Der folgende Text ist ein Abschnitt aus dem Buch “Improvisationstheater. Band 3. Die Magie der Szene”

Bei einem Festival sah ich folgende Szene innerhalb einer Langform:

Maja und Johannes spielen eine Szene am Park. Sie sind ein Paar, das sich nach langer Trennung zufällig wiederbegegnet. Dabei findet er heraus, dass sie im Gefängnis war, um ihn zu schützen. Die Szene wird emotional intensiv.
Johannes: „Du hast all die Jahre abgesessen? Für mich?“
Maja: „Sie hätten dir dafür die doppelte Zeit aufgebrummt.“
Johannes: „Ach, all die verlorene Zeit unserer Gemeinsamkeit!“
Lisa betritt als Hundebesitzerin die Bühne und mimt, ein Stöckchen in einen See zu werfen: „Los! Hol Stöckchen!“ …

Das Publikum lacht, aber die Szene ist aus dem Gleichgewicht. Später darauf angesprochen, meint Lisa, das Park-Szenario als Passagier unterstützt zu haben. Dass sie sämtliche Aufmerksamkeit von der Szene auf sich gezogen hatte, war ihr kaum klar gewesen.
Gerade für aktive Spieler liegt die Versuchung nahe, sich an einer guten Szene beteiligen zu wollen. Und leider spielt auch manchmal die Eitelkeit eine gewisse Rolle: Das Publikum lacht oder ist gefesselt von der Szene, also ist die Versuchung für manche Spieler verlockend, von diesem positiven Feedback etwas abhaben zu wollen. Aber gute Szenen unterstützt man vor allem dadurch, dass man sie laufen lässt, insbesondere dann, wenn es intensive Zweier-Szenen sind. Auch in Games, die gerade unter den Beteiligten auf der Bühne entstehen, sollte man sich nicht unbedingt einmischen. Deine aktive Rolle als Impro-Spieler besteht hier darin, deinen Mitspielern den Raum zu geben, den sie brauchen.

Aber es gibt auch Situationen, in denen wir eine gute Szene betreten sollten

1. Zum Szenen-Beenden
Wenn es in eurem Ensemble üblich ist, dass die Spieler im Off die Szene abwinken, brauchst du ein gutes Ohr für letzte Sätze: Welcher Satz sticht aus den übrigen heraus, zum Beispiel dadurch, dass er die „Moral der Geschichte“ zusammenfasst? Aber auch ein Schluss-Gag, eine Pointe oder eine überhöhte Dialog-Zeile können den Schluss markieren.

2. Um die nächste Szene einzuleiten
Die Szene, in der du gerade nicht mitspielst, ist vielleicht nur sehr, sehr kurz, möglicherweise lediglich eine Übergangsszene in einer längeren Story. In solchen Szenen musst du bereit sein, rasch auf die Bühne zu gehen und eventuell einen Mitspieler auszuwechseln.

3. Um die Situation zu verschärfen
Kehren wir zur bereits erwähnten Park-Szene zurück. Hier eine Variante, wie sich Lisa produktiv in die Szene hätte einbringen können.

Johannes: „Du hast all die Jahre abgesessen? Für mich?“
Maja: „Sie hätten dir dafür die doppelte Zeit aufgebrummt.“
Johannes: „Ach, all die verlorene Zeit unserer Gemeinsamkeit!“
Maja: „Wir könnten uns schon bald wiedersehen.“
Johannes: „Was heißt bald? Komm doch jetzt mit zu mir!“
Maja: „Ich darf ja nur tagsüber auf Kurz-Freigang. Ich kann keinen Schritt ohne meine Bewährungshelferin gehen.“
Lisa betritt die Bühne und mimt aus dem See zu kommen und sich abzutrocknen: „Frau Osterberg, es wird Zeit loszufahren.“

Im Gegensatz zur Hundebesitzerin verschärft die Bewährungshelferin die Szene. Die Kunst beim unterstützenden Auftritt besteht darin, den Fokus nicht völlig auf sich zu ziehen, sondern die Hauptfigur zu unterstützen.

 

Im Off – Die gute Szene laufen lassen. Oder nicht?
Markiert in:         

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.