Hans Magnus Enzensberger (auf die Frage nach seinem Mittel gegen Selbstzufriedenheit): „Nackenschläge. Eine katastrophale Theaterpremiere, ein schlecht geplantes Filmprojekt. Wenn etwas schiefgeht, das ist doch spannend. Ich schätze meine Niederlagen hoch.“
Hans Magnus Enzensberger: „Entweder ich mache etwas umsonst oder ich werde anständig bezahlt. Die schlechten Bezahlungen, die finde ich unpassend.“
Hans Magnus Enzensberger: „Wenn ein Gedicht etwas taugt, dann ist es besser als alles, was darüber gesagt wird.“
Glanz und Eitelkeit
Seit 1968 wird in Deutschland und in Europa der Niedergang des klassischen Gesangs beklagt. Vor allem am Beispiel der Wagner- und Verdi-Sänger lässt sich das nachvollziehen. Die Stimme steht immer mehr im Vordergrund – ihr Glanz, ihre Pracht. Das Werk tritt dagegen zurück. Die großen Sänger bis in die 40er Jahre hatten zwar auch große Stimme, zielten aber mehr noch auf Nuancen, auf die Kunst im Kleinen. Solche Stimmen hätten heute kaum noch eine Chance auf den großen Bühnen, da Stars gesucht würden. Stücke wie Tristan und Isolde lassen sich dadurch heute gar nicht mehr angemessen aufführen.
S. Artikel in der Süddeutschen Zeitung: „Neue Helden braucht das Land“ von Reinhard J. Brembeck
Für uns: Gute Improvisierer beeindrucken durch ihre Fertigkeiten, aber großartige Improvisierer stellen sich in den Dienst der Szene bzw. des Spiels.
Vorbereitung
Wenn ich mir neue Übungen für eine Show ausdenke oder ein Format oder ein Game für eine Show, versuche ich meistens, mir das bildlich vorzustellen: Wie funktioniert.
Auch wenn ich den Ablauf einer Show plane – Welche Games spielen wir?, Wie lang soll es gehen?, Brauchen wir ein Warm Up? – male ich mir das im Kopf möglichst konkret aus, statt einfach nur eine abstrakte Liste zu erstellen.
Kommunizieren
Warm Up Grundlagen
Zuklatsch-Spiele: Kommuniziere deinen Namen! Halte Kontakt zu deinem Mitspieler! Sei offen für plötzlich ankommende Angebote. Entfessle dich. Steh locker in der Basketball-Haltung!
Höfliche Improvisierer
Höfliche Spieler tendieren dazu, sich selbst zu sehr zurückzuhalten, da sie die Ideen der anderen nicht zerstören wollen.
„Warum hast du deiner Mitspielerin keine Angebote gemacht?“
„Ich weiß ja nicht, was sie vorhatte.“
Die „höflichen“ Improvisierer glauben, ihre Mitspieler hätten einen Plan, der durch eigene Angebote zerstört werden könnte. (Und im Grunde ist der höfliche Improvisierer das Gegenstück zum Rambo-Spieler, der tatsächlich versucht, seinen Plan durchzuboxen.)
Egal, wie smart das Angebot deines Mitspielers erscheint: Es gibt keinen Plan. Und wenn, dann hat dein Mitspieler Pech gehabt und sollte schließlich mal zu improvisieren anfangen. Ein guter Improvisierer wird von einem überraschenden Angebot inspiriert sein.
Sei nicht höflich.
Von Fußball lernen
„Seriöses Arbeiten, der Teamgedanke, nicht nur miteinander zu spielen, sondern füreinander zuspielen, das haben wir in vielen Spielen gezeigt. Mut, beherztes Auftreten, auch neben dem Platz hat diese Mannschaft das hervorragend verkörpert.“ Joachim Löw am 10. Juli 2010
Effizienz des Storytelling
Lektion aus Seattle
Zwei Personen können lang eine Szene tragen. (In Seattle spielten Randy Dixon und Tony Beeman ein ganzes Stück über eine Stunde zu zweit.) Aber wie macht man das? Das Wichtigste: Das Dritte wird nicht gezeigt, es bleibt Symbol zwischen den beiden. Ein Gespräch zwischen zwei Eheleuten über den Lehrer ihres Kindes wird also im Grunde ein Gespräch über die eigene Beziehung, den Lehrer brauchen wir nicht mal zu zeigen. Mit anderen Worten: Wir erzählen gut, indem wir bestimmte Dinge nicht erzählen. Dem Zuschauer bleibt Platz für Interpretation. Wir müssen ihm nicht alles auf die Nase binden, schon gar nicht unsere Deutung.
Das ist allerdings auch eine Herausforderung für Mitspieler: Betritt nicht die Szene, sondern schaffe Raum. Erstens im wörtlichen Sinne für deine Mitspieler. Zweitens Interpretaionsräume in den Köpfen der Zuschauer.
Briefwechsel mit Jens Abel über die Frage der Einfühlung des Spielers
Hallo Herr Richter,
ich bin über das Forum der Webseite www.impro-theater.de auf Ihre Person hingewiesen worden. Dort wurden Sie als guter Improvisationstheoretiker genannt, der mir bei meiner Fragestellung vielleicht weiterhelfen könnte.
Aktuell schreibe ich an meiner Magister-Abschlussarbeit im Fach Kommunikationswissenschaft zum Thema „Spielen bis die Tränen kommen? Zur Rekonstruktion von emotionalem Erleben in virtuellen Spielen.“. In diesem Zusammenhang versuche ich herauszuarbeiten, wieso Videospiele nicht (besonders gut) in der Lage sind, mitfühlende Emotionen, wie z. B. Mitleid beim Spieler zu wecken. Das dies empirisch der Fall ist, lässt sich anhand von Statistiken belegen.
Vom strukturellen Aufbau sind Videospiele meiner Meinung nach in gewissem Rahmen mit Improvisationstheater bzw. explizit deren Darstellern(!) zu vergleichen. Beide pendeln zwischen einem Darstellen für Andere (und sich selbst) und einem Rezipieren der Anderen (eventuell auch sich selbst?) hin und her. Beide agieren in einem gewissen vorgegebenen Rahmen (physikalische Grenzen des Aufführungsraums, Ziel der Aufführung), gemessen an ihren eigenen Fähigkeiten mit großer Freiheit. Beide wissen zu Beginn der Aufführung bzw. des Spiels nicht „wohin die Reise geht“. Was die Bühne für den Schauspieler, ist die virtuelle Welt für den Videospieler. Dieser Analogieschluss ließe sich noch weiter aufblähen.
Hier ergibt sich der Kern meiner Frage, den ich am besten in Form eines Beispiels skizzieren kann. Vorgabe ist notwendigerweise, dass es sich um eine traurige, tragische „Aufführung“ handelt, deren Publikum entsprechend mitarbeitet – als reines Gedankenexperiment.
Angenommen, Sie spielen eine beliebige Nebenfigur, an Ihrer Seite eine Schauspielkollegin, in der Rolle einer jungen Mutter, durch Publikumseinwürfe kommt es zur Tragödie: Verkehrsunfall, der den Tod ihres Kindes zur Folge hat – und wieder durch Publikumseinwürfe nun in tiefer Trauer am Grab des jüngst verstorbenen Kindes zu stehen hat.
Was würden Sie sagen, fühlt Herr Richter in diesem Moment? Fühlt er keine sonderliche Veränderung seiner eigenen Gefühlslage als private Person? Lässt ihn die momentane, gespielte Situation seiner Schauspielkollegin „kalt“? Oder berührt ihn das gespielte Leid der Mutter auch als private Person über die Grenzen seiner Rolle hinaus? Nehmen wir an, seine Rolle würde nun vorsehen, Mitleid für die trauernde Mutter zu empfinden, schauspielert Herr Richter innerhalb seiner Rolle nun die Symptomatik des Mitleids (Gestik, Mimik, etc.) – mit dem Ziel eines klassischen Schauspielers, dem Zuschauer diese Emotion zu zeigen? Hat dabei aber stets im Hinterkopf, dass es sich um eine schauspielerische Situation handelt?
Die klassische Theaterlehre hat die Frage natürlich bereits zu genüge diskutiert, in wie fern ein Schauspieler sich die Gefühlslage seiner Rolle zu eigen macht oder nicht. Konsens scheint zu sein, dass er dies eben nicht tut. Vor dem Hintergrund Gemütslage A im Sekundenbruchteil gegen Gemütslage B zu tauschen. Besonders gut sichtbar bei monologisch-schizophrenen Charakteren, gespielt von einem geistig gesunden Schauspieler. Oder eben der Prämisse, dass ein Schauspieler einen Mörder glaubhaft verkörpern kann ohne selbst Mörder oder die Erfahrung des Mordens gemacht haben zu müssen.
Aber gerade im Improvisationstheater werden klassische Barriere durchbrochen. Der Improschauspieler arbeitet ohne Drehbuch, weiß also nichts von eventuellen, vom ihm geforderten Gemütslagen. Er steht im sprichwörtlichen Sinne nackt auf der Bühne, ohne einstudierte Handlungsvorgaben oder Ablaufpläne, ohne vorgegebenen und einstudierten Text. Er wird von den Veränderungen, Verbindungen und Emotionen die ihm selbst und seine Mitstreiter vom Publikum auferlegt werden, „kalt erwischt“. Es gibt ein überraschendes Moment, wie sonst nur in alltäglicher Kommunikation der Fall.
Genau genommen müsste man die Frage nach der Gefühlslage des Improvisationsschauspielers erweitern, denn was fühlt die Schauspielerin, die im obrigen Beispiel die junge Mutter spielt? Die zunächst auf positive und durch und durch erfreuliche, Glück-versprühende Weise die werdende und dann seiende Mutter spielt – die also als schauspielernde Person selbst rezipiert, wie sich ihre eigenen Rolle entwickelt. Das die plötzliche Katastrophe von ihrer Rolle tiefe Trauer als Reaktion verlangt (unterstelle ich hier, für den Erhalt des Beispiels) ist nachvollziehbar. Aber was fühlt die Schauspielerin? Konnte sie sich als junge Frau mit der von ihr verkörperten Rolle und dem sich im Spiel ergebenen Glück identifizieren? Ist sie also – zumindest für einen Bruchteil eines Moments – ebenso von der Katastrophe geschockt und empfindet Mitleid mit ihrer eigenen Rolle?!
Dies wäre im Grunde die Kernfrage: Kann ein Improvisationsschauspieler mit der eigenen Rolle Mitleid empfinden?
(Meine Antwort)
Hallo Jens Abel, vielen Dank für die Mail und die Überlegungen. In der Tat wurde diese Frage fürs Schauspiel schon oft besprochen. Sehr scharf und deutlich, wie ich finde, in der Abgrenzung von Brecht gegenüber Stanislawski. Ich sehe es so: Als Schauspieler brauchen wir eine Distanzierung, um überhaupt ins Spiel zu kommen, und zwar in dem Sinne, als dass wir ein spielerisches Verhältnis entwickeln können, was uns erlaubt, innerlich und äußerlich flexibel zu bleiben. Auf der anderen Seite müssen wir bereit sein, unser emotionales Gedächtnis zu aktivieren. Um das Mörder-Beispiel zu nehmen: Ich muss zwar noch keinen Menschen umgebracht haben. Aber es hilft der Rolle, wenn ich die Gefühlslage nachempfinden kann – Hass, Gier, Genuss oder was auch immer die Gefühlslage des Mörders ist. Das heißt aber auch, dass ich mit dieser Gefühlslage spielen kann, denn ich bin mir ja bewusst, dass ich auf der Bühne stehe. Und ich denke, dass wissen wir schon als Kinder, wenn wir Cowboy und Indianer spielen, dass wir unsere Mitspieler nicht wirklich erwürgen. Im Improtheater bezeichnen einige diese Distanzierung auch als „Drittes Auge“. Und hier brauchen wir die Distanzierung auch, da wir nicht nur improvisierende Schauspieler, sondern in der Regel auch gleichzeitig improvisierende Autoren des Stücks und improvisierende Regisseure sind (und noch auf einigen anderen Ebenen improvisieren). Die Schwierigkeit der meisten Improschauspieler besteht aber nicht in der Distanzierung, sondern in der Tiefe der charakterlichen Darstellung der Figur und diese auch durchzuhalten. Das durchzuhalten kann durchaus schwierig sein, da man, wie gesagt, ja auch noch mit ein paar anderen Impro-Bällen gleichzeitig jongliert oder aber, und jetzt kommen wir zu deiner Frage, weil man vom Angebot des Mitspielers stark überrascht wird. Das Aus-der-Rolle-Fallen äußert sich dann allerdings meistens als Lachen. Übrigens auch im Konventionellen Theater, wenn etwas außergewöhnliches passiert. Dass jemand auf der Bühne in Tränen ausbricht, weil er vom Drama überwältigt wird, habe ich so noch nicht erlebt, wenn wir erzwungene oder zugelassene Tränen, die „in der Rolle“ sind, nicht mitrechnen. Wenn das geschähe, würde ich sagen, der Spieler hat sich zu sehr in die passive Zuschauerhaltung fallenlassen statt die Mitspielerin zu unterstützen, was im Improtheater hieße, das Unglück der Mutter zu verschärfen. Im Übrigen ist meine Erfahrung, dass solch seltene dramatische Momente im Improtheater eher entstehen, wenn die Spieler Zeit und Raum haben, selbst ihr Materal zu entwickeln, statt durch andauernde Publikumsvorschläge wieder rausgeholt zu werden. Dann ist nämlich die Entwicklung oft gar nicht mehr so spannend, überraschend und dramatisch. Ich habe, vor einiger Zeit über das Thema schon mal in meinem Blog was geschrieben: Ich denke, dass diese Prozesse noch nicht wirklich psychologisch erforscht sind. Wie weit fühlen wir Trauer, wenn wir sie spielen. Läuft die Distanzierung im Nachhinein ab oder nicht doch eher parallel? Insgesamt vermute ich, dass Improspieler, und vielleicht Schauspieler überhaupt, ein spielerischeres Verhältnis zu ihren Emotionen aufbauen – so wie etwa Zen-Buddhisten. Eine Emotion ist dann nicht mehr etwas statisches, unwillkürliches, was einen überfällt, sondern man kann sich ihr nähern, sie betrachten, sie stärker zulassen, abwandeln usw. Ob ein Spieler von virtuellen Spielen eine solche Distanzierung systematisch aufzubauen vermag, möchte ich allerdings bezweifeln. Eher vermute ich hier für die meisten Spiele den gegenteiligen Effekt: Eine Wirtschaftssimulation lässt einen eben zum ehrgeizigen Händler werden, ein Mafiaspiel zum selbstgerechten Killer, um es mal plakativ zu formulieren. So weit zumindest meine Erfahrungen mit Computerspielen. Obwohl ich die strukturellen Parallelen auch sehe, behaupte ich, dass das Mindset beim Improspielen ein anderes ist als bei Computerspielen, da man zwar auch konstruiert und reagiert, aber vor allem das Schauspiel-Element als auch das Auf-den-anderen-eingehen beim Computerspiel weitgehend fehlt.
Dan Richter
Anmerkung: Dieser Briefwechsel wurde natürlich mit Jens Abels Einverständnis veröffentlicht.
Komische Stimme – platte Figur?
Mike Short im Forum YesAnd:
„Eine Stimme ist nur ein Teil der Figur. Sie eignet sich gut, um loszulegen, aber man muss geschwind die Wahrheit dahinter finden. Eine Figur, die lediglich in ihrer comichaften Stimme verharrt, bleibt eine platte Figur. Also mach nicht nur die komische Stimme. Nutze die komische Stimme als Startrampe.“
(„A voice is only one part of a character. It is a fine place to start, but you must quickly find the truth behind it. A character that remains only a cartoonish voice remains a flat character. (…) don’t just make a silly voice. Use that silly voice as a place to start.“)
Krimi-Impro: Foxy Freestyle + Paternoster
Ausnahmsweise hier mal eine Impro-Vorschau: Am kommenden Freitag, dem 2. Juli, improvisieren wir in der Alten Kantine in der Kulturbrauerei „MordART“, und zwar erstmals zusammen mit unseren Nachbarn und Kollegen von „Paternoster“.
Ich freu mich.
Was sagen wir hier eigentlich
Keith Johnstone ermutigt die Impro-Anfänger, das Neheliegende zu wählen, auch wenn es Obszönitäten sind oder völliger Quatsch entsteht.
Aber von Zeit zu Zeit sollten wir doch auch ein Auge auf den Inhalt werfen, den wir da produzieren. Wozu sonst stehen wir auf der Bühne.
Randy Dixon gibt folgenden Vergleich: Wir produzieren eine Schale. Und im Improtheater schauen wir in der Regel auf die Schale (d.h. das Format oder Game) und wie gut wir diese Schale hinbekommen haben. Meistens diskutieren wir jedoch über den Prozess des Erschaffens der Schale. So gut wie nie jedoch über den Inhalt, den diese Schale hält (oder auch nicht). So wacklig diese Metapher auch sein mag, so wichtig ist es jedoch auch, dass wir von Zeit zu Zeit auch mal die Konvention brechen, und mal nicht nur über das Wie, sondern auch über das Was zu reden.
Habe ich überhaupt etwas zu sagen? Will ich etwas sagen? Wem will ich etwas sagen? Usw.
Es ist eine Diskussion, die man wahrscheinlich am ehesten mit sich selbst allein führen muss. Oder?
Gemeißelte Sätze
Übung zum Behaupten & starke Angebote:
Szene mit starken Sätzen, die wie Sprichworte oder Lebensweisheiten in Stein gemeißelt sind.
Verstehen und Nachdenken
Nicht nur war Masako Kimura Impro-Anfängerin. Sie sprach auf einem Workshop in Seattle so gut wie kein Englisch. Ihre einzige Chance war, sich körperlich zu öffnen und entsprechend auf die Angebote der Mitspieler einzugehen. Sie beschreibt dieses Gefühl als „völlig im Moment“.
Randy Dixon zu ihr nach dem Workshop: „Richtig schwierig wird es für dich erst jetzt, wenn du nach Japan zurückkehrst. Dann wirst du deine Mitspieler verstehen, und dann geht das Nachdenken los. Dann wirst du dir „
Spaß als einziges Kriterium?
Grundregel: Es muss Spaß machen.
1. Dir.
2. Dem Publikum.
3. Deinen Mitspielern.
Es ist kein großes Problem, wenn es mal dir, deinen Mitspielern, oder auch dem Publikum nicht gefällt. Wenn das aber zu einem Dauerzustand wird, muss man vielleicht ein paar Schrauben nachstellen.
1. Das Improvisieren soll dir Spaß machen. Wozu sonst solltest du es tun? In den allermeisten Fällen, ist die Frage „Hat es mir Spaß gemacht?“ ein guter Kompass dafür, ob die Szene gut war.
Aber tatsächlich gibt es Tage, an denen das Publikum vor Vergnügen brüllt, die Mitspieler sich backstage freudig auf die Schulter klopfen, und man selbst wird das Gefühl nicht los, dass es heut nicht gut war. Man nehme es nicht so schwer. Man nimmt Szenen und Shows von Zeit zu Zeit unterschiedlich wahr, und der Grund dafür kann manchmal einfach das falsche Bein sein, mit dem man aufgestanden ist, PMS oder das schlechte Wetter. Wenn das Gefühl sich jedoch auf Dauer einstellt, sollte man sich fragen, was man hier tut. Gib die Schuld nicht allzu schnell an deine Mitspieler, die Zuschauer oder an dich selbst. Frag dich zunächst: „Was kann ich selber tun, damit die Show mir wieder Spaß macht?“ Ein guter Weg dahin ist Überakzeptieren. Sich wieder auf die Grundlagen besinnen. Nicht zu schnell bewerten. Den Quatsch der Mitspieler akzeptieren und damit spielen. Vielleicht hast du auch nur eine Schlechte-Laune-Phase, die man aussitzen muss. Aber wenn das alles nicht hilft, wenn Publikum und Mitspieler andauernd wie von einem anderen Stern wirken, solltest du dir vielleicht eine andere Gruppe suchen. Das ist aber wirklich der allerletzte Schritt. Denn vielleicht warten ja deine Mitspieler auch auf neue Vorschläge von dir.
2. Wenn deine Mitspieler keine Freude mehr haben, und nicht mit dir spielen wollen, während du dich prächtig amüsierst, könntest du dich fragen, ob du gerade dazu tendierst, sie zu überfahren, ihre Angebote nicht wahrzunehmen, auf ihre Kosten zu spielen. Wenn du in einer größeren Gruppe derjenige bist, mit dem alle vermeiden zu spielen, kannst du das Problem auch mal ansprechen. Bist du vielleicht der passive Spieler am Rande, der belustigt zuschaut, während die Kollegen die Show reißen müssen? Solltest du an bestimmten Techniken – Stimme, Schauspiel, Präsenz – feilen?
3. Wenn ihr völlig im Spiel aufgeht, ihr das Publikum aber nicht begeistern könnt, muss das erst mal noch kein großes Problem sein. Ein paar Meckerer gibt es immer. („Zu viele Noten, Herr Mozart, zu viele Noten.“) Manche Zuschauer kommen in die Show, weil sie etwas ganz bestimmtes erwarten und dann enttäuscht sind, z.B. Theatersport und dann kommt auf einmal Langform-Impro. Diese Meckerer kommen und gehen. Man kann es nicht jedem recht machen. Vor allem solltet ihr nicht etwas spielen, worauf ihr keine Lust habt, nur um dem Publikum gefallen zu wollen. Wenn ihr aber dauerhaft negatives Feedback bekommt, wenn ihr kein Stammpublikum aufbaut, wenn die Stimmung im Publikum eisig bleibt, dann habt ihr ein Problem. Man kann sich künstlerarrogant herausreden: „Die sind zu doof für uns.“
Aber oft sind es nur kleine Dinge, die ausschlaggebend sind, z.B. die Atmosphäre im Raum. Ein kleines Publikum muss man stauchen, damit eine gelöste Spannung entsteht und sich alle wohlfühlen; man setze sich ruhig mal testhalber ins Publikum.
Und vielleicht ist eure Show wirklich langweilig, albern oder uninspiriert. Geilt ihr euch vielleicht einfach daran auf, dass ihr auf der Bühne steht? Bühnenadrenalin kann viel verklären. Setzt einen von euch ins Publikum, der euch hinterher Feedback gibt.
Interview with Steve Sim
Auszüge aus einem Interview mit Steve Sim von den Crumbs
(Über die Philosophie in den Anfangstagen) "If it’s short, it ends. If it’s long, keep going. There’s no rules. Games – those are for the class room. (…) Sink or swim, do or die.)"
"There was fear before, because I didn’t know what the hell I was doing. Now I know that I’m having fun and how to make it fun for me."
"Once you’re in a different city and you have to do it, and it’s not your friends and family showing up, you’ve got to raise the bar you’ve got to I’m-really-working-now."
"I didn’t call [the rules] ‚rules‘. (…) What I understand most is that it’s a common vocabulary of the impro scene, whereas we didn’t have necessarily words for it, like "Yes And‘, ‚Agreement‘, ‚Forwarding‘."
"When anyone asked if they could learn improv, I’d say, you can’t learn it in a class, you have to do it. And then after being at these festivals and meeting these people and working with these people – cause all of these are great improvisors as well – I realized, maybe there is a way to teach this."
"I can teach people to trust, I can teach people to follow their impulse. I can teach people to relax. Rather than This-is-how-you-do-it,it’s How do you do it."
"I would do a scene with somebody who’s never been on stage before. And I was still young in improv as well, and it still made me afraid. But here I was on stage about to do an improv scene with somebody who was more afraid than me. So, I had to be relaxed. I had to make them feel safe. I had to make them the star.
"The improv games (with Keith Johnstone) were fun on the surface. It was much deeper and more meaningful and more fun for us to create these open scenes."
"We started getting invited to festivals to play and we started getting invited to teach. And I think that part of that is due to the fact that we weren’t in the Johnstone school or in the Second City school, the Improv Olympic school. We learned those things later."
"I think that I’m a more physical player than Lee. And Lee, I think, is a better actor than me. He’s got more emotional range, perhaps. And I think I’m good at seeing the bigger picture. I think, Lee can do better monologues than me. And I think I can do better abstracts work."
"There’s not much difference from country to country doing the shows. There’s more difference in the same city than city to city."
(Die Fragen stellte Stephan Holzapfel für www.impro-news.de)
Waaas? Du kennst das Witschiwatschi-Spiel nicht?
Lass dich nicht einschüchtern, wenn du in eine Impro-Gruppe einsteigst oder gecastet wirst und du ein bestimmtes Spiel oder eine Technik nicht kennst. Oft werden nur verschiedene Namen für dieselbe Sache verwendet. Und zweitens sagt es noch gar nichts über deine Fähigkeit als Improspieler.
Lass dich nicht einschüchtern. Auch nicht von den arroganten Blicken einzelner Mitglieder.
Status gegenüber Räumen und Gegenständen
(Ich weiß nicht, ob ich das hier schon mal erwähnt habe und bin auch unsicher, ob ich diese Beobachtungen woanders schon mal gelesen habe.)
Ich denke, Status hat man erst dann verinnerlicht, wenn man ihn auch gegenüber Räumen und Gegenständen spielen kann. Respekt oder Selbstverständlichkeit des Umgangs drückt sich nämlich nicht nur gegenüber Personen, sondern auch gegenüber Räumen und Objekten aus.
Johnstone erwähnt das Beispiel von König Lear, der mit großer Gelassenheit den Palast betritt und sich am Feuer wärmt. Der Hochstatus, den wir in dieser Szene sehen, bezieht sich ja nicht allein auf die außerdem anwesenden Personen, sondern auch auf den Raum. Man stelle sich vor, der Gärtner des Königs würde in den Krönungssaal geschickt werden, und er betritt ihn nun zum ersten Mal: Jeder Schritt unsicher, Angst, etwas kaputtzumachen, und über allem das Gefühl: „Das ist nicht mein Raum, ich gehöre eigentlich nicht hierher.“
Hochstatus gegenüber Gegenständen: Ich benutze sie mit großer Selbstverständlichkeit und Gelassenheit.
Tiefstatus gegenüber Gegenständen: Es steht mir eigentlich nicht zu, sie zu berühren.
Die typischen physischen Features finden sich auch hier. Der Hochstatus vergrößert den eigenen Radius. Der Tiefstatus verkleinert ihn.
Dies ist meines Erachtens der Kern von Status, und Johnstones Leistung ist es, dies so ausführlich beschrieben zu haben. Worin ich mit hm nicht übereinstimme: Hochstatus heißt nicht Kommandieren.
Schöne Show
Wie im letzten Posting erwähnt, fand ich die gestrige Show ziemlich gelungen.
Unsere Wiki-Langform im 2. Teil:
1.
Colt Defense
Der einsame Rächer Merge Black sucht seinen Sohn Joe, der vom Comanchen-Häuptling „Schwarze Narbe“ entführt wurde. In seinem Colt Defense Gewehr sind Kerben für jeden getöteten Indianer. In einem Saloon in Nebraska gibt ihm ein kleiner Junge den entscheidenden Tip, aber als Vater und Sohn sich treffen, erkennt Merge Black, dass Joe inzwischen zu einem Comanchen geworden ist. Entscheidender Satz: „Ein Vater erkennt seinen Sohn am Geruch.“
2. Das junge Paar – Oliver und Simone – hat ein Rendezvous auf dem Seeparkturm, aber ihr Vater, Herr Keinzle, mit seinem Schmetterlingsfimmel legt ihnen Steine in den Weg. Ende gut, alles gut, wenn die beiden nicht die Fackeln am Turm stehengelassen hätten.
„Den Korallenfalter hast du im Seepark gefunden?“
„Nein, bei Ihnen im Elektrozaun.“
3. Wir schreiben das Jahr 1935. Billy aus Detroit lebt in den Elendsvierteln der Stadt und kann mit seinem Job auf dem Bau kaum seine Frau und sein Kind ernähren. Da kommt ihm ein Job als Spitzel des Chefs ganz recht: Er soll alle verpfeifen, die eine Gewerkschaft gründen. Ein Brechtsches Musical, das den sozialen Zusammenhalt in den Slums beleuchtet, in der soziologischen Tradition von Herbert J. Gans .
„Du hast McEnroe und Turnstyle auf dem Gewissen, die auf dem Grunde des Eriesees liegen. Und jetzt auch Jack.“
„Der Pegel des Eriesees ist schon gestiegen.“
Urteil und Kritik #2
Schönes Nachspiel zum gestrigen Eintrag. Eine der gelungsten Shows dieses Jahres, und im Gästebuch von Foxy Freestyle wird genörgelt, wir würden das Publikum nicht genügend einbeziehen, was wiederum als Beleg genommen wird, dass wir „nicht richtig“ improvisieren.
Interessanterweise kommt diese Kritik natürlich nicht vom Stammpublikum, dessen Kritik wir durchaus auch mal ernstnehmen, sondern von Zuschauern aus Göttingen, die eben eine spezifische Form des Improtheaters kennen.
Was soll man da sagen? Pech gehabt. Ich akzeptiere Detailkritik, was schauspielerische oder improvisatorische Leistung betrifft, aber wenn ich z.B. Lust habe, zum Beispiel eine Langform ohne Publikumsbeteiligung zu improvisieren, dann erwarte ich auch Offenheit vom Publikum.
Und hier ist auch die Improszene gefragt: Nicht das Publikum mit den immergleichen Formaten und Games abfüttern und die Zuschauer auf diese Weise konditionieren, sondern auch mal über den eigenen Schatten springen.
Urteil und Kritik
Fast jeder Impro-Anfänger muss sich freimachen von der Angst, beurteilt zu werden. Wir empfinden das Urteil an unserem Werk als Urteil über unsere Person. Und das macht vorsichtig. Das geht im Grunde jedem Künstler so, mehr aber noch in der Improvisation, wo es kein Zurück gibt, kein Korrigieren. Von 100 Impro-Anfängern unterliegen 90 dieser Angst, die es erst einmal zu lockern gilt.
Aber auch später taucht diese Furcht immer wieder auf. Und dan spielen wir auf Sicherheit, wenn man von „Spiel“ in solchen Situationen überhaupt noch sprechen kann.
Heißt das aber, wir sollen Urteil und Kritik völlig ausblenden? Wie wollen wir uns denn weiterentwickeln ohne Kritik? Wie wollen wir ohne Urteil urteilen?
Es hilft nichts – wir müssen uns öffnen. Aber in einer Weise, die uns nicht lähmt.
1. Kritik und Urteil dürfen nicht unmittelbar in unser Spiel einfließen, sonst drohen sie uns zu lähmen. Wir müssen sie positiv kanalisieren, zum Beispiel indem wir uns ein kleines Privat-Game daraus bauen. Also angenommen, ich höre als fiese, unkonstruktive Kritik: „Du bist andauernd so negativ auf der Bühne!“ („Häbäbäbä!“), dann kann ich für mich bei der nächsten Show ein Spiel daraus machen, das da heißt, ich versuche, stets positiver als mein Mitspieler zu erscheinen.
2. Ich muss lernen, Kritik einzuordnen. Ich darf mich nicht persönlich angegriffen fühlen, egal wer die Kritik äußert. Ich muss mich fragen, wie ernst nehme ich die Kritik. Ein laienhafter Zuschauer weiß vielleicht nur, dass ihm eine Szene nicht gefallen hat, kann aber nicht genau formulieren warum (Meist heißt es dann „Die Geschichte war langweilig“). Mach dich nicht abhängig von Lob und Kritik des Publikums – man wird davon nur größenwahnsinnig oder bekommt Minderwertigkeitskomplexe. Aber höre genau zu, was deine Mitspieler dir zu sagen haben. Und was sagt dein Mentor? Was sagen Improkollegen im Publikum?
Und das alles gilt natürlich auch für die nicht-improvisierten Künste. Lies Rezensionen nur, wenn du weißt, dass du auch mit Verrissen gut leben kannst.
Entscheidung des Helden
Dem inneren Konflikt des Helden folgt eine Entscheidung.
Diese Entscheidung des Helden muss ihn etwas kosten. Das könnte klassischerweise die kindliche Unschuld sein. Oder auch eine Freundschaft, der beurfliche Erfolg usw. Denn eine Entscheidung ist letztlich auch immer eine Entscheidung gegen etwas.
Übertrainiert
Die Gruppe X wurde innerhalb weniger Monate aus dem Boden gestampft, gecastet und trainiert. Ein Show-Format wurde ihr von den Regisseuren geliefert. Und selbst bei den Shows waren immer ein, zwei Regisseure anwesend.
Der Eindruck, den diese Gruppe auf der Bühne machte, war anders als der anderer Impro-Novizen. Sie wirkten irgendwie übertrainiert. Vorsichtig, als müssten sie an tausend Dinge gleichzeitig denken, die man ihnen eingebleut hatte, statt frei zu spielen.
Die uninteressanten Storys, das teilweise Blockieren, Streiten usw. hätte man gern verziehen, wenn die Gruppe wenigstens etwas Wildheit und Spiellaune versprüht hätte.
Ernst und Spiel
Tim Brown unterscheidet zwischen
a) dem spielerischen Erkunden, dessen Ziel schiere Quantität ist und das nach Divergenz strebt (in unserem Vokabular wäre dies die freie Assoziation) und
b) dem Zusammenbringen (Wiedereinführen, Incorporation).
Er meint, das Erkunden sei eher spielerisch, das Zusammenführen ernst.
Ich denke aber, dass wir auch beim Wiedereinführen das Spielerische nicht verlieren dürfen. Auch der Sinn fürs Formale (und dabei geht es ja beim Zusammenführen) darf nicht steif sein, zumindest nicht in der Kunst.
Impro und Verhaltenstherapie
Ich vermute, dass es eine Verwandschaft gibt zwischen der Praxis der Improtheater-Workshops und der Verhaltenstherapie: Als Teilnehmer eines Anfänger-Workshops fängt man sehr niedrigschwellig mit einfachen kinderspielartigen Übungen an und verliert so die Hemmungen sowie die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor dem Beurteilt-Werden. Wir fragen als Lehrer erst gar nicht, wo diese Angst herkommen mag, wie es vielleicht die Tiefenpsychologe tun würde, sondern wir tun so, als hättest du diese Angst nicht, und vertrauen darauf, dass du sie daraufhin verlierst.
Fake it til you make it.
Sicherlich hat jeder andere Formen von Hemmnissen zu überwinden, aber ich habe bisher noch niemanden erlebt, bei dem diese Methode noch nicht funktioniert hat.
Das Anti-Impro-Glossar
- Akzeptieren – Option, wenn dein Mitspieler dir endlich ein vernünftiges Angebot gibt.
- Angebote – Deine schlauen Vorschläge, die deine Mitspieler verdammt noch mal annehmen müssen.*
- Beat – Der Moment, in dem du das Gefühl hat, das dich jemand abklatschen müsste, es aber niemand tut und du jetzt blöd auf der Bühne stehst.
- Character – eine bestimmte Art zu humpeln in Kombination mit einem schlecht imitierten Akzent, der in unregelmäßigen Abständen auftaucht und wieder verschwindet.*
- Emotionen – Ein Spieler verzieht das Gesicht. Der andere muss antworten: „Warum guckst du mich denn so an?“
- Ernsthaftigkeit – Neues Ziel für eine Improgruppe, wenn man keine guten komische Szenen hinbekommt.
- Genre Horror – Ein Haufen grimassierender, röchelnder Monster bringt sich gegenseitig um.
- Genre Science Fiction – Spielt grundsätzlich in einem Raumschiff, dessen Türen sich phantastischerweise automatisch öffnen. (Also so wie heutzutage in öffentlichen Gebäuden.)
- Genre Western – Spielt grundsätzlich in einem Saloon voller Leute, die rumlaufen, als trügen sie Melonen unter den Achseln und hätten sich eingemacht und die davon reden, dass Johnny wieder in der Stadt ist.
- Games – Regelset, das uns erlaubt, tiefschürfende Storys zu erfinden, berührende Charaktere zu erschaffen und dem Publikum ein kathartisches Erlebnis zu bereiten, z.B. Armrede, Marionetten und Genre-Replay.*
- Gesang – Muss absichtlich schräg sein, damit das Publikum was zu lachen hat.
- Handlung – Das, was der erste Spieler auf der Bühne etabliert, um dann vom zweiten belehrt zu werden: „Das ist hier verboten.“ oder: „Das müssen Sie anders machen.“ Zur Not auch: „Was machen Sie denn da?“
- Heldenreise – Helden sind auf der Suche nach dem Elixier. Sie haben einen Begleiter, einen Mentor, dann gibt es noch den Antihelden, den Schatten und ca. 20 weitere Archetypen, ohne die du eine gute Geschichte nicht erzählen kannst. Sehr wichtig vor allem in der Dreiersynchro und der ABC-Szene.
- Impro-Auto – Plötzlich auftauchendes Gefährt mit Zwei-Meter-Türen. Anschnallen ist überflüssig.
- Impro-Tür – Befindet sich links oder rechts am Bühnenrand und hat, im Gegensatz zu richtigen Türen eine einzige magische höhenvariable Klinke, die sich gleichzeitig außen als auch innen befindet.
- Improtheater – Also, es entsteht alles spontan. Es ist total lustig. Komm einfach mal vorbei, wir spielen diese Woche im… Ach, oh, das tut mir leid, und gute Besserung für deine Tante.
- Keith Johnstone – Impro-Guru, von dem man als Anfänger behaupten muss, ihn gelesen zu haben („Kies Dschonsn??“). Als Fortgeschrittener gilt, wer zu Johnstone-Exegese nicht nur in der Lage ist, sondern sie jedem ungefragt aufdrängelt. Als Profi spreche man herablassend von „Keith“ wie von einem schrullig gewordenen Grundschullehrer, den man ab und zu trifft, wenn man sich gerade in Calgary aufhält.
- Langform – Eine komplizierte Struktur, um den kleinen dürftigen Szenen Halt zu geben. Kann man aber heute nicht spielen, weil zu wenig/zu viele/ zu dumme Zuschauer da sind.
- Moderation – Das Publikum anbrüllen, sich über einzelne Zuschauer lustig machen, „5-4-3-2-1-los!“ rufen.
- Musik – Das, was der Typ am Klavier vor sich hin klimpert und überhaupt nichts mit der Szene zu tun hat.
- Nein – Ein „Nein“ deiner Mitspieler ist ein Block. Dein „Nein“ ist in Wirklichkeit ein subtiles Akzeptieren, da es in der Logik deiner Figur liegt.
- Ort – Paris, Buxtehude oder Castrop-Rauxel
- Pantomime – Die Kunst, auf magische Art Gegenstände erscheinen und wieder verschwinden zu lassen.
- Probe – Findet „zur Zeit“ selten statt.
- Professionalität – Situationen, in denen Lachen verboten ist.
- Publikum – Freunde und Verwandte und ein Haufen ignoranter Idioten, die man mit blöden Sprüchen aufwärmen muss, weil sie sonst nichts kapieren.
- Raum – Schwimmbad, Sauna oder Bahnhofstoilette
- Schöne Bilder – Die Story war schlecht.
- Showformat – Ein kompliziertes System aus verschiedenen Regeln, die dem Publikum in den ersten 15 Minuten der Show verklickert werden müssen. Meist spielen Applausstufen, bunte Zettel und Karten und ein komplizierter Wettbewerb, den keine Sau versteht, eine Rolle.
- Status – Jemanden schlechtgelaunt rumkommandieren oder sich rumkommandieren lassen und dabei nörgeln.
- Story vorantreiben, Situation verschärfen, Wiedereinführen usw. – Techniken, um die du dir keine Gedanken machen musst, solange du nicht selber Impro unterrichtest.*
- Storytelling – Eine echt komplizierte Sache, die du erst verstehen wirst, wenn du die griechischen Tragödien gelesen und sämtliche Hollywoodklassiker gesehen hast.
- Szenenbeginn – Das, was nach „5-4-3-2-1-los!“ kommt, so wie im richtigen Theater auch, (oder wie machen die es dort?). Dann geht es los mit „Hallo!“ – „Hallo!“ oder auch „Kennen wir uns nicht?“
- Szenen-Ende – Muss mit Armschranke dem Techniker bzw. dem Publikum angezeigt werden.
- Tisch – Das, wo man andauernd durchläuft.
- Vertrauen – Was dir deine Mitspieler nicht geben, dir aber verdammt noch mal zusteht.
- Warm Up – Zwei Stunden intensives körperliches, geistiges, stimmliches und improvisatorisches Auspowern, ohne das selbst ein 10minütiger Auftritt garantiert daneben gehen wird.
- Zug um Zug – klassische Impro-Regel, die zwei Improspielern das Recht gibt, einander andauernd zu unterbrechen.
- Zugabe – 15minütige Trash-Szene, die gespielt werden muss, wenn der Applaus länger als fünf Sekunden andauert.
- Zuhören – Das worüber der Improlehrer spricht, während du gerade dabei bist, dir einen schlauen Satz für die nächste Szene zu überlegen.
- Zuschauerkritik – Steht den Zuschauern nicht zu, denn sie waren heute von vornherein schlecht drauf.
- Zuschauerlob – Muss abgewehrt werden mit dem Satz: „Sonst sind wir besser.“
*Inspiriert von Jerry Schaefers „Devil’s Dictionary of Terminology for the Improvisational Theatre„
Regeln
Manchmal sind Schüler irritiert von gewissen Regeln, wie „Sag ja!“ oder „Starte positiv!“
Tim Brown dazu: „Wir brauchen neue Regeln, um die alten Regeln zu brechen, die wir (unbewusst) mitbringen.“
Johnny Depp im Prozess
Johnny Depp ist dermaßen prozess- (statt produkt-) orientiert, dass er sich nicht einmal seine eigenen Filme anschaut.
„When it’s done, it’s none of my business.“
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Der Sprung
Feedback einer Schülerin: „Unglaublich, was man bei euch an einem einzigen Wochenende lernt. Und so schnell! Ich dachte, wir hören erst mal einen halben Tag nur Theorie. Aber man lernt sofort, die Angst fallenzulassen.“
Kreative Angst
Ungeheuer kreativ werden Impro-Anfänger, wenn sie sich Rechtfertigungen fürs Nichthandeln ausdenken:
– „Ich weiß doch auch nicht, wie es in einem Bademeisterturm aussieht.“
– „Ich musste ja erstmal den Esel wegschicken und verschnaufen, bevor ich den Text aus dem [imaginären] Buch vorlese.“
– „Das Spiel XY kann ich nicht so gut.“
– „Ich weiß nicht, wie man Setzlinge pflanzt.“ (Meine eigene schändliche Rechtfertigung damals im Anfängerkurs, um meine hingewurschtelte Pantomime zu begründen. Aber mordende Gangster, Piloten, Chirurgen, Karusselbetreiber – die konnte ich ohne zu fragen spielen.)
Als Anfänger nimmt man die Ausweichmanöver, die das in Panik vorm Unbekannten geratene Unterbewusstsein da mit einem treibt, gar nicht wahr. Der Verstand, so Eckhart von Hirschhausen, gleicht dem Regierungssprecher – er ist der Letzte, der erfährt, was beschlossen wurde, und muss es nach außen rechtfertigen.
Es gilt also, den Mut zu trainieren, das gegen die Alltagsrationalität gerichtete Ja-Sagen.
Improvisation anwenden um die Welt zu verändern
Vom 23. — 26. September findet unter diesem Titel in Amsterdam die Internationale Konferenz des weltweiten „Applied Improvisation Network“ (Netzwerk angewandte Improvisation — siehe unten) statt. Es warten vielfältige kreative und stärkende Impulse!
Es gibt drei „Hauptspuren“, entlang derer die Konferenz laufen wird:
# Die Geschäftswelt: Innovation, Veränderungen in Unternehmen, eigene Geschäftsfelder definieren und ausbauen
# Die soziale Welt: Sozialer Wandel, der Aufbau von Gemeinschaften und Weiterentwicklung von Settings
# Die persönliche Welt: Auseinandersetzung mit unserer eigenen Entwicklung, Einzelcoaching, Methoden die ein besseres und erfüllendes Leben mit LebenspartnerInnen und FreundInnen fördern
Gesucht werden nun Menschen, die in ihren Berufsfeldern oder als KünstlerInnen Improvisationstechniken umsetzen z. B. auch Playback-Theater, Soziodrama, Statuen- und Forumtheater, Methoden von Keith Johnstone oder Viola Spolin usw. Unter http://www.surveymonkey.com/s/QCMKYYJ! können noch bis 6. Mai (Bitte auf Englisch) Vorschläge für 2-Stunden-Workshops eingebracht werden.
„Applied Improvisation Network – AIN“ Mitglieder des 2002 gegründeten AIN kommen aus den verschiedensten Ländern der Erde. Es sind Menschen aus verschiedenen Berufen, die Improvisationstechniken in vielfältigen Feldern anwenden: in der Beratung und Begleitung von Unternehmen und Institutionen verschiedenster Branchen sowie von Städten und Gemeinden, in der Erwachsenenbildung sowie im Gesundheits- und Sozialbereich. Dabei geht es um zentrale Themenfelder wie gelungene Kommunikation, emotionale und soziale Kompetenz, Improvisation als Motor für Innovation und Qualitätssteigerung, Umgang mit Konflikten, Supervision und Coaching sowie um neue Zugänge für die Planung und Umsetzung von Projekten oder Arbeitsabläufen. http://appliedimprov.ning.com
