Man hat fast den Eindruck, der Erzähler stellt all die Engels- und Höllenmythen nebeneinander, um ihre Inkompatibilität zu demonstrieren.

Bulûkija wandert weiter und trifft auf ein von zwei Wächtern behütetes Tor, das diese ihm nicht öffnen dürfen. Daraufhin bittet er Allah, ihm den Erzengel Gabriel zu senden, der das Tor öffnen möge.
Dies geschieht auch. Und hinter dem Tor befindet sich ein riesiges, von einer Bergkette umgebenes Meer. Auf den Spitzen dieser Berge sitzen, dreimal darfste raten,

Engel, deren Amt es war, zu lobpreisen und zu heiligen.

Er findet schließlich den Weg zum Meer, schmiert sich wieder die Füße mit der Kräutersalbe ein und begegnet anderen, die ebenfalls übers Meer wandeln. Es sind dies die beiden Erzengel Gabriel und Michael. Verwundert wandert Bulûkija weiter.

498. Nacht

Auf der Wanderung begegnet Bulûkija nun einem weinenden Jüngling, der zwischen zwei Grabstätten sitzt.

Hâsib unterbricht die Schlangenkönigin abermals und bittet sie, ihn nach oben zu führen, was sie ihm abermals verwehrt. Er weint,

und alle Schlangen weinten um seinetwillen und begannen für ihn bei der Königin zu bitten. (…) Als nun Jamlîcha – denn also war die Schlangenkönigin geheißen – diese Bitte von ihm hörte, wandte sie sich zu Hâsib und ließ ihn schwören.

Nach über fünfzig Seiten erfahren wir nun ihren Namen, als würde er jetzt noch eine Rolle spielen.

Sie befiehlt einer Schlange, ihn nach oben zu bringen.

Aber als sie schon bei ihm war, um ihn hinauszuführen, sprach er doch noch zu der Schlangenkönigin: “Ich möchte, dass du mir die Geschichte des Jünglings erzählst, bei dem Bulûkija sich niedersetzte.”

492.-494. Nacht – Die 32 besten Beatles-Songs und die sieben Schichten der Hölle

492.-494. Nacht – Die 32 besten Beatles-Songs und die sieben Schichten der Hölle

Soll man sich wirklich die acht Stunden “Get Back” antun? Wer weiß, vielleicht wird es am Ende traurig, und die Beatles lösen sich auf.
Schon vor einem halben Jahr habe ich eine Liste meiner Lieblings-Songs erstellt. Eigentlich hört man ja im späten Teenager-Alter auf, Lieblings-Irgendetwas zu haben. (Frag mal jemanden nach seinem Lieblingsessen, er soll in drei Sekunden antworten. Fast jeder nennt Kinder-Favoriten – Pizza, Spaghetti, Pommes.) Aber Nerds lieben Listen. Ich bin einer. Also bitte schön:

1. Nowhere Man

2. Strawberry Fields Forever

3. A Day in the Life

4. Eleanor Rigby

5. Penny Lane

6. Help!

7. Girl

8. In My Life

9. Across the Universe

10. For No One

11.The Fool on the Hill

12. Yesterday

13. Here Comes the Sun

14. All My Loving

15. Norwegian Wood (This Bird Has Flown)

16. A Hard Day’s Night

17. I’ve Just Seen A Face

18. The Inner Light

19. I Should Have Known Better

20. Hey Jude

21. Revolution[l]

22. I Want to Hold Your Hand

23. All You Need Is Love

24. Any Time at All

25. She Loves You

26. Here, There and Everywhere

27. Because

28. The End

29. Cry Baby Cry

30. Eight Days a Week

31. If I Fell

32. Within You Without You

Davon ist nur eines auf “Let it Be” (Across the Universe) erschienen.
Acht Songs sind ursprünglich auf Singles veröffentlicht worden.
Vier auf “A Hard Day’s Night”.
Jeweils drei auf “Rubber Soul” und “Revolver”, “Abbey Road” und “Help”.
Zwei auf “Sergeant Pepper…”
Und je eines auf “With The Beatles”, “Beatles For Sale” und “White Album”.
Keines von “Please Please Me”.
Das entspricht auch fast meiner persönlichen Albums-Rangliste. Mit der Ausnahme, dass sich für meinen Geschmack auf “Help” zu viel Füllmaterial befindet und auf dem Weißen Album viele schönes Songs, die es lediglich nicht auf meine Top-32-Liste geschafft haben.
Von diesen Liedern sind 16 hauptsächlich von John, elf von Paul, fünf in enger Kooperation der beiden entstanden und nur drei von George.

*

492. Nacht

(Fortsetzung von Die Abenteuer Bulûkijas in Die Geschichte der Schlangenkönigin)

Eine der kämpfenden Parteien reitet auf Bulûkija zu und erklärt ihm, zu einer Schar zu gehören, die jährlich auf Befehl Allahs gegen die ungläubigen Geister kämpfe. Sie leben im Weißen Land, das

fünfundsiebenzig Jahre hinter dem Berge Kâf

liege.

Ich habe diese Entfernungsangaben in Zeiteinheiten nie verstanden. In den USA macht es mich regelrecht aggressiv. Was weiß denn mein Gegenüber, wie schnell ich zu Fuß bin oder ob ich überhaupt mit dem Auto fahren will. (Zugegebenermaßen hat man oft keine Alternative zum Auto.)

Die Reiter führen Bulûkija zu ihrem König.

493. Nacht

In großen Schüsseln werden unter anderem gesottene Kamele gereicht.

Dass diese Tiere halal (wenn auch nicht koscher) sind, war mir bisher nicht klar.

Man speist zusammen, und der König erklärt Bulûkija den siebenschichtigen Aufbau der Hölle.

“O Bulûkija, Allah der Erhabene hat die Hölle in sieben Schichten geschaffen, eine über der anderen, und zwischen je zwei Schichten liegt ein Weg von tausend Jahren: Die erste Schicht hat er Dschahannam genannt, und die hat er für die Sünder unter den Gläubigen bestimmt, die ohne Reue sterben. Die zweite Schicht heißt Laẓâ, und die hat er für die Ungläubigen bestimmt. Die dritte Schicht heißt al-Dschaḥîm, und die hat er Gog und Magog zugewiesen. Die vierte heißt as-Sa‘îr, und die ist für das Volk des Teufels. Die fünfte heißt Sakar, und die ist für die, so das Gebet versäumten. Die sechste heißt el-Hatama, und die ist für die Juden und Nazarener bestimmt. Die siebente aber heißt al-Hâwija, und die hat er für die Heuchler bestimmt. Dies sind die sieben Höllenschichten.“

Die Beschreibung ist gewiss nachkoranisch, aber ich frage mich, ob sie eher dem Volksglauben zuzurechnen ist, theologisch ernstgenommen wird oder eine reine Beschreibung des Verfassers der Bulûkija-Story ist.

Es folgt eine ausschweifende Beschreibung der Genealogie des Teufels.

494. Nacht

Der König fährt fort, Bulûkija die Nachkommen des Oberteufels Iblis zu erklären, welche Satane seien.
Nach all den mythologischen Erklärungen bittet Bulûkija nun, von den Geisterreitern in die Heimat gebracht zu werden. Das geht aber nicht so einfach. Allenfalls kann ihm der König eine mit zwei gesottenen Kamelen beladenen Super-Stute überlassen, die Bulûkija an die Grenze dieses Reiches führen könne.

“Hüte dich aber, von ihr abzusteigen oder sie zu schlagen, oder ihr ins Ohr zu schreien, denn wenn du das tust, so wird sie dir den Tod bringen.”

Wären wir bei den Grimms oder irgendeinem anderen europäischen Volksmärchen, so wäre diese Aufforderung eine Garantie dafür, dass Bulûkija genau diese Regel bräche. Aber da diese Geschichte offenbar nur dem Zweck dient, Bulûkija (stellvertretend für alle Zuhörer oder Leser) mit islamischer Mythologie vertraut zu machen und nicht eine kohärente Story zu erzählen, in der der Held die Konsequenzen seines Tuns erfährt, brauchen wir uns keine Sorgen um ihn zu machen.

Nach zwei Tagen schnellen Reitens, in der die Entfernung von 70 Monaten zurückgelegt wurde, trifft er den Bruder des vorherigen Königs – Barâchija.

Meine Lieblingspodcasts, der Berg Kâf, konsequenzloses Erzählen – 489.-491. Nacht

Als 2020 die Covid-Pandemie begann, legte ich mir einige seltsame Gewohnheiten zu. Zum Beispiel begann ich Podcasts zu hören, eine Tätigkeit, die andere anscheinend im Auto ausführen. Bis dahin hatte ich eine gewisse Abneigung gegen dieses Medium. So kann ich immer noch keine Audiobücher ertragen. Das betuliche Geseiere der allseits hochgelobten Theater-Sprecher geht mir auf den Kranz. Allerdings habe ich schon seit langem immer wieder mal (vor allem beim abendlichen Wohnungsputz) exotische Talk-Radio-Stationen gehört und war damit dem, was ich heute bei Podcasts finde gar nicht so weit entfernt. Außerdem glich ich mit Podcasts den Umstand aus, dass ich mich nur noch sehr schwer auf lange Texte, also Bücher, konzentrieren konnte.
Hier meine Erfahrungen und Bewertungen nach anderthalb Jahren:
Beginnen wir mit True Crime. Ich habe keine Ahnung, warum dieses Genre ausgerechnet auf Podcasts so populär ist. Das Äquivalent – True-Crime-Zeitschriften – ist ja eher übersichtlich. Vielleicht lässt es sich ja schöner beim Zuhören gruseln.

Eingestiegen bin ich bei Stern-Crime. Der Podcast nimmt wesentlich die Perspektive der Ermittler ein. Interessante Studiogäste, etwa Kommissare, die von ihrem bedeutendsten Fall berichten oder eine Hundeführerin, die wesentlich zur Aufklärung schwerer Fälle beigetragen hat, machen den Podcast spannend. Mit den Sprechern hatten sie nicht immer ein gutes Händchen – heisere Stimmen, mädchenhaftes Gekicher bei kuriosen Fällen (einmal sogar bei der Beschreibung eines Folterzimmers, in dem junge Frauen gequält wurden) und übermäßig detailliert beschriebene Grausamkeiten haben mich Passagen oder auch ganze Folgen überspringen lassen.

Sprechen wir über Mord mit Holger Schmidt und dem ehemaligen Präsidenten des Bundesgerichtshofs Thomas Fischer.
Interessante Fälle, die vornehmlich aus der juristischen Perspektive diskutiert werden. Man wird aber das Gefühl nicht los, dass die beiden zusammengecastet wurden und nicht so recht miteinander warm werden. Schmidt versucht immer wieder auf die emotionale und anekdotische Ebene zu springen, was Fischer fast immer blockiert. Seine Standard-Antwort: „Dazu kann ich nichts sagen. Ich habe ja die Akten nicht gelesen.“ So sehr ich Fischer schätze, in diesem Podcast ist er eine Fehlbesetzung.

Zeit Verbrechen
Derzeit für mich der beste True Crime Podcast. Sabine Rückert und Andreas Reickert ergänzen sich perfekt. Rückert manchmal etwas emotional und in einem selbstgerechten Ton, aber sie verlässt nie die Sphäre des seriösen Journalismus. Die Experten stets kompetent und auskunftsfreudig. Höhepunkt: Die dreiteilige Serie zum Fall Kachelmann, einem Tiefpunkt der deutschen Justiz.

Es ist ein Klischee, dass man sich mehr für Geschichte interessiert, je älter man wird. Die menschlichen Ereignisse rücken quasi näher. Vom Jahr Null bis heute sind es nur 70-80 Generationen.
Mein Einstieg war hier History of Rome, dem ich aber wegen seines schweren Akzents kaum folgen kann, wenn ich gleichzeitig den Geschirrspüler ausräume.

Hervorragend der nur halbjährlich erscheinende Podcast Fall of Civilisations, mit meiner Lieblingsfolge „The Greenland Vikings“, in der geschildert wird, wie eine Kombination aus kleineren politischen Ereignissen, klimatischen Veränderungen und der europäischen Pest dazu führte, dass eine kleine aber scheinbar stabile Zivilisation in Grönland unterging.

Mein Favorit ist allerdings Geschichten aus der Geschichte mit Daniel Meßner und Richard Hemmer, die einander mit süddeutschem bzw. österreichischen Akzent unbekannte Geschichten aus der Vergangenheit berichten.

Baywatch Berlin ist auf jeden Fall als Comedy Podcast zu loben. Anderthalb Stunden improvisierte gute Laune. Dabei werden alle Ebenen des Humors gleichzeitig bedient – vom dreifachbödigen Kalauer bis zur intellektuellen Anspielung, wie bei zu den besten Zeiten der Chaussee der Enthusiasten. Klaas Heufer-Umlauf, Jakob Lundt und Thomas Schmitt kennen sich jahrelang und sind so aufeinander eingespielt, dass es praktisch keinen Leerlauf gibt. Allerdings sind mir 90 Minuten meist zu viel, so dass ich Baywatch nur noch selten höre.

Ähnlich geht es mir mit The Good Fight von Yasha Monk, der mit einer Halb-Insider-halb-Außenseiter-Perspektive die amerikanischen politischen Konfliktlinien seziert.

Und schließlich empfehle ich den Wirtschafts-Podcast Wohlstand für alle von Ole Nymoen und Wolfgang Schmitt, zwei jungen Wirtschaftswissenschaftlern, die mit außerordentlichem Fachwissen und einem schier grenzenlosen Lektürehunger aktuelle und auch zeitlose Wirtschaftsfragen aus einer dezidiert linken Perspektive behandeln. Ich vermute, man muss diese Perspektive übrigens nicht unbedingt teilen, um den Podcast zu genießen, aber das müsste mal ein Neoliberaler beantworten.

*

489. Nacht

Die Schlangenkönigin kehrt zu ihrem Volk zurück und sah,

dass es sehr schlecht um sie stand; denn die Starken waren schwach geworden und die Schwachen waren gestorben. Doch als sie die Schlangen ihre Königin wieder bei sich sahen, waren sie erfreut.

Die Schlangenkönigin will ihre Geschichte schon beenden, doch Hâsib Karîm ed-Dîn besteht auf der Fortsetzung.

Scheherezâd verweist hier quasi auf sich selbst.

Nachdem die Schlangen und Hâsib Karîm ed-Dîn auf den Berg Kâf gewandert sind, um dort zu überwintern, fährt sie fort.

Affân und Bulûkija wandern mit ihren gesalbten Füßen über alle sieben Meere, bis sie an einen grünen Berg kommen, den sie besteigen. In einer Höhle finden sie ein reich verziertes Thronlager, auf dem Salomo liegt. Die Beiden beginnen nun, Beschwörungsformeln zu rezitieren, und Affân nähert sich König Salomos Leichnam. Als er jedoch den Ring von dessen Finger ziehen will, wird er vom Hauch einer Schlange verbrannt.

Unklar, ob es auch eine der bereits erwähnten Schlangen ist.

490. Nacht

Allah lässt nun den Erzengel Gabriel zu Bulûkija herabsteigen, der ihm erklärt:

“… die Zeit Mohammeds liegt noch in weiter Ferne.”

Das erklärt Einiges. Bulûkija ist also ein vorislamischer "Israelit", der aber auf wundersame Weise bereits vom Kommen des Propheten Mohammed erfahren hat.

Nun durchschreitet Bulûkija wieder nacheinander die Weltmeere, und landet auf einer Insel, die in leuchtenden Farben geschildert wird.

Ja, die Insel war ein herrliches Land, ihre Grenzen waren weit gespannt, und viel war des Schönen, das auf ihr sich befand. Es war, als ob der Inbegriff aller Schönheit sie umschlang; und das Singen ihrer Vögel war lieblicher als der Laute Klang…”

Abends sucht er Zuflucht auf einem Baum, wacht aber nachts auf, da sich die wilden Tiere aus dem Wasser und vom Land am Strand treffen.

Man könnte meinen, das habe etwas zu bedeuten, wird aber einfach nur herrlich konsequenzlos berichtet, und man hat im Verlauf der weiteren Geschichte den Eindruck, der Erzähler habe bemerkt, dass er mit diesen Schilderungen eigentlich nicht mehr viel anfangen kann. Für die folgenden sechs Inseln, werden immer weniger Features genannt.

Auf der zweiten Insel isst Bulûkija getrocknete Fische am Strand.

491. Nacht

Bulûkijas “Erlebnisse” auf den folgenden Inseln ähneln sich in ihrem Nichtvorhandensein. Schließlich erreicht er nach mehreren Monaten die siebente Insel. Und da er Hunger hat, streckt er die Hand nach einem Apfelbaum aus.

Doch plötzlich schrie eine Gestalt aus dem Baum ihn an mit den Worten: “Wenn du dich diesem Baum nahst und etwas von seiner Frucht issest, so spalte ich dich in zwei Stücke!”

Das Verbot wird mit der Ursünde Adams begründet.
Als Bulûkija dem Riesen seine Liebe zu Mohammed eröffnet, bringt dieser ihm zu essen.

Auch diese Begegnung scheint folgenlos zu bleiben.

Nach zehn Tagen der Wanderschaft erblickt er eine Staubwolke.

Als er auf jene Wolke zuschritt, hörte er ein Schreien und Schlagen und gewaltiges Tosen. (…) und er erblickte viel Volks, das auf Pferden beritten war und miteinander kämpfte; und das Blut floss um sie. (…) Bulûkija aber ward von großer Furcht gepackt.

487.-488. Nacht: Schlangen, Milch und Wein – Verwirrende Bewertungsskalen im Internet

Seit Ende des letzten Jahrhunderts haben sich Bewertungssysteme im Internet etabliert. Das wichtigste dieser Systeme war wohl das von Ebay, welches ohne Bewertung gar nicht richtig funktionieren könnte, denn das System selbst beruht vor allem auf Vertrauen: Schließe ich mit einer mir unbekannten Person einen Kaufvertrag ab oder lasse ich lieber die Finger davon? Schnell lernte man hier, dass man Bewertungen auch auf besondere Weise lesen muss: Eine 90%-Rate an positiven Bewertungen ist für einen professionellen Händler eine Katastrophe. Wenn der Verkäufer hingegen erst 10 Transaktionen hinter sich hat und die eine negative von einem Käufer stammt, der eigentlich vom Produkt selbst enttäuscht ist, so kann man ihm durchaus vertrauen. Inzwischen haben sich bei den meisten Services Fünfer-Skalen etabliert, meist mit Sternen, so wie man das von Hotels kennt. Am bekanntesten ist wahrscheinlich die von Amazon. Dort stehen die Sterne unerklärt für sich. Intuitiv versteht man, ob das Produkt etwas taugt oder nicht. Diese Intuition wird uns aber in einigen Systemen geraubt. Uber zum Beispiel lässt keine Abstufungen von “gut” zu. Die Fahrt war entweder ***** zufriedenstellend (dann kann man auch ein Kompliment abgeben). Oder sie war
**** OK, aber ich hatte ein Problem
*** Enttäuschend
** Schlecht
* Schrecklich.
Man kann also nicht zwischen guten und herausragenden Fahrern unterscheiden. Wie bewertet man nun Fahrer, die zum Beispiel hervorragend fahren, aber auf der Fahrt fünf mal rülpsen? Ich würde das nun nicht als “ich hatte ein Problem” bezeichnen, aber auch nicht als herausragend. Vielleicht hat diese aufs Negative geeichte Skala damit zu tun, dass man die Fahrer wirklich an der Kandare halten will. Tatsächlich gibt es ja auch viele Dinge, die einem die Fahrt verleiden können. Ich etwa habe erlebt: Überschreitung der Geschwindigkeitsbegrenzung, nach Rauch stinkende Karre, Video-Chat mit Freunden, Beschimpfen von Fußgängern und Radfahrern, dröhnend laute Musik, die auf die Bitte, leiser zu stellen, auf halbdröhnend gedimmt wurde, aggressiv-anbiedernder Small Talk, orientierungs- und verständnisloses Starren aufs Navi.
Auf der anderen Seite gibt es die zum Positiven verzerrte Skala des Lektüre-Sozialnetzwerks Goodreads.
* Ich mochte es nicht.
** Es war OK.
*** Ich mochte es.
**** Ich mochte es sehr.
***** Es war toll.
Mit dieser Abstufung haben anscheinend viele Nutzer ein Problem. Ein Roman lässt sich zum Beispiel nicht vernünftig einordnen, wenn die Story völlig wirr und grottig war, die Sprache aber faszinierte (oder umgekehrt). Nein, das Buch war dann nicht “OK”, aber eben auch nicht so grauenvoll wie, sagen wir “Mein Kampf”. In der Folge wurschtelt sich jeder sein eigenes Verständnis der Skala zurecht, und man liest die Mini-Rezensionen, wenn man Genaueres erfahren will.

*

(Fortsetzung von Die Abenteuer Bulûkijas in Die Geschichte der Schlangenkönigin)

487. Nacht

Die Schlangen sagen, sie seien von Allah als Strafe für die Ungläubigen erschaffen worden und kämen direkt aus der Hölle. Sie gehörten zu den kleinsten, denn nur sie könnten bei Vulkanausbrüchen ausgespien werden.

“Woher kennt ihr Mohammed – Allah segne ihn und gebe ihm Heil! – ?”
Sie erwiderten: “O Bulûkija, der Name Mohammeds steht am Tore des Paradieses geschrieben; und wäre er nicht, so hätte Allah weder die Geschöpfe noch das Paradies noch die Hölle, weder Himmel noch Erde geschaffen.”

Zu behaupten, dass diese Antwort einige Fragen aufwirft, wäre eine Untertreibung. War Mohammed vor den Geschöpfen da? Wenn nicht, warum hat sich Allah dann Zeit gelassen mit der Schöpfung des Grundes aller Schöpfungen? usw.

Bulûkijas Liebe zu Mohammed wächst, und so reist er rasch mit dem Schiff weiter, kommt in ein anderes Land und trifft dort erneut auf Schlangen, unter ihnen die Schlangenkönigin.

Aha. Zwei verschiedene Schlangenvölker.

Die Schlangenkönigin bittet Bulûkija, dem Propheten einen schönen Gruß auszurichten.

Das kann man dem Propheten kaum übelnehmen. Ich meine, wer wäre nicht gern mit einer Schlangenkönigin befreundet.

Bulûkija reist weiter nach Jerusalem und trifft dort den Gelehrten Affân, der Bulûkija vom Siegelring Salomo berichtet, der einem helfen könne, die Tiere, Menschen und Geister sich untertan zu machen.

488. Nacht

Da aber Salomon an einem für Schiffe entfernten Ort begraben sei, könne man ihn nicht ohne weiteres erreichen. Es sei denn, man bestreiche sich die Füße mit einem Kräuterextrakt.
Doch könne man dieses Kraut nur gewinnen, wenn man die Schlangenkönigin bei sich habe.
Nachdem Bulûkija auch seine Geschichte berichtet, begeben die beiden sich in das Land der Schlangenkönigin, die sie mit einem Köder aus zwei Schalen mit Milch und Wein in einen Käfig locken.

Ab hier erzählt die Schlangenkönigin von sich in der dritten Person.

Als sie aufwacht, empört sie sich:

“Ist das der Lohn derer, die den Menschenkindern kein Leid antun?”

Bulûkija beschwichtigt sie, und so führt die Schlangenkönigin die beiden zum Berg, wo die Zauberkräuter wachsen. Sie finden das Kraut mit der gewünschten Eigenschaft und reiben sich die Füße ein. Sie glauben sich dem Ziel schon nahe, als die Schlangenkönigin ihnen die Hoffnung raubt:

“weil Allah, der Erhabene, jenen Ring dem König Salomo als Geschenk verlieh und ihn allein dadurch ausgezeichnet hat, da er zu ihm sprach: ‘O Herr, gib mir ein Königreich, wie es keiner nach mir besitzen soll, denn du bist der Allspender!’ Wie sollte jener Ring an euch kommen!”

Die Schlangenkönigin bezieht sich hier auf den Koran 38.34-35

Als sie diese Worte von ihr vernommen hatten, kam ihnen bittere Reue, und sie gingen ihrer Wege.

 

480.-486. Nacht – Throw Down a Well Trope – Pioniere voran

Wachte heute morgen mit zwei Fragen zu Filmen auf:

  1. Nachdem Chris in Get Out das Anwesen der Armitages mit Hilfe seines Freundes verlässt, sind sämtliche Bewohner tot. Sämtliche Bewohner, aber eben nicht alle Anwesenden. Jim Hudson, der blinde Galerist, könnte noch am Leben sein. “Könnte”, da sich die OP-Liege entzündet hat, was nahelegt, dass er bei lebendigem Leib verbrennt. Eine andere Möglichkeit aber wäre auch, dass das Feuer nicht übergreift, und der Alte Stunden später erwacht und nun mit offener Schädeldecke durch ein verlassenes Anwesen taumelt.
    So oder so fragt sich, was die Polizei, die früher oder später auf all die Leichen treffen wird, aus der Geschichte machen wird.
  2. In Pulp Fiction wird Butch von Marcellus Wallace “begnadigt”, da der ihm das Leben gerettet (oder vor Versklavung bewahrt) hat. In Butch’s Wohnung liegt aber noch die Leiche von Vince Vega, den Butch auf dem Klo erschoss. Wie reagiert Marcellus, wenn er zur Wohnung zurückkehrt und dort die Leiche eines seiner Ober-Killer findet? Wird er sich an den Deal halten? Wird er die Leiche abtransportieren lassen? (Vielleicht vom Wolf, der dem Schrotthändler einen weiteren Auftrag verschafft? Oder lässt er sie liegen und überlässt der Polizei alles weitere? Schließlich gibt es ja noch Butchs Fingerabdrücke an der Waffe, die er nur oberflächlich gereinigt hat. Auf jeden Fall kann man sich kaum vorstellen, dass Butch und Fabienne ein sorgloses Leben führen werden, zumal er auch Zeds Chopper gestohlen hat, den er wahrscheinlich am Flughafen stehenlassen wird. Überwachungskamera, ick hör dir trapsen.

*

480. Nacht

(Fortsetzung der Geschichte der Schlangenkönigin)

Nachdem der griechische Weise seine Frau begattet hat, begibt er sich auf eine Schiffsfahrt, kann sich auf eine Planke retten, notiert dort auf fünf Seiten einige Wörter und reist dann nach Hause, um diese Seiten in einer Kiste zu verstauen und seiner Frau mitzuteilen, dass er bald stürbe, diese Zettel aber das Erbe an seinen Sohn sein soll.

Woher er weiß, dass es ein Sohn wird und ob er seiner Frau auch etwas vererbt, bleibt unklar.

Der Weise stirbt. Die Frau lässt für ihren Sohn, den sie Hâsib Karîm ed-Dîn nennt, ein Horoskop erstellen, das ihm Gefahr in jungen Jahren und mögliche Kenntnis der Wissenschaft prophezeit. Doch der Sohn taugt weder in der Schule noch in der Ausbildung etwas, und so nehmen ihn die Holzhauer mit zur Arbeit. Als diese eine Tages in ein Gewitter geraten, finden sie Zuflucht in einer Höhle. Hâsib Karîm ed-Dîn setzt sich etwas abseits und schlägt mit seiner Axt wie in Gedanken auf den Boden. Dabei erklingt ein hohles Geräusch, als schlüge er auf eine Platte.

484. Nacht

Hâsib Karîm ed-Dîn und seine Gefährten entdecken unter der Platte eine Zisterne voller Honig. Sie beschließen, den Honig zu sammeln und in der Stadt zu verkaufen, während Hâsib Karîm ed-Dîn Wache halten soll. Als die Zisterne fast leer ist, entscheiden sie heimlich, ihn bei der letzten Sammlung in der Zisterne zurückzulassen.

Wenn man die Trope des Zurücklassens im Loch (Josef und seine Brüder (Moses1), Das Blaue Licht (Grimms Märchen) usw.) kennt, kann man erahnen, dass nun das große Glück auf unseren Helden wartet. Und so geschieht es auch.

Die Holzfäller verkaufen den Honig, erzählen der Mutter von Hâsib Karîm ed-Dîn, er sei von einem Wolf gefressen worden;

und sie verbrachten ihre Tage mit Essen und Trinken, Lachen und Scherzen.

Das erinnert mich an die letzte Zeile der ersten Strophe von "Pioniere voran!" Vage klingt in meinem Kopf auch noch eine Verhohnepipelung dieses Liedes, die ich in einigen Ferienlagern hörte, die also eine gewisse Verbreitung gehabt haben muss.

“Wiener Würstchen voran, lasst uns vorwärtsgehn
Wiener Würstchen stimmt an, lasst die Fahnen wehn
Unsre Straße, die führt in den Suppentopf hinein
Wir sind stolz Wiener Würstchen zu sein.”

Wer mag der Dichter gewesen sein? Und wie hat sich das Spottlied über das ganze Land verbreitet. Es können eigentlich nur die Ferienlager gewesen sein.

Hâsib Karîm ed-Dîn entdeckt einen Skorpion, der durch einen Spalt gekommen sein muss. Er entdeckt den Spalt, zwängt sich hindurch und erblickt eine Vorhalle, ein gewaltiges Tor aus schwarzem Eisen, daran ein silbernes Schloss mit goldenem Schlüssel. Er spaziert hindurch und gelangt an einen See und einen Hügel aus grünem Chrysolith, auf dem ein edelsteingeschmückter Thron steht.

Es fragt sich allerdings: Wenn es in der Zisterne einen Spalt gibt, warum ist dann der Honig nicht daraus abgeflossen?

485. Nacht

Um den Thron herum zählt er zwölftausend Stühle. Davon wird er müde und schläft ein. Er wacht von einem Fauchen auf und begegnet der mit menschlichem Antlitz versehenen riesigen Schlangenkönigin und ihren Tausenden Untertanen. Die Schlangenkönigin bittet Hâsib Karîm ed-Dîn, ihr seine Geschichte erzählen, was er auch tut. Ihm solle nur Gutes widerfahren, sofern er sich auch ihre Geschichte anhört.

486. Nacht

Die erste Geschichte, die die Schlangenkönigin über sich erzählt, ist

Die Geschichte Bulûkijas

Wisse, o Hâsib, einst lebte in der Stadt Kairo ein König der Kinder Israel; und der hatte einen Sohn des Namens Bulûkija.

Ein jüdischer König in in Kairo? Bezieht sich der Erzähler hier auf die Königszeit Israels? Oder wird hier nahegelegt, Ägypten hätte einen jüdischen König gehabt?

Dieser König stirbt.

Sein Sohn Bulûkija aber ward zum Sultan über das Volk gewählt.

Es wird ja immer verrückter. Ein gewählter Sultan?

Bulûkija durchsucht nach dem Tod des Vaters das Haus und findet in einem Kästchen aus Ebenholz

einen Bericht über Mohammed – Allah segne ihn und gebe ihm Heil!

Daraufhin

ward sein Herz von Liebe zu ihm ergriffen.

Er macht die Vornehmen, Schriftgelehrten, Priester und Eremiten mit dem Buch vertraut und beschließt, seinen Vater zu exhumieren und zu verbrennen,

“weil er dies Buch vor mir verborgen und es mir nicht gezeigt hat.” (…) Das Volk aber sprach: “O König, dein Vater ist tot; jetzt ruht er in der Erde, und seine Sache ist seinem Herrn anheimgestellt. Hole ihn nicht aus seinem Grabe hervor.”

Bulûkija beschließt, fortzugehen,

bis ich mit ihm vereint werde.

Er spricht offenbar von Mohammed. Unklar aber an dieser Stelle, ob Mohammed noch lebt oder welcher Art die Vereinigung sein soll.

Bulûkija macht sich auf die Reise, betritt ein Schiff, und sie gelangen auf eine Insel.

Und nun erblickte er auf jener Insel Schlangen, die so groß waren wie Kamele und wie Palmen, die den Namen Allahs, des Allgewaltigen und Glorreichen, anriefen…

Gläubige Schlangen! Wenn der Erzähler das für erwähnenswert hält, muss man vermuten, dass sie eigentlich verwunschen sind. Wir werden sehen.

Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.

Ideologische Reflexe im Rittenhouse-Prozess / 480., 481. und 482. Nacht

Da spaziert ein pausbäckiger Siebzehnjähriger, der jünger wirkt, mit einer semi-automatischen Waffe durch die Stadt Kenosha, während um ihn herum chaotische Zustände im Zuge der außer Rand und Band geratenen BLM-Proteste herrschen. „Streichholz und Benzinkanister“, sang damals Nena. Was kann schon schiefgehen! So einiges ging schief. Rittenhouse, der nicht einmal aus dem Ort stammte, glaubte, sich als Sanitäter und Milizionär nützlich machen zu müssen und weitere Brandstiftungen und Plünderungen verhindern zu können. Am Ende des Abends hat Rittenhouse zwei der Protestierenden erschossen und einen dritten schwer verletzt.

Das war die Nachricht im Sommer 2020. Und noch bevor Einzelheiten bekannt waren, mussten sich erst mal alle positionieren. Die amerikanischen Konservativen entlang der von Fox-News präsentierten Erzählung: Kyle Rittenhouse wurde hier hochstilisiert nicht nur als Verteidiger einiger Läden, sondern als Verfechter der amerikanischen Freiheit – ein Held.

Für die Linken und Liberalen, zu denen so gut wie alle meine amerikanischen Facebook-Freunde zählen, stand umgehend fest – der Bursche ist ein Mörder. Ungeprüft wurden Behauptungen verbreitet: Rittenhouse sei von vornherein bewaffnet gewesen. Er sei überhaupt nur nach Kenosha gekommen, um dort Jagd auf Menschen zu machen. Die Opfer seien schwarz gewesen usw.

Dass die Wahrheit sich nicht den Glaubenssätzen politischer Fraktionen unterwirft, scheinen fast alle dabei außer Acht gelassen zu haben. Und so wurde auch der Prozess, der im November 2021 folgte, nur unter dieser Perspektive verfolgt. Auf rechten Kanälen mokierte man sich über den flamboyanten Staatsanwalt, der sich in einer Situation nicht entblödete, bei der Demonstration der von Rittenhouse getragenen Waffe mit dem Finger am Abzug auf die Jury zu zielen. Die Linken wiederum regten sich über den Richter auf, der zum Beispiel dem Staatsanwalt verbot von „Opfern“ zu sprechen, obwohl er das generell bei Tötungs-Prozessen tat, um keine Vorverurteilung zu suggerieren.

Wer sich die Mühe machte, längeren Strecken des Prozesses zu folgen, musste, kurzgefasst, zu folgendem Ergebnis kommen:

Irgendwann war Rittenhouse von seiner Gruppe getrennt und wurde von den Protestierenden als Rechter identifiziert und bedrängt. Einer von ihnen, ein Schwerkrimineller mit psychiatrischen Problemen, namens Rosenbaum konfrontierte und verfolgte Rittenhouse, der inzwischen weglief. Nachdem in der Nähe jemand einen Schuss abgefeuert hatte, jemand „Kill him!“ rief und Rosenbaum eine Tüte mit Gegenständen nach Rittenhouse warf und auf ihn zu sprang, wandte dieser die Waffe auf ihn. Rosenbaum langte nach der Waffe. Rittenhouse feuerte ab und tötete Rosenbaum. Seine Verfolger ließen zunächst von Rittenhouse ab, aber kurze Zeit später, als er schon Richtung Polizei rannte, wurde er von einigen jungen Männern verfolgt. „Schnappt ihn euch.“ Einer von ihnen schlug ihn nieder. Man trat nach ihm, schlug ihn mit dem Skateboard, griff nach seiner Waffe und richtete eine Pistole auf ihn.

Die Verteidigung im Mord-Prozess forderte den Staatsanwalt heraus: „Glauben Sie wirklich, dass Rittenhouse in dieser Situation, einfach seine Waffe hätte ablegen und die Hände erheben sollen? So ist das Leben auf der Straße nicht.“ Die Videos belegen die Gewaltbereitschaft des Mobs. Rittenhouse weicht immer wieder aus, versucht zu deeskalieren, flieht. Und erst als er sich physisch ernsthaft bedroht sieht, schießt er.

Die Bilder, die danach entstanden sind, gingen um die Welt: Ein desorientierter Jugendlicher, der eine AR 15 umgehängt hat und sich mit erhobenen Händen der Polizei nähert, aber von deren Fahrzeugen ignoriert wird.

Die deutschen Medien nehmen das Narrativ der amerikanischen Linken nur zu bereitwillig auf: Die Plünderungen und Brandschatzungen, die es in den Tagen zuvor gegeben hat, werden verharmlost oder gar nicht erst erwähnt. Die Bewaffnung der Protestierenden (darunter auch eines der Opfer) wird verharmlost oder nicht erwähnt. Die kriminelle Vorgeschichte von zwei der Opfer wird verharmlost oder nicht erwähnt.

Die politischen Reflexe rasten ein. Rittenhouse ist fraglos ein stramm rechts sozialisierter junger Mann. In der Interpretation wird daraus: Er muss ein White Supremacist sein. Der Richter hat auf einen für den Angeklagten fairen Prozess geachtet und den Staatsanwalt für die Nichtbeachtung von Verfahrensgrundsätzen gerügt: Also muss er wohl das Spiel Trumps spielen.

Die moralische Aufregung darüber, dass man einen Jugendlichen mit einer Kriegswaffe durch die Straßen einer Stadt spazieren lässt, entlädt sich in einer Wut über Jury, Richter und Staatsanwalt.

Im Krieg stirbt die Wahrheit als erstes. Im Kulturkrieg ist das nicht anders. In den USA verschärft er sich seit Jahren. Die Rittenhouse-Berichterstattung ist ein Beispiel dafür. Wir müssen aufpassen, dass dieser Krieg der ideologischen Verblendungen nicht zu sehr herüberschwappt.

480. Nacht

Fortsetzung der Geschichte vom frommen Israeliten, der sein Weib und Kinder wiederfand

Der auf die Insel verschlagene Israelit wird zum Weisen, betet zu Allah und preist ihn. Die Kunde über ihn verbreitet sich und so

kamen die Völker des Meeres heran und beteten wie er.

Unklar: Ist er Jude oder Konvertit?

Die beiden Söhne hören von diesem heiligen Mann.

Muss man da noch weiterlesen, da die Pointe schon in der Überschrift verraten wird?

 

481. Nacht

Die Frau des Israeliten war bei einem Kaufmann in Obhut gelangt, der nun ebenfalls den Weisen besucht. Die jungen Männer werden beauftragt, auf sie auf dem Schiff aufzupassen, finden heraus, dass sie Brüder sind. Und wenig später, wie angekündigt, sind alle wieder beisammen.

So waren sie nun alle wieder vereint, und alle lebten herrlich und in Freuden, bis der Tod sie abberief. Preis aber ihm, der Seinen Knecht rettet, wenn er Ihm naht, und keinen enttäuscht, der auf Ihn Hoffnung und Zuversicht gegründet hat.

Ein jeglich Ding hat seine Zeit allhier auf Erden;
Bald wird’s getilgt, o Bruder mein, bald bleibt’s bestehn.
Drum soll ein Kummer, der dich traf, dich nicht betrüben;
Im Leide können wir der Freude Zeichen sehn.

*

Die Geschichte von Abu el-Hasan ed-Darrâdsch und Abu Dscha’far dem Aussätzigen

Abu el-Hasan ed-Darrâdsch (wer immer das sein mag) berichtet diese Geschichte: Abu el-Hasan ed-Darrâdsch ist auf dem Weg nach Medina zum Grab des Propheten, und auf dem Weg bittet ihn ein Aussätzige, ihn mitzunehmen.

Ich aber sagte mir: “Ich bin den Gefährten entronnen; warum soll ich nun mit dem Aussätzigen zusammen sein.”

An den nächsten Rastplätzen trifft er ihn wieder. Der Aussätzige:

“Er tut an den Schwachen, was den Starken verwundert.”

("Er" = Allah)

Abu el-Hasan ed-Darrâdsch bittet nun den Aussätzigen, ihn begleiten zu dürfen. Dieser sträubt sich.

482. Nacht

[Die Grabstätte Mohammeds bestand ursprünglich aus Holz.]

Nun begegnet er dem Aussätzigen auf jeder weiteren Raststätte, nicht aber an seinem Ziel in Medina. Die Scheiche, denen er dort begegnet, raten ihm:

“Nimmermehr wirst du hinfort seine Begleitung gewinnen. Das war Abu Dscha’far, der Aussätzige; in seinem Namen flehen die Menschen um Regen, und das Gebet wird erhört durch seinen Segen.”

Erst auf seiner Rückkehr, bei einem Halt in Arafât, sieht er ihn wieder und bittet ihn dort, für ihn zu beten:

erstlich, Allah möge mir die Liebe zur Armut verleihen; zum zweiten, ich möchte mich nie mehr schlafen legen mit dem Bewusstsein, dass für mich gesorgt sei; und zum dritten, Er möge mir den Anblick Seines allgütigen Antlitzes gewähren.

Die ersten beiden Bitten wurden ihm gewährt. Auf die Erfüllung der dritten Bitte wartet er immer noch.

Das Konzept, jemand anderen für sich beten zu lassen, habe ich übrigens schon im Katholizismus nicht verstanden.

Es folgt die 150seitige

Geschichte von der Schlangenkönigin

Ein Weiser namens Daniel hat Schüler und Jünger, aber keinen Sohn. Er betet zu Allah, begattet seine Frau,

und sie empfing von ihm in derselben Nacht.

Hoffen wir, dass die Story nicht schneewittchenmäßig endet.

Fortsetzung der 1001-Nacht-Lektüre 478.-479. Nacht


Vor ziemlich genau fünfzehn Jahren begann ich den Lektüre-Blog. Damals hatte ich mir vorgenommen, jeden Tag 20 Seiten aus den „Erzählungen aus den Tausendundein Nächten“ (Übersetzung von Enno Littmann in der sechsbändigen Insel-Ausgabe) zu lesen und launisch zu kommentieren. Meine Überlegung war die: Jeder Band umfasst ungefähr 800 Seiten, also insgesamt 4.800 Seiten insgesamt. Bei täglich 20 Seiten müsste ich nach acht Monaten fertig sein. Nach acht Monaten hatte ich aber erst drei Viertel des ersten Bandes geschafft. Ich rechnete: Wenn ich so weitermachte, würde ich beim Ende der Lektüre das stolze Alter von 43 Jahren erreicht haben. Ich musste mich also sputen.

Aber solche Mammut-Projekte, die ja nebenher zum „eigentlichen“ Schreiben, Improvisieren und Unterrichten laufen, tendieren dazu, auszulaufen. Vor allem hatte ich auch nicht beachtet, dass in den Tausendundein Nächten eine Menge „Füllmaterial“ steckt: Nicht enden wollende Abhandlungen darüber, welche Tugenden eine junge Frau haben sollte, Dutzende Anekdoten über die Gerechtigkeit Allahs, Variationen derselben Geschichte und so weiter. Mir war, als hätte jemand diese Passagen eingebaut, um meine Ausdauer zu testen. Nach und nach ließ die Energie nach.

Ich beendete:
– Die 21. Nacht am 31.1.2007
– Die 100. Nacht am 3.12.2007
– Die 200. Nacht am 12.7.2008
– Die 300. Nacht am 18.8.2010
– Die 400. Nacht am 24.10.2013
Und dann am 30.12.2014 war mit der 477. Nacht die Luft raus. Inzwischen war mein Sohn zur Welt gekommen und schon jedes Blättern in den luftigen Erzählungen waren Stunden, die ich nicht mit Kind oder mit wertvolleren Arbeitsprojekten verbrachte. Die Lektüre stand also unter enormem Rechtfertigungsvorbehalt.

Und da habe ich noch gar nicht von der Nischenhaftigkeit dieses Blogs gesprochen. Zum Zeitpunkt, da ich aufhörte, über die Tausendundein Nächte zu bloggen, hatte ich vielleicht dreißig einigermaßen regelmäßige Leser. (Dazu kamen monatlich noch zirka eintausend Zufallsleser, die durch spezielle Suchbegriffe – insbesondere „Sklaverei“, „Jungfrau“ und „Sexualität“ – auf meine Seite gestoßen waren und sie wahrscheinlich auch rasch wieder verließen.

Mittlerweile habe ich mir auch noch ein weiteres Extrem-Projekt auferlegt, das in seiner Nischenhaftigkeit vergleichbar ist: Ein auf zwölf Bände angelegtes Werk zum Thema „Improvisationstheater“, das ich im nächsten Jahr beendet haben wollte, was mich aber noch deutlich mehr Zeit kosten wird. In den ersten zwei Bänden hatte ich noch diesen sportlichen Zeitplan angegeben, auch um mich selbst unter Druck zu setzen. Das habe ich später nicht mehr getan – es wäre nur noch peinlich.

Hofstadters Gesetz besagt: Es dauert immer länger als du denkst, selbst wenn du Hofstadters Gesetz mit einberechnest.

Nebenbei musste übrigens der Blog zwei Mal umziehen, was einige Bilder zerstört und die Formatierung zerschossen hatte. Ich hatte vier verschiedene Schriftformatierungen: 1) Für meinen Text, 2) für Zitate aus dem Buch, 3) für Verse aus dem Buch und 4) für die Kommentare. Dies wiederherzustellen würde mindestens einen Monat dauern, aber wenigstens ein paar Fotos werde ich wieder hochladen.

Nun weigere ich mich aber, zu sterben, ohne die komplette Sammlung ausgelesen zu haben. Dafür sind sie doch zu gut. Und ich weiß, dass noch einige Leckerbissen auf mich warten. Also wage ich mich wieder heran und schiebe zwischen die Korrektur meines neusten („Schauspiel-Improvisation“) und dem Schreiben des folgenden Buchs („Storys Improvisieren“) wenigstens die Nächte 478 bis 719 (Ende des dritten Bandes und Band 4).
Auf geht’s.

478. Nacht

Nachdem die Christin geheilt ist, bittet sie:

“O Abu Ishâk, wann sollen wir nach dem Lande des Islam auswandern?”

Ich dachte, er hieße Sîdi Ibrahim el-Chauwâs. Sollte Abu Ishak Shami, der Sufi-Meister gemeint sein?

Und der Erzähler schloss mit den Worten: Nie habe ich einen Menschen gekannt, der fester als sie im Fasten und Gebet stand; sie harrte bei Allahs heiligem Haus sieben Jahr aus. Und nachdem sie aus diesem Leben geschieden, fand sie in mekkanischer Erde den Grabesfrieden.

Ist mit diesem heiligen Haus die Kaaba gemeint oder das Leben? Jedenfalls kann sie nicht besonders alt geworden sein.

*

Die Geschichte von dem Propheten und der göttlichen Gerechtigkeit

Einer der Propheten [welcher es ist, wird uns nicht mitgeteilt] lebt und betet auf einem Hügel und beobachtet, wie ein Reiter bei einem Brunnen absteigt, um zu trinken. Dabei lässt er versehentlich ein Goldsäckchen dort liegen und reitet fort. Es kommt ein zweiter Reiter, der das Säckchen an sich nimmt und verschwindet. Als drittes kommt ein armer Holzhauer an den Brunnen, der erste Reiter kehrt zurück, verdächtigt den Holzhauer des Raubes und tötet ihn. Der Prophet will einschreiten, doch Allah hält ihn zurück:

Kümmere du dich um deine Andacht; denn die Regierung der Welt ist nicht deine Sache! Wisse, der Vater dieses Reiters hatte tausend Dinare dem Vater des zweiten Mannes geraubt; deshalb habe ich dem Sohne über das Geld seines Vaters Macht gegeben. Der Holzhauer aber hatte den Vater dieses Reiters erschlagen; deshalb habe ich dem Sohne Gewalt gegeben, die Strafe zu vollziehen.” Nun rief der Prophet: “Es gibt keinen Gott außer dir! Dir sei Preis, du kennst die verborgenen Dinge.”

Unabhängig von dem seltsamen Dreh der Geschichte, ist doch eigentlich interessant, dass Allah an seinen Propheten appelliert, sich aus Regierungsdingen herauszuhalten.

*

479. Nacht

Es folgt ein längeres Gedicht, das mit folgenden Zeilen, die Allah in den Mund gelegt werden, endet:

O mein Knecht, von solchem Grübeln musst du deinen Sinn befrein;
Manch Geheimnis, das dem Blick entzogen, birgt die Schöpfung mein.
Drum ergib dich meinem Willen, unterwirf dich meiner Kraft;
Denn mein Wille ist es, der das Gute und das Böse schafft.

Hat hier Littmann bei Goethe geborgt oder ist die Parallele zufällig? Im Faust ist es ja der Teufel, hier Allah, der behauptet, das Gute zu schaffen.

*

Die Geschichte von dem Nilfergen und dem Heiligen

Ein Nilferge (Fährmann über den Nil) hilft einem Alten nicht nur durch die Überfahrt, sondern auch dadurch, dass er ihn beköstigt. Daraufhin bittet ihn der Alte, ihn am folgenden Tag, da er, der Alte, sterben würde, zu bestatten und demjenigen, der ihn am Stadttor anspricht, Lederflasche und Gewand zu übergeben.
Der Ferge tut dies, wundert sich aber weniger über den Tod des Alten als vielmehr darüber, dass ein “Schelm” die Habseligkeiten des Alten bekommen soll. Im Traum belehrt ihn Allah, dass alles so von ihm vorhergesehen war. Nach dem Aufwachen dichtet der Ferge spontan:

Wer liebt, darf beim Geliebten keine Wünsche haben.
Die Wahl ist dir versagt – o, dächtest du nur dran!
Will er dir gütig sein, dir deine Neigung zeigen,
Will er je von dir gehn, kein Tadel trifft ihn dann…

(Es folgen noch einige Zeilen.) Interessant ist aber, dass der im Gedicht erwähnte Geliebte natürlich Gott ist, gleichzeitig aber die Erwartungslosigkeit der Schlüssel zu jeder Liebes-Beziehung ist.

*
Die Geschichte von dem frommen Israeliten, der Weib und Kinder wiederfand

Wie die Lobesgeschichten über Israeliten ihren Weg in die Erzählungen, die ja nun gar nicht frei von Antijudaismus sind, gefunden haben, konnte ich nicht herausfinden.

Einem Juden, dessen Vater ihm auf dem Sterbebett bittet, nie bei Gott zu schwören, verliert seine materielle Habe, als angebliche Gläubiger seines verstorbenen Vaters ihn bis aufs Blut aussaugen. Ihm bleibt nichts übrig, als mit Weib und Söhnen zu fliehen, was mit einem recht hübschen Gedicht kommentiert wird:

O der du aus der Heimat fliehst aus Furcht vor Feindschaft:
Wer flüchtet, dem wird oft ein rasches Glück zuteil.
Sei nicht betrübt ob der Verbannung; oftmals findet
Der Fremdling, weit entfernt von seinem Heim, das Heil.
Denn müssten alle Perlen in den Muscheln wohnen,
So wäre ihre Stätte nicht in Königskronen.

Das Schiff aber geht unter, aber Vater, Mutter und die Söhne überleben und werden auf Planken in jeweils unterschiedliche Länder getrieben.

 

 

Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer

Beim parallelen Lesen von drei Büchern hat schließlich Allende ihre Konkurrentinnen Kathrin Passig und Camille Paglia überholt. Es war genau das Buch, was ich eben gebraucht habe. Vielleicht wäre es schon 2020 genau die richtige Corona-Lektüre gewesen: Draußen der schlimmste Schneesturm in New York, und drinnen finden drei gebrochene Menschen zueinander und entdecken ihre vernarbten Formen der Liebe.
Allende gelingt es, mit einer seltsam formalen Beschränkung, nämlich den Fokus auf drei Protagonisten zu richten, gleichzeitig ein kulturelles Panorama zu entfalten und dabei die psychischen Brüche zu beschreiben.
Ich wusste, dass das Ende auf unvorhersehbare Weise tröstlich sein würde. Und Allende hat mich nicht enttäuscht.

Einen Schlusspunkt setzen

Seit Ende Juni / Anfang Juli steigen in Deutschland wieder die Corona-Inzidenzen. Bei den letzten „Wellen“ folgte diesem Anstieg üblicherweise auch mit zwei bis drei Wochen Verzögerung ein Anstieg der Sterbezahlen. Dieser blieb aber diesmal aus. Seit dem vierzehnten Juli ist der Siebentage-Gleitschnitt der Sterbezahlen bei 21 gleichgeblieben. Der Grund ist nicht schwer zu erkennen: Die am meisten Gefährdeten – die Generation ab sechzig wurde prioritär durchgeimpft. Wie lange also bleiben die Einschränkungen noch bestehen?
Wenn ich mich mit Freunden unterhalte, meinen viele: „Mir macht es überhaupt nichts aus, im Supermarkt eine Maske zu tragen.“ In der Tat, diese Einschränkung ist fast vernachlässigbar. Die wirklich großen Einschränkungen finden anderswo statt: In der Schule, wo Kinder im Unterricht stundenlang Masken tragen müssen. Und dann sollen sie dort, wo eigentlich Sozialverhalten gelernt wird, nämlich in den Pausen, Abstand zu ihresgleichen halten. Wie gering soll denn die Wahrscheinlichkeit einer schweren Infektion denn noch werden, damit diese enormen physischen und psychischen Belastungen aufgehoben werden? Zum Vergleich: Im Jahr 2019 haben sich in Deutschland mehr als 2,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren in der Schule oder in Betreuungseinrichtungen bei Unfällen verletzt.
Eine Einschränkung wird in den Diskussionen nur selten erwähnt: Nämlich das weiter andauernde Verbot von Tanzveranstaltungen. Kein Wunder, sie werden von den alten Entscheidern als nicht-prioritär, ja teilweise gar als überflüssig, allenfalls (wie in Berlin) als betroffener Wirtschaftszweig betrachtet. Denkt auch mal jemand daran, wie wichtig diese Veranstaltungen für Jugendliche und junge Erwachsene bei der Partnersuche ist? Oder auch dass Ausgelassenheit und das gezielte Entkoppeln von der Erwachsenenwelt Teil der Sozialisation sind? (Mal ganz abgesehen davon, dass Tanzen eine der schönsten Ausdrucksformen der Lebensfreude ist.) Nun ist klar, dass Corona-Infektionen in kaum einem anderen Bereich häufiger stattfinden als eben bei Partys. Aber wie lange wollen wir hier noch warten? Die Anzahl der Jahre, in denen man sich auf diese Weise austobt, sind für die meisten gering. Wieviel Zeit will man den Jugendlichen noch stehlen?
Sport, Theater, Musik, Demonstrationen, verschiedene Arbeitsbereiche – die Beschränkungen sind in enorm vielen Bereichen weiterhin spürbar. Menschen im Home-Office berichten von Vereinsamung am Arbeitsplatz. Wie lange sollen wir noch warten? Wer sich heute impfen lassen will, bekommt sehr kurzfristig einen Termin.
Wer Maske tragen will, soll Maske tragen. Für Diskotheken, Theater, sensible Arbeitsplätze usw. soll die 3G-Regelung gelten. Ansonsten sollten ab Anfang Oktober sämtliche Beschränkungen aufgehoben werden. Zwei Monate sollten reichen, damit jeder zwei Impfungen erwischt hat.
Die Beschränkung der Grundrechte stand immer unter dem Vorbehalt des Abwägens. Corona wird uns weiter begleiten, auch mit tragischen Fällen. Diese damit verbundenen Gefahren sind aber inzwischen überschaubar geworden, so wie andere Gefahren des Lebens, die wir in Kauf nehmen. Es ist Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen unter die Einschränkung von Lebensfreude, demokratischen Grundrechten und persönlichen Freiheitsrechten.

Bücherstapel

Jahr für Jahr schaffe ich mir neue Ordnungssysteme in meiner Wohnung, die ihre eigene Dynamik entfalten und unausweichlich zur neuen Dystrophie führen. So wie neue Autobahnen zu mehr Stau führen, so entstehen hier wieder und wieder Scha-Ecken. Scha bezeichnet im Feng Shui die Bereiche der Wohnung, in denen sich die Energie staut bzw. das Chi nicht fließen kann, auf Deutsch könnte man auch einfach Dreckshaufen oder Rumpelecke sagen. Ein immer wiederkehrendes Problem des Intellektuellen ist der nicht abreißen wollende Zufluss von neuen Büchern. Gegen diesen Zustrom lässt sich kaum etwas ausrichten – man wird beschenkt, man ist neugierig und beschenkt sich selbst, man „braucht“ die Bücher für die Arbeit. Also muss man entweder immer mehr Regale anbauen oder gnadenlos ausmisten. Bei meiner letzten Buchentrümpelungs-Aktion vor knapp fünf Jahren musste etwa ein Drittel meines Belletristik-Bestandes dran glauben. Als nächstes wären wohl Sachbücher dran. (Auf E-Reader lese ich vielleicht 10-20 Prozent meiner Bücher, und zwar eher die leichteren. Ich kann mir das Gelesene anscheinend nur merken, wenn ich mich damit auch physisch auseinandersetze.)
Ein weiteres Problem besteht darin, dass ich gar nicht so viel lesen kann wie ich will. Die Corona-Zeit hätte ich eigentlich nutzen können – schließlich musste (oder konnte) ich weniger arbeiten. Aber die allgemeine leichte Verstimmung (die fast alle meine Bekannten erfasst hat), hat sich auch auf meine Leselust niedergeschlagen. Ganze fünfzehn Bücher habe ich bisher im Jahr 2019 beendet. Wenn es in dem Tempo weitergeht, müsste ich dieses Jahr noch drei schaffen. Mit etwas Glück vier, wenn ich mich an die angefangenen halte.
Auf meinem Stapel, den ich, als ich ihn angefangen hatte, auf drei Bücher begrenzen wollte liegen nun, in drei Sub-Stapel unterteilt:
Kai Strittmatter: „Die Neuerfindung der Diktatur“ –ausgelesen, die Anstreichungen aber noch nicht exzerpiert
Lutz Seiler: „Stern 111“ – ausgelesen, zum Weiterverkauf abgelegt.
Thomas Mann: „Tonio Kröger“ – im März 2018 angefangen, kurz beiseitegelegt und aus unbekanntem Grund nicht weitergelesen.
Botho Strauß: „Der Park“ – Anfang des Jahres hatte ich mit großer Freude ein paar Stücke von Strauß gelesen. Dieses sollte folgen.
„Sin und Form. Juli/August 2020“. Die einzige Zeitschrift auf diesem Stapel. Wollte noch den herrlichen Artikel „Nacktbaden. Technik des Glücks. Zur Freikörperkultur der DDR“ von Ulrike Köpp rezensieren.
Eva Strittmatter: „Sämtliche Gedichte“ – Am 20.10. letztmalig darin gelesen und „Mondschnee…“ fast beendet. Fast, wegen Übersättigung an Kreuzreimen.
Daniela Dahn „Spitzenzeit“. Aus einem Mitnehm-Stapel zum ruhigen Inspizieren herausgefischt. Noch nicht zum ruhigen Inspizieren gekommen.
Gustave Flaubert: „Drei Erzählungen“. Letztmalig am 22.11.2019 darin gelesen. Müsste man eigentlich auf dem E-Book-Reader lesen. Die Broschur ist schon völlig verwurschtelt.
John Cleese: „Creativity“. Am 12.9.2020 kurz vorm Schlafengehen reingeschaut habe. Dermaßen schmales Buch, dass ich glaubte, es en passant lesen zu können. Hätte ich vielleicht auch getan, wenn es nicht von anderen Büchern begraben worden wäre.
Malte Heynen: „Raubzug der Banken“. Irgendwann im Oktober durchgeblättert und Lektüre auf „Irgendwann demnächst“ festgelegt.
Alfred Lichtenstein: „Dichtungen“. Letztmalig wahrscheinlich Anfang dieses Jahres als Guten-Nacht-Lektüre in der Hand gehabt. Ist zu einem meiner Lieblingsdichter geworden. Um die Prosa allerdings habe ich mich bisher noch gedrückt.
Sjöwall/Wahlöö: „Der Mann auf dem Balkon“. Anfang der 90er ein Bibliotheksexemplar mit viel Freude gelesen. Jetzt in einer Ramschkiste auf der Straße gefunden und mich nicht mehr erinnert, um was es ging. Darin findet sich die handschriftliche Widmung „Für Doro. Ein Nikolausbuch zusammen mit dem Kartengeheimnis und kurz nach Bulgakow geschenkt von Johannes in der Nacht vom 5. zum 6.12.1998.“ Ich kann nicht glauben, dass Doro und Johannes noch viel miteinander zu tun haben.
Wolfgang Herrndorf: „Stimmen“. Kleines, hübsches Buch, das ich in viel zu kleinen Schritten gelesen habe. Letztmalig am 4.8.2020
Wolfgang Herrndorf: „In Plüschgewittern“. Der Vollständigkeit halber gekauft. Noch nicht reingelesen.
James Joyce: „Ulysses“. Jährlicher Versuch, über die ersten 30 Seiten hinauszukommen, die ich jedem Buch zubillige. Meistens gebe ich müde auf. So auch in diesem Oktober.
Norman Fischer: „Unseren Platz einnehmen.“ Im Februar 2017 gekauft. Ich weiß nicht mehr, warum. Seitdem wandert es von einem Stapel auf den anderen.
Matthias Kopetzki: „Überleben im Darsteller-Dschungel“. Da darin auch ein Interview mit mir vorkommt, hatte ich vor, aus Höflichkeit auch die Beiträge einiger anderer Schauspieler zu lesen. Aber ich muss mir eingestehen – daraus wird wohl nichts mehr.
Stephen Kotkin „Magnetic Mountain. Stalinism as Civilisation“. Zuletzt im März 2020 bis zur Seite 100 gelesen. Kotkin hat hier noch nicht ganz den stilistischen Schwung, wie in seiner legendären Stalin-Biographie. Daher kann ich dieses großartige Buch über Magnitogorsk nur häppchenweise genießen.
Erika Fatland: „Die Grenze. Eine Reise um Russland“. Geburtstagsgeschenk von 2019. Bin neugierig, hab es aber noch nicht einmal angefangen.
„Konturen 155-1966. Ungarische Prosa“. Am 8. April eine Geschichte daraus gelesen. Davor das letzte Mal ca. 1987.
John Rewald: „Pissarro“ Bildband einer Ausstellung mit Gemälden meines Lieblingsmalers, den ich zur Hand nehme, wenn ich mich beruhigen will.“
Ryan Holiday: „The Daily Stoic“. Habe tatsächlich ein Jahr lang täglich zu diesem Buch meditiert und hatte vor, danach von vorn zu beginnen, dann aber Ende September aufgehört, ohne aufhören zu wollen.
Matthias Sutter: „Die Entdeckung der Geduld“. Muss ein Impulskauf gewesen sein.
Dirk Stermann: „Der Hammer“. Am 20. Juni 2020 begonnen und nicht weitergelesen. Weiß nicht warum. Es fing ja gut an.
Andrea Böhm: „Das Ende der westlichen Weltordnung. Eine Entdeckung auf vier Kontinenten“. Stand lange Zeit auf meiner Amazon-Merkliste, bis ich es dann endlich mal bestellt habe, weil dieser Kauf „erledigt werden musste“. Nur ist mir dieses Jahr eigentlich zu trübe, als dass ich mich auf noch mehr Welt-Kummer einlassen könnte.
Susanne Hake: „Selbstmarketing für Schüchterne“. Da ich auch Lampenfiebertraining und Moderation anbiete, hat es mich interessiert, wie andere an das Thema Schüchternheit herangehen, zumal mich Selbstmarketing ungeheuer nervt.
Silke Scheuermann: „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“. Am 1. August 2020 angefangen. Dann weggelegt, obwohl es mir gefiel.
„Der Sprach-Brockhaus. Illustriertes Wörterbuch von 1948.“ Auf der Suche nach Illustrationen ungefähr im September weggelegt.
„Grammatik-Bildwörterbuch von 1935“. Auf der Suche nach Illustrationen ungefähr im September weggelegt.
Christian Thomas Müller: „Tausend Tage bei der AscheUnteroffiziere in der NVA“. Im Oktober 2020 beendet und zum Exzerpieren beiseitegelegt.
Alexander Puschkin: „Erzählungen und Anekdoten“. Dieses Jahr aus einer offenbar nie genutzten Lese-Ecke geklaut und bisher nur flüchtig darin herumgeblättert. Ich weiß aber, dass, wenn ich es jetzt ins Regal stelle, ich es nie wieder herausholen werde.
Warlam Schalamow: „Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1“. Noch nicht angefangen. Ich ertrage nur ein bestimmtes Maß an Stalinismus-Lektüre pro Jahr. Mit Bordihn, Kotkin und Yakhina Guzel habe ich für 2020 schon meine Portion gekaut.
Mark Galeotti: „The Vory. Russia’s Super Mafia“. Am 13. August 2018 das letzte Mal in der Hand gehabt. Sehr interessantes Buch zur Geschichte der Oberkriminellen in Russland, aber in seinem Ausmaß an Brutalität und Aussichtslosigkeit so bedrückend, dass ich darum einen großen Bogen mache wie um einen unangenehmen aber unausweichlichen Zahnarztbesuch.
Schwarzes Notizbuch einer Schülerin, die mal an einem Musik-Impro-Kurs bei mir teilgenommen hat. Ich habe wahrscheinlich schon zwanzig Personen angeschrieben, kann aber nicht herausfinden, wem es gehört. Wegen der Gedichte und kreativen Aufzeichnungen bringe ich es aber auch nicht übers Herz, es wegzuwerfen. Liedtexte einer Kabarettistin, die aber in keinem meiner Workshops war.
Elfriede Jelinek: „Ein Sportstück“ und „Macht nichts“. Zwei Dramen, die ich im Februar las und mit denen ich womöglich noch etwas vorhatte.
Drei Amerikaner, eine Österreicherin, zwei Schweden, zwei Engländer, ein Ire ein Franzose, zwei Russen, und lauter Deutsche.
Ich kenne drei der Autoren persönlich.
Mit zwei Personen habe ich vor langer Zeit in nicht-literarischen Zusammenhängen gesprochen. Ich glaube nicht, dass sie mich wiedererkennen würden.
Fünf Bücher haben mit Russland zu tun.
Ein Lyrikband.
Nicht dabei meine tatsächliche aktuelle Lektüre, die auf einem ganz anderen Stapel liegt:
Monika Maron: „Endmoräne“
Wolfram Eilenberger: „Zeit der Zauberer“
Ahmad ibn Fadlan / James E Montgomery: “Mission to the Volga”

Morgen sind wir frei

Kommunistischer Iraner nimmt Frau und Kind nach der Revolution mit in den Iran, voller Hoffnung, der Ausgang der Revolution sei offen. Am Ende gelingt es ihr gerade so, mit der Tochter zu fliehen, während der Mann inhaftiert und später im Gefängnis von den Revolutionsgarden ermordet wird.
Die große Stärke des Films ist Katrin Röver, die die Mutter spielt – ein ausgeglichener positiver Character. Dass man weder das alte Ostberlin noch das alte Teheran einfangen kann, führt zu einem Studio-Minimalismus des Films, der aber nicht einmal stören müsste. Die wenigen Außendrehs für die Iran-Szenen wurden in Spanien produziert. Für die Demonstrations-Szenen griff man auf Fernsehbilder zurück. Auch das könnte ein raffinierter Kunstgriff sein.
Aber der Film hat ein paar große Probleme: Erstens bleibt Vieles schablonenhaft und unspezifisch. Die hölzernen Dialoge gehen selten über das hinaus, was man ohnehin schon sieht. Die iranische Zeitung hat keinen Namen, die Schule der Tochter auch nicht, Stadtteile bleiben unbenannt, man weiß nicht, auf welchem Gebiet die Chemikerin überhaupt tätig ist. Irgendwann wird mal Zink in einem Reagenzglas aufgelöst, damit man sieht, dass hier wirklich chemisch gewerkelt wird. Nicht einmal der Name der iranischen Kommunistischen Partei (Tudeh) wird erwähnt. Zweitens: Fast alle Details des Films sind plot-orientiert, wenige nur erzählerisch. Wir sollen glauben, dass das Puppenhaus der Tochter ein wertvolles Geschenk sei, aber es bleibt uneingerichtet, noch gibt es Puppen darin. Am Ende hat es nur dazu gedient, Dokumente zu verstecken. Wie so vieles im Film dient das Detail dem Zweck, ohne dass ihm Gelegenheit gegeben wird, Poesie zu enfalten. Und da, wo sich die Poesie entfalten soll, wird sie gleich wieder zerstört. Das Paar badet (noch in Ostdeutschland) nackt im See. Später im Zelt schenkt er ihr eine Platte des Konzertes, bei dem sie sich kennengelernt haben. Wieder bleibt unerwähnt, was für Musik das war. Nicht dass das für den Plot eine Rolle spielt, aber für den poetischen Überschuss. Drittens versalzen einem die historischen Fehler bzw. Plattheiten gehörig den Genuss. Gleich zu Beginn läuft die Tochter zuhause in kompletter Pionierkleidung herum. Ja, für einen halben Nachmittag ist mir das als Kind auch ein oder zwei Mal passiert, aus reiner Faulheit, mich umzuziehen. Aber einen ganzen Abend lang? Selbst in einem stramm kommunistischen Elternhaus wäre das kaum denkbar (und dabei werden die Eltern durchaus als DDR-kritisch gezeigt). Ich behaupte, dass der Autor/Regisseur Pourseifi dafür nicht einmal hätte recherchieren müssen, sondern nur ein bisschen genauer überlegen. Die Schallplatte, die Omid seiner Frau im Zelt überreicht, hat kein Cover. Wer soll das glauben? Den Vogel schießt Pourseifi aber in einer der letzten Szene ab, als Beate und Omid sich am Teheraner Flughafen voneinander verabschieden. Die beiden küssen sich – wie als Reminiszenz auf die intime Szene am See – inniglich auf den Mund. Das ist zu jener Zeit, als Frauen und Männer verschiedene Ausgänge am Teheraner Flughafen benutzen mussten und jede Berührung zwischen Männern und Frauen in der Öffentlichkeit zumindest unter Verdacht steht, wenn nicht gar illegal ist, völlig unglaubwürdig. (Die älteren iranischen Zuschauer stöhnten bei dieser Szene voller Unbehagen auf.) Darüberhinaus verschenkt der Regisseur genau das Potential, das darin gelegen hätte, die beiden in einer Mikro-Berührung zu zeigen, eben weil wir wissen, welche Innigkeit die beiden eigentlich miteinander verbindet. Die Geschichte hätte ein größeres Budget nicht unbedingt nötig gehabt. Eine sensiblere Hand beim Inszenieren aber gewiss.

Jordan Peterson – 12 Rules for Life

Auf Jordan Peterson bin ich erst in diesem Jahr auf Youtube aufmerksam geworden. Dieser kanadische Psychologieprofessor teilt einen Großteil seiner Vorlesungen als Video. Was ihn interessant macht, ist eine große Mühe um fachliche Redlichkeit, sowie seine Fähigkeit, über Fach-Grenzen hinweg zu denken. Seine gedanklichen Ausflüge berühren politische Themen, Fragen der Lebensführung und die Schnittstellen von Biologie und Psychologie. Kürzlich teilte ich eines dieser Videos in einer riesigen Improtheater-Gruppe auf Facebook. Das Thema war eigentlich, wann man von Kunst leben könne und wann nicht. Nicht besonders kontrovers, aber für Künstler eben doch interessant, so glaubte ich. Der Sturm der Entrüstung war ungeheuer. Niemand der Kommentatoren ging auf den Inhalt des Videos ein. Vielmehr entrüsteten sie sich darüber, dass ich überhaupt etwas von Peterson gepostet hatte, einem Rechtsradikalen, so die scheinbar konsensuale Meinung. Ich war völlig perplex. Zwar war mir bewusst, dass Peterson wegen seiner anti-ideologischen Haltung zum Thema freie Meinungsäußerung und Gender Studies unter einigen Linken nicht besonders beliebt ist. Aber rechtsradikal? Viele seiner Vorträge attackieren politische Extremismen. Und so konnten oder wollten meine Kritiker auch auf keine Äußerung – sei sie schriftlich oder mündlich erfolgt – , die Petersons angeblichen Rechstradikalismus belegen könnte, verlinken. Stattdessen verwies man mich auf ideologische „Analysen“ Dritter. Interessant war, dass zwei meiner kanadischen „Facebook-Friends“ ich aus ihrer Freundesliste strichen, dafür aber fünf andere mir über Privatnachricht zu meinem „Mut“ gratulierten. Ich selber hatte das Posten des Videos gar nicht als mutig empfunden. Aber niemand von meinen Lobern hatte selbst den Mut, mich öffentlich in diesem Forum zu verteidigen. Zu sehr war das Gelände vermint, zu hoch die möglichen Kosten des Verlustes sozialen Prestiges. Die Auseinandersetzung um politische Korrektheit in Nordamerika hat inzwischen Formen angenommen, in denen es nicht mehr nur um Sprachregulierung geht, sondern um die Frage, ob man überhaupt noch kontrovers diskutieren kann. (Dabei war mir, wie gesagt, in diesem konkreten Fall nicht einmal an einer Kontroverse gelegen.) Das Gegenüber wird für nicht satisfaktionsfähig erklärt. Man ist sexistisch, rassistisch oder sonst irgendwie -istisch. Oder man hat, da man männlich ist oder „weiß“ oder sonst irgendeiner angeblich privilegierten Sozialkohorte angehört, sowieso nichts zu melden, da man strukturell verblendet sei. Diese Etikettierung hat für den, der sie vornimmt, den Vorteil, dass man sich nicht mit den Argumenten des Gegenübers auseinandersetzen muss. Bei dieser Form des Streitens beginnt man zu verstehen, wie tief die politischen Gräben in den USA wirklich sind. Als Ostdeutschem kommt mir diese Art der Schein-Argumentation natürlich bekannt vor: Wer nicht unsere Linie vertritt, ist klassenmäßig verblendet. (Im Stalin- oder Pol-Pot-System gehören diese Personen dann auch konsequenterweise ausgerottet.)
Auf diese Weise sichern sich linke Sozialwissenschaftler/innen und ihre studentische Gefolgschaft ihre liebgewordenen Dogmen ab. Und nebenbei korrumpieren sie ihre eigene Wissenschaft: Statt kritisch die Ergebnisse der eigenen Forschung zu betrachten, gilt nur noch das, was die eigenen Annahmen bestätigt. Die Soziologie fällt in diesen Bereichen auf den Stand der mittelalterlichen Scholastik zurück: Es gibt keine neuen Erkenntnisse mehr, man kann das einmal als wahr erkannte nur noch auf immer wieder neue Art bestätigen. Das trifft natürlich vor allem auf die wohl politischste Disziplin der Sozialwissenschaften zu – die Gender Studies, die sich in ihren Annahmen eines Vulgär-Konstruktivismus verbarrikadieren. Wissenschaftliche Ergebnisse aus anderen Bereichen der Soziologie, der Psychologie oder der Biologie, die diesen Annahmen widersprechen, werden geleugnet oder einfach nicht zur Kenntnis genommen. Und an dieser Stelle reichen die linken Ideologen unwissentlich den rechten die Hand: Fakten zählen nicht. Es geht nur darum, ob du für oder gegen uns bist – das postfaktische Zeitalter.
Und so öffnete ich das Buch „12 Rules for Life“ von Jordan Peterson, der letztlich der Auslöser für diese ernüchternde Erfahrung war.
Die meisten der zwölf Regeln, die uns Peterson nahelegt, kann man oberflächlich gesehen, als neu formulierte Binsenweisheiten betrachten. Was also hat er uns darüber hinaus zu sagen? Petersons Idealleser ist wohl ein westlicher halb-säkularisierter junger Mensch, der Orientierung sucht, weil die Postmoderne zum Anything-goes neigt und Orientierung dadurch verweigert, dass sie die Rebellion und die Infragestellung jedes Ordnungssystems präferiert. Insofern hat das Buch durchaus eine konservative Note. Aber es wäre zu einfach, die „12 Rules“ als Anker für verlorene Konservative abzutun. Dafür ist es erstens zu modern und zweitens sind darin viel zu viele progressive Ostereier versteckt.
Peterson balanciert immer wieder aus: Regel Fünf etwa lautet: „Lass deine Kinder nichts tun, was dazu führen würde, dass du sie nicht mehr magst.“ Diese Anweisung richtet sich an Eltern, die ihre Kinder einfach machen lassen. Sie fürchten sich, Grenzen zu setzen, da das dem Kind schaden würde. Es sind diese Kinder, die es im Alter von vier Jahren noch nicht gelernt haben, dass man auf Spielplätzen die Buddelschippe des anderen Kinds nicht einfach stiehlt, dass man nicht schlägt oder tritt. Diese Kinder erfahren nicht, was es bedeutet, mit sozialen Grenzen umzugehen, sie verwahrlosen. Die Grenzen schlagen dann umso stärker in der Pubertät auf sie ein, wenn die verzweifelten Eltern plötzlich bemerken, dass das Kind dabei ist, delinquent oder süchtig zu werden. Oft sind es dieselben Eltern, die ihr Kind übermäßig beschützen: Sie tun alles, damit es sich bloß nicht wehtut. Peterson fordert hier ein Umdenken. Setze dem Kind so wenig Grenzen wie möglich, aber so viele wie nötig. Diese Grenzen betreffen die körperliche Unversehrtheit des Kindes selbst aber auch die anderer Personen und deren Eigentum. Und diese Regel korrespondiert wiederum mit der Regel Nummer 11: „Stör die Kinder nicht beim Skateboardfahren“. Das heißt, lass sie Gefahren erleben und selbst austarieren. Gib ihnen die Freiheit des Spiels und die nötige Freiheit, um selbst Verantwortung zu übernehmen.
Aber so recht kann ich mich für Petersons Buch dann doch nicht begeistern. Seine Begleit-Storys geraten viel zu lang. Sie sollen wohl einen Punkt verdeutlichen, aber letztlich verdunkeln sie oft nur, was Peterson zu sagen hat. Außerdem hat Peterson eine von seinen Vorbildern Freud und Jung übernommene epistemologische Schwäche – die Mythologie. Die Mythen, von Kain und Abel bis zu Pinocchio, dienen ihm nicht nur zur anschaulichen Illustration seiner ethischen Argumente, sie geraten ihm teilweise zur Quelle oder gar zum Beleg eines Arguments. (Diese Art des Argumentierens legt nahe, wie stark Peterson um seinen christlichen Glauben ringt.) Es bedarf genauen Lesens, um hier die Spreu vom Weizen zu trennen.
Sein stärkstes Kapitel ist für mich „Bring dein Haus in Ordnung, bevor du die Welt kritisierst.“ Es befasst sich mit dem mörderischen Nihilismus, der aus der moralischen Orientierungslosigkeit geboren wird. Die nordamerikanischen Schulmassaker stehen hier in einer Reihe mit den riesigen Gräueln des 20. Jahrhunderts. Wie kann man angesichts der haarsträubenden Ungerechtigkeiten, die einem selbst und anderen Menschen widerfahren, nicht an der Menschheit oder seinem Gott zweifeln. Kains Früchte werden von Gott verschmäht. Er weiß nicht warum, und mit seinem Brudermord tötet er nicht nur das, was er liebt, sondern er bestraft Gott – sprich die Existenz selbst. „Bring dein Haus in Ordnung“ ist daher metaphorisch als auch konkret zu verstehen: Bring Ordnung in deine Gedankenwelt, in die Welt deiner Normen und Mitmenschlichkeit, aber schaffe auch Ordnung in deiner ganz konkreten Umgebung. Finde Freude an dem, was dich umgibt. Lerne, das Unperfekte der geordneten Welt zu schätzen, bevor zu dich anschickst, sie zu kritisieren.

Deutsche Demokratische Lektionen

An meinem ersten Poetry Slam nahm ich mit neun Jahren teil. 1978 in der DDR. Um sich zum „Rezitatorenwettstreit“ der Schule zu qualifizieren, mussten erst mal zwei von unserer Lehrerin ausgesuchte Schüler ein Gedicht vortragen. Ich weiß nicht, woher ihre Laune kam, aber Frau Held entschied 1978, die Klasse über den besten Rezitator abstimmen zu lassen. Den Kindern waren die Gedichte piepegal. Und daher ich ging mit achtzig Prozent der Stimmen als Sieger hervor, da ich in der Klasse mehr Verbündete hatte als Anke. Doch nun geschah etwas Seltsames. Frau Held meinte, das sei ja alles schön und gut, aber besser vorgetragen habe ja nun mal Anke, die somit qualifiziert sei. Das war eine meiner wichtigsten Lektionen in Sachen Demokratie – nämlich, dass sie in der DDR nur eine ornamentale Floskel war.
An diese Episode musste ich denken, als ich vom Poetry Slam in Speyer las. Unter dem Motto „Zivilcourage“ sollten Jugendliche Texte vortragen, und man erhoffte sich einen Wir-sind-mehr-Gänsehaut-Effekt. Der Schuss ging nur leider nach hinten los, denn eine Teilnehmerin, die Tochter einer AfD-Bundestags-Abgeordneten begann mit: „Multikulti-Tralala, hurra die ganze Welt ist da“. Sie kam in die zweite Runde und legte nach mit „Der Neger ist kein Neger mehr“. Die Lösungen der Veranstalter für dieses Dilemma: Erst wird der Lautsprecher abgeschaltet. Dann wird sie von der Veranstaltung ausgeschlossen, da sie provozieren wolle und ihre Texte nichts mit dem Thema zu tun gehabt hätten.
Man mache sich nichts vor: Dieser Poetry Slam hatte nicht nur den Zweck, das Wir-sind-mehr-Kuschel-Gefühl herzustellen, sondern er war pädagogisch gemeint: Steht auf und zeigt Zivil-Courage. Was aber haben die vierzehnjährige Ida-Marie Müller und ihre Freundinnen bei dieser Veranstaltung gelernt? Genau das, was ihnen ihre Eltern wahrscheinlich andauernd predigen: Dass die Demokratie in Deutschland eine Farce sei bzw. von den Linken nur instrumentell eingesetzt würde. Dass Dissens nicht erwünscht ist. Dass die, die wirklich mutig sind und gegen eine Mehrheit stellen, selbst auf einer Veranstaltung, die sich Courage zum Thema macht, ausgegrenzt werden.
Und so widerwärtig die Gedichte sein mögen: Entweder du spielst Demokratie und Poetry Slam oder du spielst Diktatur, so wie Frau Held 1978 und gibst den AfD-Anhängern indirekt Recht.

Stalin – Waiting For Hitler

Stalin – Waiting For Hitler

„Stalin. Waiting For Hitler“ ist für sich genommen schon ein ungeheures Werk. 900 eng bedruckte Seiten plus einem 200 Seiten umfassenden Anhang in einer Schriftgröße, die eigentlich niemand mehr lesen kann. (Im Normaldruck würde der Umfang des Buchs sich wohl noch mal verdoppeln.) Vier Minuten habe ich pro Seite gebraucht. Dabei war das Historiker-Englisch nicht einmal das Problem. Aber konnte ich es nicht lassen, den einen oder anderen Character doch noch intensiver in der Wikipedia zu studieren. Vier Monate habe ich mir Zeit gelassen (mit einer Handvoll belletristischer Verschnaufpausen, wenn es gar zu düster wurde).
Und dabei ist dies nur der zweite Teil der umfangreichsten Stalin-Biographie, die je geschrieben wurde. (Und es ist nicht anzunehmen, dass sich noch einmal jemand diese Fleißarbeit aufbürdet.)
Im ersten Teil sahen wir, wie sich ein junger, ideologisch beseelter Mann in den Tumulten seiner Zeit im Zentrum einer Großmacht wiederfindet. Stalin weiß seine Macht zu nutzen, aber sie ist ihm nicht, wie es der populäre Mythos will, Selbstzweck. Er nutzt sie aus, weil er durch und durch Kommunist ist.
Der zweite Band beginnt mit der schonungslosen Durchsetzung der landwirtschaftlichen Kollektivierung in der Sowjetunion. Kotkin zeigt, dass wenn Stalin wirklich nur der zynische Machtmensch wäre, er dieses Unternehmen gar nicht eingegangen wäre. Denn nie wurde ein politischer Schritt mehr opponiert als diese radikale Verstaatlichung, die zu einer der größten Hungerkatastrophen des 20. Jahrhunderts führte.
Die Folgen dieser Maßnahme sind noch nicht überwunden, da fällt sein Freund Kirow einem Attentat zum Opfer. (Kotkin beweist anhand der neu zugänglichen Dokumente, dass Stalin nicht der Drahtzieher dieses Anschlags war.) Aber ähnlich wie der Reichstagsbrand für Hitler nutzt Stalin die Gelegenheit aus, um alte Rechnungen zu begleichen. Es beginnen die Jahre des Terrors. Stalin schlägt erst links zu, dann rechts, dann im „Zentrum“. Es ist in den 30er Jahren in der Sowjetunion lebensgefährlich, ein Kommunist zu sein. Und je höher man in der Machtpyramide steht, umso unwahrscheinlicher ist es, dass man das Jahrzehnt überlebt. Vom alten Politbüro überlebt Stalin allein. Von den knapp 2.000 Delegierten des „Parteitags der Sieger“ überlebte nicht einmal die Hälfte. Es gab keine gesellschaftliche Sphäre, die der Terror unberührt ließ. Fabrikdirektoren wurden bei kleineren und größeren Problemen der Sabotage bezichtigt, vom Land fliehende Bauern erschoss man kurzerhand, das Militär erlitt kurz vor Beginn des zweiten Weltkriegs einen enormen Aderlass, ethnische Minderheiten wurden der Spionage beschuldigt, und schließlich wendete der Terror sich gegen die eigenen Bluthunde – der NKWD brachte seine eigenen Leute um, bis auch Jagoda und Jeschow hingerichtet wurden. Über allem schwebte der Geist Trotzkis. Dieser wäre ein völlig bedeutungsloser Intellektueller geblieben, hätte ihm Stalin selbst nicht diese Wichtigkeit verliehen. Ein Trotzkist zu sein war in den 30er Jahren in der Sowjetunion ein schlimmeres Verbrechen als der Faschismus.
Kotkin theoretisiert redlicherweise kaum über das, was er nicht belegen kann. Und so bleiben auch Stalins Motive für dieses sinnlose Morden etwas im Unklaren, aber es zeichnen sich doch Konturen ab. Stalin wurde in einer Atmosphäre der Konspiration politisch sozialisiert. Die Partei selbst war konspirativ organisiert, und Russland war nach der Revolution von potentiellen Feinden umzingelt. Dazu gesellte sich bei Stalin eine Düsternis des Denkens, das noch verschärft wurde, seit sich seine Frau das Leben nahm.
Stalin hatte praktisch kaum noch ein Privatleben. Im Gegensatz zu Hitler (und erst Recht zu Mussolini) regierte er wirklich und delegierte nicht nur. Er las Bücher und Massen an Dokumenten. Selbst in sein georgisches Urlaubsdomizil ließ er sich regelmäßig Unterlagen schicken und arbeitete praktisch pausenlos. Sein Gedächtnis war phänomenal. Auf jeden Gesprächspartner, ob Künstler, Diplomat oder Flugzeugkonstrukteur stellte er sich ein. Allerdings, und dies ist die Achillesferse des Systems, ließ Stalin kaum andere Sichtweisen zu. (Die einzige Ausnahme war anscheinend Molotow.) Die Parteidiktatur entwickelte sich zum Despotismus. So konnte und wollte Stalin im Gefolge des Pakts mit Hitler nicht sehen, dass die Sowjetunion als nächstes angegriffen würde. Das weltweite Netzwerk an sowjetischen Spionen arbeitete unentwegt unter Einsatz des Lebens aller Beteiligten. Aber der, der die angemessenen Entscheidungen treffen konnte, hielt alles für Desinformation.
Kotkin schlägt, wie schon im ersten Band einen riesigen Bogen – die Ereignisse, von denen die Rede ist, haben teilweise kaum mehr mit Stalin direkt zu tun, sondern dienen eher dazu, sein Handeln und Denken einzuordnen. Darauf muss man sich einlassen. Belohnt wird man mit einer spannenden und analytisch präzisen Biographie.

Konstantin Simonow – Man wird nicht als Soldat geboren

Der zweite Teil der Trilogie umreißt die letzten Wochen des Kampfes um Stalingrad. Drei Hauptfiguren: General Serpilin, der inzwischen zum Bataillonskommandeur aufgestiegene Sinzow und die ehemalige Partisanin und Ärztin Tanja. Wie in „Die Lebenden und die Toten“ kreist Simonow auch hier um das Dilemma der Kämpfenden: Einerseits wollen sie die Heimat von den mörderischen Deutschen befreien, andererseits lauert eine ähnlich tödliche Gefahr im Rücken – die Gnadenlosigkeit des stalinistischen Systems, das zu bezeichnen für den Autor selbst heikel ist.
Und so ist der eigentliche Held des Romans für mich der Autor selbst, den man praktisch beim Schreiben beobachten kann, wie er sich dem schwierigen Thema des Stalinismus nähert. Sicherlich, der Roman wurde in der Tauwetterzeit veröffentlicht, aber auch wenn der Großteil der politischen Gefangenen entlassen wurde, so gab es die Lager ja immer noch. In „Die Lebenden und die Toten“ muss sich Sinzow dafür rechtfertigen, ohne Parteibuch aus dem Kessel gekommen zu sein, man hält ihn für einen Spion. Nun legt Simonow noch eine Kohle drauf:
Das Gulagsystem wird angesprochen: Kolyma. Zwanzig Jahre Haft für Fleischdiebstahl. Serpilin, der wegen einer Denunziation verhaftet wurde.
Stalins Mitschuld am Krieg durch den Kuschelkurs mit Hitler.
Stalins Paranoia
Das Denunziantentum, die Große Säuberung.
Der brutale Befehl 227. (Strafbataillone, Sperrfeuer, „Kein Schritt zurück“-Befehl)
Simonow sichert sich auf der anderen Seite durch absolute Sowjet-Loyalität ab. Seine Helden sind durchweg tapfer und todesmutig. Wer nicht an der Front dienen will, sondern seine Arbeit als Adjutant in Moskau liebt, ist ein Lump. Und wer an der Front ist, aber vor lauter Angst eine etwas sicherere Stelle sucht, ist es ebenso. Selbst ein Arzt, der beim Betreten eines mit Leichen und Halbtoten gefüllten Gefangenenlagers einen Schock bekommt und sich nicht erheben kann, wird als Schwächling abgekanzelt. Der Finnland-Krieg wird nicht infrage gestellt, die Funktion der Polit-Stellvertreter auch nicht. Die Teilnahme an den Kämpfen im Bürgerkrieg ist eine Auszeichnung (dass man auf bolschewistischer Seite gekämpft hat, versteht sich von selbst).
Der Roman nimmt zirkulär immer wieder einige Topoi auf, z.B.
Gewissen.
Gewissen ist einerseits Loyalität zur Sowjetunion. Andererseits heißt es auch, im richtigen Moment zur Menschlichkeit zu stehen und vor Höherstehenden nicht zu kuschen.
Schlaf.
Niemand bekommt genug Schlaf im Krieg. Und oft sind sie, wenn sie endlich dürfen, zu aufgewühlt, um zu schlafen. Vor allem für die Romanhelden ist geradezu Verachtung für den Schlaf typisch, den sie erst gegen Ende des Romans (und der Schlacht) bekommen.
Stalin wird regelrecht eingekreist: Serpilins Freund inhaftierter bzw. ermordeter Freund hat „etwas gesagt, was Stalin nicht passte“. Vorgesetzte von Serpilin kommen aus langen nächtlichen Besprechungen mit Stalin. Je weiter wir im Roman voranschreiten, umso häufiger sind Gespräche über Stalin, seinen Charakter, seine Kungelei mit Hitler, aber auch die Unfähigkeit der Personen, auszusprechen, was sie eigentlich wissen: Man kann Stalin eigentlich nur noch ertragen, weil sonst die Gefahr bestünde, dass Russland in die Hände Hitlers fällt. Und dann wird Serpilin wegen seines mutigen Bittbriefes zum Gespräch mit Stalin geladen. Dieses Kapitel ist wohl das mutigste des Buchs. Wir erleben mit Serpilin den russischen Führer mit all seiner Intelligenz, seines Charismas und seiner Menschenverachtung. Aber Simonow geht sogar noch einen Schritt weiter. Noch im selben Kapitel wechseln wir auf Stalins Perspektive, und jetzt muss jeder Leser wissen: Alles, was bisher nur Andeutung oder Vermutung über Stalin war, ist wahr. Was Serpilin herausschreien will: „Genosse Stalin, klären Sie das alles auf, geben Sie den Befehl dazu! Alles, von Anfang an!“, zeigt letztlich auf einen einzigen Mann: Stalin selbst. Zitat Stalin, als Serpilin erwähnt, dass er 1941 im Lager war: „Da hast du dir die passende Zeit zum Sitzen ausgesucht.“
Weiteres:
Die Schieber sind Gesindel, aber Simonow weiß, das Wodka als Tauschware in Ordnung ist.
Ein Leutnantsleben währt an der Front durchschnittlich neuen Tage.
Getreiderequirierungen rechtfertigt er.
Makarenko wird im Lager gerechtfertigt
Das Elend im Gefangenenlager habe er noch nicht gesehen, obwohl er im Lager war?
Halbdreckige Wodkagläser werden in Moskau mit Papier ausgewischt.
Trotz der Figurenliste am Anfang der deutschen Ausgabe des Buchs kann ich viele nicht auseinanderhalten. Iljin und Pikin und Ptizyn, Kolokolnikow und Kusmitsch, Sacharow und Sawaschilin. Das ist natürlich ein altbekanntes Problem, wenn Westeuropäer sich russischen Romanen nähern, aber Simonow macht es einem auch nicht leicht: Die positiven Figuren (und das sind die genannten alle) sprechen im Prinzip alle gleich. Tapfer, sachlich, kaum einer sagt mehr als nötig. Man macht keine unnötigen Worte. Umgekehrt sind die Schurken karikaturesker als bei Karl May angelegt. Ein komischer Typ stottert. Feige Typen sind überdies boshaft und boshafte Typen sind obendrein feige.
Für einen Kriegsroman gibt es erstaunlich wenig Kriegshandlungen. Wir sehen praktisch andauernd die unmenschlichen Konsequenzen. Und das ist Simonows Stärke.

An Herrn Müller, Regierender Bürgermeister

Den neuen amerikanischen Präsidenten zu kritisieren, ist für jeden Demokraten Pflicht und Selbstverständlichkeit, aber Sie, Herr Müller, haben sich vergaloppiert. Hinter der weltmännischen Geste können Sie den Bolle-Berliner nicht verbergen. Vor allem aber hat die geplante US-amerikanische Mauer zur mexikanischen Grenze, so dumm dieses Projekt auch ist, nur wenig mit der Berliner Mauer gemein, außer eben, dass es beides Mauern sind. Sie schreiben an Trump: „Überall dort, wo heute noch solche Grenzen existieren, in Korea, auf Zypern, schaffen sie Unfreiheit und Leid.“ Dass im Fall von Deutschland, Korea und Zypern ganze Länder durch Mauern geteilt wurden, wissen Sie aber schon Herr Müller? Und auch, dass die USA und Mexiko zwei souveräne Staaten sind, zwischen denen es keinen freien Reiseverkehr gibt, sondern Migration, legale und tatsächlich auch illegale?
Wie mit dieser Frage umzugehen ist, wird in den USA diskutiert. Die Option „Grenze auf für alle“ wird dabei von keiner ernstzunehmenden politischen Kraft gefordert. Wenn das Ihre Forderung ist, verrät das viel über Ihre Ahnungslosigkeit nicht nur in Bezug auf den amerikanischen Kontinent, sondern auch in Bezug auf internationale Politik überhaupt. Trumps Mauer wird nämlich nicht in erster Linie wegen ihres Ziels kritisiert, sondern weil sie ein völlig unangemessenes Mittel zur Erreichung dieses Ziel ist. Befestigte Anlagen gibt es schon an vielen Stellen der Grenze USA/Mexiko. Sie überall zu errichten (z.B. auch in der Wüste), ist teuer und sinnlos. Die Mauer ist ein irrsinniges, rein symbolisches Unternehmen, das lediglich der Trumpschen Selbstbespiegelung dient – man gaukelt vor, etwas geschafft zu haben. Dass auch eine Mauer überwunden kann, wenn sie nicht bewacht wird – von oben, von unten oder mitten hindurch – das sagen einem die US-amerikanischen Grenzbehörden, auf die Trump nicht hören mag.
Ich habe die Vermutung, Herr Müller, Sie wollen ganz oben auf der aktuellen Anti-Trump-Welle reiten. Aber surfen will gelernt sein.

Warum ich in Aktien investiere, warum die Renditen ziemlich hoch sind, und warum ich denke, dass das ethisch in Ordnung ist

Warum ich in Aktien investiere, warum die Renditen ziemlich hoch sind, und warum ich denke, dass das ethisch in Ordnung ist

Im Stück „Die Maßnahme“ von Brecht singt der schurkische Spekulant:
Weiß ich, was ein Reis ist?
Weiß ich, wer das weiß!
Ich weiß nicht, was ein Reis ist
Ich kenne nur seinen Preis.
Diese entmenschlichte Haltung war mein Bild vom Spekulanten. Wenn mir vor zwanzig Jahren jemand gesagt hätte, dass ich irgendwann in Aktien investieren würde, hätte ich ihm wohl einen Vogel gezeigt. Börsenspekulation war für mich praktisch der Inbegriff der düsteren und kalten Seite des Kapitalismus.
Ich habe meine Haltung nicht schlagartig geändert. Vielmehr fügten sich ein paar Puzzleteile nach und nach zu einem neuen Bild.
Es begann natürlich mit den Rentenbescheiden der Deutschen Rentenversicherung, in denen es hieß, ich würde eines Tages von 150,- Euro Rente leben müssen. Später war von 300,- Euro die Rede. Inzwischen von 450,- Euro. Wenn es so weiter geht und ich weiterhin zwar gut von meiner Kunst leben kann, aber weder einen Erfolgsroman schreibe noch meine Impro-Kurse nicht auf Manager-Seminaren als Creativity-Bombe anbiete, werde ich als alter Mann mit 1.000 Euro knapp über dem Hartz-IV-Satz leben müssen.
Ich begann also im Alter von vierzig Jahren das zu tun, wozu mir Eltern und Oma immer geraten hatten: An die Rente zu denken. Aber würde mit meinem Geld auch kein Schindluder getrieben? Ich wurde auf eine ethisch akzeptable Möglichkeit aufmerksam: Einen „ökologischen“ Fonds. Fonds schienen mir eine finanziell eine feine Sache: Man zahlte jeden Monat eine bestimmte Summe ein, und wenn die Kurse des Pakets niedrig lagen, kaufte man mehr, wenn sie hoch standen, kaufte man weniger. Ich zahlte also monatlich in Fonds ein, die in Windkraft, Solarenergie usw. investierten. Es gab allerdings zwei Probleme: Nach vier Jahren hatte ich lediglich zwei Prozent Rendite (auf den gesamten Zeitraum gerechnet!). Da hätte ich bei einem ordinären Tagesgeldkonto mehr erwirtschaftet. Aber mindestens ebenso schlimm: Als ich in die Details der Fonds schaute, sah ich, dass sich darunter auch Firmen wie Tepco befanden. Tepco? Genau. Die mit dem AKW in Fukushima.
Etwa zur selben Zeit erfuhr ich von Smava. Bei Smava vergibt man, kurz gesagt, Kleinkredite an Private, die sich ein Auto kaufen wollen, das Haus sanieren oder den Grundstein für die Selbständigkeit legen wollen. Der Witz an der Sache wäre, dass man sich aussuchen kann, wen man für vertrauenswürdig und welches Projekt man für finanzierungswürdig hält. Die Zinsen waren OK, Smava hat ein Auffangnetz für Ausfälle eingerichtet, und als Darlehenssystem funktioniert es wunderbar. Leider erfährt man bei den meisten Projekten dann eben doch nicht, worum es geht. Da heißt es dann „Kredit-Projekt aus Nordrhein-Westfalen“ oder „Mein Projekt verwirklichen“. Und ob man da jemandem beim Hausbau unter die Arme greift oder bei der Finanzierung des protzigen SUV lässt sich eben nicht immer sagen.
Schließlich las ich das Buch von Susanne Levermann. Oder besser gesagt, ich las zuerst ein Interview mit ihr in der taz. Levermann war einst die erfolgreichste Fonds-Managerin in Deutschland. Dann warf sie das Handtuch und widmete sich sinnvolleren Dingen wie Mathe-Nachhilfe für Schüler. Aber mit ihrem Abgang von der Börse hinterließ sie noch ein Buch für Klein-Anleger: „Der entspannte Weg zum Reichtum“. (Ich wette um ein vegetarisches Abendessen, dass der bescheuerte Titel vom Verlag stammt.)
Dieses Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil erklärt Levermann einigermaßen anschaulich, wie Aktien funktionieren, was man unter den unappetitlichen Fachbegriffen „EBIT-Marge“, Eigenkapitalrendite und anderen Kriterien der Aktien-Begutachtung zu verstehen hat. Ich muss gestehen, dass ich so manches davon wieder vergessen habe bzw. immer wieder mal nachschlagen muss, falls mich der Wissenshunger antreibt.
Aber das ist auch gar nicht so wichtig. Für den finanziellen Erfolg entscheidend ist der zweite Teil. Darin erläutert sie, auf welche dreizehn Punkte man beim Anlegen in eine Aktie achten sollte. Dazu zählen u.a. die bereits genannte EBIT-Marge und die Eigenkapitalrendite, aber auch die langfristige Entwicklung des Aktienkurses, die Eigenkapitalquote und das KGV. Für jeden Wert gibt es einen Plus- oder einen Minus-Punkt. Schließlich addiert man die Punkte, und anhand der Punktzahl wird entschieden, ob man die Aktien kaufen darf, halten soll oder verkaufen muss. Das ist, wie der Titel des Buches nahelegt, entspannter als es zunächst klingt, da sich die meisten Punktzahlen nur alle paar Monate ändern. Die größte Arbeit besteht eher darin, Aktien zu finden, die die erforderliche Punktezahl zum Kaufen überhaupt erreichen.
Das Levermann-System ist unter Börsen-Fans und Fachleuten bekannt und wird durchweg als seriös eingeschätzt. Man könnte sich nun wundern, warum, wenn es denn so super funktioniert, nicht auch alle machen. Das hat meines Erachtens mit zwei Dingen zu tun: Erstens ist, wie schon erwähnt, das Finden von Aktien, die den Levermann-Kriterien entsprechen, gar nicht so einfach. Zum Zeitpunkt, da ich diesen Text schreibe, sind es gerade mal vier von dreißig Dax-Unternehmen. Das per Hand auszurechnen, kann ein wenig mühsam sein. (Ich lade mir inzwischen die meisten Werte online in eine Excel-Tabelle.) Zum Zweiten widerstreben einige Levermann-Regeln der Intuition: Wenn zum Beispiel viele Analysten einen Large-Cap-Wert loben, gibt es Punktabzug, da man, so Levermann, davon ausgehen kann, dass diese Aktie gerade hochgejazzt wird. Viele Aktien-Anleger lieben aber diese Art von kühler quantitativer Regel und Kontra-Intuitivität nicht. Entweder sie zählen zu dauerhaften Aktien-Haltern, die ihre VW-Aktien mal von den Großeltern geschenkt bekommen haben bzw. zu jenen beklagenswerten Aktien-Opfern, die an ihrer damals erworbener Telekom-Aktie festhalten, weil der sagenhafte Verlust doch irgendwann man wieder eingespielt werden sollte. Oder sie checken stündlich die Kursverläufe ihrer Aktien, dröhnen sich mit Wirtschaftsnachrichten zu, kaufen und verkaufen täglich immer und immer wieder und sind im Grunde Lotterie-Spieler.
Levermann hält die Leser ihres Buchs dazu an, nicht allzu emotional mit ihrer Aktie verbunden zu sein, also zum Beispiel nicht die Aktie eines Unternehmens zu halten, nur weil man dessen Produkte mag oder weil man nicht wahrhaben will, dass man Geld verloren hat. Interessanterweise spielt bei Diskussionen zu Levermann der dritte Teil ihres Buches fast nie eine große Rolle. Dabei ist er für mich entscheidend gewesen, den ersten Schritt in die Aktienwelt überhaupt zu wagen. Es geht um die Frage der Ethik. Kann man mit seiner Geld-Anlage Gutes tun oder Schlimmes verhindern? Ich glaube inzwischen: Ja, man kann. Zunächst dachte ich, toll, dann investiere ich jetzt einfach in Öko-Projekte und lauter ethisch lobenswerte visionäre Unternehmen. Allerdings musste ich mich von dieser Illusion verabschieden. Denn so viele aktiennotierte Unternehmen dieser Art gibt es überhaupt nicht. Und es nützt ja auch nichts, in ein Solar-Unternehmen zu investieren und dabei Geld zu verlieren. Wenn ich spenden will, dann mache ich das anderswo.
Ich war aber daraufhin gezwungen, mir das Ethik-Problem genauer durch den Kopf gehen zu lassen. Die Frage, die ich mir dann stellte, lautete: Wie sieht eine Welt aus, in der ich gerne leben möchte? Gehören dazu Fahrradgangschaltungen, Webmaschinen und medizinische Geräte? (Drei Unternehmen, in die ich gerade investiere, produzieren genau das.) Ich habe mich also umorientiert von der Einschluss-Vision (nur Öko-Aktien) hin zu Ausschluss-Kriterien: Keine Rüstung, keine Automobil-und Zuliefer-Industrie, keine Immobilienfirmen, keine Firmen, die massiv Umwelt- oder Menschenrechts-Standards unterschreiten. Es gibt freilich Zonen, in denen es schwammig wird: Sind Maschinenbau-Unternehmen OK, die die Hälfte ihres Umsatzes als Automobil-Zulieferer machen? Sind Unternehmen OK, zu deren Kunden nicht nur aber auch das Militär gehört (also praktisch jedes größere Software-Unternehmen)?
Dass man Kriterien hat, ist auch keine Garantie dafür, sich nicht ungeheuer zu irren. So verließ ich mich gleich zu Beginn auf den „Dow Jones Sustainability Index“ und investierte in „Hewlett Packard“, was auch ordentlich Rendite abwarf, musste aber nach einem halben Jahr feststellen, dass dieses Unternehmen, von dem ich ungeprüft davon ausging, dass es Computer und Drucker produzierte, der zehntgrößte Rüstungskonzern der USA war, was anscheinend für die Kriterien-Aussucher des Dow Jones Sustainability-Index kein Ausschluss-Kriterium ist. Inzwischen kann ich in der Regel schneller beurteilen, ob ein Unternehmen Dreck am Stecken hat. Natürlich bleibt ein bisschen Unsicherheit bei dem einen oder anderen Unternehmen. Aber die hat man auch beim Tagesgeldkonto der Bank.
Am Ende muss natürlich jeder seine Kriterien selbst festlegen. Für mich zum Beispiel sind Pharma-Unternehmen nicht per se ein Ausschluss-Kriterium, da ich mindestens einmal pro Monat auf die Produkte dieser Branche angewiesen bin. Um im NAI gelistete Homöopathie-Unternehmen schlage ich allerdings einen Bogen. Bei einigen meiner Freundinnen dürfte es andersrum laufen. Man kann bei Aktien-Investitionen seine persönlichen Grenzen ziemlich klar ziehen, zumindest klarer, als wenn man seine Moneten in Festgeld bei einer Bank anlegt, die am Ende doch Finanz-Derivat-Abenteuer unternimmt oder in Rüstung investiert.
Um nun aber mal zu den harten Fakten zu kommen: Levermann verspricht in ihrem Buch eine Rendite von zehn bis zwanzig Prozent pro Jahr. Das ist ordentlich. Die besten Festgeldzinsen liegen in Deutschland gerade bei drei Prozent pro Jahr. Bei Smava bekommt man mit viel Glück sechs Prozent.
Für alle Leser, die sich auch nie so recht vorstellen können, wie Zinseszins funktioniert: Aus 10.000 Euro werden bei 15 Prozent jährlicher Rendite nach zwanzig Jahren gut 140.000 Euro. Nach vierzig Jahren über zwei Millionen. (Steuern sind hier unbeachtet.)
Ich wäre nach der Fonds-Enttäuschung schon über sieben Prozent froh gewesen. Tatsächlich wurden es bei mir 25 Prozent jährliche Rendite. Ich habe knapp drei Jahre (genaugenommen 33 Monate) gewartet, darüber zu schreiben. Schließlich beweist sich so ein System erst auf lange Sicht. 25 Prozent jährliche Rendite bedeuten für diesen Gesamtzeitraum 87 Prozent. Und ja: Es gibt durchaus Schwankungen. Im ersten Jahr waren es über dreißig Prozent, im zweiten Jahr sechs Prozent. Aber stets lag ich (oder besser: das Levermann-System) deutlich über den relevanten Indizes DAX, MDAX, SDAX, Dow Jones und Nasdaq. Im gleichen Zeitraum stieg der DAX nur um 19 Prozent.
Um auf Brecht zurückzukommen: Tatsächlich weiß ich manchmal nicht, „was ein Reis ist“. Aber durch die Beschäftigung mit dem Thema sind auch meine prinzipiellen Bedenken gegenüber der Börse ein wenig zurückgegangen. Ich glaube tatsächlich, dass sie grundsätzlich zu einer rationaleren Allokation von Mitteln beiträgt. Ich sehe auch, dass sie schlimme Verwerfungen zu verantworten hat. Aus den Marktbereichen, die das betrifft, versuche ich mich herauszuhalten. Und ich glaube, dass ich dadurch moralischer handle, als jemand, der seine Rente der Allianz-Versicherung oder einem x-beliebigen Fonds anvertraut.

Geht es noch entspannter? Vielleicht. Wikifolio bietet Aktieninvestment 2.0 an: Man legt einfach in Portfolios anderer Investoren an, deren Performance oder Kriterien einen überzeugen. Aber bisher habe ich dort kein Portfolio gefunden, dass sowohl meinen Rendite-Erwartungen als auch meinen ethischen Kriterien entsprach. Eine Ausnahme ist vielleicht mein eigenes. Wikifolio Ethisch Investieren. Die aufmerksame Leserin wird bemerken, dass die Rendite nicht ganz so hoch ist, wie im Text oben angepriesen. Die Gründe dafür sind schnell genannt: 1. Ich habe das Wikifolio zum ungünstigsten Zeitpunkt eröffnet, nämlich im Dezember 2014, als die Aktienwerte fielen. 2. Der Anbieter (icke) zahlt eine tägliche kleine virtuelle Gebühr, die die Rendite schmälert. 3. Einige der wichtigsten Aktien meines eigenen Portfolios sind kleine nicht-deutsche Unternehmen der Euro-Zone, die aber bei Wikifolio nicht handelbar sind. Aber ich glaube, mit meiner jährlichen Wikifolio-Rendite von 20 Prozent bin ich durchaus im attraktiven Rahmen.

Alles halb so Brexit

Ich gebe ja zu, es war schon ein bisschen beleidigend. Einen halben Tag nach Schließung der Wahllokale verdreifachte sich die Anfrage bei Google UK: „What is the EU?“ Wie ein Ehemann, der am Abend von seinen Kumpels überredet wird, nach 40jähriger Ehe seine Frau zu verlassen, und am nächsten Morgen, als er seine Koffer packt, fragt: „Wie heißt du noch mal?“
Aber sonst? Heiße Luft, heiße Luft, nichts als heiße Luft. Allein die Aufregung meiner Facebook-Friends in den vergangenen Wochen, ob die Briten nun gehen würden oder nicht. Als ob die ganze Aufregerei eine Auswirkung auf das Abstimmungsverhalten haben könnte. Der Aufgeregtheit dieser Facebook-Friends nach zu urteilen, die sich über die Briten echauffierten wie sonst nur über den Tod von Prince, Bowie und Lemmie, schien vom Ausgang des Referendums nichts Geringeres als ihr ganz persönliches Wohlergehen abzuhängen.
Oder sollten diese Friends alles Leute sein, die ihr gesamtes Vermögen in die britische Währung investiert hatten?
Hier die News, liebe Friends: Der Brexit hat für euch, wenn ihr nicht gerade das Pech habt, selber Briten zu sein, so gut wie gar keine Konsequenzen. Und in zwei Jahren wird das bei euch so wenig Emotionen wie heute das europäische Rettungspaket für Griechenland, vom Grexit ganz zu schweigen. Eure Aufregerei ist nichts als die emotionale Widerspiegelung des medialen Dramas, dem ihr euch nicht entziehen könnt.
Oder fürchtet ihr euch vor den zwei Minuten Verzögerung am Heathrow Airport, weil ihr euren Pass vorzeigen müsst? Ich rede von Heathrow! Wo du schon einen halben Tag brauchst, um vom Flugsteig 23 D zum nächsten Kaffeeautomaten zu kommen. Schon vergessen, dass man in Norwegen oder in der Schweiz durchaus auch nach dem Pass gefragt wird?
Vielleicht wird das eine oder andere britische Produkt jetzt teurer. Sehr wahrscheinlich aber nicht, oder glaubt jemand, dass bei den Ausstiegsverhandlungen nicht auch ein paar gegenseitige Handelsvergünstigungen beibehalten werden?
Ach, du hattest die Absicht, dich in Großbritannien niederzulassen? Das ist schon jetzt eine ziemlich waghalsige Angelegenheit. Und wenn du auch noch so verwegen bist, nach langem Aufenthalt die britische Staatsangehörigkeit zu wollen, kostet dich das mehrere tausend Euro und gegen den britischen Einbürgerungstest wirkt der deutsche wie ein „Wo-hat-sich-das-Häschen-versteckt“-Rätsel für Dreijährige.
Aber die Börse! Die Börse! Was soll nur aus der Wirtschaft werden!
Der Dax, so hören wir, erlebt einen schwarzen Freitag und stürzt um über fünf Prozent ab. Fünf Prozent! Wenn ich „Absturz“ höre, will ich einen Sprung von einer Klippe sehen, von einem Wolkenkratzer oder wenigstens aus dem dritten Stockwerk, aber nicht einen Hopser aus dem Fenster von Parterre. Mit diesen fünf Prozent, denen ja in der Woche zuvor ein ordentlicher Schub nach oben vorausging (in Spekulation auf ein entgegengesetztes Ergebnis), liegt diese Post-Referendum-Dax-Beule nicht einmal unter den Top 10 der Abstürze der letzten 30 Jahre. Aua-aua, Pflaster auf die Beule, fertig.
So. Und hier noch für alle Rest-Verzweifelten drei Vorteile des Brexit:
1. Die höheren Flugkosten werden gewiss einige englische Hooligans vom Festland fernhalten.
2. Endlich können wir Englisch als EU-Amtssprache streichen.
3. Die Schotten und Nord-Iren kommen, wenn sie sich vom Königreich gelöst haben, doch wieder zu uns zurück.
 

John Allen Paulos – Zahlenblind

Paulos betont, wie wichtig es ist, ein Gefühl für Wahrscheinlichkeiten zu entwickeln, was natürlich nur funktioniert, wenn man sich mit dem Instrumentarium einigermaßen auskennt. Das Buch von 1990 scheint mir immer noch sehr aktuell, zumindest für Deutschland. Die meisten Schüler begegnen der Wahrscheinlichkeitsrechnung und dem Umgang mit sehr großen und sehr kleinen Zahlen erst sehr spät – in der 11. oder 12. Klasse. Wenn man davon ausgeht, dass nicht alle Fächer beliebig ausgedehnt werden können und man die Unterrichtszeit für Mathematik beibehielte, könnte man nach meinem Gefühl zum Beispiel bei der Trigonometrie abspecken, die im Grunde nur noch für Designer und Ingenieure relevant ist. Der Umgang mit Wahrscheinlichkeiten hingegen müsste so früh wie möglich in den Unterricht eingebaut werden, da er dermaßen alltagsrelevant ist und letztlich auch persönlichkeitsprägend. Mathematische Analphabeten, so zeigt Paulos, neigen dazu, Ereignisse persönlich zu nehmen, können Risiken schwerer abschätzen, fallen leichter auf statistische Tricks, geschwätzigen Humbug und Pseudowissenschaften herein. Sie vermögen nicht zwischen Korrelation und Kausalität zu unterscheiden. Sie sind diejenigen, die ihre dunklen Theorien mit dem Satz Halbsatz „Es kann doch kein Zufall sein, dass…“, beginnen. Und während man Legasthenikern oft mit Herablassung begegnet, gilt es oft sogar als schick, mit mathematischer Unkenntnis zu kokettieren.
Paulos gibt sich redlich Mühe, auch für jene verständlich zu bleiben, die sich der Mathematik nur mit Vorsicht nähern. Für den mathematisch und statistisch halbwegs geschulten Geist bietet Paulos trotzdem unterhaltsame Überraschungen.
 

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Erwiderung auf Brody zur Frage „Last Film, Best Film?“

In einem Artikel im New Yorker vom 7. April 2016 bricht Richard Brody eine Lanze für die Spätwerke von Regisseuren. Das Publikum neige dazu, das frühe Werk eines Regisseurs zu überschätzen und dann oft mehr vom selben zu wollen. Späte Regisseure, die von Hollywood nicht mehr viel zu erwarten hätten, würden sich frei machen von den Zwängen der Industrie und neue Sichtweisen präsentieren. Der Zuschauer möge sich nur öffnen für neue Facetten im reifen Regisseur.
Als Beispiele führt Brody unter anderem „Marnie“ von Hitchcock an, den er für „größer“ hält als „Psycho“ oder „Vertigo“, sowie die Chaplin-Filme „Monsieur Verdoux“, „Rampenlicht“, „Ein König in New York“ und „Die Gräfin von Hongkong“, die allesamt ihre stummen Vorgänger und auch den „Großen Diktator“ überträfen.
Nun scheint der Gedanke nicht einmal verkehrt zu sein, dass man sich im Alter emotional und geistig von bestimmten Zwängen befreien kann, aber ist das auch immer der Fall?
Eigentlich beweisen gerade die Fälle Chaplin und Hitchcock das Gegenteil. Chaplin hat das Medium des Tonfilms nie wirklich geknackt. Die Dialoge sind oft steif, sie tragen weder zur dramatischen Steigerung bei, noch verschärfen sie die Komik. Man schaue sich nur einmal „Rampenlicht“ an. Im Grunde knüpft Chaplin an sein Lieblingsgenre an – die melodramatische Komödie, die er in Filmen wie „Lichter der Großstadt“, „Zirkus“ oder „The Kid“ großartig gemeistert hat. „Rampenlicht“ ist voller dramatischem Leerlauf. Man spürt, dass Chaplin auch die Entwicklung des Films verschlafen hat. In den 50er Jahren lässt er tatsächlich aufs Stichwort den Telegrammboten auftauchen, was man eigentlich in der Zeit nur noch in B-Movies macht. Die Tonfilmkomödien jener Zeit müssen sich an den Screwball-Filmen messen, an Billy Wilder und Frank Capra. Aber Chaplin ist in seinen Tonfilmen viel zu sehr damit beschäftigt, seine Botschaften jedem dick aufs Brot zu schmieren, statt sie unterschwellig zu servieren. Er vergisst, dass man auch im Tonfilm lieber zeigen, statt erzählen sollte. Und wenn es rührend werden soll, greift er auf die schlimmsten Klischees der dreißiger Jahre zurück. In „Monsieur Verdoux“ bemüht sich Chaplin immerhin noch formal und stilistisch um andere Wege. Vielleicht ist es sogar sein bester Talkie. „Der Große Diktator“ ist Chaplins Sündenfall. Natürlich war klar, dass die Zeit des Stummfilms vorbei ist, und Chaplin hat ihm ja lange noch erfolgreich getrotzt. Aber für seine Tonfilme hätte er sich etwas anderes einfallen lassen müssen, sich einen Drehbuchschreiber engagieren oder mehr Zeit in kernige Dialoge investieren, statt in plot-getriebene Phrasen. Oder eben die Chuzpe haben, den Stummfilm fortzuführen. Rowan Atkinson hat uns ja in den 90ern ein Revival des stummen Narren geschenkt.
Bei Hitchcock, der ebenfalls wie Chaplin als britischer Immigrant Hollywood eroberte, liegt die Sache noch etwas anders. Er betrieb seit den 30er Jahren dasselbe Geschäft – Suspense, und in den späten 50ern gelangen ihm mit „Psycho“ und „Vertigo“ formale Meisterwerke, die auch inhaltlich von den Schemen abwichen, mit denen er üblicherweise spielte. Der Hitchcock-Überfilm, in dem sich sämtliche anderen Filme von ihm wiederfinden, ist sicherlich „North by Northwest“. „Marnie“ ist sicherlich kein krasser Bruch wie Chaplins Diktator, es ist sicherlich sogar ein guter Film, aber „Marnie“ hat große Schwächen, die man nicht wegwischen kann: So bekommt Hitchcock die von Sean Connery gespielte männliche Heldenrolle nicht in den Griff. Im Buch ist sie ja zwiespältig angelegt: Ein Mann, der Marnie ertappt, sie aber eigentlich wieder dominieren und missbrauchen will. Diese düstere Seite wird im Film völlig überzuckert, und seine charmante Erpressung quasi hingenommen. Die Küchen-Psychoanalyse kann man noch hinnehmen, die hat uns Hitchcock auch schon in Psycho zugemutet, aber dieser Film verliert sich stellenweise im Taumel des Nicht-Wissen-Wohin. Dennoch ist der Meister immer noch Herr seiner Suspense-Instinkte und schafft Szenen, die uns entsetzen lassen.
Was dann kommt, ist ein langsamer Sinkflug von Hitchcocks Niveau. Vor allem in „Familiengrab“, seinem letzten Film, versucht Hitchcock dem Humor mehr Raum zu geben. Heraus kommen platte Slapstick-Szenen, die nicht witzig sind, und schon gar nicht zeigen sie den feinen Humor des Meisters aus seinen früheren Filmen.
Wenn Brodys Theorie stimmen sollte (und viel spricht dafür, dass sie ganz und gar nicht stimmt), dann sind Hitchcock und Chaplin die falschen Kronzeugen. Beide Regisseure erschlafften in ihren letzten Jahren. Bei Chaplin geschah es früher, bei Hitchcock später.
Ich vermute sogar, dass die Limitierungen, die den Regisseuren gesetzt werden, entweder durch Studio-Produzenten, durch Budget-Begrenzungen und sogar durch drohende Zensur, diese dazu gezwungen werden, sich künstlerische Lösungen für ihre inhaltlichen Probleme zu überlegen. Bekannt ist der Stress, dem man dem jungen Francis Ford Coppola beim Dreh des Films „Der Pate“ aufnötigte: Man drohte ihm, Brando und Pacino zu streichen, beide erbrachten unter Coppolas sensibler und intelligenter Regie die besten Leistungen ihres Lebens. Das Budget war so eng bemessen, dass Pacino der einzige Schauspieler war, der nach Las Vegas und Sizilien geflogen werden konnte, was Coppola zu intelligenten Lösungen bei den Los-Angeles-Aufnahmen führte. Das ungeheure Budget und der Macht-doch-was-ihr-wollt-Ansatz beim dritten Teil der Trilogie hatte zur Folge, dass sich die Autoren und der Regisseur in eine wirre, blutrünstige Story verwickelten, bei der nichts mehr an die Stilisierung des ersten Teils erinnerte.
Tarantino kündigte kürzlich an, „Hateful Eight“ würde sein drittletzter Film. Er beschränke sich auf zehn Filme, denn im Alter von 60 Jahren sei die Zeit eines Regisseurs abgelaufen. Angesichts des Spätwerks von Chaplin und Hitchcock sicherlich eine weise Entscheidung.

Klassenkameraden – DDR 1984 revisited

Klassenkameraden

Ich weiß nicht mehr genau, warum ich an jenem späten Abend im Jahr 1984 ausgerechnet im DDR-Fernsehen hängenblieb. Das passierte einem ja sonst nur, wenn sie eine Komödie mit Adriano Celentano zeigten oder auf den drei Westkanälen parallel das Aachener Springreitturnier, eine Dokumentation über belgische Dörfer und der Blaue Bock liefen.
Es war ein Krimi, und ich war überrascht davon, zu welchem Stil, welcher Spannung, welchem inhaltlichen Wagemut die Filmemacher fähig waren. Die Erinnerung an den Film verflachte natürlich im Laufe der Jahrzehnte. Ich wusste noch, dass er in Altenburg gedreht wurde, dass man einmal kurz Hitchcocks Foto sehen konnte, eine Zither zu hören war und dass der Film "Klassentreffen" hieß. Und ausgerechnet bei dieser Namens-Erinnerung spielte mir mein Gedächtnis einen Streich. Und so googelte ich immer wieder hoffnungsvoll aber ergebnislos nach der DVD. Im März dieses Jahres spuckte dann die intelligent gewordene Suchmaschine, die schon weiß, was man sucht, auch wenn man es selbst nicht weiß, das richtige Ergebnis aus. Der Film heißt "Klassenkameraden". Ich kaufte die DVD, und etwas scheu begann ich zu schauen. Man darf ja seinen Jugend-Thrills nicht trauen. "Lebendig begraben" zum Beispiel, ein Horrorfilm nach Poe, ließ mich damals im Sessel erstarren. Wie groß war dann in den Nullerjahren die Pappmaché-Enttäuschung mit Ray Milland, dem James Stewart für Arme!
Bei "Klassenkameraden" wurde ich auch überrascht, aber eher davon, um wieviel er besser war als ich ihn in Erinnerung hatte. Der Film ist vollgestopft mit Zitaten, Anleihen und Anspielungen. Ich springe jedes Mal auf vor Freude, wenn ich wieder ein kleines Detail entdeckt habe.
Den Krimi-Plot hatte ich völlig vergessen, aber auch der war für DDR-Verhältnisse sensationell: Der Betreiber einer Bar lässt Kurgäste ausrauben, durchsucht ihre Papiere und erpresst sie, wenn er Zweifelhaftes darin findet. Durch diese Machenschaften gelangt er an Beziehungen, die ihm für seinen Betrieb wichtiger sind als das Geld. Denn mit Geld allein kriegst du keinen Mazda und kannst dir die Bar nicht so luxuriös ausstatten lassen. Dass sich aus dieser Erpressungs-Idee ein Geschäftsmodell machen lässt, dass in der DDR Beziehungen "zu den höchsten Kreisen" wichtiger als alles andere sind, dass die Mazdas überhaupt in einem derartigen Zusammenhang erwähnt werden muss für die Polizeiruf-Produzenten ein glühend heißes Eisen gewesen sein, so dass sie es aus der Serie entfernten und in den Spätabend verbannten.
Natürlich kommt es zum Mord, und der aus Berlin einreisende ermittelnde Kriminal-Hauptmann ahnt nicht, dass einer seiner drei Klassenkameraden, mit denen er nach dem Krieg krumme Dinger gedreht hat, der Mörder ist. Und jetzt kommt Hitchcock ins Spiel. Das erste Zitat ist die Treppe im Bahnwärterhäuschen. Ähnlich wie Arbogast in "Psycho" oder Guy Haines in "Der Fremde im Zug" steigen die Beteiligten immer wieder die hitchcockmäßig aus der Froschperspektive ins Visier genommene Treppe empor, um jedes Mal oben überrascht zu werden. Und wie in Hitchcocks Kurzfilmen oder "Immer Ärger mit Harry" spielt der Autor und Regisseur Rainer Bär humorvoll mit Leiche und unseren Erwartungen. Ahnungslose junge Männer haben plötzlich den Toten auf der Rückbank ihre Autos und werden nachts von der Polizei angehalten. Wir fürchten, dass man sie nun drankiegt, aber es geht dem Polizisten nur um den linken Scheinwerfer des ollen Skoda, der als Running Gag auch später immer wieder ausfällt. Der Polizist drückt noch mal ein Auge zu und lässt sie weiterfahren, aber bevor sie den Motor anlassen können, kommt er noch mal zurück. Jetzt hat er sie! April, April, er weist sie nur noch mal im Onkel-Polizist-Ton darauf hin sich wirklich um den Scheinwerfer zu kümmern.
Und was ist das berühmteste Beweisstück in einem Hitchcock-Film? Natürlich das geklaute Feuerzeug aus "Der Fremde im Zug". Ähnlich wie beim Meister führt die Fährte dieses MacGuffin natürlich zum Falschen. Wie es sich in einem Hitchcock-Hommage-Film gehört, taucht der Meister im Film selber auf – im Schaufenster eines Fotoladens. Wenn wir aus der Froschperspektive das junge Mädchen auf Altenburgs nassen Straßen sehen, erklingt Zithermusik, und wer es bis jetzt nicht bemerkt hat, versteht jetzt, dass sich Bär auch bei Caror Reeds "Der dritte Mann" bedient. Das Timing der Verfolgungsjagd am Ende hat so gar nichts mehr mit den peinlich lahmen Polizeiruf-Lada-Fahrten zu tun. Expressionistische Schatten an den Häuserwänden, Schuheklackern auf dem Kopfsteinpflaster und ein Ganove zu Fuß auf der Flucht. Bär gelingt es, das bei Tageslicht etwas fade DDR-Altenburg zu stilisieren, so wie es Reed damals mit dem Nachkriegs-Wien gelang.
Aber womit ich gar nicht mehr gerechnet hatte, war eine kleine Anspielung auf "Der Pate". Schurke Grohmann im Brandoschen Hochstatus droht und krault dabei die Katze. Fast erwarte ich, dass er fragt: "Was habe ich dir getan, dass du mich so respektlos behandelst?"
Wie ein moderner New Yorker Koch mischt Rainer Bär die Rezepte und bringt etwas völlig Neues zustande. Einen DDR-Thriller. Als ostdeutsche Zutaten bringt er das Wertvollste ein, was die DDR-Filme überhaupt geleistet haben – die Milieu-Genauigkeit. Wir hören das ermüdende Geklacker der mechanischen Schreibmaschinen bei der Kripo. Die jungen Männer arbeiten in einer Schlachterei, und wir sehen ungeschönt die ganze Sauerei – vom Zerteilen der Rinderhälften bis zum Säubern des blutbeschmadderten Kachelbodens. Als der Zug in den einsamen Bahnhof einfährt, kriege ich eine regelrechte Geruchshalluzination beim Anblick des alten Zugs.
Rainer Bär ist inzwischen 76 Jahre alt. Es ist ihm sehr zu wünschen, dass man dieses kleine Meisterstück noch zu seinen Lebzeiten wiederentdeckt.

Stalin und ich 8 – Wie der Stalin gehärtet wurde

Der Bürgerkrieg deformierte nicht die Bolschewiki, er formte sie.
Sie konnten im Grunde auch gar nicht anders. Aus den drei Gewalten des Staats bleibt nach 1918 fast ausschließlich die Exekutive, aus der sich eine permanente dualistische Staatsform entwickelt: Jedem in der Verwaltung wird ein kommunistischer Wachhund zur Seite gestellt.
In dieser Frage sind sich die führenden Bolschewiki völlig einig. So schreibt der Kriegskommissar Trotzki:

"Jeder Militärspezialist braucht einen Kommissar zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken, jeweils mit einem Revolver in der Hand."

Jedes Problem wird der "Konterrevolution" in die Schuhe geschoben. Und Schuldige werden stets schnell gefunden und verurteilt. Dass die Bolschewiki dieses Chaos durch Plünderungen, völlige Aufhebung jeglicher Markt-Mechanismen und politische Willkür selbst mitverursacht haben, kommt ihnen nicht in den Sinn. Das neue Regime verspricht Aufstiegs-Chancen in der Administration, also geht ein banditenhaftes Gerangel um die radikalste Enteignung los.

Im Bürgerkrieg selbst begehen die Weißgardisten einen schweren Fehler: Sie ignorieren die Bedürfnisse der Bauern, die sie nach den bolschewistischen Eskapaden mit Leichtigkeit hätten an sich binden können. Das korrespondiert wiederum mit einem bemerkenswerten Schachzug der Bolschewiki: Sie nutzen (natürlich unter Kommissarsbewachung) die zaristischen Offiziere, was die Weißen für absurd gehalten hätten.

Und nun bekommt Stalin seine erste große Bewährungsprobe: Er wird nach Zarizyn, dem späteren Stalingrad/Wolgograd entsandt, einem für die Versorgung Moskaus entscheidenden Verkehrsknotenpunkt. Stalins wichtigstes Instrument ist zunächst die Tscheka, aber er verlangt nach mehr: Er will Kommando-Kompetenzen über die Rote Armee. Als seine Anfrage zur Erlaubnis dafür unbeantwortet bleibt, übernimmt er sie trotzdem, ohne dass Trotzki muckt.

Vielleicht wurde ihm in dieser Zeit klar, dass er im Zweifel mit Trotzki leichtes Spiel haben würde, da dieser ihm vielleicht intellektuell überlegen war, aber im Zweifelsfall nicht den Mumm haben würde, politisch geschickt zu manövrieren.

Schon bald setzt sich Stalin nämlich über Trotzkis Anweisungen hinweg. Zaristische Offiziere werden ausgeschaltet – er lässt sie hinrichten oder auf einem Gefängnisschiff verhungern.
Als weiße Kosaken die Stadt belagern, gehen die Exekutionen weiter und Stalin schürt die Angst vor kosakischen Spionen.

Hier war bereits, als klitzekleines Embryo, angelegt, was später als Szenario für zahllose fabrizierte Prozesse in den 1920er und 30er Jahren diente und im Großen Terror von 1937-38 mündete.

Stalin erwies sich in Zarizyn einerseits als skrupelloser Macher, der rasch handelte, der aber auch die Klassenideologie vor jeden Pragmatismus stellte und in militärischen Dingen (wie auch später im 2. Weltkrieg) dilettierte.

Während Lenins Leben am seidenen Faden hing, vertiefte sich der Konflikt zwischen Trotzki und Stalin, die jeweils die Ablösung des anderen forderten, wobei Stalin schriftlich meist einen eher milden Ton anschlug. Dieses kleine Gefecht gewann Trotzki: Stalin wurde abgezogen, aber ohne bestraft zu werden. Zarizyn wurde letztlich durch die Division des Dmitry Shloba gehalten.

Der Herbst 1918 gibt den Bolschewiki eine Atempause – der 1. Weltkrieg ist beendet, und Lenin erklärt Brest-Litowsk sofort für ungültig. Gutgelaunt relegalisiert er die Menschewiki (nicht für lange), und Bucharin und Stalin können langsam gegen kleine Intrigen gegen den ständig abwesenden Trotzki spinnen.
Sowjetrussland wird nicht zu den Versailler Friedensverhandlungen gelassen. Und so stehen am Ende zwei Großmächte als Außenseiter da, die dem europäischen 20. Jahrhundert noch einen fatalen Dreh geben werden: Deutschland und Russland.

Im März 1919 (der kommunistische Aufstand in Berlin ist nur wenige Wochen zuvor niedergeschlagen worden), hält die Russische Kommunistische Partei, wie sie sich jetzt nennt, ihren Parteitag. Swerdlow stirbt währenddessen, und Stalin zieht geschickt seinen Kopf aus der Schlinge, indem er die Hauptschuld für das Zarizyn-Desaster auf Woroschilow ablädt. Außerdem offenbart er nun seine Verachtung gegen die Bauern:

"Die Bauern werden nicht für den Sozialismus kämpfen, das werden sie nicht! Freiwillig werden sie das nie tun."

Die Position ist nicht weit von der Trotzkis entfernt, aber Stalin hütet sich davor, sich ihm anzunähern.
Stalin wird kurz nach dem Parteitag zum Kommissar für Staatskontrolle (später umbenannt in die auch in der DDR bekannte "Arbeiter- und Bauern-Inspektion").

Wenn damit die Konzentration von Macht und die Korruption verhindert werden sollte, hatte man hier wohl den Bock zum Gärtner gemacht.

Mit dem April 1919 wird nun auch die Münchner Räterepublik niedergeschlagen, deren Protagonisten Eisner hier wohl zu Recht eher mit Kerenski verglichen wird – die Betonung auf Räte statt Diktatur durch eine selbsternannte Elite.

Kotkin weist auf das Kuriosum hin, dass ausgerechnet in Deutschland, dem Land mit einer ungeheuer starken Sozialdemokratie die radikalen Führer Luxemburg und Liebknecht ermordet werden, während in Russland entgegen aller Wahrscheinlichkeit Lenin und Trotzki (vorerst) mit dem Leben davonkamen.

Sowohl Stalin als auch Trotzki verbringen fast den gesamten Bürgerkrieg im Zug. Trotzkis Panzerwagen ist mit enormen Mengen Waffen und Munition sowie Geschenken für Offiziere und Soldaten ausgerüstet. Stalin fährt dagegen fast bescheiden. Trotzkis Panzerwagen erhält schon mystische Bedeutung, da es ihm immer wieder gelingt, die Moral hochzuhalten. Offiziere übergeht er immer wieder.
Aber am Ende ist er es, dem der Sieg über Judenitsch, Denikin und Koltschak zugeschrieben wird. Als man ihn im Bolschoi-Theater empfängt und ehrt, fehlt Stalin.

 
Strelnikow = Trotzki
(Dr. Zhivago)

Wie wurde der Stahl gehärtet? Im Feuer des Bürgerkriegs. Die Bolschewiki walzen die Rätedemokratie nieder, die Fabrik-Komitees, die Gewerkschaften, die Bauern-Komitees. Ein ungeheurer, korruptionsgetränkter Bürokraten-Apparat wird geschaffen. Und während die Bürokratie allenthalben geschmäht wird, verhindert die klassenpolitische Denke, dass die Inhaber der Macht als korrupt und bürokratisch markiert werden. Checks & balances funktionieren trotz Arbeiter- und Bauerninspektion in diesem terroristischen gleichgeschalteten Regime leider nicht.

Inzwischen verhält sich Stalin politisch geschickt: 1. Er baut seine eigene Gefolgschaft auf. 2. Er fordert Lenin nie direkt politisch heraus und schon gar nicht maßt er sich an, mit ihm auf einer Stufe zu stehen. Letzteres tut Trotzki, was ihm letztlich den Kopf kosten wird.