Der Narr: Verspieltheit

Ist das Entscheidende am Narren seine Verspieltheit? Er setzt die Elemente dessen, was ist, auf neue Art wieder zusammen. Das Ganze entsteht ohne jeden Masterplan, ohne große Absicht. Ob wir darin Weisheit oder nur die reine Tollheit sehen, liegt an uns. Im besten Fall, haben wir beides.
Im Improvisationstheater (und im Theater überhaupt?) brauchen wir die Narrheit. Die Weisheit zu erkennen, ist die Aufgabe des Zuschauers, die er freilich auch ignorieren kann. Der Spieler braucht sich jedenfalls nicht darum zu kümmern.

Namen

Gute Namen befeuern oft die Qualität der Szenen. Ich vermute, es hat damit zu tun, dass sich unsere Kreativitätsventile öffnen, wenn wir unserem Gegenüber einen Namen verpassen, der über „Müller“ oder „Peter“ hinausgeht.
Gestern in der Show mit den Crumbs, ein paar schicke Namen:
Ein Polizist namens Barbarino
Ein Astronaut namens Captain Sicko
Ein Gangster namens Lemony
Ein Chorleiter namens Karsakov.

Akzeptieren auf zwei Ebenen

Oft bleiben zwei Ebenen des Akzeptierens nicht klar voneinander unterschieden, so dass eben immer wieder Diskussionen darüber auftauchen, ob akzeptiert wurde oder nicht. (Auch Johnstone unterscheidet hier nicht immer klar.)
1. Akzeptieren der szenischen und spielerischen Wirklichkeit: Dies ist sozusagen die Grundlage aller Improvisation. Wenn ich als „Papa“ angesprochen werde, dann bin ich eben der Papa, egal, was für brillante Ideen ich sonst noch im Kopf hatte. Ein Satz wie „Ich bin nicht Ihr Papa“, würde die etablierte Wirklichkeit zerstören.
2. Akzeptieren einer szenischen bzw. narrativen Bewegung: Wenn mir angeboten wird: „Schatz, wir haben eine Reise nach Korsika gewonnen!“, dann nehme ich natürlich den Schwung auf; das Angebot ist voller Energie, es bietet eine Fallhöhe und szenische Entwicklung. Wenn meine Figur jedoch ablehnt, mit nach Korsika zu reisen, nehme ich zwar den Schwung aus der Szene, die Wirklichkeit bleibt aber erhalten. Angenommen also, die Szene findet mitten im Stück statt, könnte es durchaus sinnvoll sein, wenn der Angesprochene antwortet: „Sie haben mir den Urlaub gestrichen, Angelika!“
Oder als typisches Beispiel: Wenn mich szenisch ein Gangster bedroht und ich ihm freudig die Geldbörse überreiche, wäre das ein Akzeptieren der Bewegung, würde aber mit der szenischen Wirklichkeit brechen.

Im Grunde läuft es darauf hinaus: Akzeptiere stets die szenische Wirklichkeit! Akzeptiere stets das Spiel! Akzeptiere so viel wie möglich szenisch vorwärts treibende Bewegung. Erkenne, wann Widerstand nötig ist und setze ihn sparsam und gezielt ein.

Jazz ist Kommunikation

taz: Wie erklären Sie sich den schweren Stand, den Jazz in Deutschland gehabt hat?

Doldinger: Wir müssen uns doch klarmachen: Es geht letztlich auch um Unterhaltung. Der Jazz animiert aber dazu, nicht fürs Publikum zu spielen, sondern eher intellektuellen Inhalten zu folgen. Und es ist nicht jedem vom Naturell her gegeben, Menschen unterhalten zu wollen. Ich habe das innere Bedürfnis, wenn schon Menschen da unten sitzen, die Eintritt gezahlt haben, denen etwas zu geben, das sie mit einem guten Gefühl nach Hause gehen lässt. Ich beklage immer, dass bei den vielen Jazzseminaren, die es in Deutschland gibt, das Thema Bühnenpräsenz so gut wie gar nicht vorkommt. Man könnte den jungen Leuten in den Seminaren mal ein bisschen vermitteln, dass sie eine Verpflichtung haben, ihrem Publikum etwas zu geben, mit vollem Körpereinsatz und allem drum und dran.
Interview in der taz vom 12.5.2011

Blixa Bargeld über das kreative Potential von Zufall

Auszug aus dem Interview in der ZEIT vom 20.4.2011
„ZEIT: Wie verlieren Sie die Kontrolle?
BARGELD: Um etwas zu erschaffen, das es vorher nicht gab, muss man immer neue Strategien des Unterlaufens entwickeln. Ein Beispiel: Bei Aufnahmen für eines unserer letzten Alben haben wir mit einem System aus etwa 800 Karten gearbeitet, die ich zuvor mit Stichworten oder auch Anweisungen beschriftet hatte. Einmal hat jeder drei Karten gezogen, die Anweisungen darauf für sich behalten und sie musikalisch interpretiert. Wenn das alle gleichzeitig tun, kommen definitiv Dinge heraus, die keiner von uns erwartet hat. (…) Es sind immer Kontrollmechanismen, die das Neue verhindern. Das fängt schon bei den einfachsten Dingen an: Beim Viervierteltakt, einer Songlänge von dreieinhalb Minuten, beim Tempo, den Akkorden, der Abfolge Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Doppelrefrain-Ende. Wer so arbeitet, kann es auch gleich sein lassen.
Anfangs hatten wir gar nicht die Wahl. Wir hatten kein Studio und keine Instrumente. Also haben wir mit einem Kassettenrekorder aufgenommen und Instrumente gespielt, die keine waren.
ZEIT: Not macht erfinderisch.
BARGELD: Jeder Künstler wird Ihnen bestätigen: Ist das Budget unendlich, fällt ihm nichts mehr ein. Erst die Beschränkung macht das Nachdenken interessant.“

Luck and to strive for excellence

„Most actors don’t work, and a few of us are so lucky, to work with writing and to work with directing. Because when you’re a broke actor you can’t write, you can’t paint; you have to practice accents while driving a taxi cab. And to that artistic family that strives for excellence: None of you have ever lost. And I’m proud to share this with you. And I thank you.“ (Dustin Hoffman)
http://www.youtube.com/watch?v=EhDmNRQgKLM

Klo

Wie oft hat man den Vorschlag „Klo!“ schon abgebügelt. Wie ich hier schon erwähnte, müssen ja nicht gerade Szenen bei Ausscheidungsvorgängen gespielt werden. Stattdessen: Zwei Putzfrauen, zwei Ärzte beim Händewaschen in der Krankenhaustoilette, zwei Mädchen, die sich nachschminken usw.
Bei der vorletzten Probe greifen wir mal die Johnstone-Philosophie bei den Hörnern: Was passiert, wenn man tut, was man sonst bewusst unterlässt? Was also, wenn wir zwei Leute in benachbarten Klo-Kabinen sehen, die tatsächlich ihr Geschäft verrichten. Wunderbare Szenen.
Am übernächsten Tag gleich auf der Bühne. Es funktioniert, wenn man was anderes thematisiert.

Randy Dixon on audiences, attitudes and variety

„The limitations in improvisation are the improvisers, not the audience. The work that we choose to do or we choose to focus on, that holds us back. Every-one talks about wanting to do long-form, storytelling and all that stuff, but some of the groups don’t. Or they’re so tied into the games. To me there are so many groups, they are not necessarily improvisers, they’re game players. They play games by rules, and without the games they can’t create anything. We need more people to love the art of improv for the art of improv and not as a process to get to something else.“
„The groups need to go deeper in the group work. I think in theatersports we have something that I call personality improv. You are like Oh, that’s the funny guy! And that’s why that person is doing improv. It’s because they get the adulation /admiration of the audience, rather than thinking of what’s the group dynamic, where’s the group going. And I think that in the group work we’re getting deeper and deeper. It’s not really short or long form, it’s an attitude.“
„My development in terms of thinking about this is, I start each project by thinking, what do I want the audience to experience.“
„Our style is pretty low key, pretty mellow. (…) We’re going to start slow, and take our time, and it seems to be successful for us in terms of training that audience.“
„My main philosophy in improvisation is variety.“
„One thing about the audience in our shows: We try to make them storytellers as well.“
„We don’t need to recreate the story of an audience member. We’re translating it into the language of theater.“
„I’m not in improvisation so much for what we do, although that’s great, but I still see so many possibilities in terms of what we can do or could be doing or should be doing. And so I’ve never really had a moment of like ‚Oh, well, this is it.'“
(Alle Zitate von Randy Dixon auf der Podiumsdiskussion des Internationalen Improtheater-Festivals am 20.3.2011 in Berlin)

Keine Kunst – selber schuld?

Improvisierte Performances, improvisierte Musik, improvisierter Tanz – all das hat seinen Platz in der Rezensions-Presse.
Vom Improvisations-Theater bleibt unterm Strich lediglich übrig: „Und es war alles wirklich improvisiert und spontan!“
Das hat natürlich einerseits mit der Unterbewertung komischer Genres zu tun. Und komischen Tanz als Kunst ist wohl eher die Ausnahme.
Andererseits ist es auch die Schuld der Improvisationstheater selber, die von genau dieser Selbstdarstellung nicht wegkommen.
Und das Fernsehen hat uns mit seinen Trash-Formaten einen Bärendienst erwiesen.
Allerdings muss man auch sagen: Die Sasha Waltzes und Miles Davisse des Improtheaters sind rar.

Zuhören

Spreche mit Per Gottfredson aus Stockholm über Impro-Auftritte bei Unternehmen (Corporate Gigs). Ich sage, dass ich kein großer Freund dieser Shows bin, da oft etwas ganz bestimmtes erwartet wird und Spieler oft auch die Tendenz haben auf Nummer sicher zu spielen.
Per erzählt die Geschichte, wie seine Gruppe zu einer Veranstaltung bei einem Fair Trade Unternehmen eingeladen war. Dem Publikum wurde vor dem Auftritt ein Film über ein Mädchen in den Slums gezeigt. Und danach sollte das Improtheater spielen. Zwei Spieler gingen auf die Bühne und hielten abwechselnd Monologe, einer in der Rolle eines englischen und einer in der Rolle eines brasilianischen Jungen, die beide ohne es zu wissen, die Liebe zum Fußball eint. Das Publikum war zu Tränen gerührt. Auch das kann Improtheater.
Höre auf das, was bereits da ist.

Szenenbeginn: Ihr kennt euch

Typische Anfänger-Workshop-Situation: Zwei Spieler beginnen eine Szene. Um das Impro-Risiko zu minimieren, spielen sie Fremde. (Fremde haben nichts zu verlieren.) Der Workshop-Lehrer sidecoacht: „Ihr kennt euch!“
Darauf in 90% der Fälle Spieler A zu Spieler B: „Kennen wir uns nicht von irgendwo?“
Als Antwort in 99,99% der Fälle: „Ja, aus der Schule!“

Sprachlicher Stil

Es gibt keinen genauen Kompass, welche Sprache in welcher Situation angemessen ist. Auch der Realist Thomas Mann musste schummeln und baute bei den Buddenbrooks nur hier und da mal eine kleine Mundart-Sequenz ein.
Wir wissen nicht, wie am königlichen Hofe im 18. Jahrhundert gesprochen wurde. Aber definitiv ist ein „Okay, wird erledigt“ unpassend.
Entwickle ein Sprachgefühl!

Komik der Fehler

Fehler sind im Improtheater auf eine gute Art komisch, wenn sie aus dem Wagnis und dem Engagement heraus entstehen. Vorsätzlich schlecht zu spielen, schlecht zu singen usw. erzeugt ebenfalls Lacher – allerdings der billigen Sorte. Wenn wir damit erst anfangen, werden wir die Geister, die wir riefen, nicht mehr los und trainieren uns schlechtes Spiel an.

Kleine und große Szenen-Fehler

Rechtfertigen nervt und ist im Grunde oft Gagging. Mach nicht so ein Bohei um die szenischen Fehler. Wenn Steffi die gemimte Tür nach innen öffnet und Matze nach außen – was soll’s. Das sind Kleinigkeiten, die in jedem Film auftauchen und keinen interessieren. Da müssen wir nicht extra noch betonen, dass das die Tür ist, die sich sowohl nach innen als auch nach außen öffnet.
Einer der häufigsten Fehler ist wohl das Vergessen oder doppelte Vergeben von Namen. Anstatt nun das immergleiche Spiel zu spielen: „Martin? Ich dachte sie heißen Georg?“ „Ja Martin-Georg“, kann man doch auch mal kurz aus der Szene heraustreten und kurz fragen. Dasselbe natürlich auch bei richtig großen Schnitzern oder Missverständnissen: Natürlich können wir Johnstones „Zwei Welten“ bis zum Umfallen spielen, aber davon wird die Szene auch nicht schöner. Bevor man sich völlig verrennt, kann man doch anhalten und sich verständigen: „Sind wir jetzt in der Rückblende oder wieder in der Gegenwart?“

Das soll natürlich nicht zu Fehlersuche beim Spiel verleiten. Nimm Stolpler als Inspiration.

Suzanne Shepherd teaching

„Ich sage Schauspielern immer: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Logik und Wahrheit. Als Schauspieler hast du nur mit emotionaler Wahrheit zu tun. Da gibt es keine Logik. Tu nie etwas, das Menschen nicht tun. Das mag begrenzend klingen, vielleicht denken Sie jetzt, das zwingt sie dazu, fantasielos oder gewöhnlich zu sein. Nein. Sie tun, was die Umstände Ihnen diktieren. Daran ist nichts gewöhnliches.“
„Manche Menschen denken: Wenn ich schauspiele, ist das eine Pause von meinem Leben. Aber es ist keine Pause. Das ist dein Leben! Es ist mehr von deinem Leben als dein alltägliches Leben.“ „Schauspiel ist nicht So-tun-als-ob. Schauspiel ist Glaube. Glaube daran, dass das, was du tust, ein Leben verändert – das Leben deines Characters.“