394. Nacht – Meine Besserwissereien

Ich war ein Besser-Ossi
oder Onkel Hain kommt

Ob meine Besserwisserei angeboren oder anerzogen ist, weiß ich nicht. Nature or Nurture – die alte Frage. Da ich meine Eltern schon als kleines Kind damit nervte, sie in kleinen Dingen des alltäglichen Lebens zu korrigieren, muss es wohl in den Genen liegen oder vielleicht an einer Mutation der Muttermilch. Die moralphilosophische Fachwelt streitet ja darüber, ob Besserwisserei der Todsünde des Hochmut zuzurechnen sei. Dagegen spräche, dass es einem ja nur um die Sache geht: Den Fortschritt, die Wahrheit. Man möchte seine Menschen nicht in der Düsternis der Dummheit zurücklassen. So gesehen ist jedes Lehrbuch, überhaupt jedes wissenschaftliche Werk eine besserwisserische Anmaßung. Andererseits bohrt der Besserwissende in der Wunde des Schlechterwissenden. Er nervt den Nichtwissenwollenden, vor allem aber verbessert der Besserwissen in Situationen, die kein Belehren verlangen. Dies zu erkennen ist aber für den Besserwisser fast unmöglich, da es für ihn nichts Dringenderes gibt als die Richtigstellung eines Irrtums, und sei es die Korrektur eines Kommafehlers. Es kostete mich große Mühe zu lernen, mir wenigstens in zwischenmenschlichen Schlüsselsituationen auf die Zunge zu beißen. Vielleicht erkannte ich es mit Anfang 20, als mir meine Freundin beim schönsten Vorspiel zuflüsterte: "Du brauchst heute kein Kondom überziehen."
"Überzuziehen!"
"Was?"
"Es heißt, ‚Du brauchst heute kein Kondom überzuziehen.‘ Wer brauchen ohne zu gebraucht, ist nicht zu gebrauchen."
Ja, ja. Für diese Freundin war ich auch bald nicht mehr zu gebrauchen.
Aber zu lernen, die Angemessenheit der Belehr-Situation zu berücksichtigen, war für mich ein langer dornenreicher Weg – die Dornen dieses Wegs waren meine Besserwis-sereien und die Verletzungen zogen nicht nur die von mir Belehrten sich zu, sondern letztlich immer ich.
Meine ersten Opfer waren meine Kindergarten-Freunde, die ich mit frisch zusammengelesenem unnützem Wissen beballerte: "Welcher Frühblüher bekommt die Blüten vor den Blättern?" Nicht nur kannte die richtige Antwort "Der echte Seidelbast" natürlich niemand, die meisten wussten nicht einmal, was Frühblüher sind, und eine erstaunlich große Minderheit kannte nicht einmal den Unterschied zwischen Blüten und Blättern. Gut waren natürlich auch Fragen, die ich zwar nicht verstand, aber deren Antwort ich wusste: "Was ist die Muttersubstanz von Radium?"
So lernte ich mit fünf Jahren, dass es nicht viel bringt, sich schlauer zu fühlen, wenn die Konsequenz kommunikative Ausgrenzung lautet. Meine nächsten Opfer waren die Lehrer, und das zwölf Jahre lang. Ich wusste nicht alles besser, aber vieles. Talentierte Lehrer nutzten meine Fragen, um den Unterricht zu dynamisieren, während die weniger talentierten jedes Mal verunsichert waren, ob ihr am besten mitarbeitende Schüler, wenn er sich meldete, eine gute Antwort oder eine provokante Frage parat hielt.
Auch in schriftlichen Arbeiten testete ich regelmäßig die Lehrergrenzen aus. Diktat gegen Ende der ersten Klasse: "Onkel Hein kommt" lautete die Überschrift. Ich war in jener Zeit fasziniert von Zwielauten und Umlauten jeglicher Art. Onkel Hein kommt? Soso, das würde mir Frau H. bei der Korrektur nachweisen müssen, dass sie "Hein" so ausgesprochen hatte, dass man ihn nicht mit "ai" schreiben könnte. Andererseits wäre "Heyn" auch nicht schlecht, vielleicht sogar noch provokanter? Ich beließ es bei Hain. Frau H. lobte mich später sogar – ein Bärendienst an der Bildung meines Charakters, in dem es sich der Dünkel bereits gemütlich gemacht hatte. Dieselbe Frau H. ging ebenso ruhig darüber hinweg, dass ich in Mathearbeiten die Variablen nicht x oder y nannte, so wie es andere Kinder taten, sondern diese ausnahmslos mit den Umlauten ä, ö und ü, sowie gelegentlich auch mit ß bezeichnete.
Weniger starknervig war Frau H.s Nachfolgerin, Frau B., die in der sechsten Klasse, es ging im Geographie-Unterricht gerade um Industrie-Gebiete in Polen, mehrere Korrekturvorschläge zur Unterstreich-Form von Überschriften und Zwischenüberschriften ertragen musste. Ihre Stimme tremolierte bereits, als sie meinen unerbetenen Vortrag zum Thema "Zahlen als Unterpunkte. Warum man nicht 2.), sondern entweder 2. oder 2) schreibt" unterbrach, um zum öden Industriethema und der Werft- und Hafenstadt Gdansk zurückzukehren. Ich blätterte in meinem Buch, während B. an der Tafel säuselte und das auf ihrer A5-Karteikarte vorgemalte Tafelbild abmalte. Die Klasse schläferte träumerisch so vor sich hin. Eine kleine Zwischenfrage zum Aufmuntern: "Für den Export welcher Rohstoffe braucht denn Polen den Hafen?" Niemand meldete sich, ich schaute zum Tafelbild. Dort stand Gdanst! Mit T! Für alle sichtbar. Sollte ich wieder mal schlauer sein als die Lehrerin? Dies zu demonstrieren, durfte ich mir nicht entgehen lassen. Ich meldete mich. Frau B. musterte mich scharf: Würde ich wieder provozieren? Ich fühlte mich unschuldig und im Recht, und so muss mein Blick völlig unschuldig gewirkt haben, als ich, nachdem Frau B. mir zunickte: "Ja, Dan?" die Antwort gab: "Gdansk wird aber mit K geschrieben." Nie wieder habe ich B. dermaßen ausflippen sehen: "Das ist ein K. Ein K!!" Sie übermalte das T zum K und echauffierte sich über die gesamte Klasse. Warum habe man ihr, der jungen Absolventin in dieser Schule die trägste Klasse von allen gegeben, in der der Einzige, der überhaupt Energie genug habe, um den Arm zu heben, sich mit der Korrektur unwichtiger Nebensächlichkeiten beschäftige. Auf den Hinweis, dass Orthographie keine unwichtige Nebensächlichkeit sei, holte sie mich als Strafe zur mündlichen Leistungskontrolle an die Tafel. Mit dem aktuellen Stoff – "Industrie in den RGW-Staaten" – konnte sie mich nicht drankriegen, und so stocherte sie in vergangenen Themen herum: Faltengebirge, Glaziale Serie, Oberrheingraben. Die Pausenklingel dröhnte. B. suchte weiter nach Schwachstellen. Fünf Minuten später gab sie auf: "Pause!", und gab mir verdrossen die Eins. Es fühlte sich gut an, Recht behalten zu haben, aber mir war klar: Man hatte mich auf dem Kieker. Die ganze Schulzeit über. An der Uni war ich schon vorsichtiger. Aber trotzdem hielt meine Besserwisserei an: Meine Beziehungen litten darunter. Und sicherlich auch meine Gesundheit. Denn noch kannte ich nicht die Regel, dass die Gastronomie zu den Bereichen zählt, in denen Kritik sich leicht als Bumerang erweist. Den Kellnern ist es wohl einigermaßen egal, ob sie einen Teller ein oder dreimal durchs Lokal tragen müssen. Köche aber reagieren wie beleidigte Pianisten, wenn man ihre Kunst infrage stellt. Bemerkungen wie "Die Bechamelsoße am Spargel ist viel zu dick." oder "Rosmarin passt aber nicht an Geflügel" bringen Köche auf die Palme. Und erst spät erfuhr ich, dass sich diese Küchen-Lamas rächen, indem sie einem die Soße des neuservierten Essens ordentlich mit Eigen-Aule einspeicheln. Auch ein Cartoon des Derbzeichners Werner Brösel bindet meine Zunge wenn’s ans Kritisieren von Restaurant-Gerichten geht: Wir sehen einen Schiffskoch, der freudig sein entblößtes Glied über eine Pfanne hält und darunter den Zweizeiler: "Der Koch in der Kombüse/verfeinert das Gemüse."
Ich habe gelernt, und habe gelernt zu schweigen, wenn ich falsch bedruckte Speisekarten oder orthographisch verhunzte Ladenschilder sehe. Ich zügle mein Maul, wenn Freunde ihr Geld für schützende Kristalle, "belebtes Wasser" und ähnlich geldschneiderischen Schrott ausgeben. Ich achte auf den passenden Ort und die passende Zeit, um auf die Lügen der Homöopathie aufmerksam zu machen. 381 Millionen Euro pro Jahr in Deutschland für Globuli aufgrund einer Hokuspokus-These, für deren Beweis jedem der Physik-Nobelpreis zuerkannt würde, deren Belege allesamt subjektiver Natur sind und deren Effekt genauso durch Wasserschlucken reproduzierbar wären. (Ich kann mich schon wieder nicht halten…)
Aber es gibt eine schöne Spielwiese für Leute wie mich: Immer wieder bestaunen Feuilletonisten die Arbeit und den Antrieb der Wikipedianer. Wie kann eine selbstorganisierte Enzyklopädie funktionieren? Wo nehmen die Macher die Zeit und den Ehrgeiz her? Hier ist die Lösung: Besserwisserei. Ich kann keinen Wikipedia-Artikel lesen, ohne Kommafehler zu korrigieren. Bei Behauptungen, die mir unwahrscheinlich erscheinen, schlage ich mir Stunden um die Ohren, um sie zu veri- oder falsifizieren, selbst wenn mich das Thema an sich nur peripher interessiert. So wurde im deutschen Artikel zum Italo-Amerikanischen Schlagersänger Al Martino behauptet, er sei in den 60ern nach England geflohen, weil er von einem Mafioso namens Luca Brasi verfolgt worden sei. Luca Brasi ist aber der Name eines Knochenbrechers im 70er-Jahre Film "Der Pate", bei dem Al Martino eine Nebenrolle hatte. Hier schien mir etwas durcheinandergebracht worden zu sein. Mehrere Tage verbrachte ich mit der Recherche, bis ich auf ein Zitat in der Augsburger Allgemeinen stieß, das einen amerikanischen Zeitschriften-Artikel falsch übersetzt hatte, der wiederum sehr frei mit der Vita Al Martinos spielte. Ich strich in der Wikipedia einen Halbsatz und mich durchfuhr ein mentaler Orgasmus. Vor einem halben Jahr bin ich wegen meines Fleißes in der deutschen Wikipedia zum Sichter befördert worden. Wiki-Sichter! Seidelbast! Gdansk! Rosmarin! Bechamel! Brauchen nur mit zu! Globuli. Und Onkel Hain! Onkel Hain kommt!

***

Der Mann berichtet den zusammengerufenen Leuten, was geschehen war, woraufhin die Frau den lebenden Fisch präsentiert, der ihn Lügen straft.

Dann erklärten sie ihn für irrsinnig und sperrten ihn ein und lachten ihn obendrein aus. Er aber begann in Tränen auszubrechen und hub an, diese beiden Verse zu sprechen:

Die Alte hat im Schlechten schon hohen Rang erklommen.
Und Zeugen der Gemeinheit stehen in ihrem Gesicht.
Wenn unrein, kuppelt sie; wenn rein, bricht sie die Ehe;
Sie lebt, indem sie kuppelt und auch die Ehe bricht.

***

Die Geschichte von der Weiberlist

In Bagdad geht eine "Tochter der Fröhlichkeit" am Laden eines schönen Jünglings vorbei, über dessen Tür die Worte stehen:

"Es gibt keine List als die List der Männer; denn sie übertrifft die List der Frauen."

Dies reizt sie, ihm das Gegenteil zu beweisen. Am nächsten Tag kommt sie in seinen Laden, vorgeblich, um Stoff zu kaufen. Dann spricht sie zu ihm:

"Sieh doch mal, wie schön ich von Wuchs und Gestalt bin! Kannst du einen Fehl entdecken?" (…) "Nein, meine Herrin."

Daraufhin entblößt sie ihren Busen und ihre Arme.

"Was veranlasst dich, meine Herrin, mir diese schönen Glieder und diese liebliche Gestalt zu zeigen? (…)

Die weiße Wange wird vom Haar umrahmt
Und ist verborgen in der schwarzen Pracht.
Die Wange gleicht dem hellen Tageslicht,
Das Haar ist gleichsam wie die finstre Nacht."

Daraufhin erzählt sie ihm, ihr Vater, der Großkadi verhöhne sie und sage ihr ständig, sie sei hässlicher als die Sklavinnen und bräuchte deshalb keine feinen Kleider. Sie nimmt Abschied von ihm, und

in seinem Herzen regte sich eine tausendfache Sehnsucht.

Er begibt sich zum Kadi und hält um die Hand dessen Tochter an.

"Herzlich willkommen", erwiderte der Kadi, "aber meine Tochter taugt nicht für deinesgleichen, mein Freund."

Doch der Jüngling beharrt darauf, und so wird noch vor Ort der Brautpreis ausgehandelt und die Eheurkunde aufgesetzt. Drei tage später findet die Hochzeit statt.

Als er aber den Schleier von ihrem Antlitz hob und das Kopftuch zurückschlug, da entdeckte er eine ekelhafte, hässliche Gestalt und ein mit allen Fehlern behaftetes Wesen. Und nun bereute er, als ihm die Reue nichts mehr nutzte. (…) Und er ruhte bei seiner Gattin wider Willen.

Ob der Vollzug nachgeprüft wurde? Oder sich der Kadi auf die Aussage seiner Tochter verließ?

Er wird nun von seinen Freunden verspottet. Und als er wieder in seinem Laden sitzt, kommt die junge Frau wieder und bietet ihm an, ihm zu helfen, sofern er die Inschrift über der Tür verändere. Dies tut er:

Es gibt keine List als die List der Frauen; denn ihre List ist die größte.

Sie rät ihm, Trommler und Tänzer zu bezahlen, damit sie ihn am nächsten Tag vorm Gerichtshof des Kadis bejubelten und ihm sagten: ‚Zum Segen, Vetter! Unsere Seele freut sich über das, was du getan hast.‘ Dann möge er ihnen Dirhems zuwerfen.

"Ja, der Rat ist gut", antwortete er.

Weiß er schon, worauf das hinausläuft? Ich hier noch nicht.

Er tut, wie ihm geheißen, und der Kadi wird erbleicht, da die Trommler behaupten, sie seien durch die Heirat als Vettern nun Verwandte des Kadis geworden.

"Weißt du nicht, hoher Herr, dass ich auch zu dieser Zunft gehöre?"

"Allah verhüte, dass dies Ding sich vollende! Wie sollte es erlaubt sein, dass die Tochter des Kadis der Gläubigen bei einem Mann e verbleibe, der zu den Tänzern gehört und niedriger Herkunft ist? Bei Allah, wenn du dich nicht im Augenblicke von ihr scheidest, so lasse ich dich peitschen und auf immer bis zu deinem Tode ins Gefängnis werfen. (…) Du bist ja unreiner als ein Hund oder ein Schwein." (…)
"Sei besonnen, o Gebieter! Denn Allah ist besonnen! Ich könnte mich von meiner Frau nicht scheiden, wenn du mir auch das Königreich Irak schenktest!"

Der Kadi behält seine Drohung bei, und der Jüngling spricht die Scheidung aus. Er kehrt zurück in den Laden und heiratet die listige Jungfrau.

 

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Die Geschichte von der frommen Israelitin und den beiden bösen Alten

Eine fromme Israelitin wird von zwei Alten bei der Waschung hinterm Gebethaus beobachtet und erpresst, sie möge ihnen zu Willen sein. Sie widersteht, und so veleumden die beiden Alten sie, sie hätte Ehebruch betrieben. Drei Tage steht sie am Pranger, dann soll sie gesteinigt werden. Aber der zwölfjährige Daniel, der spätere Prophet, verhört die beiden Alten getrennt, und sie machen widersprüchliche Angaben zum Tatort.

Da sendete Allah der Erhabene plötzlich einen rächenden Blitz vom Himmel und verbrannte die beiden Alten.

Warum tut er das erst, als deren Schuld durch Daniel bereits bewiesen ist?

Dies war das erste Wunder des Propheten Daniel – auf ihm ruhe Heil.

Diese Geschichte aus alttestamentarischer Zeit wirkt sonderbar deplatziert an dieser Stelle.

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Die Geschichte von Dscha’far dem Barmekiden und dem alten Beduinen

Harûn er-Raschîd geht mit Dscha’far, Abu Nuwâs und dem Tischgenossen Abu Jakûb aus. Da entdecken sie in der Steppe einen Alten.

393. Nacht – Das Bröckeln der Anti-Gentrifizierungsfront

Das Loch in der Anti-Gentrifizierungs-Front

Meine Nachbarschaft ist zugestopft mit Kaufhallen, Supermärkten und Discountern aller Art. Cafés und Restaurants eher weniger, aber Kaufhallen. Dafür hamse wieder Geld, die Treptower. In weniger als 5 Laufminuten erreiche ich:
– zwei Netto
– einen Kaisers
– ein real
– Rewe
– Aldi
– und (dafür braucht man dann schon sieben Minuten) die Biokette LPG
Schon irritierend, als vor wenigen Monaten direkt neben dem Netto auf dem ehemaligen Mauergrundstück die Bagger ankamen und schon bald ein Schild verhieß: „Hier entsteht ihr neuer Edeka!“ Die Graffitisierer sprachen mir aus dem Herzen, als sie dann an die neueröffnete Filiale sprühten: „Kita? Spielplatz? Park? Noch ein Supermarkt! Fuck the system!“
Wem wollten die denn die Kundschaft streitig machen? Mir war klar, ich würde den Edeka, auch wenn er nur bequeme 3 Minuten entfernt lag, boykottieren. Und ich war mir sicher, ich wäre nicht der Einzige. Die Graffiteure hatte ich auf meiner Seite. Am selben Tag hatten sie auch ein in der Karl-Kunger-Straße modernisiertes Haus markiert mit „Privat-Zoo für Reiche“. Ich muss zugeben, dass ich die Aufschrift im zweiten Moment schon nicht mehr verstand. Wenn dieses Haus ein Zoo für Reiche war, wer wurde denn darin gehalten? Die Reichen? Von wem? Von uns? Wer waren die Besucher des Zoos? Wir? Aber ins Haus kam man doch nicht rein. Die Anti-Gentrifizierungsfront hatte noch an der Durchdachtheit ihrer Slogans zu arbeiten.
Der Edeka hatte inzwischen zwei Monate geöffnet. Und ich widerstand der Versuchung nachzuschauen, wie es darinnen aussehen mochte. Ich wählte beim Einkaufen weiterhin zwischen dem billigen Ekel-Netto und den ökokorrekten LPGlern. Ich lege ja schon seit immer etwas mehr hin, um Biofutter zu bekommen, denke aber, dass das manchmal – etwa bei Schnipsgummis oder Bier auch ein wenig zweitrangig ist. Es gibt eben doch ein richtiges Leben im Falschen, hier irrte Adorno. Hunderprozentige Korrektheit gibt es nicht, jeder muss seinen eigenen Kompromiss finden. Und wenn ich Bananen vergessen habe, dann vermeide ich den Umweg zur LPG, und springe eben schnell zu Netto rein, wo man sensuell auf eine böse Probe gestellt wird. Es stinkt nach Verpackungen und Schweiß, der Laden beballert einen mit seiner stechenden Gelb-Orange-Kombi, die Mitarbeiter wurden offenbar aus der Dauerkundschaft gecastet, man bemüht sich um einen freundlichen Umgangston, kann aber die Gehetztheit und, wie mir scheinen will, eine Angst (wovor auch immer) nur schwer verbergen. Hinter der Kasse eine Abstellfläche von einem Achtelquadratmeter, auf die der Kassierer die Lebensmittel in einer Weise abstellt, als wolle er einem sagen: „Beeil dich gefälligst, du Flitzpiepe, und dann sieh zu, dass du hier wegkommst. Ich trete dann immer absichtlich auf meine innere Bremse, denn es gibt nur wenig Schlimmeres fürs innere Gleichgewicht als sich von anderen in Hektik treiben zu lassen. Und leise, während ich Tütchen für Tütchen, Fläschchen für Fläschchen in den Rucksack lege, summe ich leise in mich hinein: „Ich beeile mich nicht. Ich bin es nicht, der hier arbeiten muss.“
Nun begab es sich aber, dass ich dringend Granatapfelsaft benötigte. Fragt nicht warum! Die Zeit war knapp, der nächste Persian-Food-Shop weit und der zwischenmenschliche Druck enorm. Was sollten mir da ein Gelübde über einen Edeka-Boykott, das ich mir nur selber gegeben hatte, und das auch nicht mal bewusst, sondern eher als vage formulierte Idee? Ich versuchte den Gedanken „Ein Supermarkt ist doch wie der andere“ nicht zu denken. Edeka war der Letzte gewesen, der Überflüssigste. Wenn ich jetzt da reinspazierte, müsste es die absolute Ausnahme bleiben.
Bei der Gelegenheit könnte ich noch ein paar Pfandflaschen mitnehmen. Irgendwie hat sich in meinem Kopf der Glaube festgesetzt, dass man den Laden, in dem man die Pfandflaschen abgibt, schädigt. Vielleicht nicht finanziell, aber sie haben den ganzen Aufwand, den Kram hin und herzutransportieren, sich um die Abholung zu kümmern. Ich steckte sie in den Automaten im Vorraum: „Hier, friss! Nimm dies!“ sprach ich, während ich mich wunderte, dass es hier so gar nicht nach Flaschenannahme stank. Rechts neben dem Automaten ein Sammelbehälter für die Pfandbons, die als Spende für zwei soziale Kinderprojekte in unserer Nachbarschaft abgerechnet werden. „Ha! Ihr denkt wohl, auf diese Weise könnt ihr mich ködern!“ Links neben dem Automaten ein Waschbecken! Ich schaute mich um – ja, das war für die Kundschaft gedacht. Nein, auch damit kriegt ihr mich nicht, sagte ich mir, als ich durch die Automatiktür die Halle betrat. Die Halle mit ihren geräumigen Gängen, wo man sich nicht, wenn einem einer mit Einkaufswagen entgegenkommt, zurückweichen oder einen Crash riskieren muss. Die Halle, in der Angestellte ohne zu hetzen mit Augenmaß die Waren einsortierten. Die Halle, in der es eine Ruheecke für Rentner gab und zwei Spielecken für Kinder, und zwar ohne den phantasielosen Plastikdreck, mit dem sonst Kinderecken hingerotzt werden. Zwei Kassiererinnen, auf dem Weg zu ihren Boxen, scherzten leicht miteinander. Jeder hier lächelte. Aber es war nicht das Lächeln, das man etwa von Stewardessen kennt, bei denen man immer vermutet, dass sie am Abend die Klammern hinter den Ohren entfernen müssen, um ihr Gesicht wieder zu entspannen. Es war auch nicht dieses auf Kundenfreundlichkeit getrimmte Diskantgeschnatze aus dem Subways am S Bahnhof Schönhauser Allee, wo einem alle Verkäufer – ob Mann oder Frau – die Ohren vollkeifen: „Soll’s getoastet sein?“ Nicht wie in den Pseudo-Edel-Restaurants in Brandenburg, wo die Kellner in kaum verkautem Berlinerisch andauernd fragen: „Solls noch was sein der Heer?“ Und auch nicht wie die wirklich freundlichen Angestellten der LPG Treptow, die dann doch oft übermüdet wirkten. Diese Leute, das war zu sehen, mochten ihren Beruf, sie mochten ihre Kollegen und sie mochten ihre Kunden. Man nahm es sich sogar heraus, einzelne Kunden zu necken, aber nicht in Bouletten-Olli-Manier, oder im Döner-Ömer-Style, sondern sanft und immer den Ton treffend.
Die Halle. Die Halle, in der ich auch den Granatapfelsaft fand.
Was sollte ich nun mit dieser Halle machen, die ich doch zu boykottieren gedacht hatte? War das nun wieder ein ganz perfider Trick des Kapitalismus, uns an der Nase in der Manege der Globalisierung herumzuführen? Nur weil ich zehn Minuten ohne zu drängeln oder angepöbelt zu werden in Ruhe einkaufen konnte, sollte ich meine Anti-Gentrifizierungs-Prinzipien über den Haufen werfen? Aber muss der Kampf gegen das Böse immer mit Bitterkeit geführt werden? Brecht schrieb: „Auch der Hass gegen das Böse entstellt die Züge.“
Es gibt ein richtiges Leben im falschen. Ich kaufe immer noch selten dort ein. Mal ein laktosefreies Eis, mal ein spezielles Gewürz, Kleinigkeiten eben. Einmal in der Woche esse ich in dem Mini-Café, das sie dort eingerichtet haben und wo Gottseidank keine Musik dudelt, einen Spritzkuchen und mache mir Notizen. Ich weiß nicht, warum der Edeka so funktioniert, wie er funktioniert. Haben sich hier zwanzig alte Kumpel zusammengetan und gesagt: Wir schlagen denen ein Schnippchen und machen alles ganz anders? Vielleicht ist es ja ein Dekret des Konzerns, aber die Freundlichkeit sähe dann sicherlich anders aus. Gekaufte Freundlichkeit wie bei Kaisers. Sicher wäre ja ein Spielplatz an dieser Stelle besser gewesen. Vielleicht, ich wage es kaum zu denken, vielleicht aber ist es auch gut so wie es ist.
 

***
393. Nacht
Tatsächlich sucht der Schuldner die Barmekiden el-Fadl und den uns bereits als Wesir Haruns bekannten Dscha’far auf, die sich wiederum an den Kalifen wenden, der dem Said ibn Sâlim el-Bâhili Dreimillionen und dreihunderttausend Dirhems zukommen lässt.
Betrachte diese edle Art, die sich in den Edlen offenbart.
Natürlich. Der unedle Pöbel behält seine Millionen lieber für sich.
***
Die Geschichte von der List einer Frau wider ihren Gatten
Ein Mann bringt seiner Frau einen Fisch vom Markt und trägt ihr auf, diesen zuzubereiten, während er sich zum Freitagsgebet begibt. Die Frau wird jedoch unterdessen zu einer Hochzeitsfeier eingeladen, legt den Fisch einstweilen in einen Krug und bleibt eine Woche lang fort, während ihr Mann nach ihr sucht. Als sie zurückkehrt, nimmt sie den Fisch aus dem Krug.
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und hielt in ihrer verstatteten Rede an.

392. Nacht

Ich kann die Faszination der Katholiken für ihre Religion schon verstehen: So viel undurchschaubarer Hokuspokus, unerklärlicher Sinn und Rituale, die ihren Sinn erst dadurch erhalten, dass man auch auf Nachfrage keine nachvollziehbare Antwort bekommt. Man fühlt sich wieder ein wenig wie ein Fünfjähriger, der ein seltsames Märchen in altertümlicher Sprache erzählt bekommt: „Vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, …“
Und nun ist der Papst abgetreten. Fast ein säkularer Akt. Wir erinnern uns noch an den röchelnden Johannes Paul II., der sich in seinem Todesjahr zu Ostern noch mal ans Fenster gewagt hat, um den Segen zu sprechen zu probieren. Man hörte nur ein Grunzen, und die Welt der Katholiken fand ihn so würdevoll und charismatisch.
Diese Würde konnten sie ihm freilich nur im Nachhinein verleihen. Es gab den sportlichen Karol, den Karol, der im Laufschritt eilen musste, sonst hätte er seine eigene Wahl verpasst, den ersten Papst, der um die Welt düste.
Aber einen röchelnden Benedikt, das wollte Ratzinger weder den Mit-Katholiken noch sich selber antun. Bei ihm hätte man bestenfalls Mitleid empfunden.
Und was wird nun, da der Alte zurückgetreten ist, aus dem Fischerring? Zerbrechen darf man ihn erst nach dem Tod des Papstes, aber darf Ratze ihn behalten? Muss man noch „Papst“ zu ihm sagen, so wie man zu Ex-US-Präsidenten auch immer noch „Mr. President“ sagen sollte, wenn man einen knietiefes Fettnapf zu vermeiden sucht.
Achso, der Fischerring:

So sah das Teil von Leo XIII. aus.
 
Und so Leo XIII. selber, der erste Papst, von dem es Film- und Audio-Aufnahmen gab.
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392. Nacht
Jahja nimmt die Kunde vom mit dem Gelde fortgelaufenen Bettler leicht:
„Bei Allah, hätte er auch sein ganzes Leben bei mir verweilt, bis ihn der Tod ereilt, ich hätte ihm nie meine Spende entzogen, noch ihn um die Wohltat meiner Gastfreundschaft betrogen.“ Keine Zahl kann die Vorzüge des Barmekiden umfassen, und ihre Eigenschaften waren so herrlich, dass sie sich nicht beschreiben lassen. (…)
Die Güte fragt ich: Bist du frei? Sie sagte Nein,
Ich muss dem Sohne Châlids, Jahja, Sklavin sin.
Drauf ich: Bist du gekauft? Sie sagte: Das sei fern!
Als seiner Väter Erbe diene ich ihm gern.
Die Geschichte von Mohammed el-Amîn und Dscha’far ibn Mûsa
Dscha’far ibn Mûsa el-Hâdi besitzt eine schöne Lautenspielerin, auf die Mohammed el-Amîn, der Sohn Zubaidas, ein Auge geworfen hatte. Er bittet Dscha’afr, sie ihm zu verkaufen. Dieser erwidert:
„Du weißt, es geziemt sich nicht für Männer meines Ranges Sklavinnen zu verkaufen und um Nebenfrauen zu feilschen. Wäre sie nicht in meinem Hause aufgewachsen, so würde ich sie dir als Geschenk übersenden.“
Eines Tages speisen und zechen die beiden zusammen, und die el-Badr el-Kabîr spielt für die beiden. Da macht Mohammed den Dscha’far betrunken und nimmt die Schöne mit sich.
Aber er streckte nicht die Hand nach ihr aus.
Als ob das jetzt noch glaubwürdig wäre.
Als Dscha’far den Besuch erwidert, lässt Mohammed die Sklavin für die beiden spielen. Dscha’far unterdrückt seinen Zorn. Daraufhin belohnt Mohammed el-Amîn seinen Freund, indem er dessen Boot voller Silber, Gold, Rubinen und Juwelen füllen lässt.
Solcherart sind die edlen Taten der Vornehmen – Allah habe sie selig.
Die Geschichte von den Söhnen Jahjas ibn Châlid und Sa’id ibn el-Bâhili
Diese Geschichte wird von Sa’id ibn ek Bâhili selber erzählt.
Als Sa’id einmal in Not gerät, wendet er sich an den Weisen Abdallâh ibn Mâlik el-Chuzâ’i, der ihm rät, sich an die Barmekiden zu wenden.
Von diesem Weisen war bereits in der 306. Nacht die Rede.
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391. Nacht

Als am nächsten Tag der Wasserträger sich bei der Frau des Goldschmieds entschuldigt, erwidert sie:

"Jene Sünde ging nicht von dir aus, sondern sie ward von meinem Gatten veranlasst, als er seine Tat im Laden beging. Nun hat Allah sie ihm schon vergolten."

Eine seltsame Art magischen Denkens, dass hier, wie so oft in die Religion hineinschwappt, oder von dem die Religion stammen mag: Gleichzeitigkeit muss einen (höheren) Sinn ergeben.

Daraus, so die Erzählerin weiter, sei das Sprichwort entstanden:

"Schlag um Schlag muss man empfahn; hätte ich mehr getan, hätte der Wasserträger auch mehr getan."

Man beachte die trefflichen Reime und das Metrum.

***

 

Die Geschichte von Chosraus und Schirîn und dem Fischer

Chosrau II., der letzte bedeutende Sassanidenkönig leitete mit seiner Fortführung der Kriege gegen Rom den Untergang der Sassaniden-Ära ein, der den Arabern bei ihrem Einmarsch ein paar Jahrzehnte später leichtes Spiel machte. Dennoch wurde er von den Persern weithin verehrt. Für die vorliegende Geschichte ist von Interesse, dass Schirîn Christin war (was hier natürlich nicht erwähnt wird).

Der Fischliebhaber König Chosrau sitzt mit seiner Frau Schirîn zu Tisch, als ihm ein Fischer einen enormen Fisch überreicht. Der König gibt ihm zum Dank viertausend Dirhems, woraufhin Schirîn ihn kritisiert:

"Wenn du hinfort einem deiner Höflinge die gleiche Summe gibst, so wird er sie geringschätzen und sagen: Er hat mir ebensoviel gegeben wie diesem Fischer! Gibst du ihm aber weniger, so wird er sagen: Er schätzt mich gering und hat mir weniger gegeben als dem Fischer!"

Abnehmen können sie das Geld dem Fischer aber auch nicht, also lassen sie ihn zurückholen und stellen ihm eine Falle:

"Ist dieser Fisch männlich oder weiblich?" Der Fischer küsste den Boden und sprach: "Dieser Fisch ist ein Zwitter."

Chosrau lacht über die Antwort und gibt ihm viertausend Dirhem obendrauf. Als der Fischer den Geldsack hinausschleppen will, fällt ihm eine Münze herab, und er macht sich die Mühe, sie aufzulesen. Schirîn stachelt ihren Gatten wieder an:

"Siehst du, wie geizig und gemein dieser Mann ist?"

Aber der Fischer zieht abermals seinen Kopf aus der Schlinge, als er beteuert:

"Ich befürchtete, es könne jemand seinen Fuß darauf setzen, ohne es zu wissen."

Chosrau schenkt ihm viertausend Dirhem obendrauf.

Aber dann ließ er durch einen Herold in seinem Reiche verkünden: Niemand soll sich vom Rate der Frauen leiten lassen; denn wer ihrem Rate folgt, verliert mit seinem einen Dirhem noch zwei andere dazu!

***

 

Die Geschichte von dem Barmekiden Jahja ibn Châlid und dem armen Manne.

Von Jahja ibn Châlid war hier bereits die Rede.

Als Jahja eines Tages das Schloss des Kalifen verlässt, findet er vor seiner Tür einen armen Mann, den er bei sich aufnimmt und dem er täglich eintausend Dirhems schenkt. Nach einem Monat macht sich der Arme aus dem Staub.

390. Nacht

390. Nacht

Als König Anuscharwân das Mädchen fragt, warum es so lange fortgeblieben sei, antwortet sie, sie hätte zum Auspressen der Stauden dreimal so viel Zeit benötigt, was ein Zeichen dafür sei, dass sich das Glück der Herrscher gewendet habe. Auf Nachfrage des Königs erläutert sie:

"Wir haben von den Weisen gehört, dass, wenn die Gesinnung eines Herrschers sich ändert, ihr Glück aufhört und ihr Gedeihen sich mindert." König Anuscharwân lachte und gab den Plan auf, den er gegen das Dorf gefasst hatte. Dann aber nahm er jene Jungfrau sogleich zum Weibe, da ihr scharfer Verstand, ihre Klugheit und ihre trefflichen Worte ihm gefallen hatten.

Nicht zum ersten Mal erfahren wir hier, dass der Herrscher lacht, wenn er etwas gelernt hat. Freilich nur, wenn es listenreich oder humorvoll geschieht. Die Belehrung erreicht ihn durch die Hintertür des Lachens. Zurechtweisen oder von oben herab belehren ginge ganz und gar nicht.
Außerdem interessant, dass hier unterschieden wird zwischen scharfem Verstand und Klugheit. "Verstand" scheint sich hier auf Logik und List zu beziehen, Klugheit auf Lebensweisheit.

***

Die Geschichte vom Wasserträger und der Frau des Goldschmiedes

Ein Wasserträger in Buchara ["Bochara"] bringt einem Goldschmied seit dreißig Jahren Wasser, dessen Frau

war im ganzen Land als fromm, sittsam und keusch bekannt.

Kann man für Keuschheit im ganzen Lande bekannt sein? Oder nicht eher fürs Gegenteil? Oder ist das der holprigen Übersetzung geschuldet, die auf Teufel komm raus den Reim rüberretten wollte?

Eines Tages jedoch ist der Wasserträger von der Schönheit der Frau überwältigt und streichelte ihre Hand. Irritierenderweise macht sie ihrem Mann Vorwürfe:

"Bei Allah, du hast etwas getan, was den Zorn des Höchsten erregt."

Er gesteht ihr, dass er die Hand einer Kundin, als er ihr das Armband anlegte, an sich presste.

"Ich bereue, was ich getan habe; flehe du zu Allah um Vergebung für mich." doch die Frau sprach: "Allah verzeihe dir und mir und dir und gewähre uns einen guten Ausgang."

Will sie ihrem Mann ein Geständnis entlocken, um dann ein Gegengewicht auf der Waage der Gerechtigkeit zu haben

389. Nacht

389. Nacht
Und Zubaidas Unschuld war erwiesen. Da frohlockte sie laut über ihre Rechtfertigung und versprach dem Abu Jûsuf reichen Lohn. (…)
Schau, o König, wie trefflich dieser Imam war und wie durch ihn die Unschuld der Herrin Zubaida erwiesen und der grundlose Verdacht aufgeklärt ward!
Nach vielen Nächten erinnert Schehrezâd den Tyrannen mal wieder an die Tugenden der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und der Gnade.
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Die Geschichte von Abu el-Hasan oder dem erwachten Schläfer
Diese Geschichte findet sich nicht in der Kalkuttaer Ausgabe.
Ein junger Kaufmannssohn verprasst nach des Vaters Tod sein Erbe mit Kaufmannssöhnen und Persern. Als sein Geld schwindet, wenden sie sich ab, und seine Mutter schilt ihn:
Wenn meines Gutes wenig ist, so hilft mir keiner;
Doch wenn mein Gut sich mehrt, ist jedermann mein Freund.
Wie mancher wurd mein Freund nur um des Geldes willen
Und ward zuletzt, als mich das Geld verließ, mein Feind!
Er setzt sich fortan jeden Abend auf die Tigris-Brücke und schwört sich, jeden Abend mit einem Fremden die Nacht zu verbringen, diesen hinfort aber nie wieder zu grüßen oder einzuladen. Eines Tages erscheinen aber Harûn er-Raschîd
und Masrûr, der Träger des Racheschwertes, nach ihrer Gewohnheit verkleidet.
Als der Abend sich dem Ende neigt, fragt der Kalif Abu el-Hasan nach seinem Namen, damit er ihm die Wohltat vergelten könne. Der lehnt aber ab, das habe alles einen Grund
„Was ist das für ein Grund?“, fragte der Kalif weiter. Da antwortete der Schalk: „Mit dem Grunde ist ein Schwanz im Bunde!“
Dies erläutert Abu el-Hasan mit einer Geschichte
Die Geschichte vom Strolch und dem Koch
Ein mittelloser Strolch kehrt bei einem Garkoch ein:
„Wäge mir für einen halben Dirhem Fleisch ab, für einen viertel Dirhem Hirsebrei und ebensoviel Brot!“
Als der Strolch alles verspeist hat und nicht weiß, wie er zahlen soll, entdeckt er unter einer Tonschüssel einen frischen Pferdeschwanz, an dem noch Blut träufelt.
Daran erkannte er, dass der Garkoch das Fleisch mit Pferdefleisch fälschte.
Er spaziert seelenruhig aus dem Laden. Der Garkoch ruft um Hilfe, der Strolch behauptet, bezahlt zu haben. Bis die Leute schließlich nach dem Grund fragen.
Nun rief der Landstreicher: „Ja, bei Allah, sie hat einen Grund; und mit dem Grunde ist ein Schwanz im Bunde!“
Der Koch gibt klein bei. Ihm
ward nämlich der Grund durch die Nennung des Schwanzes kund.
*
Der Kalif lacht und freut sich, und nun beginnt Abu el-Hasan seine Geschichte:
„wisse denn, o Beherrscher der Gläubigen…“
Und dies ist nun ein schöner Narrativ-Fehler, denn der Erzähler oder Schehrezâd vergessen, dass Abu el-Hasan den Kalifen wegen der Verkleidung gar nicht erkennt.
Der Kalif ist erfreut und man zecht gemeinsam weiter, und der Kalif fragt Abu el-Hasan, ob er irgendeinen Herzenswunsch habe. Dieser meint, dass er am liebsten den vier Scheichen und dem Imam, die in der Moschee wohnen und sich von seinen Gästen belästigt fühlen,
vierhundert Peitschenhiebe verabfolgen könnte; dann würde ich sie in der Stadt Bagdad herumführen und vor ihnen ausrufen lassen: „Dies ist die Strafe, und zwar die geringste Strafe, für den, der Übles redet und den Menschen feind ist und ihnen ihre Freuden verdirbt!“
In den nächsten Becher Abus bröselt der Kalif kretischen Bendsch, und Abu el-Hasan schläft auf der Stelle ein. Harûn er-Raschîd lässt ihn zum Palast tragen und spielt ihm einen Streich: Er weist alle Bediensteten, einschließlich Dscha’far, an, Abu el-Hasan als Kalifen zu behandeln.
Ein klassisches Erzählmotiv. Wir finden es bekanntlich auch in Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung.
Aus der italienische Filmkomödie Der gezähmte Widerspenstige ging der Ruf „Die Tür! Die Schuhe! Das Fenster!“ in den ostdeutschen Sprachgebrauch ein. Warum in den ostdeutschen? Weil die westdeutsche Synchronisation viel umständlicher (und weiter weg vom lakonischen Original) war. Diese DEFA-Synchronisation kann auf DVD leider nicht kaufen.
Als Abu el-Hasan wieder aufwacht, zweifelt er stark an dem, was ihm alle einzureden versuchen, doch schließlich akzeptiert er die Gegebenheiten und lässt die Scheiche und den Imam wie gewünscht bestrafen. Nachdem er die Emire in den Feierabend entlassen hat, amüsiert er sich mit den Sklavinnen Miska, Tarka und Tuhfa. Der Kalif beobachtet all das amüsiert und befiehlt, ihm in den nächsten Trank wieder Bendsch zu geben.
Am nächsten Tag zweifelt er nun wieder an der Realität und beschimpft seine Mutter, die ihm davon berichtet, dass man ihr hundert Dinare entsandt und die Scheiche gepeitscht habe:
„Ha, du Unglücksalte, du willst mir widersprechen und von mir behaupten, ich sei nicht der Beherrscher der Gläubigen?“ (…) Mit diesen Worten erhob er sich wider seine Mutter und schlug sie mit dem Stabe aus Mandelholz, so dass sie rief: „Zu Hilfe, ihr Muslime!“
Man fesselt Abu el-Hasan und führt ihn ins Irrenhaus. Zehn Tage lang erhält er zwei Mal in der Nacht Prügel. Er bereut, und man lässt ihn wieder frei. Nach einem Monat geht er wieder auf die Brücke, und wieder kommen Harûn er-Raschîd und Masrûr vorbei.
Man fragt sich, ob der Kalif nichts anderes zu tun hatte als andauernd spazieren und sich amüsieren zu gehen?
Böse werden sie von Abu el-Hasan begrüßt:
„Kein Willkommen, kein Gruß den bösen Feinden! Ihr seid nichts anderes als Satane!“
Nachdem der Kalif aber mehrmals darauf besteht, kann Abu el-Hasan nicht anders als dem Gebot der Gastfreundschaft zu folgen. Und wieder bröckelt ihm der Kalif Bendsch in den Becher. Als er wieder im Palast erwacht,
rief er: „Es gibt keine Macht und es gibt keine Mächtigkeit außer bei Allah, dem Erhabenen und Allmächtigen! Ich habe Angst vor dem Irrenhaus und vor dem, was ich dort das erste Mal ausgestanden habe; ich weiß jetzt nicht, ob nicht der Satan wieder wie damals zu mir gekommen ist.“ (…) Er sah auch noch die Spuren der Schläge, die der Aufseher des Irrenhauses ihm versetzt hatte. Er war ganz irre an sich selbst.
Er befiehlt einem jungen Mamluken, ihm ins Ohr zu beißen.
Ich vermute, ein ähnlicher Trick wie bei uns das Sich-selber-Kneifen, um festzustellen, ob man träumt. Tatsächlich habe ich das tatsächlich vor kurzem das erste Mal in einem schönen Traum getan, und die Enttäuschung war groß, als ich keinen Schmerz spürte. Aber wahrscheinlich ist es, so man bei gesundem Verstand ist, ohnehin in einem Traum, wenn man sich schon die Frage stellt, ob man in einem Traum ist.
Der Mamluk beißt nun mit aller Kraft ins Ohr, und da er zudem auch schlecht Arabisch kann versteht er jedes Mal, wenn Abu el-Hasan „Genug!“ ruft: „Beiß zu!“
Eine Posse, die sich wohl nur schwer übersetzen ließ, so schwerfällig wird sie hier erzählt.
Abu el-Hasan beginnt nun, nackt zu tanzen, und schließlich tritt der Kalif lachend hinter seinem Versteck hervor und macht ihn zu seinem zehnten Tischgenossen.
Abu el-Hasan aber stand beim Kalifen hoch in Gunst und Vertrauen, höher als alle anderen, so dass er gar bei ihm und bei der Herrin Zubaida bint el-Kasîm sitzen durfte.
So erfahren wir nun auch den vollständigen Namen der Zubaida.
Zubaidas Schatzmeisterin Nuzhat el-Fuâd wird Abu el-Hasans Gemahlin. Und beide hecken einen Streich aus.
Die folgende Story wirkt fast drangehängt. Gutwillig könnte man noch meinen, dass wir es mit einer Retourkutsche gegen den Kalifen zu tun haben.
Zunächst stellt sich Abu el-Hasan tot, und Nuzhat el-Fuâd  erhält zum Trost von ihrer Herrin hundert Dinare und ein Stück Seide. Dann spielen sie das Spiel umgekehrt, und Abu el-Hasan bekommt dasselbe vom Kalifen, und dazu den Trost:
„Sei nicht traurig! Ich will dir eine neue Gefährtin geben.“
Ein paar Tage später geraten aber der Kalif und Zubaida in Streit, wer denn nun gestorben sei.
Nun ergrimmte der Kalif, und die Ader des Zornes, die den Haschimiten eigen war, schwoll auf seiner Stirn. (…) „Die Frauen haben wenig Verstand und wenig Glauben.“
Ein angebliches Zitat von Mohammed, dass die Muslime gern gegen ihre Frauen verwenden.
Schließlich, als die beiden prüfen wollen, wer den gestorben sei, finden sie sowohl Abu el-Hasan als auch Nuzhat el-Fuâd reglos liegen und streiten nun darüber, wer von den beiden als erstes gestorben sei. Und der Kalif lässt sich hinreißen:
„Wenn einer mir sagt, wer von den beiden vor dem andern gestorben ist, dem will ich tausend Dinare geben.“
Abu el-Hasan springt auf und fordert die Goldstücke. Und damit ist wieder alles in Butter.
Ist das Schelmenstück vom vorgetäuschten eigenen Tod eigentlich ein eigenes Sujet? Sowohl bei „Tom Sawyer“ als auch bei „Huckleberry Finn“ finden wir es einmal als Jungenphantasie, einmal als Jugendabenteuer. Eigentlich gibt man der eigenen Eitelkeit Zucker: Wie sehr wurde ich geliebt? Wenn ich sterbe, also im Moment da alle Verpflichtungen, alle Schulden, alle Pflichten annulliert sind, was bleibt dann von der Liebe übrig? Wie zeigt sie sich in der Trauer der Hinterbliebenen? Dieser ultimative Moment bleibt uns verwehrt. Die Trauer und die Ehrenbezeugung müssen die Hinterbliebenen letztlich unter sich und mit ihrer Erinnerung ausmachen, wenn ihnen nicht gerade die Option zur Verfügung steht, den Verstorbenen sich zuhörend auf einer Wolke vorzustellen.
***
Die Geschichte von dem Kalifen el-Hâkim und dem Kaufmann
Als der Kalif el-Hâkim bi-amri-llâh eines Tages im Prunkzug ausreitet kommt er an einem reichen Garten vorbei und bittet dessen Herren um einen Trunk Wasser.
Da brachte jener Mann hundert Teppiche, hundert Ledermatten und hundert Kissen, ferner hundert Schüsseln mit Früchten, hundert Kelche voll Süßigkeiten und hundert Schalen mit Zuckerscherbett.
Als sich der Kalif darüber erstaunt, antwortet der Mann:
„Das ist mein Mittagsmahl an jedem Tag: ich habe nichts für dich hinzugefügt.“
Der Kalif lohnt es ihm reichlich: Er lässt
aus dem Schatzhause alle die Dirhems kommen, die in jenem Jahre geprägt waren; und das waren drei Millionen und siebenhunderttausend. Er saß nicht eher auf, als bis alles herbeigeschafft war; dann gab er es dem Manne mit den Worten: „Verwende dies, wie es deine Lage erfordert; deine Großmut verdiente noch mehr als dies.“ Dann stieg der Herrscher zu Ross und ritt davon.
Eine etwas seltsame Moral und ein eigenwilliges Verständnis von Großmut: Nicht der, der selbstlos an die Schmerzgrenze geht, wird als großmütig angesehen, sondern der Wohlhabende, der ja auch noch zugibt, dass es ihm keine Umstände bereitet habe. Wobei wir es wahrscheinlich auch mit einem Übersetzungsfehler zu tun haben könnten: Großzügigkeit statt Großmut.
Oder haben wir es mit dem Matthäus-Effekt zu tun („Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat“ Mt 25.29)?
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Die Geschichte von König Anuscharwân und der jungen Bäuerin
Als der König Anuscharwân auf Jagd eine Gazelle verfolgt, erreicht er ein Dorf und bittet eine Bäuerin um einen Trunk Wasser. Diese mischt gepressten Zuckersaft ins Wasser und
schüttete auf das Getränk eine Spezerei, die wie Staub aussah, und überreichte es dem König.
Der trinkt das Wasser und fragt sie anschließend nach dem Staub.
„Ich habe den Staub, der ihn getrübt hat, mit Absicht hineingetan. (…) Weil ich sah, dass du sehr durstig warst, und befürchtete, du könntest den Trunk auf einmal herunterstürzen und er würde dir dann schaden.“ (…) „Aus wieviel Stauden hast du den Trank gepresst?“ „Aus einer einzigen“, erwiderte sie.
Darauf beschließt er, die Steuern für jenes Dorf zu erhöhen. Am Abend reitet er wieder zur Jagd, kommt wieder zum Dorf und kehrt wieder ein. Doch diesmal bleibt das Mädchen länger weg bei der Zubereitung des Trankes.

387. – 388. Nacht

387. Nacht

In der Nacht, als Mus’ab zu ihr einging, ließ er erst nach der siebenten Umarmung von ihr ab.

Man lobt ihn dafür. Eine andere tadelt Aischa bint Talha dafür, zu stöhnen, sich zu bewegen und regen, wenn er sie nach der Heimkehr umarmt. Sie darauf:

"Eine Frau soll ihrem Mannes alles bringen, was sie vermag, an Erregungen und an wunderbaren Bewegungen." Ich erwiderte: "Es wäre mir lieber, wenn das des Nachts geschieht." Doch sie sagte: "Das ist so bei Tage; bei Nacht tue ich noch mehr. Denn wenn er mich sieht, so wird seine Begierde erregt, und er wird von Verlangen bewegt."

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Die Verse des Abu el Aswad

Abu el-Aswad 387 kauft sich eine schielende Sklavin, und die Leute reden bei ihm schlecht über sie. Er darauf:

Man tadelt sie bei mir; doch ist an ihr kein Tadel,
Nur dass in ihren Augen vielleicht ein Flecken liegt.
Wenn auch in ihren Augen ein Tadel ist, so ziert sie
Ein schlanker Leib, der sich auf schweren Hüften wiegt.

387 Der Dichter Abu el-Aswad ed-Du’ali gilt als Begründer der arabischen Grammatik. Man schreibt ihm auch die Hilfs- und Vokalisierungszeichen zu.

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Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den beiden Sklavinnen

Der Beherrscher der Gläubigen ruht zwischen zwei Sklavinnen aus Kufa und Medina, die ihm Hände und Füße kneten,

so dass seine Ware sich aufrichtete.

Sie streiten anhand überlieferter Propheten-Aussagen darüber, wer darüber nun verfügen dürfe. Die Medinerin zitiert:

"Wenn jemand einen Sterbenden ins Leben zurückruft, so gehört der ihm und seinen Nachkommen."

Die Kufierin:

"Das Wild gehört dem, der es fängt, nicht dem, der es aufstört."

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Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den drei Sklavinnen

Die folgende Geschichte ist im Grunde eine Wiederholung des Motivs, die die vorige zu überbieten sucht.

Diesmal stammen die Sklavinnen aus Mekka, Medina und dem Irak.

Da streckte die Medinerin die Hand nach der Rute aus und brachte sie dazu, dass sie sich erhob.

Die Medinerin rechtfertigt sich mit einer über drei Ecken überlieferten Aussage Mohammeds:

"Wer totes Land lebendig macht, dem gehört es."

Die Mekkanerin zitiert den Spruch aus der vorigen Geschichte:

"Das Wild gehört dem, der es fängt, nicht dem, der es aufstört."
Da stieß die Irakerin beide weg und rief: "Dies gehört mir, bis euer Streit entschieden ist."

Bemerkenswert, dass hier Harûn er-Raschîd überhaupt nichts zu melden hat. Derart derbe wurde in den Erzählungen die Überlieferung der Prophetenaussagen auch nicht verspottet.

***

Die Geschichte vom Müller und seinem Weibe

Ein Müller besitzt einen Esel und eine Mühle. Er liebt sein Weib, das ihn hasst. Sie wiederum liebt den Nachbarn, der sich jedoch von ihr fernhält. Dem Müller wird eines Nachts im Traum verkündet, unter einer Stelle im Geleise des Esels sei ein Schatz vergraben.

*

388. Nacht

Die Frau des Müllers verrät jedoch das Geheimnis an den Nachbarn. Gemeinsam graben sie und finden tatsächlich den Schatz, können sich aus Misstrauen nicht einigen, wie sie ihn aufteilen wollen. Schließlich erschlägt der Nachbar die Müllersfrau, kommt aber nicht mehr dazu, sie zu verbergen, so bleibt sie halb verscharrt in der Schatzgrube.
Am nächsten Tag mahlt der Müller, doch der Esel sträubt sich immer an einer Stelle im Geleise, und so sticht ihn der Müller mit dem Messer, bis er umfällt und stirbt.
Er findet dort nun die Leiche seiner Frau in der Schatzgrube. Frau tot, Esel tot, Schatz fort.

All das geschah nur deshalb, weil er seinem Weibe sein Geheimnis verraten und es nicht für sich behalten hatte.

Seltsam, wie die Geschichte aus einem Beziehungsdrama in eine Kriminalgeschichte und dann in eine bloße Lehr-Anekdote rüberschliddert.

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Die Geschichte von dem Dummkopf und dem Schelm

Zwei Schelme beobachten einen Dummkopf, der mit einem Esel seines Wegs dahingeht. Einer stiehlt den Esel, der andere steckt den eigenen Kopf in die Schlinge. Und als der Dummkopf sich umdreht, erzählt er ihm die Geschichte, seine Mutter habe ihn wegen Ungehorsam und Trunkenheit vor Jahren verflucht und Allah ihn daraufhin in einen Esel verwandelt.

"Heute jedoch hat meine Mutter sich meiner erinnert, und da ihr Herz von Sehnsucht nach mir erfüllt ist, so hat sie für mich gebetet, und Allah hat mich wieder zu einem menschlichen Wesen gemacht, so wie ich es früher war."

Aus Barmherzigkeit lässt ihn der Dummkopf frei:

"Um Gottes willen, mein Bruder, sprich mich von den Sünden frei, die ich an dir begangen habe durch das Reiten und alles andere."

Nach langer Zeit der nichtstuenden Reue begibt sich der Dummkopf zum Markt, um sich einen neuen Esel zu kaufen. Zufällig steht sein eigener wieder zum Verkauf. Er flüstert ihm ins Ohr:

"Weh dir, Unseliger, du bist wohl, wieder trunken nach Hause gekommen und hast deine Mutter geschlagen! Aber, bei Allah, ich kaufe dich nie wieder!"

Eine Anekdote, die mir bekannt vorkommt. Haben wir sie mal im Schul-Unterricht behandelt?

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Die Geschichte von dem Kadi Abu Jûsuf und der Herrin Zubaida

Harûn er-Raschîd findet auf seinem Ruhelager ein

frisches Gerinnsel

und verdächtigt seine Hauptfrau Zubaida des Ehebruchs. Kadi Abu Jûsuf soll es richten. Der entdeckt ein Fledermausnest an der Decke:

"O Beherrscher der Gläubigen, die Fledermaus hat die gleiche Flüssigkeit wie der Mensch; dies da ist die Flüssigkeit einer Fledermaus."

382. – 386. Nacht

382. Nacht

Abu Nuwâs vergnügt sich mit den Knaben bei Wein und Gesang.

Als aber die Trunkenheit den Abu Nuwâs übermannte, und er den Unterschied zwischen Hand und Haupt nicht mehr kannte, drang er mit Kuss und Umarmung auf die Jünglinge ein, legte Bein auf Bein hatte für Sünde und Scham keine Sinn und sprach diese Verse vor sich hin:

Vollkommne Freude bringet nur ein Jüngling,
Der trinkt in schöner Zeitgenossen Kreis.
Der eine singt ein Lied, der andre grüßt ihn.
Wenn er ihn mit dem Becher zu erquicken weiß.
Und hat er dann nach einem Kuss Verlangen,
So reicht ihm jener seine Lippe dar.
Gott segne sie! Schön war mein Tag bei ihnen;
Ein Wunder ist’s, wie er so herrlich war!
Nun lasst uns trinken, ob gemischt, ob rein.
Und wer da schläft, soll unsre Beute sein.

Für einen im Trunkesrausch Delirierenden improvisiert er doch noch recht flotte Verse.

Plötzlich tritt jedoch Kalif Harûn er-Raschîd hinzu, der am nächsten Tag seinem Schwertträger Masrûr befiehlt,

er solle dem Abu Nuwâs die Kleider herunterreißen, ihm den Packsattel eines Esels auf den Rücken binden, einen Halfter um seinen Kopf und einen Schwanzriemen um sein Gesäß legen und ihn so umherführen in den Gemächern der Sklavinnen.

*

383. Nacht

Der Kalif befiehlt außerdem, Abu Nuwâs anschließend das Haupt abzuschlagen.

Abu Nuwâs aber machte überall Scherze, und jeder, der ihn sah, gab ihm etwas Geld, so dass er mit vollen Taschen zurückkehrte.

Als Dscha’far der Barmekide hinzutritt und ihn fragt, was das soll, entgegnet er:

"Ich habe nichts verbrochen; ich habe nur unserem Herrn und Kalifen meine schönsten Verse als Geschenk dargebracht, und da hat er mir sein schönstes Gewand geschenkt."

Der Kalif lacht, begnadigt ihn zahlt ihm zehntausend Dinar aus.

Klassische Narrenfreiheit. Dem Dichter und Narren wird nur deshalb vergeben, weil er diese Narrenfreiheit auch bis ans Äußerste ausnutzt. Täte er es nicht, wäre er tot.

***

Die Geschichte von Abdallâh ibn Ma’mar und dem Manne aus Basra mit seiner Sklavin

Ein Mann aus Basra kauft eine junge Sklavin, die er erziehen und unterrichten lässt.

Er hing an ihr in leidenschaftlicher Liebe.

Aber als ihn die Armut bedrückt, meint sie zu ihm:

"Mein Gebieter, verkauf mich!"

Der Emir von Basra Abdallâh ibn Ma’mar kauft sie für fünfhundert Dinare, doch als er die Sklavin seufzend dichten hört,

rief er aus: "Bei Allah, ich will nicht zu eurer Trennung behilflich sein; denn ich weiß nun, dass ihr einander lieb habt. So nimm das Geld und die Sklavin, o Mann, und Allah gesegne dir beides!"
(…)
Und sie sind immerdar beieinander geblieben, bis der Tod sie geschieden hat – Preis sei Ihm, dem der Tod nicht naht!

Anscheinend nur eine Anekdote, um den Emir zu preisen.

***

Die Geschichte der Liebenden aus dem Stamme der Udhra

Ein Mann aus dem Stamme der Udhra verliebt sich unsterblich in eine Frau aus seinem Stamme, die ihn aber spröd zurückweist.

*

384. Nacht

Er verweigert die Nahrung, bis er im Sterben liegt. Erst dann besucht sie ihn.

"Hätte ich das gewusst, so hätte ich mich deiner Not angenommen und wäre nach deinem Wunsche zu dir gekommen."

Er stirbt nach dem Rezitieren:

Sie nahte sich, als schon der Tod uns beide trennte,
Und sie versprach Erhörung, als es nutzlos war.

Sie weint, fällt in Ohnmacht und stirbt drei Tage später,

und wurde in seinem Grabe bestattet.

***

Die Geschichte des Wesirs von Jemen und seines jungen Bruders

Der Wesir von Jemen, Badr ed-Dîn, hat einen schönen Bruder, den er behütet, allerdings verliebt sich der Scheich, der ihn unterrichtet, in ihn.
Die beiden verabreden sich eines Nachts heimlich, und der Scheich trinkt, schmust und singt mit dem schönen Jüngling. Der Wesir spürt sie schließlich auf, und als der Scheich ihn erspäht, singt er ihm zu

Er gab mir den Wein seiner Lippen zu trinken;
Mit Zierde des Wangenflaums trank er mir zu.
Und Wange an Wange, in meiner Umarmung,
Ging heute der Schönste der Menschen zur Ruh.
Der leuchtende Vollmond schein auf uns hernieder;
Nun bittet ihn: Sag es dem Bruder nicht wieder.

Die Güte des Herrn Badr ed-Dîn aber zeigte sich dadurch, dass er, als er diese Verse vernahm, ausrief: "Bei Allah, ich will euch nicht verraten!", und fortging, indem er die beiden ihren Freuden überließ.

***

Die Geschichte von dem Liebespaar in der Schule

Ein freier Jüngling und eine junge Sklavin besuchten einst die gleiche Schule; und der Jüngling wurde von der Liebe zu dem Mädchen ergriffen.

*

385. Nacht

Er schreibt ihr diese Verse:

Was sagst du nur von dem, der übergroße Liebe
Zu dir so krank gemacht, dass er ganz ratlos ist?
Es klagt das Leiden nun, in Sehnsucht und in Schmerzen;
Er kann nicht mehr verbergen, was ihm das Herz zerfrisst.

Sie antwortet ihm auf der selben Tafel darunter:

Wenn wir den, der da liebt, in seinem schweren Leid
Der Liebe schaun, so sei ihm unsre Huld geweiht.
Er soll den Liebeswunsch bei uns erfüllet sehn;
Und was geschehen soll, das möge dann geschehn!

Sowohl der Lehrer als auch der Herr der Sklavin finden ermutigende Verse. So schreibt letzterer:

Euch trenne Allah nie in eurem Leben;
Und wer euch feind ist, soll im Elend untergehn!
Jedoch der Lehrer ist, bei Gott, der größte Kuppler,
den meine Augen je in dieser Welt gesehn.

Er lässt den Kadi die Eheurkunde für die beiden schreiben, und das war’s.

***

Die Geschichte von el-Mutalammis und seine Weibe Umaima

Der Dichter el-Mutalammis flieht eines Tages vor der Tyrannei des en-Nu’man ibn el-Mundhir und muss dabei seine Gattin Umaima zurücklassen.
Nach einer Weile verheiratet man sie gegen ihren Willen, gerade an dem Tag als el-Mutalammis wieder zurückkehrt. Als sie unterm Baldachin traurig Verse über ihren verlorengegangenen Gatten rezitiert, ruft dieser zurück:

Ganz nah bei dir ihm Hause, o Umaima, wisse:
An jedem Halteplatz dacht ich in Treuen dein.

Der Bräutigam lässt dem anderen den Vortritt, natürlich in Bezug auf dessen Verse reimend:

Ich war im Glück; doch jetzo hat es sich gewendet;
Ein gastlich Haus und Raum schließt nun euch beide ein.

So verließ er die beiden und ging davon.

***

Die Geschichte von dem Kalifen Harûn er-Raschîd und der Herrin Zubaida im Bade

Harûn er-Raschîd lässt seiner Gattin einen Lustgarten mit einem baumumwachsenen Teich anlegen.

*

386. Nacht

Eines Tages, badet sie sich darin.

Sie blieb im Wasser, das nicht tief genug war, um den, der in ihm stand, ganz zu bedecken, aufrecht stehen, schöpfte mit einer Kanne aus reinem Silber und goss es über ihren Leib.

Der Kalif, als er hört, dass sie ein Bad nimmt, begibt sich zum Teich, um sie zu beobachten. Sie bemerkt ihn.

Aber aus Scham vor ihm legte sie ihre Hände auf ihren Schoß; freilich konnte sie ihn nicht ganz bedecken, da er so rund und groß war.

Wie bitte? Schwierig, etwas über derartige Schönheits-Ideale bei Google zu finden, ohne auf einschlägigen Seiten zu landen.

Der Kalif beginnt zu dichten:

Mein Aug erblickte, was mich traurig macht;
Und durch die Trennung ward mein Leid erfacht…

Allerdings kommt er mit seiner Dichtung nicht weiter und bitte also den Dichter Abu Nuwâs, das Gedicht zu vollenden.

Der natürlich wieder einmal vor das Problem gestellt wird, etwas Ungesehenes zu beschreiben und das Vermutete nicht benennen zu dürfen.

Er fährt also fort:

… von der Gazelle, die mich ganz bestrickt,
Als ich im Lotusschatten sie erblickt.
Und Wasser floss auf ihren Schoß, so klar,
aus einer Kanne, die von Silber war.
Als sie mich sah, da hat sie ihn bedeckt;
Doch ihre Hand hat ihn nicht ganz versteckt.
O könnte ich doch glücklich bei ihr sein,
Ein Stündlein oder auch zwei Stündelein.

Da lächelte der Kalif über seine Worte und machte ihm ein Geschenk; der Dichter aber ging erfreut von dannen.

***

Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den drei Dichtern

Wir beginnen klassisch:

Eines Nachts ward der Beherrscher der Gläubigen Harûn er-Raschîd von großer Unruhe geplagt.
Er begegnet einer betrunkenen Sklavin, deren Kleidung sich löst.

Er bat sie um ihre Liebesgunst; aber sie erwiderte ihm: "Lass mir bis morgen abend Zeit, o Beherrscher der Gläubigen! Ich bin nicht auf dich vorbereitet."

Als er sie am nächsten Tag zu sich bittet, lässt sie ihm ausrichten:

"Der helle Tag verwischt das Wort der Nacht."

Das ist nun aber wirklich beeindruckend: Die Sklavin kann den Wunsch des Beherrschers der Gläubigen abschlagen?

Drei Dichtern befiehlt er, daraus etwas zu dichten: er-Rakâschi, Abu Mus’ab und Abu Nuwâs.

Hier finden wir den Spruch: Ein Fluch von Abu Nuwâs in der Hölle enthält mehr Poesie als ein Lobspruch von er-Rakâschi im Himmel.

Nachdem sie ihre Arbeit getan haben, befiehlt der Kalif, den ersten beiden ein Geschenk zu machen, aber Abu Nuwâs den Kopf abzuschlagen, da er vermutet, der sei am Abend davor dabei gewesen. Der verteidigt sich, er habe den Inhalt nur aus dem Gesagten des Kalifen zusammengesetzt.

"Allah der Erhabene, der von allen die lauterste Wahrheit spricht, hat gesagt: Und den Dichtern folgen die Irrenden nach. Siehst du nicht, wie sie in jedem Wadi verstört umherlaufen, und wie sie reden, was sie nicht tun?"

Koran, Sure 26

Abu en-Nuwâs

Daraufhin lässt Harûn er-Raschîd ihm zwanzigtausend Dirhems auszahlen.

Die Impulsivität des Kalifen lässt ihn einem richtig ans Herz wachsen.

***

Die Geschichte von Mus’ab ibn ez-Zubair und Aischa bint Talha

Mus’ab ibn ez-Zubair verliebt sich in Aischa bint Talha.

Mus’ab ibn ez-Zubair war Heerführer des Gegenkalifen Abdallah ibn az-Zubair

Azza in Medina berichtet ihm:

"Ihr Antlitz ist schöner als die Gesundheit; sie hat große Augen und darunter eine Adlernase, glatte und runde Wangen und einen Mund gleich einer Blüte des Granatapfels. Ihr Hals gleicht einer silbernen Kanne, und darunter ist der Busen mit zwei Brüstlein, die wie ein Paar von Granatäpfeln sind; und weiter darunter hat sie einen schlanken Leib mit einem Nabel, der einem Elfenbeinbüchslein gleicht; Hüften hat sie wie zwei Sandhügel, und ihre Waden gleichen zwei Säulen aus Alabaster; doch ich sah, dass ihre Füße groß sind. Du wirst bei ihr die Zeit der Not vergessen." Nachdem Azza ihm Aischa mit solchen Worten beschrieben hatte, nahm Mus’ab sie zur Frau und ging zu ihr ein.

379. – 381. Nacht

379. Nacht

Die beiden Wesire der Könige Schâmich und Dirbâs ziehen nun gemeinsam los, um Uns el-Wudschûd zu suchen. Als sie die Insel Dschebel eth-Thekla erreichen, erklärt ihm Ibrahim, hier habe sich dereinst eine Dämonin niedergelassen, um mit ihrem menschlichen Liebhaber in Ruhe leben zu können. Wenn Seefahrer vorbeiführen, hörten sie das Wehklagen der Kinder. Der Eunuch öffnet dem Wesir das Schloss, und dieser erkundigt sich nach dem geistesentrückten Derwischmann im Hof, der natürlich kein geringerer ist als der gesuchte Uns el-Wudschûd. Wesir Ibrahim macht sich auf die Suche nach seiner Tochter, findet sie aber nicht und weint.

Wie er sich nun umwandte, sah er dort zwei Vögel, einen Raben und eine Eule; und da er ein böses Vorzeichen erkannte, begann er, in Seufzer auszubrechen.

Die Wesire geben nun die Suche auf, und in Erwartung seiner Entlassung zieht der Wesir des Königs Dirbâs  zurück und nimmt den mutmaßlichen entrückten Derwisch als Glücksbringer mit.

*

380. Nacht

Uns el-Wudschûd erwacht auf dem Maultierrücken, ohne zu wissen, wo er ist. Der Wesir lässt ihn mit Zuckerscherbett und Rosenwasser aufpäppeln.
Als sie sich der Stadt nähern, wagt der Wesir nicht, sie zu betreten; doch Uns el-Wudschûd antwortet ihm:

"Fürchte dich nicht! Geh zum König und nimm mich mit dir; ich bürge dafür, dass Uns el-Wudschûd kommt."

Als er vor den König geführt wird und dieser ihn fragt, wo Uns el-Wudschûd weilt:

"An einer Stätte, die sehr nah ist."

Uns el-Wudschûd bleibt geheimnisvoll und lässt sich gut einkleiden, erst dann gibt er sich per Gedicht zu erkennen. Die beiden heiraten, und König Schâmich wird darüber informiert und antwortet:

"Dieweil die Eheurkunde bei dir vollzogen ist, geziemt es sich, dass die Hochzeit und Brautnacht bei mir gefeiert werden."

Die Karawane zieht nach Ispahan und

dann ging Uns el-Wudschûd zu El-Ward fil-Akmâm ein und umarmte sie.

Sie rezitieren und weinen,

umarmten sich von neuem, und so blieben sie eng umschlungen, bis sie ohnmächtig niedersanken.

*

381. Nacht

Es wird sieben Tage lang gefeiert. Und am siebenten Tag verteilten sie

Gaben an das Volk, Geld und Kleider, und machten reiche Geschenke. Darauf gab El-Ward fil-Akmâm den Befehl, ihr Bad zu räumen, und sie sprach zu Uns el-Wudschûd: "Du mein Augentrost, es verlangt mich, dich im Bade zu sehen; und wir wollen dort ganz allein sein.

Du der seit alter Zeit mein Herz gewann –
Das Alte geht im Neuen nicht verloren.
O du, der mein Alles in der Welt,
Ich habe keine Freund als dich erkoren.
Komm mit ins Bad, o du mein Augenlicht;
Lass uns den Himmel in der Hölle sehen!
Wir lassen Aloe und Nadd erglühen,
Bis uns die Düfte überall umwehen.
Verziehen sei dem Schicksal alle Huld!
Ich rufe dann, seh ich dich dort vor mir:
Glückauf, mein Lieb, und Segen sei mit dir!

Die Hölle steht als Bild fürs Feuer unterm Bad. Nadd ist eine Mischung aus Ambra, Moschus und Aloe. Wenn jemand aus dem Bad kommt, segnet man ihn.

***

Die Geschichte von Abu Nuwâs mit den drei Knaben und dem Kalifen

Abu Nuwâs allein daheim rüstet zu einem Gastmahl und lädt sich drei Knaben ein, die er zufällig auf der Straße trifft,

noch frei von Bärten, so schön, als wären sie Knaben aus den Paradiesesgärten; ihre Farben waren von verschiedener Art, doch ihre Reize waren gleichmäßig zart. An ihren biegsamen Gestalten wurden Hoffnungen entzündet, so wie ein Dichter von ihnen kündet.

Abu Nuwâs lockt sie mit Versen:

Kommt her zu mir, und geht zu keinem andern!
Mein Haus ist voll von feinstem Proviant.
Ich habe alten Wein von klarer Farbe,
Gekeltert von des Klostermönches Hand.
Auch hab ich feines Fleisch vom jungen Lamme
Und vielerlei Geflügel, das da fleugt.
So esst davon und trinket von dem Weine,
Dem alten, der die Sorgen uns verscheucht!
Vergnüget euch dann einer an dem andern,
Und lasst auch mich in eurem Kreise wandern!

Weil nun die Jünglinge von seinen Versen bezaubert waren, so entschlossen sie sich, seinem Wunsch zu willfahren.

376.-378. Nacht

376. Nacht
Uns el-Wurdschûd entdeckt die Käfige mit den Vögeln, die
darin sangen und priesen den Herrn.
Vor dem Käfig der Turteltaube, der Ringeltaube, der Spottdrossel, der Nachtigall und der wilden Taube beginnt er zu weinen, als er ihre Äußerungen vernimmt. Er rezitiert auf die Schnelle ein paar Verse und fällt hier und da in Ohnmacht.
*
377. Nacht
Aber die Waldtaube gurrt,
bis schließlich ihr Gurren wie menschliche Rede erklang:
O du, der Liebe Knecht, du hast mich jetzt erinnert
An jene Zeit, da mir die Kraft der Jugend schwand,
Und den geliebten Freund; von Wuchse war er herrlich,
Und seine Schönheit verwirrte den Verstand.
Ach, wenn er in den Zweigen dort auf dem Hügel gurrte,
Dann galt die traute Stimme mir mehr als die Schalmei.
Allein der Vogler stellte ein Netz, und der Gefangne
Hub an und klagte laut: O, ließ er mich doch frei!
Ich hoffte wohl, er sei ein Mann der milden Sinnes
Beim Anblick meiner Liebe mit mir Erbarmen kennt.
Doch möge Gott den Mann erschlagen, da er grausam
Von dem geliebten Wesen auf ewig mich getrennt!
Nun wird in mir die Sehnsucht nach ihm noch immer größer.
Mich hat der Trennungsschmerz mit Feuersglut durchwühlt.
O Gott, behüte jeden, der fest in seiner Treue
Mit seiner Liebe ringt und meinen Kummer fühlt!
Und sieht er mich gefangen hier in dem Käfig mein,
So mög er für den Freund aus Mitleid mich befrein!
Der Eunuch verrät, dass der Wesir das Schloss für seine Tochter hat bauen lassen.
„Nur einmal im Jahr öffnen wir die Burg, wenn Vorräte für uns kommen.“ Da sprach Uns el-Wurdschûd in seiner Seele: „Jetzt habe ich mein Ziel erreicht; doch ich muss noch lange warten.“
In ihrer Trauer verweigert indessen El-Ward fil-Akmâm Nahrung und Trank. Stattdessen dichtet sie. Und schließlich, bis sie den Erdboden erreichte; sie trug aber die prächtigsten Gewänder, die sie besaß, und um ihren Hals lag eine Kette aus Edelsteinen.
stieg sie zur Dachterrasse des Schlosses hinauf, nahm einige Kleider aus Baalbeker-Stoffen, band sich damit fest und ließ sich hinab.
Gemeint ist wohl: reißfestes Leinen.
Dann wandert sie durch die Einöde, bis sie ans Meer kommt, wo sie einen Fischer trifft, den sie bittet, sie mit fortzunehmen. Auf gut Glück vertrauen sie sich dem Meer an. Und nach drei Tagen gelangten sie
zu einer Stadt am Meeresufer.
*
378. Nacht
Von seinem Fenster aus entdeckt der König der Stadt, Dirbâs, die im Boot schlafende El-Ward fil-Akmâm,
die so schön war wie der Vollmond am Himmelsrande; an ihren Ohren hingen Geschmeide aus kostbaren Ballasrubinen, während um ihren Hals Juwelenketten herrlich schienen. (…)
„Ich bin die Tochter Ibrahims, des Wesirs von König Schâmich.“
So erfahren wir nun auch den Namen des Königs, der bisher immer nur „Soundso“ genannt wird.
Dirbâs schickt nun seinen Wesir mit einem ungeheuren Schatz zu König Schâmich, um ihn zu bitten, den Untertan Uns el-Wurdschûd zu senden, damit sich El-Ward fil-Akmâm vor Ort vermählen könne. Den Inhalt des Briefes, in welchem Dirbâs behauptet, es ginge um die Vermählung der eigenen Tochter, kennt der Wesir nicht. Der König droht dem Wesir, ihn seines Amtes zu entheben, wenn er ohne Uns el-Wurdschûd zurückkehre.
Schâmich weint beim Lesen des Briefs und lässt nach Uns el-Wurdschûd suchen, von dem man nun feststellt, dass er seit einem Jahr verschwunden ist.
Das ist seltsam, da es doch hieß, dass Schâmich „große Zuneigung“ zu Uns el-Wurdschûd spüre.
Schließlich schickt Schâmich seinen eigenen Wesir mit auf die Suche.

370.-375. Nacht

Der Wohnungsumbau geht in die zweite Phase, im Volksmund auch Nestbau genannt. Und wieder einmal zeigt sich, dass all die Rumschieberei von millimetergenau ausgeschnittenen Schnipseln im Wohnungsmodell überhaupt nichts bringt, weil einem erst wenn sie nebeneinanderstehen klar wird, dass das Billy-Birke-Regal und die alte Nussbaum-Büchervitrine nicht zueinander passen. Die Couch vor dem Esstisch ebenfalls nicht. Und die Gattin darf nicht mit anpacken, da der Fötus sonst gestört werden könnte. Dabei ist das Leben ist kein Ponyhof, das sollte er jetzt schon lernen. Gibt’s diese bescheuerte Redensart auch für Jungen? Was der Ponyhof für die Mädchen, ist World of Warcraft für die Buben. Das reimt sich nicht einmal. Das Leben ist kein World of Warcraft? Das Leben ist keine Welt des Kriegshandwerks? Dabei ist doch genau das gemeint: Das Leben ist kein Ponyhof, sondern eine Welt des Kriegshandwerks. Oder wie James Brown einst sang: "This is a mahahan’s world!" Die Wohnung sieht aus wie nach einem Einbruch der Hell’s Angels. Und während ich die Bücher doch wieder alphabetisch einsortiere statt nach den Prinzipien Farbe oder Reihenfolge des Lesens frage ich mich, ob ich jemals die Bobrowski-Erzählung "Litauische Claviere", den Feuchtwanger-Roman "Die Jüdin von Toledo" anfangen oder das völlig zerschrotete Exemplar von Plenzdorfs "Die Legende von Paul und Paula" zu Ende lesen werde, das ich an der Stelle unterbrochen habe, wo der Film endet, also zur Hälfte. Die Bank, die ich mir schön zum Schreiben an den Tisch gestellt habe, ist inzwischen völlig verbaut. Trotzdem gelingt es mir, mich über die Stapel aus Büchern, Klamotten, Holzleim, Tüten, Haufen mit Ich-weiß-nicht-was, einem sensiblen Kaktus und Erdnussflips zu kämpfen, wobei ich hier und da etwas abbreche, Flüssigkeiten verschütte, die Verstrebungen der Bank zerbreche und am Ende meinen Kugelschreiber vergesse. Ich fühle mich wie Elvis kurz bevor er seinen Fernseher erschoss. In einer Verfilmung wird fiktionalisiert, der König des Rock hätte damals draufgehalten, weil man schlecht über ihn berichtet habe. Ich glaube aber, er habe seine eigene Fernsehsucht erschießen wollen, und mit ihr gleich seine Fresssucht, seine Medikamentensucht, seine Unfähigkeit, dem Leben noch Sinn abzutrotzen. Tick-tick-tick! Der 28. Februar neigt sich seinem Ende zu. Heute Nacht wird die Uhr 24 zurückgestellt. Warum brauchen wir einen 29. Februar, wenn wir den 28. zwei Mal erleben könnten. Bei der Sommerzeit-Umstellung ist das doch auch kein Problem. Die Am-29.-Februar-Geburtstag-Habenden taten mir sowieso immer leid. Sie taten mir auf jeden Fall leider als die 24.-Dezember-Kinder oder die 1.-Januar-Kinder. Erster Januar?, fragt sich vielleicht jetzt die Leserin? Ja, am 1. Januar ist der Feier-Drops gelutscht. Auf den Straßen riecht‘s nach Schießpulver, und Schneematsch, Hundemist und abgebrannte Silvesterraketen zeugen von der Traurigkeit dessen, was nach einer Feier verbleibt. Am 1. Januar wird die Brause-Aspirin getrunken, auf Sekt hat nun keiner mehr Appetit, mit Ausnahme der Sekt-Alkoholikerinnen, die an Neujahrskindergeburtstagen die einzigen Gäste sind. Hinter Sekt lässt sich der Alkoholismus am elegantesten verbergen. Sekt signalisiert: Ich trinke ja nur ein Gläschen, wenn’s was zu feiern gibt. Aber zu feiern gibt’s immer was, wie der Russe weiß: Jeshednewno prasdnik! Der Russe, der den Sekt übrigens Schampanskoje nennt und auch in Zeiten, in denen Fernreisen nichts besonderes mehr sind, Freunde und Verwandte mit Sekt zum Bahnhof bringt oder von dort abholt. Wenn wir alle vier Jahre zwei Mal den 28. Februar zählten, würde sich die Zahl der Depressionen bei den am 29. Februar geborenen reduzieren, da es eben bald keine am 29. Februar geborenen mehr gäbe. Dafür mehr Freude bei den 28.-Februar-Kindern, die ihren Geburtstag zwei Mal feiern dürften: Doppelt so viele Geschenke, doppelt so viele Kuchen und Luftballons, doppelt so viele "Hoch sollse leben!", ein Lied, das leider vom unsäglichen Häppi-Börsdeh überrannt wurde. Ich kenne niemanden, der am 29.2. Geburtstag hat. Nicht einmal einer meiner Facebook-Friends. Ich habe zurzeit 666 Freunde. Ein 29.2. kommt alle 1460 Tage. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer meiner Freunde am 29.2. Geburtstag hat? Mir fällt die Berechnung gerade nicht ein, außer dass es nicht 666 dividiert durch 1460 sein kann. Hilft es meinem Karma, diese Zahl schnell zu ändern? Den 666. Friend zu entfernen oder wahllos jemand anderen hinzufügen. Irgendjemand von den "Ich-hab-dich-bei-der-Lesung-gesehen-du-kennst-mich-nicht-aber-egal"-Anfragen? Oder soll ich der Nummer 666 Hörner anmalen und sie künftig meiden? Stattdessen werden die riesigen Pappeln in unserem Hof abgeholzt, damit dort ein Kindergefängnis für die Eigentumswohnungsbesitzer-Kinder gebaut werden kann. Ich fordere eine Frauenquote für den Holzfällerberuf. Die Linken haben aus Gründen der Frauenquote und des Antifaschismus Beate Klarsfeld fürs Bundespräsidenten-Amt nominiert, weil sie Kiesinger geohrfeigt und Nazis "gejagt" hat. Sie lebt seit 1960 in Paris. Vielleicht keine schlechte Idee – man müsste eben die Gesetzestexte nicht mehr ins Bellevue, sondern in die Rue la Boétie chauffieren. Im Gegensatz zum Stadtschreiber von Charlottenburg könnte sie sich ja aussuchen, wo sie wohnen wollte. Die Politik würde sich vielleicht etwas beruhigen. Aber dann – warum nicht gleich einen Politiker, der in Sambia lebt, oder in der Antarktis. Am besten aber – auf dem Mond.

**

370. Nacht

Dass sich die Prinzessin schon einigermaßen erholt zeigt, freut den griechischen König sehr. Und so willigt er ein, sie zum Ebenholzpferd zu führen, damit der prinz

dort den Teufel austreibe.

Vom Prinzen erfahren wir übrigens in einem Nebensatz, dass er

noch immer als Arzt gekleidet war.

Wir haben nie vorher gehört, woher er diese Kleidung erhalten habe, noch dass er mit dieser gewandert sei.

Die beiden heben ab,

und die Krieger starrten ihnen nach, bis er ihren Blicken entschwand. Der König wartete einen halben Tag lang. (…) Schließlich gab er die Hoffnung auf.

Es wäre freilich noch interessant zu wissen, welcher "König" das gewesen sein mochte. Da der Prinz an einer Stelle meint, Sassanidenprinz zu sein, wäre es durchaus möglich, dass wir es mit dem byzantinischen Reich zu tun haben. "Griechenland" also für "Christen" steht.
Der Prinz kümmert sich offenbar auch nicht darum, dass der "Weise" noch lebt, den der griechische König auf den Perser hetzen könnte.

In seiner Heimatstadt angekommen bereitet er

große Festmahle für das Volk der Stadt.

Bereitete er sie allein?

*

371. Nacht

Sein Vater aber zerbrach das Ebenholzpferd.

Seinem Schwiegervater im Jemen sendet der Prinz jährlich Geschenke und besteigt, als sein Vater stirbt, den Thron.

***

Die Geschichte von Uns el-Wudschûd und El-Ward Fil-Akmâm

Die Namen der 1001 Nächte tragen nur wenig zu unserer Namensfindung bei. Unsere Freunde und Verwandten würden wohl aufstöhnen, wenn wir unseren Sohn "Uns" nennen würden. Klingt ein wenig nach " Uns Uwe".

Die Tochter des Wesirs Ibrahim nennt sich El-Ward Fil-Akmâm. Sie ist schön;

doch liebte sie die Gelage und den Wein.

Beim jährlichen Schlagball-Spiel erscheint auch ein Jüngling namens Uns el-Wudschûd, und die beiden verlieben sich mit Blicken.
Die Wesirstochter improvisiert ein Gedicht, das sie auch zu Papier bringt und in dem es heißt:

Ja, du bist einzigartig unter allen Menschen;
"Du bist der Schönheit Herr", ist aller Zeugen Ruf.
Und deine Braue gleicht einem Nûn, dem schön geschriebenen;
Dem Sâd dein Augenstern, den der Allgüt’ge schuf.

Nûn:ن
Sâd: ص

Das Blatt hüllt sie

in ein Stück goldgestickter Seide und legte es unter ein Kissen.

Eine Kammerfrau entdeckt es und bietet ihr an, Liebesbotin zu spielen.

*

372. Nacht

Leider verliert die Kammerfrau eines Nachts einen der Briefe. Dieser wird von einem Eunuchen gefunden, der ihn dem Wesir übergibt, welcher

so bitterlich weinte, dass sein Bart von den Tränen benetzt ward.

Seine Gemahlin indes

hielt ihre Tränen zurück.

Doch der Wesir offenbart ihr, dass auch der Sultan Zuneigung zu Uns el-Wudschûd hege und er deshalb um sich selbst und um den Sultan fürchte.

Wird hier auf die Homosexualität des Sultans angespielt?

*

373. Nacht

Die Gemahlin antwortet dem Wesir:

"Warte, bis ich das Gebet um die rechte Leitung verrichtet habe!"

Nach zwei Rak’as schlägt sie ihm vor, der Tochter ein Schloss auf dem Berg Dschebel eth-Thakla im Meere von el-Kunûz zu bauen und sie dorthin zu verbannen.

Und fertig ist der Ausgangspunkt für eine Story der getrennten Geliebten. Das wird noch viele Ohnmachtsanfälle, Krankheiten und ausgeweinte Augen geben.

Mitten in der Nacht ruft der Vater zum Aufbruch, und schreibt Uns el-Wudschûd als Botschaft einen letzten Vers an die Tür. Die Karawane verschifft El-Ward Fil-Akmâm, und das Schiff wird auf Geheiß des Sultans nach Rückkehr der Leute verbrannt.
Uns el-Wudschûd jedoch findet die an ihn gerichtete Botschaft, wird wie von Sinnen, verkleidet sich und wandert aufs Geratewohl los. Als er endlich ruht, um zu trinken, nähert sich ihm ein Löwe.

Er wandte sich in die Richtung der heiligen Stadt und bereitete sich auf den Tod vor. Nun hatte er aber in den Büchern gelesen, dass der Löwe sich durch den, der ihm schmeichelt, betrügen lässt, da er durch freundliche Worte getäuscht und durch Lobsprüche besänftigt werden kann. (…) "O Löwe des Dickichts, du Leu der weiten Flur, du stolzer Held, du Meister, du Ritter, du Sultan der Tiere des Feldes, siehe, ich bin ein Liebender, verzehrt von der Sehnsucht Macht, von Liebe und Trennungsleid dem Tode nahe gebracht. (…)" Als der Löwe diese Worte vernahm, wich er von ihm zurück, setzte sich nieder auf seine Hinterbeine, hob seinen Kopf zu ihm empor und begann mit dem Schwanz zu wedeln und mit den Pfoten zu winken.

Uns el-Wudschûd improvisiert noch schnell ein Gedicht.

Als er diese Verse zu Ende gesprochen hatte, erhob sich der Löwe und kam auf ihn zu.

*

374. Nacht

Der Löwe führt Uns el-Wudschûd in die Steppe, wo er die Fußspuren der Entführer von El-Ward Fil-Akmâm findet. Er folgt ihnen bis ans Meer.

An jener Stätte gab er alle Hoffnung auf.

Er sieht keinen Menschen, und da er sich vor Tieren fürchtet,

stieg er auf einen hohen Berg,

wo er auf einen Einsiedler trifft, dem er sein Leid klagt. Dieser erwidert, er habe zwanzig Jahre lang keinen Menschen mehr gesehen, aber gestern eine Menge Leute,

die auf dem Rücken des Meeres gefahren sind.

Er rezitiert ein Gedicht, das mit folgenden Versen endet:

Drum hoffe in der Liebe auf Glück nicht ohne Qualen,
Da bei dem Glücke gleich das Unglück immer liegt.
Die Liebe hat bestimmt für ihrer Jünger Scharen:
Als Ketzerei verboten ist’s, sie nicht zu wahren.

*

375. Nacht

Nach den Versen umarmt der Einsiedler Uns el-Wudschûd, und beide weinen,

dass die Berge von ihren Klagen verhallten, und sie weinten so lange, bis sie beide in Ohnmacht sanken.

Sagte ich’s nicht?

Inzwischen ringt auch El-Ward Fil-Akmâm mit ihrer Einsamkeit. Sie lässt Vögel der Insel mit Schlingen fangen und sie in Käfige sperren, die sie an ihre Fenster hängt. Tag und Nacht rezitiert sie Gedichte.
Der Eremit indes rät unserem Helden, sich aus Fasern von Palmstämmen ein Netz zu flechten, in das er getrocknete Kürbisse legen soll. Auf dieses Floß soll er sich setzen.

"Fahre auf ihm mitten ins Meer hinaus, vielleicht wirst du dein Ziel erreichen; denn wer nicht wagt, kommt nicht ans Ziel."

Dies tut er,

und er lernte die Wunder und die Schrecken des Meeres kennen,

bis er schließlich starb und die Geschichte aus war. durstig und hungrig auf der Insel Dschebel eth-Thakla landet, wo er Wasser und Früchte findet. Schließlich gelangt er ans Schlosstor, wo er auf einen Eunuchen trifft, der ihn nach seiner Herkunft fragt. Sie stellen fest, dass beide aus

Ispahan

kommen.

Ispahan? In früheren Erzählungen war von Isfahan nicht in der französischen Schreibweise die Rede.

357. – 369. Nacht

Wird es eine solche Rolle spielen, ob Gauck Präsident wird oder nicht? An eine ähnliche Debatte erinnere ich mich nur zu Zeiten der Wahl von Roman Herzog, den man für einen erzkonservativen Hund hielt. Heute erinnert man sich noch an die Ruck-Rede, aber als konservativen Fuchs hat man ihn eher in seiner Zeit als Baden-Württembergischen Innenminister wahrgenommen. Was kann er schon tun? Dem Grundgesetz nach nicht viel. Seine Aufgaben und Befugnisse gleichen eher denen eines Notars. Aber natürlich befürchtet man reaktionäre Reden, die in pastoralem Geseiere ihre Wirkung entfalten. Herzog war als Konservativer viel zu liberal und reflektiert, als dass er in dieses Fettnäppfchen treten würde. Der Stern bezeichnet Gaucks "Eigensinnigkeit" als Vorteil für den Job. Seit wann wäre jemand für ein öffentliches Amt gerade durch ein Überwiegen des Eigensinns gegen den Gemeinsinn geeignet. "Eigensinnig und unbequem" – das war der österreichische Schnurrbartträger auch.

**

357. Nacht

Als sie von der Plage und ihrer Lust befreit ist, bleibt die Prinzessin bei dem jungen Mann

bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt und der die Freundesbande zerreißt. Preis sei Ihm, dem Lebendigen, der nimmer vergeht, und bei dem die Herrschaft auf Erden und im Himmel steht.

***

Die Geschichte vom Ebenholzpferd

Ein König

Die Breslauer Ausgabe redet von Schapûr – also wird’s in Persien spielen.

hat drei Töchter und einen Sohn. Eines Tages kommen drei Weise zu Besuch, die drei Geschenke mitbringen: Einen goldenen Pfau, der zu jeder vollen Stunde mit den Flügeln schlägt und ruft.

Kuckucksuhren sind seit dem frühen 17. Jahrhundert bekannt

Ein Messinghorn, das die Feinde erkennt, und ein Ebenholzpferd, das es einen an jeden Ort durch die Luft trägt wohin man nur will. Den ersten beiden Weisen gewährt der König einen Wunsch und sie erbitten sich eine Prinzessin. Das Pferd hingegen soll vorher noch getestet werden – und zwar vom Prinzen. Dieser steigt auf und hat schon Angst um sein Leben.

358. Nacht

Doch dann erlernt er das Fliegen beim Fliegen. Er segelt irgendwann wieder zur Erde herab und landet in einer schön gebauten Stadt. Er fliegt auf eine Dachterrasse und schwört

"Wenn Allah, der Erhabene meinem Leben noch eine Spanne Zeit gewährt und mich wohlbehalten in mein Land und zu den Meinen zurückkehren lässt und mich mit meinem Vater vereint, so will ich diesem Weisen jede Wohltat gewähren…"

Im ganzen Schloss kann er jedoch keinen Mucks vernehmen.

359. Nacht

Doch gerade da gewahrt er

eine Mädchenschar, und unter ihnen eine Maid an Schönheit reich, mit einem Wuchse dem Alif gleich.

ا

Der Prinz überwältigt den Eunuchen. Und die Prinzessin, da sie glaubt, er sei der Sohn des indischen Königs, ist erstaunt; denn dieser soll dem Vernehmen nach hässlich sein. Schreiend und sich die Kleider zerreißend rennt der Eunuch zum König, um diesem von dem Zwischenfall zu berichten. Als dieser hinzutritt, bezeugen die Sklavinnen, dass sich unser Prinz nur sittlich betragen habe.

Nun konnte der König sich nicht mehr vor Eifersucht halten, aus Eifersucht um die Ehre seiner Tochter; er hob den Vorhang empor, trat mit dem gezückten Schwerte in der Hand ein und stürzte sich auf die beiden wie ein Wüstendämon.

Inzwischen beherrscht Schehrezâd die Cliffhanger aus dem Effeff.

*

360. Nacht

König und Prinz streiten um das Gastrecht und um die Ehre:

"Wahrlich, ich wundere mich über die Kürze deines Verstandes! Sag, kannst du dir für deine Tochter einen besseren Gemahl wünschen als mich?"

Erinnert an "The Godfather". Als Michael Corleone in Sizilien um Appolonias Hand anhält, tut er das so: "There are people who’d pay a lot of money for that information… But then your daughter would lose a father …instead of gaining a husband."

Doch er fordert den König noch mehr heraus, indem er meint, am nächsten Morgen allein gegen das gesamte Heer antreten zu wollen.

*

361. Nacht

Das Heer tritt an. König und Prinz ziehen aus,

bis sie zum Blachgefilde kamen.

Das Wort Blachgefilde taucht bei Goethe und in der Ilias-Übersetzung bei Homer auf. Die Bedeutung ist mir trotzdem unklar. Blache wird auch i.S.v. Zeltleinwand benutzt. Ergibt das einen Sinn?

Als der König ihm seine Rosse anbietet, entscheidet sich der Prinz aber natürlich für das

"auf der Dachterrasse",

und der König muss glauben, nun sei der Jüngling wirklich übergeschnappt, ein Glaube, der, als er das Pferd sieht, noch verstärkt wird.

*

362. Nacht

Der Prinz steigt auf in die Lüfte und verschwindet, woraufhin die Prinzessin in schlimme Trauer verfällt:

"Bei Allah, ich will keine Speise anrühren, keinen Trank trinken, bis Gott mich wieder mit ihm vereinigt hat."

*

363. Nacht

Der Prinz segelt zurück zu seinem betrübten Vater, der den dritten Weisen inzwischen in den Kerker hatte werfen lassen. Man holt ihn wieder heraus, gibt ihm

ein Ehrengewand der Genugtuung und erwies ihm höchste Huld; doch er gab ihm seine Tochter nicht zur Gemahlin. Darüber ergrimmte der Weise gewaltig.

Eine seltsame Anwandlung für einen Weisen.

Der Prinz fliegt nach kurzer Zeit wieder zurück in die Stadt, von der er erfahren hat, dass es San’â ( Sanaa) ist. Wieder ist sein Vater betrübt und schwört bei sich, das Pferd zu vernichten, sobald der Prinz heimkehrt.

*

364. Nacht

Der Prinz entführt heimlich die Tochter aus Sanaa und gibt nichts auf das Wehklagen ihrer Eltern. Immerhin ist die Prinzessin damit einverstanden. Er führt sie

in einen Kiosk, der für seinen Vater hergerichtet war. Dort ließ er das Ebenholzpferd an der Tür stehen,

um das Schloss für den Empfang herrichten zu lassen.

*

365. Nacht

Nach meiner Planung zu Beginn dieses Unternehmens, die Erzählungen der 1001 Nächte, endlich zu lesen, hätte ich bei dieser Nacht am 31.12.2008 angekommen sein müssen.

Man lässt alles herrichten, doch als der Prinz zum Kiosk zurückkommt, ist die Prinzessin verschwunden. Die Wächter meinen:

"Wir haben niemanden diesen Garten betreten sehen außer dem persischen Weisen, der hineinging, um Heilkräuter zu sammeln."

*

366. Nacht

Der Weise war einfach dem Wohlgeruch gefolgt, und als er das Pferd sieht,

untersuchte er alle seine Teile.

Ich kann mir nicht helfen, diese Geschichte klingt irgendwie nach Renaissance-Konstruktion. Andererseits waren die Moslems wohl lange Zeit Vorreiter auf dem Gebiet der Mechanik.

Er nähert sich der Prinzessin mit der Angabe, ein Herold des Prinzen zu sein, sie aber ist zunächst von deinem hässlichen Gesicht überrascht.

"Gerade um meines hässlichen Aussehens und meiner abschreckenden Gestalt willen hat der Prinz mich für die Botschaft ausersehen, da ihn die Liebe zu dir mit Eifersucht erfüllt hat."

*

367. Nacht

Der "Weise" entführt sie bis ins Land der Griechen;

dort ließ er sich auf eine grüne Wiese nieder, wo Bäche flossen und Bäume sprossen.

Zu seinem Pech ist der König des Landes gerade bei einem Jagdausflug.

Auch ein beliebtes erzählerisches Motiv, um dem Zufall auf die Sprünge zu helfen, wenn es darum geht, in die Nähe des Herrschers zu gelangen. Es findet sich auch in Noah Gordons Phantasie-Mittelalter-Orient-Roman Der Medicus.

Die Prinzessin berichtet dem griechischen König von ihrer Entführung. Dieser lässt den Weisen ins Gefängnis werfen.

Die Jungfrau aber und das Pferd nahm der König ihm fort, obwohl er nicht wusste, was es mit dem Pferde auf sich hatte. (…) Wenden wir uns nun von dem Weisen und der Jungfrau wieder dem Prinzen zu.

Typische Wendung, die für uns umständlich wirkt. Die moderne Erzählweise ist dann doch eher zeitlich linear. Perspektivsprünge finden, wenn sie denn vorkommen, selten zeitlich parallel statt.

Der Prinz also begibt sich auf die Suche nach ihr, selbst nach Sanaa, ohne etwas von ihr zu erfahren.

*

368. Nacht

Der Prinz gelangt schließlich auch nach Griechenland. Und am Stadttor nimmt man ihn fest, und er erfährt über das Vorgefallene,

das uns in indirekter Rede in aller Ausführlichkeit noch einmal berichtet wird.

*

369. Nacht

Gegenüber dem König behauptet der Prinz, Arzt zu sein. Der König ist darüber erfreut, da die Prinzessin seit ihrer Ankunft im Wahn liegt. Freilich nur im vorgetäuschten, um nicht dem König als Sklavin dienen zu müssen. Der Prinz meint, er müsse als erstes das Pferd untersuchen, da es mit der Krankheit der Prinzessin im Zusammenhang stehe. Er untersucht es natürlich nur, um zu sehen, ob es noch heil ist. Man führt ihn zur Prinzessin und flüstert weiht er sie in seinen Plan ein.

346. – 356. Nacht

Nestbau nennt man das jetzt wohl. Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr immer aus Kompromissen zwischen Geldbeutel, Ererbtem und Ansätzen eigenen Geschmacks lebend. Die Wohnung ist ja groß genug, aber das Verrücken der tatsächlichen Möbel ist doch etwas anderes als das Hin und Herschieben von Schnipseln auf Millimeterpapier. Umso schlimmer, wenn man sich andauernd sorgen muss, dass etwas kaputtgeht, wovon man bei den schwedischen Möbeln ja ohnehin schon ausgeht, aber dass der in der Annahme, Altes sei stabiler, gekaufte Antikschrank das labilste aller Gegenstände ist, kann einen schon zum Weinen bringen. Im Moment besteht der einzige Grund, dass ich ihn nicht weiterverkaufe, darin, dass Uli für mich bis tief ins Brandenburgische mit mir und einer Robbe gefahren ist. Nachts.
Wie machen das eigentlich die Vögel bei ihren Nestern? Das hat denen doch auch keiner gezeigt.

**

Ähnlich wie der Hauptmann von Bulak stellt sich nun auch bei Hauptmann von Kûs heraus, dass er mit Zinn, Kupfer und Glaswaren betrogen wurde.

Mit dieser Pointe erscheint die Erzählung eigentlich nur als Variation der anderen.

***

Die Geschichte von Ibrahim ibn el-Mahdi und dem Kaufmanne

Der Kalif el-Mamûn bittet seinen OnkelIbrahim ibn el-Mahdi:

"Erzähle uns das Wunderbarste, das du je erlebt hast."

Es folgt die Geschichte. Ibrahim geht eines Tages spazieren und gelangt an einen Ort, wo es nach Speisen riecht,.

Wie ich nun zufällig den Blick hob, entdeckte ich ein Gitterfenster und hinter ihm eine Hand und ein Handgelenk, wie ich es noch nie gesehen hatte.

Einen zufällig vorbeikommenden Schneider fragt er nach dem Eigentümer des Hauses.

Er heißt Soundso, Sohn des Soundso, und er verkehrt nur mit Kaufherren.

Und als auch noch zwei hohe Gäste im Begriffe, sind heranzureiten, fragt er den Schneider auch nach deren Namen. Mit diesen Informationen behauptet er gegenüber den beiden Kaufleuten, den Hauseigentümer zu kennen. Zu dritt gehen sie ins Haus, und der Hausherr glaubt wiederum, Ibrahim sei ein Freund der beiden Kaufleute. Die vier beginnen ein Wetttrinken. Schließlich tritt eine schöne Sklavin ein.

Und sie griff zur Laute, begann zu singen und ließ dies Lied erklingen:

Ist’s denn nicht wunderbar, dass ein Haus uns umschließet,
Und dass du mir nicht nahst, dein Mund kein Wörtlein sagt?
Die Augen melden nur der Seelen heimlich Sehnen;
Sie künden, wie die heiße Glut an Herzen nagt.
Und blicke geben Zeichen, Augenbrauen nicken,
Und Lider brechen, während Hände Grüße schicken.

Dies kann unser Gast natürlich nur als Zeichen verstehen. Er provoziert sie:

"Dir fehlt noch etwas, Mädchen!"

Sie wirft die Laute fort, und er singt, als eine neue Laute gebracht wird, ein Lied, das ihr sein Erkennen signalisiert. Dem Hausherrn wird nun klar, dass er es mit einem höheren Herrn zu tun hat und fragt nach seinem Namen.

Wegen der Fähigkeit zum Saitenspiel?

Sowie er meinen Namen erfuhr, sprang er auf.

*

347. Nacht

Die Sängerin ist aber noch nicht die Sklavin "mit dem Handgelenk". Man lässt alle Sklavinnen kommen, aber die, welche Ibrahim sucht, ist nicht darunter. Jetzt wird’s heikel; denn die einzigen verbliebenen Frauen sind Schwester und Weib des Kaufmanns. Die Schwester ist’s.

Zum Glück, muss man wohl sagen…

Die Hochzeit wird mit zwanzigtausend Goldstücken Morgengabe und den Kaufleuten als Trauzeugen geschlossen.

Und bei deinem Leben, o Beherrscher der Gläubigen, er sandte sie mir mit einer so großen Ausstattung, dass unser Haus trotz seiner Größe sie kaum fassen konnte.

***

Die Geschichte von der Frau, die dem Armen den Almosen gab

Ein König verbietet in seinem Reich das Almosengeben bei der Strafandrohung des Handabschlagens.

Er kann wohl kaum muslimisch sein, da hier das Almosengeben eine derfünf Säulen des gottgefälligen Lebens ist.

An das Haus einer Frau kommt ein Bettler und bittet um Almosen.

*

348. Nacht

Wie es so kommt: Sie gibt ihm zwei Brote, der König erfährt davon und lässt ihr die Hände abschlagen.
Als sich der König nach einer Weile vermählen will, berichtet ihm seine Mutter:

"Unter meinen Sklavinnen ist ein Weib wie kein schöneres gefunden werden kann; doch sie hat einen großen Fehler." – "Als er fragte: "Was ist denn das?", erwiderte sie: "Ihr sind die Hände abgeschlagen."

Tatsächlich heiratet er sie, doch die anderen Frauen des Königs werden neidisch auf sie und verleumden sie als Ehebrecherin, woraufhin er das arme Weib von seiner Mutter in die Wüste schicken lässt. Sie wandert

mit dem Knäblein auf der Schulter.

Von dem zuvor keine Rede ist.

Als sie sich beim Trinken am Bach überbeugt, fällt das Kind hinein.

Da kamen plötzlich zwei Männer vorbei, die angesichts ihres Kummers für sie beten. Und ruckizucki hat sie sowohl Hände als auch Knäblein wieder.

"Wir sind deine beiden Brote, die du dem Bettler geschenkt hast. Das Almosen war ja der Grund, dass deine Hände abgeschlagen wurden. Doch nun lobe Allah den Erhabenen, der dir deine Hände und dein Kind zurückgegeben hat!"

In ihrer Botschaft: Vertraue auf Gott! erinnert die Geschichte an eine Mischung aus Allerleirauh und Hiob.

***

Die Geschichte von dem frommen Israeliten

Unter den Kindern Israels lebte einmal ein frommer Mann.

Ein bemerkenswerter Anfang. Bislang war in den 1001 Nächten nur wenig Gutes über Juden zu lesen.

Dieser Mann ist Baumwollspinner und seine Erlöse aus dem Verkauf des Garn genügen irgendwann nicht mehr.

Nun besaßen sie noch einen geborstenen Holznapf und einen Krug.

Diese hofft er, verkaufen zu können.

Während er so im Basar dastand, kam zufällig ein Mann an ihm vorbei, der einen Fisch trug.

*

349. Nacht

Der Fisch stinkt und ist aufgedunsen, aber sie gehen trotzdem den Handel ein. Angewidert macht sich die Familie daran, den Fisch aufzuschneiden. Darin aber finden sie eine Perle.

Das meldeten sie dem Ältesten, und der sprach: "Schaut nach! Wenn sie durchbohrt ist, so gehört sie einem anderen Menschen; ist sie aber noch undurchbohrt, so ist sie eine Gnadengabe, die euch Gott der Erhabene schenkt."

Tatsächlich ist sie undurchbohrt. Der Baumwollspinner erhält dafür siebzigtausend Dirhems und gibt einem Bettler die Hälfte davon. Dieser erwidert:

"Behalte dein Geld, nimm es wieder. Gott gesegne es dir. Wisse, ich bin ein Bote Gottes, er hat mich zu dir gesandt, um dich zu prüfen!" Nun rief der Israelit: "Gott sei Lob und Preis!" Und er lebte immerdar mit den Seinen in aller Lebensfreude, bis er starb.

Anscheinend kommen wir nun von der Hauptmann-Schelmen-Reihe zu den Almosen-Anekdoten.

***

Die Geschichte von Abu Hassan ez-Zijâdi und dem Manne aus Chorasân

Abu Hassan ez-Zijâdi berichtet.

Ob dieser Abu Hassan ez-Zijâdi eine historisch reale Person ist, erfahren wir nicht.

Als er in Not gerät und Bäcker und Krämer bereits bei ihm seine Schulden eintreiben wollen, kehrt ein Pilger aus Chorasân bei ihm ein, der zehntausend Dirhems bei ihm lagern will. Kehre er nicht mit der Karawane zurück, so möge er das Geld behalten.

Ich aber ließ die Geschäftsleute kommen und bezahlte alle meine Schulden.

Die Geschichte wird ihr von Schehrezâd unterbrochen, und nach meinen bisherigen Erfahrungen ist alles möglich: Die Veruntreuung wird bestraft oder verziehen oder gar noch durch das Schicksal belohnt.

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350. Nacht

Tatsächlich gibt Abu Hassan ez-Zijâdi das Geld aus:

"Bis er zurückkehrt, wird Allah uns schon etwas von seiner Gnade zuteil werden lassen." Aber kaum war ein Tag verronnen, da kam der Diener wieder zu mir herein und meldete: "Dein Freund aus Chorasân steht an der Tür."

Eine kurze Pilgerfahrt war das wohl.

Grund: Der Vater ist gestorben. Er vertröstet den Pilger, er müsse das Geld erst holen, verschwindet aber nachts auf seinem Maultier und reitet ziellos durch Bagdad. Eine Menge fragt ihn, ob er Abu Hassan ez-Zijâdi kenne.

"Der bin ich", antwortete ich ihnen.

Man bringt ihn zum Kalifen el-Mamûn, und jetzt erfahren wir, dass er

einer von den Rechtsgelehrten und von den Kennern der Überlieferungen

ist. El-Mamûn gesteht, in der Nacht von einer Traumstimme geplagt worden zu sein, die ihm sagte:

"Hilf Abu Hassan ez-Zijâdi!"

Der Kalif schenkt ihm dreißigtausend Dirhems. Abu Hassan ez-Zijâdi will nun die zehntausend an den Chorasânier zurückgeben, doch dieser erlässt ihm die Summe, als er die Geschichte vernommen hat.

*

351. Nacht

Am nächsten Tag erhält er

Die Urkunde der Bestallung als Kadi für den Westbezirk der heiligen Stadt Medina vom Tor des Friedens.

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Die Geschichte vom Armen und seinen Freunden in der Not

Ein Mann gerät in Bedrängnis, leiht sich von seinen Freunden fünfhundert Dinare und beginnt Handel als Juwelier.

Wie er dort in dem Laden saß, kamen drei Männer zu ihm und fragten ihn nach seinem Vater. (…) "Hat er denn keine Nachkommen hinterlassen?"

Klingt fast wie die drei Weisen aus dem Morgenlande.

Sie sagen, sie hätten den Vater gekannt und von ihm Geld geliehen, dass sie ihm nun zurückgeben wollten. Er will seine Schuld, doch der Freund erlässt ihm die Schuld und gibt ihm einen Brief mit auf den Weg, den er aber erst zuhause öffnen soll.

Die Männer, die dir nahten, die waren von den Meinen:
Mein Vater, Vetter, Oheim, er Salih Alis Sohn.
Und was du bar verkauftest, das kaufte meine Mutter;
Das Geld und die Juwelen sandt ich dir all zum Lohn.
Nicht um dich zu verletzen, bin ich so verfahren:
Ich wollte die Gefahr der Schande dir ersparen.

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Die Geschichte von dem reichen Manne, der verarmte und dann wieder reich wurde

Ein reicher Mann aus Bagdad verliert sein Geld,

und er konnte sein Dasein nur durch schwere Arbeit fristen.

In der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazin wird ausgiebig diskutiert "Macht Arbeit glücklich"? Darin finde ich eine Stelle von Aristoteles, in der es heißt: "Als eine banausische Arbeit… hat man jene aufzufassen, die den Körper oder die Seele oder den Intellekt der Freigeborenen zum Umgang mit der Tugend und deren Ausübung untauglich macht. Darum nennen wir alle Handwerke banausisch, die den Körper in eine schlechte Verfassung bringen, und ebenso die Lohnarbeit. Denn sie machen das Denken unruhig und niedrig." Dies ist ein Gedanke, den der 2007 verstorbeneMichael Stein in seinem Gebet gegen die Arbeit so formuliert hat:

Arbeit, Geissel der Menschheit.
Verflucht seist du bis ans Ende aller Tage.
Du, die du uns Elend bringst und Not.
Uns zu Krüppeln machst und zu Idioten.
Und schlechte Laune schaffst und unnütz Zwietracht säst.
Uns den Tag raubst und die Nacht.
Verflucht seist du!
Verflucht!
In Ewigkeit.
Amen.

**

Im Traum weist ihm eine Stimme, sein Glück läge in Kairo. Er reist tatsächlich dorthin und legt sich in der Nähe einer Moschee schlafen. Im Haus nebenan wird eingebrochen, man verhaftet ihn als vermeintlichen Dieb, prügelt ihn und wirft ihn ins Gefängnis. Dem Wachhauptmann, der ihn befragt, erzählt er die Geschichte seines Traums. Der Hauptmann lacht ihn daraufhin aus,

so dass man seine Backenzähne sehen konnte,

das wäre ja ein schönes Glück gewesen. Er selber habe dreimal im Traum ein Haus in Bagdad gesehen, in der und der Straße, wo ein Schatz vergraben sei, aber sei klug und würde nie auf solche Träume etwas geben. Er entlässt ihn.

Und dies ist vielleicht eine der fiesesten Unterbrechungen Schehrezâds.

*

352. Nacht

Natürlich findet er den Schatz und ist ein gemachter Mann.

Ein starker Mythos mit einer guten Klammer, was ja sonst nicht so sehr die Stärke dieser Erzählungen ausmacht.

 

***

Die Geschichte von dem Kalifen El-Mutawakkil und der Sklavin Mahbuba

Unter den Hunderten Sklavinnen des KalifenEl-Mutawakkil ala-llâh befindet sich eine Mulattin aus Basra;

die übertraf alle an Schönheit und Lieblichkeit, Anmut und Zierlichkeit.

Eines Tages überwirft er sich mit ihr und verbietet allen, mit ihr zu sprechen. Doch schon bald träumt er, sich mit ihr versöhnt zu haben, und eine Dienerin flüstert ihm zu, Gesang aus ihrem Zimmer vernommen zu haben. Durch ihr Lied wird ihm klar, dass sie denselben Traum wie er gehabt haben muss.

Von den Armuts- und Almosenanekdoten also zu den Traumgeschichten.

Die beiden versöhnen sich.

Versöhnung in Leibeigenschaft!

*

353. Nacht

Als El-Mutawakkil stirbt, ist die Sklavin Mahbûba die einzige, die ihn nicht vergisst. Als sie schließlich auch stirbt, wird sie neben ihm begraben.

Und seine Frau?

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Die Geschichte von Wardân dem Fleischer mit der Frau und dem Bären

Bei Wardân, einem Kairoer Fleischer kauft eine Frau jeden Tag ein Schaf für zweieinhalb Dinare und lässt es von seinem Diener forttragen, der ihm berichtet, sie würde außerdem auch bei anderen Händlern

Zukost zum Fleisch, ferner Früchte und Kerzen, und (…) bei einem Christenkerl zwei Flaschen Wein.

Dies alles müsse er zum Garten des Wesirs tragen, woraufhin ihm die Augen verbunden würden, man ihn weiter führe und er alles abstelle, bis man ihn zurück führe. Am nächsten Tag folgt der der Fleischer Wardân dem Träger und der Dame.

354. Nacht

Wardân sieht, dass Träger und Dame keinesfalls, wie man annehmen könnte, in den Garten des Wesirs gehen, sondern in eine Steinwüste, dort in eine Höhle, die unter einer Falltür aus Messing versteckt ist. Die Dame entlässt den Träger, während sich Wardân hinter einem Fenster versteckt. Er sieht, dass sie all das Essen für einen Bären zubereitet, dem sie sich schließlich hingibt:

Sie gewährte ihm das Beste, was den Menschenkindern gehört.

So kann man es natürlich auch ausdrücken.

Als die beiden

es zehnmal getan hatten,

legen sie sich zum Schlafen nieder und Wardân schlachtet den Bären.

Interessantes Detail: In Ägyptengibt es überhaupt keine Bären.

Als sie erwacht, ist sie erbost und macht ihm ein Angebot.

*

355. Nacht

"Willst du auf das hören, was ich dir sage und dadurch gerettet werden und bis zum Ende deiner Tage in Reichtum leben? Oder willst du mir zuwiderhandeln und dadurch dich ins Verderben stürzen?"

Die Bedingung lautet:

"Töte mich!"

Nach einigem Hin und Her willigt er ein

und sie fuhr hinab zum Fluche Allahs und der Engel und aller Menschen.

Noch in der Wüste wird er von zehn Männern überrascht, die sich als Gesandte des Kalifenel-Hâkim bi-amri-llâh erweisen.

Eine seltsame Begegnung, den gerade dieser Kalif (den die Drusen später als Gott verehrten) führte ein striktes Alkoholverbot auch gegen die Christen ein. Und wie wir oben erfahren haben, kaufte der Träger Wein bei einem "Christenkerl". Was weiß ich sonst ohne Wikipedia von den Drusen? Dass sie im Libanon leben und ihre Milizen von einem Mann mit dem schönen Namen Dschumblat geführt wurden. Nachschlagen zeigt, dass in ihrer Religion das Konzept von Parallelwelten eine große Rolle spielt.

Man kehrt samt Kalif zurück zur Höhle und Wardân darf so viel vom Schatz behalten, wie er mitnehmen kann. Er eröffnet einen neuen Laden im Basar.

Dieser Basar aber ist noch bis auf diesen Tag vorhanden, und er ist bekannt als Wardâns Basar.

***

Die Geschichte von der Prinzessin und dem Affen

Die Tochter eines Sultans ist in einen Schwarzen verliebt, der ihr das Mädchentum nimmt.

Und sie entbrannte in solcher Lust, dass sie die Trennung von ihm nicht eine Stunde ertragen konnte.

Wieder eine schöne Rassismusspielart. Der Schwarze ist bedrohlich, weil er die Lust im Mädchen weckt. Aber es kommt noch besser:

Ein Affenführer kommt am Palast vorbei. Sie zwinkert diesem zu, er befreit sich und klettert zu ihr empor. Fortan lebt er in ihrem Zimmer, trinkt, isst und schläft mit ihr.

*

356. Nacht

Die Tochter erfährt von den Mordplänen ihres Vaters, verkleidet sich als Mamluk und flieht nach Kairo, wo sie täglich bei einem Fleischer Fleisch kauft, was diesem seltsam vorkommt.

Dem Leser auch. Es wirkt wie eine Variation der vorigen Geschichte.

Auch dieser Fleischer tötet das Tier. Aber diesmal nicht die Frau, sondern nimmt sie mit zu einem alten Weib. Diese bereitet ein Gebräu aus Essig undSpeichelwurz, dessen Dampf der Frau in den Unterleib steigt, woraufhin ein schwarzer und ein gelber Wurm herausfallen.

Die Alte sprach aber: "Der eine ist durch die Lust mit dem Neger entstanden, der andere durch die Lust mit dem Affen."

Schlimmer geht’s wohl kaum.

 

336. – 345. Nacht

Ich habe 666 "friends" bei Facebook. Davon blende ich ca. die Hälfte aus. Vom Rest postet ein Drittel so gut wie nie. Vier Personen, die mich nicht kennen, habe ich "abonniert". So entsteht eigentlich eine hübsche personalisierte Tageszeitung. Nur – die Lektüre müsste man beschränken auf einmal pro Tag. Das Suchtpotential ist ja unbestreitbar.
Ab und zu schaue ich mir E-Mails von vor 10 Jahren an. Erstaunlich, wie oft darin "Microsoft" oder "Bill Gates" als das Synonym für das absolut Böse genannt werden. Wer redet heute noch von Microsoft? Facebook, Google und DER STAAT bedrohen unsere Daten, unsere Identität. Was wird uns in 10 Jahren ängstigen?

*

336. Nacht

Die Dicke beginnt ihren Beitrag zum Battle:

"Der Erhabene sprach: Und er brachte ein fettes Kalb. 336 (…)

Sag deinem Lieb Lebwohl! Die Karawane wandert;
Kannst du das Lebewohl ertragen, o du Mann?
Es ist, als sei ihr Gang im Hause ihrer Nachbarn
Der Fetten Gang; ihr haftet kein Fehl, kein Ekel an.

Und die Weisen sagen: Die Lust liegt in drei Dingen, Fleisch essen, auf Fleisch reiten und Fleisch in Fleisch stecken. Doch was dich angeht, du Dünne, so können deine Beine den Spatzenbeinen und den Ofenstochern gleich erscheinen; du bist ein kreuzförmiges Brett, ein Stück schlechten Fleisches ohne Fett."

Die Dünne rezitiert:

"Ich habe deinen Wuchs mit einem Rohr verglichen;
Ich habe mir dein Bild zum Stern des Glücks gemacht.
In heißer Leidenschaft bin ich dir nachgegangen
Voll Furcht, dass über dir ein böser Späher wacht.

Aber du da, du Fettwanst, wenn du issest, so frisst du nach Elefantenweise. (…) Lässest du Wasser, so spritzest du; lässest du Kot, so birst du, als wärst du ein Schlauch. (…)

So schwer wie die geschwollene Blase ist sie gar;
Zwei aufgetürmten Bergen gleicht ihrer Lenden Paar.
Schleppt sie im Land des Westens sich hin mit ihrem Schritt,
So bebt durch ihre Schwere sogleich der Osten mit."

*

337. Nacht

Die Gelbe:

"Ihr leuchtend Gelb ist wie der Sonne Strahlenschein;
und sie entzückt das Auge wie Golddinare fein.
Der gelbe Safran auch kann ihrem Glanz nicht gleichen.
Ja, selbst der Mond muss ihrer Schönheit weichen."

Die Schwarze rezitiert einen Dichter:

"Wer bringt mir eine Braune von vielbesungnem Wuchse,
Der braunen, schlanken Speere vom Samhar-Rohre gleicht,
it sehnsuchtsvollen Lidern und seidenweichem Flaume,
Die aus dem wunden Herzen des Liebsten nie entweicht?"

*

338. Nacht

Der Herr der Sklavinnen versöhnt sie wieder miteinander und beschenkt sie mit Gewändern und Juwelen.

Gibt es derartige Versöhnungsrituale auch bei Rap-Battles?

Als El-Mamûn diese Geschichte hört, begehrt er sofort diese Frauen und will sie ihrem Herrn abkaufen. Dieser willigt, als man ihm die Nachricht überbringt, tatsächlich ein. Doch nach einigen Wochen, in denen sich der Kalif mit den sechs Grazien vergnügt, reut es ihn und er schickt dem Kalifen ein Lied, der ihm die Sklavinnen zurückschickt und sechzigtausend Dinare obendrauf legt.

Fragen wir nicht, wie es den Sklavinnen bei solchem Hin und Her erging.

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Die Geschichte von Harûn er-Raschîd, der Sklavin und Abû Nuwâs

Den Kalifen Harûn er-Raschîd plagt wieder einmal die Schlaflosigkeit und er wandelt durch seinen Palast, bis er an ein Gemach kommt, in dessen hinterem Ende er eine schwarze menschliche Gestalt entdeckt. Neben ihr einen Becher Wein.

Als der Beherrscher der Gläubigen das bemerkte, erstaunte er noch mehr in seiner Seele, und er sprach: "Gehört sich dergleichen für einen Schwarzen wie den da?"

Natürlich ist der Verstoß gegen das islamische Saufverbot Weißen wie dem Kalifen vorbehalten.

Drauf trat er näher an das Lager heran und sah, dass die Gestalt auf ihm eine schlafende Sklavin war, die ganz von der Fülle ihrer Haare bedeckt wurde.

Er küsst sie wach, und sie spielt auf einer Laute

einundzwanzig Weisen. Zuletzt kehrte sie zu der ersten Weise zurück.

*

339. Nacht

Die Sklavin berichtet, darunter zu leiden, dass sie, nachdem sie vom Sohn des Kalifen für zehntausend Dirhem gekauft worden war, dessen Ehefrau dafür sorgte, dass sie von seinen Gemächern ferngehalten würde. Der Kalif gewährt ihr eine Bitte:

"Ich erbitte mir von dir die Gnade, dass du morgen nacht bei mir verweilst."
"So Gott will."

Wie sah und sieht man eigentlich diese extreme Polygamie bei muslimischen Herrschern, wo doch der Koran von maximal vier Frauen spricht?

Am nächsten Morgen ruft Harûn seinen Dichter und Begleiter Abu Nuwâs zu sich, der aber in einer Schenke festgehalten wird, wo er tausend Dirhems für

einen schönen Knaben

ausgegeben hat. Der Kammerdiener, nachdem er die Schönheit des (Lust?)Knaben bei einer Art Striptease, der der Brautentschleierung nachempfunden wird 339, selber zuschauen konnte, zahlt die tausend Dirhem aus des Kalifen Kasse. Beide kehren zu diesem zurück, und dieser fordert vom Dichter:

"Sing mir ein Lied, in dem die Worte vorkommen: O Getreuer Gottes, was mag das sein?"

"Das klingt nach einem Lied" nennen wir das Impro-Spiel.

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340. Nacht

Abu Nuwâs trägt dem Wunsch des Kalifen gemäß ein Lied vor, beschreibt darin jedoch genau dessen Erlebnis mit der schwarzhaarigen Sklavin in der letzten Nacht.

Da rief der Kalif: "Allah strafe dich! Es ist ja, als ob du bei uns gewesen wärest!"

Er führt ihn zur Sklavin und macht ihn dort betrunken,

bis er seiner Sinne nicht mehr Herr war (…) Nun befahl der Kalif der Sklavin, den Becher aus seiner Hand zu verstecken; sie nahm ihm den Becher ab und verbarg ihn zwischen ihren Lenden. Darauf aber zückte der Kalif das Schwert, stellte sich zu Häupten des Dichters auf und stach ihn mit der Schwertspitze (…): "Trage mir ein Lied vor und sage mir darin, wo dein Becher ist, sonst lasse ich dir den Kopf abschlagen."

Eigentlich hat Abu Nuwâs keine Chance; denn da er diese Körperstelle nicht benennen darf ist er so oder so des Todes.

Was ich sage, das ist seltsam;
Die Gazelle war der Dieb!
Sie stahl meines Weines Becher,
Als aus ihm ein Zug mir blieb.
Sie verbarg ihn an dem Orte,
Der das Herze mir betört.
Ihn nenn ich aus Furcht nicht, weil er
Dem Kalifen angehört.

Verärgert und verwundert beschenkt Harûn seinen Dichter mit tausend Dinaren, und damit endet diese "Geschichte".

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Die Geschichte von dem Manne, der die Goldene Schüssel stahl, aus der er mit dem Hunde gegessen hatte

Ein Mann gerät in tiefe Armut und verlässt Frau und Kind. In einer fremden Stadt folgt er einer Schar vornehmer Leute zu einem Palast, dessen Herr umringt wird von Dienern und Eunuchen,

als ob er einer von den Söhnen der Wesire wäre.

Eine interessante Form der Prachtbeschreibung: Es ist weder der Herrscher noch der Wesir, aber immerhin ein Wesirsohn. Oder sollten Wesirsöhne bekannt für ihre Prunksucht gewesen sein?

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341. Nacht

Schließlich taucht ein vornehmer Mann mit vier Hunden an diesem Hof auf, die er aus goldenen Schüsseln fressen lässt. Der Arme kann sich vor Hunger kaum zurückhalten, aber es überwiegt die Furcht vor den Hunden.

Doch plötzlich sah einer der Hunde ihn an, und da Allah dem Tiere Kenntnis von dem Zustande des Armen verliehen hatte,

Der Arme isst von der Schüssel, und als er fertig ist, schiebt ihm der Hund die Schüssel zu. Der Alte nimmt sie mit, verkauft sie in der Stadt und aus dem Erlös treibt er Handel, so dass sich sein Wohlstand vermehrt. Eines Tages sagt er sich:

"Ich muss nun zu jener Stadt reisen, dorthin, wo der Besitzer der Schüssel wohnt; ich will ihm ein schönes und geziemendes Geschenk bringen und ihm den Preis der Schüssel bezahlen, die mir einer seiner Hunde geschenkt hat."

Doch er muss sehen, dass die Stätte inzwischen in Trümmern liegt.

Wie er sich umwandte, sah er einen armen Mann in einem Zustande, der die Haut erschauern machte und dem selbst der härteste Felsen Mitleid entgegenbrachte.

Es stellt sich heraus, dass dies der ehemalige Besitzer des Palastes ist. Der Händler bietet ihm nun Geld im Werte der Schüssel an.

Aber der Alte schüttelte den Kopf, weinte und klagte, seufzte und sagte: "Du da, ich glaube, du bist von Sinnen! So etwas tut ein verständiger Mann nicht. Wie wäre es möglich, dass ich eine goldene Schale, die einer unserer Hunde dir geschenkt hätte, wieder an mich nähme! (…) Wäre ich auch von grimmiger Not und Sorge beschwert, bei Allah, ich nähme nichts an von dir, und hätte es auch nur eines Nagelspans Wert!"

Der Händler kehrt um und rezitiert:

Nun sind sie alle fort, die Menschen und die Hunde;
Drum ruhe auf den Menschen und den Hunden Friede!

Die Moral der Geschichte etwas undurchsichtig, da sie beide Verhaltensweisen als sittlich gelten lässt.

 

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Die Geschichte von dem Schelm in Alexandrien und dem Wachthauptmann

In Alexandrien lebt ein Wachthauptmann namens Husâm ed-Dîn.

Der Name taucht in der Geschichte nie wieder auf und ist auch wegen des Anekdotencharakters beinahe irrelevant. Dagegen hätte man es in der vorigen Geschichte schon gern ein wenig konkreter gehabt.

Zu diesem Hauptmann kommt eines Nachts ein Krieger der behauptet, ihm seien tausend Goldstücke im Chân Soundso geraubt worden.

Jetzt geht es wieder mit den Soundsos los. Das Schema, wann etwas konkret benannt und wann im Vagen gelassen, bleibt unklar.

Der Hauptmann befiehlt, alle Bewohner des Châns festzunehmen und Folterwerkzeuge zu bringen, um den Täter zu identifizieren.

So grausam es sein mag – die Folter könnte bei Diebstählen tatsächlich als  Mittel zur Wahrheitsfindung gedient haben: Nur der Täter hat die Möglichkeit, den Ausweg aus der Tortur zu finden, indem er gesteht. (Freilich in der Regel um den Preis einer Hand)

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342. Nacht

Doch es drängelt sich jemand durch die Menschenmenge, der gesteht, den Beutel gestohlen zu haben und ihn vor dem Krieger und dem Hauptmann ablegt. Die Menge preist ihn daraufhin, und der Schelm sagt, das sei noch gar nichts, er werde den Geldbeutel ein zweites Mal stehlen. Er berichtet lang und breit, wie er den Krieger seit Tagen verfolgt habe und nun nachts zugeschlagen habe. Plastisch erzählt er schließlich:

"Alsbald schlich ich ganz leise zu ihm, schnitt die Satteltasche mit dem Messer auf und nahm den Beutel an mich." Mit diesen Worten streckte er seine Hand aus und nahm den Beutel vor den Augen des Hauptmanns und des Kriegers. Da traten die beiden und all das andere Volk zurück, um ihm zuzuschauen; denn sie glaubten, er wolle ihnen zeigen, wie er den Beutel aus den Satteltaschen genommen hätte. Er aber lief auf und davon und warf sich in einen Teich.

Es folgt eine erfolglose Jagd auf den Dieb.

All das geschah mit Wissen Allahs des Erhabenen.

Wir sind anscheinend mitten in einer Serie von Geld-Anekdoten

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Die Geschichte von El-Malik en-Nâsir und den drei Wachthauptleuten

Eines Tages ließ Sultan El-Malik en-Nâsir die drei Wachthauptleute von Kairo, Bulak und Alt-Kairo zu sich kommen.

Es könnte Saladin sein, aber auch El-Malik en-Nâsir Muhammad. Den Zusatz haben sich wohl einige gegeben.

"Ich wünsche, dass ein jeder von euch mir das Merkwürdigste berichtet, das er während der Zeit seiner Amtsführung erlebt hat."

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343. Nacht

Die Geschichte des Wachthauptmannes von Kairo

Der Wachthauptmann von Kairo berichtet, er habe lange Zeit versucht, zwei Männer wegen Dirnenliebe, Weingenuss und Zuchtlosigkeit vor Gericht zu stellen, die aber

in allen Fällen von Blutschuld und Leibesverletzungen als rechtsgültige Zeugen auftraten.

Eines Nachts erfährt er von einem Mann:

"Herr, wisse, die beiden ehrenwerten Zeugen sind jetzt an dem und dem Orte in der und der Straße im Haus des Soundso, und sie treiben große Greuel."

Der Wachthauptmann macht sich auf den Weg und wird von den beiden offenherzig empfangen. Sie bieten ihm an, sie sofort zu strafen oder dreihundert Dinar anzunehmen.

Ich sagte mir nun: "Nimm dies Gold von ihnen und beschütze sie noch dies eine Mal; wenn du sie aber das nächste Mal in die Gewalt bekommst, dann zieh sie zur Rechenschaft."

Das Unheil lässt nicht lange auf sich warten. Der Besitzer des Bordells verklagt den Wachthauptmann vor dem Kadi, zeigt einen Schuldschein über dreihundert Dinar vor und bringt die beiden Hurenböcke als Zeugen vor.

Das Zeugnis der beiden wurde vom Kadi als gültig angesehen. (…) Und ich ging tief beschämt von dannen.

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Die Geschichte des Wachthauptmannes von Bulak

Dieser Wachthauptmann berichtet, einmal dreihunderttausend Dinare Schulden gehabt zu haben.

So verkaufte ich alles, was hinter mir, vor mir und in meiner Hand war.

Das wird wohl heißen: Sein Erspartes, seine Forderungen und sein Bar-Vermögen.

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344. Nacht

Eines Nachts klopft es an seiner Tür, und es ist eine Diebesbande,

halbnackt und mit Fell bekleidet

die sich als edel erweist, ihm ihre Beute aus Gold und Silber zu überlassen. Er dankt es ihnen und lässt sie mit seinen letzten hunderttausend Dinaren ziehen.

Beachtlich: Die cartooneske Darstellung der Diebe mit Fell. Vielleicht als Klischee damals verbreitet wie die maskierten Räuber bei Micky Maus.

Am nächsten Morgen stellt er freilich fest, dass er mit vergoldetem Kupfer hereingelegt worden war.

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Die Geschichte des Wachthauptmannes von Alt-Kairo

Einst ließ ich zehn Diebe hängen, jeden an einen besonderen Galgen, und ich schärfte den Wächtern ein, gut auf sie achtzugeben.

Am nächsten Morgen sieht der Hauptmann, dass nun an einem Galgen zwei Männer hängen. Die Wächter gestehen, geschlafen zu haben, und einer der Gehängten soll gestohlen worden sein. Und so ergriffen sie einen zufällig des Wegs kommenden Bauern, den sie, aus Furcht, bestraft zu werden, aufhängten, bloß damit die Zahl der Gehängten stimme. Der Wachthauptmann befiehlt, den Reisesack des Bauern zu öffnen.

Und siehe da, in ihm befand sich die zerstückelte Leiche eines Mannes! Wie ich das nun sah, sprach ich verwundert zu mir selber: "Preis sei Allah! Dieser Bauer ist doch nur deshalb gehängt, weil er den Mord da begangen hat! Und dein Herr ist nicht ungerecht gegen seine Diener."

Die Schuld wird externalisiert. Das formalisierte Rechtsverständnis, wonach die Wächter sich schuldig gemacht haben, wird aufgehoben zugunsten eines magisch-religiösen: Allah wird’s schon richten.

 

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Die Geschichte vom Geldwechsler und dem Dieb

Eine Bande von Dieben beobachtet einen Geldwechsler mit dickem Geldbeutel, und einer von ihnen wettet, den Beutel stehlen zu können. Sie folgen ihm bis zu seinem Haus, wo er den Beutel auf dem Sims ablegt.

Rasch drang der Dieb hinein, ergriff den Beutel, eilte zu seinen Kumpanen zurück und erzählte ihnen, was geschehen war.

*

345. Nacht

Er kann sich seiner Tat noch nicht recht rühmen, denn seine Kumpane wenden ein, dass nun die Sklavin, die dem Geldwechsler Wasser holen sollte, statt des Diebes bestraft würde.

"Ja wenn du ein echter Schelm bist, so musst du die Sklavin vor Prügel und Strafe bewahren."

Ein interessantes Feld: Die Ehre der Verbrecher. Ein Dieb ist ja per se jemand, dem man nicht vertrauen kann. Und dennoch bildet sich anscheinend in jeder dauerhaften Verbrechergemeinschaft auch eine Art Kodex, so wie wir es auch hier beobachten: Bestiehl ruhig den Reichen, aber lass nicht jemand anderen dafür büßen.

Der Dieb kehrt zurück zum Haus des Geldwechslers, der gerade sich anschickt, die Sklavin zu verprügeln, und gibt ihm den Geldbeutel zurück mit den Worten, der Herr habe den Beutel auf dem Basar liegengelassen.

"Ich bin der Diener deines Nachbarn in der Basarhalle."

Als sich der Geldwechsler wieder abwendet, um dem scheinbaren Diener eine Quittung für dessen Herrn auszustellen, stiehlt der Schelm das Geld zum zweiten Mal.

Und die Sklavin war vor der Strafe bewahrt.

***

Die Geschichte vom Wachthauptmanne von Kûs und dem Gauner

Zum Wachthauptmann von Kûs in Ägypten kommt ein Mann, der sich als Straßenräuber zu erkennen gibt.

"Ich will jetzt von meinem Tun ablassen und unter deiner Führung zu Allah dem Erhabenen zurückkehren."

In der Truhe befinden sich Gegenstände im Wert von vierzigtausend Dinaren. Er erbittet tausend in bar,

"damit ich durch sie ein Kapital gewinne, das mir dazu verhilft, mich zu bessern, und es mir möglich macht, von dem bösen Tun abzulassen."

Der Hauptmann willigt ein angesichts der

Juwelen, Edelmetalle, Siegelsteine und Perlen.

333. Nacht – Back in New York

Nun habe ich – den Nächten nach – ein Drittel hinter mir (in Seiten gerechnet ist es ein bisschen mehr). Und das in viereinhalb Jahren. Wenn ich in dem Tempo weitermache, bin ich 50, wenn ich die 1001 Nächte ausgelesen habe. Aber um sich ihnen im täglichen Rhythmus zuzuwenden, sind sie wirklich nicht ergiebig genug. Weder stilistisch, noch narrativ. Und so setze ich eben von Zeit zu Zeit Atempausen, die sich auch mal über Monate hinziehen können, wie bei der Unterbrechung zur Reihe "Richter liest Schmidt liest Proust". Die gegenwärtige Liebeskorrespondenz gehört für meine Begriffe auch nicht gerade zu den Brüllern unter den bisherigen Storys, sondern ist eher eine Variation der immer wiederkehrenden Motive:
– Der Kalif langweilt sich.
– Ein Gast muss eine Geschichte zum besten geben.
– Mann verirrt sich in einer Stadt und trifft in einem unbekannten Haus eine Schöne.
– Liebeskorrespondenz mit wiederholten Ohnmächten.

Und doch finden sich immer wieder kleine Perlen. Und ich kann mir nicht helfen – die Wucht der Sammlung zieht mich doch immer wieder in ihren Bann. Wenn ich dann eben den Gilgamesch-Epos in diesem Leben nicht mehr schaffen sollte – auch gut.

*

23.-29.6.11

 

Bei diesem Graffito auf einem Schulhof in der 28th Street ist mir erst beim Betrachten des Fotos aufgefallen, dass die bunte Hose dieses doch etwas unglücklich dreinschauenden gelbgesichtigen Burschen aus Phantasie-Flaggen besteht.

 

Wir können von unserem Zimmer auf den Hudson River schauen, was für mich bewegender ist, als wenn es der Atlantik wäre. Aber ich weiß nicht warum.

 

 

Diese typisch stylische Eigen-Reklame fanden wir in einem Bio-Imbiss in der 27th Street. Auch in New York hält man viel auf Dirk Nowitzki.

 

Passend zur "Überflieger"-Lektüre von vor zwei Wochen: Die jüdischen Schneider in New York legten Anfang des 20. Jahrhunderts den Grundstock für die Anwalts-Karrieren ihrer Söhne und Enkel. "The Garment Worker" von Judith Weller. Der Herr mit der Aktentasche bleibt höflicherweise stehen, damit er nicht das schöne Touri-Foto verdirbt.

 

Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich das entdeckte: Radwege in New York. Im Gegensatz zu Berlin oder überhaupt deutschen Städten braucht es ja einen gewlatigen Nachfragedruck, bis der Radweg gebaut wird. Hier in Manhattan, wo nur Sportfreaks, Fahrradkuriere und Lebensmüde auf dem Rad unterwegs sind, ist ein geradezu autoritärer Wille der Stadtverwaltung unter Bloomberg nötig. Im Grunde erschwert er den ohnehin mühsamen Autoverkehr mit dieser Maßnahme noch mehr. Die New Yorker sind Meister der Anpassung. Mich würde nicht wundern, wenn diese Radwege in 1-2 Jahren tatsächlich auch genutzt werden. Um ein Radfahrer-Foto wie das obenstehende knipsen zu können, muss man im Schnitt fünf Minuten warten.

 

 

Washington Square Park. Ich versuche jedes Jahr aufs Neue, seine Magie zu verstehen. 1997 sah ich über zwei Stunden Komikern, Lyrikern, Rappern und Predigern zu, die sich dort abwechselten. Hier probieren Frauen ihren Trash-Chic aus. Ob wegen des bevorstehenden CSD, trauen wir uns nicht zu fragen. Und ehrlich gesagt, sehen sie dafür auch nicht lesbisch genug aus.

Im ersten Moment suche ich den Witz. Werbung mit possierlichen Tieren – dahinter steckt meistens irgendetwas, das gerade nichts mit Tieren zu tun hat, vor allem, wenn sie in T-Shorts oder Stramplern stecken. Aber diese Werbung sagt nicht mehr als das, was sie sagt: Die Frühjahrskollektion ist da. Für Hunde.

 

Die Upright Citizens Brigade gilt als eine wahre Talente-Schmiede. Amy Poehler wurde hier groß. Matt Besser, Matt Walsh, Ian Roberts. Die Impro-Workshops gelten immer noch als die besten der Stadt. Die Qualität der Shows hat aber, soweit ich das aus den letzten drei Jahren beurteilen kann, erheblich nachgelassen. Wahrscheinlich hängt es vom Tag ab, und man muss wissen, wann wer spielt. Allen gemeinsam ist der schnelle Wortwitz zulasten der räumlichen Szene. Trotzdem immer einen Blick wert. In der Regel muss man sich lange vorher anstellen, um überhaupt noch Karten zu erwischen. Die Straße ist jeden Abend voll von jungen, auf dem Gehweg hockenden Leuten. Die Shows sind jeden Tag ausverkauft. Und es wäre wohl ein leichtes, die Nachfrage über den Preis zu regeln. Aber sie bleiben konsequent bei fünf Dollar! Eine Sensation in dieser Stadt. Selbst bei 200 Zuschauern und drei Shows pro Tag werden sie wohl davon gerade mal die Techniker und die Miete bezahlen können. An Wochenenden gibt es um 0 Uhr außerdem noch eine Gratis-Show. Aber auch hier ist der Preis: Eine Stunde fürs Ticket anstehen.

 

Ein Haus des Gebäudekomplexes, in dem wir wohnen. Die Häuser wurden Anfang der 60er Jahre errichtet. Sie gelten nicht als "Projects", sondern als Werk einer gewerkschaftsnahen Stiftung (sofern ich die organisationsrechtlichen Fragen richtig verstanden habe. Die Mieten dürfen nicht beliebig erhöht werden.

 

Bei meinen Freunden Gogo und Rebecca gibt’s W-LAN. Die vor mir stehende Radfahrer-Wasserflasche habe ich aus der Herberge in Seattle mitgenommen. Sie war herrenlos und hat mich so treuherzig angeschaut.

 

Mit großem Bohei beschwört uns unsere Gastgeberin, dass wir auf jeden Fall den High Lane besichtigen sollten – ein stillgelegter Gleisabschnitt im Westen Manhattans, der parallel zu den Avenues verläuft, nun begrünt wurde und von dem immer mehr Kilometer freigegeben wurden. Ich erwarte etwas wie die Gleisverlängerung vom Görlitzer Park Richtung Treptow. Stattdessen ein Schmalspurgang, dessen einziger Vorteil darin besteht, dass man nicht an jeder Straßenkreuzung halten muss und der Straßenlärm nicht ganz so ohrenbetäubend ist. Sicherlich für viele New Yorker eine Entlastung. Beim parkverwöhnten Berliner hinterlässt es ein Schulterzucken so wie für einen Schweizer die Müggel"berge".

 

 

Nicht nur für die bereits erwähnten Radspuren, auch für die in die schlimmste Verkehrshölle platzierten Fußgängerzonen ist Bürgermeister Bloomberg verantwortlich. Und ich bewundere ihn für seinen Mut, das Risiko auf sich zu nehmen, von der Mehrheit der autofahrenden Bevölkerung dafür gehasst zu werden. Das sollte sich mal ein konsensorientierter Bürgermeister in Berlin wagen!

Central Park. Manchmal denke ich, ich könnte problemlos einen kompletten Sommer täglich schreibend dort verbringen.

 

4 Tracks im "Magnet Theater", das ich im letzten Jahr schon als gute Alternative zum UCB erlebt habe. Ohne weiteres würde ich diese Truppe nach Berlin einladen.

 

Christopher Street Day an der Christopher Street. Und als schließlich dieser Bus vorbeifährt, in dem die Greise aus einem Seniorenheim sitzen, die sich auch an diesem Tag feiern lassen, bin ich doch gerührt. Was für eine Freude, was für ein Triumph muss es für sie sein, all die jungen, glücklichen Menschen zu sehen, die ihr Queer-Sein in dieser Stadt ausleben können.

 

"Homer, Herodot, Sophokles, Aristoteles, Demosthenes, Cicero, Vergil" stehen an der Fassade der Columbia University. Wäre ich schlauer geworden, wenn ich hier (wahrscheinlicher viel zielgerichteter) studiert hätte? Glücklicher womöglich? Ich schwanke in der Beantwortung dieser Fragen.

 

Im äußersten Norden des Central Parks, in den ich nur selten gekommen bin, gibt es auch ein hübsches Freibad, das allerdings erst einen Tag nach unserem Besuch öffnen würde. Das man Ende Juni schon fast täglich um die 30 Grad Celsius maß (rechnet selber nach, was das in Fahrenheit ist), war für die Damen und Herren Schwimmbadbetreiber kein Grund, die Plansche früher zu öffnen. Zu überlegen, wie dieses von innen aufgenommene Foto zustandegekommen ist, überlasse ich den Kniffelrätselratern.

 

 

Brighton Beach auf Coney Island zählt sicherlich nicht zu den idyllischen Gegenden der Stadt, sicherlich aber zu den sehenswerten. Als man für "The Godfather" noch eine historisch glaubwürdige Autofahrtszene brauchte, griff man ins Archiv und montierte Bilder von einer Fahrt unter den typischen Hochbahnschatten hinein. In den Läden und Imbissen wird nur gebrochen Englisch geredet und verstanden. Unsere Pizza kaufen wir in einer Bude, in der alle außer der Verkäuferin Russisch sprechen. Die pakistanische Bedienung im "Subways" ist die unfreundlichste aller Subways-Filialen westlich Brandenburgs, was man vielleicht auf die furchtbaren Arbeitsbedingungen schieben kann. Andererseits, wenn man schon furchtbare Arbeitsbedingungen hat, warum muss man dann den allgemeinen Schlechte-Laune-Pegel auch noch durch Unfreundlichkeit heben?

 

Während ich mich am Brighton Beach durch die düsteren Seiten des Tagebuchs des Stanford Prison Experiments arbeite, geben die Schüler einer Tanz- oder Schauspiel-Schule ihrem Affen Zucker und spinnen sich einen aus. Vielleicht sind es auch einfach sieben äußerst bewegungsbegabte junger New Yorker, aber dafür wirkten sie zu professionell. Das Foto, auf dem außer dieser Dame auch noch ich mit unvorteilhaften Speckröllchen zu sehen bin, habe ich in der Tiefe meiner Datenbanken verschwinden lassen.

 

Ich vor schiefem Horizont. Immer wenn ich hier in Coney Island an alten Menschen vorbeigehe, verlangsame ich meine Schritte, in der Hoffnung, sie jiddisch reden zu hören. So wie ich das noch 2003 erlebt habe. Aber die sterben wohl auch aus. Inzwischen ist der Strand hier in russischer Hand.

 

Ich habe die New Yorker nie so recht verstanden. Sie haben einen großartigen Strand vor der Haustür und nutzen ihn kaum. Kaum jemand geht tiefer als bis zur Hüfte hinein. So gut wie niemand schwimmt. Und dann gibt es noch all diese Verbote. Vor acht Jahren bin ich auch von einem Rettungsschwimmer zurückgepfiffen worden, als ich weiter als 25 Meter im Wasser war. Nachdem ich den Strand verlassen habe, erfahre ich, dass das fast alles seine Berechtigung hat: Die Strömung ist hier sehr gefährlich. Also keine Flossen, keine Luftmatratzen, kein Rausschwimmen. Aber warum gibt es keine Sonnenschirme und keine Strandmuscheln?

So richtig habe ich es nicht verstanden, das Konzept der Congregational Church. Jüdische und christliche Glaubensgemeinschaft unter einem Dach. Unser 75jähriger Freund Ron ist hier sehr gern unter den jungen Leuten, manchmal zum Sabbat.

 

Der High Lane kurz vor Mitternacht. So unprätentiös bin ich wieder mit ihm ausgesöhnt.

 

Amerikanische Zahnkunst.
(Klingt wie ein Zirkuskunststück.)

 

Am letzten Tag noch einmal in den Central Park. Was mal als kleines "Wir spielen Theater im Park" begonnen hat, ist nun ein kommerzieller Renner geworden. Maß für Maß, das ich in diesem Jahr kennengelernt habe, wird gezeigt. Aber es ist der Tag meiner Abreise.

I’ll be back.

*

Budûr überreicht nun den Liebesbrief an ibn Mansûr, der ihn zu Dschubair ibn Umair bringt. Als dieser den Brief liest, fällt er in Ohnmacht.

Doch bald kam er wieder zu sich und rief: "Sohn des Mansûr, hat sie diesen Brief mit eigener Hand geschrieben und mit ihren Fingern berührt?" Ich fragte: "Mein Gebieter, schreiben Menschen vielleicht mit den Füßen?"

In dem Moment tritt Budûr selbst ein.

Sobald er sie erblickte, sprang er auf als ob er gesund wäre, und umarmte sie, wie das Lâm sich um das Alif schlingt.

Sie setzen sich, lassen einen Kadi und zwei Zeugen rufen und sich an Ort und Stelle vermählen. Man gibt ibn Mansûr ein Nachtlager. Und am nächsten Morgen sieht er die beiden kommen

aus dem Bade im Hause, und beide pressten ihre Locken aus.

Dschubair will ihm zum Dank für seine Boten-Dienste dreitausend Goldstücke überreichen, die ibn Mansûr nur unter der Bedingung annehmen will, wenn man ihm berichtet,

"wie es kam, dass die Liebe von ihr zu dir überging, nachdem du ihr so sehr abgeneigt warst."

Dschubair berichtet, dass er beim Neujahrsfest, bei dem alle in der Stadt auf Booten spazierenfahren, er Budûr entdeckte, die von Sklavinnen umringt zur Laute sang:

Kein Feuer brennt so heiß wie das in meinem Innern;
Wie meines Herren Herz – kein Felsen ist so hart.
Mich wundert’s, wie sein Wesen, sich nur zusammenfügte:
Ein Herz von Stein in einem Leibe, weich und zart.

 

332. Nacht – Silke Stuck mythologisiert – Gerda fliegt

Zwischenruf: Silke Stuck in DIE ZEIT 11.8.2011 "Ich bin ein Mauerkind"
Wie kann eine Journalistin auf der Kinderseite der ZEIT anlässlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus so einen Haufen Unfug behaupten? Es ist eine Sache, die Mythen der eigenen Kindheit zu reminiszieren. Aber in einem ausführlichen Geschichts-Artikel, und zwar gerade einem für Kinder, sollten diese Mythen doch wenigstens mal oberflächlich auf ihren Realitätsgehalt abgeklopft werden. Die Cousins freuten sich immer über die mitgebrachten Jeans, die Tante über Kaffee oder ein Radio. "Denn das waren Dinge, die sie in der DDR nicht so einfach kaufen konnten." Hat dir diesen Quatsch deine Tante selber erzählt, liebe Silke Stuck, oder meinst du, weil hier die Kinderseite ist, mal schön vereinfachen zu können? Nicht, dass Levis, Jacobs und Grundig nicht besser waren als Wisent, Rondo und Stern. Aber so wie du es schreibst, klingt es, als wären Radios zugeteilt worden, als seien Jeans und Kaffee Mangelware gewesen. "Es gab nur eine Partei, und die bestimmte alles: wer ein Auto oder ein Telefon bekam und welchen Beruf man lernte." Schon mal von den Blockparteien gehört? Wer hat dir erzählt, die Partei habe bestimmen können, wer ein Auto haben darf? Sicherlich – an bestimmte Berufs- und Studienzweige war linientreues Verhalten gekoppelt. Aber das ist immer noch etwas anderes, als zu suggerieren, auf Parteiversammlungen wäre entschieden worden, wer welchen Beruf ausübt.

***

21.-22.6.2011
Für unsere Zwecke, vom Improfestival in Seattle auszuspannen, könnte es kaum eine geeignetere Stadt geben als Vancouver. Sie erinnert ein wenig an das Gedicht von Tucholsky, der meint, ein Haus bei dem vorn die Friedrichstraße und hinten die Ostsee zu sehen sei, der Traum des Kleinbürgers sei. Hier kommen die Berge noch zu Großstadt und Meer dazu. Angeblich muss man für diesen Luxus (Vancouver gilt als eine der Städte mit dem höchsten Lebensstandard in Kanada) eine hohe Niederschlagsquote in Kauf nehmen.
Den zweiten Tag verbringen wir mit Spaziergängen am Strand. Kuriositäten: Auf dem Herrenklo eines Segelvereins-Restaurants Verhaltensregeln zum Aufenthalt im eisig kalten Wasser. In der ersten Minute gilt es, den Atem unter Kontrolle zu bringen und den Kopf in eine Position zu bringen, die verhindert, dass man Wasser einatmet. Nach dieser Minute beruhigt sich der Atem meistens, aber in den nächsten zehn Minuten verliert man die Fähigkeit, die Gliedmaßen sinnvoll zu bewegen. Auch nach einer Stunde soll man noch lebende Menschen aus kaltem Wasser gezogen haben. Variationen zum Thema Hoffnung in reichen Städten in Seenähe.

 

Auch schön: Die geisterhaft wehenden Taucheranzüge.

 

Sowie Gerdas Versuch, und davon zu überzeugen, sie könne fliegen:

 

Lese mit Verwunderung Tschechows "Kirschgarten" und starre mit Steffi in den Sonnenuntergang.

Das Hostel fast uneingeschränkt zu empfehlen. Nur der durchs Gebäude hallende Wumms der ins Schloss fallenden Korridortüren erinnert noch entfernt daran, dass dies einmal ein Stützpunkt der kanadischen Truppen war.

Die Weiterreise am 22.6. beginnt einigermaßen anstrengend, da die Bushaltestelle, zu der wir unser Gepäck schleppen müssen, weiter weg ist als gedacht und zwischendurch Zweifel aufkommen, ob wir den Abflug rechtzeitig schaffen.

Vierzeiler gegen Jet-Lag

Fliegest du in Richtung Osten,
solltest brav vom Schlaf du kosten.
Fliegst du aber Richtung Westen,
bleibst du doch noch wach am besten.

Dieser eben von mir zurechtgebastelte Merksatz, gilt aber nur für Interkontinentalflüge. Als wir 21 Uhr in New York City landen, ist es erst 18 Uhr in Vancouver. Kommunikationsprobleme oder Abzocke der Shuttle-Unternehmen, lassen uns anderthalb Stunden warten und schließlich kaum weniger Geld zahlen als bei einem normalen Taxi.

9th Avenue 28th. Unsere Gastgeberin smst, wir könnten unten klingeln und falls sie das nicht höre, auf dem Handy anrufen. Die Wohnungstür sei aber offen. Natürlich hört sie weder unser Klingeln noch unser Telefonieren. Dass uns kurz vor Mitternacht noch ein Bewohner ins Haus lässt, muss in New York als Glücksfall gelten. Die Wohnungstür ist auch geschlossen. Sollen wir im Treppenhaus schlafen? Oder unsere Freunde mit den drei Kindern aus dem gegenüberliegenden Aufgang wecken, die aber auch keine Schlafgelegenheit hätten? Bummern wieder und wieder an die Tür, bis sie schließlich wach wird. Wir hätten die Tür nur stark genug drücken müssen. Ein häufig übersehenes kommunikatives Problem: Man will ja niemandem etwas kaputtmachen. Andererseits gibt es auch Grobiane, wie jenen dänischen Punk, den ich 1990 spontan für ein paar Tage in meiner Wohnung übernachten ließ und der es schaffte, den Bart des Wohnungsschlüssels um 180° zu drehen.

Wir legen ab. Ich öffne ein Bier, schaue vom Balkon auf die 9th Avenue. Hallo New York! Da bin ich wieder. Die Nacht ist heiß. Von unten das Lärmen der Autos, Polizeisirenen und der ununterscheidbare Lärm einer Großstadt, die nie schläft.

*

Dschubair formuliert, wie bereits vermutet, einen gereimten Brief an Budûr. Al Mansûr, der wieder als Bote dient, erblickt in ihrem Hause

zehn hochbusige Jungfrauen, wie Monde anzuschauen, und in ihrer Mitte saß die Herrin Budûr, wie der Vollmond.

Sie antwortet mit einem Schmähbrief.

Da rief ich: "Bei Allah, meine Gebieterin, zwischen ihm und dem Tode steht nur noch, dass er diesen Brief lese!" Dann zerriss ich das Schreiben und fuhr fort: "Schreib ihm andere Verse als diese!"

Sie setzt unbeeindruckt zu einer neuen Schmähdichtung an, die letztlich auch ibn Mansûr nicht verschont

Jetzt fand ich Trost; der Schlaf erquickte meine Augen;
Denn aus der Tadler Mund vernahm ich, was geschah.
Mein Herz gehorchte mir, ich konnte dein vergessen;
Und meine Lider fühlten, dass die Ruhe nah.
Wer sprach, so bitter sei die Trennung, hat gelogen;
Ich merkte, dass das Fernsein wie Zucker schmecken kann.
Ich hasse jeden, der mit Kunde von dir nahet,
Und wende mich von ihm, seh ihn voll Ekel an.
Mit allen meinen Gliedern hab ich das Band zerrissen;
Das sehe der Verleumder! Wer’s weiß, der mag es wissen!

Doch wieder rief ich: "Bei Allah, meine Gebieterin, wenn er diese Verse liest, so wird die Seele seinen Leib verlassen!"

Als Budûr von der Heftigkeit der Liebe Dschubairs erfährt, bricht sie in Tränen aus und schreibt ihm Verse der Vergebung.

Und da soll Luhmann noch mal sagen, das Konzept der romantischen Liebe sei im Liebesroman des 18. Jahrhunderts geboren worden! Höchstens mit den Geschichten der 1001 Nächte nach Europa gebracht!

331. Nacht – Seattle-Vancouver

20.-22. Juni

Bahnhof Seattle. Die Zugreise ist bereits gebucht. Vielleicht wäre Fliegen ja sogar billiger gewesen. Aber wir fahren nunmal lieber mit der Bahn. Bei solch kurzen Strecken ist man ja mit der Bahn auch in der Regel schneller, da man sich die ganzen Formalien und den Flughafenstress erspart. Aber die Amerikaner, deren Geschichte ohne die Eisenbahn ja undenkbar ist, scheinen sich zum Ziel gesetzt zu haben, dieses Verkehrsmittel zu unattraktiv wie möglich zu machen. Die Eincheck-Prozedur inklusive Passkontrollen dauert eine Stunde. Zwischen den beiden Städten Seattle und Vancouver, die 235 Kilometer voneinander entfernt liegen, fährt pro Tag nur einmal ein Zug. Die Betreiber-Gesellschaft Amtrak stellt ansonsten noch Busse zur Verfügung. Der Zug fährt mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h und wird dabei natürlich locker von Autos und Bussen überholt. Allerdings kann man den Zügen nicht einen gewissen Komfort absprechen. Die normalen Plätze sind besser als die Sitze der Ersten Klasse in der Deutschen Bahn. Außerdem bieten sie keine Stehplätze an. Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, hängt von der Perspektive ab: Irgendwann ist der Zug eben ausgebucht. Reinquetschen gibt’s nicht. Den Lobbyismus amerikanischer Politik bedenkend vermute ich, dass die allgemeine Vernachlässigung des Bahnverkehrs, der ihn vor allem für die Mittel- und Unterschicht unattraktiv macht, der Stärke der Auto- und Flugzeug-Industrie geschuldet ist. Fotos vom Bahnhof nicht möglich: Wir haben unsere Kamera im Theater verloren.

Ankunft in Vancouver. Bekommen noch eine Nachricht von Graham Myers per SMS, wo in den nächsten drei Tagen Improtheater stattfindet. Eines davon ist eine Burlesk-Strip-Show in Kombination mit Improtheater. Eine andere Gruppe spielt Langform. Aber ich muss sagen, dass ich nach der Woche in Seattle vielleicht zum ersten Mal impro-übersättigt bin. Steffi ist einverstanden, dass diese Tage nur der Erholung dienen sollen, schließlich wartet danach New York City auf uns.

Im Autoradio des Taxifahrers höre ich nebenbei (denn eigentlich konzentrieren wir uns ja auf den Gesamteindruck, den Vancouver uns beim ersten Kennenlernen zu vermitteln versucht) ein Interview mit einer jungen Frau, die irgendeine Situation (welche das ist, verstehen wir nicht), genutzt habe, um in einem Gebäude eine Plünderung zu veranstalten.

Als wir am Nachmittag in der Stadt sind, fallen uns eine Menge netter Leute und, nachdem wir uns einen neuen Fotoapparat gekauft haben, die provisorischen Holz-Türen der Läden auf, auf denen Solidaritätsbekundungen mit der Stadt geschrieben stehen. Sollte es einen Aufruhr gegeben haben?

Und jetzt, da ich dies schreibe, toben Gangs in England, räumen Läden aus. Die Polizei wird nicht Herr der Lage. Das ist kein explodierter Hooliganismus wie in Vancouver. In London, Manchester und Liverpool bricht sich dauerhafter, angestauter Unmut über soziale Ungleichheit Bahn. Es ist natürlich völliger Quatsch, diese hirn- und ziellose Gewalt als sozialen Aufstand zu bezeichnen, wie Marcus Glowe es getan hat. Erhellender ist da schon die Äußerung einer vermummten Frau, die technische Geräte aus einem Laden schleppt: "We’re getting our taxes back." Das Gerede von den zu hohen Steuern vernebelt die Sicht darauf, dass die Schuld an der sozialen Misere in den Großstädten eben nicht die Steuern haben, sondern die Weigerung der Politik, sich mit den Verwerfungen eines ungebremsten Kapitalismus auf jedem Gebiet – Bildung, Stadtentwicklung, Arbeitsmarkt – aktiv auseinanderzusetzen. Einen Vorgeschmack hätte Cameron schon bekommen können, als Jugendliche in den französischen Banlieues in den letzten Jahren immer wieder randalierten: Sie hatten nichts zu verlieren. Ebenso wie in einigen amerikanischen Großstädten schon das Fehlverhalten eines einzigen Polizisten einen Aufruhr auslösen kann, haben wir es mit ähnlicher Gewalt in Europa zu tun. Der einzige Unterschied: Für den amerikanischen Ghetto-Jugendlichen ist die Schusswaffe noch leichter zu erwerben. Für den Europäer sind es Baseballschläger und Molotow-Cocktail. Wer derart desintegriert ist, wem von jeder Seite klargemacht wird, dass er in diesem Leben keine Chance auf Teilhabe hat, der pfeift eben leichter auf Moral, für den ist der Schritt, sich zu bewaffnen, kleiner als es zum fünfhundertsten Mal mit einem schlechtbezahlten Job zu versuchen, der kaum das eigene Leben, geschweige denn das eines eigenen Kindes finanziert. Und wenn der Staat einem nicht einmal genügend Hilfe für die Existenzerhaltung gewährt, ist die Zündschnur gelegt.
Im Übrigen denke ich, dass das Gerede von Friedrich und Körting nur dazu gedacht ist, einerseits zu beschwichtigen und andererseits zu zeigen, was für harte Kerle sie doch im Fall eines Falles wären.

*

Die Dame vertraut nach dieser Nachricht auf den Segen der Zeit. Mansûr kehrt zum Sultan von Basra zurück, lässt sich sein Jahresgeld auszahlen und reist wieder nach Bagdad. Wiederum ein Jahr später besucht Mansûr den Sultan von Basra und ihm fällt die Dame wieder ein. Er geht zu ihrem Haus,

und da ich den Platz vor ihrem Tor gekehrt und gesprengt fand und Eunuchen, Diener und Sklaven dort stehen sah, so sagte ich mir: "Vielleicht hat der Gram ihres Herzens sie überwältigt und sie ist tot."

Vor dem Tor des Hauses von Dschubair ibn Umair lässt ihn gerade die Unaufgeräumtheit und Verlassenheit des Ortes auf den Tod des Eigentümers schließen, was ihn zu einem Trauergedicht veranlasst.

Da trat plötzlich ein schwarzer Sklave zu mir heraus und rief: "Alter schweig! Deine Mutter soll dich verlieren! Warum beklagst du dies Haus mit solchen Versen?"

Die ersten zwei Sätze wären eines Neuköllner Jugendlichen würdig.

Es stellt sich heraus, dass der Herr mitnichten tot ist, sondern nun selbst an Liebeskummer zu Budûr leidet. Ein Brief an die Dame ist ihm tausend Dinare Wert.

330. Nacht – USA 17.-19.6. – Kunstgewolle

17.-19. Juni

Die letzten Tage in Seattle durchwachsen. Man muss abwägen, ob man an den Workshops teilnimmt oder sich abends jede Show anschaut, an der Bar sich mit den Improvisierern austauscht und obendrein noch nach 0 Uhr einen "Drarold" spielt, so wurde spontan ein Format getauft, das im Grunde ein Harold vor wenigen Zuschauern aufgeführt wird, dafür aber mit betrunkenen Zuschauern. Teilweise wirklich besser als die "Harolds mit Handbremse", bei denen kaum Entscheidungen getroffen werden, Hauptsache, es entsteht irgendeine Art Flow. Sowohl Pathos und Kunstgewolle als auch Gagging zugunsten des Publikums fallen ab. Sehr entspannt. Ich entscheide mich also für Drarold und gegen Kelly, die versucht, uns den Narren bei Shakespeare nahezubringen. Sie ist bestimmt keine schlechte Lehrerin, aber meines Erachtens genau wie Paul eigentlich ein Fehlgriff. Beide wussten nicht, was wir tun, zu welcher Art von Performances wir in der Lage sind. So lässt uns Kelly ein Szenario für "Twelfth Night" entwerfen – eine moderne Fassung. Ich lasse mich darauf ein, aber es hat für mich keinerlei Mehrwert und mit unserem Thema "Der Narr" kaum zu tun. Es sind Übungen, die wir im Handumdrehen leisten könnten, aber dafür geht jedes Mal ein halber Tag drauf. Das Glück ist, dass man mit inspirierenden Improvisierern zu tun hat, die jedem Pillepalle noch etwas abgewinnen können.

Randys Thesen zum Thema Narr:
1) Narren können dem König Dinge sagen, für die andere getötet würden.
2) Können wir als Improvisierer nicht die Narren von heute sein?
Ich synthetisiere:
Lasst uns dem Publikum Dinge sagen, für die sie andere töten würden.

Die Theatersport-Shows, bei denen ich einmal auch als Richter arbeite, trashig wie fast überall. Es scheint, als sei das Erarbeitete fast verschwunden.

Entspannt hingegen Sonntags die Chill Out Show. Von den Shows vielleicht das Beste der ganzen Woche. Wie bei den Drarolds die Haltung: Nichts zu gewinnen, nichts zu verlieren.

Was mich hier auch irritiert, sind die öffentlichen Toiletten, über deren Tür ein großer Mann schauen kann, ohne sich auf die Zehenspitzen zu stellen. Obendrein ist zwischen Wand und Tür immer noch ein Türspalt. Unangenehm, wenn man Privatheit, vor allem bei größeren Geschäften erwartet.

Das Zimmer in unserem Hostel ist so ungünstig gelegen, dass ich mich immer im Flur auf den Boden direkt unter die WLAN-Box setze, wenn ich ins Internet will.

*

Nach der Bewirtung überreicht ibn Mansûr den Brief an Dschubair ibn Umair, doch dieser lehnt ab, den Wunsch seiner Ex zu erfüllen. Stattdessen überreicht er ibn Mansûr die fünfhundert Dinare, die ihm die Dame versprochen hatte. Freilich werden auch Musikerinnen herangeholt, Gedichte rezitiert, und ibn Mansûr darf die Nacht beim Emir verbringen. Doch am nächsten Tag kehrt er jedoch zur Dame zurück, um ihr die schlechte Nachricht zu überbringen.

Der 1001-Nacht-Kenner vermutet nun ein sich hinziehendes Postillon d’amour-Spiel.

16.Juni – Impro nach Metronom

16. Juni 2011

Nachdem er die Shows des vorangegangenen Abends sah, kommt Paul auf den Gedanken, sein Konzept zu verändern und unseren Rhythmus zu trainieren. Von nun an hören wir den ganzen Tag über ein Metronom (iPhone) über die Lautsprecher, währenddessen uns Paul kommandiert: Stop, Public, Action usw. Ich weiß nicht, ob dieses Training wirklich jemandem etwas bringt. Mir scheint der ganze Ansatz fraglich. Zu wenig kann man sich auf den Rhythmus einlassen, zu viel wird von Paul kommandiert. Wer seine Contenance verliert (z.B. lacht), muss in die Ecke.
So sinnvoll es im Einzelnen sein mag, sich bestimmter Angewohnheiten auch mal durch krasse Methoden austreiben zu lassen: Hier haben wir kaum Platz zum Ausprobieren. Jede Kleinigkeit wird sanktioniert oder gar kommandiert. Die Improvisation, das Kreative geht verloren.

Am Abend die "Translation Show", eine schöne Erfindung. Im ersten Teil spielt eine Hälfte des Festival-Ensembles so, dass jeder in seiner Muttersprache spricht. In der zweiten Hälfte jeder "in seiner schlechtesten Sprache". Schon im letzten Jahr war es so, dass die zweite Hälfte besser lief, da man auf Reduktion angewiesen war.
Den Clown und Lehrer Paul im ersten Teil mit ins Boot zu nehmen, stellt sich auch als zweischneidig heraus: Er spielt auf Gags und zieht andauernd den Fokus. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als seine Angebote zu verstärken und sie zu überakzeptieren oder ihn praktisch wegzuschicken.

*

Nachdem Mansûr der Dame des Hauses erklärt, dass er ein Tischgenosse Harûn er-Raschîds sei, öffnet sie sich ihm und berichtet von ihrem Verlust: Dschubair ibn Umair esch-Schaibâni, der Emir der Banu Schaibân, hat sie verlassen.

Der Grund war dieser: Eines Tages saß ich da, und meine Sklavin kämmte mir die Haare. Als sie mit dem Kämmen fertig war, flocht sie mir die Zöpfe; und da meine Schönheit und Anmut sie berückten, beugte sie sich über mich und küsste mir die Wange. In dem Augenblick trat er unversehens ein, und als er sah, dass die Sklavin meine Wange küsste, wandte er mir von Stund an zornig den Rücken, entschlossen, mich ewig zu meiden, und sprach diese beiden Verse beim Scheiden:

Soll ich mich in die Liebe mit einem andern teilen,
So lasse ich mein Lieb und leb für mich allein.
In dem geliebten Wesen, das anders in der Liebe
Als der Geliebte will, kann doch nichts Gutes sein.

Sie bittet Mansûr nun, ihren Geliebten aufzusuchen und ihm einen gedichteten Brief zu überbringen. Mansûr stimmt zu, und als er bei Dschubair eintrifft, ist dieser gerade auf Jagd.

Die Jagd des Sultans von Basra scheint inzwischen völlig vergessen.

Als Dschubair zurückkehrt, empfängt er Mansûr wie einen hohen Gast. Er

ließ mich auf seinem eigenen Pfühl ruhen und befahl, den Speisetisch zu bringen. Da brachte man mir einen Tisch aus chorassanischem Chalandsch-Holze mit goldenen Füßen, auf dem sich allerlei Speisen befanden.

328. Nacht – 14.6.2011 – Falling With Grace

Auf dem empfehlenswertenBlog von Andrew Hammel finde ich einen Vergleich verschiedener Indikatoren zwischen Deutschland und den USA, der einem die Entscheidung erleichtern könnte, ob sich das Leben im jeweils anderen Land lohnt.

Mir fällt die Wahl doch überraschend leicht. (Mehr Ländervergleiche hier.)

*

14.6.2011

Der Clown Paul de Bene übernimmt den Workshop, und ich gebe mir Mühe, mich auf das Thema einzulassen. "Walking is falling with grace." Silly walks ohne zu Grimassieren ist vielleicht das Beste in den sechs Stunden. Ansonsten doch viel Gerede über Dinge, die man schon weiß, und am Ende gar 1 Stunde Freeze Tags, was wohl ein bisschen wenig ist, wenn man die lange Reise und die Kosten für diese Workshops bedenkt.

Am Abend die erste Show. Wir werden in Trios zusammengewürfelt und haben jeweils ca. 7 Minuten Zeit. Das Thema Narr kann, muss aber nicht berührt werden. Ich spiele mit Devin und Laurel. Nach vier eher ruhigen Szenen scheint der Publikumsvorschlag "Tornado" wie eine Aufforderung, nun endlich mal Stoff zu geben. Die Szene fassen wir dann schön surreal auf.

 

*

Bevor er Masrûr den Kopf abschlagen lässt, sendet er ihn doch lieber zur Tür, vor der

Ali ibn Mansûr, der Schalk aus Damaskus

wartet. Diesem befiehlt er, eine erlebte Geschichte zu erzählen, und Mansûr beginnt:

Der Sultan von Basra befahl Mansûr einmal, mit ihm auf Jagd zu gehen, und da er das erste Mal in Bagdad weilte, ging Mansûr auf einen Spaziergang durch die Stadt.

Kenner ahnen, was solchen Spaziergängern in den 1001 Nächten in der Regel widerfährt: Er trifft auf ein Haus mit einem zu Spielchen bereiten Mädchen.

Und richtig: Aus einem schönen Haus dringt die Gesangsstimme einer schönen Maid,

die erstrahlte wie der Mond, wenn er in der vierzehnten Nacht am Himmel thront; sie hatte zusammengewachsene Brauen und Augen, die versonnen schauen; ihre Brüste waren wie zwei Granatäpfel gepaart, ihre Lippen wie zwei Chrysanthemen zart; ihr Mund schien Salomos Siegel zu sein, und ihrer Zähne Reihn raubten Sängern und Erzählern den Verstand, so wie ein Dichter für sie Worte fand. (…)

Mansûr dringt in das Haus mit der Entschuldigung ein, er habe Durst.

327. Nacht

Mangelnde Belege für früheste literarische Kindheitserinnerungen: Die früheste Bildergeschichte aus "Bummi", an die ich mich erinnere, ist die Geschichte vom Esel Schnabelschnut, dessen unspannende Abenteuer darin bestanden, dass jeder Gegenstand, den er beleckte, an ihm kleben blieb. In jeder Folge vier Bilder, vier Gegenstände. Vermutlich ein pädagogischer Comic für die Jüngsten. Die zweite Erinnerung ist überlagert von Sekundär-Erinnerungen: Da es eine oft wiederholte Story in meiner Familie ist, kann ich nichts zur Genauigkeit sagen. Es geht um das Buch "Annegret", das mit drei Jahren mein Lieblingsbuch gewesen sein muss. Worum es ging, weiß ich nicht mehr. Aber auf dem letzten Bild sagte ein Schwein: "Ich als Schwein komme zum Schluss, weil ich als Schwein allein bleiben muss." Das Buch kam irgendwie abhanden, vermutlich gestohlen. Angeblich schrie ich noch lange Zeit: "Meine Annegret!!"
Viel habe ich – Ebay sei Dank – aus der Versenkung wieder hervorholen können: Der starke Pit, Der lahme Büffel, und sogar Bürsteltupf aus dem Bummi. Aber bei "Annegret" – ein Buch, das wahrscheinlich nur familienintern so genannt wurde – bin ich aufgeschmissen. Für Hilfe bin ich dankbar, denn ich bin mir sicher, dass aus der Betrachtung noch andere Erinnerungen erwachsen.

*

Alî Schâr wagt, vorsichtig zu widersprechen, als der angebliche König, der in Wahrheit seine Frau und Sklavin Zumurrud ist, ihm die Schenkel weiter oben zu kneten, willigt dann aber ein. Doch damit nicht genug:

"O größter König unserer Zeit", fragte Alî Schâr, "worin soll ich dir gehorchen?" Und als sie antwortete: "Löse deine Hose und leg dich auf dein Gesicht!", rief er: "Das ist etwas, das ich noch nie in meinem Leben gemacht habe! Wenn du mich dazu zwingst, so werde ich dich dessen vor Allah am Auferstehungstage anklagen."

Aber es bleibt ihm nichts übrig.

Da tat er es, und sie stieg ihm auf den Rücken; und er fühlte, was weicher war als Seide und zarter als Sahne. Da sagte er sich: "Dieser König ist mehr wert als alle Frauen. […} Nun rief Alî Schâr: Gott sei Dank, es scheint, dass sein Glied sich nicht aufrichtet." Sie aber sprach: "Alî, mein Glied hat die Gewohnheit, dass es sich nur aufrichtet, wenn es mit der Hand gerieben wird." […] Dann legte sie sich auf den Rücken, nahm seine Hand und führte sie zu ihrem Schoß´. Den fand er weicher als Seide, weiß, rund und ragend, heiß.

Mit Abstand die heißeste "Stelle" bisher in den 1001 Nächten.

Sie gibt sich ihm zu erkennen, und sie feiern ihre Wiedervereinigung:

Er barg seinen Stab in ihrer Tasche und ward zum Pförtner ihrer Tür und zum Vorsteher ihrer Nische.

Am nächsten Tag lässt sie zur Reise rüsten und das Volk einen Stellvertreter bestellen, nimmt einen ordentlichen Batzen aus der Schatzkammer mit und reist mit Alî nach Hause.

Ihm wurden Kinder durch sie geschenkt, und beide lebten in höchster Zufriedenheit, bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen lässt und die Freundesbande zerreißt.

***

Die Geschichte von Dschubair ibn Umair und der Herrin Budûr

Wieder einmal kann der Beherrscher der Gläubigen (m.a.W. Harûn er-Raschîd) nicht einschlafen und bestellt Masrûr zu sich, der ihm einen Rat geben soll, wie er von der Schlaflosigkeit erlöst würde. Dieser empfiehlt ihm:
– Die Besichtigung des Gartens inklusive Blumen, Mond, Sterne, Wasser
– Die heimliche Besichtigung der dreihundert Odalisken
– Weise Männer miteinander disputieren zu lassen
– Junge Männer und Zechgenossen mit lustigen Einfällen kommen zu lassen.

Natur, Sex, Wissenschaft, Komödie

Als der Kalif alles ablehnt, antwortet Masrûr trocken:

"Mein Gebieter, dann lass mir den Kopf abschlagen!"

326. Nacht

Denkt man heute an Zivilcourage, rücken meistens besonders heroische Taten ins Visier: Sich brutalen Schlägern entgegenzustellen etwa.
Wieviel häufiger fehlt es aber an Mut im Kleinen? Vor allem in der Großstadt. Ein Mann liegt hilflos auf der Treppe, ruft nach Hilfe. Je mehr Menschen anwesen sind, umso unwahrscheinlicher ist es, dass ihm geholfen wird.

 

In der Psychologie wird dies als Bystander-Effekt bezeichnet.

Als soziale Wesen haben wir einen gewissen Hang zum Übereinstimmen. Es fühlt sich für die meisten unangenehm an, Außenseiter zu sein.

 

In seiner extremen Form führt der Mitläufer-Effekt zu Auswüchsen wie in Abu Ghraib (um ein Beispiel nach 1945 zu nennen). Vorweggenommen vom Milgram Experiment und dem Stanford Prison Experiment von Philip Zimbardo, der später einem der Angeklagten von Abu Ghraib als psychologischer Berater zur Seite stand.

Wenn wir nicht erkennen, dass das Böse in uns allen steckt, wird es uns schwer fallen, die Situationen zu erkennen, die es hervorbringen. Dann fahren wir fort, es zu essentialisieren, zu hospitalisieren, zu externalisieren.

Gut sein muss trainiert werden. Zimbardo plädiert dafür, Zivilcourage schon bei Kindern zu trainieren und ihr Heldenbild zu verändern: Weg von Superhelden, hin zu Helden des Alltags. Wir müssen den Fokus weglenken von den traditionellen Helden, die ihr Leben um ihr Heldentum herum organisiert haben, so wie Gandhi, Mandela, Martin Luther King. Wir brauchen Helden auf Abruf. Menschen, die bereit sind, abzuweichen, wenn es darauf ankommt. Menschen, die auf die Gemeinschaft statt auf ihr Ego fokussieren.

 

***

Man führt Alî Schâr zu Zumurrud, der sie natürlich nicht erkennt (sie ihn schon). Er berichtet seine Geschichte und sie führt wieder den Hokuspokus mit geomantischer Tafel und Messingstift auf, wobei sie zu dem Ergebnis kommt, er sage die Wahrheit.

Man könnte die Passagen der geschummelten Nutzung der geomantischen Tafel auch als ironischen Seitenhieb auf derartige Praktiken verstehen.

Sie lässt ihn fürstlich ein kleiden, worüber das Volk erstaunt ist. Am Abend lässt sie ihn ihr Schlafgemach, in dem außer ihr nur zwei kleine Eunuchen sind, führen und stellt sich schlafend.

Wie die Leute hörten, dass sie nach ihm gesandt hatten, wunderten sie sich darüber.

Woher erfuhren "die Leute" davon?

Alî erkennt seine Frau immer noch nicht. Und sie denkt bei sich:

"Ich muss doch noch eine Weile Scherz mit ihm treiben, ohne dass ich mich zu erkennen gebe."

Sie teilt das Essen mit ihm und befiehlt ihm dann:

"Komm zu mir auf das Lager und knete mich!" Er begann, ihr die Füße und Schenkel zu kneten und fand, dass sie weicher als Seide waren. Nun befahl sie: "Geh höher hinauf mit dem Kneten"

325. Nacht

Ich bin der Auserwählte. Oder einer der Auserwählten. Gehöre zu den 3% Berlinern, die für den Zensus interviewt werden. Instinktiv fühle ich mich ja immer noch mit der Volkszählungs-Boykott-Bewegung von 1983 verbunden, obwohl ich nicht einmal volljährig oder auch nur Bundesbürger war. Womöglich faszinierte mich schon allein der Ungehorsam gegen den Staat. Immerhin hörte man ja viel von jenem 1948 geschriebenen Roman 1984, der auch prompt 1983 verfilmt wurde und von dem man nur Schnipsel zu sehen bekam – immerhin in einem Video meiner damaligen Lieblingsband.

Nun kann ich schon verstehen, dass geplant werden muss: Wieviele sind wir eigentlich? Oder muss man das wirklich? Was wird nach der Volkszählung besser? Sachsen-Anhalt würde dann weniger aus dem Länderfinanzausgleich bekommen. Na, da freuen die sich wohl jetzt schon drauf.

Man ist ja gesetzlich dazu verpflichtet, die Fragen zu beantworten. Aber steht irgendwo geschrieben, in welcher Zeit? Vielleicht sollte ich die Dame einfach sitzen lassen, nebenbei kochen und telefonieren. Und wenn sie nachhakt, darauf beharren, über die Antwort nachdenken zu müssen. Aber vielleicht wird sie ja nicht pro Interview, sondern nach Zeit bezahlt, und es wäre ihr egal. In diesem Fall könnte ich während des Interviews ohrenbetäubenden Death Metal auflegen. Ist ja nicht mein Problem, wenn sie die Antworten nicht versteht. Oder mit Gegenfragen antworten. Stephan Serin wird wohl in den nächsten Wochen noch ein paar Optionen zur Zensus-Beantwortung bei der Chaussee der Enthusiasten präsentieren.

*

Alî Schâr ist vom Trennungsschmerz so ergriffen, dass er von der Alten ein Jahr lang gepflegt werden muss. Als er sich jedoch anschickt, ein zweites Jahr zu trauern, ordnet sie an, er möge sich zusammenreißen und die Geliebte suchen Sie gibt ihm

Wein zu trinken und Küken zu essen.

Hühnerbrühe am Tag und Wick Medinait für die Nacht.

Und tatsächlich gelangt er bei seiner Suche in die Stadt Zumurruds, wo er sich prompt an die Stelle des Tischs mit der Reisschüssel setzt und davon isst. Zumurrud lässt ihn zunächst gewähren und ihn dann vor sich führen.

Könnte eine solche Geschichte nicht auch mal tragisch enden und sie lässt ihren eigenen Lover kreuzigen? Wir werden sehen.

324. Nacht

Nach über zwanzig Jahren ist nur wenig von den Gerüchen geblieben im ehemaligen Pionierhaus "German Titow": Im Erdgeschoss schwebte eine Wolke von Kinder-Klo-Geruch und dem Jugendschweiß der Rhönradfahrer und Tänzer. Im ersten Geschoss, wo man die Schreibzirkel, den Russisch-Club und lange Zeit auch die Kinderbibliothek fand, roch es nach altem Papier und Büchern. Näherte man sich dem Kinosaal roch es nach den gepolsterten Holzsitzen, die einem schon die Filmaufregung vorab ins Hirn trieben, inklusive Streit mit den vor einem Sitzenden, die ihre Köpfe immer viel zu hoch reckten. Bei den Bastlern roch es nach Kolophonium, gebranntem Holz und Leim. Die Elektro-Techniker unter ihnen hängten ihre zusammengeschraubten Geräte an die Wände – zum Spielen für einfache, von Elektronik unbeleckte Kinder, darunter Knobel-Rechner mit Lämpchen, ein 60×60 Zentimeter großer Taschenrechner, und ein Fernseher, auf dem man Pong spielen konnte, wobei ich vermute, dass die Kunst hier darin bestand, die geklaute Software ohne Probleme auf einen DDR-Steinzeit-Rechner zu übertragen. Im obersten Geschoss übte das Orchester. Und ganz oben, unterm Dach – viele ahnten wahrscheinlich nicht einmal, dass es dort weiterging, wurden die Instrumental-Schüler einzeln in Rhythmus, Kinn- und Fingerhaltung gedrillt. Es roch nach Dachboden, Taubenschiss und Klarinettenspucke. Letzteres bildete ich mir zumindest ein. Denn ich selber kam jede Woche donnerstags mit einem Klarinettenköfferchen und dem schlechten Gewissen, nicht genug geübt zu haben, ins Pionierhaus. Westler glauben ja oft, man hätte in solchen Häusern nur Zutritt mit Halstuch gehabt. Das Politische war dabei völlig nebensächlich oder, wie im Fall des Orchesters, praktisch gar nicht vorhanden.
Und nun sitzen dort die Puppenspieler der Schauspielschule Ernst Busch. Sicher nicht die schlechteste Verwendung für solch ein Haus. Man hätte es Berlin auch zugetraut, dass sie dort eine Unterabteilung der Senatsverwaltung für Verkehr plazieren. Und doch – mir wird mulmig, als ich durch die Gänge schlendere, kribbelig auf der Suche erhaltener Spuren – eine einzige unrenovierte Tür, ein ungestrichenes Geländer oder eine kleine Skulptur. Kaum etwas finde ich wieder: die Schaukästen am ehemaligen Kino gibt es noch. Und eine leichte Ahnung des Geruchs von früher. Aber vielleicht bilde ich mir den auch nur ein.

*

Zumurrud ist weiterhin bekümmert über das Fehlen von Alî Schâr und sie spricht sich durch Gedichte Mut zu, etwa:

Bezähme deinen Sinn, wenn dich der Zorn ergreifet;
Und sei geduldig, wenn ein Unglück dich befällt.
Denn siehe da, die Nächte sind vom Schicksal schwanger,
Sie lasten schwer und bringen manch Wunderding zur Welt.

Als sie dem noch ein langes Gebet anfügt, tritt ein Jüngling zum Tor herein;

dessen Wuchs glich dem eines Weidenzweiges, doch sein Leib war abgezehrt, und Blässe lag auf seinem Antlitz.

Und ausgerechnet vor der unglückbringenden Reisschüssel setzt er sich nieder, doch Zumurrud darf nicht zeigen, dass sie ihn kennt.
Flashback: Als er aus seinem Schlaf erwacht war und sich beraubt fand, kehrte er zur Alten zurück, der er sein Leid klagte.

Sie schalt ihn so lange, bis ihm das Blut aus der Nase strömte.

323. Nacht

Raschîd ed-Dîn ergeht es wie den drei Schurken zuvor: Er setzt sich auf den falschen Platz, wird von Zumurrud erkannt und von den Wächtern geschunden, seine Haut mit Werg ausgestopft und aufgehängt. Als sie nach der Volks-Speisung wieder in ihre Kammer geht, spricht sie:

"Allah sei gepriesen, dass er meinem Herzen Ruhe geschaffen hat vor denen, die mir Übles taten. (…) Allah, der mir Gewalt gab über meinen Feind wird mich auch gnädiug wieder vereinen mit meinem Freund!"

Alles eine Frage der Zeit und nicht der Heldenentwicklung?

322. Nacht

Dem Kurden Dschawân wird das gleiche Schicksal zuteil: Häuten und Aufhängen. Einen Monat später wieder Volksküche.

Und man fragt sich, wie wohl dem Volk dabei ist, wenn jedes Mal ein Fremder gemeuchelt wird.

Inzwischen sind vor der Schüssel schon vier Plätze frei. Und tatsächlich setzt sich wieder ein Fremder hin. Diesmal der dritte Widersacher Zumurruds – der Christ Raschîd ed-Dîn.

321. Nacht.

Die Entlarvung des Christen erhöht Zumurruds Ansehen beim Volk:

"Dieser König ist ein Seher, der in der Welt nicht seinesgleichen hat." Darauf gab die Königin den Befehl, der Nazarener solle geschunden werden, seine Haut solle mit Häcksel ausgestopft und über dem Tor zu dem Platze aufgehängt werden; ferner solle man eine Grube draußen vor der Stadt graben und darin sein Fleisch und seine Knochen verbrennen, und dann solle man Schmutz und Unrat auf ihn werfen. "Wir hören und gehorchen!", sprachen ihre Mannen, und sie taten mit dem Christen alles, was sie ihnen befohlen hatte.

Auch diese Lektion aus dem Politikerhandbuch scheint sie gelernt zu haben: Irgendwann dem Volk zeigen, dass man in der Lage ist, hart durchzugreifen und das Exempel am besten an einem Außenseiter statuieren.

Als sie zum dritten Mal die Tafel richtet, erkennt sie in der Menge den Kurden Dschawân, der sich genau an den von allen gemiedenen Platz des Christen setzt und obendrein auch die Hand nach der Schüssel süßen Reis ausstreckt.

Der Haschischkerl, von dem wir auch schon erzählt haben, saß neben ihm; und als er sah, dass der Kurde die Schüssel an sich heranzog, lief er von seinem Platze fort, der Haschischrauch entwich aus seinem Kopfe, und er setzte sich weit weg, indem er rief: "Nach dieser Schüssel gelüstet mich nicht mehr!" Doch der Kurde Dschawân streckte die Hand nach der Schüssel aus in Gestalt einer Rabenklaue, schöpfte mit ihr und zog sie geballt zurück, so dass sie einem Kamelshufe glich.

320. Nacht

Zumurrud beschließt, die Volksküchentradition beizubehalten, und beim nächsten Neumond hält sie wieder eine Massenbeköstigung ab und erkennt dabei in der Menge Barsûm, den Christen, der sie damals raubte:

"Dies ist das erste Vorzeichen des Trostes und der Erfüllung meiner Wünsche!"

Barsûm greift nach einer etwas entfernt von ihm stehenden Schüssel mit süßem Reis, wofür man ihn tadelt:

"Wie kannst du deine Hände nach etwas ausstrecken, das fern von dir steht!"

Ausgerechnet ein Haschischesser nimmt ihn in Schutz. Es kommt zum Handgemenge, und die Zumurrud lässt ihn vor sich führen:

"Du da, Blauauge, wie heißt du? Und weshalb kommst du in unser Land?"

Sie betreibt etwas Schmu mit einer geomantischen Tafel und spricht:

"O du Hund, wie kannst du es wagen, Könige zu belügen? Bist du nicht ein Christ? Heißt du nicht Barsûm? Bist du nicht gekommen, um etwas zu suchen?"

Barsûm gesteht.

319. Nacht

Neulich vor der Lesung: Wir drehen wegen eines Soundchecks die Hintergrundmusik runter. Als wir fertig sind, gehen wir an die Bar. Die bedienenden Mädchen: "Diese Stille ist so unheimlich." Tatsächlich kann man sich das gar nicht mehr vorstellen, wie dieselbe Situation vor 40 Jahren ausgesehen hätte. Vielleicht hätte da irgendwo ein Radio gedudelt. Ohne Band keine Beschallung. Hier und da eine Jukebox, ein Plattenspieler mit lächerlicher Verstärkung.
Warum hieß Ilja Richters Show eigentlich "disco", wo doch die Bands live auftraten?

*

 

In allen Ehren auf den Thron geführt, lässt Zumurrud die Schatzkammern öffnen und verteilt Geschenke an die Krieger.

Alter politischer Trick der neu zur Macht Gekommenen: Sich die Gunst derer sichern, die man braucht, um einen zu stürzen. Zufriedene Krieger putschen nicht. Oder wie Samuel Huntington sagte: "Give them toys." Und er fügte hinzu, dass man sich um die Marine weniger Sorgen zu machen brauche. Admirale putschen nicht.

Aber auch das Volk macht sie sich gewogen:

denn sie hob Steuern auf und ließ den Gefangenen freien Lauf, und sie schaffte die Bedrückungen ab, so dass alles Volk sie liebgewann.

Aber sie hat ihren Mann, Alî Schâr, nicht vergessen

Dir gilt, trotz all der Zeit, mein Sehnen stets aufs neue;
Des wunden Auges Tränen werden immer mehr.
Und weine ich, so wein ich um Liebesleides willen;
Denn ach, die Trennung wird dem Herzen schwer.

Angesichts der möglichen Entdeckung ihrer Weiblichkeit schickt sie Sklavinnen und Nebenfrauen in getrennte Räume:

sie wolle für sich allein leben, ganz der Frömmigkeit ergeben.

Nach einem Jahr lässt sie Bauherren und Zimmerleute einen Platz von der Länge und Breite einer Parasange (ca. 6 km) herrichten. Nachdem das geschehen ist, lädt sie das gesamte Volk ein, am Tisch des Königs zu speisen.

Und wer nicht gehorche, der solle über der Tür seines Hauses aufgehängt werden.

Daraus spricht wohl die Angst, bei der Party allein zu bleiben. Man kennt ja die Ausreden: Ich habe gerade einen Auftritt in Karlsruhe, meine Tochter hat Halsschmerzen, mein Onkel ist zu Besuch. Gut, wenn einem dann solches Drohpotential zur Verfügung steht.

Bei der Feier essen alle bis auf Zumurrud, die sich auf den Thron setzt.

Und jeder, der am Tische saß, sagte sich: "Der König sieht mich allein an."

318. Nacht

In der Höhle mit des Räubers Mutter allein gelassen, greift Zumurrud zu einer List:

"Soll ich denn warten, bis jene vierzig Kerle kommen und mich abwechselnd schänden und mich einem Schiffe gleich machen, das im Meere untergeht?" Darauf wandte sie sich zu der Alten, der Mutter des Kurden Dschawân, und sprach zu ihr: "Liebe Muhme, willst du nicht mit mir aus der Höhle hinausgehen, damit ich dich lausen kann."

Während sie die Alte laust, schläft diese vor Wohlbehagen ein.

Sofort sprang Zumurrud auf, zog die Kleider des Kriegers an, den der Kurde Dschawân ermordet hatte, gürtete sich sein Schwert um die Hüften und band sich seinen Turban ums Haupt, so dass sie wie ein Mann aussah. Dann bestieg sie das Ross, nachdem sie die Satteltaschen mit Gold aufgeladen hatte.

Warum sie nicht in Frauenkleidern zurückreitet und Alî Schâr sucht, bleibt unklar. Ist sie als Frau leichte Beute?

Um nicht den Männern des getöteten Kriegers zu begegnen, wendet sie sich von der Stadt ab und reitet durch die Steppe und ernährt sich zehn Tage von Kräutern. Als sie eine Stadt erblickt, reitet sie darauf zu und wird von den Bewohnern freudig begrüßt:

"Allah gebe dir Heil und Sieg, o unser Herr und Sultan!"

Auf ihre Irritation hin, erklärt ihr der Kammerherr den seltsamen Brauch,

"dass die Krieger, wenn ein König stirbt, ohne einen Sohn zu hinterlassen, vor die Stadt ausziehen und dort drei Tage lagern. Und wer immer auf dem Wege naht, auf dem du gekommen bist, den machen sie zum Sultan über sich."

Was geschieht, wenn die drei Tage um sind und keiner vorbeigekommen ist, sagt der Kammerherr nicht.

Zumurrud erkennt schnell die Lage:

"Glaubet nicht, ich sei vom gemeinen Volk der Türken! Nein, ich bin einer von den Söhnen der Vornehmen."

Und von dem Gold der Satteltaschen spendiert sie Almosen.