415., 416., 417. und 418. Nacht

415. Nacht

El-Mamûn lässt sich, begleitet vom listigen Abu Isa und einigen Hofleuten auf einer Barke namens "Flieger" zum Haus des Hamid et-Tawîl et-Tûsi, das sie unvermittelt betreten, während er gerade auf einer Rohrmatte sitzt und sich von Sängerinnen bespaßen lässt. Er improvisiert ein Gastmahl

Speisen wurden vorgesetzt, aber die bestanden nur aus Vierfüßlern, kein Fleisch von Geflügel war darunter. Von diesen rührte el-Mamûn nichts an.

Unklar: Gilt Geflügel als besonders edel? Oder hat el-Mamûn eine schwache Konstitution, die ihm die Verdauung von Lamm und Rind verbietet.

Abu Isa erkennt den Unmut des Kalifen und schlägt vor:

"Lass uns jetzt in ein Haus gehen, das für dich gerüstet ist, so wie es sich gebührt."

So gelangen sie zum Eigentümer der von Abu Isa begehrten Sklavin. Er

öffnete ihnen einen Saal, der so schön war, wie ihn noch nie jemand gesehen hatte. Dort waren der Boden, die Pfeiler und die Wände mit vielfarbigem Marmor bekleidet…

Befriedigend sind außerdem die Speisen und die Getränke, darunter auch Dattelmost und das Geschirr.

Die Schenken aber, die jenen Most in den Saal trugen, waren mondengleiche Jünglinge, bekleidet mit alexandrinischen Gewändern, die mit Gold durchwirkt waren; und auf der Brust trugen sie kristallene Falschen, voll mit Rosenwasser, die mit Moschus gemischt waren.

Nach dem Mahl kommen diverse Sängerinnen, eine schöner als die andere. Ein bemerkenswertes Lied geht so:

Die Huris und die edlen Frauen fürchten kein übel Gerede
Gleichwie Gazellen von Mekka, das unverletzliche Wild.
Nach ihren schmeichelnden Worten hielte man sie für Dirnen;
Doch schützet sie der Islam, dass ihnen kein hässlich Wort gilt.

Bemerkenswert, wegen des Versuchs, die Spannung aufzulösen, die sich aus dem Gebot der Frömmigkeit und der durch die islamische Praxis geduldeten "Huris und edlen Frauen": Das Tun ist zwar unislamisch, aber da sie es dem Islam zuliebe tun, ist es islamisch. Wobei ich mir eigentlich nicht mal sicher bin, wozu die Huris im Paradies eigentlich gut sind. Vielfach werden sie als Jungfrauen beschrieben. Bleiben sie das?

***

416. Nacht

Es folgen weitere singende Mädchen.

Was geschieht eigentlich mit ihnen, wenn sie älter werden? Werden sie dann an ärmere Herren verkauft?

Schließlich

trat eine Maid heraus, die gleich einem Weidenzweige war; sie hatte ein verführerisches Augenpaar, und ihre Brauen waren wie zwei Bogen anzuschauen.; auf ihrem Haupte trug sie eine Krone aus Gold von rötlichem Schein, besetzt mit Perlen und Edelgestein. Und darunter eine Binde, auf der in Lettern aus Chrysolith dieser Vers geschrieben war:

Eine Fee, von den Dämonen unterwiesen,
Herzen mit dem Bogen ohne Sehn’ zu treffen.

Jene Sklavin schritt daher wie ein scheues Reh, selbst die Frommen hätten sie angeschaut mit heißem Liebesweh. Und sie ging weiter, bis sie sich auf einen Schemel setzte.

Schon klar, dass dies Kurrat el-Ain sein muss.

***

417. Nacht

Dem Kalifen fällt auf, dass sich Abu Isa mehr noch als die anderen verändert, so sehr schlägt sein Herz. Er bittet sie um ein Lied, dass sie auch vorträgt.
Inzwischen ist Abu Isa fast zu Tränen erstickt und Kurat el-Ain beginnt nun zu improvisieren.

***

418. Nacht

Mit der Erlaubnis des Kalifen antwortet Abu Isa ihr singend.

Die Verse sind banal und lang. Ich spare mir hier ihre Wiedergabe.

Alî ibn Hischâm sprang auf, küsste ihm die Füße und sprach: "Mein Gebieter, Allah lässt die Erfüllung deiner Bitte kommen; denn Er hat dein Geheimnis vernommen. Er willigt ein, dass du sie mit all ihrem Besitze an Seltenheiten und Kostbarkeiten erhältst, wenn der Beherrscher der Gläubigen kein Verlangen nach ihr trägt." Doch el-Mamûn sagte: "Wenn wir auch Verlangen nach ihr hätten, so würden wir Abu Isa den Vorrang vor uns lassen und ihm zum Ziele verhelfen."

Als Abu Isa

sie dann erhalten hatte, führte er sie freudigen Herzens in sein Haus. Schau, wie großmütig Ali ibn Hischâm war.

Wenn man mit den Erzählungen aus 1001 Nächten so verführe wie mit einigen Werken des 20. Jahrhunderts, so stünde nach der Eliminierung der rassistischen Geschichten eigentlich auch die der Sklaven-Geschichten an. Wieviele blieben dann noch übrig? Zwölf Nächte? Oder geht es den Eliminierern wirklich nur um Worte, Worte, Poporte? Die Bedeutung ist einerlei?

***

Die Geschichte von el-Amîn und deinem Oheim Ibrahîm ibn el-Mahdi

El-Amîn, der Bruder von el-Mamûn, trat einst in das Haus seines Oheims Ibrahîm ibn el-Mahdi.

Hier zur Aufklärung der Verwandtschaftsverhältnisse: Das Besondere – alle drei waren Kalifen in Bagdad und mit Harûn er-Raschîd verwandt. El-Amîn und el-Mamûn waren beide seine Söhne. Ibrahîm ibn el-Mahdi war Harûns Bruder und folgte erst el-Mamûn auf den Thron.
Die Geschichte spielt also zur zur Herrschaftszeit von el-Amîn.

Dort sieht er eine schöne Sklavin, in die er sich verliebt.

Doch als sein Oheim Ibrahîm erkannte, wie es um ihn stand, schickte er ihm die Sklavin zu. (…) Als el-Amîn sie sah, glaubte er, sein Oheim Ibrahîm habe sie bereits erkannt, und darum mochte er ihr nicht mehr beiwohnen. So nahm er sie denn hin, was sie an Geschenken mitgebracht hatte; sie selbst aber sandte er zurück.

Das ist doch wohl bemerkenswert: Egal wie groß die Liebe sein mag – dass ein anderer sie gehabt haben könnte, zerstört diese Liebe.

Der auch als großer Dichter bekannte Ibrahîm ibn el-Mahdi legt ihr ein Hemd an, auf das er schreiben lässt:

Fürwahr, bei ihm, vor dem sich alle Stirnen neigen,
Was unter diesem Saume ist, dass kenn ich nicht.
Auch ihren Mund berührt ich nie; mein einzig Trachten
War, was das Auge sieht und was die Zunge spricht.

Als sie nun wieder bei el-Amîn eintrifft, singt sie zur Laute:

Du nahmst die Gabe nicht und zeigtest, was du denkest;
Dass du dich von mir trennest, ward mir kund und klar.
Doch wenn du Anstoß nimmst an etwas, das vergangen,
Verzeih du als Kalif, was längst schon nicht mehr war.

 

411., 412., 413., 414. Nacht

411. Nacht

Man begräbt die beiden, und der Erzähler berichtet, die Jungfrau sei seine Tochter und der Jüngling sein Neffe gewesen. Auf die Frage, warum er sie nicht vermählt habe, antwortete er:

"Ich fürchtete mich vor Schimpf und Schande; und jetzt bin ich beidem verfallen."

***

Die Geschichte von dem irrsinnigen Liebhaber

Abu el-Abbâs el-Murrabâd erzählt von einer Reise nach el-Barîd. Er macht eine Pause in Hesekiel an dem berühmten Kloster, und er hört, darin lebten Irre.
Er betritt das Kloster, und drinnen sitzt ein "Irrer", der die ganze Zeit in Versen von seiner verlorenen Liebe klagt.
Abu el-Abbâs el-Murrabâd meint kalt:

"Sie ist gestorben." Da verfärbte sich sein Antlitz, er sprang auf und rief: "Woher weißt du, dass sie tot ist?" Ich antwortete: "Wenn sie noch lebte, so hätte sie dich nicht so allein gelassen."

Das sieht der Irre ein, legt sich hin und stirbt. Voller Schrecken begräbt man ihn.

***

412. Nacht

Als Abu el-Abbâs el-Murrabâd nach Bagdad zurückkehrt, berichtet er die Geschichte dem Kalifen el-Mutawakkil.

Und er sprach zu mir: "Was hat dich dazu bewogen? Bei Allah, wenn ich nicht wüsste, dass du um ihn trauerst, so würde ich dich um seinetwillen strafen!" Und er trauerte um ihn den ganzen Tag über.

El Mutawakkil war ein Kalif aus dem 9. Jahrhundert n.Chr., von dem es auch ein Hunde- und Falkenbuch gibt, das man noch heute erwerben kann. Abu el-Abbâs el-Murrabâd ein damaliger Sprachgelehrter aus Basra.

***

Die Geschichte von dem Prior, der Muslim wurde

Abu Bakr Mohammed ibn el-Anbari ist ebenfalls in christlichen Regionen unterwegs. Er rastet beim Lichterkloster nahe Ammûrija. Die Mönche dort sind äußerst gastfreundlich, er wird vom Prior Abd el-Massih empfangen.

Abd el-Massih = "Knecht des Messias"

Am nächsten Tage verließ ich sie, nachdem ich bei ihnen solche Eifer in der Andacht und solche Frömmigkeit gesehen hatte wie sonst noch nie.

Im Jahr darauf trifft er den Prior bei der Pilgerfahrt in Mekka. Dieser berichtet ihm, was zu seiner Konversion geführt hat:
Im Dorf verliebte sich ein muslimischer Jüngling in eine christliche Jungfrau, der immer an derselben Stätte sitzenblieb, um sie sehen zu können. Die Christen

hetzten die Dorfbuben wider ihn, und die warfen so lange mit Steinen auf ihn, bis sie ihm die Rippen zerbrochen und den Kopf eingeschlagen hatten.

Der Prior nimmt sich seiner an und pflegt ihn.

***

413. Nacht

Nachdem die Jungfrau ihn so sieht, bekommt sie doch Mitleid mit ihm:

"Willst du nicht meinen Glauben annehmen, auf dass ich dich mit dir vermähle?" Doch er reif: "Allah verhüte, dass ich den Glauben an die Einheit ablege und mich der Vielgötterei ergebe." Da sprach sie: "So komm zu mir herein, tu mit mir, was du willst, und geh dann in Frieden deiner Wege!" "Nein", erwiderte er, "ich will nicht zwölf Jahre der Anbetung zunichte machen durch die Lust eines einzigen Augenblicks." Darauf sagte sie: "So geh alsbald von mir fort!" Doch er entgegnete: "Das erlaubt mir mein Herz nicht."

Das ist sozusagen der Kern der Geschichte: Der Bursche hält alle Arten von Demütigungen und Schmerzen um der Liebe willen aus. Aber sein Glaube geht ihm noch darüber.

Bei ihrer nächsten Aktion töten ihn die "Dorfbuben".
Die Jungfrau, von schlechtem Gewissen geplagt, träumt nun, dass ihr der Weg ins Paradies versperrt würde, und man gibt ihr im Traum zwei Äpfel.

***

414. Nacht

Einen isst sie, den zweiten findet man bei ihr am nächsten Morgen.

Von nun ab enthielt sie sich des Essens und des Trinkens, und als die fünfte Nacht kam, erhob sie sich von ihrem Lager und wanderte zu dem Grab jenes Muslims. Dort warf sie sich nieder und starb.

Es entsteht ein Streit darüber, ob die Christen oder die Muslime sie bestatten dürfen, und als vierzig Mönche es nicht vermögen, ihre Leiche vom Grab des Jünglings fortzuziehen, einer der muslimischen Scheiche die dann liebevoll mit einem Leichentuch fortträgt, sind die Christen konvertiert:

"Fürwahr, die Wahrheit verdient es, dass man ihr folge."

***

Die Geschichte der Liebe von Abu Isa zu Kurrat el-Ain

Abu Isa, Sohn von Harûn el-Raschîd, verliebte sich in die Sklavin Kurrat el-Ain und diese sich in ihn. Beide tun ihr Geheimnis nicht kund.

Das tat er, weil er stolz und von hohem Ehrgefühl beseelt war, denn er hatte sich die größte Mühe gegeben, sie von ihrem Herrn zu erwerben, aber es war ihm nicht gelungen.

So entschließt er sich zu einer List: Er überredet den Kalifen el-Mamûn dazu, seine Befehlshaber auf die Probe zu stellen,

"so würdest du erkennen, wer eine edle Gesinnung hat und wer nicht."

408., 409. und 410. Nacht

408. Nacht

Ishâk ibn Ibrahîm aus Mosul berichtet weiter:
Als er ruht, kommt ein schwarzer Eunuch mit einem Esel daher, auf dem eine wunderschöne Sklavin sitzt.

Woran erkennt Ishâk, dass es eine Sklavin ist?

Er folgt ihr, und Passanten verraten ihm, dass es sich um eine Sängerin handelt. Sie betritt ein Haus, und als er sich diesem nähert, stehen zwei Gäste vor dem Tor, die gerade eingelassen werden, und Ishâk schlüpft mit hindurch: Der Hausherr nimmt an, er gehöre zu den beiden; die beiden nehmen an, er gehöre zum Hausherrn.
Es werden Speisen aufgetragen, und irgendwann folgt Ishâk

einem Rufe der Natur (…). Da fragte der Hausherr die beiden Männer nach mir; und als sie ihm sagten, sie kennten mich nicht, fuhr er fort: "Er ist wohl ein Schmarotzer; dennoch ist er von feinem Wesen, also behandelt ihn höflich."

Eine seltsame Verschiebung der Erzählperspektive; denn wie kann der abwesende Ishâk wissen, was da gerade gesprochen wird?

Er kehrt zurück, und nun singt die Sklavin:

Sprich zur Gazelle, die nicht Gazelle ist,
Zum Reh, das doch kein Reh, mit schwarzen Äugelein:
Mit seinen Männchenhörnern ist es doch kein Weibchen;
Und was so weiblich schreitet, kann kein Männchen sein.

Weitere Verse folgen, bis Ishâk sie bittet, ein Lied zu wiederholen,

damit ich sie verbessere; aber da wandte sich einer der beiden Männer zu mir: "Wir haben noch nie einen Schmarotzer mit frecherer Stirn gesehen als dich! Bist du mit dem Schmarotzen noch nicht zufrieden, dass du dich auch noch in fremde Sachen einmischen musst? An dir wird das Sprichwort zur Wahrheit: Ein Parasit – Ein Störenfried!"

Schönes Gefluche, vor allem wegen des seltenen Komparativs von "frech".

Man beruhigt ihn, die drei gehen beten. Währenddessen stimmt Ishâk die Instrumente, was die Sklavin bei ihrer Rückkehr bemerkt. Man fordert ihn auf, ein Lied zu spielen.

Dazu sang ich diese Verse:

Ich hatte ein Herz und ich lebte mit ihm;
Da ward es vom Feuer versengt und verbrannt.
Nie ward mir das Glück ihrer Liebe beschert;
Dem Menschen hat Gott es nicht zuerkannt.
Wenn Liebe die Speise, die ich schmeckte, gibt,
So kostet sie sicher ein jeder, der liebt!"

Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.

***

409. Nacht

Alle sprangen auf, setzten sich vor mir nieder und riefen: "Um Allahs willen, unser Gebieter, sing uns noch eine Weise vor!"

Nach einem weiteren Lied und weiterem Bitten um Zugabe, verlangt Ishâk, den "Zänker" hinauszuwerfen, was auch prompt erledigt wird

und aus der Leserperspektive doch ein zweifelhaftes Licht auf ihn wirft.

Dann bittet er auch noch den Hausherrn um die Sklavin. Dieser willigt ein unter der Bedingung, dass Ishâk einen ganzen Monat sein Gast bleibe.
Der Kalif lässt inzwischen nach ihm suchen. Und als dieser einen Monat später erscheint, lässt sein Grimm nach, als er die Sklavin hinter einem Vorhang (!) singen hört, was sie von nun an wöchentlich tun soll.

Also am Vorabend vorm heiligen Freitag!

Zugleich wies er ihr fünfzigtausend Dirhems an. So habe ich, bei Allah, nicht nur mir, sondern auch anderen durch jenen Ritt Gewinn verschafft.

Das wäre auch eine Kategorie: Erzählungen, die vor dem Thron des Kalifen enden. Seine Entscheidungen sind als moralische und rechtliche Leitlinie zu sehen, was dem Zuhörer wohl ein Gefühl von Abgeschlossenheit, i.S.v. "Die Moral von der Geschicht", gibt.

***

Die Geschichte von den drei unglücklichen Liebenden

Al-Utbi berichtet von einer Geschichten-Erzähl-Gesellschaft, in der fröhliche Geschichten ausgetauscht werden, bis die Reihe an einen kommt, der niedergeschlagen wirkt. Befragt, was die Trauer ausgelöst haben mochte, antwortet er:

"Ich hatte eine Tochter, die einen Jüngling liebte, ohne dass wir es wussten. Jener Jüngling aber liebte eine Sängerin; und diese Sängerin liebte meine Tochter.

***

410. Nacht

Der Jüngling hört eines Tages die Sängerin singen:

Wie die Liebe die Menschen erniedrigen kann,
Das zeigen die Tränen der Liebenden an.
Doch wird von bittersten Qualen geplagt,
Wer niemanden findet, dem er sie klagt.

Nachdem der Jüngling die Sängerin um Erlaubnis gebeten hat, sterben zu dürfen, tut er das. Auf die Nachricht von seinem Tod hin stirbt die Jungfrau, und daraufhin die Sängerin, so dass am Friedhof die drei Liebenden gleichzeitig beerdigt werden.

Die Konsequenz der kurz aufeinanderfolgenden Tode erinnert an Grimms Märchen "Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben".

***

Der deutsche Übersetzer Littmann bemerkt ihr, dass in Burtons Ausgabe hier eine orientalische Geschichte eingeschoben sei, die in keiner anderen arabischen Ausgabe auftauche und die die schöne Reihe der Geschichten von unglücklich Liebenden störe. Er lasse sie also weg.

***

Die Geschichte der Liebenden vom Stamme der Taiji

El Kâsim, der Sohn des Adî, erzählte von einem Manne aus dem Stamme der Tamîm, dass der ihm berichtet habe…

Das wäre schön zu erfahren, ob der Erzähler sich diese Autorenverschachtelungen ausdenkt oder ob sie einen wahren Kern haben.

Zwei Liebende begegnen einander mit ihren jeweiligen Stammes-Angehörigen an den Wassern des Banu Taiji

Unklar, wo das sein soll.

Die Gruppe hält die jeweils Liebenden auf, doch diese rasen aufeinander zu und stürzen, als sie sich treffen, tot zu Boden.

404., 405., 406. und 407. Nacht

404. Nacht
Die Rechtfertigung des Lehrers ist vielleicht auf Arabisch lustig:
“Ich war in jenem Moment erregt, und meine Gedanken waren beschäftigt, und als ich las, der Kohlendämpfer sei in eine Decke eingewickelt, da meinte ich, er sei tot und man hätte ihn ins Leichentuch gehüllt.” Die Frau, die den Betrug nicht durchschaute, sprach zu ihm: “Du bist entschuldigt”, nahm den Brief und ging ihrer Wege.
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Die Geschichte von dem König und der tugendhaften Frau
“Ein König” zieht verkleidet aus und kommt in ein Dorf, wo er eine Frau um Wasser bittet. Als er sie sieht, will er sie verführen, doch sie reicht ihm, während er wartet, ein Buch, in welchem vor Sünden gewarnt wird.
Die Ausgangssituation klingt eigentlich wieder sehr nach Harûn er-Raschîd, aber vielleicht hat der Erzähler das dann doch anonymisiert, um den Herrscher nicht in zu sündhaftem Licht stehenzulassen.
Da erschauderte er und bereute seine Absicht vor Allah, dem Erhabenen.
Als sie am Abend ihrem Mann von der Begegnung erzählt, ergreift den die Eifersucht und
er wagte es nicht mehr, ihr zu nahen.
Die Verwandten der Frau klagen darüber beim König in einer Metapher: Was solle mit einem Mann geschehen, der das gepachtete Land nicht besät. Der Mann wiederum rechtfertigt sich damit, dass der Löwe das Feld betreten habe. Der König wiederum versteht den Wink:
“Du da, der Löwe hat ja dein Land nicht betreten; es ist noch gut zur Saat, drum säe darauf.”
***
Der Bericht von Abd er-Rahmân el-Maghribi über den Vogel Ruch
Ein Mann aus dem Volk der Maghribi, den man “den Chinesen” nennt (weil er lange auf den chinesischen Meeren unterwegs war), ist im Besitz eines Federkiels aus dem Flügel des Vogels Ruch.
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405. Nacht
Im folgenden wird beschrieben, wie die Matrosen ein Ei zerschlagen und riesige Federn und Fleischteile aus dem Küken des Ruch herausnahmen. Der erwachsene Vogel nahm einen Felsen, und nur durch geschickte Segelmanöver konnten sie dem fallengelassenen Stein ausweichen.
Das ganze erinnert sehr an Sindbad, und die Schlachtung des Eis kann man in der sonst recht freien Sindbad-Adaption “Sindbads siebte Reise” bewundern. Online hab ich keinen Clip davon gefunden, nur den anschließenden Kampf Sindbads mit dem Vogel:
 
Wer vom Fleisch des Vogels esse, bekomme keine grauen Haare.
Und dies ist nur eins der größten Wunder.
***
Die Geschichte von Adî ibn Zaid und der Prinzessin Hind
En-Numân ibn el-Mundhir hat eine Tochter namens Hind.
Als eines Tages der Prinz Adî ibn Zaid nach Hira kommt, verliebt sie sich in ihn und er in sie, ohne dass sie sich wirklich begegnen.
Ihr meine Freunde, erweist mir große Güte
Und lenket eure Schritte zum Land der Täler hin;
Geleitet mich zu Landen, in denen Hind verweilet;
Dann geht und bringt die Kunde von meinem treuen Sinn.

***
406. Nacht
Nach vielem Hin und Her durch die Vermittlerin Mârija – einer Freundin Hinds – kommen die beiden mit dem Segen von König Numân zusammen.
***
407. Nacht

Nach drei Jahren aber ergrimmte der König wieder Adî und ließ ihn töten.

Daraufhin lässt Hind Kloster bauen, in dass sie sich zurückzieht bis zu ihrem Tod.
***
Die Geschichte von Dibil el-Chuzâi und der Dame und Muslim ibn el-Walîd
Die Geschichte wird aus der Perspektive des Dichters Dibil el-Chuzâi (auch al-Khuzai einem Dichter des 9.Jh. n.Chr. erzählt.
El-Chuzâi steht am Tor von el-Karch, als eine wunderschöne Frau an ihm vorbeigeht, die ihn betört und der er mit dem Vers begegnet:
Aus meinem Auge fließt ein Strom von Zähren;
Und Schlaf will meinem Lid sich nicht gewähren.
Sie antwortet spontan
Das ist dem Mann ein leichtes, wenn die Glut
Aus wunden Augen ihn zur Liebe lud.
So geht es hin und her zwischen den beiden, und gerade dem Dichter imponiert die spontane Dichtkunst dieser Frau, die er einlädt, ihm zu folgen, was sie auch überraschenderweise tut. Da er aber kein Haus hat, bittet er seinen Freund Muslim ibn el-Walîd, ihm das Gastrecht zu gewähren. Dieser sagt zu. Da er aber nichts zu essen zuhause hat, schickt er el-Chuzai mit einem Tuch zum Markt, dass dieser verkaufen und vom Erlös Essen kaufen soll, was der auch tut.
Als er jedoch zurückkommt, nimmt ihm Muslim ibn el-Walîd die Speisen ab, schlägt ihm die Tür vor der Nase zu und höhnt:
“Wer ist es, der diesen Vers gedichtet hat:
Ich schlief in ihrem Arm; indes mein Freund
War trüb im Herzen und an Gliedern rein – ?”
Die Antwort el-Chuzâis:
“Er, der am Gürtel tausend Hörner hat,
die höher ragen als ein Götzenschrein.”
El-Chuzâi endet die Geschichte damit, dass er die Frau nie wieder sah und er noch heute Groll im Herzen verspüre.
***
Die Geschichte von Ishâk aus Mosul und dem Kaufmann
Ishâk ibn Ibrâhim aus Mosul berichtet, eines Morgens des Kalifenpalastes überdrüssig geworden zu sein, weshalb er beschloss auszureiten und seine Diener anwies, niemandem zu sagen, wohin er geritten sei. So reitet er durch die Straßen, bis er nach zur Straße el-Haram kommt.
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402. und 403. Nacht – Wissen und Leben II


5) Seit einer halben Stunde stand er nun schon so da. Jemand musste vergessen haben, die Akkus des vollautomatischen Rugby-Schiedsrichter-Roboters aufzuladen.

 


6) "Essen, Schlafen, Lustmord, Leichen verbuddeln.." Einen Tag vor seinem 65. Geburtstag wurde Alwin Henning klar, dass er sein gesamtes Erwachsenen-Leben doch recht eintönig verbracht hatte. Es musste doch noch mehr geben, als dieses ewige Essen, Schlafen, Lustmord, Leichen verbuddeln. Aber was?

 


7) Erika Niemann und Holger Pfirsich waren kurz davor auszuflippen: Was hatten die sich in der Design-Abteilung von Robotron dabei wieder gedacht, das Akkufach des Rugby-Schiedsrichter-Roboters so fitzelig unter der Achselhöhle einzubauen. Und dass, wo doch heute der Verein Hacke Hagelberg seinen Titel gegen Hucke Hagenow verteidigen sollte.
 

 


8) Das war schon erstaunlich mit einer einzigen Wischbewegung auf seinem iPad, das in der neuen Winter-Edition von Apple auf einem praktischen Ziehwägelchen geliefert wurde, konnte Professor Sergej Sergejewitsch Sergejew den bei der diesjährigen Tundra-Schmelze gefundenen Mammut-Penis ganz bequem im vom archäologischen Institut bereitgestellten Penisköcher verstauen. Einfach rein. Und wieder raus. Und rein. Und wieder raus.

 


9) Beim Finale der Rugby-Meisterschaften der fünften Liga Nordost zwischen Hacke Hagelberg und Hucke Hagenow warteten die beiden Mannschaften seit einer geschlagenen Stunde auf den Anpfiff. Sollte es mal wieder ein Problem mit dem Rugby-Schiedsrichter-Roboters geben?
 

***

402. Nacht

Der Erzähler berichtet, dass Abu Amir den Jüngling betend antrifft und als er ihn am nächsten Tag wieder besucht, ist er tot. Bei ihm findet er den Rubin,

der Tausende von Dinaren wert wahr. Ich sagte mir: "Bei Allah, dieser Jüngling übte die Weltentsagung in vollkommener Weise!"

Den Rubin lässt er Harûn er-Raschîd zukommen, der ihm bestätigt, der Vater des Jünglings zu sein. Nachdem sich Harûn das Grab des Jünglings zeigen lässt, bittet er Amu Amir, sein Freund zu sein. Doch dieser lehnt ab.

Das ist allerdings höchst sonderbar oder gar einmalig: Nicht, dass die Freundschaft des großen Herrschers ausgeschlagen wird, sondern Harûn er-Raschîd, der ja allenfalls mit ein paar Flausen wie Jähzorn ausgestattet ist als nicht freundschaftsfähig darzustellen, zumal er ja andauernd gerühmt wird und anzunehmen ist, dass einige Geschichten, ihm zu gefallen verfasst wurden. Abu begründet:

Ich bin der Fremdling, der bei keinem einkehrt;
Ich bin der Fremdling in der eigenen Stadt;
Ich bin der Fremdling ohne Sohn und Sippe,
Der keinen Freund zu seiner Zuflucht hat.
In den Moscheen kehr ich ein und wohn ich;
Für sie schlägt stets mein Herze ungeteilt.
Preist Gott für seine Huld, den Herrn der Welten,
Solange noch der Geist im Leibe weilt!

Ferner wird erzählt

***

Die Geschichte von dem Schulmeister, der sich auf Hörensagen verliebte

Wieder eine Geschichte aus zweiter (bzw. wenn man Schehrezâd mit einrechnet) aus dritter Hand: Ein Mann berichtet, einen gelehrten Schulmeister kennengelernt zu haben, was allen Vorurteilen zuwider läuft, nach denen Lehrer von Kindern eher ungebildet seien.

Ich erprobte seine Kenntnisse in den Lesarten des Koran, in der Grammatik, in der Dichtkunst und in der Sprachkunde, und siehe da, er war in allem, was von ihm verlangt wurde, bewandert.

Er besucht den Schulmeister mehrmals, und eines Tages findet er ihn krank und trauernd niederliegen, da seine Geliebte gestorben sei.
Es stellt sich heraus, dass es sich nur um einen Character in einem Scherzlied handelte, in die er sich verliebt hatte, als er die erste Strophe gehört hatte, und die er betrauert, als er Tage später die zweite Strophe vernommen hat.

 

403. Nacht

So überzeugte ich mich, dass er wirklich doch ein dummer Kerl war, verließ ihn und ging davon.

Eine kleine harmlose Anekdote, die möglicherweise durch das Scherzlied einen unübersetzbaren Reiz hat, aber sie verliert ihn auch gleich wieder, da der Lehrer, wenn er gerade in den Schrift- und Dicht-Künsten so bewandert ist, doch zumindest von fiktiven Figuren wissen müsste.

***

Die Geschichte vom törichten Schulmeister

Eine Variante des Obigen mit gleicher Ausgangssituation.
Hier lädt der Schulmeister den Erzähler zu sich nach Hause ein. Und als alle schlafen gegangen sind, hört man durchdringende Schreie aus dem Harem. Der Schulmeister liegt in seinem Blut:

"Als ich dich verlassen hatte, setzte ich mich nieder, um über die Werke Allahs des Erhabenen nachzusinnen. Und ich sagte mir: In allem, was Allah für den Menschen geschaffen hat, liegt ein Nutzen verborgen. Er, dem Preis gebührt, hat die Hände zum Greifen geschaffen, die Füße zum Gehen, die Augen zum Sehen, die Ohren zum Hören, die Rute zum Zeugen und so weiter, nur diese beiden Hoden da haben gar keinen Nutzen. Da nahm ich das Rasiermesser, das ich bei mir hatte und schnitt sie beide hat."

Dieselbe Moral folgt.

***

Die Geschichte von dem Schulmeister, der weder lesen noch schreiben konnte

Ein Analphabet eröffnet eine Schule und arbeitet, indem er die Kinder in zwei Gruppen teilt. Den einen sagt er "Lies!" Den anderen: "Schreib!" So bringen sie es sich gegenseitig bei.

Wie das gehen soll, ist mir ein Rätsel.

Eines Tages bittet ihn eine Frau, ihm einen Brief vorzulesen. Das kann er schlecht ablehnen, also spielt er tiefste Ergriffenheit mit starker Emotionalität vor.

"Lieber Herr, wenn er tot ist, so sagt es mir!" Er aber schüttelte den Kopf und schwieg. Da fragte die Frau: "Soll ich mein Gewand zerreißen?" – "Zerreiß es!", erwiderte er. Weiter fragte sie: "Soll ich mir das Gesicht zerschlagen?" – "Zerschlag es!", gab er zur Antwort.

Und so glaubt sie, der Mann sei verstorben. Doch ihre Nachbarn lesen ihr später vor, im Brief stünde, der Mann schicke ihr einen Kohlendämpfer und eine Decke.

401. Nacht – Wissen und Leben I

Klar war die Meisterung des dialektischen Materialismus eine vordringliche Aufgabe. Aber noch vordringlicher war für Achim Hustmann, den Heimleiter der FDJ-Gruppe auf dem Volksgut Hagelberg, herauszufinden, wer ihm den Zettel mit der Aufschrift “Achims Pseudo-Retro-Schnurrbart müffelt nach Ei!” auf den Rücken geklebt hatte. Er war dermaßen in Rage, dass er nicht sah, wie Almut sich vorbeugte und die Zähne zusammenbiss, um ihr Lachen zu unterdrücken: “Ich weiß es, hihi, ich weiß es.”
***
Klar hätte sich Jessica Schnick über ein iPod noch mehr gefreut. Und selbst für einen klassischen Walkman war das Gerät doch etwas klobig geraten. Und ja, der Sound war ein wenig gewöhnungsbedürftig. Und ja, “Die größten Hits von Roberto Blanco auf singender Säge” waren jetzt auch nicht das Album, das man ewig rauf und runter hören würde. Aber sie musste gute Miene zum bösen Spiel machen, damit Rüdiger wenigstens heute, an ihrem Geburtstag mal das Maschendrahtgitter von ihrem Fenster im Frauengefängnis Lichtenberg öffnen würde.
***
Nach zwei Wochen stellte Jessica Schnick fest: Wenn man nebenbei die Beta-Version von “Unreal Tournament” ballerte, waren “Die größten Hits von Roberto Blanco auf singender Säge” eigentlich genau der passende Soundtrack.

***

Dass die Ossis nicht nur faul und gefräßig, sondern vor allem auch in technischen Fragen sich wie die letzten Hinterwäldler benahmen, war in der Regel nur jenen Westdeutschen bekannt, die ab und zu ihre Verwandten in der DDR besuchten.
Oft genügte es, den “DDR-Bürgern” mit einfachen Aufzieh-Armbanduhren vor der Nase herumzuwedeln, um das berüchtigte ungläubige Ossi-Staunen auszulösen. Vor diesem Hintergrund muss das in der DDR grassierende FKK-Unwesen als Technikflucht verstanden werden.
 
*
401. Nacht
Da lachte der Kalif über die beiden und wies einem jeden tausend Dinare an. Und nun gingen beide, erfreut über das Geschenk des Kalifen, ihrer Wege.
Ferner wird erzählt
Die Geschichte vom frommen Prinzen
Harûn er Raschîd hat einen überaus frommen Sohn, der der Welt entsagt und als Asket lebt. Seine Ratgeber weisen ihn darauf hin, dass der Sohn ihn in seinem härenen Aufzug und mit seinem asketischen Lebenswandel zum Gespött machen könnte. Harûn wendet sich an seinen Sohn mit der entsprechenden Bitte. Dieser
blickte nach einem Vogel, der auf einer der Zinnen des Palastes saß und rief ihm zu: “Du Vogel, bei Dem, der dich erschaffen hat, lass dich auf meiner Hand nieder.”
Der Vogel tut dies. Aber auf der Hand des Kalifen lässt er sich nicht nieder.
Da sagte der Jüngling zu seinem Vater: “Du bist es, der mich durch seine Liebe zur Welt unter den Heiligen entehrt…”
Und so verlässt er seinen Vater und zieht nach Basra, um dort als Erdarbeiter für einen Dirhem und einen Dânik pro Tag zu arbeiten.
(1 Dânik = 1/6 Dirhem)
Ein Basraer berichtet später, dass der Jüngling seine Mauer nur unter der Bedingung reparieren wollte, dass er dafür nur diese Bezahlung bekäme und pünktlich zum Gebetsruf Waschung und Gebet durchführen dürfe.
“Er löste sich den Gürtel und vollzog die religiöse Waschung so schön, wie ich es noch nie gesehen hatte.”
Wie mag das ausgesehen haben?
Der Basraer beobachtet ihn schließlich bei der Arbeit.
“Er nahm eine Handvoll Mörtel und legte sie auf die Mauer; und siehe da, die Steine reihten sich von selbst übereinander. Ich sagte mir: ‘So sind die Heiligen Allahs.'”
Am letzten Tag erscheint der Jüngling nicht zur Arbeit, und der Basraer vernimmt, dass er krank sei. Als er ihn findet, sagt der Jüngling, er würde sterben. Der Basraer möge am nächsten Morgen, wenn er tot sei, die Taschen durchsuchen und das, was er darin fände, dem Kalifen bringen.
Dann sprach er das Glaubensbekenntnis, sandte in beredtesten Worten Dank zu seinem Herren empor und trug diese Verse vor:
“Bring du das Pfand des Mannes, dessen Stündlein naht,
Zu er-Raschîd; der Lohn liegt in der guten Tat.
Und sprich: Ein Wandersmann, der lange inniglich,
So fern, sich sehnte dich zu sehn, begrüßet dich.
Kein Hass und kein Verdruss, fürwahr hielt ihn dir fern:
Der Kuss auf deine Rechte nahte in dem Herrn.
Doch trennte ihn von dir die Seele voll Verlangen.
An Freuden deiner Welt, o Vater, nicht zu hangen.”
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.

400. Nacht – Lies keine Nachrichten

Einer von Rolf Dobellis Tips lautet überraschenderweise: Konsumiere keine Nachrichten! Sie würden einen ablenken, sowieso nur wenig Inspirierendes beisteuern. Kreative Menschen würden keine Nachrichten sehen, hören oder lesen. Was sein Urteil gerade noch durchgehen lässt, sind "Analysen", was immer auch damit gemeint sein mag.
Für mich klingt das im ersten Moment natürlich wie eine Beleidigung. Man ist doch schließlich auch ein politischer Mensch. Aber doch merkte ich in mir, dass Dobelli da etwas gekitzelt hatte, worauf ich ansprang. Am deutlichsten ist es, wenn man aus dem Urlaub kommt und die vom Nachbarn ordentlich gestapelten Zeitungen durchstöbert. Mit jeder weiteren Zeitung erhöht sich dann der Frust: Was kümmern einen die Spekulationen über den Ausgang der Wahlen in Schleswig-Holstein, wenn die Wahl schon seit zwei Wochen gelaufen ist. Und wenn das jetzt egal ist, war es dann nicht schon damals egal?
Meine Distanz zum realen Politikgeschehen hat sich ja ohnehin immer mehr vergrößert. 1984 konnte ich jeden Minister der Kohlregierung nennen und die Ministerpräsidenten der Bundesländer noch dazu. Heute weiß ich vielleicht gut die Hälfte der Minister unter der letzten Merkel-Regierung und könnte nicht mehr als vier Ministerpräsidenten nennen. Die Gründe sind schnell gefunden: Ich sehe kein fern, und so fällt es schwerer, sich Namen zu merken, wenn die Gesichter und Stimmen fehlen. Am Gesicht würde ich Westerwelle, Schäuble, Van der Leyen, Leutheuser-Schnarrenberger und Rösler erkennen. Länder-Politik überfliege ich in der taz bestenfalls (womit auch meine Abo-Zeitung genannt wäre).
Im Übrigen ist es nicht so, dass mich politische Fragen kalt lassen würden. Ja, der Kalte Krieg ist vorbei, aber nicht einmal die Frage der atomaren Vernichtung ist vom Tisch (Interessiert sich eigentlich noch jemand außer mir für die in Deutschland stationierten Atomraketen?). Ich könnte weiterreden von bedingungslosem Grundeinkommen, Verkehrspolitik, Entwicklungspolitik, ach, es gibt wohl kein Themenfeld, dass mich nicht irgendwie berührt. Aber muss ich dafür tickermäßig die Meldungen lesen, so als sei ich der Pressesprecher eines Politikers, der alle Details kennen und auf alle Fangfragen vorbereitet sein muss?
Was würde man wissen wollen, wenn man nur ein Mal im Jahr für 20 Minuten Nachrichten lesen dürfte? Ich wette, auch noch in fünf Jahren wird ein amerikanischer Außenminister nach Israel reisen, um dort Möglichkeiten für einen neuen Friedensvertrag mit den Palästinensern auszuloten.
Ich sehe also nicht mehr fern. Die Radio-Nachrichten auf Radio Eins geizen mit Informationen. Pro Nachrichtenteil ca. sechs Meldungen, und dabei oft so nebensächliches wie Amokläufe in den USA, so als hätten diese Horror-Nachrichten irgendeine Bedeutung hierzulande oder als seien sie wichtiger als, sagen wir, die Massaker im andauernden Krieg in Kongo, von denen ich bei diesem Sender noch nie etwas gehört habe.
Die taz habe ich seit 1993 abonniert (vielleicht auch seit 1992). Ich mochte und mag die Berichte und Analysen. Verkraften muss ich ein schwaches Feuilleton, einen mageren Lokalteil mit Hang zu Linksradikalismen bis hin zu Gewalt-Verniedlichung, in dem sich nur sehr selten mal ein Rosinchen findet. Wo wird man eigentlich einigermaßen stilvoll über Berlin informiert? Ich will doch nicht die Morgenpost lesen, um zu wissen, was in meinem Stadtbezirk geschieht.
Seit über 10 Jahren lese ich außerdem die "Gehirn und Geist", die ich obendrein archiviere, dabei kommt es höchstens ein Mal im Jahr vor, dass ich ein Exemplar wieder hervorziehe, weil ich mich erinnere, dass da irgendwo ein Artikel zum Thema Autismus, Lernen, Pubertät, Sozialverhalten bei Vögeln oder Hirndoping stand. Dies schreibend überlege ich, ob es nicht doch sinnvoller ist, sich die Zeitschrift runterzuladen (kann man als Abonnent gratis) und dann das Druck-Exemplar umgehend zu verkaufen. Immerhin könnte man in den Exemplaren dann per Suchfunktion stöbern.
Den Rolling Stone hatte ich von 2000 bis 2009 abonniert. Ich hatte die Popmusik der 90er so gut wie möglich ignoriert und dabei so manche Perle übersehen, mit den 00ern sollte mir das nicht noch einmal passieren. Am Ende des Jahrzehnts stellte ich fest, dass ich nun zwar etwas besser informiert war und Perlen entdeckt hatte, die mir sonst verborgen geblieben wären (hervorzuheben ganz besonders Fiona Apple und Laura Veirs), aber Herz und Ohr hingen nun doch viel stärker als zuvor an Klassik und Jazz. Da konnten auch so großartige, mehrseitige Reportagen wie die über die scheinbar wahre Schatzinsel Oak Island oder acht Seiten über die Geschichte des Songs The Lion Sleeps Tonight, was man in dieser Ausführlichkeit weder im Internet erfahren konnte noch in irgendeinem anderen Presse-Erzeugnis.
Als ich von der POS auf die EOS wechselte, war es Pflicht, die "junge welt" zu lesen, um die Propaganda nachhaltiger zu gestalten.
Anfang 1989 abonnierte ich das "Neues Deutschland", da man dort wenigstens sofort wusste, woran man war. Tatsächlich waren die Regionalen oft einen Tag zu spät. (Ein Abonnement wie das für die löbliche Wochenzeitung Wochenpost oder Das Magazin zu bekommen, war völlig illusorisch. So etwas wurde vererbt oder höchstens aus Versehen zugestanden.)
Seit 1990 kaufe ich auch noch regelmäßig die zitty. Im Februar 1990 kostete sie 9 Ostmark, das waren 2% meines Netto-Gehalts, aber sie hatte nicht nur die West, sondern auch die Ost-Kulturprogramme aufgelistet, die allein zu studieren eine Sensation waren. Und ich las sie eigentlich auch zur Hälfte als Comic-Heft. Die Cartoons von Phil, Wächter und Fickelscherer ließen mich vor Lachen unter den Tisch fallen. Heute kämpft die zitty. Holger Fickelscherer ist von der Bildfläche verschwunden, Fil hat sich in "Didi und Stulle" verrannt. Das Kinoprogramm ist mal selektiv, mal tauchen die Film-Infos nicht mehr auf. Ob eine Programm-Info via Monopolist Cinemarketing überhaupt aufgenommen wird, liegt im Ermessen der Redakteure. Man merkt, sie geben sich Mühe, aber wenn man auf den hinteren Teil – die Kleinanzeigen – schaut, dann ist klar, was hier geschehen ist. Kleinanzeigen in der Form haben an Bedeutung verloren (im Grunde auch die Programmhinweise der zitty selbst), aber mit den Kleinanzeigen bricht auch ein wichtiger finanzieller Sockel weg. 1990 kostete die zitty 3 Mark, heute mehr als doppelt so viel. Aber im Fall der zitty gibt es natürlich auch einen subjektiven Grund der Distanzierung: Wenn gerade die Mauer gefallen ist, erscheint einem 21jährigen Westberlin natürlich tausendmal interessanter als einem mittelalten Mann, der obendrein an höchstens einem Tag pro Woche ins Kino oder ins Theater gehen kann.
Als halbwegs frischgebackener Vater sieht man sich ja außerdem in der Pflicht, sich über Fragen der Aufzucht, Erziehung, vermeidbare Elterndramen usw. zu informieren. Die Zeitschrift, auf die sich die Gattin und ich recht schnell einigen konnten, heißt Nido. Im Vergleich zu anderen Eltern-Zeitschriften lächeln einen hier nicht fußballspielende lustig-verstrubbelte Kinder vom Titelbild an, sondern wir sehen auch das Heulen, das Kaputtmachen, die Verzweiflung. Nur den Lifestyle-Scheiß gilt es zügig zu überblättern. Ob Nido nach Auswechslung der Chefredaktion oder vielleicht sogar des halben Teams noch goutierbar sein wird, bleibt abzuwarten.
Das GEO-Abo bekamen wir geschenkt. So etwas lässt man nicht liegen. Aber wieviel Zeit will man in die Lektüre dieses schönen Hefts investieren. (Schönster Artikel des letzten Jahres für mich übrigens der über die Blutbrustpaviane.)
Auch bei selektiver Auswahl der Artikel komme ich derzeit auf eine knappe Stunde Zeitungs- und Zeitschriften-Lektüre. Und schließlich will man ja auch Bücher lesen, bei denen sich zurzeit Sachbücher und Belletristik gerade die Waage halten. Und dann gibt’s auch noch so schöne Blogs wie den von Maria Popova, dieser unglaublichen jungen Frau, der es anscheinend neben ihrem Vollzeit-Job gelingt, jeden Tag ein Buch zu lesen und drei extrem interessante Blog-Einträge zu verfassen, so dass ich schon regelrecht wütend auf sie bin, dass sie sich nicht mehr Zeit lässt.
Mein Entschluss, das taz-Abos zu kündigen steht also zu 90% fest. Aber was ist die Alternative? Man will ja auch nicht als politischer Analphabet durch die Welt wanken. Zwischenzeitlich dachte ich schon, jeden Tag eine andere Tageszeitung zu kaufen. Aber dann bliebe ja immer noch das Problem, dass man mit der Lektüre dieser elenden Zeitungen doch nur Zeit verschwendet. Testhalber bestellte sich die Gattin nun mal DIE ZEIT. Genau das Richtige, dachte ich bis letzte Woche, als ich mich dabei ertappte, einen elend langen Artikel über die Koalitionsverhandlungen zu lesen. Spannend geschrieben, ja sicherlich, aber letztlich doch nur politischer Boulevard, der schon nächsten Monat niemanden mehr interessiert, da wir dann wissen, was bei den Verhandlungen herausgekommen ist. Ich zwinge mich also zur Selektion bei der ZEIT-Lektüre, beginne bei "Wissen" oder "Feuilleton", blättere "Wirtschaft" langsam und "Politik" schnell durch, überlege mir genau, ob ich das "Dossier" lese, schmeiße fast immer "Reisen" weg und überlasse die letzte Seite der Gattin zum Weinen vor Rührung.
In einem Moment des kräftigen Durchatmens bestellte ich vor zwei Wochen ein Jahres-Abo des "Guardian Weekly", eine gute Investition, wie mir bisher scheint. Der Blick auf das politisch und gesellschaftlich Wichtige der Woche aus einer anderen nationalen Perspektive erweitert den Blick, fördert die Fremdsprachenkompetenz und lädt eher zum Denken ein als das ohnehin Bekannte.
Ich könnte die Le Monde Diplomatique der taz beibehalten, aber die lese ich schon lange nicht mehr. Nach der Lektüre dieser "Analysen" geht es mir wie nach dem Lesen französischer Soziologen: Was habe ich jetzt eigentlich gelernt? Die Autoren wabern fast immer im Ungefähren, die Analysen bleiben unscharf, die Fakten könnte man auf einer Viertelseite zusammenfassen.
Vorsichtig taste ich mich an die Neue Zürcher Zeitung heran, die ich mir manchmal dienstags kaufe. Dienstags, weil ich dann immer am Zeitungsstand am U-Bahnhof Frankfurter Tor vorbeikomme, wo sie das Blatt feilbieten. Die liberal-konservative NZZ bläst ein wenig frische Luft ins Hirn, weil man durch die kuriose Schweizer Perspektive sieht, wie Gesellschaft auch funktionieren kann, weil sie über die neue Velo-Verordnung debattieren und erfrischend klar Stellung beziehen.
Mit der neuen International New York Times, die den International Herald Tribune ablöst und eher an die New York Times angelehnt ist, werde ich nicht recht warm. Ein paar mehr New York Nachrichten wären nicht schlecht, weniger Fashion, mehr Analysen.
Das Time Magazine kommt nicht in Frage. Da könnte ich mir auch gleich den Spiegel kaufen.
Eher schon The Economist, von dem ich hier neulich schon verhalten schwärmte.
Eigentlich müsste ich auf die Süddeutsche umsteigen, aber bedenkend, wieviel Zeit ich mit ihr im Urlaub verbracht habe, lasse ich lieber die Finger von ihr.
Vielleicht gelegentlich noch FAZ, El País und eine jener seltsamen Philosophie-Zeitschriften, die sich neu am Markt etablieren.
Die Sonntaz bleibt mir aber erhalten. Man will sich ja auch nicht gemein machen mit den empörten "Ich kündige mein Abo"-Leserbrief-Schreibern, obwohl es mir in den Fingern juckt.

***

Doch als die vierhundertste Nacht anbrach, fuhr sie also fort: …

Masrûr antwortet auf des Kalifs Vorwurf, ihn verspotten zu wollen:

"Nein (…) bei deiner Verwandtschaft mit dem Fürsten der Apostel, ich habe das nicht aus freiem Willen getan…"

Unklar. Petrus kann ja hier wohl nicht gemeint sein. Eigentlich muss man davon ausgehen, dass Masrûr auf die von Harûn behauptete Verwandtschaft mit Mohammed anspielt (die es, wie hier schon erwähnt, nicht gab). Es fragt sich dann nur, in welchem Sinne Mohammed ein Apostel ist. Ein Apostel Allahs?

Masrûr fährt fort, er habe bei einem Spaziergang in der vergangenen Nacht einen Spaßmacher namens Ibn el-Kâribi getroffen,

der das Volk zum Lachen brachte.

Der Kalif befiehlt, ihm diesen Mann zu bringen. Masrûr holt ihn und verlangt aber von ihm insgeheim drei Viertel jenes Geschenks, das der Kalif ihm eventuell geben würde. Nach einigem Gefeilsche einigen sie sich auf zwei vs. ein Drittel.
Ibn el-Kâribi soll also Scherze vor dem Kalifen vortragen, doch der Kalif warnt ihn, er würde ihm Schläge mit einem Sack verabreichen.

Nun erzählte er so lustige Dinge, dass selbst ein Zorniger hätte lachen müssen, und er trug allerlei Arten von Scherzen vor. Doch der Kalif lachte nicht und verzog keine Miene zum Lächeln.

Der scheinbar leere Sack enthält aber vier Kieselsteine,

von denen jeder zwei Pfund wog.

Nach dem ersten Schlag bricht Ibn el-Kâribi zusammen und besinnt sich der Abmachung mit Masrûr. Er verlangt, dass dieser den Rest der Schläge bekommen soll.

Als der Herrscher diese Worte von ihm vernahm, lachte er, bis er auf den Rücken fiel; danach rief er den Masrûr herbei und gab ihm einen Schlag. Der aber schrie auch und rief: "O Beherrscher der Gläubigen, ein Drittel ist genug für mich, gib ihm zwei Drittel."
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.

399. Nacht – From Red to Blue

Da ist also dieser sehr gute Freund, den ich schon seit fast einem Vierteljahrhundert kenne. Viel gereist sind wir, haben einander beigestanden, und politisch brachte er seinen Zwiespalt mal mit dem Liedvers von Billy Bragg auf den Punkt:
“Should I vote red for my class
or green for my children?”
Dass er sich schließlich im Zweifel immer für Rot (d.h. PDS/Linke) entschied, war klar. Und dann überraschte er mich vor vier Jahren bei einem Spaziergang mit der Ankündigung, FDP gewählt zu haben. Ich glaubte an einen deadpan vorgetragenen Scherz. Aber es war keiner. Über 67 Prozent Steuern würde er zahlen, rechnete er mir vor. (Einkommensteuer und Mehrwertsteuer zusammengerechnet.) Ich konnte meinen Ohren kaum trauen. Er sprach wie die, die er vor 15 Jahren noch kritisierte. Es ging dabei nicht länger um Fragen, wie die Gesellschaft zusammengehalten werden solle, wie man gemeinsam leben solle, und schon gar nicht ging es um Gerechtigkeit.

In den vergangenen vier Jahren wurde er, wenn es um Politik ging, beinahe schweigsam, zu sehr boten die Liberalen eine Hampelmannveranstaltung. Aber als ich ihn vor drei Wochen, kurz bevor wir uns verabschiedeten, fragte, was er diesmal wählen würde, schaute er mich kurz an, zögerte, und meinte dann: “Sag ich nicht.” Und ich wusste, es würde wieder die FDP, die Partei, die ihm übrigens auch beim Wahlomat angezeigt wurde.
Was ist geschehn, was ist passiert, was hat dich bloß so korrumpiert?, möchte ich da mit “Die Sterne” fragen.
Nun stand ich im Zeitungsladen am Bahnhof. Auf Reisen kaufe ich Zeitschriften, die ich sonst nicht oder nur selten lese. Was würde der Freund lesen? Kaufe “Die Wirtschaftswoche”, “The Economist” und das “Handelsblatt”, bestimmt keine schlechte Auswahl für einen international agierenden Bankenberater. Sollte das gesellschaftliche Sein wirklich das Bewusstsein bestimmen?
Keine große Überraschung bot das Handelsblatt. Wirtschaftliche Nachrichten dominieren, Politisches wird mit leicht konservativer Schlagseite beleuchtet. Den Economist kannte ich bereits recht gut und habe ihn auch schätzen gelernt. Die meist sehr gut recherchierten Artikel sind nie namentlich gekennzeichnet, eine heutzutage etwas unverständliche Marotte, die man sich aber leisten kann, wenn man ein erfolgreiches Presseorgan von England aus führt, wo eine kleine Marottenhaftigkeit zum guten Ton gehört. Der Ton hier durchaus liberal, aber stets gut durchdacht, nie vorhersehbar, so unterstützte The Economist Maggie Thatcher, aber auch den linken Londoner Bürgermeister Ken Livingstone. Der Artikel zur Wahl in Deutschland völlig Merkel-geprägt, und (vielleicht nicht ganz so unvorhersehbar) mit ordentlichen Sympathien für die Kanzlerin, die sie auch hier nicht müde werden, “Mutti” zu nennen. (Alleine zu dieser furchtbaren Vokabel und der damit verbunden sanften Selbstironie müsste ein Artikel geschrieben werden.)
Doch der Hammer kam mit der Wirtschaftswoche, die schon in Bild-Manier aufmacht “Wahltag ist Zahltag. Das kostet sie die Wahl.” Der Titel-Text zögert in keinem Abschnitt, Zahlen aus dem Zusammenhang zu nehmen, falsche Rechnungen aufzumachen (z.B. indem nur Teile des Steuerkonzepts berücksichtigt werden). In einer Tabelle für Singles, Paare mit Kindern und ohne Kinder werden die Entlastungen und Belastungen aufgelistet. Das Ergebnis steht schon in der Überschrift: “Liberale geben, Sozialdemokraten nehmen.” Die Tabelle beginnt übrigens bei 20.000 Euro Jahreseinkommen, und so kann man auch fragen, wem denn da genommen und wem gegeben werden soll. Die Linken etwa werden für ihre Pläne im Fließtext so kritisiert: Die Linke “würde sogar geringverdienende Familien zusätzlich belasten. Hier schlägt das Weltbild durch. Um beide Eltern in die Berufstätigkeit zu drängen, soll die traditionelle Rollenverteilung per Steuerrecht (Ehegattensplitting) abgeschafft werden.” So liest man also ganz nebenbei vom Weltbild der Wirtschaftswoche etwas mit, die dann doch an der “traditionellen Rollenverteilung” hängt und dazu tendiert, Frauen eher zu entmutigen, sich ins Arbeitsleben zu begeben.
In ihrem Fazit werden alle fünf verglichenen Parteien abgewatscht. Die Linke wolle “einen radikalen Umbau des Systems. Enteignungsgleiche Steuern für Gutverdienende”, die Grünen seien links von der SPD positioniert, die SPD sei vom “wirtschaftsfreundlichen Kurs der Schröder-Ära” abgekehrt, die CDU tendiert zu “mehr Umverteilung” (sprich: Auch sie ist demokratischer geworden), und selbst die FDP kriegt, wenn auch mäßig, ihr Fett weg: “Die einstige Drei-Stufen-Partei ist bescheiden geworden. Moderate Entlastungen für alle durch Soli-Abbau”.
Wenn man das jede Woche liest, wird man dann zum FDP-Wähler? Nicht unbedingt. Aber wenn man außerdem gut verdient, sich mit Wirtschafts-Woche-Lesern umgibt, die ebenfalls über zu hohe Steuern mosern, dann vielleicht.
***
Der Dieb bittet den Marktwächter um eine Kerze, setzt sich in den Laden und liest im Rechnungsbuch. Am nächsten Morgen bittet er um Kamele und einen Treiber, lädt vier Ballen auf die Kamele, gibt dem Wächter zwei Dirhem und verschwindet.
Der Eigentümer (um die lange Geschichte kurz zu machen) verfolgt ihn bis
“an den und den Ort”.
Häufige Formulierung, in diesen kurzen Anekdoten, aber genauso könnten sie auch “Kairo” oder “Basra” sagen.
Dort findet der nach weiteren Auskünften das Magazin des falschen Kaufmanns, der seinen Mantel auf den Stoffballen abgelegt hat. Der Eigentümer nimmt alles mit, der Dieb aber verfolgt ihn,
bis die Stoffe im Schiff verladen waren. Da sprach der Dieb zum Kaufmann: “Bruder du stehst in Gottes Hut; du hast deine Stoffe wiedererhalten und nichts verloren; nun gib mir auch den Mantel zurück!” Der Kaufmann musste über ihn lachen, gab ihm den Mantel zurück und belästigte ihn nicht weiter. Darauf zog ein jeder seines Wegs.
Eine sich hinziehende Zweieinhalb-Seiten-Geschichte mit fader Pointe.
***
Die Geschichte von Masrûr und Ibn El-Kâribi
Wieder einmal kann der Kalif Harûn er-Raschîd nicht schlafen.
Nun stand sein Eunuch Masrûr vor ihm, und der musste gerade lachen.
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398. Nacht – Schnell mal Barilla boykottieren?

Was ist das für ein seltsamer Shitstorm? Der Nudelchef Barilla wird gefragt, warum er keine Homo-Paare in seinen Werbespots filmt, und er antwortet, dass für ihn die Familie mit Frau heilig sei und dass er gegen ein Adoptionsrecht für Homopaare sei, da er die Erziehung bei gleichgeschlechtlichen Eltern für schwierig halte.
Die Interviewer lassen nicht locker: Ob er denn keine Angst habe, dass Homosexuelle jetzt andere Nudeln kaufen würden. Barilla lapidar: Mein Gott, wer mit dem Spot nicht leben kann, soll eben andere Nudeln essen.
Und das soll jetzt homophob sein? Vielleicht ein wenig konservativ. Aber er fügt noch hinzu, dass er sogar die Homo-Ehe unterstütze, was in Italien, wo es keinerlei rechtliche Anerkennung für gleichgeschlechtliche Paare gibt, schon revolutionär ist.
Anlass genug, um zum Nudel-Boykott aufzurufen? Als ob es im Kampf gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben in Italien keine dickeren Bretter zu bohren gäbe.

***

398. Nacht

Kalif el-Mamûn versucht, in die ägyptischen Pyramiden einzubrechen und wendet sehr viel Geld dafür auf, doch nur aus einem kleinen Loch gelingt es ihm, Geld zu holen – genau die Summe, die die Bohrung verursacht hat.
Es folgen Lob und Beschreibung der Pyramiden sowie vier Lobeshymnen, davon das letzte:

Wo ist der Mann, der einst die Pyramiden baute?
Wie hieß sein Stamm? Wann war sein Tag? Wo ist sein Grab?
Die Werke überdauern die Männer, die sie schufen,
Nur kurz, dann kommt der Tod und stürzt auch sie hinab.

Die leise Hoffnung der atheistischen Künstler, wenigstens mit den Werken zu überleben, auch nur eine quasi-religiöse Ausweichbewegung hin zur Schimäre.

*

Die Geschichte vom Dieb und dem Kaufmann

Ein ehemaliger Dieb

hatte sich in aufrichtiger Reue wieder Allah zugewendet und einen Laden eröffnet, in dem er Stoffe verkaufte.

Ein schlauer Dieb zieht sich Kleider an, die denen des Kaufmanns ähneln und nähert sich abends dem Basar.

397. Nacht – Studierendenfutter

Wenn ich mal eine Liste "Bücher, die ich nach langem Hin-und-Her-Überlegen dann doch nicht gekauft oder gelesen habe" anlegen sollte, steht gewiss auch Bernhard Lassahns "Frau ohne Welt" drin. Dabei behandelt er ein Thema, das mir täglich Schmerzen bereitet – die angeblich "geschlechtergerechte Sprache". In den 90ern hatte ich manchmal noch gedacht, das "Innen" wäre als kleine Provokation ganz gut. Dann blieb es. Und dann wurde langsam klar, dass man es nicht aussprechen konnte. Was über Umwege wie die noch beschmunzelnswerten Komplett-Idiotien "Krankenschwesterinnen" führte, erreichte schließlich einen kollektiven Verblödungsschwung, so dass Wörter wie "Student" anscheinend kurz davor sind auszusterben, da der Anpassungsdruck zu hoch und das Sprachgefühl der Abiturienten verkümmert ist. (Studierendenfutter, Professierende)
Rechtsnormen waren wohl schon immer der Kreißsaal sprachlicher Zumutungen, aber die Arroganz, mit der die neue StVO in die Sprache pfuscht, schlägt dem Fass den Boden aus. "Zu Fuß Gehende", "Rad Fahrende" – aus einem Status wird eine permanente Tätigkeit. Die Chuzpe, dann auch die Fußgängerzone zur "Zu-Fuß-Gehenden-Zone" zu machen, brachten die Autoren dann doch nicht auf.
Das Argument der feministischen Sprachkritikerinnen ist immer wieder, mit Sprache würde Macht ausgeübt. Der Fehlschluss besteht darin, dass man eine Inklusion erzeugen will, die die Sprache nicht zu leisten imstande ist. Die Uneindeutigkeiten bleiben. Hörer würden sich, so heißt es, wenn von "Professoren" die Rede ist, sich hauptsächlich Männer vorstellen. Aber liegt das an der Sprache oder an den sozialen Tatsachen, den Diskriminierungen, die zu bekämpfen etwas mehr Anstrengung erfordert als ein Binnen-I zu schreiben?
Und dann kommt Bernhard Lassahn und schreibt "Frau ohne Welt". In der Buchbeschreibung des Verlags heißt es:

"Das feministische Ziel ist längst nicht mehr die Gleichberechtigung der Frau, sondern die Überwindung des Mannes als etwas Vorzeitlichem. Der Feminismus wendet sich gegen Mann und Mutterschaft und damit gegen die Familie. Wer den Feminismus gutheißt, schickt die Frau in eine kinderlose Weltfremdheit, die keine Zukunft hat. Er schadet allen."

Lassahn holt sich bei der Präsentation in unserem guten alten Zebrano-Theater Schützenhilfe ausgerechnet bei Arnulf Baring, Andreas Krause Landt und Monika Ebeling. Wenn man die Hand so weit nach rechts ausstrecken muss, um Gleichgesinnte zu finden, muss ich’s nicht lesen.

*

397. Nacht

Wie zu erwarten war, bleibt der Jüngling auch in der dritten Nacht fern und die Jünglinge wollen ihre Blutrache an Abu Dharr vollstrecken,

"was das Gesetz des Islams vorschreibt."

Man bietet ihnen Wergeld an, aber das lehnen sie ab. Doch im letzten Moment trifft der Jüngling ein:

Wisset ihr nicht, dass keiner dem Tode, wenn er sich einstellt, entrinnen kann? Ich habe mein Wort gehalten, auf dass es nicht heiße, die Treue sein unter den Menschen geschwunden."

Und auch das Ende erinnert uns an Schillers "Bürgschaft", die freilich auch nur eine Bearbeitung der sizilianischen Legende von Damon und Phintias ist.

***

Die Geschichte von dem Kalifen El-Mamûn und den Pyramiden

El-Mamûn, der Sohn des Kalifen Harûn er-Raschîd, reist nach Kairo, um dort die Pyramiden einzureißen und an die in ihnen verborgenen Schätze zu gelangen.

Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und hielt in der verstatteten Rede an.

396. Nacht – Österreichische Bäuerin als Tom Sawyer und die Geißel der Menschheit

Die Nachrichtenagentur dpa meldet heute, eine pekuniär klamme österreichische Bäuerin habe sich als Domina zwei Sklaven gehalten, die nackt und in Gummimasken für sie schuften mussten und dafür auch noch bezahlten. "Bis einer der Sklaven Betrug witterte und sie bei der Polizei anzeigte."
Nicht aus Schadenfreude hält sich unser Mitleid für diese beiden Arbeiter wider Willen in Grenzen, sondern vielmehr weil sich in diesem skurril-bizarren Fall die Janusköpfigkeit der Arbeit zeigt. Eigentlich kennen wir es schon von Tante Pollys berühmtem Zaun, um dessen Weißung sich Tom Sawyers Freunde reißen, nachdem er es ihnen als reine Freude darstellte. Arbeit ist eben doch ein Bedürfnis, solange es nicht in "Arbeit" ausartet. Und "Arbeit" ist die mühevolle, sinnentleerte Lohnarbeit, man könnte mit dem jungen Marx auch sagen "entfremdete Arbeit". An der Tätigkeit selber hatten die beiden Nudisten und gummiliebhabenden Masochisten offenbar gar nichts auszusetzen, sie verschaffte ihnen sogar Lustgewinn. Dieser ist so groß, dass die beiden bereit sind, so wie Toms Freunde, auch noch zu zahlen, um die Arbeit erledigen zu können.
Diese kleine Episode ist doch ein schönes Argument für uns Kämpfer ums Bedingungslose Grundeinkommen: Das Bedürfnis sich tätig zu entfalten, kann ja hier überhaupt nicht geleugnet werden. Es kommt nur auf die Vorzeichen an. In diesem speziellen Falle ärgerte sich wohl der Nackerte, dass die Dame seines Herzens das Ganze nicht auch als sexuelles Lust-Spielchen ansah, sondern praktisch die Meta-Spielregel änderte und das Ganze für sich zur Lohnarbeit umdefinierte, wobei der Lohn ja de facto ein negativer war.
Vielleicht wäre es mal ein Experiment wert: Würden mehr Menschen dafür zahlen, arbeiten zu dürfen, wenn sie dies nackt erledigen können?
Aber eigentlich haben wir es mit einem ernsten Problem zu tun: Arbeit wird doch der Mehrheit der Bevölkerung als etwas Furchtbares dargestellt, man müsse sich zusammenreißen, sich den ganzen Tag über mit eintönigem, sinnlosem Geracker quälen. Wenn’s Spaß macht, steht die Tätigkeit auch irgendwie im Verdacht, keine richtige Arbeit zu sein. Grob gesprochen, will am Ende keiner arbeiten aber jeder will einen Job.
Und dann zeigt man mit dem Finger auf verblödete Unterschicht-Familien, die sich vorm Fernseher auf der Couch breitmachen und überhaupt keine Lust haben, noch arbeiten zu gehen.
Bedingungsloses Grundeinkommen würde dieses Verhältnis ändern. Nicht von heute auf morgen. Aber es wäre die Grundlage dafür, dass Arbeit nicht mehr als Geißel der Menschheit betrachtet wird.

***

Der Jüngling gesteht, den Vater der beiden anderen jungen Männer erschlagen zu haben, bittet aber der Kalifen Omar, seine Geschichte erzählen zu können.

Wisse denn, o Beherrscher der Gläubigen, ich bin ein echter Vollblutaraber Kind, von denen, die unter dem Himmel die edelsten sind.

Beide Gerichtsparteien sind übrigens die ganze Zeit am Reimen, was vielleicht eine schöne Pflicht in heutigen Strafprozessen wäre.

Der Jüngling berichtet, wie einer seiner Kamelhengste sich über die Mauer eines Gartens beugte, um dort zu fressen, woraufhin der Besitzer des Gartens das wertvolle Kamel erschlug, was den Jüngling so sehr erzürnte, dass er den Kameltöter nun selbst umbringt. Kalif Omar meint, dieses Geständnis schütze ihn nicht vor einem harten Urteil. Der Jüngling ist bereit, das Urteil anzunehmen, bittet aber um drei Tage Zeit, um seinem minderjährigen Bruder das Erbe, das er irgendwo vergraben habe, auszuhändigen. Er würde auch einen Bürgen dalassen.

Das kommt uns doch recht bekannt vor:
"Und willst du mir geben drei Tage Zeit,
bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
Ich lasse den Freund dir als Bürgen.
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen."

Als Bürge soll ausgerechnet Abu Dharr einstehen.

Abu Dharr gilt als einer der ersten vier Muslime und seine Tugend wurde von Mohammed mit der Jesu verglichen.

395. Nacht – kuriose und unkuriose Zeitschriften

“Zeitschriften, die wir euch vorstellen”

In den Jahren 2000 und 2001 stellte ich bei derChaussee der Enthusiasten in unregelmäßigen Abständen “Zeitschriften, die ihr nicht kennt” vor. Bei einem meiner mäßig inspirierten Aufräumanfälle fielen mir nun wieder die damals gekauften Hefte in die Hand. Das sagt man wohl so, aber eigentlich hatte ich diesen Zeitschriftenstapel immer wieder in der Hand, von Regal A nach Regal B schiebend und mir einredend, das wäre für irgendein “Archiv” wichtig. Schnickschnack. Ich machte noch schnell ein paar Fotos, und jetzt kommen sie in die Tonne. Die meisten dieser Zeitschriften sind natürlich ausgemachter Schrott. Einige versprachen zumindest Lektüre in Wissensgebieten, an denen ich sonst schnöde vorbeisause. Fast alle pflegen einen typischen Jargon – eine Mischung aus Anbiederei und Fachmännischkeit.

– Der Artikel aus der Zeitschrift REPTILIA kam damals ziemlich gut beim Publikum an. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Heiko Werning, der außerdem noch Redakteur dieser Zeitschrift ist, wurde kurze Zeit später in der Lesebühnenszene aktiv und ist heute Mitglied bei der Reformbühne und den Brauseboys.
– Gegen wen kämpft man eigentlich? Diese Frage wollte ich mir durch den Kauf der “National-Zeitung” beantworten. Und man kommt Gewissensbisse schon beim Kauf: Einmal will man nicht für einen Nazi gehalten werden, zum anderen unterstützt man ja mit dem Kauf die NPD. Sehr erstaunlich, dass auf der letzten Seite Bücher von Noam Chomsky beworben wurden, ein jüdischer Linker. Um die bescheuerte Frage der Titelseite “Wie mächtig sind die Juden?” weiterzuspinnen: Haben die linken Juden jetzt schon die National-Zeitung in ihrer Hand? Wenn man genauer hinschaut: Es sind Bücher, die die amerikanische Außenpolitik nach dem 11. September 2011 kritisieren, und da kann der Nationalist schon mal den Alibi-Juden als Kronzeugen gebrauchen. Ob Chomsky davon weiß?
– Die Zeitschrift BRIDGE ist keine Kartenspielzeitschrift, sondern für Makler gedacht. Und so erfuhr ich, was mein einer Berliner Namens-Doppelgänger in Berlin so treibt.
– Sehr schön auch DER RAUBFISCH. Es fiel mir damals schwer, unter den Dutzenden Angelzeitschriften eine auszusuchen.
– Nicht auf den Fotos zu finden: GEHIRN UND GEIST, die einzige Zeitschrift, die es geschafft hat, gleich nach der Lektüre abonniert zu werden.
– Die kurioseste Zeitschrift fand ich aber “Die Lesertuning Scene”. Eine Zeitschrift, die praktisch von ihren Lesern gemacht wurde: Leser stellen ihre getuneten Karren vor, und zwar stets inklusive am “Ameisenfresser” lehnenden aufreizenden Mädchen. Vom Technik-Schnickschnack verstand ich kein Wort, aber mich beeindruckte doch die extreme Unprofessionalität der Fotomodelle und ihrer Fotografen.



 

 

***

Der Alte antwortete, er sei auf dem Wege von Basra nach Bagdad, um ein Heilmittel für seine Augen zu finden. Der Kalif befielt Dscha’far, mit dem Alten Scherz zu treiben. Dscha’far rät nach kurzem Zögern dem Alten,

“drei Unzen Windhauch, drei Unzen Sonnenstrahlen, drei Unzen Mondschein und drei Unzen Lampenlicht”

zu nehmen und diese in einem bodenlosen Mörser zu zerstoßen. Der Alte legt sich auf seinen Esel, lässt einen Wind ab und erklärt diesen zum Lohn für Dscha’fars Rat und verspricht ihm außerdem bei Wirkung des mittels ihm eine Sklavin zu schenken, die ihm ein schnelles Ende bereiten soll.

Da lachte Harûn er-Raschîd, bis er auf den Rücken fiel, und befahl, jenem Manne dreitausend Dirhems zu geben.

Mit Geld sich das Recht zum Spotte erkaufen, ob das seinem Gott gefallen haben mag?

***

Die Geschichte vom Kalifen Omar ibn el-Chattâb und dem jungen Beduinen

Der Kalif Omar ibn el Chattâb sitzt auf dem Richterstuhl, als zwei Jünglinge einen dritten Jüngling am Gewand gepackt vor ihn schleifen.

394. Nacht – Meine Besserwissereien

Ich war ein Besser-Ossi
oder Onkel Hain kommt

Ob meine Besserwisserei angeboren oder anerzogen ist, weiß ich nicht. Nature or Nurture – die alte Frage. Da ich meine Eltern schon als kleines Kind damit nervte, sie in kleinen Dingen des alltäglichen Lebens zu korrigieren, muss es wohl in den Genen liegen oder vielleicht an einer Mutation der Muttermilch. Die moralphilosophische Fachwelt streitet ja darüber, ob Besserwisserei der Todsünde des Hochmut zuzurechnen sei. Dagegen spräche, dass es einem ja nur um die Sache geht: Den Fortschritt, die Wahrheit. Man möchte seine Menschen nicht in der Düsternis der Dummheit zurücklassen. So gesehen ist jedes Lehrbuch, überhaupt jedes wissenschaftliche Werk eine besserwisserische Anmaßung. Andererseits bohrt der Besserwissende in der Wunde des Schlechterwissenden. Er nervt den Nichtwissenwollenden, vor allem aber verbessert der Besserwissen in Situationen, die kein Belehren verlangen. Dies zu erkennen ist aber für den Besserwisser fast unmöglich, da es für ihn nichts Dringenderes gibt als die Richtigstellung eines Irrtums, und sei es die Korrektur eines Kommafehlers. Es kostete mich große Mühe zu lernen, mir wenigstens in zwischenmenschlichen Schlüsselsituationen auf die Zunge zu beißen. Vielleicht erkannte ich es mit Anfang 20, als mir meine Freundin beim schönsten Vorspiel zuflüsterte: "Du brauchst heute kein Kondom überziehen."
"Überzuziehen!"
"Was?"
"Es heißt, ‘Du brauchst heute kein Kondom überzuziehen.’ Wer brauchen ohne zu gebraucht, ist nicht zu gebrauchen."
Ja, ja. Für diese Freundin war ich auch bald nicht mehr zu gebrauchen.
Aber zu lernen, die Angemessenheit der Belehr-Situation zu berücksichtigen, war für mich ein langer dornenreicher Weg – die Dornen dieses Wegs waren meine Besserwis-sereien und die Verletzungen zogen nicht nur die von mir Belehrten sich zu, sondern letztlich immer ich.
Meine ersten Opfer waren meine Kindergarten-Freunde, die ich mit frisch zusammengelesenem unnützem Wissen beballerte: "Welcher Frühblüher bekommt die Blüten vor den Blättern?" Nicht nur kannte die richtige Antwort "Der echte Seidelbast" natürlich niemand, die meisten wussten nicht einmal, was Frühblüher sind, und eine erstaunlich große Minderheit kannte nicht einmal den Unterschied zwischen Blüten und Blättern. Gut waren natürlich auch Fragen, die ich zwar nicht verstand, aber deren Antwort ich wusste: "Was ist die Muttersubstanz von Radium?"
So lernte ich mit fünf Jahren, dass es nicht viel bringt, sich schlauer zu fühlen, wenn die Konsequenz kommunikative Ausgrenzung lautet. Meine nächsten Opfer waren die Lehrer, und das zwölf Jahre lang. Ich wusste nicht alles besser, aber vieles. Talentierte Lehrer nutzten meine Fragen, um den Unterricht zu dynamisieren, während die weniger talentierten jedes Mal verunsichert waren, ob ihr am besten mitarbeitende Schüler, wenn er sich meldete, eine gute Antwort oder eine provokante Frage parat hielt.
Auch in schriftlichen Arbeiten testete ich regelmäßig die Lehrergrenzen aus. Diktat gegen Ende der ersten Klasse: "Onkel Hein kommt" lautete die Überschrift. Ich war in jener Zeit fasziniert von Zwielauten und Umlauten jeglicher Art. Onkel Hein kommt? Soso, das würde mir Frau H. bei der Korrektur nachweisen müssen, dass sie "Hein" so ausgesprochen hatte, dass man ihn nicht mit "ai" schreiben könnte. Andererseits wäre "Heyn" auch nicht schlecht, vielleicht sogar noch provokanter? Ich beließ es bei Hain. Frau H. lobte mich später sogar – ein Bärendienst an der Bildung meines Charakters, in dem es sich der Dünkel bereits gemütlich gemacht hatte. Dieselbe Frau H. ging ebenso ruhig darüber hinweg, dass ich in Mathearbeiten die Variablen nicht x oder y nannte, so wie es andere Kinder taten, sondern diese ausnahmslos mit den Umlauten ä, ö und ü, sowie gelegentlich auch mit ß bezeichnete.
Weniger starknervig war Frau H.s Nachfolgerin, Frau B., die in der sechsten Klasse, es ging im Geographie-Unterricht gerade um Industrie-Gebiete in Polen, mehrere Korrekturvorschläge zur Unterstreich-Form von Überschriften und Zwischenüberschriften ertragen musste. Ihre Stimme tremolierte bereits, als sie meinen unerbetenen Vortrag zum Thema "Zahlen als Unterpunkte. Warum man nicht 2.), sondern entweder 2. oder 2) schreibt" unterbrach, um zum öden Industriethema und der Werft- und Hafenstadt Gdansk zurückzukehren. Ich blätterte in meinem Buch, während B. an der Tafel säuselte und das auf ihrer A5-Karteikarte vorgemalte Tafelbild abmalte. Die Klasse schläferte träumerisch so vor sich hin. Eine kleine Zwischenfrage zum Aufmuntern: "Für den Export welcher Rohstoffe braucht denn Polen den Hafen?" Niemand meldete sich, ich schaute zum Tafelbild. Dort stand Gdanst! Mit T! Für alle sichtbar. Sollte ich wieder mal schlauer sein als die Lehrerin? Dies zu demonstrieren, durfte ich mir nicht entgehen lassen. Ich meldete mich. Frau B. musterte mich scharf: Würde ich wieder provozieren? Ich fühlte mich unschuldig und im Recht, und so muss mein Blick völlig unschuldig gewirkt haben, als ich, nachdem Frau B. mir zunickte: "Ja, Dan?" die Antwort gab: "Gdansk wird aber mit K geschrieben." Nie wieder habe ich B. dermaßen ausflippen sehen: "Das ist ein K. Ein K!!" Sie übermalte das T zum K und echauffierte sich über die gesamte Klasse. Warum habe man ihr, der jungen Absolventin in dieser Schule die trägste Klasse von allen gegeben, in der der Einzige, der überhaupt Energie genug habe, um den Arm zu heben, sich mit der Korrektur unwichtiger Nebensächlichkeiten beschäftige. Auf den Hinweis, dass Orthographie keine unwichtige Nebensächlichkeit sei, holte sie mich als Strafe zur mündlichen Leistungskontrolle an die Tafel. Mit dem aktuellen Stoff – "Industrie in den RGW-Staaten" – konnte sie mich nicht drankriegen, und so stocherte sie in vergangenen Themen herum: Faltengebirge, Glaziale Serie, Oberrheingraben. Die Pausenklingel dröhnte. B. suchte weiter nach Schwachstellen. Fünf Minuten später gab sie auf: "Pause!", und gab mir verdrossen die Eins. Es fühlte sich gut an, Recht behalten zu haben, aber mir war klar: Man hatte mich auf dem Kieker. Die ganze Schulzeit über. An der Uni war ich schon vorsichtiger. Aber trotzdem hielt meine Besserwisserei an: Meine Beziehungen litten darunter. Und sicherlich auch meine Gesundheit. Denn noch kannte ich nicht die Regel, dass die Gastronomie zu den Bereichen zählt, in denen Kritik sich leicht als Bumerang erweist. Den Kellnern ist es wohl einigermaßen egal, ob sie einen Teller ein oder dreimal durchs Lokal tragen müssen. Köche aber reagieren wie beleidigte Pianisten, wenn man ihre Kunst infrage stellt. Bemerkungen wie "Die Bechamelsoße am Spargel ist viel zu dick." oder "Rosmarin passt aber nicht an Geflügel" bringen Köche auf die Palme. Und erst spät erfuhr ich, dass sich diese Küchen-Lamas rächen, indem sie einem die Soße des neuservierten Essens ordentlich mit Eigen-Aule einspeicheln. Auch ein Cartoon des Derbzeichners Werner Brösel bindet meine Zunge wenn’s ans Kritisieren von Restaurant-Gerichten geht: Wir sehen einen Schiffskoch, der freudig sein entblößtes Glied über eine Pfanne hält und darunter den Zweizeiler: "Der Koch in der Kombüse/verfeinert das Gemüse."
Ich habe gelernt, und habe gelernt zu schweigen, wenn ich falsch bedruckte Speisekarten oder orthographisch verhunzte Ladenschilder sehe. Ich zügle mein Maul, wenn Freunde ihr Geld für schützende Kristalle, "belebtes Wasser" und ähnlich geldschneiderischen Schrott ausgeben. Ich achte auf den passenden Ort und die passende Zeit, um auf die Lügen der Homöopathie aufmerksam zu machen. 381 Millionen Euro pro Jahr in Deutschland für Globuli aufgrund einer Hokuspokus-These, für deren Beweis jedem der Physik-Nobelpreis zuerkannt würde, deren Belege allesamt subjektiver Natur sind und deren Effekt genauso durch Wasserschlucken reproduzierbar wären. (Ich kann mich schon wieder nicht halten…)
Aber es gibt eine schöne Spielwiese für Leute wie mich: Immer wieder bestaunen Feuilletonisten die Arbeit und den Antrieb der Wikipedianer. Wie kann eine selbstorganisierte Enzyklopädie funktionieren? Wo nehmen die Macher die Zeit und den Ehrgeiz her? Hier ist die Lösung: Besserwisserei. Ich kann keinen Wikipedia-Artikel lesen, ohne Kommafehler zu korrigieren. Bei Behauptungen, die mir unwahrscheinlich erscheinen, schlage ich mir Stunden um die Ohren, um sie zu veri- oder falsifizieren, selbst wenn mich das Thema an sich nur peripher interessiert. So wurde im deutschen Artikel zum Italo-Amerikanischen Schlagersänger Al Martino behauptet, er sei in den 60ern nach England geflohen, weil er von einem Mafioso namens Luca Brasi verfolgt worden sei. Luca Brasi ist aber der Name eines Knochenbrechers im 70er-Jahre Film "Der Pate", bei dem Al Martino eine Nebenrolle hatte. Hier schien mir etwas durcheinandergebracht worden zu sein. Mehrere Tage verbrachte ich mit der Recherche, bis ich auf ein Zitat in der Augsburger Allgemeinen stieß, das einen amerikanischen Zeitschriften-Artikel falsch übersetzt hatte, der wiederum sehr frei mit der Vita Al Martinos spielte. Ich strich in der Wikipedia einen Halbsatz und mich durchfuhr ein mentaler Orgasmus. Vor einem halben Jahr bin ich wegen meines Fleißes in der deutschen Wikipedia zum Sichter befördert worden. Wiki-Sichter! Seidelbast! Gdansk! Rosmarin! Bechamel! Brauchen nur mit zu! Globuli. Und Onkel Hain! Onkel Hain kommt!

***

Der Mann berichtet den zusammengerufenen Leuten, was geschehen war, woraufhin die Frau den lebenden Fisch präsentiert, der ihn Lügen straft.

Dann erklärten sie ihn für irrsinnig und sperrten ihn ein und lachten ihn obendrein aus. Er aber begann in Tränen auszubrechen und hub an, diese beiden Verse zu sprechen:

Die Alte hat im Schlechten schon hohen Rang erklommen.
Und Zeugen der Gemeinheit stehen in ihrem Gesicht.
Wenn unrein, kuppelt sie; wenn rein, bricht sie die Ehe;
Sie lebt, indem sie kuppelt und auch die Ehe bricht.

***

Die Geschichte von der Weiberlist

In Bagdad geht eine "Tochter der Fröhlichkeit" am Laden eines schönen Jünglings vorbei, über dessen Tür die Worte stehen:

"Es gibt keine List als die List der Männer; denn sie übertrifft die List der Frauen."

Dies reizt sie, ihm das Gegenteil zu beweisen. Am nächsten Tag kommt sie in seinen Laden, vorgeblich, um Stoff zu kaufen. Dann spricht sie zu ihm:

"Sieh doch mal, wie schön ich von Wuchs und Gestalt bin! Kannst du einen Fehl entdecken?" (…) "Nein, meine Herrin."

Daraufhin entblößt sie ihren Busen und ihre Arme.

"Was veranlasst dich, meine Herrin, mir diese schönen Glieder und diese liebliche Gestalt zu zeigen? (…)

Die weiße Wange wird vom Haar umrahmt
Und ist verborgen in der schwarzen Pracht.
Die Wange gleicht dem hellen Tageslicht,
Das Haar ist gleichsam wie die finstre Nacht."

Daraufhin erzählt sie ihm, ihr Vater, der Großkadi verhöhne sie und sage ihr ständig, sie sei hässlicher als die Sklavinnen und bräuchte deshalb keine feinen Kleider. Sie nimmt Abschied von ihm, und

in seinem Herzen regte sich eine tausendfache Sehnsucht.

Er begibt sich zum Kadi und hält um die Hand dessen Tochter an.

"Herzlich willkommen", erwiderte der Kadi, "aber meine Tochter taugt nicht für deinesgleichen, mein Freund."

Doch der Jüngling beharrt darauf, und so wird noch vor Ort der Brautpreis ausgehandelt und die Eheurkunde aufgesetzt. Drei tage später findet die Hochzeit statt.

Als er aber den Schleier von ihrem Antlitz hob und das Kopftuch zurückschlug, da entdeckte er eine ekelhafte, hässliche Gestalt und ein mit allen Fehlern behaftetes Wesen. Und nun bereute er, als ihm die Reue nichts mehr nutzte. (…) Und er ruhte bei seiner Gattin wider Willen.

Ob der Vollzug nachgeprüft wurde? Oder sich der Kadi auf die Aussage seiner Tochter verließ?

Er wird nun von seinen Freunden verspottet. Und als er wieder in seinem Laden sitzt, kommt die junge Frau wieder und bietet ihm an, ihm zu helfen, sofern er die Inschrift über der Tür verändere. Dies tut er:

Es gibt keine List als die List der Frauen; denn ihre List ist die größte.

Sie rät ihm, Trommler und Tänzer zu bezahlen, damit sie ihn am nächsten Tag vorm Gerichtshof des Kadis bejubelten und ihm sagten: ‘Zum Segen, Vetter! Unsere Seele freut sich über das, was du getan hast.’ Dann möge er ihnen Dirhems zuwerfen.

"Ja, der Rat ist gut", antwortete er.

Weiß er schon, worauf das hinausläuft? Ich hier noch nicht.

Er tut, wie ihm geheißen, und der Kadi wird erbleicht, da die Trommler behaupten, sie seien durch die Heirat als Vettern nun Verwandte des Kadis geworden.

"Weißt du nicht, hoher Herr, dass ich auch zu dieser Zunft gehöre?"

"Allah verhüte, dass dies Ding sich vollende! Wie sollte es erlaubt sein, dass die Tochter des Kadis der Gläubigen bei einem Mann e verbleibe, der zu den Tänzern gehört und niedriger Herkunft ist? Bei Allah, wenn du dich nicht im Augenblicke von ihr scheidest, so lasse ich dich peitschen und auf immer bis zu deinem Tode ins Gefängnis werfen. (…) Du bist ja unreiner als ein Hund oder ein Schwein." (…)
"Sei besonnen, o Gebieter! Denn Allah ist besonnen! Ich könnte mich von meiner Frau nicht scheiden, wenn du mir auch das Königreich Irak schenktest!"

Der Kadi behält seine Drohung bei, und der Jüngling spricht die Scheidung aus. Er kehrt zurück in den Laden und heiratet die listige Jungfrau.

 

***

Die Geschichte von der frommen Israelitin und den beiden bösen Alten

Eine fromme Israelitin wird von zwei Alten bei der Waschung hinterm Gebethaus beobachtet und erpresst, sie möge ihnen zu Willen sein. Sie widersteht, und so veleumden die beiden Alten sie, sie hätte Ehebruch betrieben. Drei Tage steht sie am Pranger, dann soll sie gesteinigt werden. Aber der zwölfjährige Daniel, der spätere Prophet, verhört die beiden Alten getrennt, und sie machen widersprüchliche Angaben zum Tatort.

Da sendete Allah der Erhabene plötzlich einen rächenden Blitz vom Himmel und verbrannte die beiden Alten.

Warum tut er das erst, als deren Schuld durch Daniel bereits bewiesen ist?

Dies war das erste Wunder des Propheten Daniel – auf ihm ruhe Heil.

Diese Geschichte aus alttestamentarischer Zeit wirkt sonderbar deplatziert an dieser Stelle.

***

 

Die Geschichte von Dscha’far dem Barmekiden und dem alten Beduinen

Harûn er-Raschîd geht mit Dscha’far, Abu Nuwâs und dem Tischgenossen Abu Jakûb aus. Da entdecken sie in der Steppe einen Alten.

393. Nacht – Das Bröckeln der Anti-Gentrifizierungsfront

Das Loch in der Anti-Gentrifizierungs-Front

Meine Nachbarschaft ist zugestopft mit Kaufhallen, Supermärkten und Discountern aller Art. Cafés und Restaurants eher weniger, aber Kaufhallen. Dafür hamse wieder Geld, die Treptower. In weniger als 5 Laufminuten erreiche ich:
– zwei Netto
– einen Kaisers
– ein real
– Rewe
– Aldi
– und (dafür braucht man dann schon sieben Minuten) die Biokette LPG
Schon irritierend, als vor wenigen Monaten direkt neben dem Netto auf dem ehemaligen Mauergrundstück die Bagger ankamen und schon bald ein Schild verhieß: „Hier entsteht ihr neuer Edeka!“ Die Graffitisierer sprachen mir aus dem Herzen, als sie dann an die neueröffnete Filiale sprühten: „Kita? Spielplatz? Park? Noch ein Supermarkt! Fuck the system!“
Wem wollten die denn die Kundschaft streitig machen? Mir war klar, ich würde den Edeka, auch wenn er nur bequeme 3 Minuten entfernt lag, boykottieren. Und ich war mir sicher, ich wäre nicht der Einzige. Die Graffiteure hatte ich auf meiner Seite. Am selben Tag hatten sie auch ein in der Karl-Kunger-Straße modernisiertes Haus markiert mit „Privat-Zoo für Reiche“. Ich muss zugeben, dass ich die Aufschrift im zweiten Moment schon nicht mehr verstand. Wenn dieses Haus ein Zoo für Reiche war, wer wurde denn darin gehalten? Die Reichen? Von wem? Von uns? Wer waren die Besucher des Zoos? Wir? Aber ins Haus kam man doch nicht rein. Die Anti-Gentrifizierungsfront hatte noch an der Durchdachtheit ihrer Slogans zu arbeiten.
Der Edeka hatte inzwischen zwei Monate geöffnet. Und ich widerstand der Versuchung nachzuschauen, wie es darinnen aussehen mochte. Ich wählte beim Einkaufen weiterhin zwischen dem billigen Ekel-Netto und den ökokorrekten LPGlern. Ich lege ja schon seit immer etwas mehr hin, um Biofutter zu bekommen, denke aber, dass das manchmal – etwa bei Schnipsgummis oder Bier auch ein wenig zweitrangig ist. Es gibt eben doch ein richtiges Leben im Falschen, hier irrte Adorno. Hunderprozentige Korrektheit gibt es nicht, jeder muss seinen eigenen Kompromiss finden. Und wenn ich Bananen vergessen habe, dann vermeide ich den Umweg zur LPG, und springe eben schnell zu Netto rein, wo man sensuell auf eine böse Probe gestellt wird. Es stinkt nach Verpackungen und Schweiß, der Laden beballert einen mit seiner stechenden Gelb-Orange-Kombi, die Mitarbeiter wurden offenbar aus der Dauerkundschaft gecastet, man bemüht sich um einen freundlichen Umgangston, kann aber die Gehetztheit und, wie mir scheinen will, eine Angst (wovor auch immer) nur schwer verbergen. Hinter der Kasse eine Abstellfläche von einem Achtelquadratmeter, auf die der Kassierer die Lebensmittel in einer Weise abstellt, als wolle er einem sagen: „Beeil dich gefälligst, du Flitzpiepe, und dann sieh zu, dass du hier wegkommst. Ich trete dann immer absichtlich auf meine innere Bremse, denn es gibt nur wenig Schlimmeres fürs innere Gleichgewicht als sich von anderen in Hektik treiben zu lassen. Und leise, während ich Tütchen für Tütchen, Fläschchen für Fläschchen in den Rucksack lege, summe ich leise in mich hinein: „Ich beeile mich nicht. Ich bin es nicht, der hier arbeiten muss.“
Nun begab es sich aber, dass ich dringend Granatapfelsaft benötigte. Fragt nicht warum! Die Zeit war knapp, der nächste Persian-Food-Shop weit und der zwischenmenschliche Druck enorm. Was sollten mir da ein Gelübde über einen Edeka-Boykott, das ich mir nur selber gegeben hatte, und das auch nicht mal bewusst, sondern eher als vage formulierte Idee? Ich versuchte den Gedanken „Ein Supermarkt ist doch wie der andere“ nicht zu denken. Edeka war der Letzte gewesen, der Überflüssigste. Wenn ich jetzt da reinspazierte, müsste es die absolute Ausnahme bleiben.
Bei der Gelegenheit könnte ich noch ein paar Pfandflaschen mitnehmen. Irgendwie hat sich in meinem Kopf der Glaube festgesetzt, dass man den Laden, in dem man die Pfandflaschen abgibt, schädigt. Vielleicht nicht finanziell, aber sie haben den ganzen Aufwand, den Kram hin und herzutransportieren, sich um die Abholung zu kümmern. Ich steckte sie in den Automaten im Vorraum: „Hier, friss! Nimm dies!“ sprach ich, während ich mich wunderte, dass es hier so gar nicht nach Flaschenannahme stank. Rechts neben dem Automaten ein Sammelbehälter für die Pfandbons, die als Spende für zwei soziale Kinderprojekte in unserer Nachbarschaft abgerechnet werden. „Ha! Ihr denkt wohl, auf diese Weise könnt ihr mich ködern!“ Links neben dem Automaten ein Waschbecken! Ich schaute mich um – ja, das war für die Kundschaft gedacht. Nein, auch damit kriegt ihr mich nicht, sagte ich mir, als ich durch die Automatiktür die Halle betrat. Die Halle mit ihren geräumigen Gängen, wo man sich nicht, wenn einem einer mit Einkaufswagen entgegenkommt, zurückweichen oder einen Crash riskieren muss. Die Halle, in der Angestellte ohne zu hetzen mit Augenmaß die Waren einsortierten. Die Halle, in der es eine Ruheecke für Rentner gab und zwei Spielecken für Kinder, und zwar ohne den phantasielosen Plastikdreck, mit dem sonst Kinderecken hingerotzt werden. Zwei Kassiererinnen, auf dem Weg zu ihren Boxen, scherzten leicht miteinander. Jeder hier lächelte. Aber es war nicht das Lächeln, das man etwa von Stewardessen kennt, bei denen man immer vermutet, dass sie am Abend die Klammern hinter den Ohren entfernen müssen, um ihr Gesicht wieder zu entspannen. Es war auch nicht dieses auf Kundenfreundlichkeit getrimmte Diskantgeschnatze aus dem Subways am S Bahnhof Schönhauser Allee, wo einem alle Verkäufer – ob Mann oder Frau – die Ohren vollkeifen: „Soll’s getoastet sein?“ Nicht wie in den Pseudo-Edel-Restaurants in Brandenburg, wo die Kellner in kaum verkautem Berlinerisch andauernd fragen: „Solls noch was sein der Heer?“ Und auch nicht wie die wirklich freundlichen Angestellten der LPG Treptow, die dann doch oft übermüdet wirkten. Diese Leute, das war zu sehen, mochten ihren Beruf, sie mochten ihre Kollegen und sie mochten ihre Kunden. Man nahm es sich sogar heraus, einzelne Kunden zu necken, aber nicht in Bouletten-Olli-Manier, oder im Döner-Ömer-Style, sondern sanft und immer den Ton treffend.
Die Halle. Die Halle, in der ich auch den Granatapfelsaft fand.
Was sollte ich nun mit dieser Halle machen, die ich doch zu boykottieren gedacht hatte? War das nun wieder ein ganz perfider Trick des Kapitalismus, uns an der Nase in der Manege der Globalisierung herumzuführen? Nur weil ich zehn Minuten ohne zu drängeln oder angepöbelt zu werden in Ruhe einkaufen konnte, sollte ich meine Anti-Gentrifizierungs-Prinzipien über den Haufen werfen? Aber muss der Kampf gegen das Böse immer mit Bitterkeit geführt werden? Brecht schrieb: „Auch der Hass gegen das Böse entstellt die Züge.“
Es gibt ein richtiges Leben im falschen. Ich kaufe immer noch selten dort ein. Mal ein laktosefreies Eis, mal ein spezielles Gewürz, Kleinigkeiten eben. Einmal in der Woche esse ich in dem Mini-Café, das sie dort eingerichtet haben und wo Gottseidank keine Musik dudelt, einen Spritzkuchen und mache mir Notizen. Ich weiß nicht, warum der Edeka so funktioniert, wie er funktioniert. Haben sich hier zwanzig alte Kumpel zusammengetan und gesagt: Wir schlagen denen ein Schnippchen und machen alles ganz anders? Vielleicht ist es ja ein Dekret des Konzerns, aber die Freundlichkeit sähe dann sicherlich anders aus. Gekaufte Freundlichkeit wie bei Kaisers. Sicher wäre ja ein Spielplatz an dieser Stelle besser gewesen. Vielleicht, ich wage es kaum zu denken, vielleicht aber ist es auch gut so wie es ist.
 

***
393. Nacht
Tatsächlich sucht der Schuldner die Barmekiden el-Fadl und den uns bereits als Wesir Haruns bekannten Dscha’far auf, die sich wiederum an den Kalifen wenden, der dem Said ibn Sâlim el-Bâhili Dreimillionen und dreihunderttausend Dirhems zukommen lässt.
Betrachte diese edle Art, die sich in den Edlen offenbart.
Natürlich. Der unedle Pöbel behält seine Millionen lieber für sich.
***
Die Geschichte von der List einer Frau wider ihren Gatten
Ein Mann bringt seiner Frau einen Fisch vom Markt und trägt ihr auf, diesen zuzubereiten, während er sich zum Freitagsgebet begibt. Die Frau wird jedoch unterdessen zu einer Hochzeitsfeier eingeladen, legt den Fisch einstweilen in einen Krug und bleibt eine Woche lang fort, während ihr Mann nach ihr sucht. Als sie zurückkehrt, nimmt sie den Fisch aus dem Krug.
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und hielt in ihrer verstatteten Rede an.

392. Nacht

Ich kann die Faszination der Katholiken für ihre Religion schon verstehen: So viel undurchschaubarer Hokuspokus, unerklärlicher Sinn und Rituale, die ihren Sinn erst dadurch erhalten, dass man auch auf Nachfrage keine nachvollziehbare Antwort bekommt. Man fühlt sich wieder ein wenig wie ein Fünfjähriger, der ein seltsames Märchen in altertümlicher Sprache erzählt bekommt: “Vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, …”
Und nun ist der Papst abgetreten. Fast ein säkularer Akt. Wir erinnern uns noch an den röchelnden Johannes Paul II., der sich in seinem Todesjahr zu Ostern noch mal ans Fenster gewagt hat, um den Segen zu sprechen zu probieren. Man hörte nur ein Grunzen, und die Welt der Katholiken fand ihn so würdevoll und charismatisch.
Diese Würde konnten sie ihm freilich nur im Nachhinein verleihen. Es gab den sportlichen Karol, den Karol, der im Laufschritt eilen musste, sonst hätte er seine eigene Wahl verpasst, den ersten Papst, der um die Welt düste.
Aber einen röchelnden Benedikt, das wollte Ratzinger weder den Mit-Katholiken noch sich selber antun. Bei ihm hätte man bestenfalls Mitleid empfunden.
Und was wird nun, da der Alte zurückgetreten ist, aus dem Fischerring? Zerbrechen darf man ihn erst nach dem Tod des Papstes, aber darf Ratze ihn behalten? Muss man noch “Papst” zu ihm sagen, so wie man zu Ex-US-Präsidenten auch immer noch “Mr. President” sagen sollte, wenn man einen knietiefes Fettnapf zu vermeiden sucht.
Achso, der Fischerring:

So sah das Teil von Leo XIII. aus.
 
Und so Leo XIII. selber, der erste Papst, von dem es Film- und Audio-Aufnahmen gab.
***
392. Nacht
Jahja nimmt die Kunde vom mit dem Gelde fortgelaufenen Bettler leicht:
“Bei Allah, hätte er auch sein ganzes Leben bei mir verweilt, bis ihn der Tod ereilt, ich hätte ihm nie meine Spende entzogen, noch ihn um die Wohltat meiner Gastfreundschaft betrogen.” Keine Zahl kann die Vorzüge des Barmekiden umfassen, und ihre Eigenschaften waren so herrlich, dass sie sich nicht beschreiben lassen. (…)
Die Güte fragt ich: Bist du frei? Sie sagte Nein,
Ich muss dem Sohne Châlids, Jahja, Sklavin sin.
Drauf ich: Bist du gekauft? Sie sagte: Das sei fern!
Als seiner Väter Erbe diene ich ihm gern.
Die Geschichte von Mohammed el-Amîn und Dscha’far ibn Mûsa
Dscha’far ibn Mûsa el-Hâdi besitzt eine schöne Lautenspielerin, auf die Mohammed el-Amîn, der Sohn Zubaidas, ein Auge geworfen hatte. Er bittet Dscha’afr, sie ihm zu verkaufen. Dieser erwidert:
“Du weißt, es geziemt sich nicht für Männer meines Ranges Sklavinnen zu verkaufen und um Nebenfrauen zu feilschen. Wäre sie nicht in meinem Hause aufgewachsen, so würde ich sie dir als Geschenk übersenden.”
Eines Tages speisen und zechen die beiden zusammen, und die el-Badr el-Kabîr spielt für die beiden. Da macht Mohammed den Dscha’far betrunken und nimmt die Schöne mit sich.
Aber er streckte nicht die Hand nach ihr aus.
Als ob das jetzt noch glaubwürdig wäre.
Als Dscha’far den Besuch erwidert, lässt Mohammed die Sklavin für die beiden spielen. Dscha’far unterdrückt seinen Zorn. Daraufhin belohnt Mohammed el-Amîn seinen Freund, indem er dessen Boot voller Silber, Gold, Rubinen und Juwelen füllen lässt.
Solcherart sind die edlen Taten der Vornehmen – Allah habe sie selig.
Die Geschichte von den Söhnen Jahjas ibn Châlid und Sa’id ibn el-Bâhili
Diese Geschichte wird von Sa’id ibn ek Bâhili selber erzählt.
Als Sa’id einmal in Not gerät, wendet er sich an den Weisen Abdallâh ibn Mâlik el-Chuzâ’i, der ihm rät, sich an die Barmekiden zu wenden.
Von diesem Weisen war bereits in der 306. Nacht die Rede.
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391. Nacht

Als am nächsten Tag der Wasserträger sich bei der Frau des Goldschmieds entschuldigt, erwidert sie:

"Jene Sünde ging nicht von dir aus, sondern sie ward von meinem Gatten veranlasst, als er seine Tat im Laden beging. Nun hat Allah sie ihm schon vergolten."

Eine seltsame Art magischen Denkens, dass hier, wie so oft in die Religion hineinschwappt, oder von dem die Religion stammen mag: Gleichzeitigkeit muss einen (höheren) Sinn ergeben.

Daraus, so die Erzählerin weiter, sei das Sprichwort entstanden:

"Schlag um Schlag muss man empfahn; hätte ich mehr getan, hätte der Wasserträger auch mehr getan."

Man beachte die trefflichen Reime und das Metrum.

***

 

Die Geschichte von Chosraus und Schirîn und dem Fischer

Chosrau II., der letzte bedeutende Sassanidenkönig leitete mit seiner Fortführung der Kriege gegen Rom den Untergang der Sassaniden-Ära ein, der den Arabern bei ihrem Einmarsch ein paar Jahrzehnte später leichtes Spiel machte. Dennoch wurde er von den Persern weithin verehrt. Für die vorliegende Geschichte ist von Interesse, dass Schirîn Christin war (was hier natürlich nicht erwähnt wird).

Der Fischliebhaber König Chosrau sitzt mit seiner Frau Schirîn zu Tisch, als ihm ein Fischer einen enormen Fisch überreicht. Der König gibt ihm zum Dank viertausend Dirhems, woraufhin Schirîn ihn kritisiert:

"Wenn du hinfort einem deiner Höflinge die gleiche Summe gibst, so wird er sie geringschätzen und sagen: Er hat mir ebensoviel gegeben wie diesem Fischer! Gibst du ihm aber weniger, so wird er sagen: Er schätzt mich gering und hat mir weniger gegeben als dem Fischer!"

Abnehmen können sie das Geld dem Fischer aber auch nicht, also lassen sie ihn zurückholen und stellen ihm eine Falle:

"Ist dieser Fisch männlich oder weiblich?" Der Fischer küsste den Boden und sprach: "Dieser Fisch ist ein Zwitter."

Chosrau lacht über die Antwort und gibt ihm viertausend Dirhem obendrauf. Als der Fischer den Geldsack hinausschleppen will, fällt ihm eine Münze herab, und er macht sich die Mühe, sie aufzulesen. Schirîn stachelt ihren Gatten wieder an:

"Siehst du, wie geizig und gemein dieser Mann ist?"

Aber der Fischer zieht abermals seinen Kopf aus der Schlinge, als er beteuert:

"Ich befürchtete, es könne jemand seinen Fuß darauf setzen, ohne es zu wissen."

Chosrau schenkt ihm viertausend Dirhem obendrauf.

Aber dann ließ er durch einen Herold in seinem Reiche verkünden: Niemand soll sich vom Rate der Frauen leiten lassen; denn wer ihrem Rate folgt, verliert mit seinem einen Dirhem noch zwei andere dazu!

***

 

Die Geschichte von dem Barmekiden Jahja ibn Châlid und dem armen Manne.

Von Jahja ibn Châlid war hier bereits die Rede.

Als Jahja eines Tages das Schloss des Kalifen verlässt, findet er vor seiner Tür einen armen Mann, den er bei sich aufnimmt und dem er täglich eintausend Dirhems schenkt. Nach einem Monat macht sich der Arme aus dem Staub.

390. Nacht

390. Nacht

Als König Anuscharwân das Mädchen fragt, warum es so lange fortgeblieben sei, antwortet sie, sie hätte zum Auspressen der Stauden dreimal so viel Zeit benötigt, was ein Zeichen dafür sei, dass sich das Glück der Herrscher gewendet habe. Auf Nachfrage des Königs erläutert sie:

"Wir haben von den Weisen gehört, dass, wenn die Gesinnung eines Herrschers sich ändert, ihr Glück aufhört und ihr Gedeihen sich mindert." König Anuscharwân lachte und gab den Plan auf, den er gegen das Dorf gefasst hatte. Dann aber nahm er jene Jungfrau sogleich zum Weibe, da ihr scharfer Verstand, ihre Klugheit und ihre trefflichen Worte ihm gefallen hatten.

Nicht zum ersten Mal erfahren wir hier, dass der Herrscher lacht, wenn er etwas gelernt hat. Freilich nur, wenn es listenreich oder humorvoll geschieht. Die Belehrung erreicht ihn durch die Hintertür des Lachens. Zurechtweisen oder von oben herab belehren ginge ganz und gar nicht.
Außerdem interessant, dass hier unterschieden wird zwischen scharfem Verstand und Klugheit. "Verstand" scheint sich hier auf Logik und List zu beziehen, Klugheit auf Lebensweisheit.

***

Die Geschichte vom Wasserträger und der Frau des Goldschmiedes

Ein Wasserträger in Buchara ["Bochara"] bringt einem Goldschmied seit dreißig Jahren Wasser, dessen Frau

war im ganzen Land als fromm, sittsam und keusch bekannt.

Kann man für Keuschheit im ganzen Lande bekannt sein? Oder nicht eher fürs Gegenteil? Oder ist das der holprigen Übersetzung geschuldet, die auf Teufel komm raus den Reim rüberretten wollte?

Eines Tages jedoch ist der Wasserträger von der Schönheit der Frau überwältigt und streichelte ihre Hand. Irritierenderweise macht sie ihrem Mann Vorwürfe:

"Bei Allah, du hast etwas getan, was den Zorn des Höchsten erregt."

Er gesteht ihr, dass er die Hand einer Kundin, als er ihr das Armband anlegte, an sich presste.

"Ich bereue, was ich getan habe; flehe du zu Allah um Vergebung für mich." doch die Frau sprach: "Allah verzeihe dir und mir und dir und gewähre uns einen guten Ausgang."

Will sie ihrem Mann ein Geständnis entlocken, um dann ein Gegengewicht auf der Waage der Gerechtigkeit zu haben

389. Nacht

389. Nacht
Und Zubaidas Unschuld war erwiesen. Da frohlockte sie laut über ihre Rechtfertigung und versprach dem Abu Jûsuf reichen Lohn. (…)
Schau, o König, wie trefflich dieser Imam war und wie durch ihn die Unschuld der Herrin Zubaida erwiesen und der grundlose Verdacht aufgeklärt ward!
Nach vielen Nächten erinnert Schehrezâd den Tyrannen mal wieder an die Tugenden der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und der Gnade.
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Die Geschichte von Abu el-Hasan oder dem erwachten Schläfer
Diese Geschichte findet sich nicht in der Kalkuttaer Ausgabe.
Ein junger Kaufmannssohn verprasst nach des Vaters Tod sein Erbe mit Kaufmannssöhnen und Persern. Als sein Geld schwindet, wenden sie sich ab, und seine Mutter schilt ihn:
Wenn meines Gutes wenig ist, so hilft mir keiner;
Doch wenn mein Gut sich mehrt, ist jedermann mein Freund.
Wie mancher wurd mein Freund nur um des Geldes willen
Und ward zuletzt, als mich das Geld verließ, mein Feind!
Er setzt sich fortan jeden Abend auf die Tigris-Brücke und schwört sich, jeden Abend mit einem Fremden die Nacht zu verbringen, diesen hinfort aber nie wieder zu grüßen oder einzuladen. Eines Tages erscheinen aber Harûn er-Raschîd
und Masrûr, der Träger des Racheschwertes, nach ihrer Gewohnheit verkleidet.
Als der Abend sich dem Ende neigt, fragt der Kalif Abu el-Hasan nach seinem Namen, damit er ihm die Wohltat vergelten könne. Der lehnt aber ab, das habe alles einen Grund
“Was ist das für ein Grund?”, fragte der Kalif weiter. Da antwortete der Schalk: “Mit dem Grunde ist ein Schwanz im Bunde!”
Dies erläutert Abu el-Hasan mit einer Geschichte
Die Geschichte vom Strolch und dem Koch
Ein mittelloser Strolch kehrt bei einem Garkoch ein:
“Wäge mir für einen halben Dirhem Fleisch ab, für einen viertel Dirhem Hirsebrei und ebensoviel Brot!”
Als der Strolch alles verspeist hat und nicht weiß, wie er zahlen soll, entdeckt er unter einer Tonschüssel einen frischen Pferdeschwanz, an dem noch Blut träufelt.
Daran erkannte er, dass der Garkoch das Fleisch mit Pferdefleisch fälschte.
Er spaziert seelenruhig aus dem Laden. Der Garkoch ruft um Hilfe, der Strolch behauptet, bezahlt zu haben. Bis die Leute schließlich nach dem Grund fragen.
Nun rief der Landstreicher: “Ja, bei Allah, sie hat einen Grund; und mit dem Grunde ist ein Schwanz im Bunde!”
Der Koch gibt klein bei. Ihm
ward nämlich der Grund durch die Nennung des Schwanzes kund.
*
Der Kalif lacht und freut sich, und nun beginnt Abu el-Hasan seine Geschichte:
“wisse denn, o Beherrscher der Gläubigen…”
Und dies ist nun ein schöner Narrativ-Fehler, denn der Erzähler oder Schehrezâd vergessen, dass Abu el-Hasan den Kalifen wegen der Verkleidung gar nicht erkennt.
Der Kalif ist erfreut und man zecht gemeinsam weiter, und der Kalif fragt Abu el-Hasan, ob er irgendeinen Herzenswunsch habe. Dieser meint, dass er am liebsten den vier Scheichen und dem Imam, die in der Moschee wohnen und sich von seinen Gästen belästigt fühlen,
vierhundert Peitschenhiebe verabfolgen könnte; dann würde ich sie in der Stadt Bagdad herumführen und vor ihnen ausrufen lassen: “Dies ist die Strafe, und zwar die geringste Strafe, für den, der Übles redet und den Menschen feind ist und ihnen ihre Freuden verdirbt!”
In den nächsten Becher Abus bröselt der Kalif kretischen Bendsch, und Abu el-Hasan schläft auf der Stelle ein. Harûn er-Raschîd lässt ihn zum Palast tragen und spielt ihm einen Streich: Er weist alle Bediensteten, einschließlich Dscha’far, an, Abu el-Hasan als Kalifen zu behandeln.
Ein klassisches Erzählmotiv. Wir finden es bekanntlich auch in Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung.
Aus der italienische Filmkomödie Der gezähmte Widerspenstige ging der Ruf “Die Tür! Die Schuhe! Das Fenster!” in den ostdeutschen Sprachgebrauch ein. Warum in den ostdeutschen? Weil die westdeutsche Synchronisation viel umständlicher (und weiter weg vom lakonischen Original) war. Diese DEFA-Synchronisation kann auf DVD leider nicht kaufen.
Als Abu el-Hasan wieder aufwacht, zweifelt er stark an dem, was ihm alle einzureden versuchen, doch schließlich akzeptiert er die Gegebenheiten und lässt die Scheiche und den Imam wie gewünscht bestrafen. Nachdem er die Emire in den Feierabend entlassen hat, amüsiert er sich mit den Sklavinnen Miska, Tarka und Tuhfa. Der Kalif beobachtet all das amüsiert und befiehlt, ihm in den nächsten Trank wieder Bendsch zu geben.
Am nächsten Tag zweifelt er nun wieder an der Realität und beschimpft seine Mutter, die ihm davon berichtet, dass man ihr hundert Dinare entsandt und die Scheiche gepeitscht habe:
“Ha, du Unglücksalte, du willst mir widersprechen und von mir behaupten, ich sei nicht der Beherrscher der Gläubigen?” (…) Mit diesen Worten erhob er sich wider seine Mutter und schlug sie mit dem Stabe aus Mandelholz, so dass sie rief: “Zu Hilfe, ihr Muslime!”
Man fesselt Abu el-Hasan und führt ihn ins Irrenhaus. Zehn Tage lang erhält er zwei Mal in der Nacht Prügel. Er bereut, und man lässt ihn wieder frei. Nach einem Monat geht er wieder auf die Brücke, und wieder kommen Harûn er-Raschîd und Masrûr vorbei.
Man fragt sich, ob der Kalif nichts anderes zu tun hatte als andauernd spazieren und sich amüsieren zu gehen?
Böse werden sie von Abu el-Hasan begrüßt:
“Kein Willkommen, kein Gruß den bösen Feinden! Ihr seid nichts anderes als Satane!”
Nachdem der Kalif aber mehrmals darauf besteht, kann Abu el-Hasan nicht anders als dem Gebot der Gastfreundschaft zu folgen. Und wieder bröckelt ihm der Kalif Bendsch in den Becher. Als er wieder im Palast erwacht,
rief er: “Es gibt keine Macht und es gibt keine Mächtigkeit außer bei Allah, dem Erhabenen und Allmächtigen! Ich habe Angst vor dem Irrenhaus und vor dem, was ich dort das erste Mal ausgestanden habe; ich weiß jetzt nicht, ob nicht der Satan wieder wie damals zu mir gekommen ist.” (…) Er sah auch noch die Spuren der Schläge, die der Aufseher des Irrenhauses ihm versetzt hatte. Er war ganz irre an sich selbst.
Er befiehlt einem jungen Mamluken, ihm ins Ohr zu beißen.
Ich vermute, ein ähnlicher Trick wie bei uns das Sich-selber-Kneifen, um festzustellen, ob man träumt. Tatsächlich habe ich das tatsächlich vor kurzem das erste Mal in einem schönen Traum getan, und die Enttäuschung war groß, als ich keinen Schmerz spürte. Aber wahrscheinlich ist es, so man bei gesundem Verstand ist, ohnehin in einem Traum, wenn man sich schon die Frage stellt, ob man in einem Traum ist.
Der Mamluk beißt nun mit aller Kraft ins Ohr, und da er zudem auch schlecht Arabisch kann versteht er jedes Mal, wenn Abu el-Hasan “Genug!” ruft: “Beiß zu!”
Eine Posse, die sich wohl nur schwer übersetzen ließ, so schwerfällig wird sie hier erzählt.
Abu el-Hasan beginnt nun, nackt zu tanzen, und schließlich tritt der Kalif lachend hinter seinem Versteck hervor und macht ihn zu seinem zehnten Tischgenossen.
Abu el-Hasan aber stand beim Kalifen hoch in Gunst und Vertrauen, höher als alle anderen, so dass er gar bei ihm und bei der Herrin Zubaida bint el-Kasîm sitzen durfte.
So erfahren wir nun auch den vollständigen Namen der Zubaida.
Zubaidas Schatzmeisterin Nuzhat el-Fuâd wird Abu el-Hasans Gemahlin. Und beide hecken einen Streich aus.
Die folgende Story wirkt fast drangehängt. Gutwillig könnte man noch meinen, dass wir es mit einer Retourkutsche gegen den Kalifen zu tun haben.
Zunächst stellt sich Abu el-Hasan tot, und Nuzhat el-Fuâd  erhält zum Trost von ihrer Herrin hundert Dinare und ein Stück Seide. Dann spielen sie das Spiel umgekehrt, und Abu el-Hasan bekommt dasselbe vom Kalifen, und dazu den Trost:
“Sei nicht traurig! Ich will dir eine neue Gefährtin geben.”
Ein paar Tage später geraten aber der Kalif und Zubaida in Streit, wer denn nun gestorben sei.
Nun ergrimmte der Kalif, und die Ader des Zornes, die den Haschimiten eigen war, schwoll auf seiner Stirn. (…) “Die Frauen haben wenig Verstand und wenig Glauben.”
Ein angebliches Zitat von Mohammed, dass die Muslime gern gegen ihre Frauen verwenden.
Schließlich, als die beiden prüfen wollen, wer den gestorben sei, finden sie sowohl Abu el-Hasan als auch Nuzhat el-Fuâd reglos liegen und streiten nun darüber, wer von den beiden als erstes gestorben sei. Und der Kalif lässt sich hinreißen:
“Wenn einer mir sagt, wer von den beiden vor dem andern gestorben ist, dem will ich tausend Dinare geben.”
Abu el-Hasan springt auf und fordert die Goldstücke. Und damit ist wieder alles in Butter.
Ist das Schelmenstück vom vorgetäuschten eigenen Tod eigentlich ein eigenes Sujet? Sowohl bei “Tom Sawyer” als auch bei “Huckleberry Finn” finden wir es einmal als Jungenphantasie, einmal als Jugendabenteuer. Eigentlich gibt man der eigenen Eitelkeit Zucker: Wie sehr wurde ich geliebt? Wenn ich sterbe, also im Moment da alle Verpflichtungen, alle Schulden, alle Pflichten annulliert sind, was bleibt dann von der Liebe übrig? Wie zeigt sie sich in der Trauer der Hinterbliebenen? Dieser ultimative Moment bleibt uns verwehrt. Die Trauer und die Ehrenbezeugung müssen die Hinterbliebenen letztlich unter sich und mit ihrer Erinnerung ausmachen, wenn ihnen nicht gerade die Option zur Verfügung steht, den Verstorbenen sich zuhörend auf einer Wolke vorzustellen.
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Die Geschichte von dem Kalifen el-Hâkim und dem Kaufmann
Als der Kalif el-Hâkim bi-amri-llâh eines Tages im Prunkzug ausreitet kommt er an einem reichen Garten vorbei und bittet dessen Herren um einen Trunk Wasser.
Da brachte jener Mann hundert Teppiche, hundert Ledermatten und hundert Kissen, ferner hundert Schüsseln mit Früchten, hundert Kelche voll Süßigkeiten und hundert Schalen mit Zuckerscherbett.
Als sich der Kalif darüber erstaunt, antwortet der Mann:
“Das ist mein Mittagsmahl an jedem Tag: ich habe nichts für dich hinzugefügt.”
Der Kalif lohnt es ihm reichlich: Er lässt
aus dem Schatzhause alle die Dirhems kommen, die in jenem Jahre geprägt waren; und das waren drei Millionen und siebenhunderttausend. Er saß nicht eher auf, als bis alles herbeigeschafft war; dann gab er es dem Manne mit den Worten: “Verwende dies, wie es deine Lage erfordert; deine Großmut verdiente noch mehr als dies.” Dann stieg der Herrscher zu Ross und ritt davon.
Eine etwas seltsame Moral und ein eigenwilliges Verständnis von Großmut: Nicht der, der selbstlos an die Schmerzgrenze geht, wird als großmütig angesehen, sondern der Wohlhabende, der ja auch noch zugibt, dass es ihm keine Umstände bereitet habe. Wobei wir es wahrscheinlich auch mit einem Übersetzungsfehler zu tun haben könnten: Großzügigkeit statt Großmut.
Oder haben wir es mit dem Matthäus-Effekt zu tun (“Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat” Mt 25.29)?
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Die Geschichte von König Anuscharwân und der jungen Bäuerin
Als der König Anuscharwân auf Jagd eine Gazelle verfolgt, erreicht er ein Dorf und bittet eine Bäuerin um einen Trunk Wasser. Diese mischt gepressten Zuckersaft ins Wasser und
schüttete auf das Getränk eine Spezerei, die wie Staub aussah, und überreichte es dem König.
Der trinkt das Wasser und fragt sie anschließend nach dem Staub.
“Ich habe den Staub, der ihn getrübt hat, mit Absicht hineingetan. (…) Weil ich sah, dass du sehr durstig warst, und befürchtete, du könntest den Trunk auf einmal herunterstürzen und er würde dir dann schaden.” (…) “Aus wieviel Stauden hast du den Trank gepresst?” “Aus einer einzigen”, erwiderte sie.
Darauf beschließt er, die Steuern für jenes Dorf zu erhöhen. Am Abend reitet er wieder zur Jagd, kommt wieder zum Dorf und kehrt wieder ein. Doch diesmal bleibt das Mädchen länger weg bei der Zubereitung des Trankes.

387. – 388. Nacht

387. Nacht

In der Nacht, als Mus’ab zu ihr einging, ließ er erst nach der siebenten Umarmung von ihr ab.

Man lobt ihn dafür. Eine andere tadelt Aischa bint Talha dafür, zu stöhnen, sich zu bewegen und regen, wenn er sie nach der Heimkehr umarmt. Sie darauf:

"Eine Frau soll ihrem Mannes alles bringen, was sie vermag, an Erregungen und an wunderbaren Bewegungen." Ich erwiderte: "Es wäre mir lieber, wenn das des Nachts geschieht." Doch sie sagte: "Das ist so bei Tage; bei Nacht tue ich noch mehr. Denn wenn er mich sieht, so wird seine Begierde erregt, und er wird von Verlangen bewegt."

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Die Verse des Abu el Aswad

Abu el-Aswad 387 kauft sich eine schielende Sklavin, und die Leute reden bei ihm schlecht über sie. Er darauf:

Man tadelt sie bei mir; doch ist an ihr kein Tadel,
Nur dass in ihren Augen vielleicht ein Flecken liegt.
Wenn auch in ihren Augen ein Tadel ist, so ziert sie
Ein schlanker Leib, der sich auf schweren Hüften wiegt.

387 Der Dichter Abu el-Aswad ed-Du’ali gilt als Begründer der arabischen Grammatik. Man schreibt ihm auch die Hilfs- und Vokalisierungszeichen zu.

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Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den beiden Sklavinnen

Der Beherrscher der Gläubigen ruht zwischen zwei Sklavinnen aus Kufa und Medina, die ihm Hände und Füße kneten,

so dass seine Ware sich aufrichtete.

Sie streiten anhand überlieferter Propheten-Aussagen darüber, wer darüber nun verfügen dürfe. Die Medinerin zitiert:

"Wenn jemand einen Sterbenden ins Leben zurückruft, so gehört der ihm und seinen Nachkommen."

Die Kufierin:

"Das Wild gehört dem, der es fängt, nicht dem, der es aufstört."

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Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den drei Sklavinnen

Die folgende Geschichte ist im Grunde eine Wiederholung des Motivs, die die vorige zu überbieten sucht.

Diesmal stammen die Sklavinnen aus Mekka, Medina und dem Irak.

Da streckte die Medinerin die Hand nach der Rute aus und brachte sie dazu, dass sie sich erhob.

Die Medinerin rechtfertigt sich mit einer über drei Ecken überlieferten Aussage Mohammeds:

"Wer totes Land lebendig macht, dem gehört es."

Die Mekkanerin zitiert den Spruch aus der vorigen Geschichte:

"Das Wild gehört dem, der es fängt, nicht dem, der es aufstört."
Da stieß die Irakerin beide weg und rief: "Dies gehört mir, bis euer Streit entschieden ist."

Bemerkenswert, dass hier Harûn er-Raschîd überhaupt nichts zu melden hat. Derart derbe wurde in den Erzählungen die Überlieferung der Prophetenaussagen auch nicht verspottet.

***

Die Geschichte vom Müller und seinem Weibe

Ein Müller besitzt einen Esel und eine Mühle. Er liebt sein Weib, das ihn hasst. Sie wiederum liebt den Nachbarn, der sich jedoch von ihr fernhält. Dem Müller wird eines Nachts im Traum verkündet, unter einer Stelle im Geleise des Esels sei ein Schatz vergraben.

*

388. Nacht

Die Frau des Müllers verrät jedoch das Geheimnis an den Nachbarn. Gemeinsam graben sie und finden tatsächlich den Schatz, können sich aus Misstrauen nicht einigen, wie sie ihn aufteilen wollen. Schließlich erschlägt der Nachbar die Müllersfrau, kommt aber nicht mehr dazu, sie zu verbergen, so bleibt sie halb verscharrt in der Schatzgrube.
Am nächsten Tag mahlt der Müller, doch der Esel sträubt sich immer an einer Stelle im Geleise, und so sticht ihn der Müller mit dem Messer, bis er umfällt und stirbt.
Er findet dort nun die Leiche seiner Frau in der Schatzgrube. Frau tot, Esel tot, Schatz fort.

All das geschah nur deshalb, weil er seinem Weibe sein Geheimnis verraten und es nicht für sich behalten hatte.

Seltsam, wie die Geschichte aus einem Beziehungsdrama in eine Kriminalgeschichte und dann in eine bloße Lehr-Anekdote rüberschliddert.

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Die Geschichte von dem Dummkopf und dem Schelm

Zwei Schelme beobachten einen Dummkopf, der mit einem Esel seines Wegs dahingeht. Einer stiehlt den Esel, der andere steckt den eigenen Kopf in die Schlinge. Und als der Dummkopf sich umdreht, erzählt er ihm die Geschichte, seine Mutter habe ihn wegen Ungehorsam und Trunkenheit vor Jahren verflucht und Allah ihn daraufhin in einen Esel verwandelt.

"Heute jedoch hat meine Mutter sich meiner erinnert, und da ihr Herz von Sehnsucht nach mir erfüllt ist, so hat sie für mich gebetet, und Allah hat mich wieder zu einem menschlichen Wesen gemacht, so wie ich es früher war."

Aus Barmherzigkeit lässt ihn der Dummkopf frei:

"Um Gottes willen, mein Bruder, sprich mich von den Sünden frei, die ich an dir begangen habe durch das Reiten und alles andere."

Nach langer Zeit der nichtstuenden Reue begibt sich der Dummkopf zum Markt, um sich einen neuen Esel zu kaufen. Zufällig steht sein eigener wieder zum Verkauf. Er flüstert ihm ins Ohr:

"Weh dir, Unseliger, du bist wohl, wieder trunken nach Hause gekommen und hast deine Mutter geschlagen! Aber, bei Allah, ich kaufe dich nie wieder!"

Eine Anekdote, die mir bekannt vorkommt. Haben wir sie mal im Schul-Unterricht behandelt?

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Die Geschichte von dem Kadi Abu Jûsuf und der Herrin Zubaida

Harûn er-Raschîd findet auf seinem Ruhelager ein

frisches Gerinnsel

und verdächtigt seine Hauptfrau Zubaida des Ehebruchs. Kadi Abu Jûsuf soll es richten. Der entdeckt ein Fledermausnest an der Decke:

"O Beherrscher der Gläubigen, die Fledermaus hat die gleiche Flüssigkeit wie der Mensch; dies da ist die Flüssigkeit einer Fledermaus."

382. – 386. Nacht

382. Nacht

Abu Nuwâs vergnügt sich mit den Knaben bei Wein und Gesang.

Als aber die Trunkenheit den Abu Nuwâs übermannte, und er den Unterschied zwischen Hand und Haupt nicht mehr kannte, drang er mit Kuss und Umarmung auf die Jünglinge ein, legte Bein auf Bein hatte für Sünde und Scham keine Sinn und sprach diese Verse vor sich hin:

Vollkommne Freude bringet nur ein Jüngling,
Der trinkt in schöner Zeitgenossen Kreis.
Der eine singt ein Lied, der andre grüßt ihn.
Wenn er ihn mit dem Becher zu erquicken weiß.
Und hat er dann nach einem Kuss Verlangen,
So reicht ihm jener seine Lippe dar.
Gott segne sie! Schön war mein Tag bei ihnen;
Ein Wunder ist’s, wie er so herrlich war!
Nun lasst uns trinken, ob gemischt, ob rein.
Und wer da schläft, soll unsre Beute sein.

Für einen im Trunkesrausch Delirierenden improvisiert er doch noch recht flotte Verse.

Plötzlich tritt jedoch Kalif Harûn er-Raschîd hinzu, der am nächsten Tag seinem Schwertträger Masrûr befiehlt,

er solle dem Abu Nuwâs die Kleider herunterreißen, ihm den Packsattel eines Esels auf den Rücken binden, einen Halfter um seinen Kopf und einen Schwanzriemen um sein Gesäß legen und ihn so umherführen in den Gemächern der Sklavinnen.

*

383. Nacht

Der Kalif befiehlt außerdem, Abu Nuwâs anschließend das Haupt abzuschlagen.

Abu Nuwâs aber machte überall Scherze, und jeder, der ihn sah, gab ihm etwas Geld, so dass er mit vollen Taschen zurückkehrte.

Als Dscha’far der Barmekide hinzutritt und ihn fragt, was das soll, entgegnet er:

"Ich habe nichts verbrochen; ich habe nur unserem Herrn und Kalifen meine schönsten Verse als Geschenk dargebracht, und da hat er mir sein schönstes Gewand geschenkt."

Der Kalif lacht, begnadigt ihn zahlt ihm zehntausend Dinar aus.

Klassische Narrenfreiheit. Dem Dichter und Narren wird nur deshalb vergeben, weil er diese Narrenfreiheit auch bis ans Äußerste ausnutzt. Täte er es nicht, wäre er tot.

***

Die Geschichte von Abdallâh ibn Ma’mar und dem Manne aus Basra mit seiner Sklavin

Ein Mann aus Basra kauft eine junge Sklavin, die er erziehen und unterrichten lässt.

Er hing an ihr in leidenschaftlicher Liebe.

Aber als ihn die Armut bedrückt, meint sie zu ihm:

"Mein Gebieter, verkauf mich!"

Der Emir von Basra Abdallâh ibn Ma’mar kauft sie für fünfhundert Dinare, doch als er die Sklavin seufzend dichten hört,

rief er aus: "Bei Allah, ich will nicht zu eurer Trennung behilflich sein; denn ich weiß nun, dass ihr einander lieb habt. So nimm das Geld und die Sklavin, o Mann, und Allah gesegne dir beides!"
(…)
Und sie sind immerdar beieinander geblieben, bis der Tod sie geschieden hat – Preis sei Ihm, dem der Tod nicht naht!

Anscheinend nur eine Anekdote, um den Emir zu preisen.

***

Die Geschichte der Liebenden aus dem Stamme der Udhra

Ein Mann aus dem Stamme der Udhra verliebt sich unsterblich in eine Frau aus seinem Stamme, die ihn aber spröd zurückweist.

*

384. Nacht

Er verweigert die Nahrung, bis er im Sterben liegt. Erst dann besucht sie ihn.

"Hätte ich das gewusst, so hätte ich mich deiner Not angenommen und wäre nach deinem Wunsche zu dir gekommen."

Er stirbt nach dem Rezitieren:

Sie nahte sich, als schon der Tod uns beide trennte,
Und sie versprach Erhörung, als es nutzlos war.

Sie weint, fällt in Ohnmacht und stirbt drei Tage später,

und wurde in seinem Grabe bestattet.

***

Die Geschichte des Wesirs von Jemen und seines jungen Bruders

Der Wesir von Jemen, Badr ed-Dîn, hat einen schönen Bruder, den er behütet, allerdings verliebt sich der Scheich, der ihn unterrichtet, in ihn.
Die beiden verabreden sich eines Nachts heimlich, und der Scheich trinkt, schmust und singt mit dem schönen Jüngling. Der Wesir spürt sie schließlich auf, und als der Scheich ihn erspäht, singt er ihm zu

Er gab mir den Wein seiner Lippen zu trinken;
Mit Zierde des Wangenflaums trank er mir zu.
Und Wange an Wange, in meiner Umarmung,
Ging heute der Schönste der Menschen zur Ruh.
Der leuchtende Vollmond schein auf uns hernieder;
Nun bittet ihn: Sag es dem Bruder nicht wieder.

Die Güte des Herrn Badr ed-Dîn aber zeigte sich dadurch, dass er, als er diese Verse vernahm, ausrief: "Bei Allah, ich will euch nicht verraten!", und fortging, indem er die beiden ihren Freuden überließ.

***

Die Geschichte von dem Liebespaar in der Schule

Ein freier Jüngling und eine junge Sklavin besuchten einst die gleiche Schule; und der Jüngling wurde von der Liebe zu dem Mädchen ergriffen.

*

385. Nacht

Er schreibt ihr diese Verse:

Was sagst du nur von dem, der übergroße Liebe
Zu dir so krank gemacht, dass er ganz ratlos ist?
Es klagt das Leiden nun, in Sehnsucht und in Schmerzen;
Er kann nicht mehr verbergen, was ihm das Herz zerfrisst.

Sie antwortet ihm auf der selben Tafel darunter:

Wenn wir den, der da liebt, in seinem schweren Leid
Der Liebe schaun, so sei ihm unsre Huld geweiht.
Er soll den Liebeswunsch bei uns erfüllet sehn;
Und was geschehen soll, das möge dann geschehn!

Sowohl der Lehrer als auch der Herr der Sklavin finden ermutigende Verse. So schreibt letzterer:

Euch trenne Allah nie in eurem Leben;
Und wer euch feind ist, soll im Elend untergehn!
Jedoch der Lehrer ist, bei Gott, der größte Kuppler,
den meine Augen je in dieser Welt gesehn.

Er lässt den Kadi die Eheurkunde für die beiden schreiben, und das war’s.

***

Die Geschichte von el-Mutalammis und seine Weibe Umaima

Der Dichter el-Mutalammis flieht eines Tages vor der Tyrannei des en-Nu’man ibn el-Mundhir und muss dabei seine Gattin Umaima zurücklassen.
Nach einer Weile verheiratet man sie gegen ihren Willen, gerade an dem Tag als el-Mutalammis wieder zurückkehrt. Als sie unterm Baldachin traurig Verse über ihren verlorengegangenen Gatten rezitiert, ruft dieser zurück:

Ganz nah bei dir ihm Hause, o Umaima, wisse:
An jedem Halteplatz dacht ich in Treuen dein.

Der Bräutigam lässt dem anderen den Vortritt, natürlich in Bezug auf dessen Verse reimend:

Ich war im Glück; doch jetzo hat es sich gewendet;
Ein gastlich Haus und Raum schließt nun euch beide ein.

So verließ er die beiden und ging davon.

***

Die Geschichte von dem Kalifen Harûn er-Raschîd und der Herrin Zubaida im Bade

Harûn er-Raschîd lässt seiner Gattin einen Lustgarten mit einem baumumwachsenen Teich anlegen.

*

386. Nacht

Eines Tages, badet sie sich darin.

Sie blieb im Wasser, das nicht tief genug war, um den, der in ihm stand, ganz zu bedecken, aufrecht stehen, schöpfte mit einer Kanne aus reinem Silber und goss es über ihren Leib.

Der Kalif, als er hört, dass sie ein Bad nimmt, begibt sich zum Teich, um sie zu beobachten. Sie bemerkt ihn.

Aber aus Scham vor ihm legte sie ihre Hände auf ihren Schoß; freilich konnte sie ihn nicht ganz bedecken, da er so rund und groß war.

Wie bitte? Schwierig, etwas über derartige Schönheits-Ideale bei Google zu finden, ohne auf einschlägigen Seiten zu landen.

Der Kalif beginnt zu dichten:

Mein Aug erblickte, was mich traurig macht;
Und durch die Trennung ward mein Leid erfacht…

Allerdings kommt er mit seiner Dichtung nicht weiter und bitte also den Dichter Abu Nuwâs, das Gedicht zu vollenden.

Der natürlich wieder einmal vor das Problem gestellt wird, etwas Ungesehenes zu beschreiben und das Vermutete nicht benennen zu dürfen.

Er fährt also fort:

… von der Gazelle, die mich ganz bestrickt,
Als ich im Lotusschatten sie erblickt.
Und Wasser floss auf ihren Schoß, so klar,
aus einer Kanne, die von Silber war.
Als sie mich sah, da hat sie ihn bedeckt;
Doch ihre Hand hat ihn nicht ganz versteckt.
O könnte ich doch glücklich bei ihr sein,
Ein Stündlein oder auch zwei Stündelein.

Da lächelte der Kalif über seine Worte und machte ihm ein Geschenk; der Dichter aber ging erfreut von dannen.

***

Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den drei Dichtern

Wir beginnen klassisch:

Eines Nachts ward der Beherrscher der Gläubigen Harûn er-Raschîd von großer Unruhe geplagt.
Er begegnet einer betrunkenen Sklavin, deren Kleidung sich löst.

Er bat sie um ihre Liebesgunst; aber sie erwiderte ihm: "Lass mir bis morgen abend Zeit, o Beherrscher der Gläubigen! Ich bin nicht auf dich vorbereitet."

Als er sie am nächsten Tag zu sich bittet, lässt sie ihm ausrichten:

"Der helle Tag verwischt das Wort der Nacht."

Das ist nun aber wirklich beeindruckend: Die Sklavin kann den Wunsch des Beherrschers der Gläubigen abschlagen?

Drei Dichtern befiehlt er, daraus etwas zu dichten: er-Rakâschi, Abu Mus’ab und Abu Nuwâs.

Hier finden wir den Spruch: Ein Fluch von Abu Nuwâs in der Hölle enthält mehr Poesie als ein Lobspruch von er-Rakâschi im Himmel.

Nachdem sie ihre Arbeit getan haben, befiehlt der Kalif, den ersten beiden ein Geschenk zu machen, aber Abu Nuwâs den Kopf abzuschlagen, da er vermutet, der sei am Abend davor dabei gewesen. Der verteidigt sich, er habe den Inhalt nur aus dem Gesagten des Kalifen zusammengesetzt.

"Allah der Erhabene, der von allen die lauterste Wahrheit spricht, hat gesagt: Und den Dichtern folgen die Irrenden nach. Siehst du nicht, wie sie in jedem Wadi verstört umherlaufen, und wie sie reden, was sie nicht tun?"

Koran, Sure 26

Abu en-Nuwâs

Daraufhin lässt Harûn er-Raschîd ihm zwanzigtausend Dirhems auszahlen.

Die Impulsivität des Kalifen lässt ihn einem richtig ans Herz wachsen.

***

Die Geschichte von Mus’ab ibn ez-Zubair und Aischa bint Talha

Mus’ab ibn ez-Zubair verliebt sich in Aischa bint Talha.

Mus’ab ibn ez-Zubair war Heerführer des Gegenkalifen Abdallah ibn az-Zubair

Azza in Medina berichtet ihm:

"Ihr Antlitz ist schöner als die Gesundheit; sie hat große Augen und darunter eine Adlernase, glatte und runde Wangen und einen Mund gleich einer Blüte des Granatapfels. Ihr Hals gleicht einer silbernen Kanne, und darunter ist der Busen mit zwei Brüstlein, die wie ein Paar von Granatäpfeln sind; und weiter darunter hat sie einen schlanken Leib mit einem Nabel, der einem Elfenbeinbüchslein gleicht; Hüften hat sie wie zwei Sandhügel, und ihre Waden gleichen zwei Säulen aus Alabaster; doch ich sah, dass ihre Füße groß sind. Du wirst bei ihr die Zeit der Not vergessen." Nachdem Azza ihm Aischa mit solchen Worten beschrieben hatte, nahm Mus’ab sie zur Frau und ging zu ihr ein.

379. – 381. Nacht

379. Nacht

Die beiden Wesire der Könige Schâmich und Dirbâs ziehen nun gemeinsam los, um Uns el-Wudschûd zu suchen. Als sie die Insel Dschebel eth-Thekla erreichen, erklärt ihm Ibrahim, hier habe sich dereinst eine Dämonin niedergelassen, um mit ihrem menschlichen Liebhaber in Ruhe leben zu können. Wenn Seefahrer vorbeiführen, hörten sie das Wehklagen der Kinder. Der Eunuch öffnet dem Wesir das Schloss, und dieser erkundigt sich nach dem geistesentrückten Derwischmann im Hof, der natürlich kein geringerer ist als der gesuchte Uns el-Wudschûd. Wesir Ibrahim macht sich auf die Suche nach seiner Tochter, findet sie aber nicht und weint.

Wie er sich nun umwandte, sah er dort zwei Vögel, einen Raben und eine Eule; und da er ein böses Vorzeichen erkannte, begann er, in Seufzer auszubrechen.

Die Wesire geben nun die Suche auf, und in Erwartung seiner Entlassung zieht der Wesir des Königs Dirbâs  zurück und nimmt den mutmaßlichen entrückten Derwisch als Glücksbringer mit.

*

380. Nacht

Uns el-Wudschûd erwacht auf dem Maultierrücken, ohne zu wissen, wo er ist. Der Wesir lässt ihn mit Zuckerscherbett und Rosenwasser aufpäppeln.
Als sie sich der Stadt nähern, wagt der Wesir nicht, sie zu betreten; doch Uns el-Wudschûd antwortet ihm:

"Fürchte dich nicht! Geh zum König und nimm mich mit dir; ich bürge dafür, dass Uns el-Wudschûd kommt."

Als er vor den König geführt wird und dieser ihn fragt, wo Uns el-Wudschûd weilt:

"An einer Stätte, die sehr nah ist."

Uns el-Wudschûd bleibt geheimnisvoll und lässt sich gut einkleiden, erst dann gibt er sich per Gedicht zu erkennen. Die beiden heiraten, und König Schâmich wird darüber informiert und antwortet:

"Dieweil die Eheurkunde bei dir vollzogen ist, geziemt es sich, dass die Hochzeit und Brautnacht bei mir gefeiert werden."

Die Karawane zieht nach Ispahan und

dann ging Uns el-Wudschûd zu El-Ward fil-Akmâm ein und umarmte sie.

Sie rezitieren und weinen,

umarmten sich von neuem, und so blieben sie eng umschlungen, bis sie ohnmächtig niedersanken.

*

381. Nacht

Es wird sieben Tage lang gefeiert. Und am siebenten Tag verteilten sie

Gaben an das Volk, Geld und Kleider, und machten reiche Geschenke. Darauf gab El-Ward fil-Akmâm den Befehl, ihr Bad zu räumen, und sie sprach zu Uns el-Wudschûd: "Du mein Augentrost, es verlangt mich, dich im Bade zu sehen; und wir wollen dort ganz allein sein.

Du der seit alter Zeit mein Herz gewann –
Das Alte geht im Neuen nicht verloren.
O du, der mein Alles in der Welt,
Ich habe keine Freund als dich erkoren.
Komm mit ins Bad, o du mein Augenlicht;
Lass uns den Himmel in der Hölle sehen!
Wir lassen Aloe und Nadd erglühen,
Bis uns die Düfte überall umwehen.
Verziehen sei dem Schicksal alle Huld!
Ich rufe dann, seh ich dich dort vor mir:
Glückauf, mein Lieb, und Segen sei mit dir!

Die Hölle steht als Bild fürs Feuer unterm Bad. Nadd ist eine Mischung aus Ambra, Moschus und Aloe. Wenn jemand aus dem Bad kommt, segnet man ihn.

***

Die Geschichte von Abu Nuwâs mit den drei Knaben und dem Kalifen

Abu Nuwâs allein daheim rüstet zu einem Gastmahl und lädt sich drei Knaben ein, die er zufällig auf der Straße trifft,

noch frei von Bärten, so schön, als wären sie Knaben aus den Paradiesesgärten; ihre Farben waren von verschiedener Art, doch ihre Reize waren gleichmäßig zart. An ihren biegsamen Gestalten wurden Hoffnungen entzündet, so wie ein Dichter von ihnen kündet.

Abu Nuwâs lockt sie mit Versen:

Kommt her zu mir, und geht zu keinem andern!
Mein Haus ist voll von feinstem Proviant.
Ich habe alten Wein von klarer Farbe,
Gekeltert von des Klostermönches Hand.
Auch hab ich feines Fleisch vom jungen Lamme
Und vielerlei Geflügel, das da fleugt.
So esst davon und trinket von dem Weine,
Dem alten, der die Sorgen uns verscheucht!
Vergnüget euch dann einer an dem andern,
Und lasst auch mich in eurem Kreise wandern!

Weil nun die Jünglinge von seinen Versen bezaubert waren, so entschlossen sie sich, seinem Wunsch zu willfahren.

376.-378. Nacht

376. Nacht
Uns el-Wurdschûd entdeckt die Käfige mit den Vögeln, die
darin sangen und priesen den Herrn.
Vor dem Käfig der Turteltaube, der Ringeltaube, der Spottdrossel, der Nachtigall und der wilden Taube beginnt er zu weinen, als er ihre Äußerungen vernimmt. Er rezitiert auf die Schnelle ein paar Verse und fällt hier und da in Ohnmacht.
*
377. Nacht
Aber die Waldtaube gurrt,
bis schließlich ihr Gurren wie menschliche Rede erklang:
O du, der Liebe Knecht, du hast mich jetzt erinnert
An jene Zeit, da mir die Kraft der Jugend schwand,
Und den geliebten Freund; von Wuchse war er herrlich,
Und seine Schönheit verwirrte den Verstand.
Ach, wenn er in den Zweigen dort auf dem Hügel gurrte,
Dann galt die traute Stimme mir mehr als die Schalmei.
Allein der Vogler stellte ein Netz, und der Gefangne
Hub an und klagte laut: O, ließ er mich doch frei!
Ich hoffte wohl, er sei ein Mann der milden Sinnes
Beim Anblick meiner Liebe mit mir Erbarmen kennt.
Doch möge Gott den Mann erschlagen, da er grausam
Von dem geliebten Wesen auf ewig mich getrennt!
Nun wird in mir die Sehnsucht nach ihm noch immer größer.
Mich hat der Trennungsschmerz mit Feuersglut durchwühlt.
O Gott, behüte jeden, der fest in seiner Treue
Mit seiner Liebe ringt und meinen Kummer fühlt!
Und sieht er mich gefangen hier in dem Käfig mein,
So mög er für den Freund aus Mitleid mich befrein!
Der Eunuch verrät, dass der Wesir das Schloss für seine Tochter hat bauen lassen.
“Nur einmal im Jahr öffnen wir die Burg, wenn Vorräte für uns kommen.” Da sprach Uns el-Wurdschûd in seiner Seele: “Jetzt habe ich mein Ziel erreicht; doch ich muss noch lange warten.”
In ihrer Trauer verweigert indessen El-Ward fil-Akmâm Nahrung und Trank. Stattdessen dichtet sie. Und schließlich, bis sie den Erdboden erreichte; sie trug aber die prächtigsten Gewänder, die sie besaß, und um ihren Hals lag eine Kette aus Edelsteinen.
stieg sie zur Dachterrasse des Schlosses hinauf, nahm einige Kleider aus Baalbeker-Stoffen, band sich damit fest und ließ sich hinab.
Gemeint ist wohl: reißfestes Leinen.
Dann wandert sie durch die Einöde, bis sie ans Meer kommt, wo sie einen Fischer trifft, den sie bittet, sie mit fortzunehmen. Auf gut Glück vertrauen sie sich dem Meer an. Und nach drei Tagen gelangten sie
zu einer Stadt am Meeresufer.
*
378. Nacht
Von seinem Fenster aus entdeckt der König der Stadt, Dirbâs, die im Boot schlafende El-Ward fil-Akmâm,
die so schön war wie der Vollmond am Himmelsrande; an ihren Ohren hingen Geschmeide aus kostbaren Ballasrubinen, während um ihren Hals Juwelenketten herrlich schienen. (…)
“Ich bin die Tochter Ibrahims, des Wesirs von König Schâmich.”
So erfahren wir nun auch den Namen des Königs, der bisher immer nur “Soundso” genannt wird.
Dirbâs schickt nun seinen Wesir mit einem ungeheuren Schatz zu König Schâmich, um ihn zu bitten, den Untertan Uns el-Wurdschûd zu senden, damit sich El-Ward fil-Akmâm vor Ort vermählen könne. Den Inhalt des Briefes, in welchem Dirbâs behauptet, es ginge um die Vermählung der eigenen Tochter, kennt der Wesir nicht. Der König droht dem Wesir, ihn seines Amtes zu entheben, wenn er ohne Uns el-Wurdschûd zurückkehre.
Schâmich weint beim Lesen des Briefs und lässt nach Uns el-Wurdschûd suchen, von dem man nun feststellt, dass er seit einem Jahr verschwunden ist.
Das ist seltsam, da es doch hieß, dass Schâmich “große Zuneigung” zu Uns el-Wurdschûd spüre.
Schließlich schickt Schâmich seinen eigenen Wesir mit auf die Suche.

370.-375. Nacht

Der Wohnungsumbau geht in die zweite Phase, im Volksmund auch Nestbau genannt. Und wieder einmal zeigt sich, dass all die Rumschieberei von millimetergenau ausgeschnittenen Schnipseln im Wohnungsmodell überhaupt nichts bringt, weil einem erst wenn sie nebeneinanderstehen klar wird, dass das Billy-Birke-Regal und die alte Nussbaum-Büchervitrine nicht zueinander passen. Die Couch vor dem Esstisch ebenfalls nicht. Und die Gattin darf nicht mit anpacken, da der Fötus sonst gestört werden könnte. Dabei ist das Leben ist kein Ponyhof, das sollte er jetzt schon lernen. Gibt’s diese bescheuerte Redensart auch für Jungen? Was der Ponyhof für die Mädchen, ist World of Warcraft für die Buben. Das reimt sich nicht einmal. Das Leben ist kein World of Warcraft? Das Leben ist keine Welt des Kriegshandwerks? Dabei ist doch genau das gemeint: Das Leben ist kein Ponyhof, sondern eine Welt des Kriegshandwerks. Oder wie James Brown einst sang: "This is a mahahan’s world!" Die Wohnung sieht aus wie nach einem Einbruch der Hell’s Angels. Und während ich die Bücher doch wieder alphabetisch einsortiere statt nach den Prinzipien Farbe oder Reihenfolge des Lesens frage ich mich, ob ich jemals die Bobrowski-Erzählung "Litauische Claviere", den Feuchtwanger-Roman "Die Jüdin von Toledo" anfangen oder das völlig zerschrotete Exemplar von Plenzdorfs "Die Legende von Paul und Paula" zu Ende lesen werde, das ich an der Stelle unterbrochen habe, wo der Film endet, also zur Hälfte. Die Bank, die ich mir schön zum Schreiben an den Tisch gestellt habe, ist inzwischen völlig verbaut. Trotzdem gelingt es mir, mich über die Stapel aus Büchern, Klamotten, Holzleim, Tüten, Haufen mit Ich-weiß-nicht-was, einem sensiblen Kaktus und Erdnussflips zu kämpfen, wobei ich hier und da etwas abbreche, Flüssigkeiten verschütte, die Verstrebungen der Bank zerbreche und am Ende meinen Kugelschreiber vergesse. Ich fühle mich wie Elvis kurz bevor er seinen Fernseher erschoss. In einer Verfilmung wird fiktionalisiert, der König des Rock hätte damals draufgehalten, weil man schlecht über ihn berichtet habe. Ich glaube aber, er habe seine eigene Fernsehsucht erschießen wollen, und mit ihr gleich seine Fresssucht, seine Medikamentensucht, seine Unfähigkeit, dem Leben noch Sinn abzutrotzen. Tick-tick-tick! Der 28. Februar neigt sich seinem Ende zu. Heute Nacht wird die Uhr 24 zurückgestellt. Warum brauchen wir einen 29. Februar, wenn wir den 28. zwei Mal erleben könnten. Bei der Sommerzeit-Umstellung ist das doch auch kein Problem. Die Am-29.-Februar-Geburtstag-Habenden taten mir sowieso immer leid. Sie taten mir auf jeden Fall leider als die 24.-Dezember-Kinder oder die 1.-Januar-Kinder. Erster Januar?, fragt sich vielleicht jetzt die Leserin? Ja, am 1. Januar ist der Feier-Drops gelutscht. Auf den Straßen riecht‘s nach Schießpulver, und Schneematsch, Hundemist und abgebrannte Silvesterraketen zeugen von der Traurigkeit dessen, was nach einer Feier verbleibt. Am 1. Januar wird die Brause-Aspirin getrunken, auf Sekt hat nun keiner mehr Appetit, mit Ausnahme der Sekt-Alkoholikerinnen, die an Neujahrskindergeburtstagen die einzigen Gäste sind. Hinter Sekt lässt sich der Alkoholismus am elegantesten verbergen. Sekt signalisiert: Ich trinke ja nur ein Gläschen, wenn’s was zu feiern gibt. Aber zu feiern gibt’s immer was, wie der Russe weiß: Jeshednewno prasdnik! Der Russe, der den Sekt übrigens Schampanskoje nennt und auch in Zeiten, in denen Fernreisen nichts besonderes mehr sind, Freunde und Verwandte mit Sekt zum Bahnhof bringt oder von dort abholt. Wenn wir alle vier Jahre zwei Mal den 28. Februar zählten, würde sich die Zahl der Depressionen bei den am 29. Februar geborenen reduzieren, da es eben bald keine am 29. Februar geborenen mehr gäbe. Dafür mehr Freude bei den 28.-Februar-Kindern, die ihren Geburtstag zwei Mal feiern dürften: Doppelt so viele Geschenke, doppelt so viele Kuchen und Luftballons, doppelt so viele "Hoch sollse leben!", ein Lied, das leider vom unsäglichen Häppi-Börsdeh überrannt wurde. Ich kenne niemanden, der am 29.2. Geburtstag hat. Nicht einmal einer meiner Facebook-Friends. Ich habe zurzeit 666 Freunde. Ein 29.2. kommt alle 1460 Tage. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer meiner Freunde am 29.2. Geburtstag hat? Mir fällt die Berechnung gerade nicht ein, außer dass es nicht 666 dividiert durch 1460 sein kann. Hilft es meinem Karma, diese Zahl schnell zu ändern? Den 666. Friend zu entfernen oder wahllos jemand anderen hinzufügen. Irgendjemand von den "Ich-hab-dich-bei-der-Lesung-gesehen-du-kennst-mich-nicht-aber-egal"-Anfragen? Oder soll ich der Nummer 666 Hörner anmalen und sie künftig meiden? Stattdessen werden die riesigen Pappeln in unserem Hof abgeholzt, damit dort ein Kindergefängnis für die Eigentumswohnungsbesitzer-Kinder gebaut werden kann. Ich fordere eine Frauenquote für den Holzfällerberuf. Die Linken haben aus Gründen der Frauenquote und des Antifaschismus Beate Klarsfeld fürs Bundespräsidenten-Amt nominiert, weil sie Kiesinger geohrfeigt und Nazis "gejagt" hat. Sie lebt seit 1960 in Paris. Vielleicht keine schlechte Idee – man müsste eben die Gesetzestexte nicht mehr ins Bellevue, sondern in die Rue la Boétie chauffieren. Im Gegensatz zum Stadtschreiber von Charlottenburg könnte sie sich ja aussuchen, wo sie wohnen wollte. Die Politik würde sich vielleicht etwas beruhigen. Aber dann – warum nicht gleich einen Politiker, der in Sambia lebt, oder in der Antarktis. Am besten aber – auf dem Mond.

**

370. Nacht

Dass sich die Prinzessin schon einigermaßen erholt zeigt, freut den griechischen König sehr. Und so willigt er ein, sie zum Ebenholzpferd zu führen, damit der prinz

dort den Teufel austreibe.

Vom Prinzen erfahren wir übrigens in einem Nebensatz, dass er

noch immer als Arzt gekleidet war.

Wir haben nie vorher gehört, woher er diese Kleidung erhalten habe, noch dass er mit dieser gewandert sei.

Die beiden heben ab,

und die Krieger starrten ihnen nach, bis er ihren Blicken entschwand. Der König wartete einen halben Tag lang. (…) Schließlich gab er die Hoffnung auf.

Es wäre freilich noch interessant zu wissen, welcher "König" das gewesen sein mochte. Da der Prinz an einer Stelle meint, Sassanidenprinz zu sein, wäre es durchaus möglich, dass wir es mit dem byzantinischen Reich zu tun haben. "Griechenland" also für "Christen" steht.
Der Prinz kümmert sich offenbar auch nicht darum, dass der "Weise" noch lebt, den der griechische König auf den Perser hetzen könnte.

In seiner Heimatstadt angekommen bereitet er

große Festmahle für das Volk der Stadt.

Bereitete er sie allein?

*

371. Nacht

Sein Vater aber zerbrach das Ebenholzpferd.

Seinem Schwiegervater im Jemen sendet der Prinz jährlich Geschenke und besteigt, als sein Vater stirbt, den Thron.

***

Die Geschichte von Uns el-Wudschûd und El-Ward Fil-Akmâm

Die Namen der 1001 Nächte tragen nur wenig zu unserer Namensfindung bei. Unsere Freunde und Verwandten würden wohl aufstöhnen, wenn wir unseren Sohn "Uns" nennen würden. Klingt ein wenig nach " Uns Uwe".

Die Tochter des Wesirs Ibrahim nennt sich El-Ward Fil-Akmâm. Sie ist schön;

doch liebte sie die Gelage und den Wein.

Beim jährlichen Schlagball-Spiel erscheint auch ein Jüngling namens Uns el-Wudschûd, und die beiden verlieben sich mit Blicken.
Die Wesirstochter improvisiert ein Gedicht, das sie auch zu Papier bringt und in dem es heißt:

Ja, du bist einzigartig unter allen Menschen;
"Du bist der Schönheit Herr", ist aller Zeugen Ruf.
Und deine Braue gleicht einem Nûn, dem schön geschriebenen;
Dem Sâd dein Augenstern, den der Allgüt’ge schuf.

Nûn:ن
Sâd: ص

Das Blatt hüllt sie

in ein Stück goldgestickter Seide und legte es unter ein Kissen.

Eine Kammerfrau entdeckt es und bietet ihr an, Liebesbotin zu spielen.

*

372. Nacht

Leider verliert die Kammerfrau eines Nachts einen der Briefe. Dieser wird von einem Eunuchen gefunden, der ihn dem Wesir übergibt, welcher

so bitterlich weinte, dass sein Bart von den Tränen benetzt ward.

Seine Gemahlin indes

hielt ihre Tränen zurück.

Doch der Wesir offenbart ihr, dass auch der Sultan Zuneigung zu Uns el-Wudschûd hege und er deshalb um sich selbst und um den Sultan fürchte.

Wird hier auf die Homosexualität des Sultans angespielt?

*

373. Nacht

Die Gemahlin antwortet dem Wesir:

"Warte, bis ich das Gebet um die rechte Leitung verrichtet habe!"

Nach zwei Rak’as schlägt sie ihm vor, der Tochter ein Schloss auf dem Berg Dschebel eth-Thakla im Meere von el-Kunûz zu bauen und sie dorthin zu verbannen.

Und fertig ist der Ausgangspunkt für eine Story der getrennten Geliebten. Das wird noch viele Ohnmachtsanfälle, Krankheiten und ausgeweinte Augen geben.

Mitten in der Nacht ruft der Vater zum Aufbruch, und schreibt Uns el-Wudschûd als Botschaft einen letzten Vers an die Tür. Die Karawane verschifft El-Ward Fil-Akmâm, und das Schiff wird auf Geheiß des Sultans nach Rückkehr der Leute verbrannt.
Uns el-Wudschûd jedoch findet die an ihn gerichtete Botschaft, wird wie von Sinnen, verkleidet sich und wandert aufs Geratewohl los. Als er endlich ruht, um zu trinken, nähert sich ihm ein Löwe.

Er wandte sich in die Richtung der heiligen Stadt und bereitete sich auf den Tod vor. Nun hatte er aber in den Büchern gelesen, dass der Löwe sich durch den, der ihm schmeichelt, betrügen lässt, da er durch freundliche Worte getäuscht und durch Lobsprüche besänftigt werden kann. (…) "O Löwe des Dickichts, du Leu der weiten Flur, du stolzer Held, du Meister, du Ritter, du Sultan der Tiere des Feldes, siehe, ich bin ein Liebender, verzehrt von der Sehnsucht Macht, von Liebe und Trennungsleid dem Tode nahe gebracht. (…)" Als der Löwe diese Worte vernahm, wich er von ihm zurück, setzte sich nieder auf seine Hinterbeine, hob seinen Kopf zu ihm empor und begann mit dem Schwanz zu wedeln und mit den Pfoten zu winken.

Uns el-Wudschûd improvisiert noch schnell ein Gedicht.

Als er diese Verse zu Ende gesprochen hatte, erhob sich der Löwe und kam auf ihn zu.

*

374. Nacht

Der Löwe führt Uns el-Wudschûd in die Steppe, wo er die Fußspuren der Entführer von El-Ward Fil-Akmâm findet. Er folgt ihnen bis ans Meer.

An jener Stätte gab er alle Hoffnung auf.

Er sieht keinen Menschen, und da er sich vor Tieren fürchtet,

stieg er auf einen hohen Berg,

wo er auf einen Einsiedler trifft, dem er sein Leid klagt. Dieser erwidert, er habe zwanzig Jahre lang keinen Menschen mehr gesehen, aber gestern eine Menge Leute,

die auf dem Rücken des Meeres gefahren sind.

Er rezitiert ein Gedicht, das mit folgenden Versen endet:

Drum hoffe in der Liebe auf Glück nicht ohne Qualen,
Da bei dem Glücke gleich das Unglück immer liegt.
Die Liebe hat bestimmt für ihrer Jünger Scharen:
Als Ketzerei verboten ist’s, sie nicht zu wahren.

*

375. Nacht

Nach den Versen umarmt der Einsiedler Uns el-Wudschûd, und beide weinen,

dass die Berge von ihren Klagen verhallten, und sie weinten so lange, bis sie beide in Ohnmacht sanken.

Sagte ich’s nicht?

Inzwischen ringt auch El-Ward Fil-Akmâm mit ihrer Einsamkeit. Sie lässt Vögel der Insel mit Schlingen fangen und sie in Käfige sperren, die sie an ihre Fenster hängt. Tag und Nacht rezitiert sie Gedichte.
Der Eremit indes rät unserem Helden, sich aus Fasern von Palmstämmen ein Netz zu flechten, in das er getrocknete Kürbisse legen soll. Auf dieses Floß soll er sich setzen.

"Fahre auf ihm mitten ins Meer hinaus, vielleicht wirst du dein Ziel erreichen; denn wer nicht wagt, kommt nicht ans Ziel."

Dies tut er,

und er lernte die Wunder und die Schrecken des Meeres kennen,

bis er schließlich starb und die Geschichte aus war. durstig und hungrig auf der Insel Dschebel eth-Thakla landet, wo er Wasser und Früchte findet. Schließlich gelangt er ans Schlosstor, wo er auf einen Eunuchen trifft, der ihn nach seiner Herkunft fragt. Sie stellen fest, dass beide aus

Ispahan

kommen.

Ispahan? In früheren Erzählungen war von Isfahan nicht in der französischen Schreibweise die Rede.

357. – 369. Nacht

Wird es eine solche Rolle spielen, ob Gauck Präsident wird oder nicht? An eine ähnliche Debatte erinnere ich mich nur zu Zeiten der Wahl von Roman Herzog, den man für einen erzkonservativen Hund hielt. Heute erinnert man sich noch an die Ruck-Rede, aber als konservativen Fuchs hat man ihn eher in seiner Zeit als Baden-Württembergischen Innenminister wahrgenommen. Was kann er schon tun? Dem Grundgesetz nach nicht viel. Seine Aufgaben und Befugnisse gleichen eher denen eines Notars. Aber natürlich befürchtet man reaktionäre Reden, die in pastoralem Geseiere ihre Wirkung entfalten. Herzog war als Konservativer viel zu liberal und reflektiert, als dass er in dieses Fettnäppfchen treten würde. Der Stern bezeichnet Gaucks "Eigensinnigkeit" als Vorteil für den Job. Seit wann wäre jemand für ein öffentliches Amt gerade durch ein Überwiegen des Eigensinns gegen den Gemeinsinn geeignet. "Eigensinnig und unbequem" – das war der österreichische Schnurrbartträger auch.

**

357. Nacht

Als sie von der Plage und ihrer Lust befreit ist, bleibt die Prinzessin bei dem jungen Mann

bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt und der die Freundesbande zerreißt. Preis sei Ihm, dem Lebendigen, der nimmer vergeht, und bei dem die Herrschaft auf Erden und im Himmel steht.

***

Die Geschichte vom Ebenholzpferd

Ein König

Die Breslauer Ausgabe redet von Schapûr – also wird’s in Persien spielen.

hat drei Töchter und einen Sohn. Eines Tages kommen drei Weise zu Besuch, die drei Geschenke mitbringen: Einen goldenen Pfau, der zu jeder vollen Stunde mit den Flügeln schlägt und ruft.

Kuckucksuhren sind seit dem frühen 17. Jahrhundert bekannt

Ein Messinghorn, das die Feinde erkennt, und ein Ebenholzpferd, das es einen an jeden Ort durch die Luft trägt wohin man nur will. Den ersten beiden Weisen gewährt der König einen Wunsch und sie erbitten sich eine Prinzessin. Das Pferd hingegen soll vorher noch getestet werden – und zwar vom Prinzen. Dieser steigt auf und hat schon Angst um sein Leben.

358. Nacht

Doch dann erlernt er das Fliegen beim Fliegen. Er segelt irgendwann wieder zur Erde herab und landet in einer schön gebauten Stadt. Er fliegt auf eine Dachterrasse und schwört

"Wenn Allah, der Erhabene meinem Leben noch eine Spanne Zeit gewährt und mich wohlbehalten in mein Land und zu den Meinen zurückkehren lässt und mich mit meinem Vater vereint, so will ich diesem Weisen jede Wohltat gewähren…"

Im ganzen Schloss kann er jedoch keinen Mucks vernehmen.

359. Nacht

Doch gerade da gewahrt er

eine Mädchenschar, und unter ihnen eine Maid an Schönheit reich, mit einem Wuchse dem Alif gleich.

ا

Der Prinz überwältigt den Eunuchen. Und die Prinzessin, da sie glaubt, er sei der Sohn des indischen Königs, ist erstaunt; denn dieser soll dem Vernehmen nach hässlich sein. Schreiend und sich die Kleider zerreißend rennt der Eunuch zum König, um diesem von dem Zwischenfall zu berichten. Als dieser hinzutritt, bezeugen die Sklavinnen, dass sich unser Prinz nur sittlich betragen habe.

Nun konnte der König sich nicht mehr vor Eifersucht halten, aus Eifersucht um die Ehre seiner Tochter; er hob den Vorhang empor, trat mit dem gezückten Schwerte in der Hand ein und stürzte sich auf die beiden wie ein Wüstendämon.

Inzwischen beherrscht Schehrezâd die Cliffhanger aus dem Effeff.

*

360. Nacht

König und Prinz streiten um das Gastrecht und um die Ehre:

"Wahrlich, ich wundere mich über die Kürze deines Verstandes! Sag, kannst du dir für deine Tochter einen besseren Gemahl wünschen als mich?"

Erinnert an "The Godfather". Als Michael Corleone in Sizilien um Appolonias Hand anhält, tut er das so: "There are people who’d pay a lot of money for that information… But then your daughter would lose a father …instead of gaining a husband."

Doch er fordert den König noch mehr heraus, indem er meint, am nächsten Morgen allein gegen das gesamte Heer antreten zu wollen.

*

361. Nacht

Das Heer tritt an. König und Prinz ziehen aus,

bis sie zum Blachgefilde kamen.

Das Wort Blachgefilde taucht bei Goethe und in der Ilias-Übersetzung bei Homer auf. Die Bedeutung ist mir trotzdem unklar. Blache wird auch i.S.v. Zeltleinwand benutzt. Ergibt das einen Sinn?

Als der König ihm seine Rosse anbietet, entscheidet sich der Prinz aber natürlich für das

"auf der Dachterrasse",

und der König muss glauben, nun sei der Jüngling wirklich übergeschnappt, ein Glaube, der, als er das Pferd sieht, noch verstärkt wird.

*

362. Nacht

Der Prinz steigt auf in die Lüfte und verschwindet, woraufhin die Prinzessin in schlimme Trauer verfällt:

"Bei Allah, ich will keine Speise anrühren, keinen Trank trinken, bis Gott mich wieder mit ihm vereinigt hat."

*

363. Nacht

Der Prinz segelt zurück zu seinem betrübten Vater, der den dritten Weisen inzwischen in den Kerker hatte werfen lassen. Man holt ihn wieder heraus, gibt ihm

ein Ehrengewand der Genugtuung und erwies ihm höchste Huld; doch er gab ihm seine Tochter nicht zur Gemahlin. Darüber ergrimmte der Weise gewaltig.

Eine seltsame Anwandlung für einen Weisen.

Der Prinz fliegt nach kurzer Zeit wieder zurück in die Stadt, von der er erfahren hat, dass es San’â ( Sanaa) ist. Wieder ist sein Vater betrübt und schwört bei sich, das Pferd zu vernichten, sobald der Prinz heimkehrt.

*

364. Nacht

Der Prinz entführt heimlich die Tochter aus Sanaa und gibt nichts auf das Wehklagen ihrer Eltern. Immerhin ist die Prinzessin damit einverstanden. Er führt sie

in einen Kiosk, der für seinen Vater hergerichtet war. Dort ließ er das Ebenholzpferd an der Tür stehen,

um das Schloss für den Empfang herrichten zu lassen.

*

365. Nacht

Nach meiner Planung zu Beginn dieses Unternehmens, die Erzählungen der 1001 Nächte, endlich zu lesen, hätte ich bei dieser Nacht am 31.12.2008 angekommen sein müssen.

Man lässt alles herrichten, doch als der Prinz zum Kiosk zurückkommt, ist die Prinzessin verschwunden. Die Wächter meinen:

"Wir haben niemanden diesen Garten betreten sehen außer dem persischen Weisen, der hineinging, um Heilkräuter zu sammeln."

*

366. Nacht

Der Weise war einfach dem Wohlgeruch gefolgt, und als er das Pferd sieht,

untersuchte er alle seine Teile.

Ich kann mir nicht helfen, diese Geschichte klingt irgendwie nach Renaissance-Konstruktion. Andererseits waren die Moslems wohl lange Zeit Vorreiter auf dem Gebiet der Mechanik.

Er nähert sich der Prinzessin mit der Angabe, ein Herold des Prinzen zu sein, sie aber ist zunächst von deinem hässlichen Gesicht überrascht.

"Gerade um meines hässlichen Aussehens und meiner abschreckenden Gestalt willen hat der Prinz mich für die Botschaft ausersehen, da ihn die Liebe zu dir mit Eifersucht erfüllt hat."

*

367. Nacht

Der "Weise" entführt sie bis ins Land der Griechen;

dort ließ er sich auf eine grüne Wiese nieder, wo Bäche flossen und Bäume sprossen.

Zu seinem Pech ist der König des Landes gerade bei einem Jagdausflug.

Auch ein beliebtes erzählerisches Motiv, um dem Zufall auf die Sprünge zu helfen, wenn es darum geht, in die Nähe des Herrschers zu gelangen. Es findet sich auch in Noah Gordons Phantasie-Mittelalter-Orient-Roman Der Medicus.

Die Prinzessin berichtet dem griechischen König von ihrer Entführung. Dieser lässt den Weisen ins Gefängnis werfen.

Die Jungfrau aber und das Pferd nahm der König ihm fort, obwohl er nicht wusste, was es mit dem Pferde auf sich hatte. (…) Wenden wir uns nun von dem Weisen und der Jungfrau wieder dem Prinzen zu.

Typische Wendung, die für uns umständlich wirkt. Die moderne Erzählweise ist dann doch eher zeitlich linear. Perspektivsprünge finden, wenn sie denn vorkommen, selten zeitlich parallel statt.

Der Prinz also begibt sich auf die Suche nach ihr, selbst nach Sanaa, ohne etwas von ihr zu erfahren.

*

368. Nacht

Der Prinz gelangt schließlich auch nach Griechenland. Und am Stadttor nimmt man ihn fest, und er erfährt über das Vorgefallene,

das uns in indirekter Rede in aller Ausführlichkeit noch einmal berichtet wird.

*

369. Nacht

Gegenüber dem König behauptet der Prinz, Arzt zu sein. Der König ist darüber erfreut, da die Prinzessin seit ihrer Ankunft im Wahn liegt. Freilich nur im vorgetäuschten, um nicht dem König als Sklavin dienen zu müssen. Der Prinz meint, er müsse als erstes das Pferd untersuchen, da es mit der Krankheit der Prinzessin im Zusammenhang stehe. Er untersucht es natürlich nur, um zu sehen, ob es noch heil ist. Man führt ihn zur Prinzessin und flüstert weiht er sie in seinen Plan ein.

346. – 356. Nacht

Nestbau nennt man das jetzt wohl. Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr immer aus Kompromissen zwischen Geldbeutel, Ererbtem und Ansätzen eigenen Geschmacks lebend. Die Wohnung ist ja groß genug, aber das Verrücken der tatsächlichen Möbel ist doch etwas anderes als das Hin und Herschieben von Schnipseln auf Millimeterpapier. Umso schlimmer, wenn man sich andauernd sorgen muss, dass etwas kaputtgeht, wovon man bei den schwedischen Möbeln ja ohnehin schon ausgeht, aber dass der in der Annahme, Altes sei stabiler, gekaufte Antikschrank das labilste aller Gegenstände ist, kann einen schon zum Weinen bringen. Im Moment besteht der einzige Grund, dass ich ihn nicht weiterverkaufe, darin, dass Uli für mich bis tief ins Brandenburgische mit mir und einer Robbe gefahren ist. Nachts.
Wie machen das eigentlich die Vögel bei ihren Nestern? Das hat denen doch auch keiner gezeigt.

**

Ähnlich wie der Hauptmann von Bulak stellt sich nun auch bei Hauptmann von Kûs heraus, dass er mit Zinn, Kupfer und Glaswaren betrogen wurde.

Mit dieser Pointe erscheint die Erzählung eigentlich nur als Variation der anderen.

***

Die Geschichte von Ibrahim ibn el-Mahdi und dem Kaufmanne

Der Kalif el-Mamûn bittet seinen OnkelIbrahim ibn el-Mahdi:

"Erzähle uns das Wunderbarste, das du je erlebt hast."

Es folgt die Geschichte. Ibrahim geht eines Tages spazieren und gelangt an einen Ort, wo es nach Speisen riecht,.

Wie ich nun zufällig den Blick hob, entdeckte ich ein Gitterfenster und hinter ihm eine Hand und ein Handgelenk, wie ich es noch nie gesehen hatte.

Einen zufällig vorbeikommenden Schneider fragt er nach dem Eigentümer des Hauses.

Er heißt Soundso, Sohn des Soundso, und er verkehrt nur mit Kaufherren.

Und als auch noch zwei hohe Gäste im Begriffe, sind heranzureiten, fragt er den Schneider auch nach deren Namen. Mit diesen Informationen behauptet er gegenüber den beiden Kaufleuten, den Hauseigentümer zu kennen. Zu dritt gehen sie ins Haus, und der Hausherr glaubt wiederum, Ibrahim sei ein Freund der beiden Kaufleute. Die vier beginnen ein Wetttrinken. Schließlich tritt eine schöne Sklavin ein.

Und sie griff zur Laute, begann zu singen und ließ dies Lied erklingen:

Ist’s denn nicht wunderbar, dass ein Haus uns umschließet,
Und dass du mir nicht nahst, dein Mund kein Wörtlein sagt?
Die Augen melden nur der Seelen heimlich Sehnen;
Sie künden, wie die heiße Glut an Herzen nagt.
Und blicke geben Zeichen, Augenbrauen nicken,
Und Lider brechen, während Hände Grüße schicken.

Dies kann unser Gast natürlich nur als Zeichen verstehen. Er provoziert sie:

"Dir fehlt noch etwas, Mädchen!"

Sie wirft die Laute fort, und er singt, als eine neue Laute gebracht wird, ein Lied, das ihr sein Erkennen signalisiert. Dem Hausherrn wird nun klar, dass er es mit einem höheren Herrn zu tun hat und fragt nach seinem Namen.

Wegen der Fähigkeit zum Saitenspiel?

Sowie er meinen Namen erfuhr, sprang er auf.

*

347. Nacht

Die Sängerin ist aber noch nicht die Sklavin "mit dem Handgelenk". Man lässt alle Sklavinnen kommen, aber die, welche Ibrahim sucht, ist nicht darunter. Jetzt wird’s heikel; denn die einzigen verbliebenen Frauen sind Schwester und Weib des Kaufmanns. Die Schwester ist’s.

Zum Glück, muss man wohl sagen…

Die Hochzeit wird mit zwanzigtausend Goldstücken Morgengabe und den Kaufleuten als Trauzeugen geschlossen.

Und bei deinem Leben, o Beherrscher der Gläubigen, er sandte sie mir mit einer so großen Ausstattung, dass unser Haus trotz seiner Größe sie kaum fassen konnte.

***

Die Geschichte von der Frau, die dem Armen den Almosen gab

Ein König verbietet in seinem Reich das Almosengeben bei der Strafandrohung des Handabschlagens.

Er kann wohl kaum muslimisch sein, da hier das Almosengeben eine derfünf Säulen des gottgefälligen Lebens ist.

An das Haus einer Frau kommt ein Bettler und bittet um Almosen.

*

348. Nacht

Wie es so kommt: Sie gibt ihm zwei Brote, der König erfährt davon und lässt ihr die Hände abschlagen.
Als sich der König nach einer Weile vermählen will, berichtet ihm seine Mutter:

"Unter meinen Sklavinnen ist ein Weib wie kein schöneres gefunden werden kann; doch sie hat einen großen Fehler." – "Als er fragte: "Was ist denn das?", erwiderte sie: "Ihr sind die Hände abgeschlagen."

Tatsächlich heiratet er sie, doch die anderen Frauen des Königs werden neidisch auf sie und verleumden sie als Ehebrecherin, woraufhin er das arme Weib von seiner Mutter in die Wüste schicken lässt. Sie wandert

mit dem Knäblein auf der Schulter.

Von dem zuvor keine Rede ist.

Als sie sich beim Trinken am Bach überbeugt, fällt das Kind hinein.

Da kamen plötzlich zwei Männer vorbei, die angesichts ihres Kummers für sie beten. Und ruckizucki hat sie sowohl Hände als auch Knäblein wieder.

"Wir sind deine beiden Brote, die du dem Bettler geschenkt hast. Das Almosen war ja der Grund, dass deine Hände abgeschlagen wurden. Doch nun lobe Allah den Erhabenen, der dir deine Hände und dein Kind zurückgegeben hat!"

In ihrer Botschaft: Vertraue auf Gott! erinnert die Geschichte an eine Mischung aus Allerleirauh und Hiob.

***

Die Geschichte von dem frommen Israeliten

Unter den Kindern Israels lebte einmal ein frommer Mann.

Ein bemerkenswerter Anfang. Bislang war in den 1001 Nächten nur wenig Gutes über Juden zu lesen.

Dieser Mann ist Baumwollspinner und seine Erlöse aus dem Verkauf des Garn genügen irgendwann nicht mehr.

Nun besaßen sie noch einen geborstenen Holznapf und einen Krug.

Diese hofft er, verkaufen zu können.

Während er so im Basar dastand, kam zufällig ein Mann an ihm vorbei, der einen Fisch trug.

*

349. Nacht

Der Fisch stinkt und ist aufgedunsen, aber sie gehen trotzdem den Handel ein. Angewidert macht sich die Familie daran, den Fisch aufzuschneiden. Darin aber finden sie eine Perle.

Das meldeten sie dem Ältesten, und der sprach: "Schaut nach! Wenn sie durchbohrt ist, so gehört sie einem anderen Menschen; ist sie aber noch undurchbohrt, so ist sie eine Gnadengabe, die euch Gott der Erhabene schenkt."

Tatsächlich ist sie undurchbohrt. Der Baumwollspinner erhält dafür siebzigtausend Dirhems und gibt einem Bettler die Hälfte davon. Dieser erwidert:

"Behalte dein Geld, nimm es wieder. Gott gesegne es dir. Wisse, ich bin ein Bote Gottes, er hat mich zu dir gesandt, um dich zu prüfen!" Nun rief der Israelit: "Gott sei Lob und Preis!" Und er lebte immerdar mit den Seinen in aller Lebensfreude, bis er starb.

Anscheinend kommen wir nun von der Hauptmann-Schelmen-Reihe zu den Almosen-Anekdoten.

***

Die Geschichte von Abu Hassan ez-Zijâdi und dem Manne aus Chorasân

Abu Hassan ez-Zijâdi berichtet.

Ob dieser Abu Hassan ez-Zijâdi eine historisch reale Person ist, erfahren wir nicht.

Als er in Not gerät und Bäcker und Krämer bereits bei ihm seine Schulden eintreiben wollen, kehrt ein Pilger aus Chorasân bei ihm ein, der zehntausend Dirhems bei ihm lagern will. Kehre er nicht mit der Karawane zurück, so möge er das Geld behalten.

Ich aber ließ die Geschäftsleute kommen und bezahlte alle meine Schulden.

Die Geschichte wird ihr von Schehrezâd unterbrochen, und nach meinen bisherigen Erfahrungen ist alles möglich: Die Veruntreuung wird bestraft oder verziehen oder gar noch durch das Schicksal belohnt.

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350. Nacht

Tatsächlich gibt Abu Hassan ez-Zijâdi das Geld aus:

"Bis er zurückkehrt, wird Allah uns schon etwas von seiner Gnade zuteil werden lassen." Aber kaum war ein Tag verronnen, da kam der Diener wieder zu mir herein und meldete: "Dein Freund aus Chorasân steht an der Tür."

Eine kurze Pilgerfahrt war das wohl.

Grund: Der Vater ist gestorben. Er vertröstet den Pilger, er müsse das Geld erst holen, verschwindet aber nachts auf seinem Maultier und reitet ziellos durch Bagdad. Eine Menge fragt ihn, ob er Abu Hassan ez-Zijâdi kenne.

"Der bin ich", antwortete ich ihnen.

Man bringt ihn zum Kalifen el-Mamûn, und jetzt erfahren wir, dass er

einer von den Rechtsgelehrten und von den Kennern der Überlieferungen

ist. El-Mamûn gesteht, in der Nacht von einer Traumstimme geplagt worden zu sein, die ihm sagte:

"Hilf Abu Hassan ez-Zijâdi!"

Der Kalif schenkt ihm dreißigtausend Dirhems. Abu Hassan ez-Zijâdi will nun die zehntausend an den Chorasânier zurückgeben, doch dieser erlässt ihm die Summe, als er die Geschichte vernommen hat.

*

351. Nacht

Am nächsten Tag erhält er

Die Urkunde der Bestallung als Kadi für den Westbezirk der heiligen Stadt Medina vom Tor des Friedens.

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Die Geschichte vom Armen und seinen Freunden in der Not

Ein Mann gerät in Bedrängnis, leiht sich von seinen Freunden fünfhundert Dinare und beginnt Handel als Juwelier.

Wie er dort in dem Laden saß, kamen drei Männer zu ihm und fragten ihn nach seinem Vater. (…) "Hat er denn keine Nachkommen hinterlassen?"

Klingt fast wie die drei Weisen aus dem Morgenlande.

Sie sagen, sie hätten den Vater gekannt und von ihm Geld geliehen, dass sie ihm nun zurückgeben wollten. Er will seine Schuld, doch der Freund erlässt ihm die Schuld und gibt ihm einen Brief mit auf den Weg, den er aber erst zuhause öffnen soll.

Die Männer, die dir nahten, die waren von den Meinen:
Mein Vater, Vetter, Oheim, er Salih Alis Sohn.
Und was du bar verkauftest, das kaufte meine Mutter;
Das Geld und die Juwelen sandt ich dir all zum Lohn.
Nicht um dich zu verletzen, bin ich so verfahren:
Ich wollte die Gefahr der Schande dir ersparen.

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Die Geschichte von dem reichen Manne, der verarmte und dann wieder reich wurde

Ein reicher Mann aus Bagdad verliert sein Geld,

und er konnte sein Dasein nur durch schwere Arbeit fristen.

In der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazin wird ausgiebig diskutiert "Macht Arbeit glücklich"? Darin finde ich eine Stelle von Aristoteles, in der es heißt: "Als eine banausische Arbeit… hat man jene aufzufassen, die den Körper oder die Seele oder den Intellekt der Freigeborenen zum Umgang mit der Tugend und deren Ausübung untauglich macht. Darum nennen wir alle Handwerke banausisch, die den Körper in eine schlechte Verfassung bringen, und ebenso die Lohnarbeit. Denn sie machen das Denken unruhig und niedrig." Dies ist ein Gedanke, den der 2007 verstorbeneMichael Stein in seinem Gebet gegen die Arbeit so formuliert hat:

Arbeit, Geissel der Menschheit.
Verflucht seist du bis ans Ende aller Tage.
Du, die du uns Elend bringst und Not.
Uns zu Krüppeln machst und zu Idioten.
Und schlechte Laune schaffst und unnütz Zwietracht säst.
Uns den Tag raubst und die Nacht.
Verflucht seist du!
Verflucht!
In Ewigkeit.
Amen.

**

Im Traum weist ihm eine Stimme, sein Glück läge in Kairo. Er reist tatsächlich dorthin und legt sich in der Nähe einer Moschee schlafen. Im Haus nebenan wird eingebrochen, man verhaftet ihn als vermeintlichen Dieb, prügelt ihn und wirft ihn ins Gefängnis. Dem Wachhauptmann, der ihn befragt, erzählt er die Geschichte seines Traums. Der Hauptmann lacht ihn daraufhin aus,

so dass man seine Backenzähne sehen konnte,

das wäre ja ein schönes Glück gewesen. Er selber habe dreimal im Traum ein Haus in Bagdad gesehen, in der und der Straße, wo ein Schatz vergraben sei, aber sei klug und würde nie auf solche Träume etwas geben. Er entlässt ihn.

Und dies ist vielleicht eine der fiesesten Unterbrechungen Schehrezâds.

*

352. Nacht

Natürlich findet er den Schatz und ist ein gemachter Mann.

Ein starker Mythos mit einer guten Klammer, was ja sonst nicht so sehr die Stärke dieser Erzählungen ausmacht.

 

***

Die Geschichte von dem Kalifen El-Mutawakkil und der Sklavin Mahbuba

Unter den Hunderten Sklavinnen des KalifenEl-Mutawakkil ala-llâh befindet sich eine Mulattin aus Basra;

die übertraf alle an Schönheit und Lieblichkeit, Anmut und Zierlichkeit.

Eines Tages überwirft er sich mit ihr und verbietet allen, mit ihr zu sprechen. Doch schon bald träumt er, sich mit ihr versöhnt zu haben, und eine Dienerin flüstert ihm zu, Gesang aus ihrem Zimmer vernommen zu haben. Durch ihr Lied wird ihm klar, dass sie denselben Traum wie er gehabt haben muss.

Von den Armuts- und Almosenanekdoten also zu den Traumgeschichten.

Die beiden versöhnen sich.

Versöhnung in Leibeigenschaft!

*

353. Nacht

Als El-Mutawakkil stirbt, ist die Sklavin Mahbûba die einzige, die ihn nicht vergisst. Als sie schließlich auch stirbt, wird sie neben ihm begraben.

Und seine Frau?

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Die Geschichte von Wardân dem Fleischer mit der Frau und dem Bären

Bei Wardân, einem Kairoer Fleischer kauft eine Frau jeden Tag ein Schaf für zweieinhalb Dinare und lässt es von seinem Diener forttragen, der ihm berichtet, sie würde außerdem auch bei anderen Händlern

Zukost zum Fleisch, ferner Früchte und Kerzen, und (…) bei einem Christenkerl zwei Flaschen Wein.

Dies alles müsse er zum Garten des Wesirs tragen, woraufhin ihm die Augen verbunden würden, man ihn weiter führe und er alles abstelle, bis man ihn zurück führe. Am nächsten Tag folgt der der Fleischer Wardân dem Träger und der Dame.

354. Nacht

Wardân sieht, dass Träger und Dame keinesfalls, wie man annehmen könnte, in den Garten des Wesirs gehen, sondern in eine Steinwüste, dort in eine Höhle, die unter einer Falltür aus Messing versteckt ist. Die Dame entlässt den Träger, während sich Wardân hinter einem Fenster versteckt. Er sieht, dass sie all das Essen für einen Bären zubereitet, dem sie sich schließlich hingibt:

Sie gewährte ihm das Beste, was den Menschenkindern gehört.

So kann man es natürlich auch ausdrücken.

Als die beiden

es zehnmal getan hatten,

legen sie sich zum Schlafen nieder und Wardân schlachtet den Bären.

Interessantes Detail: In Ägyptengibt es überhaupt keine Bären.

Als sie erwacht, ist sie erbost und macht ihm ein Angebot.

*

355. Nacht

"Willst du auf das hören, was ich dir sage und dadurch gerettet werden und bis zum Ende deiner Tage in Reichtum leben? Oder willst du mir zuwiderhandeln und dadurch dich ins Verderben stürzen?"

Die Bedingung lautet:

"Töte mich!"

Nach einigem Hin und Her willigt er ein

und sie fuhr hinab zum Fluche Allahs und der Engel und aller Menschen.

Noch in der Wüste wird er von zehn Männern überrascht, die sich als Gesandte des Kalifenel-Hâkim bi-amri-llâh erweisen.

Eine seltsame Begegnung, den gerade dieser Kalif (den die Drusen später als Gott verehrten) führte ein striktes Alkoholverbot auch gegen die Christen ein. Und wie wir oben erfahren haben, kaufte der Träger Wein bei einem "Christenkerl". Was weiß ich sonst ohne Wikipedia von den Drusen? Dass sie im Libanon leben und ihre Milizen von einem Mann mit dem schönen Namen Dschumblat geführt wurden. Nachschlagen zeigt, dass in ihrer Religion das Konzept von Parallelwelten eine große Rolle spielt.

Man kehrt samt Kalif zurück zur Höhle und Wardân darf so viel vom Schatz behalten, wie er mitnehmen kann. Er eröffnet einen neuen Laden im Basar.

Dieser Basar aber ist noch bis auf diesen Tag vorhanden, und er ist bekannt als Wardâns Basar.

***

Die Geschichte von der Prinzessin und dem Affen

Die Tochter eines Sultans ist in einen Schwarzen verliebt, der ihr das Mädchentum nimmt.

Und sie entbrannte in solcher Lust, dass sie die Trennung von ihm nicht eine Stunde ertragen konnte.

Wieder eine schöne Rassismusspielart. Der Schwarze ist bedrohlich, weil er die Lust im Mädchen weckt. Aber es kommt noch besser:

Ein Affenführer kommt am Palast vorbei. Sie zwinkert diesem zu, er befreit sich und klettert zu ihr empor. Fortan lebt er in ihrem Zimmer, trinkt, isst und schläft mit ihr.

*

356. Nacht

Die Tochter erfährt von den Mordplänen ihres Vaters, verkleidet sich als Mamluk und flieht nach Kairo, wo sie täglich bei einem Fleischer Fleisch kauft, was diesem seltsam vorkommt.

Dem Leser auch. Es wirkt wie eine Variation der vorigen Geschichte.

Auch dieser Fleischer tötet das Tier. Aber diesmal nicht die Frau, sondern nimmt sie mit zu einem alten Weib. Diese bereitet ein Gebräu aus Essig undSpeichelwurz, dessen Dampf der Frau in den Unterleib steigt, woraufhin ein schwarzer und ein gelber Wurm herausfallen.

Die Alte sprach aber: "Der eine ist durch die Lust mit dem Neger entstanden, der andere durch die Lust mit dem Affen."

Schlimmer geht’s wohl kaum.

 

336. – 345. Nacht

Ich habe 666 "friends" bei Facebook. Davon blende ich ca. die Hälfte aus. Vom Rest postet ein Drittel so gut wie nie. Vier Personen, die mich nicht kennen, habe ich "abonniert". So entsteht eigentlich eine hübsche personalisierte Tageszeitung. Nur – die Lektüre müsste man beschränken auf einmal pro Tag. Das Suchtpotential ist ja unbestreitbar.
Ab und zu schaue ich mir E-Mails von vor 10 Jahren an. Erstaunlich, wie oft darin "Microsoft" oder "Bill Gates" als das Synonym für das absolut Böse genannt werden. Wer redet heute noch von Microsoft? Facebook, Google und DER STAAT bedrohen unsere Daten, unsere Identität. Was wird uns in 10 Jahren ängstigen?

*

336. Nacht

Die Dicke beginnt ihren Beitrag zum Battle:

"Der Erhabene sprach: Und er brachte ein fettes Kalb. 336 (…)

Sag deinem Lieb Lebwohl! Die Karawane wandert;
Kannst du das Lebewohl ertragen, o du Mann?
Es ist, als sei ihr Gang im Hause ihrer Nachbarn
Der Fetten Gang; ihr haftet kein Fehl, kein Ekel an.

Und die Weisen sagen: Die Lust liegt in drei Dingen, Fleisch essen, auf Fleisch reiten und Fleisch in Fleisch stecken. Doch was dich angeht, du Dünne, so können deine Beine den Spatzenbeinen und den Ofenstochern gleich erscheinen; du bist ein kreuzförmiges Brett, ein Stück schlechten Fleisches ohne Fett."

Die Dünne rezitiert:

"Ich habe deinen Wuchs mit einem Rohr verglichen;
Ich habe mir dein Bild zum Stern des Glücks gemacht.
In heißer Leidenschaft bin ich dir nachgegangen
Voll Furcht, dass über dir ein böser Späher wacht.

Aber du da, du Fettwanst, wenn du issest, so frisst du nach Elefantenweise. (…) Lässest du Wasser, so spritzest du; lässest du Kot, so birst du, als wärst du ein Schlauch. (…)

So schwer wie die geschwollene Blase ist sie gar;
Zwei aufgetürmten Bergen gleicht ihrer Lenden Paar.
Schleppt sie im Land des Westens sich hin mit ihrem Schritt,
So bebt durch ihre Schwere sogleich der Osten mit."

*

337. Nacht

Die Gelbe:

"Ihr leuchtend Gelb ist wie der Sonne Strahlenschein;
und sie entzückt das Auge wie Golddinare fein.
Der gelbe Safran auch kann ihrem Glanz nicht gleichen.
Ja, selbst der Mond muss ihrer Schönheit weichen."

Die Schwarze rezitiert einen Dichter:

"Wer bringt mir eine Braune von vielbesungnem Wuchse,
Der braunen, schlanken Speere vom Samhar-Rohre gleicht,
it sehnsuchtsvollen Lidern und seidenweichem Flaume,
Die aus dem wunden Herzen des Liebsten nie entweicht?"

*

338. Nacht

Der Herr der Sklavinnen versöhnt sie wieder miteinander und beschenkt sie mit Gewändern und Juwelen.

Gibt es derartige Versöhnungsrituale auch bei Rap-Battles?

Als El-Mamûn diese Geschichte hört, begehrt er sofort diese Frauen und will sie ihrem Herrn abkaufen. Dieser willigt, als man ihm die Nachricht überbringt, tatsächlich ein. Doch nach einigen Wochen, in denen sich der Kalif mit den sechs Grazien vergnügt, reut es ihn und er schickt dem Kalifen ein Lied, der ihm die Sklavinnen zurückschickt und sechzigtausend Dinare obendrauf legt.

Fragen wir nicht, wie es den Sklavinnen bei solchem Hin und Her erging.

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Die Geschichte von Harûn er-Raschîd, der Sklavin und Abû Nuwâs

Den Kalifen Harûn er-Raschîd plagt wieder einmal die Schlaflosigkeit und er wandelt durch seinen Palast, bis er an ein Gemach kommt, in dessen hinterem Ende er eine schwarze menschliche Gestalt entdeckt. Neben ihr einen Becher Wein.

Als der Beherrscher der Gläubigen das bemerkte, erstaunte er noch mehr in seiner Seele, und er sprach: "Gehört sich dergleichen für einen Schwarzen wie den da?"

Natürlich ist der Verstoß gegen das islamische Saufverbot Weißen wie dem Kalifen vorbehalten.

Drauf trat er näher an das Lager heran und sah, dass die Gestalt auf ihm eine schlafende Sklavin war, die ganz von der Fülle ihrer Haare bedeckt wurde.

Er küsst sie wach, und sie spielt auf einer Laute

einundzwanzig Weisen. Zuletzt kehrte sie zu der ersten Weise zurück.

*

339. Nacht

Die Sklavin berichtet, darunter zu leiden, dass sie, nachdem sie vom Sohn des Kalifen für zehntausend Dirhem gekauft worden war, dessen Ehefrau dafür sorgte, dass sie von seinen Gemächern ferngehalten würde. Der Kalif gewährt ihr eine Bitte:

"Ich erbitte mir von dir die Gnade, dass du morgen nacht bei mir verweilst."
"So Gott will."

Wie sah und sieht man eigentlich diese extreme Polygamie bei muslimischen Herrschern, wo doch der Koran von maximal vier Frauen spricht?

Am nächsten Morgen ruft Harûn seinen Dichter und Begleiter Abu Nuwâs zu sich, der aber in einer Schenke festgehalten wird, wo er tausend Dirhems für

einen schönen Knaben

ausgegeben hat. Der Kammerdiener, nachdem er die Schönheit des (Lust?)Knaben bei einer Art Striptease, der der Brautentschleierung nachempfunden wird 339, selber zuschauen konnte, zahlt die tausend Dirhem aus des Kalifen Kasse. Beide kehren zu diesem zurück, und dieser fordert vom Dichter:

"Sing mir ein Lied, in dem die Worte vorkommen: O Getreuer Gottes, was mag das sein?"

"Das klingt nach einem Lied" nennen wir das Impro-Spiel.

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340. Nacht

Abu Nuwâs trägt dem Wunsch des Kalifen gemäß ein Lied vor, beschreibt darin jedoch genau dessen Erlebnis mit der schwarzhaarigen Sklavin in der letzten Nacht.

Da rief der Kalif: "Allah strafe dich! Es ist ja, als ob du bei uns gewesen wärest!"

Er führt ihn zur Sklavin und macht ihn dort betrunken,

bis er seiner Sinne nicht mehr Herr war (…) Nun befahl der Kalif der Sklavin, den Becher aus seiner Hand zu verstecken; sie nahm ihm den Becher ab und verbarg ihn zwischen ihren Lenden. Darauf aber zückte der Kalif das Schwert, stellte sich zu Häupten des Dichters auf und stach ihn mit der Schwertspitze (…): "Trage mir ein Lied vor und sage mir darin, wo dein Becher ist, sonst lasse ich dir den Kopf abschlagen."

Eigentlich hat Abu Nuwâs keine Chance; denn da er diese Körperstelle nicht benennen darf ist er so oder so des Todes.

Was ich sage, das ist seltsam;
Die Gazelle war der Dieb!
Sie stahl meines Weines Becher,
Als aus ihm ein Zug mir blieb.
Sie verbarg ihn an dem Orte,
Der das Herze mir betört.
Ihn nenn ich aus Furcht nicht, weil er
Dem Kalifen angehört.

Verärgert und verwundert beschenkt Harûn seinen Dichter mit tausend Dinaren, und damit endet diese "Geschichte".

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Die Geschichte von dem Manne, der die Goldene Schüssel stahl, aus der er mit dem Hunde gegessen hatte

Ein Mann gerät in tiefe Armut und verlässt Frau und Kind. In einer fremden Stadt folgt er einer Schar vornehmer Leute zu einem Palast, dessen Herr umringt wird von Dienern und Eunuchen,

als ob er einer von den Söhnen der Wesire wäre.

Eine interessante Form der Prachtbeschreibung: Es ist weder der Herrscher noch der Wesir, aber immerhin ein Wesirsohn. Oder sollten Wesirsöhne bekannt für ihre Prunksucht gewesen sein?

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341. Nacht

Schließlich taucht ein vornehmer Mann mit vier Hunden an diesem Hof auf, die er aus goldenen Schüsseln fressen lässt. Der Arme kann sich vor Hunger kaum zurückhalten, aber es überwiegt die Furcht vor den Hunden.

Doch plötzlich sah einer der Hunde ihn an, und da Allah dem Tiere Kenntnis von dem Zustande des Armen verliehen hatte,

Der Arme isst von der Schüssel, und als er fertig ist, schiebt ihm der Hund die Schüssel zu. Der Alte nimmt sie mit, verkauft sie in der Stadt und aus dem Erlös treibt er Handel, so dass sich sein Wohlstand vermehrt. Eines Tages sagt er sich:

"Ich muss nun zu jener Stadt reisen, dorthin, wo der Besitzer der Schüssel wohnt; ich will ihm ein schönes und geziemendes Geschenk bringen und ihm den Preis der Schüssel bezahlen, die mir einer seiner Hunde geschenkt hat."

Doch er muss sehen, dass die Stätte inzwischen in Trümmern liegt.

Wie er sich umwandte, sah er einen armen Mann in einem Zustande, der die Haut erschauern machte und dem selbst der härteste Felsen Mitleid entgegenbrachte.

Es stellt sich heraus, dass dies der ehemalige Besitzer des Palastes ist. Der Händler bietet ihm nun Geld im Werte der Schüssel an.

Aber der Alte schüttelte den Kopf, weinte und klagte, seufzte und sagte: "Du da, ich glaube, du bist von Sinnen! So etwas tut ein verständiger Mann nicht. Wie wäre es möglich, dass ich eine goldene Schale, die einer unserer Hunde dir geschenkt hätte, wieder an mich nähme! (…) Wäre ich auch von grimmiger Not und Sorge beschwert, bei Allah, ich nähme nichts an von dir, und hätte es auch nur eines Nagelspans Wert!"

Der Händler kehrt um und rezitiert:

Nun sind sie alle fort, die Menschen und die Hunde;
Drum ruhe auf den Menschen und den Hunden Friede!

Die Moral der Geschichte etwas undurchsichtig, da sie beide Verhaltensweisen als sittlich gelten lässt.

 

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Die Geschichte von dem Schelm in Alexandrien und dem Wachthauptmann

In Alexandrien lebt ein Wachthauptmann namens Husâm ed-Dîn.

Der Name taucht in der Geschichte nie wieder auf und ist auch wegen des Anekdotencharakters beinahe irrelevant. Dagegen hätte man es in der vorigen Geschichte schon gern ein wenig konkreter gehabt.

Zu diesem Hauptmann kommt eines Nachts ein Krieger der behauptet, ihm seien tausend Goldstücke im Chân Soundso geraubt worden.

Jetzt geht es wieder mit den Soundsos los. Das Schema, wann etwas konkret benannt und wann im Vagen gelassen, bleibt unklar.

Der Hauptmann befiehlt, alle Bewohner des Châns festzunehmen und Folterwerkzeuge zu bringen, um den Täter zu identifizieren.

So grausam es sein mag – die Folter könnte bei Diebstählen tatsächlich als  Mittel zur Wahrheitsfindung gedient haben: Nur der Täter hat die Möglichkeit, den Ausweg aus der Tortur zu finden, indem er gesteht. (Freilich in der Regel um den Preis einer Hand)

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342. Nacht

Doch es drängelt sich jemand durch die Menschenmenge, der gesteht, den Beutel gestohlen zu haben und ihn vor dem Krieger und dem Hauptmann ablegt. Die Menge preist ihn daraufhin, und der Schelm sagt, das sei noch gar nichts, er werde den Geldbeutel ein zweites Mal stehlen. Er berichtet lang und breit, wie er den Krieger seit Tagen verfolgt habe und nun nachts zugeschlagen habe. Plastisch erzählt er schließlich:

"Alsbald schlich ich ganz leise zu ihm, schnitt die Satteltasche mit dem Messer auf und nahm den Beutel an mich." Mit diesen Worten streckte er seine Hand aus und nahm den Beutel vor den Augen des Hauptmanns und des Kriegers. Da traten die beiden und all das andere Volk zurück, um ihm zuzuschauen; denn sie glaubten, er wolle ihnen zeigen, wie er den Beutel aus den Satteltaschen genommen hätte. Er aber lief auf und davon und warf sich in einen Teich.

Es folgt eine erfolglose Jagd auf den Dieb.

All das geschah mit Wissen Allahs des Erhabenen.

Wir sind anscheinend mitten in einer Serie von Geld-Anekdoten

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Die Geschichte von El-Malik en-Nâsir und den drei Wachthauptleuten

Eines Tages ließ Sultan El-Malik en-Nâsir die drei Wachthauptleute von Kairo, Bulak und Alt-Kairo zu sich kommen.

Es könnte Saladin sein, aber auch El-Malik en-Nâsir Muhammad. Den Zusatz haben sich wohl einige gegeben.

"Ich wünsche, dass ein jeder von euch mir das Merkwürdigste berichtet, das er während der Zeit seiner Amtsführung erlebt hat."

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343. Nacht

Die Geschichte des Wachthauptmannes von Kairo

Der Wachthauptmann von Kairo berichtet, er habe lange Zeit versucht, zwei Männer wegen Dirnenliebe, Weingenuss und Zuchtlosigkeit vor Gericht zu stellen, die aber

in allen Fällen von Blutschuld und Leibesverletzungen als rechtsgültige Zeugen auftraten.

Eines Nachts erfährt er von einem Mann:

"Herr, wisse, die beiden ehrenwerten Zeugen sind jetzt an dem und dem Orte in der und der Straße im Haus des Soundso, und sie treiben große Greuel."

Der Wachthauptmann macht sich auf den Weg und wird von den beiden offenherzig empfangen. Sie bieten ihm an, sie sofort zu strafen oder dreihundert Dinar anzunehmen.

Ich sagte mir nun: "Nimm dies Gold von ihnen und beschütze sie noch dies eine Mal; wenn du sie aber das nächste Mal in die Gewalt bekommst, dann zieh sie zur Rechenschaft."

Das Unheil lässt nicht lange auf sich warten. Der Besitzer des Bordells verklagt den Wachthauptmann vor dem Kadi, zeigt einen Schuldschein über dreihundert Dinar vor und bringt die beiden Hurenböcke als Zeugen vor.

Das Zeugnis der beiden wurde vom Kadi als gültig angesehen. (…) Und ich ging tief beschämt von dannen.

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Die Geschichte des Wachthauptmannes von Bulak

Dieser Wachthauptmann berichtet, einmal dreihunderttausend Dinare Schulden gehabt zu haben.

So verkaufte ich alles, was hinter mir, vor mir und in meiner Hand war.

Das wird wohl heißen: Sein Erspartes, seine Forderungen und sein Bar-Vermögen.

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344. Nacht

Eines Nachts klopft es an seiner Tür, und es ist eine Diebesbande,

halbnackt und mit Fell bekleidet

die sich als edel erweist, ihm ihre Beute aus Gold und Silber zu überlassen. Er dankt es ihnen und lässt sie mit seinen letzten hunderttausend Dinaren ziehen.

Beachtlich: Die cartooneske Darstellung der Diebe mit Fell. Vielleicht als Klischee damals verbreitet wie die maskierten Räuber bei Micky Maus.

Am nächsten Morgen stellt er freilich fest, dass er mit vergoldetem Kupfer hereingelegt worden war.

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Die Geschichte des Wachthauptmannes von Alt-Kairo

Einst ließ ich zehn Diebe hängen, jeden an einen besonderen Galgen, und ich schärfte den Wächtern ein, gut auf sie achtzugeben.

Am nächsten Morgen sieht der Hauptmann, dass nun an einem Galgen zwei Männer hängen. Die Wächter gestehen, geschlafen zu haben, und einer der Gehängten soll gestohlen worden sein. Und so ergriffen sie einen zufällig des Wegs kommenden Bauern, den sie, aus Furcht, bestraft zu werden, aufhängten, bloß damit die Zahl der Gehängten stimme. Der Wachthauptmann befiehlt, den Reisesack des Bauern zu öffnen.

Und siehe da, in ihm befand sich die zerstückelte Leiche eines Mannes! Wie ich das nun sah, sprach ich verwundert zu mir selber: "Preis sei Allah! Dieser Bauer ist doch nur deshalb gehängt, weil er den Mord da begangen hat! Und dein Herr ist nicht ungerecht gegen seine Diener."

Die Schuld wird externalisiert. Das formalisierte Rechtsverständnis, wonach die Wächter sich schuldig gemacht haben, wird aufgehoben zugunsten eines magisch-religiösen: Allah wird’s schon richten.

 

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Die Geschichte vom Geldwechsler und dem Dieb

Eine Bande von Dieben beobachtet einen Geldwechsler mit dickem Geldbeutel, und einer von ihnen wettet, den Beutel stehlen zu können. Sie folgen ihm bis zu seinem Haus, wo er den Beutel auf dem Sims ablegt.

Rasch drang der Dieb hinein, ergriff den Beutel, eilte zu seinen Kumpanen zurück und erzählte ihnen, was geschehen war.

*

345. Nacht

Er kann sich seiner Tat noch nicht recht rühmen, denn seine Kumpane wenden ein, dass nun die Sklavin, die dem Geldwechsler Wasser holen sollte, statt des Diebes bestraft würde.

"Ja wenn du ein echter Schelm bist, so musst du die Sklavin vor Prügel und Strafe bewahren."

Ein interessantes Feld: Die Ehre der Verbrecher. Ein Dieb ist ja per se jemand, dem man nicht vertrauen kann. Und dennoch bildet sich anscheinend in jeder dauerhaften Verbrechergemeinschaft auch eine Art Kodex, so wie wir es auch hier beobachten: Bestiehl ruhig den Reichen, aber lass nicht jemand anderen dafür büßen.

Der Dieb kehrt zurück zum Haus des Geldwechslers, der gerade sich anschickt, die Sklavin zu verprügeln, und gibt ihm den Geldbeutel zurück mit den Worten, der Herr habe den Beutel auf dem Basar liegengelassen.

"Ich bin der Diener deines Nachbarn in der Basarhalle."

Als sich der Geldwechsler wieder abwendet, um dem scheinbaren Diener eine Quittung für dessen Herrn auszustellen, stiehlt der Schelm das Geld zum zweiten Mal.

Und die Sklavin war vor der Strafe bewahrt.

***

Die Geschichte vom Wachthauptmanne von Kûs und dem Gauner

Zum Wachthauptmann von Kûs in Ägypten kommt ein Mann, der sich als Straßenräuber zu erkennen gibt.

"Ich will jetzt von meinem Tun ablassen und unter deiner Führung zu Allah dem Erhabenen zurückkehren."

In der Truhe befinden sich Gegenstände im Wert von vierzigtausend Dinaren. Er erbittet tausend in bar,

"damit ich durch sie ein Kapital gewinne, das mir dazu verhilft, mich zu bessern, und es mir möglich macht, von dem bösen Tun abzulassen."

Der Hauptmann willigt ein angesichts der

Juwelen, Edelmetalle, Siegelsteine und Perlen.

333. Nacht – Back in New York

Nun habe ich – den Nächten nach – ein Drittel hinter mir (in Seiten gerechnet ist es ein bisschen mehr). Und das in viereinhalb Jahren. Wenn ich in dem Tempo weitermache, bin ich 50, wenn ich die 1001 Nächte ausgelesen habe. Aber um sich ihnen im täglichen Rhythmus zuzuwenden, sind sie wirklich nicht ergiebig genug. Weder stilistisch, noch narrativ. Und so setze ich eben von Zeit zu Zeit Atempausen, die sich auch mal über Monate hinziehen können, wie bei der Unterbrechung zur Reihe "Richter liest Schmidt liest Proust". Die gegenwärtige Liebeskorrespondenz gehört für meine Begriffe auch nicht gerade zu den Brüllern unter den bisherigen Storys, sondern ist eher eine Variation der immer wiederkehrenden Motive:
– Der Kalif langweilt sich.
– Ein Gast muss eine Geschichte zum besten geben.
– Mann verirrt sich in einer Stadt und trifft in einem unbekannten Haus eine Schöne.
– Liebeskorrespondenz mit wiederholten Ohnmächten.

Und doch finden sich immer wieder kleine Perlen. Und ich kann mir nicht helfen – die Wucht der Sammlung zieht mich doch immer wieder in ihren Bann. Wenn ich dann eben den Gilgamesch-Epos in diesem Leben nicht mehr schaffen sollte – auch gut.

*

23.-29.6.11

 

Bei diesem Graffito auf einem Schulhof in der 28th Street ist mir erst beim Betrachten des Fotos aufgefallen, dass die bunte Hose dieses doch etwas unglücklich dreinschauenden gelbgesichtigen Burschen aus Phantasie-Flaggen besteht.

 

Wir können von unserem Zimmer auf den Hudson River schauen, was für mich bewegender ist, als wenn es der Atlantik wäre. Aber ich weiß nicht warum.

 

 

Diese typisch stylische Eigen-Reklame fanden wir in einem Bio-Imbiss in der 27th Street. Auch in New York hält man viel auf Dirk Nowitzki.

 

Passend zur "Überflieger"-Lektüre von vor zwei Wochen: Die jüdischen Schneider in New York legten Anfang des 20. Jahrhunderts den Grundstock für die Anwalts-Karrieren ihrer Söhne und Enkel. "The Garment Worker" von Judith Weller. Der Herr mit der Aktentasche bleibt höflicherweise stehen, damit er nicht das schöne Touri-Foto verdirbt.

 

Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich das entdeckte: Radwege in New York. Im Gegensatz zu Berlin oder überhaupt deutschen Städten braucht es ja einen gewlatigen Nachfragedruck, bis der Radweg gebaut wird. Hier in Manhattan, wo nur Sportfreaks, Fahrradkuriere und Lebensmüde auf dem Rad unterwegs sind, ist ein geradezu autoritärer Wille der Stadtverwaltung unter Bloomberg nötig. Im Grunde erschwert er den ohnehin mühsamen Autoverkehr mit dieser Maßnahme noch mehr. Die New Yorker sind Meister der Anpassung. Mich würde nicht wundern, wenn diese Radwege in 1-2 Jahren tatsächlich auch genutzt werden. Um ein Radfahrer-Foto wie das obenstehende knipsen zu können, muss man im Schnitt fünf Minuten warten.

 

 

Washington Square Park. Ich versuche jedes Jahr aufs Neue, seine Magie zu verstehen. 1997 sah ich über zwei Stunden Komikern, Lyrikern, Rappern und Predigern zu, die sich dort abwechselten. Hier probieren Frauen ihren Trash-Chic aus. Ob wegen des bevorstehenden CSD, trauen wir uns nicht zu fragen. Und ehrlich gesagt, sehen sie dafür auch nicht lesbisch genug aus.

Im ersten Moment suche ich den Witz. Werbung mit possierlichen Tieren – dahinter steckt meistens irgendetwas, das gerade nichts mit Tieren zu tun hat, vor allem, wenn sie in T-Shorts oder Stramplern stecken. Aber diese Werbung sagt nicht mehr als das, was sie sagt: Die Frühjahrskollektion ist da. Für Hunde.

 

Die Upright Citizens Brigade gilt als eine wahre Talente-Schmiede. Amy Poehler wurde hier groß. Matt Besser, Matt Walsh, Ian Roberts. Die Impro-Workshops gelten immer noch als die besten der Stadt. Die Qualität der Shows hat aber, soweit ich das aus den letzten drei Jahren beurteilen kann, erheblich nachgelassen. Wahrscheinlich hängt es vom Tag ab, und man muss wissen, wann wer spielt. Allen gemeinsam ist der schnelle Wortwitz zulasten der räumlichen Szene. Trotzdem immer einen Blick wert. In der Regel muss man sich lange vorher anstellen, um überhaupt noch Karten zu erwischen. Die Straße ist jeden Abend voll von jungen, auf dem Gehweg hockenden Leuten. Die Shows sind jeden Tag ausverkauft. Und es wäre wohl ein leichtes, die Nachfrage über den Preis zu regeln. Aber sie bleiben konsequent bei fünf Dollar! Eine Sensation in dieser Stadt. Selbst bei 200 Zuschauern und drei Shows pro Tag werden sie wohl davon gerade mal die Techniker und die Miete bezahlen können. An Wochenenden gibt es um 0 Uhr außerdem noch eine Gratis-Show. Aber auch hier ist der Preis: Eine Stunde fürs Ticket anstehen.

 

Ein Haus des Gebäudekomplexes, in dem wir wohnen. Die Häuser wurden Anfang der 60er Jahre errichtet. Sie gelten nicht als "Projects", sondern als Werk einer gewerkschaftsnahen Stiftung (sofern ich die organisationsrechtlichen Fragen richtig verstanden habe. Die Mieten dürfen nicht beliebig erhöht werden.

 

Bei meinen Freunden Gogo und Rebecca gibt’s W-LAN. Die vor mir stehende Radfahrer-Wasserflasche habe ich aus der Herberge in Seattle mitgenommen. Sie war herrenlos und hat mich so treuherzig angeschaut.

 

Mit großem Bohei beschwört uns unsere Gastgeberin, dass wir auf jeden Fall den High Lane besichtigen sollten – ein stillgelegter Gleisabschnitt im Westen Manhattans, der parallel zu den Avenues verläuft, nun begrünt wurde und von dem immer mehr Kilometer freigegeben wurden. Ich erwarte etwas wie die Gleisverlängerung vom Görlitzer Park Richtung Treptow. Stattdessen ein Schmalspurgang, dessen einziger Vorteil darin besteht, dass man nicht an jeder Straßenkreuzung halten muss und der Straßenlärm nicht ganz so ohrenbetäubend ist. Sicherlich für viele New Yorker eine Entlastung. Beim parkverwöhnten Berliner hinterlässt es ein Schulterzucken so wie für einen Schweizer die Müggel"berge".

 

 

Nicht nur für die bereits erwähnten Radspuren, auch für die in die schlimmste Verkehrshölle platzierten Fußgängerzonen ist Bürgermeister Bloomberg verantwortlich. Und ich bewundere ihn für seinen Mut, das Risiko auf sich zu nehmen, von der Mehrheit der autofahrenden Bevölkerung dafür gehasst zu werden. Das sollte sich mal ein konsensorientierter Bürgermeister in Berlin wagen!

Central Park. Manchmal denke ich, ich könnte problemlos einen kompletten Sommer täglich schreibend dort verbringen.

 

4 Tracks im "Magnet Theater", das ich im letzten Jahr schon als gute Alternative zum UCB erlebt habe. Ohne weiteres würde ich diese Truppe nach Berlin einladen.

 

Christopher Street Day an der Christopher Street. Und als schließlich dieser Bus vorbeifährt, in dem die Greise aus einem Seniorenheim sitzen, die sich auch an diesem Tag feiern lassen, bin ich doch gerührt. Was für eine Freude, was für ein Triumph muss es für sie sein, all die jungen, glücklichen Menschen zu sehen, die ihr Queer-Sein in dieser Stadt ausleben können.

 

"Homer, Herodot, Sophokles, Aristoteles, Demosthenes, Cicero, Vergil" stehen an der Fassade der Columbia University. Wäre ich schlauer geworden, wenn ich hier (wahrscheinlicher viel zielgerichteter) studiert hätte? Glücklicher womöglich? Ich schwanke in der Beantwortung dieser Fragen.

 

Im äußersten Norden des Central Parks, in den ich nur selten gekommen bin, gibt es auch ein hübsches Freibad, das allerdings erst einen Tag nach unserem Besuch öffnen würde. Das man Ende Juni schon fast täglich um die 30 Grad Celsius maß (rechnet selber nach, was das in Fahrenheit ist), war für die Damen und Herren Schwimmbadbetreiber kein Grund, die Plansche früher zu öffnen. Zu überlegen, wie dieses von innen aufgenommene Foto zustandegekommen ist, überlasse ich den Kniffelrätselratern.

 

 

Brighton Beach auf Coney Island zählt sicherlich nicht zu den idyllischen Gegenden der Stadt, sicherlich aber zu den sehenswerten. Als man für "The Godfather" noch eine historisch glaubwürdige Autofahrtszene brauchte, griff man ins Archiv und montierte Bilder von einer Fahrt unter den typischen Hochbahnschatten hinein. In den Läden und Imbissen wird nur gebrochen Englisch geredet und verstanden. Unsere Pizza kaufen wir in einer Bude, in der alle außer der Verkäuferin Russisch sprechen. Die pakistanische Bedienung im "Subways" ist die unfreundlichste aller Subways-Filialen westlich Brandenburgs, was man vielleicht auf die furchtbaren Arbeitsbedingungen schieben kann. Andererseits, wenn man schon furchtbare Arbeitsbedingungen hat, warum muss man dann den allgemeinen Schlechte-Laune-Pegel auch noch durch Unfreundlichkeit heben?

 

Während ich mich am Brighton Beach durch die düsteren Seiten des Tagebuchs des Stanford Prison Experiments arbeite, geben die Schüler einer Tanz- oder Schauspiel-Schule ihrem Affen Zucker und spinnen sich einen aus. Vielleicht sind es auch einfach sieben äußerst bewegungsbegabte junger New Yorker, aber dafür wirkten sie zu professionell. Das Foto, auf dem außer dieser Dame auch noch ich mit unvorteilhaften Speckröllchen zu sehen bin, habe ich in der Tiefe meiner Datenbanken verschwinden lassen.

 

Ich vor schiefem Horizont. Immer wenn ich hier in Coney Island an alten Menschen vorbeigehe, verlangsame ich meine Schritte, in der Hoffnung, sie jiddisch reden zu hören. So wie ich das noch 2003 erlebt habe. Aber die sterben wohl auch aus. Inzwischen ist der Strand hier in russischer Hand.

 

Ich habe die New Yorker nie so recht verstanden. Sie haben einen großartigen Strand vor der Haustür und nutzen ihn kaum. Kaum jemand geht tiefer als bis zur Hüfte hinein. So gut wie niemand schwimmt. Und dann gibt es noch all diese Verbote. Vor acht Jahren bin ich auch von einem Rettungsschwimmer zurückgepfiffen worden, als ich weiter als 25 Meter im Wasser war. Nachdem ich den Strand verlassen habe, erfahre ich, dass das fast alles seine Berechtigung hat: Die Strömung ist hier sehr gefährlich. Also keine Flossen, keine Luftmatratzen, kein Rausschwimmen. Aber warum gibt es keine Sonnenschirme und keine Strandmuscheln?

So richtig habe ich es nicht verstanden, das Konzept der Congregational Church. Jüdische und christliche Glaubensgemeinschaft unter einem Dach. Unser 75jähriger Freund Ron ist hier sehr gern unter den jungen Leuten, manchmal zum Sabbat.

 

Der High Lane kurz vor Mitternacht. So unprätentiös bin ich wieder mit ihm ausgesöhnt.

 

Amerikanische Zahnkunst.
(Klingt wie ein Zirkuskunststück.)

 

Am letzten Tag noch einmal in den Central Park. Was mal als kleines "Wir spielen Theater im Park" begonnen hat, ist nun ein kommerzieller Renner geworden. Maß für Maß, das ich in diesem Jahr kennengelernt habe, wird gezeigt. Aber es ist der Tag meiner Abreise.

I’ll be back.

*

Budûr überreicht nun den Liebesbrief an ibn Mansûr, der ihn zu Dschubair ibn Umair bringt. Als dieser den Brief liest, fällt er in Ohnmacht.

Doch bald kam er wieder zu sich und rief: "Sohn des Mansûr, hat sie diesen Brief mit eigener Hand geschrieben und mit ihren Fingern berührt?" Ich fragte: "Mein Gebieter, schreiben Menschen vielleicht mit den Füßen?"

In dem Moment tritt Budûr selbst ein.

Sobald er sie erblickte, sprang er auf als ob er gesund wäre, und umarmte sie, wie das Lâm sich um das Alif schlingt.

Sie setzen sich, lassen einen Kadi und zwei Zeugen rufen und sich an Ort und Stelle vermählen. Man gibt ibn Mansûr ein Nachtlager. Und am nächsten Morgen sieht er die beiden kommen

aus dem Bade im Hause, und beide pressten ihre Locken aus.

Dschubair will ihm zum Dank für seine Boten-Dienste dreitausend Goldstücke überreichen, die ibn Mansûr nur unter der Bedingung annehmen will, wenn man ihm berichtet,

"wie es kam, dass die Liebe von ihr zu dir überging, nachdem du ihr so sehr abgeneigt warst."

Dschubair berichtet, dass er beim Neujahrsfest, bei dem alle in der Stadt auf Booten spazierenfahren, er Budûr entdeckte, die von Sklavinnen umringt zur Laute sang:

Kein Feuer brennt so heiß wie das in meinem Innern;
Wie meines Herren Herz – kein Felsen ist so hart.
Mich wundert’s, wie sein Wesen, sich nur zusammenfügte:
Ein Herz von Stein in einem Leibe, weich und zart.

 

332. Nacht – Silke Stuck mythologisiert – Gerda fliegt

Zwischenruf: Silke Stuck in DIE ZEIT 11.8.2011 "Ich bin ein Mauerkind"
Wie kann eine Journalistin auf der Kinderseite der ZEIT anlässlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus so einen Haufen Unfug behaupten? Es ist eine Sache, die Mythen der eigenen Kindheit zu reminiszieren. Aber in einem ausführlichen Geschichts-Artikel, und zwar gerade einem für Kinder, sollten diese Mythen doch wenigstens mal oberflächlich auf ihren Realitätsgehalt abgeklopft werden. Die Cousins freuten sich immer über die mitgebrachten Jeans, die Tante über Kaffee oder ein Radio. "Denn das waren Dinge, die sie in der DDR nicht so einfach kaufen konnten." Hat dir diesen Quatsch deine Tante selber erzählt, liebe Silke Stuck, oder meinst du, weil hier die Kinderseite ist, mal schön vereinfachen zu können? Nicht, dass Levis, Jacobs und Grundig nicht besser waren als Wisent, Rondo und Stern. Aber so wie du es schreibst, klingt es, als wären Radios zugeteilt worden, als seien Jeans und Kaffee Mangelware gewesen. "Es gab nur eine Partei, und die bestimmte alles: wer ein Auto oder ein Telefon bekam und welchen Beruf man lernte." Schon mal von den Blockparteien gehört? Wer hat dir erzählt, die Partei habe bestimmen können, wer ein Auto haben darf? Sicherlich – an bestimmte Berufs- und Studienzweige war linientreues Verhalten gekoppelt. Aber das ist immer noch etwas anderes, als zu suggerieren, auf Parteiversammlungen wäre entschieden worden, wer welchen Beruf ausübt.

***

21.-22.6.2011
Für unsere Zwecke, vom Improfestival in Seattle auszuspannen, könnte es kaum eine geeignetere Stadt geben als Vancouver. Sie erinnert ein wenig an das Gedicht von Tucholsky, der meint, ein Haus bei dem vorn die Friedrichstraße und hinten die Ostsee zu sehen sei, der Traum des Kleinbürgers sei. Hier kommen die Berge noch zu Großstadt und Meer dazu. Angeblich muss man für diesen Luxus (Vancouver gilt als eine der Städte mit dem höchsten Lebensstandard in Kanada) eine hohe Niederschlagsquote in Kauf nehmen.
Den zweiten Tag verbringen wir mit Spaziergängen am Strand. Kuriositäten: Auf dem Herrenklo eines Segelvereins-Restaurants Verhaltensregeln zum Aufenthalt im eisig kalten Wasser. In der ersten Minute gilt es, den Atem unter Kontrolle zu bringen und den Kopf in eine Position zu bringen, die verhindert, dass man Wasser einatmet. Nach dieser Minute beruhigt sich der Atem meistens, aber in den nächsten zehn Minuten verliert man die Fähigkeit, die Gliedmaßen sinnvoll zu bewegen. Auch nach einer Stunde soll man noch lebende Menschen aus kaltem Wasser gezogen haben. Variationen zum Thema Hoffnung in reichen Städten in Seenähe.

 

Auch schön: Die geisterhaft wehenden Taucheranzüge.

 

Sowie Gerdas Versuch, und davon zu überzeugen, sie könne fliegen:

 

Lese mit Verwunderung Tschechows "Kirschgarten" und starre mit Steffi in den Sonnenuntergang.

Das Hostel fast uneingeschränkt zu empfehlen. Nur der durchs Gebäude hallende Wumms der ins Schloss fallenden Korridortüren erinnert noch entfernt daran, dass dies einmal ein Stützpunkt der kanadischen Truppen war.

Die Weiterreise am 22.6. beginnt einigermaßen anstrengend, da die Bushaltestelle, zu der wir unser Gepäck schleppen müssen, weiter weg ist als gedacht und zwischendurch Zweifel aufkommen, ob wir den Abflug rechtzeitig schaffen.

Vierzeiler gegen Jet-Lag

Fliegest du in Richtung Osten,
solltest brav vom Schlaf du kosten.
Fliegst du aber Richtung Westen,
bleibst du doch noch wach am besten.

Dieser eben von mir zurechtgebastelte Merksatz, gilt aber nur für Interkontinentalflüge. Als wir 21 Uhr in New York City landen, ist es erst 18 Uhr in Vancouver. Kommunikationsprobleme oder Abzocke der Shuttle-Unternehmen, lassen uns anderthalb Stunden warten und schließlich kaum weniger Geld zahlen als bei einem normalen Taxi.

9th Avenue 28th. Unsere Gastgeberin smst, wir könnten unten klingeln und falls sie das nicht höre, auf dem Handy anrufen. Die Wohnungstür sei aber offen. Natürlich hört sie weder unser Klingeln noch unser Telefonieren. Dass uns kurz vor Mitternacht noch ein Bewohner ins Haus lässt, muss in New York als Glücksfall gelten. Die Wohnungstür ist auch geschlossen. Sollen wir im Treppenhaus schlafen? Oder unsere Freunde mit den drei Kindern aus dem gegenüberliegenden Aufgang wecken, die aber auch keine Schlafgelegenheit hätten? Bummern wieder und wieder an die Tür, bis sie schließlich wach wird. Wir hätten die Tür nur stark genug drücken müssen. Ein häufig übersehenes kommunikatives Problem: Man will ja niemandem etwas kaputtmachen. Andererseits gibt es auch Grobiane, wie jenen dänischen Punk, den ich 1990 spontan für ein paar Tage in meiner Wohnung übernachten ließ und der es schaffte, den Bart des Wohnungsschlüssels um 180° zu drehen.

Wir legen ab. Ich öffne ein Bier, schaue vom Balkon auf die 9th Avenue. Hallo New York! Da bin ich wieder. Die Nacht ist heiß. Von unten das Lärmen der Autos, Polizeisirenen und der ununterscheidbare Lärm einer Großstadt, die nie schläft.

*

Dschubair formuliert, wie bereits vermutet, einen gereimten Brief an Budûr. Al Mansûr, der wieder als Bote dient, erblickt in ihrem Hause

zehn hochbusige Jungfrauen, wie Monde anzuschauen, und in ihrer Mitte saß die Herrin Budûr, wie der Vollmond.

Sie antwortet mit einem Schmähbrief.

Da rief ich: "Bei Allah, meine Gebieterin, zwischen ihm und dem Tode steht nur noch, dass er diesen Brief lese!" Dann zerriss ich das Schreiben und fuhr fort: "Schreib ihm andere Verse als diese!"

Sie setzt unbeeindruckt zu einer neuen Schmähdichtung an, die letztlich auch ibn Mansûr nicht verschont

Jetzt fand ich Trost; der Schlaf erquickte meine Augen;
Denn aus der Tadler Mund vernahm ich, was geschah.
Mein Herz gehorchte mir, ich konnte dein vergessen;
Und meine Lider fühlten, dass die Ruhe nah.
Wer sprach, so bitter sei die Trennung, hat gelogen;
Ich merkte, dass das Fernsein wie Zucker schmecken kann.
Ich hasse jeden, der mit Kunde von dir nahet,
Und wende mich von ihm, seh ihn voll Ekel an.
Mit allen meinen Gliedern hab ich das Band zerrissen;
Das sehe der Verleumder! Wer’s weiß, der mag es wissen!

Doch wieder rief ich: "Bei Allah, meine Gebieterin, wenn er diese Verse liest, so wird die Seele seinen Leib verlassen!"

Als Budûr von der Heftigkeit der Liebe Dschubairs erfährt, bricht sie in Tränen aus und schreibt ihm Verse der Vergebung.

Und da soll Luhmann noch mal sagen, das Konzept der romantischen Liebe sei im Liebesroman des 18. Jahrhunderts geboren worden! Höchstens mit den Geschichten der 1001 Nächte nach Europa gebracht!

331. Nacht – Seattle-Vancouver

20.-22. Juni

Bahnhof Seattle. Die Zugreise ist bereits gebucht. Vielleicht wäre Fliegen ja sogar billiger gewesen. Aber wir fahren nunmal lieber mit der Bahn. Bei solch kurzen Strecken ist man ja mit der Bahn auch in der Regel schneller, da man sich die ganzen Formalien und den Flughafenstress erspart. Aber die Amerikaner, deren Geschichte ohne die Eisenbahn ja undenkbar ist, scheinen sich zum Ziel gesetzt zu haben, dieses Verkehrsmittel zu unattraktiv wie möglich zu machen. Die Eincheck-Prozedur inklusive Passkontrollen dauert eine Stunde. Zwischen den beiden Städten Seattle und Vancouver, die 235 Kilometer voneinander entfernt liegen, fährt pro Tag nur einmal ein Zug. Die Betreiber-Gesellschaft Amtrak stellt ansonsten noch Busse zur Verfügung. Der Zug fährt mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h und wird dabei natürlich locker von Autos und Bussen überholt. Allerdings kann man den Zügen nicht einen gewissen Komfort absprechen. Die normalen Plätze sind besser als die Sitze der Ersten Klasse in der Deutschen Bahn. Außerdem bieten sie keine Stehplätze an. Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, hängt von der Perspektive ab: Irgendwann ist der Zug eben ausgebucht. Reinquetschen gibt’s nicht. Den Lobbyismus amerikanischer Politik bedenkend vermute ich, dass die allgemeine Vernachlässigung des Bahnverkehrs, der ihn vor allem für die Mittel- und Unterschicht unattraktiv macht, der Stärke der Auto- und Flugzeug-Industrie geschuldet ist. Fotos vom Bahnhof nicht möglich: Wir haben unsere Kamera im Theater verloren.

Ankunft in Vancouver. Bekommen noch eine Nachricht von Graham Myers per SMS, wo in den nächsten drei Tagen Improtheater stattfindet. Eines davon ist eine Burlesk-Strip-Show in Kombination mit Improtheater. Eine andere Gruppe spielt Langform. Aber ich muss sagen, dass ich nach der Woche in Seattle vielleicht zum ersten Mal impro-übersättigt bin. Steffi ist einverstanden, dass diese Tage nur der Erholung dienen sollen, schließlich wartet danach New York City auf uns.

Im Autoradio des Taxifahrers höre ich nebenbei (denn eigentlich konzentrieren wir uns ja auf den Gesamteindruck, den Vancouver uns beim ersten Kennenlernen zu vermitteln versucht) ein Interview mit einer jungen Frau, die irgendeine Situation (welche das ist, verstehen wir nicht), genutzt habe, um in einem Gebäude eine Plünderung zu veranstalten.

Als wir am Nachmittag in der Stadt sind, fallen uns eine Menge netter Leute und, nachdem wir uns einen neuen Fotoapparat gekauft haben, die provisorischen Holz-Türen der Läden auf, auf denen Solidaritätsbekundungen mit der Stadt geschrieben stehen. Sollte es einen Aufruhr gegeben haben?

Und jetzt, da ich dies schreibe, toben Gangs in England, räumen Läden aus. Die Polizei wird nicht Herr der Lage. Das ist kein explodierter Hooliganismus wie in Vancouver. In London, Manchester und Liverpool bricht sich dauerhafter, angestauter Unmut über soziale Ungleichheit Bahn. Es ist natürlich völliger Quatsch, diese hirn- und ziellose Gewalt als sozialen Aufstand zu bezeichnen, wie Marcus Glowe es getan hat. Erhellender ist da schon die Äußerung einer vermummten Frau, die technische Geräte aus einem Laden schleppt: "We’re getting our taxes back." Das Gerede von den zu hohen Steuern vernebelt die Sicht darauf, dass die Schuld an der sozialen Misere in den Großstädten eben nicht die Steuern haben, sondern die Weigerung der Politik, sich mit den Verwerfungen eines ungebremsten Kapitalismus auf jedem Gebiet – Bildung, Stadtentwicklung, Arbeitsmarkt – aktiv auseinanderzusetzen. Einen Vorgeschmack hätte Cameron schon bekommen können, als Jugendliche in den französischen Banlieues in den letzten Jahren immer wieder randalierten: Sie hatten nichts zu verlieren. Ebenso wie in einigen amerikanischen Großstädten schon das Fehlverhalten eines einzigen Polizisten einen Aufruhr auslösen kann, haben wir es mit ähnlicher Gewalt in Europa zu tun. Der einzige Unterschied: Für den amerikanischen Ghetto-Jugendlichen ist die Schusswaffe noch leichter zu erwerben. Für den Europäer sind es Baseballschläger und Molotow-Cocktail. Wer derart desintegriert ist, wem von jeder Seite klargemacht wird, dass er in diesem Leben keine Chance auf Teilhabe hat, der pfeift eben leichter auf Moral, für den ist der Schritt, sich zu bewaffnen, kleiner als es zum fünfhundertsten Mal mit einem schlechtbezahlten Job zu versuchen, der kaum das eigene Leben, geschweige denn das eines eigenen Kindes finanziert. Und wenn der Staat einem nicht einmal genügend Hilfe für die Existenzerhaltung gewährt, ist die Zündschnur gelegt.
Im Übrigen denke ich, dass das Gerede von Friedrich und Körting nur dazu gedacht ist, einerseits zu beschwichtigen und andererseits zu zeigen, was für harte Kerle sie doch im Fall eines Falles wären.

*

Die Dame vertraut nach dieser Nachricht auf den Segen der Zeit. Mansûr kehrt zum Sultan von Basra zurück, lässt sich sein Jahresgeld auszahlen und reist wieder nach Bagdad. Wiederum ein Jahr später besucht Mansûr den Sultan von Basra und ihm fällt die Dame wieder ein. Er geht zu ihrem Haus,

und da ich den Platz vor ihrem Tor gekehrt und gesprengt fand und Eunuchen, Diener und Sklaven dort stehen sah, so sagte ich mir: "Vielleicht hat der Gram ihres Herzens sie überwältigt und sie ist tot."

Vor dem Tor des Hauses von Dschubair ibn Umair lässt ihn gerade die Unaufgeräumtheit und Verlassenheit des Ortes auf den Tod des Eigentümers schließen, was ihn zu einem Trauergedicht veranlasst.

Da trat plötzlich ein schwarzer Sklave zu mir heraus und rief: "Alter schweig! Deine Mutter soll dich verlieren! Warum beklagst du dies Haus mit solchen Versen?"

Die ersten zwei Sätze wären eines Neuköllner Jugendlichen würdig.

Es stellt sich heraus, dass der Herr mitnichten tot ist, sondern nun selbst an Liebeskummer zu Budûr leidet. Ein Brief an die Dame ist ihm tausend Dinare Wert.

330. Nacht – USA 17.-19.6. – Kunstgewolle

17.-19. Juni

Die letzten Tage in Seattle durchwachsen. Man muss abwägen, ob man an den Workshops teilnimmt oder sich abends jede Show anschaut, an der Bar sich mit den Improvisierern austauscht und obendrein noch nach 0 Uhr einen "Drarold" spielt, so wurde spontan ein Format getauft, das im Grunde ein Harold vor wenigen Zuschauern aufgeführt wird, dafür aber mit betrunkenen Zuschauern. Teilweise wirklich besser als die "Harolds mit Handbremse", bei denen kaum Entscheidungen getroffen werden, Hauptsache, es entsteht irgendeine Art Flow. Sowohl Pathos und Kunstgewolle als auch Gagging zugunsten des Publikums fallen ab. Sehr entspannt. Ich entscheide mich also für Drarold und gegen Kelly, die versucht, uns den Narren bei Shakespeare nahezubringen. Sie ist bestimmt keine schlechte Lehrerin, aber meines Erachtens genau wie Paul eigentlich ein Fehlgriff. Beide wussten nicht, was wir tun, zu welcher Art von Performances wir in der Lage sind. So lässt uns Kelly ein Szenario für "Twelfth Night" entwerfen – eine moderne Fassung. Ich lasse mich darauf ein, aber es hat für mich keinerlei Mehrwert und mit unserem Thema "Der Narr" kaum zu tun. Es sind Übungen, die wir im Handumdrehen leisten könnten, aber dafür geht jedes Mal ein halber Tag drauf. Das Glück ist, dass man mit inspirierenden Improvisierern zu tun hat, die jedem Pillepalle noch etwas abgewinnen können.

Randys Thesen zum Thema Narr:
1) Narren können dem König Dinge sagen, für die andere getötet würden.
2) Können wir als Improvisierer nicht die Narren von heute sein?
Ich synthetisiere:
Lasst uns dem Publikum Dinge sagen, für die sie andere töten würden.

Die Theatersport-Shows, bei denen ich einmal auch als Richter arbeite, trashig wie fast überall. Es scheint, als sei das Erarbeitete fast verschwunden.

Entspannt hingegen Sonntags die Chill Out Show. Von den Shows vielleicht das Beste der ganzen Woche. Wie bei den Drarolds die Haltung: Nichts zu gewinnen, nichts zu verlieren.

Was mich hier auch irritiert, sind die öffentlichen Toiletten, über deren Tür ein großer Mann schauen kann, ohne sich auf die Zehenspitzen zu stellen. Obendrein ist zwischen Wand und Tür immer noch ein Türspalt. Unangenehm, wenn man Privatheit, vor allem bei größeren Geschäften erwartet.

Das Zimmer in unserem Hostel ist so ungünstig gelegen, dass ich mich immer im Flur auf den Boden direkt unter die WLAN-Box setze, wenn ich ins Internet will.

*

Nach der Bewirtung überreicht ibn Mansûr den Brief an Dschubair ibn Umair, doch dieser lehnt ab, den Wunsch seiner Ex zu erfüllen. Stattdessen überreicht er ibn Mansûr die fünfhundert Dinare, die ihm die Dame versprochen hatte. Freilich werden auch Musikerinnen herangeholt, Gedichte rezitiert, und ibn Mansûr darf die Nacht beim Emir verbringen. Doch am nächsten Tag kehrt er jedoch zur Dame zurück, um ihr die schlechte Nachricht zu überbringen.

Der 1001-Nacht-Kenner vermutet nun ein sich hinziehendes Postillon d’amour-Spiel.