469., 470., 471., 472. Nacht – Pullach, Sonnenblumen, Chi und Che

Pullach, Sonnenblumen, Chi und Che

Und wieder muss ich eine Nachricht in die Rubrik "Meldungen, die ich nicht verstehe" einordnen. "BND-Mann spioniert für CIA". Ja, dachten denn die Chefs des BND, der junge Mann würde seinem Verein in Pullach bei München treu bleiben, nur weil er dort das Spionage-Handwerk einst erlernte? Ein Blick in die Welt des Fußballs hätte geholfen zu verstehen, dass man als Profi seit den späten 70ern dem Verein dient, der einem am meisten bietet. Für die Fußballer sind das Real Madrid, AC Mailand, Arsenal London, FC Barcelona und Bayern München. Für die Spione die CIA und die NSA. Auch hier fallen nach und nach die traditionellen psychologischen Grenzen altmodisch-patriotischer Treue.
Und so fordert der CDU-Abgeordnete Andreas Schockenhoff: Ab heute wird zurückspioniert. Schockenhoff, der Spionage-Experte, weiß als Alkoholsüchtiger, wie man schummelt. Nach einer Auto-Scooter-mäßigen Schlängellinien-Fahrt in seinem Mercedes, rammte er mehrere Fahrzeuge und beging Fahrerflucht. Als man ihn später zuhause aufsuchte und seinen Blutalkohol maß, stellte der Blutalkoholtester eine Konzentration von 2,3 Promille fest. Schockendorf, der Schlaue, wie man ihn seither vermutlich nennt, behauptete, höchstens ein Glas Weißwein vorher getrunken und eine Flasche Rotwein entkorkt zu haben. Zuhause aber habe er sich nach seinem Schnee-Schnee-Schnee-Schnee-Walzer-Drive vor lauter Scham sinnlos besoffen.
Im Juristendeutsch nennt man dieses schamlose Schutzverhalten "Nachtrunk". Nachtrunk kann man beispielsweise auch anwenden, wenn man in betrunkenem Zustand von der Polizei herausgewunken wird: Man greift in die Jackentasche, holt den Flachmann raus und grüßt: "Guten Abend, Herr Wachtmeister, ich wollte hier sowieso parken. Und Prost übrigens." Dann leert man die halbvolle Flasche und behauptet später, sie sei voll gewesen. Man kommt bei solch einem Verhalten mit einer leichten Ordnungsstrafe weg. Und ich wette, dass spätestens wenn Kloppsköppe wie Schockenhoff dies tun, jeder noch so liberal gesinnte Richter das Prinzip "in dubio pro reo" verfluchen wird.
Das Verfahren, mit dem man – ehrliche Angaben vorausgesetzt – den Nachtrunk abziehen und den Alkoholgehalt im Blut feststellen kann, wurde von Professor Erik Widmark entwickelt, der die nach ihm benannte Widmarkformel
aufstellte.
Sein ganzes Berufsleben widmete sich Widmark der Erforschung dieses Themas, und diese Formel bringt sein Lebenswerk auf den Punkt, so wie Einsteins E= m*c2 , die ja als die Krönung aller Formeln gilt und angeblich schwer zu verstehen. Wobei ich behaupte, dass sie mir doch irgendwie einleuchtender vorkommt als das bereits erwähnte .
Wenn man Widmarks Werk angemessen ehren will, sollte man sich nicht mit solchen Advokaten-Tricks wie "Nachtrunk" und "Im Zweifel für den Angeklagten" herausreden können. Und ehren muss man diesen schwedischen Chemiker auf jeden Fall, wird doch seine Biografie durch zwei unschöne Jahreszahlen umklammert; denn genau wie Hitler wurde er 1889 geboren und starb im Jahr 1945 sogar am selben Tag wie dieser Nichttrinker, der im FAZ-Magazin-Fragebogen unter "Welche historische Persönlichkeit verachten Sie am meisten" von den meisten Promi-Ausfüllenden mit vorhersehbarer Regelmäßigkeit genannt wurde, nämlich am 30. April.
Überhaupt lag im April 1889 nicht nur Hitlers Mutter in den Wehen, sondern auch die vom späteren Mini-Schnurrbarerfinder Charlie Chaplin und den Nazis Glücks und Salazar.
Geboren wurde 1889 im Übrigen auch der Eiffelturm in Paris, wenn mir die Freiheit gelassen wird, die Fertigstellung eines Gebäudes als Geburt zu bezeichnen. Die Pariser waren über das Monstrum entsetzter als die Berliner über die Bebauungspläne des Tempelhofer Feldes. Sie starteten eine Unterschriftenkampagne, um das damals höchste Gebäude der Welt wieder abreißen zu lassen. Und wenn die Franzosen es mit der Demokratie genau nähmen, müsste man den Eiffelturm im Nachhinein abreißen, aus Respekt für den plebiszitären Willen der Ururgroßeltern. Vielleicht lässt man ihn ja nur deshalb stehen, weil sonst sämtliche in Paris spielenden Liebesfilme neu gedreht werden müssten.
An seinen im Jahr 1888 gemalten Bildern "Fünf Sonnenblumen in der Vase", "Fünfzehn Sonnenblumen in der Vase" und "Drei Sonnenblumen in der Vase", hatte sich Vincent Van Gogh offenbar dermaßen aufgegeilt, dass er im Sommer 1889 noch einmal "Fünfzehn Sonnenblumen in der Vase", dann "Zwölf Sonnenblumen in der Vase" und noch ein letztes Mal "Fünfzehn Sonnenblumen in der Vase" hinterherschob. Der finanzielle Erfolg gab ihm leider erst post mortem recht.
Obwohl ich dem Spätimpressionismus gegenüber durchaus aufgeschlossen gegenüber stehe, fällt bei mir eine mentale Klappe, sobald Van Gogh seinen Tuschkasten öffnet. Ich könnte sagen, dass mich dieser Kommapointilismus in den Wahnsinn triebe, in Wirklichkeit hat es wahrscheinlich mit einem frühkindlichen Trauma zu tun. Als ich drei Jahre alt war, hing das deprimierende "Caféterrasse am Abend" schräg gegenüber meinem Kinderbett. Allenthalben heißt es, das Ölgemälde zeige die Verlorenheit des Individuums in der nur scheinbar warmen Gesellschaft – wollten mich meine Eltern schon so früh auf die Kälte der Gesellschaft vorbereiten? Merci, Papa et Maman.

Warum aber stürzte sich Vincent ausgerechnet auf Sonnenblumen? Waren sie für den armen Maler billiger zu haben als etwa Tulpen? Oder hatte er selbst einen kleinen Sonnenblumengarten, um zum Beispiel Sonnenblumenöl zu pressen, welches einerseits sehr mild und schmackhaft ist, aber andererseits wegen seines niedrigen Siede- und Rauchpunkts nicht zum Frittieren benutzt werden darf. Unwahrscheinlich hingegen, dass er von der im ostslawischen Raum praktizierten Sonnenblumenölkur gehört hatte, welche heutzutage in gesundheits-esoterischen Kreisen ein Schattendasein unter den Entschlackungskuren fristet.
Den aus der Metallurgie und der Dampflok-Technologie stammende Begriff der Entschlackung führte übrigens Otto Buchinger nach dem Ersten Weltkrieg in die Ernährungsphysiologie ein und verschwurbelt damit noch nach seinem Tod bis heute die Köpfe vieler sich um ihr Gedärm Sorgender. Vielleicht war ihm die Verschwurbeltheit sozusagen in die Wiege gelegt, so war er erst ein großer Kriegsbefürworter und wurde später zu einem der wenigen deutschen Quaker, einer zwar pazifistischen aber ansonsten recht wirren US-amerikanischen Sekte, deren zweitgrößte Community übrigens in Bolivien beheimatet ist.
Nach Bolivien exportierten die Nordamerikaner aber nicht nur ihre kuriosen Religionen, sondern auch Putsche und Konterrevolution, und im Jahr 1969 ließ die CIA im bolivianischen Dschungel den Guerillero Che Guevara ermorden. Was hätten sie mit dem BND-Mann gemacht, wenn er sich geweigert hätte?

 

***

 

469. Nacht

Als der fromme Jude, den die Muslimin verführen will, ihre Absichten mitbekommt, geht er aufs Dach (angeblich um zu beten) und stürzt sich von dort in die Tiefe. Aber Engel halten seinen Fall, und ihm geschieht nichts Böses.

470. Nacht

Die Frau des treuen Mannes wird für seine Gottesfurcht mit von Allah herbeigezaubertem Brot im Ofen und einem plötzlich durchs Dach des Hauses fallenden Rubin belohnt. Im Traum sieht sie den Sessel ihres Mannes im Paradies, dem der Rubin fehlt. Und sie sagt ihrem Mann:

"Lieber Mann, bete zu deinem Herrn, er möge diesen Rubin an seinen Ort zurückkehren lassen; es ist leichter, in den wenigen Tagen auf Erden Hunger und Armut ertragen zu müssen, als ein Loch in deinem Sessel unter den Gerechten zu wissen."

Nach dem Gebet des Mannes steigt der Rubin wieder zum Himmel auf.

Reduktion Allahs auf eine Art Weihnachtsmann, der den artigen Erwachsenen ihre Wünsche erfüllt.

*

Die Geschichte von El-Haddschâdsch und dem frommen Manne

El-Haddschâdsch ibn Jûsuf eth-Thakafi lässt "einen von den Vornehmen" in einen Kerker sperren.

Wer "die Vornehmen" sein sollen, bleibt unklar.

Anscheinend will El-Haddschâdsch ihn verhungern lassen, doch der Gefangene betet zu Gott, und am nächsten Tag ist die Zelle leer. Der Kerkermeister in Angst, nun zum Tode verurteilt zu werden, nimmt von seinen Angehörigen Abschied, legt sich Spezereien auf, nimmt ein Leichentuch unter den Arm und tritt vor El-Haddschâdsch.

*

471. Nacht

El-Haddschâdsch klärt den Kerkermeister auf:

"Weißt du denn nicht, dass Der, den er nannte, als du anwesend warst, ihn befreite, während du abwesend warst?"

*

Die Geschichte von dem Schmied, der das Feuer anfassen konnte

Ein frommer Mann hört von einem Schmied, der das Feuer anfassen kann und sucht diesen auf. Er beobachtet ihn und bittet ihn, über Nacht bleiben zu dürfen.

Da aber der Gast den Wirt nicht zum Gebete aufstehen sah, noch sonst irgendein Zeichen besonderer Frömmigkeit auf ihm bemerkte, so sagte er sich: "Vielleicht verbirgt er sich vor mir."

Als er ihn auch an den folgenden Tagen keine außergewöhnlichen, sondern nur die "verdienstlichen" Handlungen ausführen sieht, stellt er ihn zur Rede, und der Schmied berichtet, dass er einst eine Frau zu verführen versuchte, diese aber keusch blieb. Auch als sie Hunger litt und er sie mit Essen zu erpressen versuchte, blieb sie standhaft.

"Der Tod ist besser für mich als die Strafe Allahs des Erhabenen."

Heißt das, Allah würde sie strafen, wenn sie vor Hunger sich prostituieren würde?

*

472. Nacht

Nach mehreren Tagen kommt der Schmied zur Besinnung, und ihm wird klar, was er getan hat. Er bereut im Gebet und gibt der Frau die Speise.
Als die Frau sein Reuegebet hört, betet sie:

"O, mein Gott, wenn dieser die Wahrheit spricht, so lasse das Feuer in dieser Welt und im Jenseits ihm nichts anhaben. Denn du hast über alle Dinge Macht, und wenn du erhören willst, so ist es vollbracht."

Am selben Tag fällt ihm eine brennende Kohle auf den Leib, und sie konnte ihm nichts anhaben.

423., 424., 425., 426. Nacht

423. Nacht

Die gelehrte Frau fährt fort:

"Und auch der Prophet – Allah segne ihn und gebe ihm Heil! – hat gesagt: ‚Der Dinge, die ich in eurer Welt am liebsten habe, sind drei: die Frauen, die Wohlgerüche und mein Augentrost im Gebet."

Und sie rezitiert ein Gedicht gegen die Homosexualität:

Des Mannes Sehnsucht nach dem Rücken ist ein Rückgang;
Doch wer die freie Frau liebt, ist ein freier Mann.
Wie schön ergeht es dem, der bei dem Schwarzaug nächtigt,
Der Gattin, deren Blick ihm Seligkeit gewann.

Hier merkt der Übersetzer (Littmann) an: "In fünf weiteren ‚trefflichen Versen‘ werden diese Dinge noch näher ausgeführt; doch diese Verse sind so abstoßend, dass sie sich etwa nur mit Juvenals lateinischen Versen wiedergeben ließen."
Es fragt sich, ob er sich dann überhaupt aufs Übersetzen hätte einlassen sollen. Oder sollte Littmann immer noch von der Angst vor Zensur geprägt gewesen sein, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aber nicht mehr gegriffen hätte? In der englischen Übersetzung Burtons lauten die Verse so:

Men’s turning unto bums of boys is bumptious;
Whoso love noble women show their own noblesse.
How many goodly wights have slept the night, enjoying
Buttocks of boys, and woke at morn in foulest mess
Their garments stained by safflower, which is yellow merde;
Their shame proclaiming, showing colour of distress.
Who can deny the charge, when so bewrayed are they
That e’en by day light shows the dung upon their dress?
What contrast wi‘ the man, who slept a gladsome night
By Houri maid for glance a mere enchanteress,
He rises off her borrowing wholesome bonny scent;
That fills the house with whiffs of perfumed goodliness.
No boy deserved place by side of her to hold;
Canst even aloes wood with what fills pool of cess!

Nichts da von Schwarzaug und Gattin! Stattdessen krasse Vulgarität. Die letzten zwei Verse hat sich Littmann also aus den Fingern gesogen!

Die Weise schließt an mit den Worten:

"Ihr Leute, ihr habt mich herausgetrieben aus den Regeln der Sittsamkeit und aus den Grenzen der edlen Weiblichkeit, so dass ich hässliche Worte in den Mund genommen, die den Weisen nicht frommen. Doch in den Herzen derer, die edelgeboren, sind die Geheimnisse wie in Gräbern verloren (…)" Darauf schwieg sie und gab uns keinerlei Antwort mehr. Nun machten wir uns auf und verließen sie, erfreut über den Nutzen, den wir durch den Wortstreit mit ihr empfingen, aber traurig, dass wir von ihr gingen.

***

Die Geschichte von Abu Suwaid und der schönen Greisin

Abu Suwaid erblickt in einem Garten

eine alte Frau, die ein schönes Antlitz hatte; doch ihr Haar war schon weiß geworden, und sie kämmte es mit einem Kamme aus Elfenbein.

Er fragt sie, warum sie sich die Haare nicht färbe.

***

424. Nacht

Sie antwortet

Ich färbte, was die Zeiten färbten. Was ich färbte,
War nicht von Dauer; doch es blieb der Jahre Färben.
Als ich noch einst im Kleid der Jugend stolz einherschritt,
Da konnt ich vorn wie hinten Freude mir erwerben.

Ist es so obszön gemeint, wie es dem aufgeschlossenen Leser erscheint? Die Antwort gibt Abu Suwaid selbst:

"Vortrefflich, du edle Greisin! Wie aufrichtig warst du in deiner Sehnsucht nach verbotenem Gut, und wie verlogen wärest du, wenn du behauptetest, dich reue der Übermut!"

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Die Geschichte von dem Emir Ali ibn Mohammed und der Sklavin Munis

Der Emir kauft die wohlgebildete Sklavin Munis für siebzigtausend Dirhems, nachdem sie folgenden Dialog in Versen miteinander wechseln.

Was sagst du nur von dem, an dem die Krankheit frisst
Um deiner Liebe willen, so dass er ratlos ist.

Sie antwortet:

Wenn wir den, der liebt, in seinem schweren Leid
Der Liebe schaun, so sei ihm unsre Huld geweiht.

und er zeugte mit ihr den Obaidallâh ibn Mohammed, einen Mann, der treffliche Eigenschaften besaß.

Und das war schon die ganze Geschichte.

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Die Geschichte von den beiden Frauen und ihren Geliebten

Abu el Ainâ berichtet, zwei Frauen im Disput über ihre Geliebten belauscht zu haben. Die eine mit jungem, die zweite mit älterem Geliebten. Die mit dem jüngeren stört sich am stachligen Bart älterer Männer und bevorzugt den Flaum der jungen.

(Im Grunde werden hier nur die Argumente der Frau mit dem reiferen Geliebten wiedergegeben.) Ich wähle hier mal aus:

"Weißt du nicht, dass der Bart für den Mann das gleiche ist, was die Schläfenlocken für die Frau sind? (…) Du Törin, wie könnte ich daran denken, mich unter einen Knaben zu betten, der eilig sein Werk tut und schnell erschlafft? Und von einem Manne lassen, der, wenn er Atem holt, mich umfasst; wenn er eindringt, gemach handelt; wenn er fertig ist, wiederkehrt; wenn er sich bewegt, vortrefflich ist; und sooft er sein Werk beendet hat, wieder von neuem beginnt."

Die Geliebte des Knaben:

"Ich schwöre meinem Geliebten ab, beim Herrn der Kaaba!"

(= Allah)

Hier enden vorerst die Liebes-Anekdoten, und es beginnt endlich mal wieder eine etwas längere Geschichte.

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Die Geschichte von dem Kaufmanne Ali aus Kairo

Ein reicher Kaufmann in Kairo namens Hasan wird "der Juwelier aus Bagdad" genannt. Er spürt sein Ende kommen und ruft seinen Sohn Ali zu sich.

Wenn man die bisherigen Story-Inhalte verfolgt, müsste ihm der Vater nun Mahnungen auf den Weg geben, die dieser in den Wind schlägt.

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425. Nacht

Und tatsächlich: Nachdem Hasan ihn seine Ländereien und Güter aufzählt, ermahnt er ihn zu Gottesfurcht, Barmherzigkeit, gutem Umgang, Liebe.

Darauf begann der Kaufmann das Glaubensbekenntnis zu sprechen und Koranverse zu sagen, bis die Stunde da war; dann sprach er zu seinem Sohne: "Tritt nahe zu mir, mein Sohn!" Nun trat Ali nahe zu ihm: Der Vater küsste den Sohn und tat den letzten Seufzer. Seine Seele entfloh seinem Körper, und er ging ein zur Barmherzigkeit Allahs.

Stephen Cave beschreibt vier Story, mit denen wir hoffen, den Tod zu überlisten: 1. Die Elixir- oder Jungbrunnen-Story (inklusive Wundermedizin-Geschichten), 2. Auferstehungs-Story (inklusive Einfrierungs-Storys), 3. Die Geschichte der Seele, 4. Vermächtnis-Storys (an die sich auch einige Künstler-Kollegen klammern).

 

Der Vater wird in einer riesigen Zeremonie bestattet, und Ali hält nicht nur die vorgeschriebenen vierzig Tage Trauerzeit ein, sondern trauert auch noch darüber hinaus und besucht an jedem Freitag das Grab des Vaters.

Zur Zahl 40 gibt es verschiedene Angaben: Sie taucht in vorjudäischen Religionen auf, aber auch in der russischen Orthodoxie, in der muslimischen Praxis und scheint auch den psychologischen Prozess des Trauerns zu umfassen: Man braucht eben so lange, um die Phasen der Trauer soweit durchschritten zu haben, bis sich Akzeptanz festigen kann.

Irgendwann drängen die Freunde ihn, seine Geschäfte wieder aufzunehmen.

Doch wie sie so bei ihn waren, war auch der verfluchte Teufel unter ihnen, der ihnen einflüsterte; und während sie ihn zu überreden suchten, mit ihnen zum Basar zu gehen, versuchte der Teufel ihn so lange, ihnen nachzugeben, bis er einwilligte, mit ihnen das Haus zu verlassen.

Unklar: Wieso sollte es teuflisch sein, nach der vorgeschriebenen Trauerzeit, wieder die Geschäfte aufzunehmen?

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426. Nacht

Aber sie führen ihn nicht zum Basar, sondern zu einem Garten, wo

sie aßen und waren guter Dinge und saßen plaudernd zusammen, bis der Tag zu Ende war.

Und so bedrängen sie ihn jeden Tag, nötigen ihn zum Weinkonsum, und irgendwann ist Ali mit Einladen dran. Ali verschwendet allmählich sein Geld, obwohl ihn sein Weib an die Ermahnungen des Vaters erinnert.

Sie begaben sich zur Nilinsel er-Rodâ und zum Nilmesser. Dort blieben sie einen ganzen Monat bei Speise und Tran und Saitenklang und Fröhlichkeit.

 

Dieses Leben führt er nun drei Jahre. Als das Geld zu Ende geht, verscherbelt er die Juwelen, dann die Häuser und Grundstücke, dann die Gärten und Landhöfe, dann den Marmor und das Holzwerk aus seinem Haus, und schließlich das Haus selbst. Seine Freunde lassen ihn schließlich, als er arm ist, im Stich.… Weiterlesen

392. Nacht

Ich kann die Faszination der Katholiken für ihre Religion schon verstehen: So viel undurchschaubarer Hokuspokus, unerklärlicher Sinn und Rituale, die ihren Sinn erst dadurch erhalten, dass man auch auf Nachfrage keine nachvollziehbare Antwort bekommt. Man fühlt sich wieder ein wenig wie ein Fünfjähriger, der ein seltsames Märchen in altertümlicher Sprache erzählt bekommt: „Vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, …“
Und nun ist der Papst abgetreten. Fast ein säkularer Akt. Wir erinnern uns noch an den röchelnden Johannes Paul II., der sich in seinem Todesjahr zu Ostern noch mal ans Fenster gewagt hat, um den Segen zu sprechen zu probieren. Man hörte nur ein Grunzen, und die Welt der Katholiken fand ihn so würdevoll und charismatisch.
Diese Würde konnten sie ihm freilich nur im Nachhinein verleihen. Es gab den sportlichen Karol, den Karol, der im Laufschritt eilen musste, sonst hätte er seine eigene Wahl verpasst, den ersten Papst, der um die Welt düste.
Aber einen röchelnden Benedikt, das wollte Ratzinger weder den Mit-Katholiken noch sich selber antun. Bei ihm hätte man bestenfalls Mitleid empfunden.
Und was wird nun, da der Alte zurückgetreten ist, aus dem Fischerring? Zerbrechen darf man ihn erst nach dem Tod des Papstes, aber darf Ratze ihn behalten? Muss man noch „Papst“ zu ihm sagen, so wie man zu Ex-US-Präsidenten auch immer noch „Mr. President“ sagen sollte, wenn man einen knietiefes Fettnapf zu vermeiden sucht.
Achso, der Fischerring:

So sah das Teil von Leo XIII. aus.
 
Und so Leo XIII. selber, der erste Papst, von dem es Film- und Audio-Aufnahmen gab.
***
392. Nacht
Jahja nimmt die Kunde vom mit dem Gelde fortgelaufenen Bettler leicht:
„Bei Allah, hätte er auch sein ganzes Leben bei mir verweilt, bis ihn der Tod ereilt, ich hätte ihm nie meine Spende entzogen, noch ihn um die Wohltat meiner Gastfreundschaft betrogen.“ Keine Zahl kann die Vorzüge des Barmekiden umfassen, und ihre Eigenschaften waren so herrlich, dass sie sich nicht beschreiben lassen. (…)
Die Güte fragt ich: Bist du frei? Sie sagte Nein,
Ich muss dem Sohne Châlids, Jahja, Sklavin sin.
Drauf ich: Bist du gekauft? Sie sagte: Das sei fern!
Als seiner Väter Erbe diene ich ihm gern.
Die Geschichte von Mohammed el-Amîn und Dscha’far ibn Mûsa
Dscha’far ibn Mûsa el-Hâdi besitzt eine schöne Lautenspielerin, auf die Mohammed el-Amîn, der Sohn Zubaidas, ein Auge geworfen hatte. Er bittet Dscha’afr, sie ihm zu verkaufen. Dieser erwidert:
„Du weißt, es geziemt sich nicht für Männer meines Ranges Sklavinnen zu verkaufen und um Nebenfrauen zu feilschen. Wäre sie nicht in meinem Hause aufgewachsen, so würde ich sie dir als Geschenk übersenden.“
Eines Tages speisen und zechen die beiden zusammen, und die el-Badr el-Kabîr spielt für die beiden. Da macht Mohammed den Dscha’far betrunken und nimmt die Schöne mit sich.
Aber er streckte nicht die Hand nach ihr aus.
Als ob das jetzt noch glaubwürdig wäre.
Als Dscha’far den Besuch erwidert, lässt Mohammed die Sklavin für die beiden spielen. Dscha’far unterdrückt seinen Zorn. Daraufhin belohnt Mohammed el-Amîn seinen Freund, indem er dessen Boot voller Silber, Gold, Rubinen und Juwelen füllen lässt.
Solcherart sind die edlen Taten der Vornehmen – Allah habe sie selig.
Die Geschichte von den Söhnen Jahjas ibn Châlid und Sa’id ibn el-Bâhili
Diese Geschichte wird von Sa’id ibn ek Bâhili selber erzählt.
Als Sa’id einmal in Not gerät, wendet er sich an den Weisen Abdallâh ibn Mâlik el-Chuzâ’i, der ihm rät, sich an die Barmekiden zu wenden.
Von diesem Weisen war bereits in der 306. Nacht die Rede.
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382. – 386. Nacht

382. Nacht

Abu Nuwâs vergnügt sich mit den Knaben bei Wein und Gesang.

Als aber die Trunkenheit den Abu Nuwâs übermannte, und er den Unterschied zwischen Hand und Haupt nicht mehr kannte, drang er mit Kuss und Umarmung auf die Jünglinge ein, legte Bein auf Bein hatte für Sünde und Scham keine Sinn und sprach diese Verse vor sich hin:

Vollkommne Freude bringet nur ein Jüngling,
Der trinkt in schöner Zeitgenossen Kreis.
Der eine singt ein Lied, der andre grüßt ihn.
Wenn er ihn mit dem Becher zu erquicken weiß.
Und hat er dann nach einem Kuss Verlangen,
So reicht ihm jener seine Lippe dar.
Gott segne sie! Schön war mein Tag bei ihnen;
Ein Wunder ist’s, wie er so herrlich war!
Nun lasst uns trinken, ob gemischt, ob rein.
Und wer da schläft, soll unsre Beute sein.

Für einen im Trunkesrausch Delirierenden improvisiert er doch noch recht flotte Verse.

Plötzlich tritt jedoch Kalif Harûn er-Raschîd hinzu, der am nächsten Tag seinem Schwertträger Masrûr befiehlt,

er solle dem Abu Nuwâs die Kleider herunterreißen, ihm den Packsattel eines Esels auf den Rücken binden, einen Halfter um seinen Kopf und einen Schwanzriemen um sein Gesäß legen und ihn so umherführen in den Gemächern der Sklavinnen.

*

383. Nacht

Der Kalif befiehlt außerdem, Abu Nuwâs anschließend das Haupt abzuschlagen.

Abu Nuwâs aber machte überall Scherze, und jeder, der ihn sah, gab ihm etwas Geld, so dass er mit vollen Taschen zurückkehrte.

Als Dscha’far der Barmekide hinzutritt und ihn fragt, was das soll, entgegnet er:

"Ich habe nichts verbrochen; ich habe nur unserem Herrn und Kalifen meine schönsten Verse als Geschenk dargebracht, und da hat er mir sein schönstes Gewand geschenkt."

Der Kalif lacht, begnadigt ihn zahlt ihm zehntausend Dinar aus.

Klassische Narrenfreiheit. Dem Dichter und Narren wird nur deshalb vergeben, weil er diese Narrenfreiheit auch bis ans Äußerste ausnutzt. Täte er es nicht, wäre er tot.

***

Die Geschichte von Abdallâh ibn Ma’mar und dem Manne aus Basra mit seiner Sklavin

Ein Mann aus Basra kauft eine junge Sklavin, die er erziehen und unterrichten lässt.

Er hing an ihr in leidenschaftlicher Liebe.

Aber als ihn die Armut bedrückt, meint sie zu ihm:

"Mein Gebieter, verkauf mich!"

Der Emir von Basra Abdallâh ibn Ma’mar kauft sie für fünfhundert Dinare, doch als er die Sklavin seufzend dichten hört,

rief er aus: "Bei Allah, ich will nicht zu eurer Trennung behilflich sein; denn ich weiß nun, dass ihr einander lieb habt. So nimm das Geld und die Sklavin, o Mann, und Allah gesegne dir beides!"
(…)
Und sie sind immerdar beieinander geblieben, bis der Tod sie geschieden hat – Preis sei Ihm, dem der Tod nicht naht!

Anscheinend nur eine Anekdote, um den Emir zu preisen.

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Die Geschichte der Liebenden aus dem Stamme der Udhra

Ein Mann aus dem Stamme der Udhra verliebt sich unsterblich in eine Frau aus seinem Stamme, die ihn aber spröd zurückweist.

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384. Nacht

Er verweigert die Nahrung, bis er im Sterben liegt. Erst dann besucht sie ihn.

"Hätte ich das gewusst, so hätte ich mich deiner Not angenommen und wäre nach deinem Wunsche zu dir gekommen."

Er stirbt nach dem Rezitieren:

Sie nahte sich, als schon der Tod uns beide trennte,
Und sie versprach Erhörung, als es nutzlos war.

Sie weint, fällt in Ohnmacht und stirbt drei Tage später,

und wurde in seinem Grabe bestattet.

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Die Geschichte des Wesirs von Jemen und seines jungen Bruders

Der Wesir von Jemen, Badr ed-Dîn, hat einen schönen Bruder, den er behütet, allerdings verliebt sich der Scheich, der ihn unterrichtet, in ihn.
Die beiden verabreden sich eines Nachts heimlich, und der Scheich trinkt, schmust und singt mit dem schönen Jüngling. Der Wesir spürt sie schließlich auf, und als der Scheich ihn erspäht, singt er ihm zu

Er gab mir den Wein seiner Lippen zu trinken;
Mit Zierde des Wangenflaums trank er mir zu.
Und Wange an Wange, in meiner Umarmung,
Ging heute der Schönste der Menschen zur Ruh.
Der leuchtende Vollmond schein auf uns hernieder;
Nun bittet ihn: Sag es dem Bruder nicht wieder.

Die Güte des Herrn Badr ed-Dîn aber zeigte sich dadurch, dass er, als er diese Verse vernahm, ausrief: "Bei Allah, ich will euch nicht verraten!", und fortging, indem er die beiden ihren Freuden überließ.

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Die Geschichte von dem Liebespaar in der Schule

Ein freier Jüngling und eine junge Sklavin besuchten einst die gleiche Schule; und der Jüngling wurde von der Liebe zu dem Mädchen ergriffen.

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385. Nacht

Er schreibt ihr diese Verse:

Was sagst du nur von dem, der übergroße Liebe
Zu dir so krank gemacht, dass er ganz ratlos ist?
Es klagt das Leiden nun, in Sehnsucht und in Schmerzen;
Er kann nicht mehr verbergen, was ihm das Herz zerfrisst.

Sie antwortet ihm auf der selben Tafel darunter:

Wenn wir den, der da liebt, in seinem schweren Leid
Der Liebe schaun, so sei ihm unsre Huld geweiht.
Er soll den Liebeswunsch bei uns erfüllet sehn;
Und was geschehen soll, das möge dann geschehn!

Sowohl der Lehrer als auch der Herr der Sklavin finden ermutigende Verse. So schreibt letzterer:

Euch trenne Allah nie in eurem Leben;
Und wer euch feind ist, soll im Elend untergehn!
Jedoch der Lehrer ist, bei Gott, der größte Kuppler,
den meine Augen je in dieser Welt gesehn.

Er lässt den Kadi die Eheurkunde für die beiden schreiben, und das war’s.

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Die Geschichte von el-Mutalammis und seine Weibe Umaima

Der Dichter el-Mutalammis flieht eines Tages vor der Tyrannei des en-Nu’man ibn el-Mundhir und muss dabei seine Gattin Umaima zurücklassen.
Nach einer Weile verheiratet man sie gegen ihren Willen, gerade an dem Tag als el-Mutalammis wieder zurückkehrt. Als sie unterm Baldachin traurig Verse über ihren verlorengegangenen Gatten rezitiert, ruft dieser zurück:

Ganz nah bei dir ihm Hause, o Umaima, wisse:
An jedem Halteplatz dacht ich in Treuen dein.

Der Bräutigam lässt dem anderen den Vortritt, natürlich in Bezug auf dessen Verse reimend:

Ich war im Glück; doch jetzo hat es sich gewendet;
Ein gastlich Haus und Raum schließt nun euch beide ein.

So verließ er die beiden und ging davon.

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Die Geschichte von dem Kalifen Harûn er-Raschîd und der Herrin Zubaida im Bade

Harûn er-Raschîd lässt seiner Gattin einen Lustgarten mit einem baumumwachsenen Teich anlegen.

*

386. Nacht

Eines Tages, badet sie sich darin.

Sie blieb im Wasser, das nicht tief genug war, um den, der in ihm stand, ganz zu bedecken, aufrecht stehen, schöpfte mit einer Kanne aus reinem Silber und goss es über ihren Leib.

Der Kalif, als er hört, dass sie ein Bad nimmt, begibt sich zum Teich, um sie zu beobachten. Sie bemerkt ihn.

Aber aus Scham vor ihm legte sie ihre Hände auf ihren Schoß; freilich konnte sie ihn nicht ganz bedecken, da er so rund und groß war.

Wie bitte? Schwierig, etwas über derartige Schönheits-Ideale bei Google zu finden, ohne auf einschlägigen Seiten zu landen.

Der Kalif beginnt zu dichten:

Mein Aug erblickte, was mich traurig macht;
Und durch die Trennung ward mein Leid erfacht…

Allerdings kommt er mit seiner Dichtung nicht weiter und bitte also den Dichter Abu Nuwâs, das Gedicht zu vollenden.

Der natürlich wieder einmal vor das Problem gestellt wird, etwas Ungesehenes zu beschreiben und das Vermutete nicht benennen zu dürfen.

Er fährt also fort:

… von der Gazelle, die mich ganz bestrickt,
Als ich im Lotusschatten sie erblickt.
Und Wasser floss auf ihren Schoß, so klar,
aus einer Kanne, die von Silber war.
Als sie mich sah, da hat sie ihn bedeckt;
Doch ihre Hand hat ihn nicht ganz versteckt.
O könnte ich doch glücklich bei ihr sein,
Ein Stündlein oder auch zwei Stündelein.

Da lächelte der Kalif über seine Worte und machte ihm ein Geschenk; der Dichter aber ging erfreut von dannen.

***

Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den drei Dichtern

Wir beginnen klassisch:

Eines Nachts ward der Beherrscher der Gläubigen Harûn er-Raschîd von großer Unruhe geplagt.
Er begegnet einer betrunkenen Sklavin, deren Kleidung sich löst.

Er bat sie um ihre Liebesgunst; aber sie erwiderte ihm: "Lass mir bis morgen abend Zeit, o Beherrscher der Gläubigen! Ich bin nicht auf dich vorbereitet."

Als er sie am nächsten Tag zu sich bittet, lässt sie ihm ausrichten:

"Der helle Tag verwischt das Wort der Nacht."

Das ist nun aber wirklich beeindruckend: Die Sklavin kann den Wunsch des Beherrschers der Gläubigen abschlagen?

Drei Dichtern befiehlt er, daraus etwas zu dichten: er-Rakâschi, Abu Mus’ab und Abu Nuwâs.

Hier finden wir den Spruch: Ein Fluch von Abu Nuwâs in der Hölle enthält mehr Poesie als ein Lobspruch von er-Rakâschi im Himmel.

Nachdem sie ihre Arbeit getan haben, befiehlt der Kalif, den ersten beiden ein Geschenk zu machen, aber Abu Nuwâs den Kopf abzuschlagen, da er vermutet, der sei am Abend davor dabei gewesen. Der verteidigt sich, er habe den Inhalt nur aus dem Gesagten des Kalifen zusammengesetzt.

"Allah der Erhabene, der von allen die lauterste Wahrheit spricht, hat gesagt: Und den Dichtern folgen die Irrenden nach. Siehst du nicht, wie sie in jedem Wadi verstört umherlaufen, und wie sie reden, was sie nicht tun?"

Koran, Sure 26

Abu en-Nuwâs

Daraufhin lässt Harûn er-Raschîd ihm zwanzigtausend Dirhems auszahlen.

Die Impulsivität des Kalifen lässt ihn einem richtig ans Herz wachsen.

***

Die Geschichte von Mus’ab ibn ez-Zubair und Aischa bint Talha

Mus’ab ibn ez-Zubair verliebt sich in Aischa bint Talha.

Mus’ab ibn ez-Zubair war Heerführer des Gegenkalifen Abdallah ibn az-Zubair

Azza in Medina berichtet ihm:

"Ihr Antlitz ist schöner als die Gesundheit; sie hat große Augen und darunter eine Adlernase, glatte und runde Wangen und einen Mund gleich einer Blüte des Granatapfels. Ihr Hals gleicht einer silbernen Kanne, und darunter ist der Busen mit zwei Brüstlein, die wie ein Paar von Granatäpfeln sind; und weiter darunter hat sie einen schlanken Leib mit einem Nabel, der einem Elfenbeinbüchslein gleicht; Hüften hat sie wie zwei Sandhügel, und ihre Waden gleichen zwei Säulen aus Alabaster; doch ich sah, dass ihre Füße groß sind. Du wirst bei ihr die Zeit der Not vergessen." Nachdem Azza ihm Aischa mit solchen Worten beschrieben hatte, nahm Mus’ab sie zur Frau und ging zu ihr ein.

370.-375. Nacht

Der Wohnungsumbau geht in die zweite Phase, im Volksmund auch Nestbau genannt. Und wieder einmal zeigt sich, dass all die Rumschieberei von millimetergenau ausgeschnittenen Schnipseln im Wohnungsmodell überhaupt nichts bringt, weil einem erst wenn sie nebeneinanderstehen klar wird, dass das Billy-Birke-Regal und die alte Nussbaum-Büchervitrine nicht zueinander passen. Die Couch vor dem Esstisch ebenfalls nicht. Und die Gattin darf nicht mit anpacken, da der Fötus sonst gestört werden könnte. Dabei ist das Leben ist kein Ponyhof, das sollte er jetzt schon lernen. Gibt’s diese bescheuerte Redensart auch für Jungen? Was der Ponyhof für die Mädchen, ist World of Warcraft für die Buben. Das reimt sich nicht einmal. Das Leben ist kein World of Warcraft? Das Leben ist keine Welt des Kriegshandwerks? Dabei ist doch genau das gemeint: Das Leben ist kein Ponyhof, sondern eine Welt des Kriegshandwerks. Oder wie James Brown einst sang: "This is a mahahan’s world!" Die Wohnung sieht aus wie nach einem Einbruch der Hell’s Angels. Und während ich die Bücher doch wieder alphabetisch einsortiere statt nach den Prinzipien Farbe oder Reihenfolge des Lesens frage ich mich, ob ich jemals die Bobrowski-Erzählung "Litauische Claviere", den Feuchtwanger-Roman "Die Jüdin von Toledo" anfangen oder das völlig zerschrotete Exemplar von Plenzdorfs "Die Legende von Paul und Paula" zu Ende lesen werde, das ich an der Stelle unterbrochen habe, wo der Film endet, also zur Hälfte. Die Bank, die ich mir schön zum Schreiben an den Tisch gestellt habe, ist inzwischen völlig verbaut. Trotzdem gelingt es mir, mich über die Stapel aus Büchern, Klamotten, Holzleim, Tüten, Haufen mit Ich-weiß-nicht-was, einem sensiblen Kaktus und Erdnussflips zu kämpfen, wobei ich hier und da etwas abbreche, Flüssigkeiten verschütte, die Verstrebungen der Bank zerbreche und am Ende meinen Kugelschreiber vergesse. Ich fühle mich wie Elvis kurz bevor er seinen Fernseher erschoss. In einer Verfilmung wird fiktionalisiert, der König des Rock hätte damals draufgehalten, weil man schlecht über ihn berichtet habe. Ich glaube aber, er habe seine eigene Fernsehsucht erschießen wollen, und mit ihr gleich seine Fresssucht, seine Medikamentensucht, seine Unfähigkeit, dem Leben noch Sinn abzutrotzen. Tick-tick-tick! Der 28. Februar neigt sich seinem Ende zu. Heute Nacht wird die Uhr 24 zurückgestellt. Warum brauchen wir einen 29. Februar, wenn wir den 28. zwei Mal erleben könnten. Bei der Sommerzeit-Umstellung ist das doch auch kein Problem. Die Am-29.-Februar-Geburtstag-Habenden taten mir sowieso immer leid. Sie taten mir auf jeden Fall leider als die 24.-Dezember-Kinder oder die 1.-Januar-Kinder. Erster Januar?, fragt sich vielleicht jetzt die Leserin? Ja, am 1. Januar ist der Feier-Drops gelutscht. Auf den Straßen riecht‘s nach Schießpulver, und Schneematsch, Hundemist und abgebrannte Silvesterraketen zeugen von der Traurigkeit dessen, was nach einer Feier verbleibt. Am 1. Januar wird die Brause-Aspirin getrunken, auf Sekt hat nun keiner mehr Appetit, mit Ausnahme der Sekt-Alkoholikerinnen, die an Neujahrskindergeburtstagen die einzigen Gäste sind. Hinter Sekt lässt sich der Alkoholismus am elegantesten verbergen. Sekt signalisiert: Ich trinke ja nur ein Gläschen, wenn’s was zu feiern gibt. Aber zu feiern gibt’s immer was, wie der Russe weiß: Jeshednewno prasdnik! Der Russe, der den Sekt übrigens Schampanskoje nennt und auch in Zeiten, in denen Fernreisen nichts besonderes mehr sind, Freunde und Verwandte mit Sekt zum Bahnhof bringt oder von dort abholt. Wenn wir alle vier Jahre zwei Mal den 28. Februar zählten, würde sich die Zahl der Depressionen bei den am 29. Februar geborenen reduzieren, da es eben bald keine am 29. Februar geborenen mehr gäbe. Dafür mehr Freude bei den 28.-Februar-Kindern, die ihren Geburtstag zwei Mal feiern dürften: Doppelt so viele Geschenke, doppelt so viele Kuchen und Luftballons, doppelt so viele "Hoch sollse leben!", ein Lied, das leider vom unsäglichen Häppi-Börsdeh überrannt wurde. Ich kenne niemanden, der am 29.2. Geburtstag hat. Nicht einmal einer meiner Facebook-Friends. Ich habe zurzeit 666 Freunde. Ein 29.2. kommt alle 1460 Tage. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer meiner Freunde am 29.2. Geburtstag hat? Mir fällt die Berechnung gerade nicht ein, außer dass es nicht 666 dividiert durch 1460 sein kann. Hilft es meinem Karma, diese Zahl schnell zu ändern? Den 666. Friend zu entfernen oder wahllos jemand anderen hinzufügen. Irgendjemand von den "Ich-hab-dich-bei-der-Lesung-gesehen-du-kennst-mich-nicht-aber-egal"-Anfragen? Oder soll ich der Nummer 666 Hörner anmalen und sie künftig meiden? Stattdessen werden die riesigen Pappeln in unserem Hof abgeholzt, damit dort ein Kindergefängnis für die Eigentumswohnungsbesitzer-Kinder gebaut werden kann. Ich fordere eine Frauenquote für den Holzfällerberuf. Die Linken haben aus Gründen der Frauenquote und des Antifaschismus Beate Klarsfeld fürs Bundespräsidenten-Amt nominiert, weil sie Kiesinger geohrfeigt und Nazis "gejagt" hat. Sie lebt seit 1960 in Paris. Vielleicht keine schlechte Idee – man müsste eben die Gesetzestexte nicht mehr ins Bellevue, sondern in die Rue la Boétie chauffieren. Im Gegensatz zum Stadtschreiber von Charlottenburg könnte sie sich ja aussuchen, wo sie wohnen wollte. Die Politik würde sich vielleicht etwas beruhigen. Aber dann – warum nicht gleich einen Politiker, der in Sambia lebt, oder in der Antarktis. Am besten aber – auf dem Mond.

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370. Nacht

Dass sich die Prinzessin schon einigermaßen erholt zeigt, freut den griechischen König sehr. Und so willigt er ein, sie zum Ebenholzpferd zu führen, damit der prinz

dort den Teufel austreibe.

Vom Prinzen erfahren wir übrigens in einem Nebensatz, dass er

noch immer als Arzt gekleidet war.

Wir haben nie vorher gehört, woher er diese Kleidung erhalten habe, noch dass er mit dieser gewandert sei.

Die beiden heben ab,

und die Krieger starrten ihnen nach, bis er ihren Blicken entschwand. Der König wartete einen halben Tag lang. (…) Schließlich gab er die Hoffnung auf.

Es wäre freilich noch interessant zu wissen, welcher "König" das gewesen sein mochte. Da der Prinz an einer Stelle meint, Sassanidenprinz zu sein, wäre es durchaus möglich, dass wir es mit dem byzantinischen Reich zu tun haben. "Griechenland" also für "Christen" steht.
Der Prinz kümmert sich offenbar auch nicht darum, dass der "Weise" noch lebt, den der griechische König auf den Perser hetzen könnte.

In seiner Heimatstadt angekommen bereitet er

große Festmahle für das Volk der Stadt.

Bereitete er sie allein?

*

371. Nacht

Sein Vater aber zerbrach das Ebenholzpferd.

Seinem Schwiegervater im Jemen sendet der Prinz jährlich Geschenke und besteigt, als sein Vater stirbt, den Thron.

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Die Geschichte von Uns el-Wudschûd und El-Ward Fil-Akmâm

Die Namen der 1001 Nächte tragen nur wenig zu unserer Namensfindung bei. Unsere Freunde und Verwandten würden wohl aufstöhnen, wenn wir unseren Sohn "Uns" nennen würden. Klingt ein wenig nach " Uns Uwe".

Die Tochter des Wesirs Ibrahim nennt sich El-Ward Fil-Akmâm. Sie ist schön;

doch liebte sie die Gelage und den Wein.

Beim jährlichen Schlagball-Spiel erscheint auch ein Jüngling namens Uns el-Wudschûd, und die beiden verlieben sich mit Blicken.
Die Wesirstochter improvisiert ein Gedicht, das sie auch zu Papier bringt und in dem es heißt:

Ja, du bist einzigartig unter allen Menschen;
"Du bist der Schönheit Herr", ist aller Zeugen Ruf.
Und deine Braue gleicht einem Nûn, dem schön geschriebenen;
Dem Sâd dein Augenstern, den der Allgüt’ge schuf.

Nûn:ن
Sâd: ص

Das Blatt hüllt sie

in ein Stück goldgestickter Seide und legte es unter ein Kissen.

Eine Kammerfrau entdeckt es und bietet ihr an, Liebesbotin zu spielen.

*

372. Nacht

Leider verliert die Kammerfrau eines Nachts einen der Briefe. Dieser wird von einem Eunuchen gefunden, der ihn dem Wesir übergibt, welcher

so bitterlich weinte, dass sein Bart von den Tränen benetzt ward.

Seine Gemahlin indes

hielt ihre Tränen zurück.

Doch der Wesir offenbart ihr, dass auch der Sultan Zuneigung zu Uns el-Wudschûd hege und er deshalb um sich selbst und um den Sultan fürchte.

Wird hier auf die Homosexualität des Sultans angespielt?

*

373. Nacht

Die Gemahlin antwortet dem Wesir:

"Warte, bis ich das Gebet um die rechte Leitung verrichtet habe!"

Nach zwei Rak’as schlägt sie ihm vor, der Tochter ein Schloss auf dem Berg Dschebel eth-Thakla im Meere von el-Kunûz zu bauen und sie dorthin zu verbannen.

Und fertig ist der Ausgangspunkt für eine Story der getrennten Geliebten. Das wird noch viele Ohnmachtsanfälle, Krankheiten und ausgeweinte Augen geben.

Mitten in der Nacht ruft der Vater zum Aufbruch, und schreibt Uns el-Wudschûd als Botschaft einen letzten Vers an die Tür. Die Karawane verschifft El-Ward Fil-Akmâm, und das Schiff wird auf Geheiß des Sultans nach Rückkehr der Leute verbrannt.
Uns el-Wudschûd jedoch findet die an ihn gerichtete Botschaft, wird wie von Sinnen, verkleidet sich und wandert aufs Geratewohl los. Als er endlich ruht, um zu trinken, nähert sich ihm ein Löwe.

Er wandte sich in die Richtung der heiligen Stadt und bereitete sich auf den Tod vor. Nun hatte er aber in den Büchern gelesen, dass der Löwe sich durch den, der ihm schmeichelt, betrügen lässt, da er durch freundliche Worte getäuscht und durch Lobsprüche besänftigt werden kann. (…) "O Löwe des Dickichts, du Leu der weiten Flur, du stolzer Held, du Meister, du Ritter, du Sultan der Tiere des Feldes, siehe, ich bin ein Liebender, verzehrt von der Sehnsucht Macht, von Liebe und Trennungsleid dem Tode nahe gebracht. (…)" Als der Löwe diese Worte vernahm, wich er von ihm zurück, setzte sich nieder auf seine Hinterbeine, hob seinen Kopf zu ihm empor und begann mit dem Schwanz zu wedeln und mit den Pfoten zu winken.

Uns el-Wudschûd improvisiert noch schnell ein Gedicht.

Als er diese Verse zu Ende gesprochen hatte, erhob sich der Löwe und kam auf ihn zu.

*

374. Nacht

Der Löwe führt Uns el-Wudschûd in die Steppe, wo er die Fußspuren der Entführer von El-Ward Fil-Akmâm findet. Er folgt ihnen bis ans Meer.

An jener Stätte gab er alle Hoffnung auf.

Er sieht keinen Menschen, und da er sich vor Tieren fürchtet,

stieg er auf einen hohen Berg,

wo er auf einen Einsiedler trifft, dem er sein Leid klagt. Dieser erwidert, er habe zwanzig Jahre lang keinen Menschen mehr gesehen, aber gestern eine Menge Leute,

die auf dem Rücken des Meeres gefahren sind.

Er rezitiert ein Gedicht, das mit folgenden Versen endet:

Drum hoffe in der Liebe auf Glück nicht ohne Qualen,
Da bei dem Glücke gleich das Unglück immer liegt.
Die Liebe hat bestimmt für ihrer Jünger Scharen:
Als Ketzerei verboten ist’s, sie nicht zu wahren.

*

375. Nacht

Nach den Versen umarmt der Einsiedler Uns el-Wudschûd, und beide weinen,

dass die Berge von ihren Klagen verhallten, und sie weinten so lange, bis sie beide in Ohnmacht sanken.

Sagte ich’s nicht?

Inzwischen ringt auch El-Ward Fil-Akmâm mit ihrer Einsamkeit. Sie lässt Vögel der Insel mit Schlingen fangen und sie in Käfige sperren, die sie an ihre Fenster hängt. Tag und Nacht rezitiert sie Gedichte.
Der Eremit indes rät unserem Helden, sich aus Fasern von Palmstämmen ein Netz zu flechten, in das er getrocknete Kürbisse legen soll. Auf dieses Floß soll er sich setzen.

"Fahre auf ihm mitten ins Meer hinaus, vielleicht wirst du dein Ziel erreichen; denn wer nicht wagt, kommt nicht ans Ziel."

Dies tut er,

und er lernte die Wunder und die Schrecken des Meeres kennen,

bis er schließlich starb und die Geschichte aus war. durstig und hungrig auf der Insel Dschebel eth-Thakla landet, wo er Wasser und Früchte findet. Schließlich gelangt er ans Schlosstor, wo er auf einen Eunuchen trifft, der ihn nach seiner Herkunft fragt. Sie stellen fest, dass beide aus

Ispahan

kommen.

Ispahan? In früheren Erzählungen war von Isfahan nicht in der französischen Schreibweise die Rede.

325. Nacht

Ich bin der Auserwählte. Oder einer der Auserwählten. Gehöre zu den 3% Berlinern, die für den Zensus interviewt werden. Instinktiv fühle ich mich ja immer noch mit der Volkszählungs-Boykott-Bewegung von 1983 verbunden, obwohl ich nicht einmal volljährig oder auch nur Bundesbürger war. Womöglich faszinierte mich schon allein der Ungehorsam gegen den Staat. Immerhin hörte man ja viel von jenem 1948 geschriebenen Roman 1984, der auch prompt 1983 verfilmt wurde und von dem man nur Schnipsel zu sehen bekam – immerhin in einem Video meiner damaligen Lieblingsband.

Nun kann ich schon verstehen, dass geplant werden muss: Wieviele sind wir eigentlich? Oder muss man das wirklich? Was wird nach der Volkszählung besser? Sachsen-Anhalt würde dann weniger aus dem Länderfinanzausgleich bekommen. Na, da freuen die sich wohl jetzt schon drauf.

Man ist ja gesetzlich dazu verpflichtet, die Fragen zu beantworten. Aber steht irgendwo geschrieben, in welcher Zeit? Vielleicht sollte ich die Dame einfach sitzen lassen, nebenbei kochen und telefonieren. Und wenn sie nachhakt, darauf beharren, über die Antwort nachdenken zu müssen. Aber vielleicht wird sie ja nicht pro Interview, sondern nach Zeit bezahlt, und es wäre ihr egal. In diesem Fall könnte ich während des Interviews ohrenbetäubenden Death Metal auflegen. Ist ja nicht mein Problem, wenn sie die Antworten nicht versteht. Oder mit Gegenfragen antworten. Stephan Serin wird wohl in den nächsten Wochen noch ein paar Optionen zur Zensus-Beantwortung bei der Chaussee der Enthusiasten präsentieren.

*

Alî Schâr ist vom Trennungsschmerz so ergriffen, dass er von der Alten ein Jahr lang gepflegt werden muss. Als er sich jedoch anschickt, ein zweites Jahr zu trauern, ordnet sie an, er möge sich zusammenreißen und die Geliebte suchen Sie gibt ihm

Wein zu trinken und Küken zu essen.

Hühnerbrühe am Tag und Wick Medinait für die Nacht.

Und tatsächlich gelangt er bei seiner Suche in die Stadt Zumurruds, wo er sich prompt an die Stelle des Tischs mit der Reisschüssel setzt und davon isst. Zumurrud lässt ihn zunächst gewähren und ihn dann vor sich führen.

Könnte eine solche Geschichte nicht auch mal tragisch enden und sie lässt ihren eigenen Lover kreuzigen? Wir werden sehen.

309. Nacht

7 Uhr. Ich werde vorm Weckerklingeln wach. Stehe besorgt auf und prüfe den Himmel auf dem Balkon: Kein Wetterumschwung. Regen und keine Ende in Sicht. Soll ich’s vielleicht doch wagen? Keine Frage – irgendwie würde ich durchkommen. Aber dann, auf den letzten 10 Kilometern das Geacker, ohne noch genügend innere Wärme zu haben. Und dann liege ich womöglich eine Woche flach. Ich entscheide mich dagegen. Beim Frühstück kommen wir Zweifel. In meinem Kopf sehe ich die Läufer bei ihren Vorbereitungen. Im Tiergarten riecht es jetzt nach Franzbranntwein und Pisse, aus den Lautsprechern die peinliche Bumsmusik, freundliche Jugendliche auf den Kleidungscontainern, die das alles auf sich nehmen und eigentlich kaum etwas vom Geschehen mitbekommen. Die ohnehin stets matschigen Wiesen werden jetzt versumpft sein. Die Läufer kleben sich ab, machen sich warm, betreiben ihre persönlichen Rituale, ziehen sich die Mülltüten über, um warm zu bleiben. Ob ich vielleicht doch noch losgehe. Ich könnte es noch schaffen. Schließlich habe ich fast 100 Euro für die Anmeldung bezahlt. Ein dummer Gedanke. Als ob der Betrag etwas daran ändert, wenn ich nachher im Bett meine Grippe auskuriere.
Setze mich zum Trost ans Klavier. Meine neue Aufgabe: Mozarts Es-Dur-Sonate 1. Satz, KV 282. Perlende Dreiklänge in die linke Hand bekommen.

*

Desweiteren lehrt der sterbende Vater den Wert des Reichtums, die Notwendigkeit der Barmherzigkeit, die Ehrfurcht vor Älteren, sich vor Weingenuss in Acht zu nehmen.

Dan schwanden ihm die Sinne, und er schwieg eine Weile; als er wieder zu sich gekommen war, bat er Gott um Verzeihung für seine Sünden, sprach das Glaubensbekenntnis und ging ein in die Barmherzigkeit.

Einen Atheisten müssen doch derartige Parallelen zwischen Christentum und Islam erstaunen.

Dem Verstorbenen schreiben sie aufs Grab:

Aus Staub geschaffen tratest du ins leben
Und hast der Sprache edle Kunst erlernt;
Du kehrtest heim zum Staube jetzt als Toter,
Als hättest du dich nie vom Staub entfernt.

Kurze Zeit darauf verstirbt auch die Mutter. Alî Schâr versucht, Handel zu treiben, jedoch ohne Glück. Da

schlichen sich die Bastarde mit List bei ihm ein und gesellten sich zu ihm, bis er mit ihnen schlechte Dinge trieb und abseits vom rechten Wege blieb; und er schlürfte dein Wein aus Bechern ein, und zu den Mägdelein ging er früh und spät zum Stelldichein.

Hast du dein ganzes Leben lang
Für dich gesammelt und gerafft –
Wie hast du dann Genuss an dem,
Was du gesammelt und geschafft?

Bald hat er sein ganzes Geld verprasst, und seine Bastard-Freunde, an die er sich nun wendet, verleugnen ihn.

Dann ging er zum Basar der Kaufleute.

308. Nacht

Null Uhr, es ist ziemlich frisch. Radle durch Mitte. Seit langem mal wieder durch die Oranienburger Straße. Kaum noch etwas wiederzuerkennen. Die letzten 10 Jahre haben so viel verändert wie die 10 Jahre zuvor. In den Räumen der Assel ein Luxus-Schuh-Geschäft. Selbst wenn es 50 Jahre besteht, wird es nie ein Tausendstel an Menschen glücklich machen, wie die Assel früher in einem Monat.

Vor der Synagoge stehen nie Nutten, auch nicht auf der gegenüberliegenden Seite. An wen muss man sich da als Synagogen-Verantwortlicher wenden?
Auf der Brücke Bodestraße die russische Akkordeonistin, der ich schon vor 15 Jahren dort immer auf dem Weg zur Uni begegnet bin. Gebe ihr 50 Cent und spreche sie zum ersten Mal an, nur kurzer Wortwechsel; erfahre, dass sie aus Moskau stammt und in der Nähe wohnt. Aber eigentlich wollen wir beide nicht reden. Fahre weiter. Die historische Mitte fast ausgestorben, und ich bin erschüttert wie schon früher, wenn man sich der Einmaligkeit dieses einsamen Moments bewusst wird. Ich stehe am Berliner Dom, der angemessen beleuchtet ist und bin jetzt der Einzige, der das sieht. Was für ein Luxus!

*

Am Tisch des Kalifen el-Mamûn gibt es eine Sitzordnung. Und mit jeder weisen Antwort, die der Fremde dem Kalifen gibt, rückt er eine Stufe höher, d.h. näher an den Kalifen.

Dann rüstete man zum Trinkgelage; die heiteren Tischgenossen kamen zuhauf, und der Wein begann seinen kreisenden Lauf.

Der Weise aber verweigert sich und erwidert auf die verwunderte Nachfrage des Kalifen:

"Wenn dein Knecht Wein tränke, so würde der Verstand weichen und die Torheit ihn erreichen."

El-Mamûn belohnt ihn für diese Weisheit mit hunderttausend Dirhems, einem Ross und prächtigen Gewändern.

Ob er zu saufen aufhört, wird hingegen nicht berichtet.

*

Die Geschichte von Alî Schâr und Zumurrud

In Chorasân lebte ein Kaufmann, der, als er merkt, dass er stirbt, seinen Sohn zu sich ruft, und ihn zu Misstrauen ermahnt:

"Werde mit keinem Menschen vertrauter, als es sich gebührt."

In deiner Zeit lebt keiner, des Freundschaft man erstrebet,
Kein Freund, der Treue wahrt, wenn das Geschick betrügt.
Drum leb für dich allein, verlasse dich auf niemand!
Mein Wort ist guter Rat für dich, und das genügt.

Soziologisch gesehen, sind Vertrauen und Misstrauen zwei Seiten einer Medaille. Die Medaille heißt Reduktion von Komplexität: Angesichts der Unfähigkeit, genügend Informationen zu haben, entschließt man sich, zur Erwartung, dass Alter im Sinne von Ego handelt. Oder (im Falle von Misstrauen), dass er das nicht tut. Sowohl Vertrauen als auch Misstrauen befähigen zu auf Intuition beruhenden Entscheidungen.
Psychologisch hingegen sind weniger misstrauische Menschen meist im Vorteil. So konnten in einer Studie die misstrauischen Probanden weniger gut Lügner am Gesicht erkennen.

Doch auch folgendes gibt der Vater mit auf den Weg:

Es bietet nicht zu jeder Zeit und Stunde
Sich uns Gelegenheit zu guter Tat.
Wenn sie dir möglich ist, so tu sie eilends,
Eh sich die Möglichkeit entzogen hat.

296. Nacht

9.8.2001: Schöner Verführungstrick. Ö. schreibt scheinbar eine Mail an mehrere Freunde, in der sie sie fragt, ob nicht jemand mit ihr für zwei Wochen nach Griechenland fliegen will. In Wirklichkeit geht die Mail nur an mich.
9.8.2002: Entscheide mich, doch nicht in die USA zum Schriftstellertreff zu fliegen.
9.8.2003: Wladimir letztmalig beim Kantinenlesen
9.8.2005: Erkältet. Werde vorm King Kong Club gewarnt
9.8.2007: Der Designer schickt mit dem Entwurf auch noch eine ankumpelnde Laber-Mail mit dem augenzwinkernden Hinweis, er und sein Kollege hätten während der Arbeit in den letzten Stunden nur gekifft. Da hat er ja gleich einen Stein bei mir im Brett. Was hier beginnt und in den nächsten Tagen eskaliert, ist eines jener Kommunikationsereignisse, bei dem die Teilnehmer sich mit jedem Kommunikationsakt in einen Strudel nach unten ziehen (nach unten eskalieren? Ja, ich glaube, das kann man sagen.). Er nervt mich mit seiner frotzelnden und witzelnden Art (die ich im übrigen überhaupt nicht witzig finde) dermaßen, bis ich ihm am Telefon sage, dass ich nicht von ihm verulkt werden will. Er entschuldigt sich, macht einen Rückzieher, nicht ohne noch mal zu witzeln. Vermutlich war schon der Hinweis aufs Kiffen ein Versuch, soziale Nähe herzustellen. Ich bin am Ende nur genervt über jede Minute, die ich mit ihm am Telefon verbringen muss und versuche, ergebnisorientiert zu kommunizieren. Er hält das offenbar für gefühlskalt und außerdem für unangemessen; denn schließlich erweist er uns ja nur einen Gefallen, einen Freundschaftsdienst, und keine bezahlte Dienstleistung. Für mich wäre es Freundschaftsdienst genug, wenn die Telefonate nur halb so lang dauern würden.
9.8.2009: Kein Vorwort und keine Danksagungen im neuen Chaussee-Buch, wird entschieden; normale Bücher hätten das auch nicht.
7.8.2010: Schlauchbootfahrt zu viert über den Schermützelsee im warmen Regen. Die Schirme schützen uns gut, aber die vorbeifahrenden Dampferbootgäste scheinen uns für verrück oder für Pechvögel zu halten. Die letzten 500 Meter zur Fischerkehle schwimme ich. Der Wirt scheint schon sauer, weil wir am falschen Steg anlegen.
"Wat wird’n dit?"
"Tut uns leid. Ist das der falsche Steg? Wir haben erst jetzt das Schild gesehen."
"Und jetze?"
"Wir würden bei Ihnen einkehren."
"Aber bei mir nur angezogen. Wir sind ein Speiserestaurant"
"Ich weiß, drei von uns haben die Schuhe auf der anderen Seite des Sees gelassen. Wir bleiben einfach auf der Cafeteria."
"Na, Sie werden ja nicht den ganzen Weg von Berlin so jekommen sein!"
"Nein, wir haben, wie gesagt, die Schuhe auf der anderen Seite des Sees gelassen."
"Na, Sie werden ja nicht den ganzen Weg von Berlin so jekommen sein!

*

Alî der Perser fährt fort, aufzuzählen, was sich im umstritten Sack befände:

"ein Panzer und Schwerter und Kammern, mit Waffen angefüllt, […] ferner Schafe in ihren Ställen, und tausend Hunde, die laut bellen; […] Bildwerke und Malerein, Flaschen und Becher im Verein […] liebe Freunde und traute Gesellen, Strafgefangene und Genossen, die sich zum Umtrunk einstellen; eine Mandoline, Flöten, Fahnen und Standarten, Knaben und Mädchen und Bräute, die auf ihre Entschleierung warten, Tigris und Euphrat, ein Fischernetz und Feuerstahl, Iram die Säulenstadt, Lustknaben und Kuppler, tausend an der Zahl […], Holz und ein Nagel dabei, […] alle Reiche von Indien bis zum Sudan […]und tausend scharfe Messer, um den Bart des Kadi abzuschneiden, sollte er meinen Groll nicht fürchten und nicht entscheiden, dass der Sack mir gehört."

Bemerkenswert:
1. Die Beleidigung des Kadis, die einen Spruch zu Gunsten Alîs ziemlich unwahrscheinlich machen.
2. Das Nebenher der Aufzählung aller Reiche, von denen alles andere ja dann ohnehin eine Teilmenge ist.
3. Die Mandoline, die Strafgefangenen, die Kuppler.

Der Kadi lässt den Sack öffnen, darin befinden sich Brot, Zitronen, Käse und Oliven.

Dann warf ich den Sack dem Kurden vor die Füße und ging meiner Wege.

***

Die Geschichte von Harûn er-Raschîd, der Sklavin und dem Kadi Abu Jûsuf

Dscha’far und Harûn er-Raschîd beim Zechen. Der Kalif:

"Dscha’far, mir ist berichtet worden, dass du die Sklavin Soundso gekauft hast. […] Verkauf sie mir."

Der Name der Sklavin wird auch im Weiteren keine Rolle spielen, obwohl es die ganze Zeit nur um sie allein geht.

"Ich will dreimal von meinem Weibe geschieden sein, wenn ich sie dir verkaufe oder schenke."

Auch der Kalif schwört diesen Eid im Suff.

Im Islam wäre die Scheidung nun rechtskräftig.

Zu Sinnen gekommen, rufen sie den Kadi Abu Jûsuf herbei, der ihnen aus der Patsche helfen soll.
Dessen erster Rat:

"Dscha’far verkauf dem Beherrscher der Gläubigen ihre eine Hälfte und schenk ihm die andere Hälfte, dann seid ihr beide eures Eides ledig!"

 

284. Nacht

Sonnenschein. Ich sitze im Park mit meinem Laptop und designe unsere Workshopflyer. Neben mich setzt sich eine alte Frau, die einen Rollstuhl mit ihrem Mann schiebt. Ich habe ihn immer für einen Türken gehalten, aber sie spricht ihn auf Russisch an. Ich frage sie, ob sie aus Russland seien. Nein, aus Tadschikistan, lautet die Antwort auf Deutsch. Ich werde hellhörig. Ihr Akzent ist nicht typisch für Russen. Vielleicht deutschsprachige Minderheit, vielleicht sogar jiddischer Einschlag? Frage, wie sie denn nach Tadschikistan gekommen sei. Sie deutet auf ihren Mann, der habe im Afghanistankrieg gekämpft. Er stammelt auf Russisch, wie von einem Schlaganfall gelähmt. Berichtet von grauenhaften Kämpfen, seine emotionale Mimik wirkt wie ein Zitat einer fernen Erinnerung an ein Gefühl. Wie bei jemandem, der eine Geschichte immer und immer wieder auf dieselbe Art erzählt hat. Oder liegt es an der Lähmung, die ihn beschränkt. Seine Frau dolmetscht simultan. Ihre Aussprache wird durch das kaputte Gebiss verstümmelt, aber ihr Timing ist so perfekt, als habe sie das früher professionell gemacht. Wo sie denn herkomme, frage ich. Ukraine. Und, hake ich noch mal nach, warum Tadschikistan? Sie berichtet, dass sie in der Nähe von Dnepopetrowsk geboren sei, dann als kleines Mädchen im Krieg nach Polen geschickt, dann wieder von den Deutschen in die Ukraine, dann nach Deutschland…
"Und gutt. Bekamen wir zu essen. Wurden wir gefittert. Dann auf einmal nach Hause. Mutter gesagt: Ich kann nikt merr. Gutt. Alle zurick in Ukraine Kriwoi Rog. Dann auf einmal die Deutschen saggen: Alle nach Deitschland. Und ikh warr nur kleine Mädchen. Barfuß. Berlin. In Krieg. Bekamen wir zu essen. Wurden wir gefittert. Dann auf einmal nach Hause. Mutter gesagt: Ich kann nikt merr. Gutt. Alle zurick in Ukraine."
Nach drei Mal hin und her Ukraine/Deutschland, scheint klar zu sein: Sie hat sich in ihrer Geschichte verlaufen. Ich versuche zu helfen, ohne die Story anzuzweifeln: "Da ging es wohl viel hin und her, oder?"
"Ja, viel hin und her. Und dann sagen die Deitschen. Zurick Ukraine. Gutt. Wir in Garten gesessen. Mutter hat geweint. Dann nach Deitschland."
Sie kommt aus der Schleife nicht heraus. Ich versuche noch einmal: "Und dann mussten Sie nach Tadschikistan?" Aber sie bleibt in ihrem Ukraine/Deutschland-Pendel gefangen.

***

Nicht nur wäscht und füttert man den armen Abortreiniger, er darf sich neben die Schönheit setzen und mir ihr Wein trinken und mit ihr im Bett ruhen.

Dort legte sie sich nieder, und ich ruhte bei ihr bis zum Morgen; und so oft ich sie an meine Brust drückte, sog ich den Duft des Moschus und der anderen Wohlgerüche ein, und ich glaubte nicht anders, als dass ich im Paradiese wäre, oder dass ich schliefe und träumte.

Sie entlässt ihn am nächsten Morgen mit 50 Goldstücken. Für zwei Heller kauft er sich Brot und Zukost.

Die Übersetzung "Heller" scheint mir ziemlich ungeschickt. Denn der Heller – abgeleitet von Hall (dem heutigen Schwäbisch Hall) – war als Münze nur im süddeutschen Raum verbreitet: Deutschland, Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn (Filler).

Den Rest vergräbt er. Eine Sklavin holt ihn am Abend, und das Spiel wiederholt sich nun acht Tage lang, bis ihr Gatte nach Hause kommt, und der Abortreiniger sich versteckt.

Ich erblickte einen jungen Man zu Ross, gleich dem Monde, der in der Nacht seiner Fülle aufgeht; eine Schar von Mamluken und Kriegern zu Fuß begleitete ihn.

Der junge Herr tritt auf die Dame zu, küsst den Boden vor ihr und ihre Hände, entschuldigt sich bei ihr, doch sie würdigt ihn keines Blickes.

279. Nacht

Noch bevor Schaddâd und sein Gefolge die Stadt erreichen,

sandte Allah auf ihn und auf alle die ungläubigen Ketzer, die bei ihm waren, eine Gottesstrafe vom Himmel seiner Allmacht herab, und die vernichtete sie alle mit gewaltigem Getöse. Weder Schaddâd noch irgendeiner von denen, die bei ihm waren, erreichte die Stadt, niemand sah sie. Auch verwischte Allah die Spuren der Straße, die zu ihr führte.

Dass die Verlassenheit der Stadt ein Zeichen für eine göttliche Strafe ist, hat man sich eigentlich denken können, aber eigentlich hatte ich auf den Frevel noch gewartet – meist sündigen die Bewohner zerstörter Städte durch Maßlosigkeit, Völlerei oder Abwendung von Gott. Hier aber scheint der Nachbau des Paradieses selbst die Sünde zu sein – ähnlich wie im Mythos des Turmbau zu Babel. Im Koran wird darauf gedeutet, dass die Bewohner der Stadt den Warnungen des Propheten Hud kein Gehör schenkten.

Die einzigen, die diese Stadt gesehen haben sollen, seien ein Gefährte Mohammeds und eben der seine Kamele suchende Abdâllah gewesen.
Ein weiterer Anwesender namens esch-Scha’bî fügt folgende Ergänzung ein: Der Sohn Schaddâds, nämlich Schaddâd der Jüngere, welcher als Statthalter in Hadramaut zurückgeblieben war und nun Nachfolger seines Vaters wird, ließ dessen Leiche zurückführen und in einer Gruft in einer Höhle auf einem goldenen Thronlager unter

siebenzig Tüchern, die aus Gold gewebt und mit Edelsteinen besetzt waren,

bestatten.

Zumindest bei Wikipedia werden die Schaddâds nicht als Herrscher von Hadramaut erwähnt.

Auf einer Tafel zu Häupten des Vaters ist zu lesen:

Sei gewarnt, du, den die lange
Lebenszeit betöret hat!
Ich, Schaddâd, von Âd entsprossen,
war der Herr der festen Stadt;
War der Herr der Kraft und Allmacht,
Voll von wildem Heldenmut.
Untertan war alle Welt mir,
Fürchtend meines Zornes Glut,
Ost und West hielt durch der Herrschaft
Festen Zwang ich in der Hand.
Auf den rechten Weg dann wies und
Der Prophet, zum Heil gesandt.
Doch wir trutzten ihm und riefen:
Gibt’s denn keine Zuflucht mehr?
Da kam über uns ein Unheil
Aus der Ferne weit daher.
Wie die Schwaden bei dem Mähen
Sanken wir zu Boden tot.
Und nun harren wir im Staube
Auf den Tag, der uns bedroht.

Fragt sich, wie sie sich auf den Propheten beziehen können, wenn der zu ihrer Zeit noch gar nicht lebte, oder ist der Prophet Hud gemeint?

Und auch ein Dritter, namens eth-Tha’âlibi meldet sich zu Wort und weiß weitschweifig von einer Plünderung des Grabs von el Schaddâd, inklusive Tafel, zu berichten

Nach neuster Forschung (begonnen mit Aufnahmen aus dem Space Shuttle) hat die Säulen-Stadt Imram tatsächlich existiert.

***

Die Geschichte von Ishâk el-Mausili

Ishâk el-Mausili berichtet, betrunken von einer Feier nach Hause zu torkeln. In einer Seitengasse

verrichtete ich mein Bedürfnis im Stehen, denn ich fürchtete, es könne mir etwas zustoßen, wenn ich mich an einer Mauer hinhockte.

Wenn einem als Stehpinkler partout keine Ausrede mehr einfällt…

Aus einem der Häuser hängt ein vierhenkliger mit Brokat gefütterter Korb, in den sich Ishâk el-Mausili aus einer Laune heraus setzt. Der Korb wird hochgezogen und vier Sklavinnen heißen ihn willkommen. Er befindet sich nun in einem Haus mit so schönen Räumen,

wie ich die nur im Palaste des Kalifen gesehen hatte.

Mädchen schreiten einher.

Die dürfen nicht fehlen.

die Wachskerzen und Räucherfässchen aus sumatranischem Aloeholz trugen.

Die Schönste von ihnen setzt sich zu ihm und man trägt einander Verse vor,

die allerdings ausnahmsweise nicht ausgeführt werden.

Darauf befahl sie, Speisen zu bringen.

Nun sprach Dinazâd zu ihrer Schwester Schehrezâd: „Wie köstlich ist doch deine Erzählung und wie entzückend, wie lieblich und berückend!“ Aber die Schwester erwiderte: „Was ist all dies gegen das, was ich euch in der kommenden Nacht erzählen könnte, wenn der König mich am Leben zu lassen geruht.“

Nach vielen Nächten taucht Dinazâd mal wieder auf. Inzwischen sind zehn Monate nach Mondrechnung vergangen.

274. Nacht – Regeln

Mühsam hat man sich in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenendasein emanzipiert von allen möglichen willkürlichen Regeln. Und dann spielen einem Hirn und Psyche einen Streich – man verfängt sich in Regeln, die man auch nicht selbst gewählt hat, miesen Angewohnheiten. Und je freier man das eigene Leben zu gestalten in der Lage ist, umso näher liegen die Verführungen der schlechten Gewohnheiten, die man durch eigene Rituale, durch Ratgeberliteratur und bekanntlich im härtesten Fall mit Therapie wieder zurechtrücken muss. Ordnung/Unordnung, Umgang miteinander in Beziehungen, Ernährung, Süchte, Arbeit, Umgang mit dem eigenen Körper (Hygiene, Sport, Bewegung, Krankheiten), Familie, Umgang mit Fremden. Man studiert das Feng Shui Buch, und sagt sich am Ende: "Räum auf!"

*

Auf den Kopf von Ibrahîm ibn el-Mahdî ist eine Belohnung von hunderttausend Dinaren ausgesetzt.

Von seinen Erlebnissen erzählte Ibrahîm folgendermaßen: "Als ich von dieser Belohnung hörte, fürchtete ich um mein Leben."

Der Sprung in die Ich-Perspektive erscheint fast ein bisschen willkürlich.

Verkleidet zieht er von Haus zu Haus, landet in einer Sackgasse und fürchtet, Verdacht auf sich zu ziehen, falls er umkehrt. Da

sah ich am oberen Ende der Straße einen Schwarzen vor der Tür des Hauses stehen.

Das Auftauchen eines Schwarzen bedeutete in den bisher erzählten Geschichten praktisch immer Unglück.

Ibrahîm bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu bitten, dort ein wenig verweilen zu dürfen. Tatsächlich gestattet es ihm der Schwarze, bietet ihm eine Raststatt in einem

sauberen Raum mit Decken und Teppichen und Lederkissen

Doch er verschwindet und verriegelt die Tür.

"Der da ist sicher fortgegangen, um mich zu verraten!"

Doch er kommt mit Speisen und Getränken zurück,

"…die noch von keiner Hand berührt sind."

Doch es bleibt nicht bei diesen Diensten:

"Ich will mein Leben für dich dahingeben! Ich bin ein Bader, der das Blut schröpft, und ich weiß, dass du dich vor mir ekelst, weil ich von einem solchen Gewerbe lebe."

Außerdem serviert er Wein

und sprach zu mir: "Kläre ihn dir, wie du es wünschest."

Wein klären = Filtern?

Damit nicht genug – es stellt sich heraus, dass der Schwarze die Identität seines Gastes kennt, und dennoch zu ihm steht.

Als er solche Worte sprach, stieg er hoch in meiner Achtung, und ich war überzeugt, dass er von edler Art war. Darum erfüllte ich seinen Wunsch, nahm die Laute zur Hand, stimmte sie und sang ein Lied, in dem ich der Trennung von meinen Kindern und von den Meinen gedachte.

Er, der dem Joseph einst die Seinen wiederschenkte
Und ihn in Kerkers Banden zu Ehren hat gebracht,
Er kann auch uns erhören und wiederum vereinen;
Denn Allah ist der Herr der Welt in Seiner Macht.

Die Erzählerin wechselt kurz wieder in die 3. Person:

Es heißt ja auch, dass die Nachbarn Ibrahîms, wenn sie nur hörten, wie er rief: "He Knabe, sattle die Mauleselin!" schon durch den Klang dieser Worte in Entzücken gerieten.

Auch der Bader, dessen Namen wir immer noch nicht wissen, singt ein Lied, und er weist das Geld, dass Ibrahîm ihm geben will, zurück.

1. Wird hier eine Fallhöhe aufgebaut, und der Bader am Ende sein wahres Gesicht zeigen? Oder bleibt dieser Schwarze die rühmliche Ausnahme?
2. Offensichtlich haben wir es mit einer politisch motivierten Geschichte zu tun. Man ist auf Seiten Ibrahîms. Aber wie sich das genau historisch einordnet, bleibt mir unklar.

 

268. Nacht – Eigenwilliges Naschwerk und Leopardenschlüpper für österreichische Experimental-Oboistinnen

Helge Schneider: "Ich bin kein Kirchist."

**

Im April 2007 durfte ich mit Jochen Schmidt nach Sibirien reisen. Den Bericht darüber habe ich bisher bei der Chaussee der Enthusiasten vorgelesen, aber sonst noch nicht veröffentlicht. Es ist an der Zeit.

Сибирь занимает большую территорию I
Eigenwilliges Naschwerk und Leopardenschlüpper für österreichische Experimental-Oboistinnen

 

Man hatte die Hoffnung ja schon längst aufgegeben, dass sich ein Goethe-Institut-Knecht finden würde, der die Chaussee der Enthusiasten auf eine Lese-Tour nach Russland einladen würde. Dabei lag es ja auf der Hand: Kurze, leicht übersetzbare, aber anspruchsvolle Geschichten, vorgetragen von anmutigen Autoren, die aus ihrem Russland-Faible nie einen Hehl gemacht hatten, sondern ihn wie einen Pionierwimpel vor sich hertrugen. Was hatte ich nicht alles getan: Ich hatte dem Institut ein Chaussee-der-Enthusiasten-Buch und einen ganzen Stapel unserer Hefte geschickt, auf unsere erfolgreichen Auftritte in Amsterdam und Lille verwiesen, meine Scham überwunden und schlechten Gewissens eine von mir einmal verlassene Freundin wieder angerufen, von der ich wusste, dass sie jemanden kannte, der jemanden kannte, der im russischen Goethe-Institut arbeitete, wir hatten uns sogar nach einer Moskauer Straße benannt. Stattdessen setzte man in Moskau lieber darauf, Dichterinnen, die vor 10 Jahren mal bei einem Provinz-Poetry-Slam den dritten Platz belegt hatten, oder gar österreichische Experimental-Oboistinnen wieder und wieder ins Russenreich zu karren, weil das ja die anderen Goethe-Institute auch so praktizierten. Und so kam die E-Mail mit der Einladung nach Sibirien etwas unerwartet. Sie hatten den Zeitpunkt gut abgepasst. Ich war knapp unter Vierzig, und so konnten sie mich noch unter der Kategorie „Junger Schriftsteller“ ankündigen, aber dieses Etikett gilt in Deutschland vielleicht für jeden, bei dem man sich noch keine Gedanken machen muss, mit welchen Vorrichtungen man den Rollstuhl auf die Bühne gehievt kriegt.
Ich arbeitete an einer Übersetzung, trat viermal pro Woche auf, unterrichtete 2 Improvisationsheaterklassen, ermunterte meine an Frühschwangerschaftskotzerei leidende Schwester, und vertröstete meine Gefährtin Woche für Woche, Regale, Lampen, Lichtschalter, Vorhänge und Bilderrahmen anzubringen, die seit unserem Einzug vor 3 Monaten immer noch vorwurfsvoll im Korridor standen. Kein günstiger Zeitpunkt, um sich nach Sibirien zu verpissen. Aber Russland war ein Magnet für mich, es zog mich an und stieß mich ab. Ich hatte mich Anfang der 90er mit jungen Moskauer Punkbands befreundet, wir waren viermal auf die Krim gereist, ich hatte 1991 den Putsch gegen Gorbatschow live vom Fenster eines Freundes miterleben dürfen, und ebenso die Beschießung des Parlaments zwei Jahre später, ich hatte eine russische Patentochter, die ich fast nie sah, meine Mutter war in russischer Kriegsgefangenschaft entstanden, ich liebte russische Musik und das raue russische Essen, und ich verabscheute die „russische Seele“, die die russischen Rohlinge immer dann aus dem Sack ließen, wenn sie ihre Grobheit in Wodka ertränkt hatten, dann aber nicht etwa zärtlich wurden, sondern schlicht zur allergröbsten Grobheit nicht mehr in der Lage waren. Kurz gesagt: Ich musste nach Sibirien.
***
Als ich in der Abreisenacht rucksackbeladen und wegen eines Auftritts leicht verspätet, um 23.30 Uhr vom Bahnhof Treptower Park meinen Reise- und Lesebegleiter Jochen Schmidt auf dem Handy anrufe, damit er die Damen auf dem Flughafen davon abhalten möge, das Check In zu früh zu beenden, ich würde mich schon beeilen, wundere ich mich über die fehlenden Flughafen-Hall-Geräusche am anderen Ende der Leitung. Schmidt ist noch nicht einmal aus seiner Wohnung gegangen, und so bleibt es mir überlassen, die Damen auf dem Flughafen zur Verlängerung des Check In zu Jochens Gunsten überreden.
Wir sind die letzten Passagiere, bei der Sicherheits-Überprüfung nimmt man uns schon nicht mehr ernst und schäkert untereinander, nicht wissend, dass aufmerksame Schriftstellerohren die Metalldetektorpforte durchqueren. Der Dialog in diesem Setting zwischen der einen Politesse an der Durchleuchtmaschine und der anderen mit der ulkigen Detektorlupe könnte der Beginn eines Tarantino-Films sein:
„Wat willste denn da nach Thailand extra nô Hemden mitnehmen?“
„Na, een T-Shirt dô wenigstens!“
„Nö, da loofen wa dô alle nackee rum! Ne Zahnbürschte und ’n Leoparden-Schlüppa, dit muss reichen.“
„’n Leoparden-Schlüppa? Du hast ’n Leoparden-Schlüppa! Ick fasset nich!“
Wir müssen weiter, dürfen nicht mehr mitlauschen, aber im Geiste drehe ich den Film weiter: Nach uns letzten beiden Passagieren kommt noch der Sky-Marshall angehetzt, bei dem (wie immer) der Alarm piept. Er lässt (wie immer) einen flotten Spruch fallen, man kichert. Im Flugzeug stellt er sich heraus, dass der Sky-Marhall selber ein Entführer ist. Cut! Zeitsprung. Er wurde von seinem sadistischen SM-Partner dazu gezwungen. Cut! Der Pilot vertuscht seit Jahren seine starke Sehbehinderung, aber er hängt an dem Job wegen der nymphomanischen Stewardessen. Als der kriminelle Sky-Marshal droht, dem Piloten die Augen auszustechen, lacht der nur, da das für ihn ja keinen Unterschied mehr macht. Das Flugzeug landet nun immer wieder auf verschiedenen Flughäfen in aller Welt, kein Land fühlt sich zuständig, und kein Innenminister nirgends will die Befreiung der Geiseln unternehmen, da das Risiko zu klein ist, und man sich somit keine Lorbeeren als harter Bulle verdienen kann. Inzwischen ist der sadistische Partner des Sky-Marshalls in Thailand angekommen, wo er sich zu seiner eigenen Überraschung, nicht mit einer Thai-Prostituierten, sondern einer deutschen Touristin vergnügt, in die er sich verliebt hat. Sie belustigen sich im Swimmingpool des Hotels, doch als er sie dort für seine Sado-Spielchen ausnutzen will, wehrt sie sich. Am nächsten Morgen findet das Personal seine Leiche auf dem Grund des Swimmingpools. Sie stellen fest, dass er mit einem Leoparden-Schlüppa erwürgt wurde.
***
Wir heben ab, Jochen setzt sich seine Schlafmaske auf und klemmt sich Ohropax in die beiden dafür vorgesehenen Körperöffnungen. Mit diesen Utensilien, die für ihn so wichtig sind wie für Asthmatiker ihr Spray, eliminiert er zwei wichtige Wahrnehmungsformen, und glaubt irrigerweise, ihre Benutzung garantierten ihm Schlaf.
Um drei Uhr nachts wird das Frühstück serviert. Und während ich wieder einmal meine Knie abwechselnd in den Gang, in Jochens Magengrube und gegen die Rückenlehne meines Vordermanns platziere, frage ich mich, ob diese Nahrungsersatzverabreichung auf kurzen Flügen nicht lediglich dazu dient, die Fahrgäste bei Laune zu halten, da sie sich sonst wie Kinder benehmen: Ich muss mal, ich will was zu trinken, mir ist warm, ich muss mal, wann sind wir endlich da, nein der da hat angefangen, wieso darf ich mir denn keine Mütze aus dem Security-Prospekt basteln?
 

***

Die Prinzessin spricht zu einer Begleiterin

"Du hast mich aufgeheitert, Zubaida!"

Und so erkennt Alâ ed-Dîn, dass diese Zubaida seine Gattin ist, die doch eigentlich tot sein müsste.
Die Prinzessin fährt fort, Zubaida zu trösten, Alâ ed-Dîn sei

in dieser Kammer dort und hört, was wir reden."

Sie rennen auf einander zu und sinken ohnmächtig zu Boden. Es stellt sich heraus, dass eine im Dienst der Prinzessin stehende Dämonin in den Körper von Zubaida gefahren war und Zubaida auf diese Weise zur Prinzessin gelangte.

Deus ex machina.

Dieser Prinzessin war durch ihre Großmutter geweissagt worden, sie würde eines Tages Alâ ed-Dîn heiraten.
Alâ ed-Dîn geht auf das Angebot ein, vorausgesetzt, sie ist Muslimin. Das ist sie tatsächlich, denn sie

las die vier Bücher, die Tora, das Evangelium, die Psalmen und den Koran.

Das hat sie bekehrt. Zubaida nimmt das neuerliche Eheversprechen ihres Gatten klaglos hin.
Außerdem klärt ihn die Prinzessin über die Vorgänge in Bagdad seit seiner Abreise auf. Den fünfeckigen Zauberstein habe sie übrigens von ihrer Großmutter, und sie hatte ihn Alâ ed-Dîn zukommen lassen Der Kapitän war einer ihrer Verehrer, den sie losschickte, um Alâ ed-Dîn nach Genua zu holen. Ihr Vater wiederum hat eine große Angst vor Alexandriern, die er alle hinrichten lässt, da ihm durch seine Mutter geweissagt wurde, er würde durch einen Mann aus Alexandrien getötet.

Man ahnt schon, wer ihres Vaters Mörder sein wird.

Am Abend betäuben sie den König mit Wein und Bendsch, fesseln ihn und geben ihm

das Gegenmittel gegen Bendsch.

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245. Nacht – Übernachten in den USA

US-Bundesstaaten, in denen ich übernachtet habe:

  • New York

  • Louisiana

  • Illinois

  • Massachusetts

  • Connecticut

**

Ni’ma und Nu’m umarmen einander und sinken erwartungsgemäß ohnmächtig zu Boden. Die Schwester des Kalifen bestellt Wein und Speisen.

Die Becher kreisten bei ihnen hin und her, und bald kannten sie keine Sorge mehr.

Anders dagegen Wilhelm Busch über die „Fromme Helene“: „Es ist ein Brauch von Alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ So oder so wird dem Alkohol eine sorgentrübende Wirkung zuerkannt. Die Helene-Geschichte habe ich als Kind bestimmt zwanzig Mal gelesen, aber nie verstanden, im Gegensatz z.B. zu Knopp, den ich sehr mochte. Vielleicht mal das Busch-Album wieder besorgen und neu lesen.

Die beiden Liebenden singen Liebeslieder zur Laute.

Da plötzlich trat der Beherrscher der Gläubigen zu ihnen ein.

Besoffen und angeheitert vorm Kalifen – wer wollte das nicht.

Ni’ma, immer noch in Mädchenkleidern, gibt sich als Freundin Nu’ms aus. Der Kalif verspricht „ihr“ ein prächtiges Gemach.

… und prüft zum Glück, im Gegensatz zu seiner Schwester nicht ihre Mädchenbrüste.

Man amüsiert sich weiter, und gegen Mitternacht beginnt die Schwester des Kalifen, ihm eine „fiktive“ Geschichte über ein Liebespaar mit Namen Ni’ma und Nu’m zu erzählen.

235. Nacht – Schwimmen können

Mardschâna verliebt sich in el-As’ad, der immer betrunkener wird. Er geht in den Garten, um dort ein Bedürfnis zu verrichten und legt sich neben den Springbrunnen, um dort seinen Rausch auszuschlafen.

Nach einem Jahr Folter dürfte er auch einigermaßen geschwächt sein.

Bahrâms Matrosen füllen ein letztes Mal ihre Schläuche und finden den schlafenden el-As’ad, den sie aufs Schiff tragen. Zu Bahrâm sprechen sie:

„Deine Trommel hat geschlagen, deine Flöte hat geblasen! Deinen Gefangenen, den dir Mardschâna mit Gewalt abgenommen hat, haben wir wiedergefunden.“

Sie segeln davon.
Mardschâna lässt nach el-As’ad suchen, man findet aber nur seinen Mantel, und so befiehlt sie die Verfolgung des Schiffes.

„Wenn ihr das Schiff des Magiers einholt, so sind euch von mir Ehrenkleider und Geldgeschenke gewiss. Wenn ihr es aber nicht einholt, so lasse ich euch bis zum letzten Mann hinrichten.“

Es kommt immer auf die richtige Motivation an.

Die Flotte erreicht das Magier-Schiff, und Bahrâm ist wieder mit der Folterei von el-As’ad eschäftigt.

Da sah er, wie das Geschwader sein Schiff umringte wie das Weiße des Auges das Schwarze umringt.

Und so lässt Bahrâm seinen Gefangenen ins Meer werfen, der zunächst untertaucht, dann aber

ruderte er mit Händen und Füßen.

Klingt einigermaßen unbeholfen. Warum nicht „Schwimmen“? Vielleicht ist es wirklich dort gerade nicht bekannt. Tatsächlich ist es immer wieder erstaunlich, dass z.B. Matrosen nicht schwimmen konnten oder womöglich gar wegen dieser Unfähigkeit rekrutiert wurden, umso mehr würden sie in Gefahr für den Erhalt des Schiffs kämpfen.
In Ghana verbrachte ich ein paar Tage am Lake Bosumtwi, an dem ca. 35 Fischerdörfer lagen. Keiner der Fischer, so hieß es, sei in der Lage zu schwimmen.

El-As’ad erreicht Festland und ernährt sich von Kräutern und geht weiter, bis er eine Stadt erblickt.

99. Nacht

Bei meiner Zahnärztin werden extra zum Weihnachtsfest Gutscheine angeboten: Zahnbleichung, Zahnprophylaxe und Zahnkosmetik. Aber wer will so etwas zu Weihnachten bekommen? "Oh danke, Schatz! Jetzt weiß ich, dass du meine Mundhöhle für unzumutbar hältst und warum du es seit Jahren ablehnst, mich auf den Mund zu küssen."

***

Nur noch fünfundzwanzig Mann sind Scharkân geblieben, und die "Ungläubigen" wollen nun kurzen Prozess machen:

"Wenn wir sie nicht im Kampfe bezwingen, so wollen wir sie durch ein Feuer ausräuchern."

Tatsächlich ergeben sie sich und geraten so in gemeinsame Gefangenschaft mit Dau el-Makân und Dandân. Man will sie töten, aber der Befehlshaber rät ab:

"Ihr Tod steht nun in der Hand des Königs Afridûn, damit er seinen Rachedurst lösche."

Wäre auch ein wenig seltsam, wenn nun alle stürben. Wessen Geschichte sollte man dann weitererzählen? Bei einem Schreibspiel, das ich vor einem Jahr für Kinder anleitete, sollte jedes Kind immer einen Satz hinzufügen. Einem Achtjährigen machte es besonderes Vergnügen, egal wo die Geschichte gerade war, zu schreiben: "Und da waren alle tot."
Anders als meine Kollegen, die eine psychische Störung vermuteten, glaube ich dass er lediglich, den Tod als effektives narratives Werkzeug für sich entdeckt hatte.

Als die Nacht anbricht, beginnen, die Christen zu saufen,

bis sie alle auf dem Rücken lagen.

Über seine Gefangennahme

ergrimmte Scharkân, und er seufzte im Übermaß seines Zornes und reckte sich, bis seine Fesseln sprangen; und als er frei war von seinen Banden, trat er zu dem Hauptmann der Wache, zog ihm den Schlüssel zu den Fesseln aus der Tasche und befreite Dau el-Makân und den Wesir Dandân und die übrigen Gefangenen.

Anscheinend haben wir die Welt der Ilias-Motive verlassen und sind nun bei Karl May angelangt, leider ohne Anschleichszenen und Überrumpelungslisten. Die Christen sind hier schlicht zu doof und zu besoffen.

Man erbeutet Pferde, und Scharkân gelingt es, einen Haufen Waffen mitzuschleppen. Sein Vorschlag, die Wachen umzubringen, wird aber von Dau el-Makân abgelehnt. Ebenso der wahnwitzige Rat, sich auf die Bergspitzen zu stellen mit dem Schlachtruf "Allâhu Akbar!" Masse zu suggerieren und so das christliche Heer zu verschrecken und in die Flucht zu schlagen.
Auf diesem zweiten Vorschlag beharrt Scharkân allerdings und untermauert ihn mit dem seltsamen Argument:

"Es kann nur Gutes daraus entstehen."

Was für den Fortlauf der Geschichte sicherlich stimmen mag, für das Verhältnis der Brüder sicherlich nicht.

51. Nacht

Die Mädchen legen nun die fränkische Kleidung ab und ziehen

die Kleidung der Töchter Griechenlands

an. Scharkân sendet einen Voraustrupp, der ihr Kommen ankündigt, und so werden sie in Bagdad von tausend Reitern und dem Wesir Dandân empfangen. Scharkân geht in den Palast zu seinem Vater und berichtet ihm von den wahren Hintergründen der Geschichte mit den Edelsteinen und der Sophia und lobt Prinzessin Abrîza.
Der König lässt Abrîza zu sich führen, ist von ihr geblendet und lässt sich von ihr die drei Juwelen schenken.

Doch als sie davonging, nahm sie sein Herz mit sich.

Der König schenkt Scharkân ein Juwel:

"… eins will ich deinem Bruder Dau el-Makân geben und das andere deiner Schwester Nuzhat et-Zamân."

So erfährt Scharkân erstmals davon, dass er noch einen Bruder hat, der inzwischen sechs Jahre alt ist.

Das kam Scharkân hart an; doch er bewahrte seine innersten Gedanken.

In seiner Sorge geht er zu Abrîza, der vom König ein eigener Palast gewährt worden ist.

Die Lässigkeit, mit der die Bagdader Herrscher Paläste verschenken, lässt entweder auf eine unglaubliche Palastdichte in dieser Stadt oder auf eine hohe Fluktuation der Besitzer schließen.

Abrîza ist verärgert, dass der König die Juwelen nicht in seine Schatzkammer gelegt, sondern sie seinen Kindern geschenkt hat, sie erbittet von Scharkân die Rückgabe des Juwels, das in seinem Besitz ist. Sie beruhigt ihn, dass sie sich trotz der unübersehbaren Avancen des Königs diesem niemals hingeben wird, hat aber auch Sorge, dass ihr Vater, wenn er erfährt, dass sie in Bagdad ist, einen Krieg vom Zaun brechen könnte. Scharkân meint, sie dann zu beschützen. Sie essen gemeinsam.

Doch bald ging er voll Sorgen und Gram in sein eigenes Haus.

Der König Omar ibn en-Nu’mân indessen geht zu seiner Nebenfrau Sophia und schenkt deren Kinder die beiden Juwelen. Aber er fragt sie auch, warum sie ihm nie gesagt habe, die Tochter des Königs Afridûn zu sein.

"O König, was sollte ich mir denn Größeres oder Höheres wünschen, als diesen Rang, den ich bei dir einnehme?" (…) Ihre Antwort gefiel dem König, und als er sie verlassen hatte, da bestimmte er für sie und ihre Kinder einen wundeschönen Palast. Auch ernannte er Eunuchen und Diener für sie, und Rechtsgelehrte, Philosophen, Astrologen, Ärzte und Chirurgen, deren Obhut er sie anvertraute.

Ein eigener Chirurg – wer wünscht sich das nicht!

Doch den König zieht es zu Abrîza, die er in den nächsten Tagen immer wieder aufsucht, die aber höflich seine Avancen aufgibt. Der listige Wesir Dandân, bei dem sich König Omar ibn en-Nu’mân Rat holt, rät ihm, ihr vorm Schlafengehen ein Stück Bendsch in den Wein zu werfen.

"Dann gehe du ihr nach und bleibe bei ihr und stille dein Verlangen an ihr!"

Nachdem der Wesir schon den Rat zum Krieg gegeben hat, wird er jetzt von Nacht zu Nacht unsympathischer.

Omar ibn en-Nu’mân befolgt den Rat.

Wie der König sie so daliegen sah und zu ihren Häuptern eine brennende Kerze fand und zu ihren Füßen eine zweite, die da beleuchtete, was ihre Lenden umschlossen, da verließ ihn sein Verstand, Satan führte ihn in Versuchung, und er konnte sich nicht mehr beherrschen; sondern er zog das Kleid aus, fiel über sie her und nahm ihr die Mädchenschaft. Dann stand er auf, ging zu einer ihrer Frauen, Mardschâna mit Namen, und sagte: "Geh zu deiner Herrin, sie lässt dich rufen!" Die Sklavin lief hinein und fand ihre Herrin bewusstlos auf dem Rücken liegend, während ihr das Blut von den Beinen herabrann.

Als die Nacht verstrichen ist, niest Abrîza das Stück Bendsch wieder aus. (s. auch 40. Nacht )Sie sieht, was der König ihr angetan hat und zieht sich nun in ihre Gemächer zurück, wo sie in den nächsten Monaten einsam lebt, während des Königs Verlangen nach ihr erstirbt.
Sie ist aber schwanger geworden, und als sie fast so weit ist auszutragen, überkommt sie die Reue.

So sprach sie zu ihrer Dienerin Mardschâna: "Wisse nicht die Welt hat unrecht an mir gehandelt, sondern ich habe mich gegen die Welt versündigt, weil ich meinen Vater, meine Mutter und mein Land verlassen habe."

Was sagt da die moderne Psychologie dazu, wenn das Trauma in einen Schuldkomplex internalisiert wird?

"Gibt es Trost für den, der kein Land und keine Heimatstatt,
Keinen Freund und keinen Becher, ja auch kein Dach mehr hat?"

Dann machte Abrîza alles bereit, bewahrte ihr Geheimnis und wartete ei paar Tage, bis der König auf die Jagd auszog und sein Sohn Scharkân sich zu den Burgen begab.

Abgesehen davon, dass man sich fragt, warum Scharkân Abrîza in den letzten Monaten offenbar vernachlässigt hat: Von was für Burgen ist hier die Rede?

Mardschâna sucht einen Diener, der bestochen wird, um mitzukommen und die beiden Frauen auf der Reise zu beschützen –

einen schwarzen Sklaven namens el-Ghadbân.

Dieser willigt ein, aber spricht zu sich selbst:

"Ich werde schon meinen Willen an ihnen durchsetzen; und wenn sie mir nicht zu Willen sind, dann töte ich sie beide und nehme ihnen ihr Geld."

Es wäre ja auch zu schön, wenn einmal etwas Gutes von einem "Negersklaven" käme!

Die drei reiten los, aber schon nach drei Tagen wird Abrîza von den Schmerzen der Wehen überwältigt, dass sie absteigen und sich niederlegen muss.

Als aber el-Ghadbân sie auf dem Boden sah, da drang Satan in ihn ein, und er zog sein Schwert vor ihrem Antlitz und sagte: "O Herrin, gewähre mir deine Gunst." Doch als sie seine Worte hörte, da sah sie ihn an und sagte: "Es bliebe nur noch übrig, dass ich mich Negersklaven hingäbe, nachdem ich mich Königen und Helden verweigert habe!"

Wenn man mich fragt, wird die Story nun schon fast so komplex wie die Ilias – entführte Prinzessinnen (Sophia – die sogar Griechin ist!), ein eifersüchtiger Prinz (Scharkân), ein einfältiger, sich gehenlassender König (Omar), unheilstiftende Berater (Wesir Dandân und die alte Dhât ed-Dawâhi). Es riecht förmlich nach Schlacht.

49. Nacht

Als Scharkân und die griechische Prinzessin ordentlich angetütert sind, lässt letztere sich von ihrer Dienerin

eine Damaszener Laute, eine persische Harfe, eine tartarische Flöte und eine ägyptische Zither

bringen.

Wein, Weib, Gesang – gibt es dafür eine arabische Entsprechung? Wenn ja, so erlebt Scharkân wohl gerade den Himmel auf Erden, so man denn das Schäkern zwischen Mann und Weib höher schätzen soll als die Vereinigung.

Ihren griechischen Gesang versteht Scharkân nicht und so singt sie auf arabisch:

Der Trennung Geschmack ist bitter!
Wie kann ich das ertragen?
Dreierlei hat mich betroffen:
Verstoßung, Fernsein, Entsagen.
Ich liebe den Schönen; er fing mich
Durch Schönheit. Ach, Trennung bringt Klagen!

Das ist ja mal schön, weil nicht recht verständlich.

Dann wendet sie sich ab, um schlafen zu gehen.
Am nächsten Morgen lässt sie Scharkân zu sich rufen.

Rings um den Saal aber standen in Menschengestalt geschnitzte Figuren, wenn der Wind durch sie hindurchstrich, so gerieten Instrumente in Schwingung, die darin verborgen waren, und der Beschauer meinte, sie sprächen.

Das scheint mir eine ausgestorbene Kunst zu sein. Schade.

Wieder singen und trinken die beiden, um (voneinander getrennt!) schlafen zu gehen.
Am nächsten Morgen lädt die Prinzessin Scharkân zum Schachspiel ein;

aber wenn Scharkân auf ihre Schachfigur blicken wollte, so blickte er auf ihr Antlitz, und er setzte den Springer statt des Läufers und den Läufer statt des Springers.

So verliert er fünf Mal

"Ach, meine Herrin, wie sollte jemand, der mit deinesgleichen spielt, nicht geschlagen werden?"

Wieder trinken und singen sie, gehen ein jeder zu Bett, um am nächsten Tag wieder zu singen.

Während sie sich also die Zeit vertrieben, da erhob sich plötzlich ein großer Lärm, und ein Haufe von Christenrittern und Knechten stürzte herein, gezückte, blinkende Schwerter in der Hand, und sie riefen in griechischer Sprache: "Du bist uns in die Hände gefallen, o Scharkân, also sei des Todes gewiss!"

Scharkân glaubt nun, von dem Mädchen in eine Falle gelockt worden zu sein.
Die Prinzessin Abrîza verteidigt ihn jedoch vor dem Kommandanten der Truppe, der ihr berichtet, dass der König durch die Alte Dhât ed-Dawâhi von Scharkâns Anwesenheit erfahren hat.

Man hätte es sich denken können, dass die Anwesenheit der Alten vor ein paar Tagen nicht ganz ohne Grund in die Story eingeführt wurde.

Abrîza verleugnet die Identität Scharkâns und beruft sich darüberhinaus auf die Gastfreundschaft, die sie dem "Fremden" gewährte. Und als drittes Argument:

"Dieser ist nur ein einzelner Mann, und ihr seid hundert Ritter: wenn ihr ihn also angreifen wollt, so tretet einzeln vor, auf dass der König sehe, wer von euch der Tapferste ist."

Kara Ben Nemsi hätte es nicht besser sagen können.

 

48. Nacht

Es half alles nichts – eine komplett naive Lesart der Sammlung konnte ich mir sowieso nicht erhalten – , und so habe ich mich nun ein wenig eingehender mit der Sammlung der "Erzählungen aus den Tausendundein Nächten" beschäftigt, um wenigstens eine gewisse Orientierung zu behalten. Die meisten der im heutigen Standard enthaltenen Erzählungen wurden von Galland hinzugefügt, der im 17. Jahrhundert eine Handschrift fand. Strittig ist offenbar bis heute, ob "1001" wörtlich oder symbolisch zu verstehen war. Auf jeden Fall brach die Handschrift beiGalland  nach der 282. Nacht ab. Da Galland keine weiteren Teile fand, ergänzte er die Sammlung um weitere Geschichten aus dem Orient, vor allem sind hier die populären Aladin, Sindbad und Ali Baba zu nennen. Nun habe ich mir auch die neuere und am Original dichtere Übersetzung der ursprünglich erhaltenen Ausgabe von Claudia Ott besorgt, aber leider habe ich in diesem Blog den größten Teil dieses Textes hier schon erfasst. Werde also weiterhin auf die Übersetzung von Enno Littman stützen und nur in den übrigen Fällen ggf. auf die Vers-Übertragungen von
Claudia Ott
  zurückgreifen.

***

Und auch diese Geschichte ist nicht in der ursprünglichen Galland-Sammlung enthalten, sondern eigentlich ein selbständiger Roman. Wann genau er eingefügt wurde, lässt sich anscheinend noch nicht eruieren.

Trotz der immanenten Provokation der Worte und der wogenden Hüften der Maid, reißt sich Scharkân zusammen. Das Kloster ist reich und geschmackssicher eingerichtet. Auf einem mit Seidenstoffen belegten Thron soll Scharkân Platz nehmen. Während sie sich zurückzieht, wird Scharkân von den Dienerinnen bewirtet. Seine Gedanken schweifen zum Heer und zu den Ermahnungen seines Vaters.

Es fehlt mir nicht an Festigkeit, allein
Ich bin verwirrt und weiß nicht aus noch ein.
Nähm‘ einer von mir meine Leidenschaft,
Ich würd gesund durch meine eigne Kraft.
Mein Herz ist, ach, vom Liebeswahn betroffen –
Auf Gott nur kann in meiner Not ich hoffen.

Wie er diese Verse gesprochen hatte, siehe, da kam ihm ein wunderbar schöner Reigen entgegen: mehr als zwanzig Mädchen, Mondsicheln gleich; die umgaben jene Maid wie die Sterne den vollen Mond und hüteten sie. Ihr Kleid war aus Brokat, wie er für Könige passt; um den Leib trug sie einen feingewebten Gürtel, der mit vielerlei Edelsteinen besetzt war und sie eng umgab, so dass ihre Hüften hervortraten; die glichen einem kristallenen Hügel unter einem silbernen Schaft, über dem die Brüste wie ein Granatapfelpaar prangten. (…)
Sie aber sah ihn lange an und immer wieder, bis sie ihrer Sache sicher war und ihn erkannt hatte.

Womit natürlich nicht das sexuelle "erkannt" gemeint ist, sondern bei ihr fällt der Groschen, dass sie es mit Scharkân höchstpersönlich zu tun hat.

Doch sie beruhigt ihn:

"Du bist mein Gast. Brot und Salz haben uns verbunden; so stehst du unter meinem Schutz und Schirm und kannst dir sicher sein."

Brot und Salz  auch hier als Zeichen der Gastfreundschaft.

Sie scherzte mit ihm, bis seine Besorgnis wich und er einsah, dass sie ihn in der vorigen Nacht getötet hätte, wenn sie das hätte tun wollen.

Und wie bringt eine Christin einen Moslem um den Verstand? Richtig – mit Alkohol!

Und sie trank weiter mit ihm, und schenkte ihm ein, bis er die Besinnung verlor.

42. Nacht

Eines Tages geht der Kalif zum Frauengemach hin und legt sich zum Schlafen nieder. Eine Sklavin fächelt ihm am Haupt Luft zu, eine zweite knetet ihm die Füße.

Rar gewordenes Inventar: Frauen, die zur Stelle sind, wenn man sie braucht, und dann auch noch wissen, was zu tun ist.

Als die Sklavinnen glauben, der Kalif schlafe, unterhalten sie sich über Kût el Kulûb und die Füßekneterin berichtet der Luftzufächlerin von deren Schicksal und lässt auch noch die erstaunliche Information heraus:

"Ich habe die Fürstin Zubaida hören sagen, sie sei bei einem jungen Kaufmann aus Damaskus, genannt Ghânim ibn Aijûb."

Woher kann die Fürstin das denn wissen?

Klar, dass der Kalif über diese Information nicht erfreut ist:

Da ergrimmte er gewaltig, und er stand auf und berief die Emire des Reiches; und mit ihnen kam der Wesir Dscha’far el-Barmeki 42 (…): "Dscha’far, geh mit einer Schar Bewaffneter hinunter und frage nach dem Haus des Ghânim ibn Aijûb: fallt über das Haus her und bringt ihn her mit meiner Sklavin Kût el-Kulûb."

Man umstellt das Haus.

Da waren der Wesir und der Präfekt und die Wächter und die Mamluken mit gezückten Schwertern und umgaben das Haus, wie das Weiße des Auges das Schwarze umgibt.

Währenddessen essen Ghânim ibn Aijûb und Kût el-Kulûb Fleisch. Kût el-Kulûb entdeckt die Bewaffneten und rät Ghânim ibn Aijûb, sich als Bote zu verkleiden und mit dem Fleischkorb auf dem Kopf das Haus zu verlassen. Das tut er auch

Und der Allbehüter nahm sich seiner an, so dass er den Gefahren und Nöten entrann.

Die Schergen plündern das Haus

Plünderungen im Islam?

und Dscha’far führt Kût el-Kulûb zum Kalifen;

der aber ließ Kût el-Kulûb in ein dunkles Zimmer bringen und gab ihr eine alte Frau zu ihrem Dienst; denn er war überzeugt, dass Ghânim sie verführt und bei ihr geschlafen hätte.

Unklar: Worauf bezieht sich das "denn"? Bekommt sie als sozusagen entwertete Sklavin nur eine alte Frau? Oder deutet das dunkle Zimmer auf eine Art Karzer hin? Die ganze Story wirft ein seltsames Licht auf die impulsive Gefühlswelt des Kalifen, der eben noch einen Monat um Kût el-Kulûb trauerte und sie nun einsperrt.

Dem Statthalter in Damaskus, Sulaimân ez-Zaini 42a, gibt er einen Brief mit, in dem dieser aufgefordert wird, ihm Ghânim ibn Aijûb zu schicken, sobald dieser in Damaskus auffordere. Da das zunächst nicht möglich ist, gibt der Statthalter dem Volk einen Freibrief, das Haus, in dem noch Mutter und Schwester von Ghânim ibn Aijûb wohnen, zu plündern.
Inzwischen erreicht Ghânim ibn Aijûb erschöpft eine Moschee und bricht dort zusammen.

Aber das Herz zitterte ihm vor Hunger, und da er schwitzte, so liefen ihm Läuse über die Haut, sein Atem wurde stinkend, und sein ganzes Aussehen wurde verändert. Als nun die Bewohner jenes Dorfes zum Frühgebet kamen, fanden sie ihn dort, liegend in Qualen, hager vom Hunger und doch noch mit den Zeichen einstigen Reichtums.

Und so sehen ihn auch zwei Bettlerinnen – Mutter und Schwester – die ihn aber nicht wiedererkennen.
Man bindet ihn auf ein Kamel, das man einem Treiber gibt, der es nach Bagdad führt, wo er Ghânim ibn Aijûb vor das Tor eines Hospitals legt.

Als die Leute durch die Straßen zu gehen begannen, da erblickten sie ihn, der so dünn war wie ein Zahnstocher.

Der Vorsteher des Basars vertreibt die Schaulustigen:

"Ich will mir durch dieses arme Geschöpf das Paradies gewinnen; denn wenn sie ihn in das Hospital aufnehmen, so werden sie ihn in einem einzigen Tage töten." Dann ließ er ihn durch seine Sklaven in sein Haus tragen, ließ ihm ein neues Bett bereiten, neue Kissen darauf legen und sagte zu seiner Frau: "Pflege ihn sorgsam."

Neue Information: Durch Barmherzigkeit kann man sich also auch im Islam den Weg ins Paradies bahnen.
Unklar: Warum würde man ihn im Hospital binnen eines Tages töten? Sind die Zustände dort so miserabel oder die Pfleger so mordlüstern?

Die Frau des Basarvorstehers

gab ihm einen Becher Wein zu trinken und sprengte Rosenwasser über ihn.

Wein als Medizin

 

 

42Bisher wurde Dscha’far in der Übersetzung immer eingedeutscht "der Barmekide" genannt.
Die Barmekiden waren eine persische edle Familie, die den Abbasiden zur Macht verhalf und ihnen in hohen Staatsämtern diente. Später, gegen Ende der Regierungszeit von Harûn er-Raschîd, fielen sie in Ungnade. Dscha’far war der Sohn des Vertrauten von Harûn, Yahya, und selber, wenn überhaupt, nur kurze Zeit Wesir. Im Jahr 806 fiel die Familie in Ungnade, entweder wegen Amtsanmaßungen oder (romantisch aber unwahrscheinlich) wegen eines Liebesverhältnisses zwischen Dscha’far und Harûns Schwester.
Dem historischen Dscha’far wird außerdem unterstellt, die griechische Wissenschaftstradition in Bagdad eingeführt zu haben, und, nachdem er von gefangenen Chinesen in die Geheimnisse der Papierherstellung eingeweiht worden war, in Bagdad die erste Papiermühle errichten zu lassen.

42a Dessen Sohn haben wir schon in der38. Nacht kennengelernt, wo Harûn ihn als Statthalter von Basra (!) absetzt. Sein Sohn soll Statthalter von Damaskus gewesen sein.

36. Nacht

Günstige Winde tragen das Schiff mit Nûr ed-Dîn Alî und seiner Sklavin nach Baghdad.

Schau auf ein Schiff! Sein Anblick nimmt deine Augen gefangen.
Es überflügelt den Wind in seinem eiligen Flug.
Es gleicht dem schwebenden Vogel, den die gebreitete Schwinge
Aus dem Äther herab wohl auf das Wasser trug.

Für mich eine völlig neue Information: Dass Segelschiffe flussaufwärts fuhren.

Die Mamluken suchen vergeblich nach den beiden und brennen das Haus nieder. Der Sultan setzt ein Kopfgeld auf die beiden aus.
Unterdessen erreichen die beiden Baghdad.

Da sprach der Schiffsführer zu ihnen: "Baghdad heißt dieser Ort; es ist ein sicherer Hort. Von ihm zog er Winter mit seiner Kälte fort, doch das Frühjahr mit seinen Rosen hielt seinen Einzug dort. Die Bäume blühen all, und die Bächlein fließen zumal."

Vor seiner Zerstörung durch die Mongolen im Jahre 1258 war Baghdad eine prächtige Stadt. Bis auf kurze Unterbrechungen war es der Sitz der Kalifen. Das überaus komplexe Bewässerungssystem war einmalig, bis es bei der Einnahme der Stadt zerstört wurde. Da diese Baukunst aber nur mündlich weitergegeben wurde (und die Bevölkerung getötet oder vertrieben wurde) bzw. etwaige Dokumente vernichtet wurden, wurde Baghdad im wahrsten Sinne verwüstet. Bis heute hat man das Niveau der damaligen Bewässerung nicht wiederherstellen können.

Nûr ed-Dîn Alî zahlt dem Kapitän fünf Dinare und sie gehen über einen Platz in einen herrlichen Garten mit Bänken, um dort zu ruhen.

Oben war ein Gitterwerk aus Rohr über den ganzen Weg.

Ein Hinweis auf Bewässerungsröhren?

Die beiden legen sich auf eine Bank nieder, nicht wissend, dass dieser Garten und das darin befindliche Schloss dem Kalifen Harûn er-Raschîd gehört,

der diesen Garten und das Schloss zu besuchen und dort zu sitzen pflegte, wenn ihm die Brust beklommen war.

Der Hüter des Gartens – der alte Scheich Ibrahîm – entdeckt das schlafende Paar und hält sie für einen Freier und eine Prostituierte. Er beschließt, die beiden zu verprügeln.

So schnitt er eine grüne Palmenrute ab, trat zu ihnen hin und hob den Arm, bis man das Weiße seiner Armhöhle sah, und wollte eben zuschlagen; doch er besann sich.(…) "Es ist ein hübsches Paar, und es wäre unrecht, wenn ich sie schlüge."

Schönheit schützt einen auch hier vor Gewalt. Neuere Studien belegen übrigens, dass Lehrer hübsche Kinder bevorzugen. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre: Die eigenen Eltern tun das auch. So haben mittelprächtige oder gar hässliche Kinder von vornherein schlechtere Startchancen. Allerdings bevorzugen Frauen unattraktive Männer, wenn diese einen höeren sozialen Status haben.
Zum Begriff der Palmenrute: Sie bezeichnet im Deutschen auch eine kongenitale flügelfellartige Verwachsungen zwischen Penis und Skrotum. Sonst auch ein Schlägel in der Perkussion.

Und so weckt der Scheich Nûr ed-Dîn Alî mit einer kleinen Fußmassage. Dieser erwacht und lässt sich und Enîs el-Dschelîs den Garten zeigen:

Das Tor war gewölbt wie eines Palastes Bogengang, darüber sich Wein mit Trauben von vielerlei Farben schlang: die roten glichen Rubinen, während die schwarzen wie Ebenholz schienen. Dann traten sie in eine Laube, und dort fanden sie Bäume mit Früchten, die hingen bald allein und bald zu zwein. Auf den Ästen die Vögelein sangen ihre Lieder so rein: die Nachtigall schlug ihre Weisen so lang; der Kanarienvogel füllte den Garten mit seinem Sang; der Amsel Flöten schien das eines Menschen zu sein; und der Turteltaube Gurren klang wie eines, der trunken von Wein. Die Bäume, die dichten, waren beladen mit reifen, essbaren Früchten und standen alle in doppelten Reihn: da war die Aprikose weiß wie Kampfer, eine andere mit süßem Kern, eine dritte aus Chorasân; die Pflaume war mit der Farbe der Schönheit angetan; die Weißkirsche leuchtete heller als wie ein Zahn; die Feigen sahen sich zweifarbig, rötlich und weißlich an. Und Blumen waren da, wie Perlen und Korallen aufgereiht, die Rosen beschämten durch ihre Röte die Wangen der wunderschönen Maid; die gelben Veilchen sahen aus wie Schwefel, über dem Lichter hängen zu nächtlicher Zeit; Myrthen, Levkojen, Lavendel, Anemonen, mit Wolkentränen geschmückt im Blätterkleid; es lachte das Zahngeheg der Kamille; die Narzisse schaute die Rose an mit ihrer Augen schwarzer Fülle; Bechern glichen die Limonen, goldenen Kugeln die Zitronen; die Erde war mit Blumen aller Farben wie mit einem Teppich bedeckt; der Frühling war gekommen und hatte dort alles zu frohem Leben erweckt, den Bach zum Springen, die Vögel zum Singen, den Lufthauch zum Klingen in der allermildesten Jahreszeit.

Unklare Details dieser Aufzählung:

  • Bäume in der Laube

  • weiße Aprikosen (es sei denn, die Blüten sind gemeint)

  • Aprikosen mit süßem Kern (statt Bittermandelgeschmack)

  • gelbe Veilchen


Gelbes Veilchen

Der Scheich führt nun die beiden gar ins Schloss und bietet ihnen Essen an. Nûr ed-Dîn Alî überstrapaziert die Gastfreundschaft und bestellt bei ihm noch Wein, aber der Scheich weicht zurück:

"Davor behüte mich Allah; seit dreizehn Jahren habe ich solches nicht mehr getan, denn der Prophet  – Allah segne ihn und gebe ihm Heil! – hat den verflucht, der ihn trinkt, keltert, kauft oder verkauft!"

Bislang spielte hier in jeder zweiten Geschichte Wein eine Rolle. Doch zum ersten Mal wird auf das Verbot durch den Propheten hingewiesen. (siehe z.B. Koran 5. Sure (90): O ihr, die ihr glaubt, siehe der Wein, das Spiel, die Opfersteine und die Pfeile sind ein Greuel von Satans Werk.)

Durch argumentative Tricksereien überzeugt Nûr ed-Dîn Alî den Scheich dennoch, Wein zu besorgen und am Gelage teilzunehmen. Enîs el-Dschelîs verführt ihn gar zum Trinken.