Ich kann mich nicht erinnern, es irgendwo gelernt zu haben: Ich habe aber bei Shows fast von Anfang an die vierte Wand durchschritten. Szenen im Publikum, Zuschauer einbeziehen.
Im Improvisation liegt es praktisch auf der Hand, da die Zuschauer durch Vorschläge oder auch Abstimmungen und die ganzen Impro-Zirkus-Rituale ans Mitmachen gewöhnt sind.
Impro für Improvisierer – Rapid Fire
Auftritt von Amy Shostak und Kurt Smeaton (Rapid Fire) im Bühnenrausch. Von 50 Zuschauern sind mindestens 40 Improspieler. Davon kritzelt die Hälfte während der Show Notizen. Von Kanada lernen heißt Impro lernen. Keith Johnstone, The Crumbs Rapid Fire.
Die beiden spielen zwei Langformen. Sehr entspannt, sehr gutes Miteinander. Sie gehen so locker miteinander um, dass es fast scheint, als seien sie langsam. In Wirklichkeit bauen sie Schritt für Schritt aufeinander auf, führen Elemente wieder ein, bleiben im Moment, und behalten das bereits Etablierte im Blick. Schöne Figuren. Alles spezifisch. Die zweite Hälfte beginnen sie in einem kleinen Flugzeug. Eine beinahe Warte-Szene, fast wie Godot. Gleich zu Beginn fragt sie ihn, ob seine Schulter noch schmerze. Er fragt zurück, wie es ihrer Schulter gehe. Wir bleiben mit der Information allein. Und erst am Ende wird sie wieder eingesammelt.
Abgang
„Nicht auf den Auftritt, auf den Abgang kommt es an.“ (Weeß icke, wer das mal gesagt hat.)
Schauspiel ohne Improvisation?
„Wer nicht improvisieren kann, ist auch kein Schauspieler.“ (Marlon Brando)
Berlin/Brandenburg Impro Neuigkeiten regelmäßig online
Löbliche Seite von Marco Brüders und Thomas Jäkel:
http://www.impro-news.de/
Sie schreiben dazu:
Hallo Impro-Macher,
seit November 2009 haben wir an der Umsetzung des Konzeptes einer regionalen Online Improtheater-Zeitung für Berlin/Brandenburg gearbeitet. Seit Ende November sind wir mit unserer Seite Impro-News.de online. Seither haben wir viele Erfahrungen mit der Technik und mit dem für uns neuen News-Format gesammelt. So ist Impro-News.de derzeit bereits per RSS abonnierbar, man kann uns per Twitter followen und es gibt eine Facebook-Gruppe, die die wichtigen Artikel verlinkt.
Das positive Echo verschiedener persönlich mit uns bekannter Freunde aus der Berlin-Brandenburger Impro-Szene auf unsere ersten Gehversuche gibt uns das Gefühl, dass wir hier einen sinnvollen Beitrag zu der wachsenden Impro-Community in der Region leisten können. Sicherlich ist noch nicht alles perfekt und wir erfinden das Format in guter Impro-Manier jeden Tag wieder ein bisschen neu, aber es macht uns persönlich so viel Spaß, dass wir uns vorstellen können, hier etwas Nachhaltiges zu schaffen.
Wenn euch das Angebot gefällt, so leitet diese Information doch bitte an eure Freunde oder sonstige Interessierte weiter!
Worum geht es eigentlich bei Impro-News.de?
Der Grundgedanke bei Impro-News.de ist es, eine zentrale Informations-Plattform zu bieten, über die Infos aus und über die Berlin/Brandenburger Impro-Szene in einer unabhängigen und vielfältigen Form zugänglich gemacht werden können. Hierbei denken wir in erster Linie an folgende Informationen:
Ankündigungen zu interessanten Events (Workshops, Festivals, neue Shows und Formate)
Kritiken von einzelnen Impro-Auftritten,
Vorstellung der Impro-Gruppen und Impro-Persönlichkeiten, z.B. in Form von Steckbriefen und Interviews.
Tipps&Tricks, z.B. Vorstellung von Impro-Spielen oder Trainings-Tipps in lockerer Form
Sonstige Infos rund um Impro-Theater
Wir erhoffen uns hiervon eine stärkere Vernetzung der teilweise doch recht zersplitterten Impro-Szene, einfach dadurch, dass man mal erfährt, was außerhalb der eigenen Gruppe so läuft und was die anderen eigentlich so machen.
Wer steckt hinter Impro-News.de?
Ins Leben gerufen und getragen wird das Projekt derzeit von Thomas Jäkel (ZWIEBELFISCH) und Marco Brüders (Changeroos). Wir suchen jedoch noch Mitstreiter, die Spaß daran haben, über die Berlin/Brandenburger Impro-Szene lebendig zu berichten (Siehe auch “Wie kann ich konkret mitmachen” weiter unten).
Impro-News.de versteht sich als unabhängiges Forum und fühlt sich einzig den hier genannten Zielen verpflichtet. Insbesondere verfolgt Impro-News.de keinerlei kommerzielle Interessen. Falls wir uns entschließen sollten, Werbung auf dem Portal einzublenden (und falls das auch noch Geld bringen sollte…), dann wird dieses Geld ausschließlich zur Deckung der Kosten verwendet, die im Rahmen der Arbeit rund um Impro-News.de entstehen.
Woher kommen die Artikel?
Bislang haben wir alle Artikel selber geschrieben, wobei wir oft auf Informationen aus von uns abonnierten Newslettern einiger Impro-Gruppen zurückgegriffen haben. Wir würden uns aber wünschen, dass eine möglichst große Zahl von anderen Freiwilligen aus ganz verschiedenen Ecken der Impro-Szene bei unserem Projekt mithelfen, indem Sie eigene Artikel schreiben oder uns Informationen zugänglich machen. Grundsätzlich sind wir für alles offen, werden aber eine Moderationsrolle übernehmen, um eine gewisse Grundlinie zu gewährleisten.
Wie kann man konkret mitmachen?
Ihr könnt mitmachen, indem Ihr
den Fragebogen für eure Gruppe ausfüllt,
einen kurzen Bericht über eine von euch besuchte Impro-Vorstellung schreibt
eure schönste Impro-Panne mailt
uns auf Termine und Veranstaltungen hinweist, die wir bislang übersehen haben (bitte aber keine regelmäßigen Auftritts-Termine)
uns bzw. unseren Redakteuren Freikarten für eine Show anbietet, damit wir Kritiken schreiben können
Impro-News.de an Bekannte weiterempfehlt und ggfs. von euren Seiten auf uns verlinkt
uns eure Kritik über Impro-News.de schickt (Lob darf auch mal sein!)
Artikel fleißig kommentiert
uns auf neue Ideen bringt
usw.
Soweit erstmal. Wir würden uns freuen, wenn ihr uns regelmäßig lest und eure Gruppenmitglieder über Impro-News.de informiert. Wir haben noch einige andere Ideen für die Zukunft, aber eins nach dem anderen.
Gutes Improvisieren wünschen euch
Thomas und Marco
Akzeptiere, dass das Akzeptieren nicht eingefordert werden kann
Akzeptiere das Paradox: Akzeptanz lässt sich nicht einfordern. Bleib bescheiden. Akzeptiere, dass deine Mitspielern der Bühne manchmal blockieren. Du weißt selber, dass das auch Profis immer wieder mal unterläuft. Mach das Beste draus und spiel!
Akzeotiere die Schwächen deiner Mitspieler, ohne Akzeptanz für deine Schwächen einzufordern (á la „So bin ich nun mal.“)
Grundlagen Figuren
1. Wisse bescheid über die Dinge und Personen, mit denen du zu tun hast. So ersparen wir uns Debatten über das Wie, Wer, Wo und können gleich zur Sache kommen.
2. Habe Ahnung von dem, was du tust. Der hilflose Pilot (Chirurg, Atomphysiker usw.) ist mal für einen Gag gut, aber auf Dauer hemmen solhe Figuren die Geschichte.
3. Habe eine sprachliche und/oder körperliche Angewohnheit. Ich möchte hier weniger von „Tic“ sprechen, wie es sonst im Impro üblich ist, da man da sonst zu schnell ins Krankhafte, Groteske abgleitet. Ein kleiner Akzent oder die übertriebene Benutzung eines Wortes genügt ja. Charakteristisch kann auch Jargon sein – Bürokraten, Lehrer, Handwerker usw. Statt der physischen Groteske auch etwas feineres, wie z.B. sich einfach schneller bewegen, andere berühren, Arme ausstrecken usw.
4. Habe als Figur eine Haltung zu bestimmten Themen. Je klarer die Haltung, umso schöner lässt sich die Figur ausreizen.
5. Treibe deine Haltung ins Äußerste. Wir wollen Konsequenzen sehen.
Sich was vornehmen
Ich versuche immer wieder mal, mir kleine Dinge in einzelnen Szenen vorzunehmen. Z.B. Improbasics: Radikal aufs Akzeptieren achten, positiv starten usw.
Oder ich denke mir mein eigenes kleines verstecktes Spiel aus: z.B. spielte ich in einer Szene letzten Freitag permanent mit der Nähe/Distanz zu meinen Mitspielern, was der Szene einen seltsamen Dreh verlieh.
Ich glaube aber, man kann sich nicht viel mehr, als ein, zwei Dinge vornehmen, sonst verheddert man sich, verliert an Lockerheit. Ein gutes Game sollte ja auch schon schwierig genug sein, uns am Vorausdenken zu hindern.
Manchmal male ich mir vor der Show ein Zeichen auf den Handrücken – die Erinnerung an mein persönliches Meta-Game für die Show.
Lustiges Regelbrechen
Ein Haufen Folgen von was weiß ich welcher Staffel von „Curb Your Enthusiasm“ wurde mir geschenkt. Funktioniert die Datei?, frage ich mich und gleichzeitig will ich mal sehen, wie Larry, der notorische Improvisierer, die Folge startet. Ergebnis:
– Negativ
– Streit
– Er lässt seinen Partner kaum zu Wort kommen.
Und trotzdem saukomisch.
Komik allein
„Komik allein kann einen Spielfilm nicht tragen, also fügte er Romantik und Tragik hinzu.“ (Attenborough über Chaplin)
Die Kraft der Grenzen – Shyamalans „The Village“
Dass in Shyamalans „The Village“ die Farbe Rot verboten ist, gilt ja nicht nur für die Dorfbewohner, sondern für Shyamalan selbst: Ein Farbfilm, der mit wenigen Ausnahmen ohne die Farbe Rot auskommt.
Heroes
That’s all you need to be: Take action (when everybody else is passive) on behalf of somebody else (instead of yourself).
Phil Zimbardo on heroes.
Formale Kreativität
Interessant wird Improtheater, wenn wir nicht nur inhaltlich kreativ werden oder die Tücken eines Games beherrschen, sondern wenn wir formal kreativ werden. Das heißt, wir entwickeln aus dem Spiel heraus das Spiel. So wie etwa ein Filmregisseur die angemessene Kameraperspektive sucht, ein Roman-Autor die Erzählperspektive wechselt, ein Architekt das Gebäude in die Landschaft angemessen einfügt, so sind auch wir als Improspieler gefordert, auf Timing, Abstraktionen, Erzählperspektiven, Raumnutzung, Lücken usw. zu achten.
Ein kleines Game braucht dies vielleicht weniger als eine längere narrative Form; denn ein gutes Game ist an sich schon formal ausstrukturiert. Längere, freie Formen erfordern geradezu einen frischen Fokus auf das Wie.
Glück + Musik
Mit Stefanie Winny und Matthias Fluhrer improvisiere ich nun schon seit Mai 2001. Was für ein Glück!
Das Schicksal wollte es offenbar auch, dass hier drei musikalisch talentierte Spieler zusammenkamen. Und auf unserem Weg sind wir immer wieder auf großartige Improvisationsmusiker gestoßen: Harry Hawaii, der uns in unserer Lehrzeit auf den Trichter brachte, überhaupt Musik in die Theaterimpro einzubeziehen. Christopher Noodt (heute bei den Ohrbooten), unser erster Pianist bei Paula P., der vom ersten Moment an ein untrügliches Gespür für Szenen, Songs und Schwung hatte. Andrés Atala Quezada, der wohl als Kind in den Musikbottich gefallen sein muss und der uns außerordentlich komplex zu begleiten weiß. Camilla Elisabeth Bergmann, unsere Bühnenkollegin bei Paula P. und Die Bö, die uns immer wieder dazu ermunterte, unser musikalisches Repertoire zu erweitern und zu verfeinern. RicoLoop, der mit einer Armada von Instrumenten und natürlich seiner berühmten Loopstation anrückte und den Szenen eine neue Wildheit verlieh. Fee Stracke, die eine sehr spezielle, einfühlsame und phantasievolle Art entwickelt hat, Szenen zu begleiten.
Danke allen!
Nahe und ferne Assoziationen
„Auch konventionelle Assoziationen reißen uns nicht vom Hocker – auch wenn Keith Johnstone immer wieder predigt, man solle das Offensichtliche wählen. Wenn jemand beispielsweise auf das Stichwort ‚Werkzeug‘ antwortet ‚Hammer‘, werden wir (…) das Interesse verlieren. Wenn jemand dagegen ‚Schwingschleifer‘ sagt, merken wir auf, wundern uns und gewinnen Interesse an der Figur. (…) Ab einer gewissen Distanz vom Riezwort werden wir eine Assoziation als ‚verrückt‘ ansehen. Beispielswiese ist zwischen ‚Werkzeug‘ und ‚Bratwurst‘ kein Zusammenhang erkennbar. Die Assoziation ist damit ‚verrückt‘ und damit bedeutungslos.“ (Gunter Lösel: Theater ohne Absicht)
Dabei geht es natürlich nicht allein um freies Assoziieren, sondern darum, Szenen, Figuren usw. assoziativ weiterzuführen. Ich behaupte, je konkreter wir die Dinge erfassen, umso interessanter werden sie. Johnstone fordert natürlich „das Offensichtliche“, um zu verhindern, das vor allem Anfänger im Zwang, originell sei zu müssen steckenbleiben.
Sich aus der eigenen Erfahrung zu bedienen, um in Lösels Bild zu bleiben (sich den eigenen Werkzeugkoffer vorzustellen) macht die Szene plastischer als das billigste Klischee zu bedienen.
Frei zu spielen, heißt nicht doof zu bleiben.
Auf der anderen Seite lauert natürlich das ‚Verrückte‘, das man natürlich als Zuschauer in gewissem Maße noch erträgt, und zwar dann, wenn es nicht völlig beliebig wird, sondern sich aus dem Kontext heraus entwickelt. (Denken wir an McGyver oder Egon Olsen, denen vom kaputten Luftballon bis zur Büroklammer alles als Werkzeug diente.)
Fluss nach Csikszentmihály
Csikszentmihály kennzeichnet „Flow“ folgendermaßen:
– Klare Ziele
– Fokus – ein hoher Grad von Konzentration auf ein begrenztes Feld der Aufmerksamkeit
– Verschwindende Selbstkontrolle und die Verschmelzung von Handeln und Achtsamkeit
– Verändertes Zeitgefühl, sowie direktes und unmittelbares Feedback, so dass Erfolg und Fehler irrelevant werden, da sie sofort eingearbeitet werden und das Handeln angepasst wird
– Gleichgewicht von Fähigkeitsniveau und Herausforderung, d.h. die Aktivität ist weder zu leicht nocht zu schwer
– Die Aktivität ist belohnt aus sich selbst
– Ein Gefühl von permanenter Kontrolle über die Situation
(zit. nach Zimbardo/Boyd: „The Time Paradox“)
Beim ersten und beim letzten Punkt bin ich skeptisch (möglicherweise hab ich ihn auch nicht richtig verstanden): Im Zustand des Flow gebe ich ja zu einem großen Teil die Kontrolle über die Situation ab, d.h. ich mache mich zum Instrument der Situation, was vor allem in der Partner-Improvisation deutlich wird: Ich gehe auf die Angebote der Mitspieler ein, ohne sie steuern zu wollen, was uns an Ziele führen kann, die wir im Moment des Handelns gar nicht kennen. Es geht also eher um ein Aufgeben von Kontrolle.
Die Kunst des Interviews
Prominente haben ein öffentliches und ein privates Ich. Über das öffentliche Ich zu sprechen, ist langweilig – sowohl für den Interviewten als auch für die Hörer.
Die Kunst des Interviewens, so Marc Pachter, bestehe darin, dem Interviewten zu helfen, das zu sagen, was er eigentlich sagen will. Je prominenter eine Person ist, umso schwieriger wird es, ihr aus dem Kokon zu helfen, den sie sich im Laufe der Jahre zugelegt hat.
Entscheidend sei gar nicht so sehr intellektuelle Brillanz, sondern Lebensenergie.
„Everybody in their lives is really waiting for people who ask the questions so that they can be truthful about who they are and how they became what they are. And I commend that to you, even if you’re not doing interviews. Just be that way with your friends, and particularly with the older members of your family.“
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Zeitgefühl
Spannende neue Lektüre von Zimbardo & Boyd:
„Improvisers require a fine sense of timing and the ability to make something new happen on the spot. Naturally, these performers bring to each session the knowledge of what others have done in the past in order to know what not to repeat as well as what to build upon, extend and enhance. But being able to use the past as a scaffold and not a blueprint marks the creative performer as one who can improvise in ways that go beyond the past into new realms. For comedians, it means allowing themselves to be totally open to the mood and reactions of the audience, and for jazz musicians, to be totally open to their feelings and ‚online‘ mental process.“
(Philip Zimbardo & John Boyd: „The Time Paradox. The New Psychology of Time That Will Change Your Life“)
Kontakt
Immer und immer wieder Kontakt zwischen den Mitspielern üben: Einfaches Kopieren von Handlungen, Status. Immer wieder auch gut: Spiegel-Übungen.
Aber in den Szenen werden Kopien langweilig. Also Figuren entzerren, und dennoch in Kontakt bleiben. Nimm wahr, was dein Mitspieler tut, auch wenn du ihn nicht gerade anschaust.
Augenkontakt ist ein spezielles Problem: Durch Augenkontakt stellen wir sofort emotionalen Bezug zu unserem Mitspieler her, aber auch zur Figur unseres Mitspielers. Nach außen wirkt das ungeheuer intensiv. Wenn aber ein Paar sich in der ganzen Szene anstarrt, wirken sie in sich gekehrt und eingeschlossen. Man braucht also einen gewissen Rhythmus, des Sich-Anschauens/Nicht-Anschauens. Dafür habe ich neulich ein schönes Spiel gesehen. Immer wenn die Musik einsetzt, schauen sich die Spieler in die Augen. Wenn sie aufhört, schauen sie wieder weg.
Vor der Show: Freunde, die man lange nicht gesehen hat, im Publikum. Schüler, die vor der Show noch was wissen wollen. Technik, die nicht richtig funktioniert. Ein neues Format. Ein neuer Mitspieler. Stress vom Nachmittag im Hinterkopf.
Dann kommen während der ersten Hälfte Zuschauer zu spät. Die Eingangstür geht wegen des Weihnachtsmarkts auf dem Hof ständig auf und zu. In der ersten Reihe ein Witzig-witzig-Zuschauer. Die extra aufgebaute Kamera fällt aus, und ein Zuschauer versucht, sie zu „reparieren“. Vorschlag für die erste Szene: Zyankali. Alles für sich genommen, keine echten Probleme für einen lockeren Impro-Spieler. Alles zusammen dann aber schon eine Herausforderung. Da genügt die Selbstsicherheit des Teams unter Umständen nicht. Man kann es Eingrooven nennen, Meditieren, Warm Up, Abspacken oder Einfoxen: Wenn der ganze Abend frei improvisiert ist, braucht man sowohl Freiheit als auch Fokus. Darauf muss man sich einstimmen. Man nehme sich die Zeit.
(Dafür war die zweite Hälfte hinreißend.)
Entfesselung
Anfängern, die in einfache Übungen und Warm-Ups einfach „nicht reinkommen“, etwas bei Tag Outs oder Zip-Zoom oder „Ich bin ein…“, kann manchmal recht einfach geholfen werden, indem man sie entfesselt. Wieder kann man vom Basketball lernen: Beine leicht gebeugt statt steif. Oberkörper leicht nach vorn statt nach hinten gebeugt. Arme nicht verschränken.
Wer sich auf diese Weise körperlich öffnet, geht auch leichter in die Szenen.
Erzählperspektive
Selten im Fokus: Die Erzählperspektive in narrativen Formaten. Wenn es einen Erzähler gibt, bricht die Form, wenn wir Dinge zeigen, die er nicht sehen oder erlebt haben kann.
Dem Suspense tut es auch gut, wenn aus der Erlebnisperspektive gespielt wird. Im Horror ohnehin: Es geht um den Erschreckten, nicht um den Erschrecker. Um das Opfer, nicht um das Monster.
Das Lesen ersetzt nicht die Erfahrung
„Wir können sämtliche Sutra lesen und doch nicht lesen, was darin steht. (…) Es sind nicht die Texte, die das Erlebnis erschließen, sondern es ist das Erlebnis, das uns die Texte erschließt.“ (Brigitte D’Ortschy im Teshin zum 2. Koan aus „Die blaugrüne Felswand“)
Ohne die wiederholte Impro-Erfahrung, einschließ der Enttäuschungen, bleibt die Lektüre und die gedankliche Reflexion hohl. Ohne gedankliche Reflexion bleibt die Improerfahrung flach.
Theorie immer mal wieder wegwerfen
„In dem halben Jahr, wo ich mein Comeback vorbereite, wirst du in eine Band gehen! Nimm dir irgendwelche Titel vor! Egal was! Spiel die Sachen in möglichst verschiedenen Anschlagstechniken. Vergiss alle Theorie und höre einfach nur hin. Das ist der ganze Trick (…) Wir müssen unsere Instrumente erst entdecken.“ (Ralf Petry in einem Brief an mich 19.3.1987)
Johnstonismen
Wie jede Lehre kann natürlich auch Johnstone – ins Extrem getrieben – kippen.
– Den Trash zulassen, um in den Spielfluss zu kommen und den inneren Zensor auszuschalten, schließt ja nicht aus, sich auch ab und zu über Qualität und Verfeinerungen Gedanken zu machen.
– Mit dem Publikum zu flirten kann irgendwann schmierig werden, wenn man nur noch Tongue-in-Cheek spielt.
– Status ist eine sehr gute Technik, aber nicht die einzige.
– Theatersport…
Lampenfieber
Ich habe nie geglaubt, dass man „ein bisschen Lampenfieber braucht“, um gut zu spielen
Nun pflichten mir die Mediziner und Psychologen bei: Die Angst vor dem Urteil anderer (und das genau ist ja das Lampenfieber) belastet das Immunsystem und die Leistungsfähigkeit.
http://www3.interscience.wiley.com/journal/122596990/abstract?CRETRY=1&SRETRY=0
Oder die deutsche Zusammenfassung bei Gehirn und Geist:
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1012629
Der Seewolf 2009 – ein Grauen
Nur nicht ärgern, sondern lernen: Das Remake des ZDF-Seewolf übrertrifft alle Befürchtungen.
Die Schauspieler
Sie geben sich sicherlich Mühe, aber das genügt eben nicht.
Der Darsteller des Leach, Tobias Schenke, würde als Nebendarsteller in GZSZ wahrscheinlich nicht weiter auffallen, hier aber wirkt er wie ein verwöhnter, spätpubertierender Student, der gegen Papi aufbegehrt.
Neve Campbell begnügt sich mit Hübschaussehen. Sollen wir ihr wirklich die Dichterin des 19. Jahrhunderts abkaufen? Die ganze Mimik ist inzwischen unecht und hollywoodverdorben.
Sebastian Koch hat stellenweise sogar gute Momente, ein paar subtile Blicke, aber am Ende ist er doch ein polternder Bolzen ohne Charme und ohne Intelligenz. Ich galube ihm einfach nicht, dass er ein Navigationsgerät gebaut hat, weil er es sich selbst nicht glaubt.
Stephen Campbell Moore schmalzt den Humphrey runter ohne Stil. Nichts glaube ich ihm – nicht die Angst, nicht die Wut, nicht den verletzten Stolz.
Dass Julian Richings wie eine Karikatur des Koches Murgridge wirkt, könnte man fast noch durchgehen lassen; denn London beschreibt ihn schon fast komisch. Aber hier stolpert er durch die Szene wie ein Clown. Die karierten Hosen muss er in sich von Ostap Bender besorgt haben.
Tim Roth als Death Larsen ist wahrscheinlich die einzig gute Besetzung, außer eben, dass man ihn eigentlich nicht braucht, denn sowohl im Buch als auch in der berühmten 1971er Verfilmung bleibt der tumbe Bruder wie der Schatten des Antagonisten im Hntergrund. Und das ist auch sinnvoll, denn wir erfahren die Handlung konsequent aus der Perspektive Humphrey Van Weydens, womit wir beim nächsten Punkt wären:
Das Drehbuch:
Es gibt überhaupt keine Erzählhaltung. Die Perspektive Van Weydens verschwindet. Stattdessen blenden wir mal hierhin mal dort. Das Schicksal von Leach und Johnson erscheint ja gerade deshalb als bedrohlich, weil wir nicht wissen können, sondern nur ahnen, was mit den beiden geschieht. Wir sehen die Anfälle von Death Larsen, wenn er allein ist, wir sehen die Mannschaft ohne Van Weyden. Und wir sehen immer wieder Death Larsen. Die Brutalität der beiden, und das ist der Gipfel der Billigkeit, wird küchenpsychologisch durch ein Kindheitstrauma erklärt: Prügelnder Vater, behinderter Bruder. „Und schließlich zeigte es sich ja auch dann:/Am End war der Tyrann gar kein Tyrann!“ (Brecht)
Der philosophische Streit und die Not Van Weydens, seine Moral nicht begründen zu können, all das verflacht oder entfällt sogar.
Maud und Humphrey kennen sich nicht nur als Dichterin und Kritiker, sondern waren auch noch verliebt. Obendrein ist ihr Vater auch noch der Besitzer von Death Larsens Schiff. Komplett überfrachtet und überverknüpft. Nichts soll unserem Denken überlassen werden, alles muss erklärt werden.
Aber selbst in den Perspektivwechseln erleben wir nie die Perspektive der Figuren, so dass die Regie immer mehr Gewaltszenen einbauen muss, um wenigstens durch einen Haufen Action die Zuschauer bei der Stange zu halten.
Synchronisation
Die deutschen Schauspieler sprechen fad (Koch) oder hausbacken (Schenke). Die synchronisierten Stimmen hingegen reden wie sie es wohl auf der Synchronschule lernen. Der Ton ist so falsch, dass es schmerzt, zuzuhören. Irgendwann will man nur noch den Ton abdrehen.
Musik:
Habe ich schon erwähnt, dass man irgendwann nur noch den Ton abdrehen will ?
Regie:
Unmotivierte Kamera-Einstellungen, unmotivierte Schauspielerführung, unmotivierte Action-Sequenzen, komplette Spanungslosigkeit, weil er immer alles zeigen will.
Musiker
Anweisung an Klassik-Musiker, die Hemmugen haben zu improvisieren: „Spiele ein Stück von 7 Sekunden Länge.“ (…) „Und jetzt spiele mit der selben Achtsamkeit 20 Minuten.“ (Ed Sarath)
Eine Handvoll kleiner Szenen-Regeln für Anfänger
- Nenne deinen Spielpartner in der Szene nicht bei seinem tatsächlichen Namen. Für viele wirkt das irritierend.
- Etabliere nicht ohne Not unsichtbare Figuren, wenn du eine Handvoll Mitspieler hast.
- Benenne nicht ohne Not die Äußerlichkeiten deines Spielpartners als Features seiner Figur („Sie da, mit dem sächsischen Akzent, haben Sie heute schon gefrühstückt?“)
- Das Einfrieren bei Tag-Outs führt zu Klischee-Handlungen, die immer wieder auftauchen. Das ist im Prinzip OK. Aber nach dem zweiten Mal sollte mann hellhörig werden und folgendes vermeiden:
– „Herr Arzt, ich kann meinen Arm nicht bewegen.“
– „Ja, gut, bleiben Sie so stehen. Fertig ist das Foto!“
– (auf Knien) „Wo sind denn meine Kontaklinsen?“ - Da die Stühle oft die einzigen oder zumindest die dominanten Requisiten im Improtheater sind, sollte man vermeiden, ihr Vorhandensein andauernd zu thematisieren.
- Sei dir klar, wo die Zuschauer dich sehen. Liegeszenen sind oft für 90% des Publikums nicht sichtbar.
- Wenn du die Figuren deiner Mitspieler andauernd ermordest, hast du eventuell ein Problem mit Akzeptieren/Blockieren.
- Nörgle nicht.
All diese Regeln bitte nicht allzu starr auffassen. Letztlich ist eine gute Szene denkbar, in der all das vorkommt. (Bitte in Gedanken selber durchspielen.)
Augenkontakt beim Moderieren
Ich weiß nicht, woran es liegt, dass einige Spieler bei Monologen, Reden, Moderationen usw. solch große Schwierigkeiten mit ihren Augen haben. Entweder sie suchen den Boden ab oder die Wand hinterm Publikum, während der Blick sich nach innen wendet. Man flirte mit dem Publikum. Zur Übung für den Augenkontakt mag es helfen, sich in möglichst großer Entfernung zum Publikum aufzustellen.
