Ein adoleszentes Mädchen betritt eine psychotherapeutische Praxis. Sie ist dürr, die Muskeln kaum mehr wahrzunehmen. Sie eröffnet dem Therapeuten, dass sie in Wahrheit viel zu fett sei und sich dem Druck der Gesellschaft, sich „ausgewogen“ ernähren zu müssen, nicht mehr beugen wolle. Der Therapeut hört sich das alles an und antwortet: „Gut. Wenn das so ist, dann lassen Sie sich nichts von anderen einreden. Wahrscheinlich sind Ihre Eltern lediglich Bodyshamer. Ich gebe Ihnen hier ein paar Abführmittel, falls Sie mal welche brauchen.“ Ein solches Szenario wäre ziemlich abwegig, und der Therapeut würde gegen einen wichtigen Standard seiner Profession verstoßen, nämlich dass zwar die Erfahrungen eines Patienten ernst zu nehmen, aber nicht gleichzusetzen sind mit der Diagnose. Denn der Selbstbeschreibung muss die therapeutische Expertise entgegengesetzt werden.

Genau dieser Standard wird aber heute in den USA (und zunehmend auch in Europa) in den Wind geschossen, wenn es um die Selbstdiagnose Gender-Dysphorie geht. Die Wahrscheinlichkeit, dass die pubertätstypischen Depressionen oder Angststörungen nicht als solche behandelt werden, sondern vielmehr als Symptom von Gender-Dysphorie behandelt werden, ist enorm gestiegen. Und das betrifft vor allem Mädchen. Bis zum Jahr 2012 gab es praktisch keine Literatur zu gender-dysphorischen Mädchen. Inzwischen hat sich die Zahl der sich als trans identifizierenden biologischen Mädchen in den USA innerhalb von zehn Jahren mehr als verzehnfacht.

Die Journalistin Abigail Shrier hat sich diesem Phänomen in ihrem Buch „Irreversible Damage“ gewidmet. Der Name des Buches legt es schon nahe: Es geht hier nicht nur um einen Hype, vielmehr geht es um die systematische physische Zerstörung weiblicher Körper durch diesen Hype. Und nein, transfeindlich ist Shrier ganz und gar nicht, auch wenn ihr das vor allem in den sozialen Medien, aber auch in einigen Zeitungen vorgeworfen wird. Dies kann nur behaupten, wer das Buch nicht wirklich gelesen hat. Kritiker, die sie als “Terf” bezeichnen, beziehen sich auch fast nie auf den Inhalt des Buches, sondern zielen bei ihren Angriffen fast immer auf die Person. Nach deren Definition muss transphob sein, wer Aspekte des politischen Trans-Aktivismus kritisiert.

Für die Mehrheit der Adoleszenten ist die Pubertät die Hölle, in der wir alle eine Transition erfahren – den Übergang des kindlichen zum erwachsenen Körper, der kindlichen zur erwachsenen Psyche und den Übergang der sich damit verändernden Erwartungen der sozialen Umwelt. Mädchen erleben diesen Übergang im Durchschnitt deutlich härter als Jungen: Er ist mit enormen Zumutungen verbunden – die einsetzende Periode, die Veränderung des körperlichen Erscheinungsbildes, verbunden mit permanenter Prüfung durch andere und sich selbst. Naheliegenderweise sind Depressionen bei adoleszenten Mädchen auch deutlich häufiger als bei Jungen.

Eine merkwürdige Kombination verschiedener sozialer Faktoren und Akteure haben dazu geführt, dass Mädchen, die mit diesem Übergang hadern, eine Tür geöffnet wurde: Könnte es nicht sein, dass du in Wirklichkeit gar nicht dafür gemacht bist, eine Frau zu werden, sondern dass du im Körper eines Jungen lebst? Oder, wenn das nicht zutrifft, dass du schlicht non-binär bist? Manche Therapeutinnen eröffnen ihre Gespräche mit depressiven Teenagern mit der suggestiven Leit-Frage: „Mit welchem Pronomen soll ich dich anreden?“ Alles Weitere läuft nach dem eingangs beschriebenen Muster der „affirmativen“ Therapie.

Shrier: „Ich glaube, es gibt Fälle, in denen geschlechtsdysphorischen Menschen durch Geschlechtsumwandlungen geholfen wurde. (!) Aber die neue positive Fürsorge (…) geht über Sympathie hinaus und geht direkt zu der Forderung über, dass Psychotherapeuten den Glauben ihrer Patienten übernehmen, diese seien im falschen Körper.“ Sie zitiert eine ehemalige Transperson namens Benji: „Ich möchte diese Leute fragen, unter welchen Umständen ihrer Meinung nach eine Lesbe zu einem Gendertherapeuten gehen und sagen kann: ‚Nein, du bist nicht trans, du bist eine Lesbe.‘ (…) Wie ist es möglich, dass jede einzelne Person, die wegen des Verdachts auf eine bestimmte Krankheit durch die Tür kommt, definitiv diese Krankheit hat?“

Die Initialisierung läuft aber nicht durch die Therapeuten, sondern erstens durch Peers und zweitens durch Youtube- und Instagram-Influencer. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen sich plötzlich als Trans identifiziert, ist deutlich höher, wenn sie in ihrem unmittelbaren Umfeld Peers hat, die sich ebenfalls als Trans identifizieren. In Internetforen und sozialen Medien finden sie die Bestätigung, auf Youtube die Vorbilder und Anleitungen. Die Influencer machen es vor: Jeder Schritt der Transition wird gefeiert. In der Selbstdarstellung finden sich auch Momente des Suchens und Momente der Traurigkeit, aber so gut wie nie Zweifel am Weg. Sobald ein Mädchen glaubt, es könnte trans sein, dann ist das auch der Fall. Es gibt Anleitungen, wie man sich die Brüste abbinden soll. (Dagegen erscheinen die Korsetts des 19. Jahrhunderts geradezu harmlos.)

Pubertätsblocker, die die Hirnentwicklung beeinflussen und Testosteron, dessen gesundheitliche Risiken auf den weiblichen Körper gravierend sind, werden als Allheilmittel angepriesen. Es gibt Anleitungen, wie man seine Eltern und die Ärzte belügt. Damit fällt übrigens auch das Argument der Aktivisten in sich zusammen, sich als trans identifizierende Mädchen habe es immer in hoher Zahl gegeben, sie seien nun einfach „sichtbar“ geworden.
Die Schulen nehmen sich in vielen Bundesstaaten das Recht heraus, die betroffenen Jugendlichen in jedem Fall zu bestätigen und Eltern nicht darüber zu informieren. Lernschwierigkeiten, Depressionen, soziale Ängste – für all das wird zwar nicht in jedem Fall „Trans“ diagnostiziert, aber es ist ein willkommener Shortcut.

Sobald das Wort einmal ausgesprochen ist, gibt es kein Zurück. Die Mädchen, die soeben noch soziale Ängste und womöglich Zurückweisung erlebt haben, werden nun gefeiert und bestätigt. Jeder Schritt wird bejubelt, ist aber nur eine Vorstufe für den nächsten Schritt – die modischen Entscheidungen und der neue Name sind das Eintrittsticket. Es folgen das Brustabbinden, die Hormonbehandlung, Masektomie und Hysterektomie. Wer aber umkehrt wird bedauert oder gar, wenn man sich ganz vom Transsein abwendet („detransition“), kann man rasch als Verräterin gebrandmarkt werden, die das alles nur vorgetäuscht hat. Die Influencer ermutigen nicht nur, die Eltern zu belügen, sie erklären auch jede Person, die nur den leisesten Zweifel äußert, als transphob.

Shrier bemerkt einen antifeministischen und anti-weiblichen Grundton in der Debatte: So werden klassische Heldinnen der Geschichte, der Literatur usw. als „nicht ganz weiblich“, sondern eben trans beschrieben. „In diesem perversen Schema gilt per Definition: Je erstaunlicher eine Frau ist, desto weniger zählt sie als Frau.“ Auf dieselbe Weise werden Mädchen, die sich für Mathe, Logik und Sport interessieren als „gender-nonkonform“ bezeichnet. Sie werden nebenbei ihrer Weiblichkeit beraubt. Die Errungenschaften der Frauenbewegungen werden in den Grundschulen aus dem Fenster geworfen, die Stereotype (Mathe für Jungs, Puppen für Mädchen) reproduziert. In den Highschools schließlich wird nun zementiert, dass, wer nicht in die stereotypen Klischees von Mann und Frau passt, offenbar queer sein muss. Da „Frau“ nicht mehr als biologische Kategorie gilt, wird das Ganze beliebig, und Transaktivisten greifen auf Stereotype zurück, die teils archaisch oder beleidigend sind.

Die Eltern werden in die Entscheidungen der Kinder, der Lehrer, der Psychologen und Psychiater kaum eingebunden. Alles, was sie beizutragen haben, was die Selbstdiagnose des Kindes relativiert (zum Beispiel Berichte über psychische Erkrankungen, fehlende Anzeichen aus dem Kleinkindalter, psychische Probleme der Adoleszenten) werden ignoriert. Stattdessen die Drohung: Wenn Sie nicht mitspielen, sind Sie schuld am Suizid Ihres Kindes. Shrier entlastet aber auch die Eltern nicht völlig. Es gibt eine Tendenz, jede Traurigkeit, jede emotionale Belastung eines Kindes zu pathologisieren und eine Diagnose zu fordern. Mädchen wird auf diese Weise nahegelegt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Eine Gruppe, die in dieser Gemengelage ebenfalls verliert, ist die Gruppe der Lesben: Lesbische Vertreterinnen kämpfen gegen die Vorstellung, dass männliche Kleidung oder Haartracht sie zum Mann macht oder ihr Frau-Sein schmälern würde. Im Vergleich zu Trans sind Lesben in Highschools im Tiefstatuts. „Lesbisch“ gilt nunmehr als Porn-Kategorie. Die Trans-Rechte schlagen inzwischen die Rechte der Mädchen. So werden die Proteste junger weiblicher Athletinnen niedergehalten. Selbst Martina Navratilova wurde angegriffen und verlor ihren Sponsor, weil sie sagte, die neuen Regelungen seien unfair gegenüber Frauen. Shrier: „Wenn Martina Navratilova, die vielleicht prominenteste homosexuelle Sportlerin der Welt, als Anti-LGBT-Fanatikerin gebrandmarkt werden konnte, weil sie sich für Mädchen eingesetzt hat, wie könnten unbekannte Sportlerinnen sich gegen diese Dinge auflehnen?“

Schließlich beschreibt Shrier das Umwandlungsbusiness. 2007 gab es eine Gender-Klinik in den USA. Im Jahr 2020 fünfzig. Das zustimmungsfähige liegt in Oregon bei 15. Den meisten Mädchen ist nicht klar, dass die Auswirkungen der Einnahme von Geschlechtshormonen nicht rückgängig zu machen sind. Sie führen unweigerlich in die Unfruchtbarkeit und die Unfähigkeit, jemals einen Orgasmus zu erleben. „Kein plastischer Chirurg könnte seinen Kollegen vorschlagen, jemandes Nase zu substituieren, wenn der dabei die Fähigkeit zu riechen verlöre. Aber die Fähigkeit des Stillens wird ohne medizinische Notwendigkeit über Bord geworfen. (…) Die meisten hormonverschreibenden Ärzte bieten diesen verzweifelten Patientinnen keine Bremsen und keinen Realitätscheck.“

Personen, die schon länger trans sind, beschreiben den Hype ebenfalls als gefährlich. Buck Angel: „Es gibt für Transkids keinen echten psychischen Gesundheitscheck. Sie werden zu 100% von Youtubern beeinflusst.“ Teenager sind per definitionem auf der Suche nach der eigenen Identität. Und jetzt werden Mädchen, die gern Jungsklamotten tragen, ins Transsein gedrängt. Shrier: „Sie alle [Eltern und Mädchen] sollten Feministinnen einer früheren Ära zuhören und aufhören, Sexklischees ernst zu nehmen. Eine junge Frau kann Astronautin oder Krankenschwester sein, ein Mädchen kann mit Lastwagen oder Puppen spielen. Und sie fühlt sich vielleicht zu Männern oder anderen Frauen hingezogen. Nichts davon macht sie weniger zu einem Mädchen oder weniger geeignet für die Weiblichkeit.“

Abigail Shrier: “Irreversible Damage”
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Ein Kommentar zu „Abigail Shrier: “Irreversible Damage”

  • 2022-10-05 um 20:39
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    Guten Tag,

    vielen Dank für diese sehr klare und entlarvende Analyse. Es ist ein winziger Hoffnungsschimmer, in einem Meer von Sektenanhänger Texte zu lesen, die sich an Logik und gesundem Menschenverstand orientieren.

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