In unserem Sommer-Experiment näherten wir uns in den Proben den Genres (auf die wir uns natürlich zuhause bereits vorbereitet hatten), über typische Szenen. Kurze Assoziationsrunden – Wie könnten typische Shakespeare- oder Tschechow-Szenen aussehen? Kurz anspielen, nächste Szene. Wie sprechen die Figuren miteinander? Was sind typische Figuren, und in welchen Problemen und szenischen Settings finden wir sie? Die einzige Ausnahme, bei der das nicht so funktionierte, war wohl, wie ich bereits berichtete, Brecht, da bei ihm das Faszinierende eher ist: Wie bringt er seine Themen auf die Bühne, welche Mittel und Parabeln benutzt er, was will der Mann überhaupt?
Man könnte auch sagen, dass wir uns den Stilen und Genres vom Faszinosum her genähert haben. Sehr sinnfällig wurde es bei der Probe zu Tschechow. Im Grunde wussten wir nicht so recht, was wir damit anfangen sollten: Figuren, die aneinander vorbeireden, die nur reden und nichts tun. „OK. Dann probieren wir doch mal genau das.“ Und damit war die Nuss geknackt.
Die Probe zum Genre Surrealismus hingegen war einerseits sehr leicht: Wir alle hatten unsere Freude an der Verspieltheit und am Zulassen von seltsamer Symbolik und von Traumwelten – die Freilassung sämtlicher Impro-Spinnereien. Die Schwierigkeit bestand vielmehr darin, wie sich das Ganze so eindämmen lässt, dass am Ende doch eine aufführbare und anssehenswerte Form entsteht.
(Im Übrigen haben wir uns bei den Proben gar nicht erst mit irgendwelchen Warm Ups aufgehalten, sondern sind sofort zur Sache gekommen. Und man kann nicht sagen, dass das geschadet hätte.)
Keith Johnstone Interview 25 September 2011 Berlin
http://impro-news.podspot.de/files/Johnstoneinterview.mp3
„You don’t become a good storyteller if you only play theater games.“
„You cannot assume that the audience like it just because they laugh. Also, small laughs are useless, they fragment the audience. The only laughs of any value are when the whole audience goes Wooof, like that.“
„Suggestions take away the responsibility from the actors.“
„It doesn’t really work to improvise the structure.“
„I’m not really an expert. I’ve seen two Harolds by the guys who invented them, two by Dave Shepherd and two by Del Close. But I really didn’t understand why they did it.“
„You know that something is wrong if you don’t play for your contemporaries.“
„Maybe it’s all wonderful now. But my suspicion is that the place is full of people trying to make it safe. (…) There are games which are absolutely pointless, like „only questions“. People rehearse questions, so they don’t lose.“
Als sich der sportliche Aspekt im Theatersport bei Loose Moose verselbständigte, kehrte Johnstone ihnen den Rücken zu. Er kam wieder mit der Bedingung, dass die Identifikation mit dem eigenen Team aufhöre, dass die Spieler aufhörten, nach dem Punktestand zu schielen und dass sie bereit sind, sich jedem Team zuteilen zu lassen.
„An improv league is worse than sports between countries. Everybody is desperate to take the rubber chicken or whatever it is, home.“
„Theatersports is disappointing. It’s not political, it’s not social. It’s like a saw that cuts nothing.“
„I don’t like normal theater either. I like good theater an I like good improvised theater. But where the hell do I get it?“
„You need a packed house to enjoy silent movies.“
„If you’re spontaneous you don’t think in words before you do it.“
„My brain is much more clever than I am.“
„You don’t teach students just games. You teach them not to be in the way of what something else wants to do.“
*
Johnstone fordert einerseits, dass Improspieler Risiken eingehen sollen und lobt z.B. Rebecca Northan, die mit einem Zuschauer anderthalb Stunden „Blind Date“ auf der Bühne spielt. Andererseits kritisiert er ein Ensemble aus San Francisco, das ein 40minütiges Musical improvisiert und sich fürs Scheitern keine spielerische Sicherheit einbaut.
Johnstone glaubt nicht, dass Vorschläge beweisen könnten, dass alles improvisiert wäre. Damit hat er wohl recht. Allerdings hat das auch mit der Präsentation zu tun. Wenn wir Impro als Sensation wie einen großartigen Zaubertrick darstellen, gibt es wie eben bei Zauberkünstlern immer Skeptiker. Wenn wir aber die Improvisation nur nonchalant erwähnen, werden die Skeptiker weniger. Außerdem spielt auch der Bekanntheitsgrad von Impro in unsere Hände.
Phasen des Sinns für strukturelle Schönheit
„Es gab immer wieder kurze historische Phasen, in denen es einen Schwung an guten Dramatikern gab, gefolgt von langen historischen Perioden, in denen uns die Künstler nichts Nennenswertes hinterlassen haben. Ich denke an die kurze Zeit der antiken griechischen Dramatiker und die Shakespeare-Zeit. In diesen Zeiten wussten die Künstler um die Schönheit von Struktur. Das war es, was den anderen Generationen verlorenging.“ (Keith Johnstone sinngemäß 24.9.11)
Habe dazu noch keine Meinung. Abgesehen davon, dass KJ hier natürlich auch ausblendet, dass es Epochen gab, die für Künstler eher günstig waren und dass es auch sein kann, dass gerade aus der Antike große Werke einfach nicht mehr erhalten sind, so hat der Gedanke doch eine gewisse Kraft.
Keith Johnstone in Berlin
Am 24. Spetember weilte Keith Johnstone in Berlin und stellte im English Theater sein Buch „Wie meine Frau dem Wahnsinn verfiel“ der Öffentlichkeit vor.
Wer gekommen war, um Gedanken zu Improvisation zu hören, war sicherlich enttäuscht. Aber einem 80 Jahre alten Mann darf man sicherlich nicht böse sein, wenn er immer wieder in Erinnerungen an Begegnungen mit Menschen wie Beckett und Gaskill abdriftet. Auch darf man nicht vergessen, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Stunden Unterricht in den Knochen hatte.
Als das Publikum schließlich immer wieder nachhakte, ließ er die Katze aus dem Sack: Er schaue sich seit 25 Jahren keine Impro-Shows an. In den USA sei es besonders schlimm – dort nenne man Impro „Improv“ und glaube, mit unstrukturierten Langformen das Publikum zufriedenstellen zu können. Ihm sei es immer um Struktur gegangen, so wie etwa bei der Commedia dell’arte.
In dem Moment dachte ich: „Armer alter Mann!“ Wenn man schon seit 25 Jahren nicht mehr die Kraft hat, sich Impro-Shows anzuschauen (was ich bei der Masse an geschmacklosem Zeug durchaus verstehen kann), dann muss man doch auch die Würde haben, dazu zu schweigen. Wie kann er sich über amerikanisches Improtheater qualifiziert äußern, wenn er dessen Entwicklung überhaupt nicht kennt? Ich vermute, die Spitze gegen „unstrukturierte Impro“ richtet sich gegen die Aufführungspraxis des Harold. Diese Meinung ist ja durchaus legitim, aber er scheint ja nicht mal zu wissen, was sich in den anderen Bereichen der „strukturierten“ Impro tut.
Ach, Keith, du hast der Welt so viel Gutes gegeben. Reiß es nicht auf den letzten Metern ein.
Asaf Ronen – Ausrufezeichen – Game für Fokus, Emotion und Klarheit
Endlich ein schönes Spiel gefunden, das Fokus, Emotion und Klarheit vereint: Die Spieler sprechen mit Ausrufezeichen. Mehr ist nicht nötig. Neulich im Workshop ausprobiert. Es funktioniert wunderbar.
Den Tip verdanke ich Asaf Ronens fantastischem Buch „Directing Improv“
Marionetten
Ein Klassiker unter den Impro-Games ist das Marionetten-Spiel. Nach langer Zeit mal wieder im Workshop eingebaut und es dann doch schnell gleich fallengelassen. Zumindest in der Form, in der ich es kenne, scheint es mir kontraproduktiv: Zug um Zug, einer wird bewegt und spricht dann. Das Ausharren in der Starre lässt die Spieler zu sehr in den Kopf gehen, statt die Bewegung und den Gestus sie auf natürliche Weise inspirieren zu lassen.
Wer stehenbleibt und nachdenkt, ist immer weniger spontan als der, der sich bewegt.
Knock, knock
Don’t knock on the door. Be inside.
Wie umgehen mit
Melodramatische Tendenzen
Improvisierte Szenen und Stücke, die hinterher sowohl von Publikum als auch Spielern für ungewöhnlich gut befunden werden, haben oft melodramatische Enden. Ein wohliger Seufzer geht durchs Publikum, das Klavier schwillt an…
Auch uns hat diese Tendenz teilweise erwischt. Das wurde mir klar, als wir in den letzten Wochen Liebesszenen einmal in einem Brecht- und einmal in einem Surrealismus-Stück spielten. Melodram ist hier so wesensfremd, dass wir den Schmalz im letzten Moment zerstören mussten.
Flake über Anpassung ans Publikum (und sein Leben)
„Ab dem Moment, wo man Erfolg haben will, macht man wat, wat man nicht machen will, weil, man will ja Erfolg haben. Das ist genau so, wie wenn man Musik macht für Fans: „Wat könnte dem Fan gefallen?“ Ab dem Moment, wo man dit denkt, kann man aufhören.“ (Flake)
… Weiterlesen
Ausblenden von Komplexität
Könnte es Beim Einstudieren von Genres hilfreich sein, Deutungen und Interpretationen von Werken bewusst auszublenden? Diesen Eindruck hatten wir vor allem bei Tschechow, Brecht und den Surrealisten.
Tschechow konnten wir knacken, indem wir die politischen Deutungen ausblendeten – die ergeben sich unter Umständen von ganz allein. Wir näherten uns ihm, weil es uns gelang, die Stücke als Komödien aufzufassen, was er, wie wir beim Nachlesen feststellten, ja auch selber getan hatte.
Der Surrealismus trug bei seiner Entstehung seine Deutung schon quasi mit im Gepäck, da sich seine Protagonisten viel mit Psychologie (was damals praktisch dasselbe war wie Psychoanalyse) befassten. Die Schwierigkeit für unseren Schaffensprozess bestand nun darin, die Deutungen nicht schon vorwegzunehmen, was ja das Schaffen eher lähmt. Einige der Mechanismen, mit denen Psychoanalyse arbeitet – wie z.B. freies Assoziieren – sind uns ja sehr vertraut. Wir konnten also frei damit arbeiten, so wie es übrigens auch Bunuel und Dalí auch taten. Schwierig war es auch gerade beim Surrealismus, die genre-bildenden Elemente von den zufälligen Elementen des jeweiligen Künstlers zu unterscheiden. Z.B. also das stilbildende Assoziative des Surrealismus vom künstlertypischen Element der Gewalt bei Bunuel.
Brecht ist vielleicht der Schwierigste von allen gewesen; denn ihn kann man ja nicht von seiner politischen Aussage trennen. Auf die wird er freilich oft reduziert und in den Impro-Kopien entsteht dann ein billiger Agitprop-Abklatsch. Auch muss man viel von Brechts eigenen Theater- und Schauspiel-Vorstellungen ausblenden. Das von Brecht so verachtete Einfühlen in eine Rolle etwa zugunsten der zeigenden Skizze lässt dann oft nur noch eine Schablone übrig, wenn man es missversteht. Den V-Effekt wenden wir sowieso andauernd im Improtheater an. Die Sprache Brechts wäre eine Möglichkeit gewesen, sich ihm zu nähern. Aber auch die ist wieder so flexibel, in jedem Stück, jeder Rolle anders. Also war für uns der Begriff des „Versuchs“ hilfreich. Sowie die Brechtsche Grundfrage: Kann ein Mensch in einer bösen Gesellschaft gut sein? Auch Brecht kommt nicht ohne Helden aus. Aber ihm fehlt jegliches melodramatisches Element.
Proben im Sommer
Mit jeder weiteren Probe, jeder weiteren Probe im Foxy Spezial-Sommer erweitert sich der Horizont.
1. Das Verhältnis zum Publikum. Wir finden tiefer in die Inhalte. Nicht das Improvisieren an sich steht im Vordergrund, sondern was gesagt wird, wie es gespielt wird, wie wir das Genre bzw. den Stil umsetzen.
2. Das Verhältnis zu einigen „Regeln“. Über die Relativierung von Akzeptieren und „Zug um Zug“ schrieb ich hier bereits. Aber auch unser Verhältnis zu Storytelling ändert sich. Warum brauchen wir einen Protagonisten? Warum soll die Handlung logisch sein? Warum sollen wir Elemente wieder einführen? Warum sollen wir positiv starten? Warum sollen wir uns in Zeit und Ort bewegen? Warum handeln? Gezielt an diesen Forderungen vorbeizuspielen, und das bei vollem Einsatz improvisatorischer Fähigkeiten, zeigt nicht nur, wozu diese Regeln gut sind, aber auch, dass es auch ohne sie geht.
Noch einmal: Zug um Zug
Zug um Zug
Als eine der wichtigsten Grundregeln des Improtheater gilt das Prinzip „Zug um Zug“: Du sagst deinen Part, dann sag ich meinen Part. Eigentlich könnte man annehmen, dass das ja wohl völlig normal sei – schließlich ist es ja das Prinzip einer normalen Kommunikation. Und doch sehen wir gerade bei Anfängern die Tendenz, Endlos-Passagen zu reden oder den anderen zu kommandieren und die Ausführung der Kommandos zu kommentieren. Hintergrund dieses Verhaltens ist natürlich wie so oft, die Angst, sich auf das Unbekannte (d.h. auf die Angebote des Partners) einzulassen. Spielern, denen es schwer fällt, Zug um Zug zu agieren, unterbrechen einander auch häufiger oder antworten, ohne richtig zugehört zu haben.
Zug-um-Zug-Training müsste also auch Entspannungstraining sein: Ich habe nichts vor den Angeboten meiner Mitspieler zu befürchten.
Wenn es nur um Regelbefolgung ginge, wäre die ganze Sache ja egal; aber durch das hektische Geplapper wird eher Sinn verhindert und man verhindert, sich von den Angeboten der Mitspieler inspirieren zu lassen. Außerdem wirken die Spieler viel magischer, wenn sie Zug um Zug in der Lage sind, aufeinander einzugehen.
Wenn wir uns aber gescriptete Theaterstücke oder Drehbücher anschauen, werden wir feststellen, dass diese, was die Textmenge und einzelnen Passagen betrifft, gar nicht immer ausgeglichen sind. Akteure begründen, moralisieren, phantasieren usw., und zwar in mehr als nur ein oder zwei Sätzen. Auch das muss gehört dazu und muss ausgehalten werden. Tatsächlich kann jemand auch gut und gerne mal drei Minuten reden und der andere Spieler schweigen. Sie sollten sich nur einig sein, dasselbe Spiel zu spielen.
Hingabe
„Singe nicht in Anführungszeichen!“ (Agnes Bethke)
Versuch, über Brecht zu improvisieren
Nach Tschechow wieder eine völlig neue Erfahrung, eine Story anzugehen. Ich muss sagen, wir haben Brecht sicherlich nicht so gemeistert wie den Russen in der letzten Woche. Aber wenn Bertolt gesehen hätte, wie wir uns ihm von verschiedenen Seiten genähert haben, hätte ihn das sicherlich gefreut.
Aus der Sicht des Improvisierers ist mir natürlich auch wieder einmal klar geworden, wie sehr wir im Improtheater zu Melodramatik neigen. In einem längeren Stück zeigten wir einen unsicheren Mann, der versucht, über Facebook eine Freundin kennenzulernen und der erst am Ende versteht, dass es sein eigener Mitbewohner ist, mit dem er chattet und in den er verliebt ist. Die beiden treffen sich zum Date im Park. Jeder Improvisierer ist hier natürlich instinktiv froh, die Story rund hinbekommen zu haben. Aber es widerspricht natürlich völlig dem Brechtschen Ansatz, die Moral von der Geschicht in eine Psycho-Botschaft zu verpacken (á la „Der Mensch, den du liebst, steht neben dir.“) Vielmehr geht es immer um soziale Zusammenhänge. Damit herumzuexperimentieren, macht natürlich außerordentlich Spaß.
Und wir haben – schließlich sind wir bei Brecht – durch den V-Effekt alle Möglichkeiten, dies auch auf der Bühne zu diskutieren. „Endlich! Endlich!“, geht es mir durch den Kopf – improvisierte wahre Dialoge auf der Impro-Bühne, also das, was wir bei der Chaussee der Enthusiasten schon seit Jahren tun.
Tschechow improvisieren
Ich habe hier schon vor zwei Wochen einen Artikel über unsere Probe zu Tschechow geschrieben. Gestern also die Aufführung. Trotz allem Spaß bei der Probe, waren wir durchaus auch etwas skeptisch, ob das Publikum diesen Spaß würde teilen können. Und tatsächlich: Es hat funktioniert. Es wurde gelacht, es gab gespannte Ruhe, keine Nervosität. Alle sind nach der Pause geblieben. (Wenn 5-10% nichts damit anfangen konnten, waren sie zumindest so höflich, es nicht zu zeigen und ihre kritischen Gedanken für Zuhause aufzusparen.
Als Inspiration ließen wir uns einen Titel geben, einen fiktiven russischen Ortsnamen sowie vier Haupt-Charaktere.
Daraufhin improvisierten wir ein zweistündiges Stück in vier Akten. Beim Umgang mit Tschechow wurde mir immer mehr bewusst, wie sehr unser Impro-Spiel und überhaupt viele Improtheater-Konventionen sich auf den Film beziehen: Die Darstellungsweise, das Tempo, das Storytellipng. Hier jedoch muss man es erst mal aushalten, den Schauplatz über 20 Minuten nicht zu verlassen, die angekündigte Handlung eben nicht geschehen zu lassen, die Story nicht voranzutreiben.
Eine wahre Freude ist es, ein Blockiergewitter abregnen zu lassen.
Der Major zum Koch: „Jetzt geh und hol die Suppe.“
Koch: „Ja.“, (setzt sich aber hin).
Das schließt auch Selbstblockaden ein.
Die Mutter des Majors, die sich im ganzen Stück todkrank fühlt: „So frisch habe ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt. Wollen wir ein Fest haben!“
Der Arzt: „Das ist eine gute Idee.“ (geht ab)
Mutter des Majors: „Alle wollen wir zusammen sein.“
Arzt (von draußen): „Ich reite fort. Ich muss mich nun verabschieden.“
Major: „Ja, lasst uns feiern.“
Sohn des Majors: „Ich werde mich stärken, und dann geht’s auf nach Paris.“
Koch tritt auf: „Die Bäume im Garten sind umgefallen.“
Mutter des Majors: „Ich werde neue Bäume pflanzen.“
Koch: „Ich habe Euch noch nie so krank gesehen.“
Mutter des Majors fröhlich: „Ich bin so unruhig. Ich habe Fieber. Ich werde sterben. Herrlich!“
Es fragt sich, ob einige kleine Redundanzen noch vermieden werden könnten, wenn die Haltungen der verschiedenen Figuren zueinander noch klarer differenziert werden könnte. Denn das scheint mir inzwischen die Stärke zu sein. Wenn man es noch einmal aufführt, wäre meine Frage: Welches Tempo muss die Story haben, um nicht zu sehr stille zu stehen und andererseits noch die Tschechowsche „Wir-tun-nur-so-als-bewegten-wir-uns“-Komik zu haben?
Wenn ihr Erfahrungen zum Improvisieren mit Tschechow habt, schreibt es gern in die Kommentare oder mir per Mail.
Fokussierte Probe
Am 12.9.2005 schrieb ich hier:
„Wie soll man ausprobieren auf Proben? „Lasst uns einfach mal anfangen!“, bringt dann offenbar doch nicht sehr weit, wenn unklar ist, was denn eigentlich ausprobiert werden soll.“
Im Mai meinte Ruth Zaporah dazu: Seid euch immer darüber im Klaren, was ihr proben und trainieren wollt.
Vielleicht stimme ich diesem Satz nicht in aller Härte zu. Denn immerhin sind frei schwebende Proben möglich, die auf etwas bisher Unbestimmbares zusteuern, das man selber noch nicht ganz benennen kann. Aber dennoch ist es nicht nur äußerst zeit-effizient, sondern auch am meisten gewinnbringend, wenn man sich zumindest einen bestimmten Fokus gibt. So erinner ich mich an eine Session mit Stefanie Winny, Stephen Nachmanovitch und dem Playback-Theater-Duo „Brad and Mecca“. Nachdem wir uns eine halbe Stunde quasi formlos eingegroovt hatten, schlug Stephen vor, uns vorzustellen, an den Wänden des Theaters säßen Zuschauer. Davon die Hälfte taub, die andere Hälfte blind. Unser Ziel wäre, dass die Performance zu jedem Zeitpunkt für jeden Zuschauer interessant ist.
Narr und Fokus
Notizen aus Seattle:
Der Narr ist nie im Fokus der Szene. Seine Funktion besteht vielmehr darin, ein anderes Licht auf die Handelnden zu werfen.
(Wenn er es doch ist, wird’s eine Clowns-Nummer?)
Reflexionen und Diskussionen im Unterricht kanalisieren
Üblicherweise gibt es gerade nach geistig oder körperlich anstrengenden Übungen, Games usw. einen starken Wunsch der Schüler, dies zu besprechen. Ich halte es für wichtig, diesem Bedürfnis Genüge zu tun, denn das Üben wird erst richtig verankert durch die Diskussion oder Reflexion. Mir scheint aber auch, dass diese Diskussionen nicht überhand nehmen sollten. Gerade in trägen Gruppen oder an warmen Tagen tendieren Schüler zum totquatschen. Man sollte also als Lehrer die Diskussionen möglichst produktiv kanalisieren. Ein paar Beispiele:
1. Nach intensiven Paar-Übungen genügt es völlig, wenn jeder Schüler kurz mit seinem Partner das Erlebte bespricht, insofern es dafür Bedarf gibt.
2. Nach erlebnisreichen Gruppen-Übungen ist ein kurzes Feedback in die Gruppe möglich. Ich bestehe hier darauf, dass die Wahrnehmungen in der Ich-Form wiedergegeben werden. Also statt „Im Tief-Status fühlt man sich so beklemmt“, sollte der Schüler sagen „Ich fühle mich im Tief-Status beklemmt.“ Das ist wichtig, damit nicht individuelle Wahrnehmungen als Tatsachen dargestellt werden. Durch gezieltes Fragen versuche ich, Redundanzen zu vermeiden. Also: „Hat das jemand anders wahrgenommen?“ oder „Gibt es noch wesentlich andere Beobachtungen?“
3. Vor dem Beginn des Unterrichts frage ich, ob es zur vergangenen Unterrichts-Einheit oder zu anderen verwandten Themen (gesehene Shows, Lektüre usw.) Fragen, Beobachtungen oder Anmerkungen gibt. Unter Umständen frage ich das auch nach dem Abschluss einer größeren Lern-Einheit.
4. Nach einer Szene oder einem Game frage ich meist zuerst die Spieler, wie es ihnen dabei ging, da das Wohlbefinden in einer Szene oft schon ein guter Kompass dafür ist, ob sie auch von außen funktioniert hat. Das Feedback der zuschauenden Schüler sollte möglichst kurz sein und einen positiven Schuss.
5. Ich beende den Unterricht mit einem Abschluss-Ritual. Zur Zeit sieht das so aus, dass wir im Kreis sitzen und jeder die Möglichkeit hat, ein Element des Workshops zu benennen, das er für sich vom heutigen Tag mitnimmt, sei es ein Satz, der in einer Szene gefallen ist, der Name einer Übung oder etwas, das man gelernt hat.
Haben Kinder Status?
(Begründete Gegenmeinungen erwünscht)
Arbeits-Hypothese: Kleine Kinder haben keinen Status. (Ich rede von Kindern im Alter von, sagen wir, 4 Jahren.) Ihr Hin- oder Wegschauen, sich den Raum nehmen usw., ist in unserem Sinne statusmäßig irrelevant. Es gibt kein statusmäßiges Dominanz- und Unterwerfungs-Verhalten. Das wird erst noch gelernt.
Wenn wir an Dominanzkämpfe denken, wie z.B. den Streit um Spielzeug, ist das immer ein sofortiger, physischer Kampf, kein sozial subtiles körperliches Abstecken von Grenzen.
(Ich spreche hier natürlich von Status im Sinne von Johnstone – also physischen Status als Dominanz-Geste. Und normale Kinder.)
Tschechow sprengt unsere Impro-Konventionen
Einen Monat läuft bereits das Foxy-Sommer-Experiment: Kurze Proben zu schwierigen Genres und Formaten mit Gästen aus anderen Gruppen. Drei sehr schöne Shows, eine durchwachsene. Für ein Experiment ein guter Schnitt.
Nun also Tschechow. Könnten wir etwas an diesem zu Tode inszenierten Dramatiker, der über nichts als sich langweilende russische Bürgerliche auf dem Lande schreibt, finden, das es wert ist, aufgeführt zu werden?
Die Probe verspricht Gutes. Als Spieler sehen wir, wie sehr wir doch oft eher filmischen Konventionen verhaftet sind: Story-Bögen, schnelles Zeigen neuer Szenen, usw.
Aber 20 Minuten die Szene zu halten, ohne dass wirkliche Action auf der Bühne passiert – das muss man erst mal aushalten. Aushalten als Spieler, sollte ich dazu sagen, denn für mich als Zuschauer war es einfach unglaublich komisch.
Figuren zu sehen, die andauernd aneinander vorbeireden, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen, ohne den anderen zu beachten. Personen, die sich nur dann verlieben können, wenn sie wissen, dass es aussichtslos ist. Menschen, die das Unglück auf sich zukommen sehen, ohne auch nur das Geringste dagegen zu unternehmen.
Um mit Zimbardo zu sprechen: wehmütiges Verhältnis zur Vergangenheit, fatalistisches Verhältnis zur Gegenwart, pessimistisches Verhältnis zur Zukunft. Der Klischee-Russe?
Es schüttelt mich regelrecht vor Lachen.
Und es befreit uns von so manchen Improkonventionen, die wir wohl teilweise unbewusst mit uns herumtragen. Tschechow gestattet uns, nebeneinander herzureden, ohne auf den anderen einzugehen, wobei wir natürlich sehr wohl auf den anderen eingehen, nur eben kontrastierend statt fortschreitend. Wir können die Handlungsbögen extrem minimieren. Kein Begehren wird erfüllt. (Urban Luig bezeichnet die Bewegung sogar als linear.)
Wir können uns in endlosen egoistischen Monologen ergehen, die sicherlich schlau sind, aber die mit dem anderen nur insofern zu tun haben, als er das Assoziationsmaterial geliefert hat.
Tschechow hat seine Dramen als Komödien bezeichnet. Ich hab heute das Gefühl, wir sind die Ersten, die ihn verstanden haben.
Vorschläge im Langform-Improtheater
In Seattle längere Diskussion mit Randy Dixon über Vorschläge im Improtheater (die hierzulande unangenehmerweise oft als „Vorgaben“ bezeichnet werden).
Ausgangspunkt für mich waren die wunderbaren Shows von TJ & Dave, die einfach ohne irgendeinen Vorschlag starten, sondern nur auf die Bühne gehen, schauen, was passiert, und daraus eine großartige Story von ca. 1 Stunde entwickeln.
Randy Dixon hingegen meint, in dieser Art zu spielen, läge eine gewisse Arroganz. Das Aufgreifen des Publikums-Vorschlags sei nämlich die beste Art, eine Verbindung zu den Zuschauern herzustellen. Nun kann man nicht abstreiten, dass so eine Verbindung hergestellt werden kann. Aber wirklich die beste??
Zunächst ist der Vorschlag ja erst mal nur ein Vorschlag eines Zuschauers, mit dem die anderen Zuschauer vielleicht gar nichts anfangen können.
Zum anderen wundert es mich, diese Fetischisierung des Vorschlags gerade von dem Meister zu hören, dem doch so sehr an Relevanz gelegen ist, d.h. an relevantem Inhalt. Das Publikum muss berührt werden, und das gelingt uns durch Transparenz des Spiels und durch kluges Verwenden der spielerischen Elemente.
Schließlich: Wenn aus dem Spielen ohne Vorschläge Arroganz spräche, so wäre jedes nicht-improvisierte Theaterstück, ein großer Haufen Arroganz.
Don’t explain everything
„When you make a film, you have to satisfy the audience to a certain extend. But you always have to leave them with a little appetite for more. If they are stuffed with what you gave them, they forget about it immediately. It happens on two levels: In a case (like Chinatown) when you deal with solving a mystery of corruption, when you deal with evil, you have to call it a tragedy, and therefore you can’t end it with happy ending. The other thing is you mustn’t tell too much. You have to leave the audience with the feeling that they didn’t understand everything. This type of films today try to explain absolutely everything. And there is nothing left really. Everythings seems already, done, told, boring in fact in the end.“
Der Wille des Impro-Spielers
Ein guter Impro-Spieler braucht
– den Willen Storys zu erzählen
– den Willen zur narrativen Gestaltung
– den Willen verschiedene Figuren glaubhaft darzustellen
– den Willen, die improvisatorischen Fähigkeiten zu verfeinern
– den Willen zur ständigen künstlerischen Erweiterung
Das Foxy Freestyle Sommer-Experiment
Ein Ensemble-Mitglied auf Dienst- und Urlaubsreisen, das andere Neu-Mutter.
Statt nun selber 5 Monate Spielpause einzulegen, beschlossen Stefanie Winny und ich, aus der Not eine Tugend zu machen. Wir fragten uns: Welche Formate und Genres wollten wir schon immer mal ausprobieren? Mit welche Berliner Improvisierern würden wir gern auftreten und proben?
Der Clou dabei: Zu jeder Show gibt es nur eine 3stündige Probe, wobei jeder Spieler natürlich seine Hausaufgaben erledigen muss und sich mit den Genres beschäftigen.
Zwischenstand:
Die erste Show am 1. Juli war das von uns selbst entwickelte Format „Strangers in the night“, das wir bereits vor einem Jahr zu zweit gespielt hatten. Diesmal allerdings erstmals über beide Hälften einer kompletten Show. Überraschend schön, wie man nahe am Sentiment improvisieren kann. Neben viel Lachen auch die guten Momente, in denen man das Publikum vor Rührung schlucken hören kann. Und erstmals ergab sich bei diesem Format ein Happy End.
Der Vorschlag „Bollywood“ kam von Steffi. Ich hatte noch nie einen kompletten Bollywood-Film gesehen und mir nun „Mother India“, „Lagaan“ und einige Youtube-Clips angetan, sowie ein paar Artikel zum Thema gelesen. Es blieb exotisches Territorium. Trotz einiger Befürchtungen lief die Probe für die Bollywood-Show phantastisch. Unsere Gäste waren Uta-Maria Walter von Praxis Dr. Patschke und die Dichterin Christina Schneider, die erst vor einem Jahr mit Improvisieren begann, deren Stil uns aber neugierig gemacht hat. Das Gefühl „Wir haben nichts zu verlieren“ ließ sich allerdings nicht so leicht in die Show mitnehmen. Wie so oft war es nicht so sehr die Story, wie einige Zuschauer vermuteten (Zuschauer glauben immer, es läge an der Story), sondern an einer gewissen Zögerlichkeit, an der Überwältigung vom musikalischen Material, der Furcht, Erwartungen nicht erfüllen zu können und einigen Missverständnissen. In der Pause beschlossen wir, das Format nicht durchzuziehen, sondern lediglich das Ende zu spielen und dann zu einer einfachen Langform zu wechseln. Nach der Show lobte uns das Publikum trotzdem. Und es zeigte sich wieder einmal, dass einem die eigenen Ansprüche oft im Weg stehen. Auch der Video-Mitschnitt zeigt uns eine Menge schöner Szenen, die zwar nicht an die Szenen aus der freigespielten Probe heranreichen, aber dennoch lustig und sehenswert waren.
Bollywood war auf seine Weise schwer, aber nun ging es an Shakespeare. Was macht eigentlich den Stil von Shakespeare aus? Wie geht er eine Tragödie an, wie eine Komödie? Ich erstellte eine Liste der Stücke, die ich gelesen oder gesehen hatte: Macbeth, Hamlet, Romeo und Julia, Richard III., Der Sturm, Maß für Maß, Sommernachtstraum. Ansatzweise wusste ich bescheid über Lear und Othello. Also nur eine Komödie, wenn man das Problemstück „Maß für Maß“ nicht mitzählt. Also noch „Der Widerspenstigen Zähmung“ und „Viel Lärm um Nichts“ hinzugenommen, damit wir uns nicht zu sehr auf Zwillings- und Verwechslungs-Firlefanz einlassen müssten, der mit vier Schauspielern nur schwer zu bewältigen wäre. Hilfreich war auch eine kleine Merkliste von Herrn Hauswirth zu einem Impro-Shakespeare-Workshop mit Randy Dixon. Zum Hausaufgaben-Repertoire gehörte für mich: Pentameter-Sprechen, Natur-Metaphern improvisieren, im Geiste Listen erstellen von Shakespearschen komödiantischen Mitteln, Handlungs-Orten, Figuren usw.
Die Probe mit Uta-Maria Walter und Thomas Jäkel vom Portal Impro-News und den Changeroos machte Mut.
In beiden Proben ließen wir klassische Warm Ups einfach weg. Stattdessen begannen wir mit Brainstorming zu genre-typischen Elementen, die uns faszinieren. Wir assoziierten Szenen, die wir im nächsten Schritt auch einfach anspielten. Es folgten Monologe, aus denen sich Szenen entwickelten. Wir entdeckten, dass Shakespeare uns plot- und impro-technisch eine Menge Hilfsmittel in die Hand gab: Jeder folgende Schritt wird lang und breit angekündigt. Und schließlich fanden wir in der kurzen Probenzeit sogar die Möglichkeit, je eine viertelstündige Komödie und eine Tragödie anzuspielen.
Die Show war für mich eine der besten, die ich in den letzten Jahren gespielt habe: Geistig fordernd, niemand spielte unter seinen Fähigkeiten, alle gaben ihr Bestes, jeder Schritt ging Hand in Hand, wir haben das Genre ziemlich gut gemeistert, das Publikum (wo kamen die eigentlich alle her bei dieser Jahreszeit?) ging gut mit. Nach der Show sprach ich mit einem sehr jungen Pärchen Erstbesucher, die begeistert waren – für mich ein Beleg dafür, dass es nicht nötig ist, „unerfahrene“ Impro-Zuschauer unbedingt erst mit Games an Impro-Theater heranzuführen.
Wir fragten uns vor der Show: Wie wollen wir die Musik einbauen? Passt Musik überhaupt zu einem Shakespeare-Stück? Noch in der Probe haderten wir ein wenig mit dieser Frage. Wir einigten uns auf den Kompromiss, dass die Musik zwischen den Szenen erklingen sollte. Die Show begann, die erste Szene lief. Fee Stracke spielte, und es war großartig! Kein auf Renaissance getrimmtes Pseudo-Mittelalter, keine Film-Musik, sondern seltsam-modern und doch nie gewollt, sondern stets passend klingende Theatermusik.
(Wird fortgesetzt.)
Frustration on stage
„When I’m frustrated with a fellow player, I try to breathe in his rhythm.“ (Leona Partritge during the Seattle improv festival)
Happiness in improv
What are we doing in improv shows?
„Are we making happy people happier?“ (Randy Dixon)
R.D. spricht hier an, dass wir meist die immerselbe Form des Lachen bedienen. Allerdings spricht meines Erachtens auch nichts dafür, irgendwelche Zuschauer unglücklich zu machen. Vielleicht ist „happiness“ das falsche Wort.
Auch am Schrecken kann man ästhetisches Vergnügen empfinden, oder an der neu erscheinenden Wahrheit usw. usf.
All das könnte Improtheater erreichen. Aber zu 90% erleben wir das Lachen über flinke Gags oder bestenfalls über Spontaneität per se.
Risky moves
Among improvisers we are being praised for risky moves, but only if those moves work out well.
Genre Quickfix
Frage auf dem Festival Randy Dixon, wie er ein neues Genre angeht. Er meint, das Erste, was er tut, sei, das Kinderlied „Humpty Dumpty“ auf das Genre zu übertragen. (Fürs Deutsche wäre die Entsprechung wohl „Hänschen klein“)
Wie würde ein Western oder Tennessee Williams diese Geschichte erzählen?
Damit hat man zwar noch keine sprachlichen Mittel, keine Bilder usw. aber immerhin schon eine Perspektive aufs Storytelling.
Improtheater als primär komische Form
„Improvisation is primarily a comedic form which at any moment can tear your heart out.“(Me paraphrasing Randy Dixon paraphrasing Del Close)
