Zugabe herbeiprovozieren – oder verhindern

Das Licht geht aus, die Schauspieler verbeugen sich, bekommen vielleicht noch Einzelapplaus und gehen ab. Da tönen die ersten Rufe: „Zugabe! Zugabe!“ – und verpuffen, weil das Saallicht bereits angeschaltet wurde.
Wenn man Zugaben-Applaus wünscht, sollte man schnell von der Bühne gehen und den Applaus sich entfalten lassen. Bei einer guten Show mit begeistertem Publikum, wird der rhythmische Applaus fast automatisch einsetzen. Sobald der Wille des Publikums deutlich genug ist, lasse man sich nicht lange lumpen, bedanke sich und spiele die Zugabe.
Will man keine Zugabe, schalte man das Saallicht an und (wenn möglich) auch die Hintergrundmusik, der Applaus versiegt dann meist rasch. In den etwas unangenehmen Situationen, in denen ein Teil des Publikums weiterklatscht, während die andere Hälfte schon aufsteht, solltet ihr ebenfalls auf die Zugabe verzichten und das ebenfalls durch Saallicht und Musik markieren.

(Dies ist ein Auszug aus “Improvisationstheater. Band 9. Impro-Shows“)

Gute und schlechte Zugaben

Die Show ist wunderbar gelaufen, ihr habt zu zehnt gespielt. Und nun kommt der Moderator auf die Idee, dass alle noch gemeinsam ein Lied singen sollen, zu dem jeder eine Strophe beitragen soll. Das Lied zieht sich in die Länge, die Hälfte der Spieler hat keine Lust auf Singen oder es klingt grausam. Am Ende gehen die Zuschauer mit dem Gefühl nach Hause, dass es zwar insgesamt recht nett war, aber man müsse es sich nicht so schnell noch mal antun.
Eine gute Zugabe ist knapp und spritzig und entlässt die Zuschauer noch mit einem kleinen Extra-Lachen. Gerade bei großen Besetzungen lassen sich Moderatoren vom Gedanken der „Gerechtigkeit“ dazu verleiten, jedem einzelnen Spieler noch mal angemessen viel Raum zu geben, um sich ein letztes Mal zu entfalten. Lieber zwei, drei kleine Freeze-Tag-Szenen von 15 Sekunden als ein ausuferndes Rein-Raus-Spiel mit dem gesamten Riesen-Ensemble.
Als Zugabe eignen sich zum Beispiel:

  • knackige Gag-Spiele, die kürzer als eine Minute sind,
  • eine Kaskade von „Was-danach-geschah“-Szenen aus den verschiedenen Storys,
  • ein kurzer Abschluss-Monolog einer zentralen Figur
  •  ein Game, das das Format abschließt. So könnte das Sieger-Team eines Theatersport-Matches als Einwort-Geschichte erzählen, was die Mitglieder nach diesem phänomenalen Sieg als nächstes für Ziele haben.

(Dies ist ein Auszug aus “Improvisationstheater. Band 9. Impro-Shows“)

Zugabe im Improtheater – Ja oder Nein?

Als erstes sollte man sich fragen: Wollen wir überhaupt eine Zugabe? Für manche scheint diese Frage absurd, gehört die Zugabe doch „irgendwie zur Show dazu“. Und tatsächlich kann eine Zugabe wie ein kleines Dessert nach einem Hauptgang wirken. Besonders in einer game-orientierten Kurzform-Show kann ein besonders flottes Game oder ein „Best Of“ die Show abrunden.
Aber stellen wir uns vor, ihr habt eine Langform gespielt, deren Ende überaus gelungen war. Das Publikum ist gerührt, amüsiert, erschüttert. Der Abend ist „rund“. Was kann dann noch kommen?
Am Ende von Comedy-Filmen werden manchmal Ausschnitte von Versprechern, Schnitzern und Malheuren gezeigt. Bei „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Schindlers Liste“ würde man das nicht tun.
Aber auch eine comedylastige Impro-Show profitiert nicht immer von einer Zugabe. Man lasse sich nicht vom lange klatschenden Publikum in die Irre führen. Gerade deutsches Publikum neigt zum Klatsch-Exzess. Es ist, als wollten die Zuschauer den schönen Moment auf ewig ausdehnen. Aber sind sie mit Zugabe tatsächlich glücklicher?
Ich denke, man sollte eine Zugabe nur spielen, wenn
– das Format viele kleine Storys und Szenen beinhaltet,
– die Zugabe die Show wirklich abrundet,
– wenn es das Publikum wirklich will.

[Dies ist ein Auszug aus “Improvisationstheater. Band 9. Impro-Shows“]

Schwimmbadmoment

Die U-Bahn rattert
am Viadukt.
Der Eis-Wimpel flattert.
Mein Mundwinkel zuckt.

Ich schwimme zehn Bahnen
und hab schon genug
und muss mich ermahnen
der Zeiten Flug.

Die U-Bahn rattert.
Ich fress es. Ich kau’s.
Der Eis-Wimpel flattert.
Ich fahre nach Haus.

Schulhausmeister

Herr Hausmeister, haben Sie’s gefunden?
Freundlich lässt er die Bockwurst liegen,
ist, wie alle seiner Art, kurz angebunden.
Und ich muss mich seinem Tempo fügen.

Das Fundbüro der Schule – eine Kiste
gleich neben der Erwachsnen-Toilette.
Das Dinosaurier-T-Shirt, das ich auch vermisste.
Und auch, schau an, die grüne Zahlenkette.

Zwei Minuten später wieder im Büro.
Der Hausmeister entspannt und heiter.
Ich sage: „Danke!“ Er sagt: „Ach, i wo!“,
setzt sich hin und isst die Bockwurst weiter.

Betrügerisch

Die Sonne ist heut aufgestiegen
und strahlt, wie um uns aufzuheitern.
Sie will, scheint’s mir, uns arg betrügen,
weil wir am Ende doch nur scheitern.
Ich nehm es hin
mit leichtem Sinn.
Kann sie nur einen Tag uns borgen,
verschieb ich meine Sorg auf morgen.

Ausruhen im Prinzenbad

Das kieksende Jauchzen beim Sprung ins Nass.
Das Kleine-Jungen-Geprahle.
Ein Kreischen beim Springen – nur zum Spaß.
Die Pommes gibt’s aus der Schale.

Wie hab ich vermisst das Life-Zelebrieren
In der dürren Zeit von Coröna.
Ich kann mich beim Lesen jetzt nicht konzentrieren.
Doch ist’s mit Kinderlärm schöner.

Sommermoment

Ein Park in Hamburg, kurz nach Zehn.
Hoffnungsfrohe Geschäftigkeit.
Zur Arbeit oder zum Spielplatz geh’n.
Des Abends Enttäuschung noch weit.

Auf Rollen die Kinderwagenflotte.
Ein Jogger mit Mickymaus-Shirt.
Im Schokoklecks ertrinkt eine Motte.
Ein Rasenmäher die Stille stört.

Übung Tier-Inspiration

Durch den Raum laufen.
Fokussiere auf deinen Atem und deine Schritte.
Bleibe bei dir selbst.
Wähle ein zufälliges Tier.
Fokussiere auf den Atem dieses Tieres.
Auf den Gang.
Wie sieht dieses Tier die Welt? Ist sie voller Feinde oder voller Opfer? (Vermeidet zu diesem Zeitpunkt Interaktion)
Wie fühlt sich der Bauch dieses Tieres an?
Wie der Hintern?
Spiele mit allen Elementen
Das Wichtigste: Nimm das Tier von innen wahr statt von außen. Also bitte beim Elefanten keine Arm-Rüssel, beim Hasen keine Hand-Ohren.

Abigail Shrier: “Irreversible Damage”

Ein adoleszentes Mädchen betritt eine psychotherapeutische Praxis. Sie ist dürr, die Muskeln kaum mehr wahrzunehmen. Sie eröffnet dem Therapeuten, dass sie in Wahrheit viel zu fett sei und sich dem Druck der Gesellschaft, sich „ausgewogen“ ernähren zu müssen, nicht mehr beugen wolle. Der Therapeut hört sich das alles an und antwortet: „Gut. Wenn das so ist, dann lassen Sie sich nichts von anderen einreden. Wahrscheinlich sind Ihre Eltern lediglich Bodyshamer. Ich gebe Ihnen hier ein paar Abführmittel, falls Sie mal welche brauchen.“ Ein solches Szenario wäre ziemlich abwegig, und der Therapeut würde gegen einen wichtigen Standard seiner Profession verstoßen, nämlich dass zwar die Erfahrungen eines Patienten ernst zu nehmen, aber nicht gleichzusetzen sind mit der Diagnose. Denn der Selbstbeschreibung muss die therapeutische Expertise entgegengesetzt werden.

Genau dieser Standard wird aber heute in den USA (und zunehmend auch in Europa) in den Wind geschossen, wenn es um die Selbstdiagnose Gender-Dysphorie geht. Die Wahrscheinlichkeit, dass die pubertätstypischen Depressionen oder Angststörungen nicht als solche behandelt werden, sondern vielmehr als Symptom von Gender-Dysphorie behandelt werden, ist enorm gestiegen. Und das betrifft vor allem Mädchen. Bis zum Jahr 2012 gab es praktisch keine Literatur zu gender-dysphorischen Mädchen. Inzwischen hat sich die Zahl der sich als trans identifizierenden biologischen Mädchen in den USA innerhalb von zehn Jahren mehr als verzehnfacht.

Die Journalistin Abigail Shrier hat sich diesem Phänomen in ihrem Buch „Irreversible Damage“ gewidmet. Der Name des Buches legt es schon nahe: Es geht hier nicht nur um einen Hype, vielmehr geht es um die systematische physische Zerstörung weiblicher Körper durch diesen Hype. Und nein, transfeindlich ist Shrier ganz und gar nicht, auch wenn ihr das vor allem in den sozialen Medien, aber auch in einigen Zeitungen vorgeworfen wird. Dies kann nur behaupten, wer das Buch nicht wirklich gelesen hat. Kritiker, die sie als “Terf” bezeichnen, beziehen sich auch fast nie auf den Inhalt des Buches, sondern zielen bei ihren Angriffen fast immer auf die Person. Nach deren Definition muss transphob sein, wer Aspekte des politischen Trans-Aktivismus kritisiert.

Für die Mehrheit der Adoleszenten ist die Pubertät die Hölle, in der wir alle eine Transition erfahren – den Übergang des kindlichen zum erwachsenen Körper, der kindlichen zur erwachsenen Psyche und den Übergang der sich damit verändernden Erwartungen der sozialen Umwelt. Mädchen erleben diesen Übergang im Durchschnitt deutlich härter als Jungen: Er ist mit enormen Zumutungen verbunden – die einsetzende Periode, die Veränderung des körperlichen Erscheinungsbildes, verbunden mit permanenter Prüfung durch andere und sich selbst. Naheliegenderweise sind Depressionen bei adoleszenten Mädchen auch deutlich häufiger als bei Jungen.

Eine merkwürdige Kombination verschiedener sozialer Faktoren und Akteure haben dazu geführt, dass Mädchen, die mit diesem Übergang hadern, eine Tür geöffnet wurde: Könnte es nicht sein, dass du in Wirklichkeit gar nicht dafür gemacht bist, eine Frau zu werden, sondern dass du im Körper eines Jungen lebst? Oder, wenn das nicht zutrifft, dass du schlicht non-binär bist? Manche Therapeutinnen eröffnen ihre Gespräche mit depressiven Teenagern mit der suggestiven Leit-Frage: „Mit welchem Pronomen soll ich dich anreden?“ Alles Weitere läuft nach dem eingangs beschriebenen Muster der „affirmativen“ Therapie.

Shrier: „Ich glaube, es gibt Fälle, in denen geschlechtsdysphorischen Menschen durch Geschlechtsumwandlungen geholfen wurde. (!) Aber die neue positive Fürsorge (…) geht über Sympathie hinaus und geht direkt zu der Forderung über, dass Psychotherapeuten den Glauben ihrer Patienten übernehmen, diese seien im falschen Körper.“ Sie zitiert eine ehemalige Transperson namens Benji: „Ich möchte diese Leute fragen, unter welchen Umständen ihrer Meinung nach eine Lesbe zu einem Gendertherapeuten gehen und sagen kann: ‚Nein, du bist nicht trans, du bist eine Lesbe.‘ (…) Wie ist es möglich, dass jede einzelne Person, die wegen des Verdachts auf eine bestimmte Krankheit durch die Tür kommt, definitiv diese Krankheit hat?“

Die Initialisierung läuft aber nicht durch die Therapeuten, sondern erstens durch Peers und zweitens durch Youtube- und Instagram-Influencer. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen sich plötzlich als Trans identifiziert, ist deutlich höher, wenn sie in ihrem unmittelbaren Umfeld Peers hat, die sich ebenfalls als Trans identifizieren. In Internetforen und sozialen Medien finden sie die Bestätigung, auf Youtube die Vorbilder und Anleitungen. Die Influencer machen es vor: Jeder Schritt der Transition wird gefeiert. In der Selbstdarstellung finden sich auch Momente des Suchens und Momente der Traurigkeit, aber so gut wie nie Zweifel am Weg. Sobald ein Mädchen glaubt, es könnte trans sein, dann ist das auch der Fall. Es gibt Anleitungen, wie man sich die Brüste abbinden soll. (Dagegen erscheinen die Korsetts des 19. Jahrhunderts geradezu harmlos.)

Pubertätsblocker, die die Hirnentwicklung beeinflussen und Testosteron, dessen gesundheitliche Risiken auf den weiblichen Körper gravierend sind, werden als Allheilmittel angepriesen. Es gibt Anleitungen, wie man seine Eltern und die Ärzte belügt. Damit fällt übrigens auch das Argument der Aktivisten in sich zusammen, sich als trans identifizierende Mädchen habe es immer in hoher Zahl gegeben, sie seien nun einfach „sichtbar“ geworden.
Die Schulen nehmen sich in vielen Bundesstaaten das Recht heraus, die betroffenen Jugendlichen in jedem Fall zu bestätigen und Eltern nicht darüber zu informieren. Lernschwierigkeiten, Depressionen, soziale Ängste – für all das wird zwar nicht in jedem Fall „Trans“ diagnostiziert, aber es ist ein willkommener Shortcut.

Sobald das Wort einmal ausgesprochen ist, gibt es kein Zurück. Die Mädchen, die soeben noch soziale Ängste und womöglich Zurückweisung erlebt haben, werden nun gefeiert und bestätigt. Jeder Schritt wird bejubelt, ist aber nur eine Vorstufe für den nächsten Schritt – die modischen Entscheidungen und der neue Name sind das Eintrittsticket. Es folgen das Brustabbinden, die Hormonbehandlung, Masektomie und Hysterektomie. Wer aber umkehrt wird bedauert oder gar, wenn man sich ganz vom Transsein abwendet („detransition“), kann man rasch als Verräterin gebrandmarkt werden, die das alles nur vorgetäuscht hat. Die Influencer ermutigen nicht nur, die Eltern zu belügen, sie erklären auch jede Person, die nur den leisesten Zweifel äußert, als transphob.

Shrier bemerkt einen antifeministischen und anti-weiblichen Grundton in der Debatte: So werden klassische Heldinnen der Geschichte, der Literatur usw. als „nicht ganz weiblich“, sondern eben trans beschrieben. „In diesem perversen Schema gilt per Definition: Je erstaunlicher eine Frau ist, desto weniger zählt sie als Frau.“ Auf dieselbe Weise werden Mädchen, die sich für Mathe, Logik und Sport interessieren als „gender-nonkonform“ bezeichnet. Sie werden nebenbei ihrer Weiblichkeit beraubt. Die Errungenschaften der Frauenbewegungen werden in den Grundschulen aus dem Fenster geworfen, die Stereotype (Mathe für Jungs, Puppen für Mädchen) reproduziert. In den Highschools schließlich wird nun zementiert, dass, wer nicht in die stereotypen Klischees von Mann und Frau passt, offenbar queer sein muss. Da „Frau“ nicht mehr als biologische Kategorie gilt, wird das Ganze beliebig, und Transaktivisten greifen auf Stereotype zurück, die teils archaisch oder beleidigend sind.

Die Eltern werden in die Entscheidungen der Kinder, der Lehrer, der Psychologen und Psychiater kaum eingebunden. Alles, was sie beizutragen haben, was die Selbstdiagnose des Kindes relativiert (zum Beispiel Berichte über psychische Erkrankungen, fehlende Anzeichen aus dem Kleinkindalter, psychische Probleme der Adoleszenten) werden ignoriert. Stattdessen die Drohung: Wenn Sie nicht mitspielen, sind Sie schuld am Suizid Ihres Kindes. Shrier entlastet aber auch die Eltern nicht völlig. Es gibt eine Tendenz, jede Traurigkeit, jede emotionale Belastung eines Kindes zu pathologisieren und eine Diagnose zu fordern. Mädchen wird auf diese Weise nahegelegt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Eine Gruppe, die in dieser Gemengelage ebenfalls verliert, ist die Gruppe der Lesben: Lesbische Vertreterinnen kämpfen gegen die Vorstellung, dass männliche Kleidung oder Haartracht sie zum Mann macht oder ihr Frau-Sein schmälern würde. Im Vergleich zu Trans sind Lesben in Highschools im Tiefstatuts. „Lesbisch“ gilt nunmehr als Porn-Kategorie. Die Trans-Rechte schlagen inzwischen die Rechte der Mädchen. So werden die Proteste junger weiblicher Athletinnen niedergehalten. Selbst Martina Navratilova wurde angegriffen und verlor ihren Sponsor, weil sie sagte, die neuen Regelungen seien unfair gegenüber Frauen. Shrier: „Wenn Martina Navratilova, die vielleicht prominenteste homosexuelle Sportlerin der Welt, als Anti-LGBT-Fanatikerin gebrandmarkt werden konnte, weil sie sich für Mädchen eingesetzt hat, wie könnten unbekannte Sportlerinnen sich gegen diese Dinge auflehnen?“

Schließlich beschreibt Shrier das Umwandlungsbusiness. 2007 gab es eine Gender-Klinik in den USA. Im Jahr 2020 fünfzig. Das zustimmungsfähige liegt in Oregon bei 15. Den meisten Mädchen ist nicht klar, dass die Auswirkungen der Einnahme von Geschlechtshormonen nicht rückgängig zu machen sind. Sie führen unweigerlich in die Unfruchtbarkeit und die Unfähigkeit, jemals einen Orgasmus zu erleben. „Kein plastischer Chirurg könnte seinen Kollegen vorschlagen, jemandes Nase zu substituieren, wenn der dabei die Fähigkeit zu riechen verlöre. Aber die Fähigkeit des Stillens wird ohne medizinische Notwendigkeit über Bord geworfen. (…) Die meisten hormonverschreibenden Ärzte bieten diesen verzweifelten Patientinnen keine Bremsen und keinen Realitätscheck.“

Personen, die schon länger trans sind, beschreiben den Hype ebenfalls als gefährlich. Buck Angel: „Es gibt für Transkids keinen echten psychischen Gesundheitscheck. Sie werden zu 100% von Youtubern beeinflusst.“ Teenager sind per definitionem auf der Suche nach der eigenen Identität. Und jetzt werden Mädchen, die gern Jungsklamotten tragen, ins Transsein gedrängt. Shrier: „Sie alle [Eltern und Mädchen] sollten Feministinnen einer früheren Ära zuhören und aufhören, Sexklischees ernst zu nehmen. Eine junge Frau kann Astronautin oder Krankenschwester sein, ein Mädchen kann mit Lastwagen oder Puppen spielen. Und sie fühlt sich vielleicht zu Männern oder anderen Frauen hingezogen. Nichts davon macht sie weniger zu einem Mädchen oder weniger geeignet für die Weiblichkeit.“

Alfons Zitterbacke 2: Endlich Klassenfahrt

Die Neuverfilmung von „Alfons Zitterbacke“ war offenbar so erfolgreich, dass sich ein Sequel lohnte. Zitterbacke ist inzwischen Teenager, und daher nicht nur ein Pechvogel, sondern in einem Alter, in dem einem ohnehin fast alles peinlich ist. Die Prämissen für eine Komödie sind ideal: Erstens geht es auf Klassenfahrt, zweitens gibt es eine Neue in der Klasse, in die sich Zitterbacke auch sofort verliebt, und drittens hat er seinen Reisekoffer mit dem seiner Mutter verwechselt. Weitere Zutaten: Der nerdige Freund (natürlich mit cartoonhaft runder Brille und Wuschellocken, als ginge er zum Fasching als Einstein), der fiese Bully, der strenge Klassenlehrer.

Aber weder kommt die Story ins Laufen noch können die Gags der Komödie an irgendeiner Stelle überraschen oder kitzeln. Die Klasse fährt zunächst an die Ostsee. Aber rasch stellt sich heraus, dass das nur ein Vorwand war, um Anna Thalbach mal ein bisschen Platt reden zu lassen, was weder die Charaktere noch die nicht-plattdeutschen Zuschauer verstehen. Für eine kurze Einstellung sieht man mal den ohne die Darsteller gefilmten Ostsee-Strand, und da müssen die Kinder auch schon wieder aus einem fadenscheinigen Grund abreisen. Diesmal in eine Villa in den Harz – mit Gojko Mitic als Herbergsvater.
Zwischendurch fällt Zitterbacke mal hin (was jedes Mal schon eine halbe Minute vorher visuell angekündigt wird) oder er setzt sich mit der Schlafanzughose in die Schokolade. Die Filmemacher könnten Zitterbacke nun zeigen, wie er den ganzen Tag versucht, sein Missgeschick zu verbergen. Stattdessen wird sofort plattmöglichst aufgelöst: „Hast du dir eingekackt?“ Die Schauspieler geben ihr Bestes, aber gegen das Drehbuch können sie auch nichts rausholen. Haben die Drehbuchautoren Schlichter und Chambers noch nie eine Romantische Komödie gesehen? Nachdem es ein böses Missverständnis mit seiner Freundin in spe gab, schreibt Zitterbacke eine Entschuldigungs-SMS. Er will sie löschen, schickt sie dann aber aus Versehen doch. Sie verzeiht ihm, und schon ist alles gut. Echt jetzt? Komödie muss die Probleme schlimmer machen, statt sie gleich zu lösen. Zitterbacke leidet immer wieder mal – für fünf Sekunden. Da hat eine GZSZ-Folge wohl mehr komödiantisches Geschick.

Ein Ukulele übender Gerhard Schöne wird unmotiviert drei Sekunden lang eingeblendet, wahrscheinlich weil man mal Gerhard Schöne einblenden wollte oder weil noch 400 Euro im Budget übrig waren.

Übrigens tauchte auch in diesem Film wieder ein böser Immobilienspekulant auf, der die schöne Künstlervilla abreißen und stattdessen ein Hotel bauen will. Er spielt zwar für die Entwicklung der Geschichte keine Rolle, aber offensichtlich braucht ein deutscher Kinderfilm seit 10 Jahren diese Figur, weil es sonst keine Filmförderung gibt. Die einzige Szene, in der er dann auftaucht, besteht darin, dass er auf einem Dixi-Klo sitzt und Zitterbacke im Auto aus Versehen den Rückwärtsgang einlegt. Was wird wohl passieren? Ja, genau das. Lustig, was?

Bernhard Schlink – Die Enkelin

Nach einem Drittel der Lektüre hatte ich das Buch schon einigen Freunden empfohlen. Nicht nur ist die Grundidee großartig, sondern sie ist auch wunderbar umgesetzt. Der ältere Buchhändler findet eines Abends seine Frau tot in der Badewanne. Und beim Studium ihrer Notizen erfährt er, dass sie, bevor sie dank seiner Hilfe in den Westen geflohen war, ein Kind im Osten gelassen hatte. Der verzweifelte und gleichzeitig abgehärtete Ton der Frau ist so wunderbar getroffen, dass er einen Blick auf eine DDR-Story freigibt, die noch nicht erzählt wurde.
Der alte Mann macht sich auf die Suche und landet, soviel weiß man schon aus den Vorankündigungen und dem Klappentext in der ostdeutschen Provinz, wo es von Nazis nur so wimmelt. Ich hätte Schlink die Blut-und-Boden-Deutschen als Setting durchaus abgekauft. Aber das Unheil beginnt, sobald sie den Mund aufmachen. Vor allem Sigrun, die vierzehnjährige, angeblich intelligente Titelheldin, sondert nur Plattitüden ab: “Die Holländer, die Pfeffersäcke, haben uns unsere Kolonien nicht gegönnt. Sie haben uns belogen und betrogen.” Ihr Lieblingsbuch soll “Ein Mädchen erlebt den Führer” sein, und sie bewundert Irma Grese. Soll man das alles wirklich glauben? Eine Vierzehnjährige, die nicht nur einem 40er-Jahre-Nazismus huldigt, sondern diesen gegenüber einem Fremden freimütig offenbart, als wüsste sie nicht wenigstens durch ihre Eltern, dass das tabuisiert ist? Seitenweise kommt sie einem vor wie eine Sechsjährige oder eben: ausgedacht.
Ja, es gibt im Osten (und nicht nur da) die “Volksdeutschen”, aber der Rechtsradikalismus äußert sich heute anders. Anders als in den 90ern, anders als in der 70ern. Und ganz gewiss anders als in den 40ern. Wer in den letzten Jahren ein offenes Ohr hatte, weiß, dass der Ton sich deutlich geändert hat. Es dominieren Verschwörungstheorien. Alte Rituale werden mit neuer Technikskepsis vermischt.


Es scheint, als seien nicht nur die Nazis sondern auch die Technik in Schlinks Welt in den frühen 90ern stehengeblieben. Das Internet kommt so gut wie gar nicht vor. Ebensowenig Smartphones. Dass sich eine Vierzehnjährige, deren Hauptcharakterzug offenbar Neugierde ist, von ihren Eltern dermaßen vorschreiben lässt, in welcher altertümlichen Welt sie zu leben hat, ist schlechthin nicht vorstellbar.
Gegen Ende gelingt Schlink immerhin noch mal eine tröstliche Wende. Vielleicht hätte ich den Mittelteil einfach überspringen sollen.

Entwicklung des Characters aus der Körperlichkeit – Beispiel: Körperteil führt

(Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch Improvisationstheater. Band 2: Schauspiel-Improvisation)


Konzeptionelle Zugriffe, zum Beispiel auf Sprache, Psychologie und szenische Notwendigkeit eines Prototyps, verlaufen über den präfrontalen Cortex, also denjenigen Bereich des Gehirns, der für rationales Abwägen zuständig ist.
Der Zugriff auf die Körperlichkeit ist für den Spieler der effektivste und der überraschendste Weg, einen Charakter spontan zu entwickeln. Auf unseren Körper und seine sensorischen Signale und emotionalen Kopplungen, die in der Amygdala verarbeitet werden, können wir viel unmittelbarer zugreifen. (Die Amygdala arbeitet um ein Vielfaches schneller als das Großhirn. Ihre Botschaften werden auch schneller ans Großhirn gesendet als umgekehrt. Das heißt für uns: Unserem Körper wird von selber klar, was gerade los ist, und zwar noch bevor das Großhirn eine Beschreibung oder einen Namen dafür gefunden hat.)
Unsere Körperlichkeit kann in einer Szene eine Eigendynamik entfalten, die uns selbst überrascht, die uns in diesen immer wieder gesuchten Prozess des Flows führt, in dem wir einfach das tun, was offensichtlich ist, ohne unser Hirn mit Konzepten zu irgendwelchen Charakteren zu verknoten oder uns von Strukturen gefangen nehmen zu lassen.

Ein Körperteil führt
Hast du schon mal einen dieser hektischen Menschen gesehen, die, sobald sie irgendwo hingehen, mit dem Kopf eigentlich schon da sind? Nicht nur mit den Gedanken, sondern es wirkt, als befinde sich ihre Stirn einen halben Meter vor ihrem Bauch. Weibliche Models hingegen schreiten auf dem Laufsteg mit einem kleinen Stoß des Beckens. Türsteher wiederum scheinen ihre ruhigen Bewegungs-Impulse vom Brustkorb zu bekommen.
Diese Bewegungs-Qualitäten haben einen ungeheuren Effekt, der auch dann noch wirkt, wenn er nur subtil angedeutet wird. Die Bewegungsqualität, die dadurch entsteht, dass sie von einem Körperteil ausgeht, verändert auch die Art, wie man atmet, was leicht einzusehen ist: Ein Bodybuilder atmet anders als ein Model. Das veränderte Atmen hat – wir haben es schon bei der Tier-Inspiration gesehen – einen Einfluss auf die grundlegenden Emotionen und darauf, wie man die Welt wahrnimmt (Diese emotionalen Impulse des Atems sind nun zunächst Impulse an den Spieler, und wir brauchen eine spielerische Haltung, um nicht von ihr weggetragen zu werden.)
Bekannte Beispiele für diese Art von Schauspiel :
•  Sharon Stone in „Basic Instinct“ – Hals
•  Jimmy Stewart in „Vertigo“ – Knie
•  Tom Hanks in „Forrest Gump“ – Brustkorb
Das Auffälligste, ist natürlich zunächst die Körperlichkeit, aber ein Typ wie Forrest Gump wird eben nicht nur durch seine kuriose Körperhaltung seltsam, sondern auch dadurch, wie diese steife Brust-raus-Körperhaltung eben alles andere beeinflusst – seine Sprache, seinen Status und nicht zuletzt vermittelt sie eindringlich die übergroße Anstrengung, die dieser eingeschränkte Mann unternimmt, um unter seinen Mitmenschen respektiert zu werden.

Übung Körperteil führt

Körper lockern.
Raum-Lauf. Fokus auf Atem und das Gehen.
Wähle einen Körperteil, der „führt“.
Nutze den gesamten Raum – alle drei Dimensionen.
Lass dich überraschen, in welche ungewohnten Bewegungen dich dieser Körperteil führt.
Es geht bei dieser Übung noch nicht um Charaktere, sondern um das radikale Ausloten von Bewegungsqualitäten.

Übung Vortrag mit führendem Körperteil

Kleine Lockerung.
Wähle einen Körperteil, der führt, und mime eine kurze Handlung. Achte dabei auf deinen Atem.
Dem Atem folgt die Stimme.
Halte einen physisch lebendigen Vortrag über ein beliebiges Thema.
Der Körper folgt dem Körperteil. Der Atem folgt dem Körper. Stimme und Geisteshaltung folgen dem Atem. Der Inhalt folgt der Geisteshaltung, wenn wir sie verstärken.

Wie können wir das nun auf der Bühne praktisch einsetzen? Zunächst ist es eigentlich immer ein guter Impuls, körperlich zu beginnen. Ganz besonders aber ist das angeraten, wenn man merkt, dass man zu verkopft wird, wenn man anfängt, in Kategorien von Richtig/Falsch oder Gut/Schlecht zu denken.

In einer improvisierten Szene, in der Gina die Bühne mit großen ruhigen Bewegungen ausfüllte, betrat Heike das Bild als kleine, herumfingerndes Mädchen, das die ältere Schwester nervt. Die Szene war komisch, und beide Spielerinnen hatten großen Spaß dabei.
Heike sagte später: „Nachdem ich mich beim Nachdenken über einen möglichen Character ertappt hatte, verließ ich mich auf meinen Körper und ging ins physisch geleitetes Gegenteil. Da mir Ginas Figur Oberarm-gesteuert erschien, folgte ich einfach dem Impuls ,Zeigefinger‘“.

Man sei im Übrigen nicht wählerisch, was den Körperteil angeht. Nimm einfach irgendeinen. Entscheidend ist, dass du mit ihm spielst, dich von ihm überraschen lässt und ihm einen Großteil der Kontrolle der Szene überlässt.

 

Parallele Szenen statt Freeze Tags als Warm Up

Im Laufe der Jahre hat meine Begeisterung für Freeze Tags immer mehr nachgelassen. Meine beiden Hauptgründe habe ich hier bereits mehrfach genannt: 1. Wer “freezt”, also einfriert, beraubt sich der Körperlichkeit. 2. Es ist eigentlich ein Spiel, das den Flow stört und bereits vorhandene Ideen kaputtmacht. Die außenstehenden Spieler neigen dazu, nicht dem Geschehen zu folgen und stattdessen sich selbst etwas auszudenken. Dennoch habe ich es ab und zu als Warm-Up-Spiel in Workshops eingesetzt, einfach um rasch allen Spielern die Chance zu geben, ein paar kleine Szenen gespielt zu haben.
Vor knapp zwei Jahren habe ich nun völlig damit aufgehört. Stattdessen lasse ich die Spieler sich in Paaren an verschiedene Plätze des Raums stellen. Dann bekommen alle von mir dieselbe Vorgabe (meist einen Ort) und haben 45 Sekunden Zeit, die Szene zu spielen. Danach wechseln die Paare und es startet mit einer neuen Vorgabe eine neue Mini-Szene.
Nach einigen Szenen gebe ich zusätzlich zur inhaltlichen Vorgabe einen Fokus-Punkt, etwa “Achtet auf Status.” oder “Findet heraus, um wen es geht.” oder “Spielt die Szene ohne Sprache.”
Auf diese Weise wird die Warm-Up-Zeit deutlich effektiver genutzt und man hat mehr Gelegenheit zum Ausprobieren (und heiter scheitern).

Nach zwei Corona-Jahren

Ein letztes Keuchen quält sich aus der Lunge.
Dann, noch mit Argwohn, bin ich frei,
in neuem Optimismus etwas Zweifelei.
Doch geb ich hin mich meinem neuen Schwunge.

So wie des Frühlings Grüßen ich misstraue,
kann ich Coronas Ende nicht recht glauben.
Lass mich vom Schalk kein zweites Mal berauben.
Wer will schon weiter als zwei Wochen schauen?

Es löst sich noch ein Blatt von unsrer Linde.
Gehalten hat es bis zum Februar.
Die Schwerkraft, ist sie Segen oder Hohn?

Ob ich mich auch im freien Fall befinde?
Mit meinen Plänen schein ich wie ein Narr.
(Und alle Steuerung wie Illusion.)

20.2.22

Fürs Publikum oder für dich

Jerry Seinfeld über das Verhältnis Bühnenkünstler – Publikum:

“Wenn es dir gelingt, 5.000 Menschen zum Lachen zu bringen, dann merkst du, du hast etwas sehr Schönes gemacht. Und es stellt sich für dich heraus, dass du mehr gegeben hast als dass du etwas genommen hättest. Das ist eine gesunde Sichtweise. Und ich glaube, dass das essentiell ist, um in diesem Business lange zu überleben. Wenn du es für sie [die Zuschauer] machst, dann wird es dir gut gehen. Wenn du es für dich selbst machst, könnte es ab einem bestimmten Punkt problematisch werden, denn sie werden das durchschauen.”

ca. ab 3:28 Min.

Dein Üben

Leise übtest du Klavier
Das Stück hieß irgendwas mit „Regen“.
Ich schlich vorbei an deiner Tür
und wollt mich nicht bewegen.

Und wie die Finger die Tasten klopften
im völlig selbstvergessnen Spiel
(die Töne perlten wie kleine Tropfen),
der Regen dann tatsächlich fiel.

Svenja Flaßpöhler: “Sensibilität”

Eigentlich weiß ich nicht mehr genau, was mich bewog, Svenja Flasspöhlers Buch “Sensibel” zu kaufen. Vielleicht war es einfach das Gefühl, dass ich jetzt einfach mal eines ihrer Werke lesen musste, statt nur über sie zu lesen oder sie in Interviews zu hören.
Nachdem ich es bestellt hatte, sah ich schon, dass ihrem Werk ein gehöriger Wind entgegenblies. Ich erwartete eine Streitschrift. Stattdessen bekam ich eine kleine feine philosophische Analyse der Sensibilitäts-Debatten der heutigen Zeit.
Flasspöhler ordnet nicht nur den Begriff historisch ein, sondern zeigt auch, dass die Auseinandersetzung um “Sensibilität” gar nicht so neu ist. Sie zeigt sich nur im neuen Gewand. Wenn es um dieses Thema geht, kochen in der öffentlichen Debatte rasch die Emotionen hoch. Selbst kluge Leute scheuen dann nicht zurück vor Unterstellungen, persönlichen Angriffen, werden laut usw., was oft ein Zeichen für vollkommenes Unverständnis der anderen Seite ist. Mit anderen Worten: Die Analyse kommt zur rechten Zeit.
Wir haben es, kurz gesagt, mit zwei Seiten der erhöhten Sensibilität zu tun: Der aktiven und der passiven Seite, das heißt, wir sind empfindlicher für Zumutungen geworden, aber auch sensibler für das, was man anderen zumuten kann.
Flasspöhler zeigt im historischen Rückblick auf Hume, Rousseau und de Sade, dass Mitgefühl nicht genügt:

„Die reine Empfindung [ist] noch keine Moral… Nichts kann uns von der Notwendigkeit des Urteils und der damit einhergehenden Distanzierung entbinden.“

Verletzungen haben nun zwei Seiten: Sie können eine Person dauerhaft schädigen (“Trauma”) oder sie können sie stärken. In welche Richtung das Pendel ausschlägt, ist von der Intensität der Einwirkung, aber auch von der Persönlichkeitsstruktur, gelernten Coping-Mechanismen und der Art und Weise des Umgangs abhängig.

Flasspöhler erwähnt es nur en passant, aber es ist schon ein Unterschied, ob man z.B. meditatives Training, Psychoanalyse oder preußische Härte im Umgang mit Verletzungen einsetzt.

Ein gesellschaftliches Problem entsteht dann, wenn selbst die kleinste Irritation als Trauma bezeichnet wird – ein irritierendes Kunstwerk, der Sprachcode einer anderen sozialen Gruppe usw. und wenn dann die Folgerung besteht, die Gesellschaft müsste jede noch so kleine Irritation, die jedes Individuum empfinden könnte, verhüten. Dies führt zu einer endlosen Spirale des Unsagbaren (und ich würde sogar sagen zu einem magischen Verständnis von Sprache). Dann sind selbst zitierende Verwendungen von Schimpfwörtern tabu, dann werden jedem größeren Werk der Weltliteratur “Triggerwarnungen” vorangestellt, so als wüsste niemand, der einen Krimi aufschlägt, dass es hier um Verbrechen geht, dann wird letztlich jede Kontroverse (auch wissenschaftlicher und politischer Natur) unter Vorbehalt gestellt.
Andererseits stellt Flasspöhler klar, dass Hassrede durchaus in handfeste Gewalt umschlagen kann, wie die rechtsterroristischen Anschläge der letzten Jahre gezeigt haben.
Aber wo liegt die Grenze?
Welche Kraft hat also die Sprache und wie sensibel ist sie zu gebrauchen?

Man sieht schon: Jetzt kommt das "schlimme Thema" in Hochgeschwindigkeit auf uns zugerast, das Thema, zu dem jeder eine Meinung hat, und zwar eine klare. Und die andere Seite, das sind die Bösen.

Überraschenderweise argumentiert Flasspöhler nun nicht gegen Judith Butler, sondern nimmt sie für sich in Anspruch: Sprache kann nicht fixiert werden, sie ist performativ (so wie sich auch Geschlechter sozial performativ und fluid konstituieren). So wie in den 1970er und 80er Jahren eine performative Umdeutung des einst abwertenden Begriffs “schwul” gelang, könnte dies auch mit anderen Begriffen gelingen.

Man denke etwa an die "Slutwalks", bei denen gegen Vergewaltigungs-Kultur demonstriert wird, aber gleichzeitig auch wie nebenbei das Wort "slut" (Schlampe) performativ umgedeutet wird.

Butler beschreibt den Drag, die Travestie als Spiel, um den performativen Aspekt von „Geschlecht“ zu entlarven. Davon ausgehend fragt sich Flasspöhler, ob das generische Maskulinum nicht seine Freiheit daraus bezieht, dass es von geschlechtlichen Identifikationen absieht.

„Nicht das Geschlecht, sondern das Tun wäre der Kern der Bezeichnung. Unbestritten gehört es zu den Errungenschaften der Emanzipation, dass man Menschen nicht auf ihr Geschlecht reduziert, sondern für das anerkennt, was sie können und machen… Böte das generische Maskulinum dann nicht ein erstaunliches emanzipatorisches Potential – und zwar gerade durch seine umfassende Bezeichnungskraft, die nicht nur einzelne Gruppen meint, sondern alle?“

Im Weiteren fragt sich Flasspöhler, wie weit es Grenzen der Einfühlung gibt. (Man denke an die Forderungen, dass Schwarze Dichterinnen nur von Schwarzen Übersetzerinnen übersetzt werden sollten, dass Homosexuelle nur von homosexuellen Schauspielern dargestellt werden dürften usw. Die Begründung dafür lautet, dass jemand, der nicht dieselben Diskriminierungen erfahren habe, nicht wirklich nachvollziehen könne, was es wirklich bedeutet, in dieser Situation zu sein. Diese Position, die sich an nicht nur an Einzelbeispielen (wie Amanda Gormann) festmacht, sondern in Hollywood allmählich zur Hauspolitik wird, ist natürlich radikal (und wird auch letztlich nicht jenseits einiger symbolischer Akte durchzusetzen sein. Flasspöhler lässt hier den Juristen und Autor Bernhard Schlink zu Wort kommen:

„Das Schreiben über Menschen aus anderen Welten misslingt leicht. Aber es kann auch gelingen, es braucht dazu Wissen und Einfühlung. Warum es ein Verbot geben soll, kann ich nicht verstehen.“

Die konsequente Umsetzung hieße ja, die einzige legitime Literaturform wäre das Tagebuch. Und im Film könnte man nur noch sich selbst spielen. Ja, letztlich nicht einmal das. Denn wer garantiert, dass du dich in dein früheres Ich auch wirklich hineinversetzen kannst?

Wie aber soll die Sensibilität sich angemessen im Miteinander ausdrücken? Wir versuchen zwar, die Ambivalenzen zu überwinden, etwa indem strafrechtlich festgelegt wird, dass im sexuellen Verhalten ein “Nein” auch wirklich ein Nein bedeutet. Damit wird aber lediglich das Problem verschoben. Denn es gibt ja verschiedene Neins – das kategorische Nein, das flirtende Nein, das Nein, das sich vielleicht in ein Ja ändern könnte, das Nein, das sich auf die Tageszeit, nicht aber auf die prinzipielle Beziehung bezieht usw, usf.

Hier könnte die Rechtsprechung noch interessante Überraschungen parat halten.

Flasspöhler diagnostiziert:

„Worum es im Kern geht, ist die Eliminierung verunsichernder Ambivalenz.“

Mit Helmuth Plessner fordert Flasspöhler

“Takt – das Erfassen von Nähe- und Distanzbedürfnissen”.

Wobei man auch hier die Frage stellen kann, wie das gelingen kann, wenn es schon allein in Deutschland Dutzende Formen der Begrüßung gibt: Handschlag, Küsschen auf die Wange, Faustschlag, kurzes Winken, Küsschen auf den Mund, verbale Unterformen, feste Umarmung, lockere Umarmung usw. usf.

Abschließend Flasspöhler:

“Wann muss die Gesellschaft sich ändern, weil ihre Strukturen schlicht ungerecht sind – und wann muss das Individuum an sich arbeiten, weil es die Chancen, die es doch eigentlich hätte, nicht nutzt. Brauchen wir gesetzlich verankerte Frauenquoten oder geht es eher darum, Frauen zu ermutigen und zu ermächtigen, ihre Wünsche zu verwirklichen, und zwar auch gegen Druck und Widerstände?“
„Nicht jede Ungleichheit ist ungerecht und privilegienbehaftet. Es gibt Ungleichheiten, die aus eigener Anstrengung – respektive deren Unterlassung – resultieren.“

Ferienlager-Käufe – 511. – 515. Nacht

Was wir von den 10 Mark im Ferienlager kauften

Als Kind hatte man im DDR-Ferienlager 10 Mark dabeizuhaben. Nicht mehr, nicht weniger. Das galt von 7 bis 13 Jahre. Manchmal hatte sich einer noch heimlich 5 Mark vom Gesparten mitgenommen oder die Oma hatte noch einen Zehner draufgelegt. Aber diese Kinder gehörten zu den Exoten und pflegten ihr Extrageld rasch zu verlieren oder auszugeben.
Die Frage war natürlich: Was sollte man sich kaufen? Manche gaben schon am ersten Tag am Kiosk fast all ihr Geld aus. Der Ruhm des Vielbesitzenden umwehte sie für nicht mal eine halbe Woche, dann gehörten sie zur Bettler-Kaste. Ich war einer von denen, die den Ehrgeiz hatten, nach zwei Wochen mit möglichst viel Geld wieder nach Hause zu fahren. Aber bald fand ich heraus, dass Ferienlager ohne jeglichen Hedonismus im Grunde nichts wert war.
Hier die Top Ten der Dinge, die ich im Ferienlager kaufte.

10. Zahnputzbecher

Wenn man den Zahnputzbecher vergessen hatte, bemerkte man das schon am ersten Abend, und beim nächsten Frühstück gab es eine lange Schlange der Bummelbecherkinder. Dass man sich den Mund auch einfach ohne Zahnputzbecher ausspülen könnte, war für mich damals eine Idee aus dem Bereich der Fantasy.

9. Zahnpasta

Eng mit dem Zahnputzbecher verwandt war die Zahnpasta. Aber man kaufte Zahnpasta nicht etwa, weil man sie vergessen hatte, sondern weil irgendjemand Zahnpasta dabei hatte, die hundert Mal besser war als die eigene, was in meinem Falle immer Silca war. Wäre nicht das Ferienlager gewesen, hätte ich nie von Ajona erfahren, von der man nur eine linsengroße Menge benötigte. Oder von Rot-Weiß, der Zahnpasta, die extra damit warb, nicht zu schäumen. Oder Chlorodont, die eigentlich ziemlich furchtbar schmeckte, aber dermaßen billig war, dass es völlig irre erschien, sie nicht zu kaufen. Die Freude meiner Eltern über die angefangene Tube hielt sich erstaunlicherweise in Grenzen.

8. Creck

Meiner Sparneigung kam außerdem die ebenfalls im Ferienlager entdeckte Creck, einer Schokoladen-Ersatztafel, die aus einer Mischung Hartfett, Zucker und gemahlenem Knäckebrot bestand. Der Kakao-Anteil lag bei zirka 3 Prozent. Entsprechend schmeckte sie auch. Es half, wenn man möglichst viel davon auf einmal aß, das Ganze möglichst schnell verdrückte und sich dabei über die Sammelbilder freute, die es – hallo Sparfuchs! – gratis auf der Innenseite der Packung gab. Jedes Mal im Sommer begann ich, Creckbilder zu sammeln. Nach zwei Bildern hörte ich immer auf, der Ekel war doch zu groß.

7. Taschenlampe

Wer ins Ferienlager fuhr, brauchte natürlich eine Taschenlampe. Diese dem Kind mitzugeben, wurde den Eltern eingeschärft. Wie sonst hätte man nachts den Weg zum Klo finden sollen? Oder den Weg zum Mädchen-Bungalow? Wie sonst hätte man nachts noch lesen können? Oder Schattenspiele an der Bungalow-Decke veranstalten? Wie sonst hätte man bei der Nachtwanderung den Weg zur alten Bunkerruine finden können? Wie sonst hätte man Monster spielen können, wenn man sich nicht die Lampe in den Mund gesteckt hätte? Nun war es aber so, dass manche eine Stabtaschenlampe besaßen, mit der man ungelogen bei der Nachtwanderung bis zum Mond hochleuchten konnte. Mit anderen Worten: Über 300.000 Kilometer weit. Meine leuchtete nicht einmal über vier Meter. Das Problem war natürlich, dass man so ein Riesenteil nicht in die Hosentasche stecken konnte. Außerdem waren eigentlich Signaltaschenlampen, bei denen man die Farben verstellen konnte, deutlich cooler. Nur dass wir damals nicht „cool“ sagten, sondern „lässig“, was im Grunde dasselbe bedeutete.

6. Batterien

Die Taschenlampen-Manie führte schließlich dazu, dass man andauernd Batterie-Nachschub benötigte. Besonders beliebt waren die Flachbatterien, an deren Kontakten man lutschen konnte, um zu prüfen, ob sie noch gut waren. Manche behaupteten sogar, von ihren größeren Brüdern gelernt zu haben, dass man auf diese Weise die eigene Energiezufuhr erhöhen könnte. Ich konnte das nicht prüfen, ich hatte ja keinen großen Bruder. Ich war selber einer.

5. Cola

Dass es in der DDR überall immer nur dieselben Dinge zu kaufen gab, ist ein Märchen. Das mussten wir auf die harte Tour erfahren, wenn wir außerhalb Berlins Cola kauften. Während die Berliner Club-Cola ganz passabel schmeckte waren die Provinzsorten, die auch immer in braunen Flaschen verkauft wurden, eine Zumutung. Hier also innerhalb meiner Top Ten eine Unterliste der Bottom 25 der DDR Colas
• Asco-Cola (u. a. VEB Brauhaus Saalfeld; VEB Getränke Zerbst)
• Bongo-Cola (Jos.Gastrich, Bernburg)
• Cherry-Cola (u. a. VEB Margon Dresden; VEB Getränkekombinat Neubrandenburg; VEB Fruchtlimonaden Cainsdorf)
• Chico (VEB Getränkekombinat Karl-Marx-Stadt)
• Co-Bra (VEB Vereinigte Getränkebetriebe Cottbus)
• Cola-Hit, koffeinfreie Cola (u. a. VEB Stadtbrauerei Forst)
• Colette Cola, (u. a. VEB Harzer Brunnen Wernigerode; VEB Brau- und Malz-Union Hadmersleben; VEB Getränkekombinat Schwerin)
• Diabeli Cola, Kola-Getränk für Diabetiker, (VEB Getränkekombinat Neubrandenburg)
• Disco-Cola, (u. a. VEB Brau- und Malz-Union Hadmersleben)


• Efro Kristall (u. a. VEB (K) Rosenbrauerei Pößneck; Kastner KG Berlin-Köpenick)
• Gold-Cola, (u. a. VEB Brauhaus Halle; VEB Rose-Brauerei Grabow; VEB Berliner Brauereien; VEB Getränkekombinat Leipzig)
• Inter-Cola (u. a. VEB Getränkekombinat Hanseat Greifswald; Brauerei H.Schönfeld Potsdam)
• Margon Cola (VEB Margon Burkhardswalde)
• Marika (Fasscola)
• Markola (Stadtbrauerei Markneukirchen)
• Pola Cola (Konrad Pohlmann, Mineralwasserfabrik Coswig-Anh.)
• Prick-Cola (u. a. VEB Altenburger Brauerei)
• Quick-Cola (u. a. Brauerei Ernst Bauer Leipzig; VEB Ostthüringer Brauereien Pössneck; Johannes Köhler KG Eilenburg)
• Quiss Cola (Johannes Köhler KG Eilenburg)
• Sport-Cola
• Stern-Cola (VEB Getränkebetrieb Stadtroda, VEB Brauerei Neunspringe Worbis)
• Vita Cola (u. a. VEB Turmbräu Leipzig; Konsum-Brauerei Weimar-Ehringsdorf; VEB Greifswalder Brauerei; EB Klosterbrauerei Bad Salzungen; VEB Berliner Brauereien)
• Trako Kristall, (Brauhaus Markranstadt)
• Tropen-Cola (u. a. VEB Vereinsbrauerei Greiz; VEB Brauerei Colditz, Brauerei F. A. Ulrich Leipzig)
• Win-Cola (Bergquell-Brauerei KG Löbau)

4. Skatkarten

Absolut unverzichtbar waren Skatkarten. Man brauchte sie für den All Time Favorite Mau-Mau, für Schummellieschen, für den Verarschungs-Gag 32-Heb-auf, den man mit den Neuen machen konnte, in den späteren Jahren für Skat, für Kartentricks, Krieg/Frieden, wenn man mit jemandem spielte, der sonst nichts konnte. Da man immer ein Skat-Kartenspiel dabei hatte, hätte man sich auch kein neues kaufen müssen, wäre da nicht Knipper gewesen, auch Fingerkloppe oder Folter-Mau-Mau genannt, an dessen Ende man dem Verlierer mit dem Kartenstapel auf die Fingerknöchel schlagen durfte, bzw. wenn die verschärfte Variante „mit Treppe“ gespielt wurde, wurde dem Verlierer mit dem angeschrägten Kartenstapel die Haut von den Knöcheln regelrecht heruntergefräst. Knipperspieler erkannte man folglich an den Pflastern, die sie während der Ferienlagerzeit auf den Händen trugen. Da aber bei diesem Spiel auch die Karten in Mitleidenschaft gezogen wurden – entweder weil sie während der Folter geknickt waren oder durch die Blutschlieren unbrauchbar gemacht worden waren, musste nachgekauft werden. Notfalls legten die Folterer zusammen.

3. Richtige Schokolade

Wenn der Ekel vor der Creck-Tafel überhandnahm, blieb einem nichts anderes übrig, als das schöne Geld für richtige Schokolade auszugeben. Schokolade, die teuer war. Schokolade, die man sich zuhause nicht kaufen würde. Mit Pfefferminzfüllung, mit Fruchtfüllung, mit Kokosfüllung, mit Knäckebrotfüllung. Die Riegel wurden eingeteilt, so dass drei Stückchen pro Tag blieben.

2. Pfeffi-Stangen

Natürlich blieb es nicht bei drei Stückchen pro Tag. Und dann war es so weit. Noch fünf Tage bis zur Abreise, und man hatte nur noch 90 Pfennig, was nicht mal für Creck reichte. Und so wich man auf Pfeffi-Stangen aus. 10 Stück für 10 Pfennig. Glück konnte so billig sein.

1. Fahrtenmesser

Aber irgendwann kam der Tag, an dem sich jeder Junge entscheiden musste: Bleibe ich ein kleines Kind oder investiere ich sieben Mark in ein Fahrtenmesser. Mit Blutrinne. Diese Messer waren meistens. Sie ließen sich nicht mal richtig zum Schnitzen benutzen. Aber für Gruppenrituale benutzen. Einmal, als wir mit einem Hungerstreik gegen die Entlassung unseres alkoholsüchtigen Gruppenleiters protestieren wollten beschlossen wir, diesen Streik mit einem Schwur zu besiegeln, indem wir unsere Fahrtenmesser gemeinsam in den See werfen würden. Erst im letzten Moment schlug Dirk vor, wir könnten die Messer ja auch in die Weide stechen. Warum waren wir nicht schon früher darauf gekommen? Im Nachhinein hätte es nichts geschadet, die Messer in den See zu werfen, diese stumpfen Mistteile. Ich war der Einzige, der den Hungerstreik wenigstens bis zum Abend durchhielt. Aber eine Blutrinne würde nie wieder eines meiner Messer haben.

*

511. Nacht

Nach einem Jahr kommt tatsächlich der Vogelzug wieder daher. Doch muss sich Dschanschâh noch weitere drei Tage im Pavillon verstecken, bis die drei Riesenvögel aufkreuzen, ihre Gefieder ablegen und als nackte Mädchen im Teich baden.

Wie sie aber im Wasser schwammen und zur Mitte des Teiches gelangten, sprang er auf, eilte wie der blendende Blitz dahin und ergriff das Gewand der jüngsten Maid, der, an die er sein Herz gehängt hatte und die Schamsa [Sonne] hieß.

Sie bittet ihn um ihr Kleid, um herauskommen zu dürfen. Er gesteht ihr lediglich zu, dass eine der Schwestern ihr etwas von ihren Federn abgeben darf, um die Blöße zu bedecken.

Nun kam sie daher, als wäre sie der aufgehende Vollmond, der helle, oder eine äsende Gazelle.

Und er berichtet wieder einmal seine Erlebnisse.

512. Nacht

Der Herr der Vögel, Scheich Nasr, nimmt der jungen Frau das Versprechen ab, Dschanschâh nie untreu zu werden. So bleiben sie noch drei Monate;

und sie aßen und tranken, spielten und scherzten.

513. Nacht

Nach dieser Zeit willigt sie ein, mit Dschanschâh in dessen Heimat Kabul zu ziehen und sich dort mit ihm zu vermählen.
Der Tag der Abreise kommt, Schamsa erhält ihr Federkleid zurück und Dschanschâh steigt auf ihren Rücken und sie trägt ihn drei Tage lang. Sie schwebt herab

auf ein weites Wiesenland in der Blumen Prachtgewand, mit äsenden Gazellen und sprudelnden Quellen, woe Bäume voll reifer Früchte standen und breite Bäche sich wanden.

Sie erklärt ihm:

“Wir haben eine Strecke von dreißig Monaten zurückgelegt.”

Sie rasten auf der “Wiese Karâni”.

Wo das sein soll, konnte ich nicht herausfinden.

Da begegnen ihnen zwei Mamluken. Einer von ihnen ist der, der im Fischerboot geblieben war. Man einigt sich darauf, dass sie Dschanschâhs Vater die Nachricht seiner baldigen Ankunft geben sollen, damit man ihn nach einer angemessenen Pause zum Prunkzug abholen möge.

514. Nacht

Als die Mamluken dem König die Botschaft der Ankunft seines Sohnes überbringen, fällt dieser in Ohnmacht, und verspricht ihnen, als er aufwacht eine Summe Geldes:

“Nehmt diesen Lohn für die frohe Botschaft, die ihr gebracht habt, mag sie nun falsch oder wahr sein!”

Eine bemerkenswerte Geste für den König eines Großreichs.

Er reitet dem Sohn mit großem Gefolge entgegen zum Fluss.

Dort saßen die Krieger und die Mannen ab, schlugen die Zelte und Prunkzelte auf und errichteten die Standarten; und die Trommeln wirbelten, die Flöten erklangen, die Pauken dröhnten und die Hörner schmetterten. Nun befahl König Tighmûs den Zeltaufschlägern, ein Zelt aus roter Seide zu bringen und es für die Herrin Schamsa herzurichten.

Der Beruf des Zeltaufschlägers dürfte inzwischen auch ausgestorben sein.

Sie legt ihr Federkleid ab und es kommt zur großen Vereinigung von Vater, Sohn und Schwiegertochter. Dschanschâh muss abermals seine Geschichte erzählen.

Unbeendet 2021

Im Jahr 2021 schien mir meine Ausbeute an beendeten Büchern recht gering. Nun sehe ich aber auch, dass sich in meinem Lektürestapel doch einige Werke fanden, die ich gar nicht beendet habe – 1) weil ich sie schon nach einigen Seiten aufgab, 2) weil ich von ihnen immer nur kleine Häppchen nehme oder 3) weil ich sie erst gegen Ende des Jahres angefangen habe und 2022 beenden möchte.
Zur ersten Kategorie gehören:
Dirk Stermann: „Hammer“. Ich mag Stermann sehr, und das Thema – die Entstehung der Orientalistik im Wien des frühen 19. Jahrhunderts – sprach mich sehr an. Aber irgendwann musste ich das Buch weglegen. Mir scheint, Stermann hat sich von seiner Bildungsbeflissenheit forttragen lassen. Seitenweise ausgestorbene Berufe, wie als wolle er zeigen, was er gelernt hat. Dazu aufdringliches Namedropping. Das alles wirkte mir dann doch zu angestrengt.
Pissarro: „Briefe“. Die Briefe meines Lieblingsmalers. Gewiss interessant, aber zu viele private und maltechnische Details, mit denen ich dann doch nichts anfangen kann.
Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“. Startete mir zu heftig. Lektüre auf später verschoben.
Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“. Ich mochte ihr Debüt und war auf ihr zwanzig Jahre später erschienenes Folgewerk neugierig. Doch der Erzählansatz erschien mir auf Dauer doch zu anstrengend und gespreizt.
Omar Khayyam: „Vierzeiler“. Ich tippe auf schlechte Übersetzung.
Thomas Mann: „Buddenbrooks“. Drin geblättert, um zu testen, ob eine Neulektüre sich lohne. Ergebnis: Bestimmt. Aber nicht heute.

Zu zweiten Kategorie:
Schalamow: „Durch den Schnee“. Gulag-Prosa. Nach zwanzig Minuten Lektüre jedes Mal völlig geschafft und das Buch wieder für ein paar Wochen beiseitegelegt.
Stephen Kotkin: „Magnetic Mountain. Stalinism As a Civilisation”. Dito.
Maupassant: „Novellen II“. Ab und zu eine Novelle zwischendurch genügt.
Nikolai Demidov: „Becoming an Actor Creator“. Gigantisches Werk des Stanislawski-Schülers. Ein enormer Klopper. Die 814 Seiten wären im Normaldruck wahrscheinlich 3.000. Ja, er hat Wichtiges zu sagen, aber die Rosinen muss man sich aus diesem schwer zu durchsuchenden Buch mühsam herauspicken. Zu viel Geschwätz über die Personen seiner Zeit, zu viel Gejammer über schlechte Kunst.

Dritte Kategorie:
Die Erzählungen aus den Eintausendundein Nächten. Band 4
Liu Cixin: „The Three Body Problem“
(Beide im Dezember 2021 angefangen)