65. Nacht

Nuzhat ez-Zamân berichtet, wie Omar ibn Abd el-Azîz die Nachfolger Mohammeds bezeichnet

  • Abu Bakr als den Wahrhaftigen, der"den Strom ließ, wie er war"

  • Omar als einen Kämpfer im heiligen Krieg

  • Othmân lenkte "ein  Bächlein von dem Strome ab"

  • Jazîd, Abd el-Malik, el-Walîd lenkten mehr Wasser vom Strom ab

  • Er selber wolle den Strom in sein altes Bett führen.

Ausführlich begründet er, warum er seiner Familie nichts vererben (sie also bevorzugen) könne. 65

Trotz seiner körperlichen Schwäche verschmähte er beim Predigen von der Kanzel ein Kissen.

Um dieser narrativen Inhaltsarmut etwas entgegenzusetzen, eine Bemerkung zum letzten Wort "Kissen": Kissen gehören – neben Fernseher und Tic Tac – zu den Dingen, die ich, obwohl ich sie oft nutzte, mir seltsamerweise nie selber gekauft habe. Sitzkissen sind mir fremd. Und doch muss ich mir eingestehen, dass ich sie inzwischen des öfteren bevorzuge. Dagegen mag ich es immer weniger, in Sesseln oder Sofas zu versinken, da man darin müde wird. Tic Tac ist der Fisherman für elegant wirken und  wollende Büro-Damen, die einen gewissen (wenn auch keinen übersteigerten Wert) auf Atemfrische legen. Vielleicht war es die Zutat "Verdickungsmittel: Gummi Arabicum", das mich von einem Kauf immer abschreckt. Seltsamerweise wirbt die Firma immer noch damit, dass diese Bonbons nur 2 Kcal beinhalten, so als ob man diese Kalkulation in seinen Tagesernährungsplan einschlösse. "Einschlösse" ist ein seltsamer Konjunktiv. Heute habe ich in der Zeitung seit langer Zeit mal wieder das Wort "stürbe" gelesen. Ich glaube nicht, dass ich dieses Wort schon mal gehört habe. Stürbe ich, ohne das Wort "stürbe" gehört zu haben, stürbe mit mir eine Hoffnung.

 

 

65 Anscheinend war die Bevorzugung der eigenen Sippe seit Othmân (ein Omayade, der noch zu den "rechtgeleiteten" Kalifen zählte) Usus. Umso revolutionärer erscheint also hier die Haltung von Omar ibn Abd el-Azîz.

64. Nacht

Wenn ich mein Lese- und Bloggertempo beibehalte, werde ich ungefähr im Frühling 2015 damit fertig sein. Wer weiß, ob es dann so etwas wie Blogs dann noch gibt. Das ist dann wahrscheinlich so altmodisch, wie heute die alten Quix-Geräte. (seit 2000 außer Betrieb). Oder wie Handys, bei denen man noch eine Art Antenne rausziehen musste. Oder wie Web-Adressen, die nur aus Zahlen bestanden. Oder wie E-Mail-Adressen, die bei Snafu 25 DM kosteten. Oder wie Telegramme. (Die sind ja schon länger aus der Mode gekommen. Der Telegramm-Service wurde in Deutschland im Jahr 2003 eingestellt. Fragt sich, wer das damals noch benutzt hat. Wer war der letzte Telegramm-Abschicker?) Oder wie Disketten. Ich werde wohl mein Lektüre-Tempo erhöhen müssen.

Nuzhat ez-Zamân lobt weiterhin einige Weisen und Nachfolger Mohammeds:
Omar ibn el-Chattâb

  • lässt einen braven Mamluken frei, der daraufhin Allah um die noch größere Befreiung 64 bittet.

  • kleidete sich schlicht und aß derbe Kost, seinen Dienern gewährte er dagegen Gutes.

  • gab selbst auf dem Sterbebett nichts vom Gut der Gläubigen an seine Verwandten.

Weiterhin werden für ihre Weisheit und Rechtschaffenheit gelobt: El-Hasan el-Basri, Sufjân,Abdallah ibn Schaddâd (auch von den Sunniten als glaubwürdig eingestufter Gefährte Alis),Omar ibn Abd el-Aziz (8. Omaijadenkalif, Erfinder des Gelben Flecks für Juden).

Das Thema, dass das Gut der Gläubigen nicht direkt den Verwandten (d.h. wohl dem eigenen Stamm) zugute kommen soll, zieht sich leitmotivisch durch diese sonst langweiligen Anekdoten. Die Kalifen und politischen Führer müssen in einer schwierigen Lage gewesen sein: Einerseits die Forderungen der Familien auf Unterstützung (was der Koran ausdrücklich vorsieht), anderseits darf gegenüber den anderen Stämmen kein Verdacht von Vetternwirtschaft auftauchen, sonst zerbricht das noch labile Gebilde der dynastischen Kalifatsherrschaft, wie es ja durch die Schia auch geschah: Der Streit um die direkte Nachfolge Mohammeds war ja nur der Anlass, ungeschickte politische Schachzüge einzelner Führer, vor allem Alîs, verhinderten auch eine rasche Einigung. Die Moslems kauen heute noch daran.

 

 

64 Befreiung vom Höllenfeuer?

63. Nacht

Nuzhat ez-Zamân berichtet nun zwei banale Anekdoten über den Kalifen Omar ibn el-Chattâb, die schnell zusammengefasst sind:

  • Der Kalif bestraft seinen Schatzmeister (anscheinend mit dem Tod), weil dieser dem Kalifensohn einen Dirhem schenkte.

Gelobt werden soll hier offenbar die absolute Strenge und Unnachgiebigkeit auch in kleinen Dingen, andererseits wird der Kalif wohl auf diese Weise einen argen Verschleiß an Schatzmeistern haben.

  • Der Kalif begegnet mit seinem Sohn des Nachts einer hungernden Familie am Lagerfeuer. Er kehrt zurück zu seinem Palast, trägt auf dem Rücken einen Sack Mehl und Fett herbei und hilft der Familie beim Kochen.

Auch hier wird die Tatkraft des Kalifen gelobt. Allerdings: Würde er stets auf diese Weise handeln, käme er nicht mehr zum Regieren. Und ist die Anekdote nicht eigentlich ein Hinweis auf seine Unfähigkeit, mittels klugen Regierens den Hunger im Land im Zaum zu halten?

Auch die 63. Nacht ist zum Glück für jene, die keine Freunde öder Anekdoten sind, nur von kurzer Dauer.

62. Nacht

Nuzhat ez-Zamân setzt die Anekdote fort, in der der Kalif Mu’âwija, der nun viel über die Vorzüge der Iraker gehört hat, einen solchen, der gerade zufällig vor seiner Tür steht, zu sich bittet.

Es scheint mir, dass der Gefährte des Kalifen die Sache eingefädelt hat.

Seine Gemahlin lauscht in dessen hinter einem abgetrennten Vorhang.

Für dieses erzählerische Mittel, ein Motiv, das in der Rahmenhandlung auftaucht, während der "eigentlichen" Handlung wiederzuverwenden, fehlt mir literaturwissenschaftliche Begriff. Er wird in den Erzählungen von 1001 Nacht ständig angewandt. Für Hinweise per Kommentarfunktion bin ich dankbar.
(In diesem konkreten Falle reflektiert die Gemahlin des Kalifen die Erzählerin Nuzhat ez-Zamân.)

Der Iraker el-Ahnaf ibn-Kais gibt Hinweise über:

  • hygienische Maßnahmen, darunter 77 (unausgeführte) Gründe, einen Zahnstocher zu benutzen

  • die Achtsamkeit beim Gehen

  • Umgang mit Adligen, die keine Fürsten sind

  • Umgang mit Häuptlingen

  • Umgang mit der eigenen Frau im Allgemeinen

  • Umgang mit der Frau, wenn man mit ihr zu ruhen gedenkt (diese Antwort muss ihm der Kalif allerdings hartnäckig entlocken):

"Ich plaudere mit ihr, bis sie sich mir zuneigt, und küsse sie, bis sie vor Verlangen erfüllt ist; und wenn es dann ist, wie du weißt, bette ich sie auf den Rücken. Und wenn der Same in ihrem Schoße ist, so sage ich Allah segne ihn und lasse kein Unheil aus ihm werden, sondern gib ihm die schönste Gestalt! Darauf erhebe ich mich zur Waschung; erst gieße ich mir Wasser über die Hände und dann über den Leib, und zuletzt preise ich Gott um der Gnade willen, die er mir verliehen hat."

Als er geht, sind Kalif und Gemahlin begeistert von diesem Mann.

Wir sind im Übrigen immer noch bei dem Vortrag von Nuzhat ez-Zamân, und man muss sich vor Augen führen, dass nicht nur diese über all die Weisheit verfügt, sondern ja auch Schehrezâd.

Dies war bisher die kürzeste Nacht: 1 Seite + 15 Zeilen.

61. Nacht

Nuzhat ez-Zamân fährt in ihrem Vortrag fort: Anekdoten- und gleichnishaft berichtet sie über Erlebnisse und Sprüche großer Könige und Weisen:

  • Ein Perserkönig, der mahnt, nicht zu freigiebig und nicht zu geizig gegenüber den Heerestruppen zu sein.

  • Kalif el-Mansûr 61 wird darüber belehrt, dass man das Volk an der kurzen Leine halten soll.

  • Die Kalifen Abd-el Malik ibn-Marwân und Omar ibn-el-Chattâb über die Behandlung von Gefolgsleuten und Truppen

"Bewache das Haupt und was darin ist, doch auch den Bauch und was er umfasst; denke an den Tod und an die Heimsuchung."

Sie zitiert Alî:

"Nehmt euch in Acht vor den Tücken der Weiber und seid auf der Hut vor ihnen; fragt sie nie um Rat; aber karget nicht mit Gefälligkeiten gegen sie, auf dass sie nicht nach Listen trachten."

Ein beachtlicher Hinweis, wenn man in Betracht zieht, dass er, von einem Weib ausgesprochen, schon beinahe paradox wirkt. Oder gilt Nuzhat, da sie eine jungfräuliche Sklavin ist, noch nicht als Weib?

Gerechtigkeit sei unentbehrlich in allen Dingen, selbst Straßenräuber bräuchten sie, sonst würde ihre Ordnung zerfallen.
Im Lob der Tugend endlich wieder einmal Verse:

Die Milde bringt Sicherheit, und das Verzeihen bringt Achtung,
Die Wahrheit ist eine Zuflucht für den aufrechten Mann.
Und wer durch seinen Reichtum hohe Ehren erreicht,
Kommt im Wettlauf des Ruhmes durch Milde als Erster an.

Sie fährt fort, solange über Regierungskunst zu sprechen, bis die Anwesenden ein anderes Kapitel zu hören wünschen. Nuzaht ez-Zamân lobt daraufhin die Tugend der feinen Bildung.  Sie beginnt eine Anekdote, in der der Kalif Mu’âwija von der Tugend der Iraker erfährt.

 

61 Erläuterungen zu den erwähnten Herrschern (die alle noch nicht in Bagdad, sondern in Damaskus bzw. Kufa regierten):

 

 

 

60. Nacht

Um ihre vom Händler so gelobte Klugheit zu prüfen, behält Scharkân die vier Kadis60 bei sich und dem Kaufmann. Seine Halbschwester (und Sklavin) tritt mit den Gattinnen der Kadis hinter einen Vorhang.
Als die Gattinnen der Kadis mit ihren Sklavinnen eintreffen, begrüßt sie diese anmutig

und setzte sie dem Range nach. Sie (…) sagten zueinander: "Dies ist keine Sklavin, sondern eine Königin, die Tochter eines Königs."

In stratifikatorisch differenzierten Gesellschaften nimmt bei zunehmender Herausforderung des stratifikatorischen Prinzips das Bedürfnis des Adels zu, sich durch immer ausgeklügeltere Manieren, Gesten, symbolische Verhaltensweisen vom Nicht-Adel, aber auch innerhalb des Adels zu unterscheiden. Zum Zeitpunkt der Handlung dieser Geschichte dürfte es noch nicht soweit gekommen sein, aber Anmut, Verhalten, Wissen und Tugend fallen quasi automatisch zusammen und offenbaren die noble Herkunft.

Scharkân ruft sie nun an und erbittet einen kurzen Vortrag über die vielen Themen, auf denen sie angeblich so bewandert sei,

selbst in der Astronomie.

Warum ausgerechnet ihre astronomischen Kenntnisse ein solches Erstaunen bei ihm hervorrufen, scheint mir unklar: Gilt diese Wissenschaft als modern in jenen Zeiten? Oder verwundert ihn, dass ausgerechnet eine Frau sich hier auskennt?

Nuzhat beginnt ihren Vortrag mit dem Thema Regierungskunst.
Die Welt werde eingeteilt in die religiöse und die weltliche.
Das weltliche Wirken zerfalle in

  • Regierung

  • Handel

  • Ackerbau

  • Handwerk

Diese Einteilung wirkt ein wenig befremdlich, sie ist einerseits feiner als die altgriechische, die nur zwischen Haushalt (Wirtschaft) und Politik (Öffentlichkeit) trennt, andererseits fragt man sich, wo sich hier z.B. die Bildung und das Familienleben einordnen.

Nuzhat ez-Zamân zitiert den König Ardaschîr I.60a

"Religion und Königstum sind Zwillingsgeschwister; die Religion ist ein verborgener Schatz, und der König ist sein Wächter."

Sie kategorisiert außerdem die Könige:

  • König des Glaubens

  • König, der das Heilige schützt

  • König der eigenen Lüste

Von Ardaschîr weiß sie obendrein zu berichten, dass dieser vier Siegelringe anfertigen ließ:

  • Siegel des Meeres: Staatsdienste

  • Siegel der Steuern: Kultur

  • Siegel der Ernährung: Fülle

  • Siegel der Bedrückung: Gerechtigkeit

Das ist für einen Systemtheoretiker schon erstaunlich: Fülle kann ja leicht umgekehrt gedacht werden: Knappheit – die Kontingenzformel des Wirtschaftssystems, Gerechtigkeit die des Rechtssystems.

 

 

60 Die vier Kadis sind (neben Scharkân) die höchsten Richter der Stadt und die Vertreter der vier orthodoxen Rechtsschulen. Um ein solches Amt zu bekleiden, muss derjenige nicht nur juristisch, sondern auch allgemein gelehrt sein. Insofern dürfte Scharkân eine gute Wahl getroffen haben.

60a Bemerkenswert, dass ein vorislamischer Staatsmann der Erste ist, den sie zitiert. Ardaschîr ist der persische Begründer der Sasanidendynastie (ab 224 n.Chr.). Aber er galt auch in islamischer Zeit als erfolgreicher Expansions- und Innenpolitiker.


Ardaschîr nimmt hier den Ring der Macht entgegen.

 

59. Nacht

Der Händler (dessen Namen wir immer noch nicht erfahren haben) kleidet die Nuzhat ez-Zamân, schmückt sie, lässt sie schlafen, um sie am nächsten Tag vor den Statthalter von Damaskus zu führen – Scharkân.

Doch sobald der sie erblickte, ward Blut zu Blut hingezogen; obgleich sie schon von ihrem ersten Lebensjahre getrennt gewesen war.

Scharkân stellt dem Händler die gewünschte Zollbefreiungsurkunde aus, gibt ihm 100.000 Goldstücke für die Prinzessin, noch einmal 100.000 für ihre Kleidung und ihren Schmuck, sowie 120.000 Goldstücke als Zugabe

und zuletzt verlieh er ihm ein Ehrengewand.

Seltsam – die Zollbefreiungsurkunde sollte doch von dessen Vater Omar in Bagdad ausgestellt werden. Oder wird diese weiterreichen? Außerdem sehnte sich die Prinzessin nach Bagdad, warum gibt er sie an den Damaszener Statthalter.

Vor allem aber will Scharkân die „Sklavin“ freilassen und sie zu seiner Gemahlin nehmen.

Dass Nuzhat et-Zamân auch hierzu schweigt, muss wohl so gedeutet werden, dass sie ihren Halbbruder nicht nur noch nie gesehen hat, sondern auch nicht weiß dass ein Sohn ihres Vaters Statthalter von Damaskus ist.

58. Nacht

Nachdem der Händler Nuzhat ez-Zamân vom Beduinen erhalten hat, führt er sie in sein Haus und schmückt sie dort mit Gewändern.58
Er bittet sie, ihm einen Brief für den Herrscher von Bagdad auszustellen, um Zollfreiheit zu bekommen, von dem sie sagt, ihn zu kennen.

Etwas unklar: Warum sagt sie nicht, dass sie seine Tochter ist? Fürchtet sie sich vor der Rückkehr zu ihrem Vater? Hofft sie, vorher doch noch ihren Bruder wiederzufinden?

Der Händler hakt nach, ob sie wirklich den Koran auswendig kenne, und Nuzhat ez-Zamân beginnt nun mit einer bemerkenswerten Aufzählung ihrer Wissensgebiete:

  • Philosophie

  • Heilkunde

  • Propädeutik der Wissenschaft

  • Galens Kommentare zu Hippokrates

  • eigene Kommentare zu Hippokrates

  • Tazkira

  • eigene Kommentierung des Burhân

  • ibn el-Baitâr

  • Mekka-Kanon des Avicenna

  • Lösen von Rätseln

  • Stellen von Problemen

  • Geometrie

  • Anatomie

  • Bücher der Schafiiten

  • Überlieferungen des Propheten

  • Grammatik

  • Fähigkeit, über alle anderen Wissenschaften zu sprechen

  • Logik

  • Rhetorik

  • Arithmetik

  • Astronomie

  • Geheimwissenschaften

  • Kunst der Berechnung der Gebetszeiten

Der Händler freut sich einen Ast (vermutlich in Vorfreude über den zu erzielenden Gewinn).
Weinend verfasst sie nun den vom Händler erbetenen Brief, den sie fast durchgängig reimt.

 

 

 

58 Ein kleiner Widerspruch zum Ende der 57. Nacht, denn dort ritt er sofort nach Jerusalem und wieder zurück, aber Zeit und Raum scheinen auch in dieser eher roman-artig angelegten Erzählung keine unüberwindlichen Hürden darzustellen.

 

 

 

57. Nacht

Um ihren Wert genauer zu schätzen, beginnt der Händler mit Nuzhat ez-Zamân zu sprechen und fragt sie nach ihrem Namen.

"Früher war mein Name Nuzhat ez-Zamân, aber jetzt ist mein Name Ghussat ez-Zamân." 57

Ohne ihre königliche Abstammung zu verraten, erzählt sie von ihrem kranken Bruder, den sie noch in Jerusalem wähnt.

Wo du auch seiest, möge der Herr dich hüten,
Wanderer, du, der mein Herz gefangen hält!
Gott sei dir, wo du auch gehst, ein Beschützer,
der dich behütet vor Unglück und Not der Welt!
Du entschwandest: Mein Auge ersehnt deine Nähe,
Ach, meine Tränen fließen in Strömen herab.
Wüsste ich doch, in welchem Lande der Erde
Dir ein Haus oder Stamm ein Obdach gab!
Ob du jetzt lebendiges Wasser trinkest
Wie eine Rose, während die Träne mich tränkt?
Auf meinem Lager, wie von Kohlen versengt?
Alles andere, außer dass du mir fern,
Ist mir leicht – alles ertrage ich gern.

Als der Händler ihr die Träne trocknen will, verschleiert sie instinktiv ihr Gesicht. Der Beduine springt zornig herbei,

und versetzte ihr mit dem Kamelhalfter (…) einen so heftigen Schlag, auf die Schultern, dass sie mit dem Gesicht zu Boden stürzte.

Der Händler bietet nun feilschend 70.000, 80.000, 90.000 Goldstücke. Der Beduine wirft ein, dass das Mädchen bei ihm schon für 90.000 Goldstücke Gerstenbrot gegessen habe. Der Händler daraufhin, dass der ganze Beduinenstamm zusammen im ganzen Leben noch nicht für 1.000 Goldstücke Gerstenrot gegessen habe. Schließlich überlässt der Beduine dem Händler das Mädchen für 100.000 Goldstücke.

Eine grob überschlagene Rechnung ergibt, dass ich bis zum heutigen Tage Roggenbrot im Werte von
1.073,- DDR-Mark
2.774,- D-Mark
1.896,- Euro
gegessen habe.
Dieser Rechnung liegen folgende Annahmen zugrunde:
1. Ich habe im Alter von 1-2 Jahren täglich eine Scheibe, von 4-7 Jahren täglich zwei Scheiben, und von 8 Jahren bis heute täglich drei Scheiben Roggenbrot gegessen.
2. Von 1969 bis 1990 habe ich Brot gekauft, dass ca. 20 Scheiben ergab. Später Brot, dass 15 Scheiben ergab.
3. Bis 1990 kostete Brot 1,20 DDR-Mark  (etwas bessere Sorte), von 1990 bis 1994 aß ich billiges Brot für 2 D-Mark, dann für durchschnittlich 4 D-Mark (teilweise Öko- teilweise Billigbrot).
4. 1 Euro = 0,50 Cent
5. Wenn man als weitere (durchaus bestreitbare) Annahme hinzufügt, dass 1 DDR-Mark = 0,50 D-Mark  sind, dann
habe ich in meinem bisherigen Leben Roggenbrot im Werte von 2.603,- Euro verspeist.
Und da war die Butter nicht mal mit dabei!

Nach der Transaktion reitet der Händler mal eben nach Jerusalem, um Dau el-Makân zu suchen, doch dieser ist verschwunden.

 

57 Ein kleines Wortspiel, für das, wie wir bereits bemerkt haben, sich die Protagonisten selbst in Situationen größter Not nicht zu Schade sind:
Nuzhat ez-Zamân = Wonne der Zeit
Ghussat ez-Zamân = Entsetzen der Zeit

 

 

57. Nacht

Um ihren Wert genauer zu schätzen, beginnt der Händler mit Nuzhat ez-Zamân zu sprechen und fragt sie nach ihrem Namen.

"Früher war mein Name Nuzhat ez-Zamân, aber jetzt ist mein Name Ghussat ez-Zamân." 57

Ohne ihre königliche Abstammung zu verraten, erzählt sie von ihrem kranken Bruder, den sie noch in Jerusalem wähnt.

Wo du auch seiest, möge der Herr dich hüten,
Wanderer, du, der mein Herz gefangen hält!
Gott sei dir, wo du auch gehst, ein Beschützer,
der dich behütet vor Unglück und Not der Welt!
Du entschwandest: Mein Auge ersehnt deine Nähe,
Ach, meine Tränen fließen in Strömen herab.
Wüsste ich doch, in welchem Lande der Erde
Dir ein Haus oder Stamm ein Obdach gab!
Ob du jetzt lebendiges Wasser trinkest
Wie eine Rose, während die Träne mich tränkt?
Auf meinem Lager, wie von Kohlen versengt?
Alles andere, außer dass du mir fern,
Ist mir leicht – alles ertrage ich gern.

Als der Händler ihr die Träne trocknen will, verschleiert sie instinktiv ihr Gesicht. Der Beduine springt zornig herbei,

und versetzte ihr mit dem Kamelhalfter (…) einen so heftigen Schlag, auf die Schultern, dass sie mit dem Gesicht zu Boden stürzte.

Der Händler bietet nun feilschend 70.000, 80.000, 90.000 Goldstücke. Der Beduine wirft ein, dass das Mädchen bei ihm schon für 90.000 Goldstücke Gerstenbrot gegessen habe. Der Händler daraufhin, dass der ganze Beduinenstamm zusammen im ganzen Leben noch nicht für 1.000 Goldstücke Gerstenrot gegessen habe. Schließlich überlässt der Beduine dem Händler das Mädchen für 100.000 Goldstücke.

Eine grob überschlagene Rechnung ergibt, dass ich bis zum heutigen Tage Roggenbrot im Werte von
1.073,- DDR-Mark
2.774,- D-Mark
1.896,- Euro
gegessen habe.
Dieser Rechnung liegen folgende Annahmen zugrunde:
1. Ich habe im Alter von 1-2 Jahren täglich eine Scheibe, von 4-7 Jahren täglich zwei Scheiben, und von 8 Jahren bis heute täglich drei Scheiben Roggenbrot gegessen.
2. Von 1969 bis 1990 habe ich Brot gekauft, dass ca. 20 Scheiben ergab. Später Brot, dass 15 Scheiben ergab.
3. Bis 1990 kostete Brot 1,20 DDR-Mark  (etwas bessere Sorte), von 1990 bis 1994 aß ich billiges Brot für 2 D-Mark, dann für durchschnittlich 4 D-Mark (teilweise Öko- teilweise Billigbrot).
4. 1 Euro = 0,50 Cent
5. Wenn man als weitere (durchaus bestreitbare) Annahme hinzufügt, dass 1 DDR-Mark = 0,50 D-Mark  sind, dann
habe ich in meinem bisherigen Leben Roggenbrot im Werte von 2.603,- Euro verspeist.
Und da war die Butter nicht mal mit dabei!

Nach der Transaktion reitet der Händler mal eben nach Jerusalem, um Dau el-Makân zu suchen, doch dieser ist verschwunden.

 

57 Ein kleines Wortspiel, für das, wie wir bereits bemerkt haben, sich die Protagonisten selbst in Situationen größter Not nicht zu Schade sind:
Nuzhat ez-Zamân = Wonne der Zeit
Ghussat ez-Zamân = Entsetzen der Zeit

 

 

56. Nacht

Der Beduine droht Nuzhat ez-Zamân, sie an einen Juden zu verkaufen, wenn sie nicht zu weinen aufhört.

Unklare Drohung: Sklavin eines Juden zu sein wäre schlimmer als die eines Moslems?

In Damaskus angekommen, bietet er sie auf dem Basar an. Ein Händler interessiert sich für das Mädchen, das als jungfräulich, eben mannbar, gewitzt, gebildet, schön und anmutig gepriesen wird. Er deutet an, sie an Scharkân zu verkaufen, um sich eine Zollbefreiungsurkunde ausstellen zu lassen. Als er sie in Augenschein nimmt, ist er gerührt von ihrer Anmut und Bildung, und er erkundigt sich nach ihrem Preis, nicht ohne sie zu loben.

Wohlgemerkt: Zu diesem Zeitpunkt hat er sie nur vollverschleiert gesehen.

Der Beduine rastet aus:

"Warum sagst du, sie sei edel, da sie doch vom Abschaum der Sklavinnen ist und aus dem niedrigsten Gesindel? Ich verkaufe sie dir nicht."

Ein etwas seltsam verlaufendes Verkaufsgespräch: Der Käufer preist die Ware, der Verkäufer schmäht sie.

Der Händler bietet nun zweihundert Goldstücke (einen bewusst viel zu niedrig angesetzten Preis), dessen Höhe aber für den Beduinen eine Beleidigung ist:

"Komm her, du Stinkvieh, ich verkaufe dich nicht!" Dann wandte er sich wieder an den Händler und sagte: "Ich hielt dich für einen Mann von Verstand, aber bei meiner Kappe, wenn du dich nicht von mir fortscherst, so lasse ich dich hören, was dir nicht gefällt."

Immerhin erwirkt der Händler noch einmal, sie sehen zu können. Der Beduine bietet ihm sogar an, sie nackt zu betrachten:

"Untersuche sie von außen und innen."

Der Händler bewahrt jedoch seinen Anstand.

Soweit man von Anstand bei einem Sklavenhändler sprechen kann.

Es genügt ihm, ihr Gesicht zu betrachten.

55. Nacht

Sechs Tage brauchen Dau el-Makân, der Heizer und seine Frau, um von Jerusalem nach Damaskus zu ziehen. Aber schon fünf Tage nach ihrer Ankunft dort geht die Frau des Heizers

nach kurzem Siechtum (…) ein zur Gnade Allahs des Erhabenen.

Nun trauern beide: Der Heizer um seine Frau. Und Dau el-Makân um seine Schwester und ebenfalls um des Heizers Frau, die ihn ja pflegte. Aber es ist der frische Witwer, der das Jammern bricht:

"Willst du, mein Sohn, mit mir ausgehen, dass wir uns Damaskus ansehen, damit sich dein Gemüt aufheitere?"

Sie spazieren beide zu den Ställen des Statthalters von Damaskus 55,

wo sie Kamele fanden, beladen mit Kisten und Teppichen und brokatenen Stoffen, und gesattelte Pferde und baktrische Trampeltiere.

Diese sind auf dem Weg nach Bagdad, und der Prinz beginnt zu weinen, woraufhin ihn der Heizer tröstet:

"… weine nicht, denn ich fürchte einen Rückfall."

Spielt Psychosomatik zu jener Zeit eine Rolle in der arabischen Medizin oder spricht hier einfach gesunder Menschenverstand?

*

Man fragt sich nun schon die ganze Zeit, was eigentlich aus Nuzhat, der Schwester Daus, geworden ist, nachdem sie in Jerusalem Medizin für ihren Bruder holen ging.

Auf den Straßen von Damaskus begegnet sie einem fremden Beduinen, der sie bittet, sie möge seiner kranken Tochter Gesellschaft leisten, dann würde er auch ihrem Bruder helfen. Sie willigt ein.

Nun war dieser Beduine ein Bastard und Straßendieb, der Verrat gegen seinen Feind betrieb, ein Räuber, ein listiger, verschlagener Kerl, der weder Sohn noch Tochter hatte, ein richtiger Wegelagerer.

Als Nuzhat ez-Zamân nach nächtelangem Ritt den Betrug bemerkt, weint sie.

"Bei Allah, wenn du nicht aufhörst zu heulen, so schlage ich dich tot, du Dirne aus der Stadt!"

Doch sie hört nicht auf, sich bei ihm zu beklagen, was ihn noch mehr erzürnt:

"Bei meiner Kappe, wenn ich dich wieder heulen sehe oder höre, so schneide ich dir die Zunge ab und stopfe sie in dein Loch, du Dirne aus der Stadt!"

Eine Drohung, die so unerquicklich ist, dass man die Leichtigkeit des Schwurs ("bei meiner Kappe") nicht auf die Probe stellen möchte.

 

55 Was Dau el-Makân nicht weiß: der Statthalter ist sein Bruder.

54. Nacht

Der Heizer des Bades pflegt Dau el-Makan mit Zuckerscherbett, Veilchenscherbett 54, Weidenblütenwasser (s.a. den Beginn von "Die Geschichte des Lastträgers und der drei Damen"), Rosenwasser und täglich zwei Küken einen Monat lang, bis dieser gesundet. Von den fünf Dirhems, die der Heizer täglich im Bad verdient, verwendet er zwei für die Pflege des Prinzen.

Man beachte: 40 % des täglichen Verdienstes für Wohltätigkeit an einen Fremden auszugeben. Was für eine Gastfreundschaft!

Dann gehen die beiden ins Bad, wo ihn der Heizer mit Lotusblättern und Lupinenmehl 54a waschen will, doch der Badediener übernimmt diese Aufgabe mit der Begründung:

"Das ist ein Eingriff in die Rechte des Herrn des Bades."

Heißt das, dass der Badediener in der Hierarchie über dem Heizer steht?

Heizer und Dau el-Makan kehren zurück zum Haus des Heizers, wo sie sich gegenseitig die Geschichte erzählen. Dau el-Makan wird erst jetzt wieder bewusst, dass er in Jerusalem ist.

"Sie haben mich in der Liebe über die Kraft beladen;
Um ihretwillen kam über mich das schwerste Leid.
Oh ihr, die ihr mich fliehet, fühlt doch mit meinem Herzblut;
Sogar jeder Neidhart erbarmt sich meiner Verlassenheit.
Versagt mir nicht einen Blick, der meine Schmerzen lindert,
Die Leidenschaft auch, die mir zu schwer zu ertragen ward!
Ich bat mein Herz, es möchte mit euch Geduld noch haben;
Es sprach: Lass mich in Ruh! Geduld ist nicht meine Art."

Dau el-Makan erklärt, weiter nach Damaskus reisen zu wollen, aber der Heizer will ihn weiterhin beschützen:

"Es wird mir schwer, mich von ihm zu trennen, und ich bin um ihn wegen der Straßenräuber besorgt."

Die Frau des Heizers willigt ein, die beiden zu begleiten, und so verkaufen sie ihre gesamte Habe.

Damaskus! Da läuten doch bei jedem die Alarmglocken, der aufgepasst hat, wohin Scharkân in der 53. Nacht aus Hass gegen seinen Bruder gezogen ist.

 

54 Scherbett = Sorbett, d.h. Halbgefrorenes, das ohne Milchprodukte zubereitet wird. Herkunft sowohl des Wortes und wahrscheinlich auch des Gerichts aus dem Persischen, das über die Araber nach Europa gelangte.

54a Lupinenmehl (aus der Süßlupine, nicht aus den giftigen Zierlupinen) derzeit als Ökofutter wieder im Kommen, da es das Sojamehl verdrängt, allerdings gibt es viele, die auf Lupinenmehl allergisch reagieren. Lange Zeit war, wie hier beschrieben, Lupinenmehl aber auch als Waschsubstanz im Einsatz, besonders im Mittelmeerraum.

53. Nacht

Während König Hardûb dem Rat der Alten folgt und Dutzende Mädchen ausbilden lässt, gewahrt König Omar ibn en-Nu’mân das Verschwinden von Abrîza, und lässt nun die Tore der Stadt noch stärker bewachen. Seinen drei Kindern lässt er nun alle Liebe angedeihen, was Scharkân zu immer größerer Eifersucht aufstachelt:

"Ich fürchte, sie wird in mir so stark werden, dass ich sie umbringe und dass du aus Rache mich erschlägst. Dies ist also der Grund, warum meine Farbe bleich ist."

Um diesem Schicksal zu entgehen, lässt sich Scharkân als Statthalter von Damaskus einsetzen. Er reist dorthin, und nimmt den Wesir Dandân mit sich.
Kaum ist Scharkân abgereist, so erhält der König die Kunde, dass die anderen beiden Kinder voll ausgebildet sind. Vor allem der Sohn Dau el-Makân

widmete sich der Frömmigkeit und dem Gottesdienste; denn er liebte die Armen, die Gelehrten und Männer des Korans, so dass ihn alles Volk von Bagdad liebgewann, Männer wie Frauen.

Als eines Tages nun eine nach Mekka reisende Pilgerschar durch Bagdad kommt, bittet Dau el-Makân seinen Vater, mitreisen zu dürfen, was dieser ihm verweigert. So beschließen er und seine Schwester sich heimlich dem Zug anzuschließen.

So erreichten sie das hochheilige Mekka, verweilten am Berge Arafât und vollzogen alle Pilgerpflichten. Dann gingen sie nach Medina zum Grabe des Propheten.


Mekka heutzutage während der Hadsch

Schließlich gelüstet es Dau el-Makân, auch nach Jerusalem zu reisen. Doch auf der Reise erkrankt erst Nuzhat ez-Zamân, die wieder gesund wird, aber ihren Bruder ansteckt, der, als sie Jerusalem erreichen, völlig am Ende ist. Seine Schwester pflegt ihn, aber das Geld geht ihnen aus. Als der Dau el-Makân wieder bei Besinnung ist, erbittet er sich etwas Fleisch.

"Bei Gott, lieber Bruder (…) ich habe nicht die Stirn zum Betteln; aber morgen will ich in das Haus eines Reichen gehen und durch Dienst etwas erwerben, wovon wir beide leben können." (…) Er entgegnete: "Das verhüte Gott! Du wirst ins Elend geraten."

Spricht hier die Erfahrung, dass man durch Arbeit nicht reich wird oder sieht es der Bruder als Schande an, dass seine Schwester als Frau arbeiten muss oder weil sie adlig ist?

Tatsächlich kehrt die Schwester zwei Tage lang nicht wieder. Zitternd steht er auf, um auf dem Basar etwas zu erbetteln. Sein Anblick rührt die Kaufleute, sie spenden ihm Nahrung. Und als er zusammenbricht, gibt man einem Kameltreiber Geld, damit dieser ihn nach Damaskus brächte.

Heißt das, in Jerusalem gibt es keine Spitäler?

Der Kameltreiber nimmt das Geld, doch hält er den Kranken nicht für reisefähig und wirft ihn auf den Misthaufen hinter en Badehaus. Dessen Heizer hält Dau el-Makân zunächst für einen Drogensüchtigen:

"Na ja, so’n Kerl wie du frisst Opium und wirft sich dann hin, wo es gerade trifft." Doch als er ihm ins Gesicht blickte und seine bartlosen Wangen und seine Schönheit und Anmut sah, da hatte er Mitleid mit ihm und erkannte, dass er ein kranker Fremder war."

Er nimmt ihn zu sich auf,

denn der Prophet – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – hat befohlen, den Fremdling zu ehren, vor allem, wenn der Fremdling krank ist."

Langsam geht es Dau el-Makân besser.

52. Nacht

Abrîza wehrt sich durch Dichtung:

Ghadbân, lass ab von mir! Genug hab ich gelitten
Vom Unbill der Geschicke und der grausamen Zeit.
Unzüchtiges Gebaren hat Gott, der Herr, verboten;
Er sprach: ‚Wer mir nicht folgt, ist dem Höllenfeuer geweiht.‘
Fürwahr, ich werde nie zu schlechtem Tun mich neigen;
Nein, das verachte ich. Lass mich, sieh mich nicht an!
Lässest du mich mit deiner Gemeinheit nicht in Ruhe
Und wahrst nicht meine Ehre um Gottes willen, dann
Ruf ich mit aller Kraft die Mannen meines Volkes
Und hole sie, die Nahen, und auch die Fernen herbei,
Und würde ich auch zerschlagen mit einem jemenitischen Schwerte,
nie zeigte ich einem gemeinen Kerle mein Antlitz frei,
Keinem von allen Freien und Leuten aus edlem Geschlecht –
Und wieviel weniger noch einem elenden Bastard und Knecht!

Abrîza warnt den Sklaven Ghadbân  mehrfach, allerdings in einer Art und Weise, die auch weniger leicht erzürnende Menschen51 aufbringen könnte:

"Wie darf deinesgleichen ein solches Ansinnen an mich stellen? Du Bastardbrut und Tunichtgut! Glaubst du, die Menschen sind alle gleich schlecht?"

Die Rhetorik der Ehre misst hier mit zweierlei Maßstab: Einerseits gilt es, die spezielle adlige Ehre der Prinzessin zu wahren. Und diese funktioniert ihrem Kodex vor allem als Abgrenzung nach unten, zu anderen sozialen Schichten. Das betrifft sowohl das Ansinnen des Sklaven, mit ihr sexuellen Kontakt zu haben aber auch die adelsinternen Codes der Ehre überhaupt (z.B. sich mit Waffen zu verteidigen, obwohl Abrîza hier natürlich auch schon durch ihre Kämpfe die Gender-Grenzen gesprengt hat). Andererseits misst sie an einer "alle Menschen" umfassenden Moral, der zufolge man einer gebärenden Frau nicht mit solchem Anliegen gegenübertritt und schon gar nicht: sie bedroht.

Beim Anhören dieser Worte wurde der elende Knecht noch zorniger, und seine Augen noch röter; er trat zu ihr hin und schlug mit dem Schwert in ihre Halsader und verwundete sie zu Tode.

Ups! Das ist ja nun mal eine narrative Überraschung! Abrîza, die schon Heldin der Geschichte zu sein schien, stirbt hier etwas unvermittelt. Allerdings scheint auch, seit sie durch Omar ibn en-Nu’mân entehrt wurde, kein Platz mehr für die Fortsetzung der Liebesgeschichte zwischen ihr und Scharkân gewesen zu sein. Es ist ein wenig, wie auch in den modernen "Urbanen Legenden": Wer sich in Gefahr begibt, wird bestraft. Hier liegt der Sündenfall bei Abrîza, die ihre Eltern verlässt.

Im Sterben gebiert Abrîza einen Knaben, die Dienerin Mardschâna ist dabei Hebamme. Und während der Sklave Ghadbân flieht, nähert sich eine Staubwolke, und es ist tatsächlich König Hardûb, der seine Tochter suchte und nun sehen muss, dass er nach all der langen Zeit nur Minuten zu spät gekommen ist. Als er dann noch hört, dass der Mörder ein Sklave des Königs Omar ibn en-Nu’mân gewesen ist, und dass dieser König die Prinzessin vergewaltigt hat, steht für ihn fest, Rache zu nehmen. Aber als sie zurückkehren und er sich bei seiner Mutter, der alten Dhât ed-Dawâhi ausheult, sagt diese:

"Niemand hat deine Tochter getötet als Mardschâna."

Und sie rät ihm, die Rache gegen Omar ibn en-Nu’mân von langer Hand vorzubereiten:

"Bringe mir eine Anzahl von Mädchen, hochbrüstige Jungfrauen, und berufe die Weisen der Zeit. Die lass die Mädchen unterrichten in der Philosophie und im feinen Benehmen vor Königen, in der Kunst der Unterhaltung und des Dichtens."

Die Weisen sollen Muslime sein. Und die Rache soll durch diese Mädchen eingefädelt werden:

"denn die Liebe zu den Mädchen ist seine schwache Seite."

 

 

51 Ghadbân = Der Zornige

51. Nacht

Die Mädchen legen nun die fränkische Kleidung ab und ziehen

die Kleidung der Töchter Griechenlands

an. Scharkân sendet einen Voraustrupp, der ihr Kommen ankündigt, und so werden sie in Bagdad von tausend Reitern und dem Wesir Dandân empfangen. Scharkân geht in den Palast zu seinem Vater und berichtet ihm von den wahren Hintergründen der Geschichte mit den Edelsteinen und der Sophia und lobt Prinzessin Abrîza.
Der König lässt Abrîza zu sich führen, ist von ihr geblendet und lässt sich von ihr die drei Juwelen schenken.

Doch als sie davonging, nahm sie sein Herz mit sich.

Der König schenkt Scharkân ein Juwel:

"… eins will ich deinem Bruder Dau el-Makân geben und das andere deiner Schwester Nuzhat et-Zamân."

So erfährt Scharkân erstmals davon, dass er noch einen Bruder hat, der inzwischen sechs Jahre alt ist.

Das kam Scharkân hart an; doch er bewahrte seine innersten Gedanken.

In seiner Sorge geht er zu Abrîza, der vom König ein eigener Palast gewährt worden ist.

Die Lässigkeit, mit der die Bagdader Herrscher Paläste verschenken, lässt entweder auf eine unglaubliche Palastdichte in dieser Stadt oder auf eine hohe Fluktuation der Besitzer schließen.

Abrîza ist verärgert, dass der König die Juwelen nicht in seine Schatzkammer gelegt, sondern sie seinen Kindern geschenkt hat, sie erbittet von Scharkân die Rückgabe des Juwels, das in seinem Besitz ist. Sie beruhigt ihn, dass sie sich trotz der unübersehbaren Avancen des Königs diesem niemals hingeben wird, hat aber auch Sorge, dass ihr Vater, wenn er erfährt, dass sie in Bagdad ist, einen Krieg vom Zaun brechen könnte. Scharkân meint, sie dann zu beschützen. Sie essen gemeinsam.

Doch bald ging er voll Sorgen und Gram in sein eigenes Haus.

Der König Omar ibn en-Nu’mân indessen geht zu seiner Nebenfrau Sophia und schenkt deren Kinder die beiden Juwelen. Aber er fragt sie auch, warum sie ihm nie gesagt habe, die Tochter des Königs Afridûn zu sein.

"O König, was sollte ich mir denn Größeres oder Höheres wünschen, als diesen Rang, den ich bei dir einnehme?" (…) Ihre Antwort gefiel dem König, und als er sie verlassen hatte, da bestimmte er für sie und ihre Kinder einen wundeschönen Palast. Auch ernannte er Eunuchen und Diener für sie, und Rechtsgelehrte, Philosophen, Astrologen, Ärzte und Chirurgen, deren Obhut er sie anvertraute.

Ein eigener Chirurg – wer wünscht sich das nicht!

Doch den König zieht es zu Abrîza, die er in den nächsten Tagen immer wieder aufsucht, die aber höflich seine Avancen aufgibt. Der listige Wesir Dandân, bei dem sich König Omar ibn en-Nu’mân Rat holt, rät ihm, ihr vorm Schlafengehen ein Stück Bendsch in den Wein zu werfen.

"Dann gehe du ihr nach und bleibe bei ihr und stille dein Verlangen an ihr!"

Nachdem der Wesir schon den Rat zum Krieg gegeben hat, wird er jetzt von Nacht zu Nacht unsympathischer.

Omar ibn en-Nu’mân befolgt den Rat.

Wie der König sie so daliegen sah und zu ihren Häuptern eine brennende Kerze fand und zu ihren Füßen eine zweite, die da beleuchtete, was ihre Lenden umschlossen, da verließ ihn sein Verstand, Satan führte ihn in Versuchung, und er konnte sich nicht mehr beherrschen; sondern er zog das Kleid aus, fiel über sie her und nahm ihr die Mädchenschaft. Dann stand er auf, ging zu einer ihrer Frauen, Mardschâna mit Namen, und sagte: "Geh zu deiner Herrin, sie lässt dich rufen!" Die Sklavin lief hinein und fand ihre Herrin bewusstlos auf dem Rücken liegend, während ihr das Blut von den Beinen herabrann.

Als die Nacht verstrichen ist, niest Abrîza das Stück Bendsch wieder aus. (s. auch 40. Nacht )Sie sieht, was der König ihr angetan hat und zieht sich nun in ihre Gemächer zurück, wo sie in den nächsten Monaten einsam lebt, während des Königs Verlangen nach ihr erstirbt.
Sie ist aber schwanger geworden, und als sie fast so weit ist auszutragen, überkommt sie die Reue.

So sprach sie zu ihrer Dienerin Mardschâna: "Wisse nicht die Welt hat unrecht an mir gehandelt, sondern ich habe mich gegen die Welt versündigt, weil ich meinen Vater, meine Mutter und mein Land verlassen habe."

Was sagt da die moderne Psychologie dazu, wenn das Trauma in einen Schuldkomplex internalisiert wird?

"Gibt es Trost für den, der kein Land und keine Heimatstatt,
Keinen Freund und keinen Becher, ja auch kein Dach mehr hat?"

Dann machte Abrîza alles bereit, bewahrte ihr Geheimnis und wartete ei paar Tage, bis der König auf die Jagd auszog und sein Sohn Scharkân sich zu den Burgen begab.

Abgesehen davon, dass man sich fragt, warum Scharkân Abrîza in den letzten Monaten offenbar vernachlässigt hat: Von was für Burgen ist hier die Rede?

Mardschâna sucht einen Diener, der bestochen wird, um mitzukommen und die beiden Frauen auf der Reise zu beschützen –

einen schwarzen Sklaven namens el-Ghadbân.

Dieser willigt ein, aber spricht zu sich selbst:

"Ich werde schon meinen Willen an ihnen durchsetzen; und wenn sie mir nicht zu Willen sind, dann töte ich sie beide und nehme ihnen ihr Geld."

Es wäre ja auch zu schön, wenn einmal etwas Gutes von einem "Negersklaven" käme!

Die drei reiten los, aber schon nach drei Tagen wird Abrîza von den Schmerzen der Wehen überwältigt, dass sie absteigen und sich niederlegen muss.

Als aber el-Ghadbân sie auf dem Boden sah, da drang Satan in ihn ein, und er zog sein Schwert vor ihrem Antlitz und sagte: "O Herrin, gewähre mir deine Gunst." Doch als sie seine Worte hörte, da sah sie ihn an und sagte: "Es bliebe nur noch übrig, dass ich mich Negersklaven hingäbe, nachdem ich mich Königen und Helden verweigert habe!"

Wenn man mich fragt, wird die Story nun schon fast so komplex wie die Ilias – entführte Prinzessinnen (Sophia – die sogar Griechin ist!), ein eifersüchtiger Prinz (Scharkân), ein einfältiger, sich gehenlassender König (Omar), unheilstiftende Berater (Wesir Dandân und die alte Dhât ed-Dawâhi). Es riecht förmlich nach Schlacht.

50. Nacht

Scharkân erkennt,

dass sie niemandem etwas von ihm gesagt hatte, sondern dass die Kunde von ihm im Lande sich verbreitet hatte.

Er kämpft zunächst mit Ritter Masûra

und hieb ihm mit dem Schwert auf die Schulter, so dass ihm die Klinge glitzernd zum Rücken und zu den Eingeweiden herausfuhr.

Prinzessin Abrîza spornt die anderen Ritter an:

"Nehmt Rache für euren Führer."

Diesen anspornenden Blutdurst von Frauen, die bei Männerkloppereien anwesend sind, habe ich nie verstanden. Hier natürlich besonders deutlich, da ja Abrîza auf Scharkâns Seite steht.

Nachdem er fünfzig Ritter einzeln erschlägt, überfallen ihn alle gemeinsam, und er stürmt auf sie los,

bis dass er sie zermahlen und zerdroschen und ihnen Sinne und Leben geraubt hatte. (…) Dann trat die Prinzessin zu Scharkân und zog ihn an ihre Brust.

Brutalität, die mit Liebe belohnt wird.

Die Prinzessin bittet nun Scharkân, auch noch den Torwächtern, die die Boten des Königs durchgelassen hatten, die Köpfe abzuschlagen, was er prompt erledigt. dann offenbart sie sich:

"Wisse denn, ich bin die Tochter des Königs Hardûb von Kleinasien; ich heiße Abrîza, und die Alte, die Dhât ed-Dawâhi heißt, ist meine Großmutter von Vaters Seite her."

Da sie nun die Rache ihres Vaters und ihrer Großmutter fürchtet, stellt sie sich in Scharkâns Schutz, unter der Bedingung, dass er in sein Land zurückkehrt. Scharkân zögert, denn schließlich soll er seinem eigenen Vater, dem König Omar ibn en-Nu’mân den Schatz mit den drei Wunderjuwelen bringen. Abrîza berichtet ihm den wahren Hintergrund der Geschichte (zum Vgl. für die Geschichte aus der Sicht des konstantinopolitanischen Königs s. 45. Nacht. +++ Sophia, die Griechin ist diejenige, welche Scharkâns Geschwister geboren hat. vgl. 45. Nacht.)
Als vor einigen Jahren der König von Kleinasien das jährliche Klosterfest feierte, zu dem Könige aus allen Gauen  angereist kamen, war darunter auch Sophia, die Tochter des Königs von Konstantinopel. Als Sophia auf einem Schiff wieder abreiste, wurde das Schiff von 500 fränkischen Seeräubern von der Kampferinsel angegriffen und geentert. Die ganze Truppe geriet jedoch in einen Sturm und das Schiff zerschellte auf einem Riff. Die Kleinasier kamen herbei und betrachteten nun Schmuck und Mädchen als Beute, ohne zu wissen, wer diese seien und König Hardûb verschenkte nun die Sophia an den König von Baghdad Omar ibn en-Numân.

Auf die Idee, die Mädchen zu fragen, woher sie stammten, kam man offenbar nicht.

Die Nachricht erreichte nun auch den Vater von Sophia, König Afridûn. Hardûb zögerte, ihm die ganze Wahrheit mitzuteilen, zumal er inzwischen erfahren hatte, dass Sophia dem König Omar ibn en-Nu’mân Kinder geboren hat. Dann tat er es doch und Afridûn flippte aus:

"Was! Hat er eine Tochter gefangengenommen und sie mit Sklavinnen auf eine Stufe gestellt, so dass sie von Hand zu Hand weitergegeben und Königen als Gabe gesandt ist, die ohne Ehevertrag bei ihr liegen? Beim Messias und beim wahren Glauben, ich will nicht ruhen, bis ich Blutrache genommen und meine Schande getilgt hab; wahrlich ich will eine Tat tun, von der man nach meinem Tod singen und sagen soll."

Die Edelsteine hingegen gehörten Sophia, die andere Version (s. 45. Nacht) ist falsch.

Abrîza bittet nun Scharkân vorauszureiten zu seiner Truppe und sie zur Umkehr zu bewegen, sie käme nach:

"Ich sagte ihr Lebewohl: meine Rechte wischte die Tränen,
Die Linke umschlang sie und presste sie an das Herze mein.
Sie fragte: ‚Fürchtest du nicht die Schande?‘ ‚Nein!‘ gab ich zur Antwort,
‚Der Tag des Abschieds ist der Liebenden Schande allein.’"

Scharkân macht sich nun auf, befiehlt seiner Truppe umzukehren und nach fünf Tagen erreichen sie eine bewaldete Talsohle. Nach weiteren fünfundzwanzig Tagen erreichen sie die Grenzen des eigenen Landes

und das Landvolk brachte ihnen Gastgeschenke, Futter für die Tiere und Proviant.

Auf welche Grundlage diese Freiwilligkeit angesichts eines derart bewaffneten Heeres beruht, kann man sich denken.

Das Heer zieht unter der Führung des Wesirs Dandân wieder los, Scharkân aber bleibt mir hundert Reitern zurück.

Warum eigentlich? Wenn er wünscht, dass seine Ankunft in Bagdad gebührend gewürdigt wird, genügt ja ein kleiner Voraustrupp, der ihn ankündigt.

Einen Tag später,

als sie etwa zwei Parasangen50  zurückgelegt hatten,

nähert sich ihnen eine Staubwolke,

da traten hundert Reiter heraus, die sahen wir grimmige Löwen aus, mit eisernen Panzern gerüstet zum Strauß.

Man beachte wieder diese seltsamen Prosareime. "Strauß" im Sinne von Kampf habe ich nie zuvor gehört, aber sowohl Duden als auch der Microsoft-Thesaurus bieten diese Option. Angeblich aus dem Mittelhochdeutschen struz, wovon auch "sich sträuben" abzuleiten ist.Man lernt nie aus.

Die Ritter sind Franken, und nachdem sie einen Tag miteinander gekämpft haben, ziehen sich beide Parteien zurück, und bemerken, dass keiner verwundet oder gefallen ist. Die Moslems haben den Eindruck, von den Franken geschont zu werden. Am nächsten Tag wird einzeln im Zweikampf gefochten, und nun nehmen die Franken einen Moslem nach dem anderen gefangen, obwohl der Führer der Franken auf der Wange noch keinen Flaum hat.
Am nächsten Tag kämpft nun Scharkân mit dem fränkischen Anführer, und ist am Abend völlig perplex, denn er bemerkt an dem fränkischen Ritter:

"wenn er an seinem Gegner eine Blöße für einen Todesstoß sieht, so kehrt er seine Lanze um und stößt nicht mit dem unteren Ende!"

Erst am nächsten Tag, als sie wieder miteinander kämpfen, gibt sich der Anführer zu erkennen: Es ist Abrîza selbst, und die "Ritter"

"sind Jungfrauen, und doch haben sie im offenen Kampf deine Reiter besiegt."

Allgemeine Verbrüderung. Man zieht gemeinsam Richtung Bagdad, nicht ohne das Scharkân die Christen bittet, ihre fränkischen Gewänder abzulegen.

 

50 Eine Parasang (–> pers.) = eine Reitstunde. Die Distanz variiert zwischen vier und sechs Kilometern.

49. Nacht

Als Scharkân und die griechische Prinzessin ordentlich angetütert sind, lässt letztere sich von ihrer Dienerin

eine Damaszener Laute, eine persische Harfe, eine tartarische Flöte und eine ägyptische Zither

bringen.

Wein, Weib, Gesang – gibt es dafür eine arabische Entsprechung? Wenn ja, so erlebt Scharkân wohl gerade den Himmel auf Erden, so man denn das Schäkern zwischen Mann und Weib höher schätzen soll als die Vereinigung.

Ihren griechischen Gesang versteht Scharkân nicht und so singt sie auf arabisch:

Der Trennung Geschmack ist bitter!
Wie kann ich das ertragen?
Dreierlei hat mich betroffen:
Verstoßung, Fernsein, Entsagen.
Ich liebe den Schönen; er fing mich
Durch Schönheit. Ach, Trennung bringt Klagen!

Das ist ja mal schön, weil nicht recht verständlich.

Dann wendet sie sich ab, um schlafen zu gehen.
Am nächsten Morgen lässt sie Scharkân zu sich rufen.

Rings um den Saal aber standen in Menschengestalt geschnitzte Figuren, wenn der Wind durch sie hindurchstrich, so gerieten Instrumente in Schwingung, die darin verborgen waren, und der Beschauer meinte, sie sprächen.

Das scheint mir eine ausgestorbene Kunst zu sein. Schade.

Wieder singen und trinken die beiden, um (voneinander getrennt!) schlafen zu gehen.
Am nächsten Morgen lädt die Prinzessin Scharkân zum Schachspiel ein;

aber wenn Scharkân auf ihre Schachfigur blicken wollte, so blickte er auf ihr Antlitz, und er setzte den Springer statt des Läufers und den Läufer statt des Springers.

So verliert er fünf Mal

"Ach, meine Herrin, wie sollte jemand, der mit deinesgleichen spielt, nicht geschlagen werden?"

Wieder trinken und singen sie, gehen ein jeder zu Bett, um am nächsten Tag wieder zu singen.

Während sie sich also die Zeit vertrieben, da erhob sich plötzlich ein großer Lärm, und ein Haufe von Christenrittern und Knechten stürzte herein, gezückte, blinkende Schwerter in der Hand, und sie riefen in griechischer Sprache: "Du bist uns in die Hände gefallen, o Scharkân, also sei des Todes gewiss!"

Scharkân glaubt nun, von dem Mädchen in eine Falle gelockt worden zu sein.
Die Prinzessin Abrîza verteidigt ihn jedoch vor dem Kommandanten der Truppe, der ihr berichtet, dass der König durch die Alte Dhât ed-Dawâhi von Scharkâns Anwesenheit erfahren hat.

Man hätte es sich denken können, dass die Anwesenheit der Alten vor ein paar Tagen nicht ganz ohne Grund in die Story eingeführt wurde.

Abrîza verleugnet die Identität Scharkâns und beruft sich darüberhinaus auf die Gastfreundschaft, die sie dem "Fremden" gewährte. Und als drittes Argument:

"Dieser ist nur ein einzelner Mann, und ihr seid hundert Ritter: wenn ihr ihn also angreifen wollt, so tretet einzeln vor, auf dass der König sehe, wer von euch der Tapferste ist."

Kara Ben Nemsi hätte es nicht besser sagen können.

 

48. Nacht

Es half alles nichts – eine komplett naive Lesart der Sammlung konnte ich mir sowieso nicht erhalten – , und so habe ich mich nun ein wenig eingehender mit der Sammlung der "Erzählungen aus den Tausendundein Nächten" beschäftigt, um wenigstens eine gewisse Orientierung zu behalten. Die meisten der im heutigen Standard enthaltenen Erzählungen wurden von Galland hinzugefügt, der im 17. Jahrhundert eine Handschrift fand. Strittig ist offenbar bis heute, ob "1001" wörtlich oder symbolisch zu verstehen war. Auf jeden Fall brach die Handschrift beiGalland  nach der 282. Nacht ab. Da Galland keine weiteren Teile fand, ergänzte er die Sammlung um weitere Geschichten aus dem Orient, vor allem sind hier die populären Aladin, Sindbad und Ali Baba zu nennen. Nun habe ich mir auch die neuere und am Original dichtere Übersetzung der ursprünglich erhaltenen Ausgabe von Claudia Ott besorgt, aber leider habe ich in diesem Blog den größten Teil dieses Textes hier schon erfasst. Werde also weiterhin auf die Übersetzung von Enno Littman stützen und nur in den übrigen Fällen ggf. auf die Vers-Übertragungen von
Claudia Ott
  zurückgreifen.

***

Und auch diese Geschichte ist nicht in der ursprünglichen Galland-Sammlung enthalten, sondern eigentlich ein selbständiger Roman. Wann genau er eingefügt wurde, lässt sich anscheinend noch nicht eruieren.

Trotz der immanenten Provokation der Worte und der wogenden Hüften der Maid, reißt sich Scharkân zusammen. Das Kloster ist reich und geschmackssicher eingerichtet. Auf einem mit Seidenstoffen belegten Thron soll Scharkân Platz nehmen. Während sie sich zurückzieht, wird Scharkân von den Dienerinnen bewirtet. Seine Gedanken schweifen zum Heer und zu den Ermahnungen seines Vaters.

Es fehlt mir nicht an Festigkeit, allein
Ich bin verwirrt und weiß nicht aus noch ein.
Nähm‘ einer von mir meine Leidenschaft,
Ich würd gesund durch meine eigne Kraft.
Mein Herz ist, ach, vom Liebeswahn betroffen –
Auf Gott nur kann in meiner Not ich hoffen.

Wie er diese Verse gesprochen hatte, siehe, da kam ihm ein wunderbar schöner Reigen entgegen: mehr als zwanzig Mädchen, Mondsicheln gleich; die umgaben jene Maid wie die Sterne den vollen Mond und hüteten sie. Ihr Kleid war aus Brokat, wie er für Könige passt; um den Leib trug sie einen feingewebten Gürtel, der mit vielerlei Edelsteinen besetzt war und sie eng umgab, so dass ihre Hüften hervortraten; die glichen einem kristallenen Hügel unter einem silbernen Schaft, über dem die Brüste wie ein Granatapfelpaar prangten. (…)
Sie aber sah ihn lange an und immer wieder, bis sie ihrer Sache sicher war und ihn erkannt hatte.

Womit natürlich nicht das sexuelle "erkannt" gemeint ist, sondern bei ihr fällt der Groschen, dass sie es mit Scharkân höchstpersönlich zu tun hat.

Doch sie beruhigt ihn:

"Du bist mein Gast. Brot und Salz haben uns verbunden; so stehst du unter meinem Schutz und Schirm und kannst dir sicher sein."

Brot und Salz  auch hier als Zeichen der Gastfreundschaft.

Sie scherzte mit ihm, bis seine Besorgnis wich und er einsah, dass sie ihn in der vorigen Nacht getötet hätte, wenn sie das hätte tun wollen.

Und wie bringt eine Christin einen Moslem um den Verstand? Richtig – mit Alkohol!

Und sie trank weiter mit ihm, und schenkte ihm ein, bis er die Besinnung verlor.

47. Nacht

Wirklich kämpfen die beiden, und zwar auf Wunsch der Alten hin sogar nackt, lediglich ein Tuch zwischen die Beine gezogen. Die junge Maid ist stärker als das alte Weib. Sie

hob sie mit beiden Händen hoch; die Alte aber rang, um sich aus ihren Händen zu befreien, und dabei fiel sie auf den Rücken. Da ragten ihre Beine hoch in die Luft, und deutlich waren ihre Haare im Mondschein zu sehen; und sie ließ zwei gewaltige Winde fahren, von denen der eine den Staub auf der Erde aufwirbelte, während der andere bis zum Himmel dampfte.

Nach einem etwas schwer verdaulichen Mahl geschah mir in der Schule ähnliches, als wir Judo kämpfen mussten. Allerdings verhalf mir dieses versehentliche Hilfsmittel zu einer guten Note, da ein Gegner seine Umklammerung löste und ich ihn daraufhin überwältigen konnte (falls meine Winde das nicht schon erledigt hatten).

Die alte Dhât el-Dawâhi bleibt besiegt liegen, während die Maid sich wieder anzieht.

Als nun die Mädchen gefesselt am Boden lagen und die Maid allein dastand, sprach Scharkân bei sich: "Jeder Zufall hat seinen Grund. Es war doch nur mein Glück, dass mich der Schlaf überfiel und das Ross mich hierher trug; vielleicht sollen diese Maid und die anderen, die bei ihr sind, noch meine Beute werden."

Etwas unangemessen wild reitet er mit gezücktem Schwert und "Allah ist der Größte" brüllend, auf das Mädchen zu, das natürlich ob dieser Grobheit etwas erstaunt ist und ihm eröffnet, dass, sobald sie einen Schrei ausstoße, 4.000 Krieger zur Stelle sein würden.
Scharkân, immer noch etwas deppert, fordert die 10 Mädchen als Beute. Das Mädchen schlägt vor, miteinander zu ringen. Wer gewinnt, bekommt den anderen als Beute. Scharkân ist einverstanden, mit der Bedingung, dass er sich loskaufen würde. Das Mädchen nimmt ihm einen Eid über die Vereinbarung ab.
Die Schönheit des Mädchens blendet Scharkân. Sie ruft ihm zu

"Oh Muslim herbei, und lass uns ringen, ehe der Morgen anbricht!", und streifte den Ärmel in die Höhe, der frischem Rahm gleich war, so dass die ganze Wiese durch seine Weiße hell ward; und Scharkân war geblendet.

Tatsächlich werden seine Glieder angesichts ihrer Schönheit so schwach, dass es für sie ein Leichtes ist, ihn zu werfen und sich auf ihn zu setzen. Sie schenkt ihm das Leben.

Scharkân stand auf und schüttelte den Staub von seinem Kopfe gegen die Geschöpfe aus der krummen Rippe47.

Dann fordert er sie ein zweites Mal heraus, da er, wie er meint nicht wegen ihrer Stärke sondern wegen ihrer Schönheit besiegt worden war. Das Mädchen ist einverstanden, löst aber zuvor die Fesseln der anderen 10 Griechinnen, die den Kampf nun aus sicherer Entfernung beobachten, den Scharkân, wie zu erwarten, wieder verliert. Und beim dritten Mal ebenso, obwohl ihm die Maid die wichtigsten Künste und Kniffe des Ringkampfes in Erinnerung ruft:

  • Finte

  • Vorgriff

  • Armgriff

  • Fußgriff

  • Schenkelbiss

  • Fußstoß

  • Beinverschluss

Scharkân gesteht ihr nun, verliebt zu sein und bittet darum, sie begleiten zu dürfen. Sie gewährt es ihm, und reiten über eine Zugbrücke ins Kloster. Scharkân glaubt nun, das Kameradschaftsrecht als auch das Gastrecht genießen zu dürfen. Er bittet sie, mit ihm

in das Land des Islam zu ziehen.

Sie ärgert sich über diese Grobheit und wirft ihm vor, sie betrügen zu wollen, denn dort käme sie nicht nur in Sklaverei, sondern auch in Konkubinenschaft.47a Die Maid lässt nun ihren ganzen Ärger heraus und offenbart, dass sie weiß, dass muslimische Reiter das Land überfallen haben.

nicht wie ein königliches Heer, sondern wie Horden, die sich zusammengerottet haben.

Auch von des Königs Sohn Scharkân habe sie gehört

"Ich wollte nur, dass der Messias ihn in meine Hände gäbe, in ebendiesem Kloster, dann träte ich ihm in Manneskleidung entgegen und würde ihn gefangennehmen und in Fesseln legen."

Bemerkenswert: Dies ist die erste Geschichte, in der das Christentum (noch?) nicht verächtlich gemacht wird. Im Gegenteil: Der Moslem erscheint als einfältiger Grobian. Die Christin als stark, schön und gewitzt. Außerdem bleibt die Kritik am Islam unwidersprochen stehen.

 

47 Anspielung auf Schöpfungsgeschichte. Moses 2.21,22

47a Anspielung auf Koran Sure 4, Vers 3, 28/29

46. Nacht

Die Geschenke der Gesandten an den König bestehen aus

fünfzig der erlesensten Mädchen aus Griechenland und aus fünfzig Mamluken und Gewändern aus Brokat und mit Gürteln aus Silber und Gold; jeder Mamluk trug in seinem Ohr einen goldenen Ring mit einer Perle, die tausend Goldstücke wert war. Die Mädchen waren gleichfalls geschmückt, und sie trugen Stoffe, die sehr viel Geld wert waren.

Der König berät sich nun mit seinen Wesiren. Der älteste unter ihnen namens Dandân46 rät ihm zu, das Heer auszurüsten und den König von Konstantinopel zu unterstützen, unter anderem,

weil der König von Griechenland dir Geschenke gesandt hat, die du angenommen hast.

Geschenke als Erpressung. Keine verlorengegangene Praxis, sondern selbst in scheinbar unkomplizierten Zusammenhängen wie auf Studentenpartys zu beobachten: Man bringt eine Flasche Wein als Geschenk mit und erkauft sich durch dieses Geschenk das Recht, mitzusaufen. In familiären und intimen Beziehungen wird es noch komplizierter. Je liebevoller und ausgesuchter das Geschenk, umso höher die Erwartungshaltung. Der Fluch der Geschenke-Reziprozität.
Auf unserer Tour durch Sibirien werden wir mit Werken der örtlichen Autoren beschenkt – fast alles Dichterinnen. Glauben die wirklich, wir könnten das alles lesen und verstehen oder würden uns da durcharbeiten? Allein in Omsk ein halbes Kilo Gedichte:

Der König erwidert lobend:

„Von deinesgleichen sollten die Könige sich Rat holen, und es erscheint mir angebracht, dass du die Vorhut des Heeres führst.“

Ob das wirklich eine Ehre ist für einen Mann in dem Alter? Aber man wünschte es sich schon für jeden, der zum Krieg rät, egal ob sie Cheney, Wolfowitz, Huntington oder auch Dandân heißen.

Man stellt ein Heer von zehntausend Reitern zusammen plus Fußvolk und Tross.

Als drei Tage verstrichen waren, zog das Heer in die Vororte der Stadt Bagdad.

Wozu? Um zu lagern?

Dann zieht man los und eilt 21 Tage lang. Das Heer lagert in einem Flusstal. Da man sich in der Nähe zum Feind befindet, kundschaftet Scharkân die Lage persönlich aus. Irgendwann wird er müde und schläft ein, während das Pferd weitergeht. Zu Mitternacht bemerkt er, dass er sich in der Nähe eines Klosters befindet. Dort spielen zehn Mädchen miteinander

Die Wiese strahlt in herrlichem Glanze
Der weißen Jungfrauen dort.
Noch lieblicher wird ihre Schönheit und Anmut
Durch sie, der herrlichen Tugenden Hort.
Jede der Jungfrauen nimmt gefangen
Durch zarte Bewegung und Blicke so weich.
Sie lassen Haare herunterhangen
Dichten Trauben der Reben gleich.
Sie bezaubern mit ihren Augen,
Senden treffsicher Pfeile aus.
Sie schreiten dahin, und sie besiegen
Mannenführer, erprobt im Strauß.

Strauß?

Eine von ihnen sagt auf arabisch (!):

„Beim Messias, nein, das ist von euch nicht fein. Aber jede, die von euch noch ein Wort spricht, werfe ich zu Boden und binde ihr die Hände auf dem Rücken mit ihrem eigenen Gürtel zusammen.“

was sie auch tatsächlich tut. Da tritt ein altes Weib hervor

und sagte wie im Zorn zu ihr: „Du Metze, freust du dich, wenn du die Mädchen zu Boden wirfst? Siehe, ich bin ein altes Weib, und doch habe ich sie vierzigmal geworfen! Was hast du also zu prahlen? Aber wenn du die Kraft hast, mit mir zu ringen, dann tue es; dann werde ich dich fassen und dir den Kopf zwischen die Füße legen.“

46 Dandân (= دندان) bedeutet „Zahn“ und war das erste Wort, das ich auf Persisch konnte, nachdem Ralf aus dem Wörterbuch ein Wort herausgesucht hatte, das meinem Namen ähnelte.

45. Nacht

Nachdem Ghânim dem Kalifen seine Geschichte erzählt hat, macht er ihn nun zu seinem Vertrauten und bittet um Entschuldigung, die dieser natürlich gewährt.

Wäre ja mal eine schöne Wendung, wenn das nicht geschähe.

Dann gab er den Befehl, ihm einen Palast anzuweisen, und er verlieh ihm Gehälter, Einkünfte und Schenkungen, die sich auf eine hohe Summe beliefen.

Vielleicht ist es auch die Maßlosigkeit von Gunst und Drohung, die den Kalifen jedes mal wie einen irren Gott erscheinen lassen.

Darauf ließ er ihn mit seiner Mutter und seiner Schwester dort einziehen; und als der Kalif vernahm, dass seine Schwester Fitna an Schönheit eine wahre "fitna", das heißt eine Verführerin war, da erbat er sie von Ghânim zur Ehe.

Fragt sich, ob das für Fitna eine schöne Aussicht ist, als Vögelchen im goldenen Käfig zu sitzen.

So heiraten der Kalif Fitna und Ghânim Kût el-Kulûb am selben Tag.
Der Kalif lässt die Geschichte für seine Archive aufzeichnen.

Ende

***

Die Geschichte des Königs Omar ibn en-Numân und seiner Söhne Scharkân und Dau el-Makân und dessen, was ihnen widerfuhr an Merkwürdigkeiten und seltsamen Begebenheiten

In Bagdad herrscht

vor dem Kalifat des Abd el-Melik

d.h. also vor 685 n.Chr.

ein König namens Omar ibn en-Numân, der die persischen Könige und die oströmischen Kaiser besiegt hat.

Er war König aller Länder und Gott hatte ihm alle Menschheit unterstellt.

Gegenden, die seiner Herrschaft untertan sein sollen:

  • das nahe und das ferne Indien

  • China

  • das Land des Hidschâz

  • Jemen

  • die Inseln von Hinterindien und China

  • Mesopotamien

  • Sudan

  • die Inseln des Weltmeeres

  • Die weltberühmten Ströme der Erde: Jaxartes, Oxus45, Nil, Euphrat

Scharkân heißt der Sohn des Königs, der, obwohl mit vier Frauen verheiratet, sonst keine Kinder hat. Und dieser Scharkân wird zu einem stattlichen Mann, dem sich keiner zu widersetzen vermag. Außer den vier Frauen hat er noch 360 Nebenfrauen, für jeden Tag im Jahr eine. Und von diesen wird dann doch eine Griechin namens Sophia schwanger. So sehr der Vater nun hofft, sein Nachkomme möge männlich werden, so sehr befürchtet Scharkân dies, da er annimmt, ein männlicher Nachkomme würde seine Herrschaft streitig machen, und so beschließt er, falls es ein Junge wird, diesen zu töten.

Dieser Scharkân schraubt sich ja gleich zu Beginn der Geschichte, die, soweit ich das sehen kann, uns in den nächsten Wochen begleiten wird, in unsere Herzen.

Die Sklavin gebiert eine Tochter, man überbringt Scharkân die Nachricht, und er beruhigt sich, nicht wissend, dass die Sklavin noch einmal Wehen bekommt und nun einen Jungen zur Welt bringt.
Man nennt das Mädchen Nuzhat ez-Zamân ("Wonne der Zeit") und den Jungen Dau el-Makân ("Licht des Hauses").

Vier Jahre später bittet eine Gesandtschaft des christlichen Königs Afridûn von Konstantinopel den Omar ibn en-Numân um Unterstützung in einem Feldzug gegen den Fürsten des armenischen Cäsarea. Dieser habe nämlich dem König Afridûn eine Schiffsladung geraubt, auf denen sich drei straußeneigroße Juwelen, die nutz- und schutzbringend sind, wenn man sie einem neugeborenen Kind um den Hals hängt.

Fragt sich natürlich, wie ein Neugeborenes die Last eines straußeneigroßen Juwels tragen soll

Zwei Feldzüge seien schon fehlgeschlagen, nun bitte man

den König von Bagdad und Chorasân

um Hilfe.

Ich rate mal, wie es weitergeht: Während Scharkân in die Kämpfe verwickelt wird, gefangen genommen und zuhause für tot erklärt wird, übernimmt sein Halbbruder in Bagdad die Macht. Die Brüder ziehen gegeneinander in den Krieg. Verbrüderung oder Kampf um Leben und Tod.

 

 

45 Altertümliche Bezeichnungen: Jaxartes = Syrdarja, Oxus = Amudarja

 

44. Nacht

Kût el-Kulûb befiehlt dem Basarvorsteher, seiner Frau zu sagen, diese möge die beiden Frauen baden und pflegen.

Unklare Sozialhierarchie: Eine Sklavin des Kalifen kann dem Basarvorsteher Befehle erteilen! D.h. die Nähe zum Hofe des "Beherrschers der Gläubigen" lässt einen über die Geschlechterhierarchie und über die Hierarchie Sklave/Freier hinauswachsen.

Die beiden werden also gebadet und neu eingekleidet,

so dass sich die Spuren ihres Standes deutlich zeigten.

Zu dritt besuchen sie Ghânim.

Ghânim ibn-Aijûb aber, der verstörte Sklave der Liebe, hörte sie plötzlich den Namen Kût el-Kulûbs nennen; da kehrte das Leben in ihn zurück.

Nachdem Ghânim erfahren hat, was inzwischen geschehen ist, lässt man ihn pflegen, badet ihn und füttert ihn mit Brühen, Galgantwasser, Kükenfleisch, Apfelsaft und Scherbet.
Der Kalif erfährt von Kût el-Kulûb, dass man Ghânim gefunden habe, und dieser schickt Dscha’far, um ihn zu holen.

Wie wird dieser Wesir über den Kalifen denken? Beim letzten Mal wurde er losgeschickt, um Ghânims Haus zu plündern.

Siehe, da kam auch schon Dscha’far auf seinem nubischen Maultier.

Als Ghânim dann vor den Kalifen tritt, spricht er folgende Verse:

Sei mir gegrüßt, o König von hocherhabener Würde,
der du deiner Wohltat Gaben stets verteilest reich an alle!
Sie geben keinem anderen als dir den Namen des Kaisers
dir, dem mächtigen Herrscher, dem Herrn der Ruhmeshalle.
Es legen die Könige, wenn sie dir grüßend nahen,
Der Kronen Edelsteine auf deine Schwelle hin,
Und wenn dann ihre Augen dein Antlitz nur erblicken,
So werfen sie sich zu Boden mit ehrfurchtsvollem Sinn.
O Majestät, du verleihest ihnen in deiner Gnade
Hohe Ehrenstellen und deiner Herrschaft Macht.
Zu eng für deine Heere wurden Ehre und Menschheit;
Drum schlage deine Zelte hoch in der Sterne Pracht.
Dich möge der Könige König erhalten in seiner Liebe
Dein sei ein festes Herz und dein ein trefflicher Rat!
Du breitetest deine Gerechtigkeit über die ganze Erde,
Bis sie den Fernen gleichwie den Nahen umfasset hat.

Und das an einen, der ihm Reichtum, Weib und Gesundheit raubte!

Als er seine Verse beendet hatte, war der Kalif entzückt, denn ihm gefiel die Feinheit seiner Sprache und die Lieblichkeit seiner Rede.

43. Nacht

80 Tage lang lässt der Kalif Kût el-Kulûb im dunklen Zimmer. Dann kommt er daran vorbei und vernimmt ihre Klage:

"O Ghânim! (…) Du handeltest gut an einem, der schlecht an dir gehandelt hat. (…) Aber wahrlich, du wirst mit dem Beherrscher der Gläubigen och vor einem gerechten Richter stehen, und du wirst dein Recht von ihm erhalten an dem Tage, an dem er Herr in seiner Majestät und Allgewalt der Richter ist und die Engel die Zeugen sind."

Der Kalif lässt sie von seinem Eunuchen Masrûr zu sich holen und entschuldigt sich auf Kalifenart bei ihr:

"Es gibt keine Majestät und es gibt keine Macht außer bei Allah! Erbitte dir eine Gnade, sie soll dir gewährt werden."

Sie erbittet ihren Geliebten Ghânim. Und der Kalif verspricht:

"Wenn er vor mich tritt, so will ich dich ihm schenken als das Geschenk eines Großherzigen, der seine Gabe nicht widerruft."

Man will diesen aufgeblasenen Gockel mal irgendwann stürzen sehen 43. Sollte er sich nicht wenigstens an der Suche nach Ghânim beteiligen, so wie er auch dessen Verfolgung beauftragte?

Kût el-Kulûb  sucht nun nach Ghânim, besucht die Ältesten der Gemeinde und verteilt Almosen in Ghânims Namen.

Unklar: Rolle der Gemeindeältesten in Bagdad

Auch dem Vorsteher des Basars (der, wie wir wissen, Ghânim pflegt) erhält eine Spende mit dem Auftrag, sie unter den Fremdlingen zu verteilen. Dieser stellt ihr die etwas sonderbare Frage:

"Herrin, willst du zu mir in mein Haus kommen und dir einen fremden Jüngling dort ansehen, der schön und anmutig ist?"

Sie lässt sich von einem Knaben dorthin führen, pflegt Ghânim, ohne ihn zu erkennen, da er immer noch dünn wie ein Zahnstocher ist, und kehrt zum Palast zurück.

Seltsames Verhalten eigentlich: Warum kommt sie überhaupt mit, wenn sie nicht glaubt, dass es Ghânim sein könnte. Und wenn sie andererseits diese Vermutung hegt, so könnte sie ja mal etwas genauer hinschauen, denn er trägt ja immer noch die Kleider, von damals, oder, wie es der Basarvorsteher ausdrückt:

"Bei Allah, er stammt von guten Leuten und trägt die Spuren des Wohlstandes."

Kurz darauf treffen auch Ghânims Mutter und Schwester ein, und auch sie sind

in härene Gewänder gekleidet und tragen deutlich die Spuren des Wohlstandes und Glückes an sich.

was offenbar auch ein entscheidender Grund ist, warum sie vom Basarvorsteher aufgenommen werden. Reichtum scheint mit göttlicher/natürlicher Noblesse gekoppelt zu sein. Und es ist für den Einzelnen eine von Allah anzurechnende Tugend, die Dinge wieder ins Lot zu rücken – also dem Edlen zu helfen, wenn ihm das Glück abhanden kam. Aristoteles, dessen Schriften unter Dscha’far eingeführt wurden, argumentiert, dass aus den getrennten Teilen des zusammenhängenden Ganzen auch immer ein Regierendes und ein Regiertes hervorgeht. Oder – wie Luhmann das hochmittelalterliche Denken in Bezug auf menschliches Handeln und Natur beschreibt: "Beides ist zwar Natur, aber während das Feuer immer heiß ist, wenn es brennt, und die brennbaren Dinge immer verbrennt, erreicht der Adelige nicht immer die seiner Natur entsprechende Perfektion, und dies obwohl die Natur immer in Richtung vom Imperfekten aufs Perfekte nimmt." 43a

…die beiden haben jede einen Brotbeutel um den Hals hängen; ihre Augen sind voller Tränen und ihr Herz voller Betrübnis.

Einen Brotbeutel mussten wir als Kinder im Alter von 5-8 Jahren tragen, und unser Herz war ob dieses umständlichen Utensils und manchmal fraglichen Inhalts ebenfalls oft voller Betrübnis. Designt waren sie wie unsere Schultaschen – außen Leder, innen Plaste. Wurstklappstullen und Äpfel.
Schön der Tag, als wir unsere Stullen ganz normal in der Schultasche transportieren durften (in meinem Fall in ausgewaschenen Milchtüten, wie sie in Ostberlin typisch waren). Und ich habe nicht einmal ein Foto davon. Stattdessen – wie es eben üblich ist – einen Haufen Urlaubsfotos.

Die beiden klagen über ihren verlorenen Sohn und Bruder Ghânim. Kût el-Kulûb darauf:

"Seid getrost, denn dieser Tag ist der erste eures Glücks und der letzte eures Unglücks! Seid nicht mehr traurig!"

 

43 Der historische Harûn er-Raschîd aber starb (ohne gestürzt zu werden) wenige Jahre nachdem er die Barmekiden-Familie ihrer Positionen beraubt und ihre Mitglieder hingerichtet oder eingesperrt hatte. Der Fluch kam, wenn man so will, über Harûns zwei Söhne, unter denen er das Reich aufteilte, das damit instabil wurde.

43a s. Niklas Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaft. 2. Teilband, S. 917, Frankfurt/M. 1998

42. Nacht

Eines Tages geht der Kalif zum Frauengemach hin und legt sich zum Schlafen nieder. Eine Sklavin fächelt ihm am Haupt Luft zu, eine zweite knetet ihm die Füße.

Rar gewordenes Inventar: Frauen, die zur Stelle sind, wenn man sie braucht, und dann auch noch wissen, was zu tun ist.

Als die Sklavinnen glauben, der Kalif schlafe, unterhalten sie sich über Kût el Kulûb und die Füßekneterin berichtet der Luftzufächlerin von deren Schicksal und lässt auch noch die erstaunliche Information heraus:

"Ich habe die Fürstin Zubaida hören sagen, sie sei bei einem jungen Kaufmann aus Damaskus, genannt Ghânim ibn Aijûb."

Woher kann die Fürstin das denn wissen?

Klar, dass der Kalif über diese Information nicht erfreut ist:

Da ergrimmte er gewaltig, und er stand auf und berief die Emire des Reiches; und mit ihnen kam der Wesir Dscha’far el-Barmeki 42 (…): "Dscha’far, geh mit einer Schar Bewaffneter hinunter und frage nach dem Haus des Ghânim ibn Aijûb: fallt über das Haus her und bringt ihn her mit meiner Sklavin Kût el-Kulûb."

Man umstellt das Haus.

Da waren der Wesir und der Präfekt und die Wächter und die Mamluken mit gezückten Schwertern und umgaben das Haus, wie das Weiße des Auges das Schwarze umgibt.

Währenddessen essen Ghânim ibn Aijûb und Kût el-Kulûb Fleisch. Kût el-Kulûb entdeckt die Bewaffneten und rät Ghânim ibn Aijûb, sich als Bote zu verkleiden und mit dem Fleischkorb auf dem Kopf das Haus zu verlassen. Das tut er auch

Und der Allbehüter nahm sich seiner an, so dass er den Gefahren und Nöten entrann.

Die Schergen plündern das Haus

Plünderungen im Islam?

und Dscha’far führt Kût el-Kulûb zum Kalifen;

der aber ließ Kût el-Kulûb in ein dunkles Zimmer bringen und gab ihr eine alte Frau zu ihrem Dienst; denn er war überzeugt, dass Ghânim sie verführt und bei ihr geschlafen hätte.

Unklar: Worauf bezieht sich das "denn"? Bekommt sie als sozusagen entwertete Sklavin nur eine alte Frau? Oder deutet das dunkle Zimmer auf eine Art Karzer hin? Die ganze Story wirft ein seltsames Licht auf die impulsive Gefühlswelt des Kalifen, der eben noch einen Monat um Kût el-Kulûb trauerte und sie nun einsperrt.

Dem Statthalter in Damaskus, Sulaimân ez-Zaini 42a, gibt er einen Brief mit, in dem dieser aufgefordert wird, ihm Ghânim ibn Aijûb zu schicken, sobald dieser in Damaskus auffordere. Da das zunächst nicht möglich ist, gibt der Statthalter dem Volk einen Freibrief, das Haus, in dem noch Mutter und Schwester von Ghânim ibn Aijûb wohnen, zu plündern.
Inzwischen erreicht Ghânim ibn Aijûb erschöpft eine Moschee und bricht dort zusammen.

Aber das Herz zitterte ihm vor Hunger, und da er schwitzte, so liefen ihm Läuse über die Haut, sein Atem wurde stinkend, und sein ganzes Aussehen wurde verändert. Als nun die Bewohner jenes Dorfes zum Frühgebet kamen, fanden sie ihn dort, liegend in Qualen, hager vom Hunger und doch noch mit den Zeichen einstigen Reichtums.

Und so sehen ihn auch zwei Bettlerinnen – Mutter und Schwester – die ihn aber nicht wiedererkennen.
Man bindet ihn auf ein Kamel, das man einem Treiber gibt, der es nach Bagdad führt, wo er Ghânim ibn Aijûb vor das Tor eines Hospitals legt.

Als die Leute durch die Straßen zu gehen begannen, da erblickten sie ihn, der so dünn war wie ein Zahnstocher.

Der Vorsteher des Basars vertreibt die Schaulustigen:

"Ich will mir durch dieses arme Geschöpf das Paradies gewinnen; denn wenn sie ihn in das Hospital aufnehmen, so werden sie ihn in einem einzigen Tage töten." Dann ließ er ihn durch seine Sklaven in sein Haus tragen, ließ ihm ein neues Bett bereiten, neue Kissen darauf legen und sagte zu seiner Frau: "Pflege ihn sorgsam."

Neue Information: Durch Barmherzigkeit kann man sich also auch im Islam den Weg ins Paradies bahnen.
Unklar: Warum würde man ihn im Hospital binnen eines Tages töten? Sind die Zustände dort so miserabel oder die Pfleger so mordlüstern?

Die Frau des Basarvorstehers

gab ihm einen Becher Wein zu trinken und sprengte Rosenwasser über ihn.

Wein als Medizin

 

 

42Bisher wurde Dscha’far in der Übersetzung immer eingedeutscht "der Barmekide" genannt.
Die Barmekiden waren eine persische edle Familie, die den Abbasiden zur Macht verhalf und ihnen in hohen Staatsämtern diente. Später, gegen Ende der Regierungszeit von Harûn er-Raschîd, fielen sie in Ungnade. Dscha’far war der Sohn des Vertrauten von Harûn, Yahya, und selber, wenn überhaupt, nur kurze Zeit Wesir. Im Jahr 806 fiel die Familie in Ungnade, entweder wegen Amtsanmaßungen oder (romantisch aber unwahrscheinlich) wegen eines Liebesverhältnisses zwischen Dscha’far und Harûns Schwester.
Dem historischen Dscha’far wird außerdem unterstellt, die griechische Wissenschaftstradition in Bagdad eingeführt zu haben, und, nachdem er von gefangenen Chinesen in die Geheimnisse der Papierherstellung eingeweiht worden war, in Bagdad die erste Papiermühle errichten zu lassen.

42a Dessen Sohn haben wir schon in der38. Nacht kennengelernt, wo Harûn ihn als Statthalter von Basra (!) absetzt. Sein Sohn soll Statthalter von Damaskus gewesen sein.

41. Nacht

Ghânim ibn Aijûb führt die Schöne in der Kiste nach Hause,

wo alles noch fein säuberlich steht – die Aufregung um einen möglichen Überfall war also umsonst –

er kauft ihr Essen, Kerzen, Wein, Wohlgerüche,

und als die Maid ihn sah, da lachte sie und küsste ihn und umschlang seinen Hals Und sie begann ihn zu streicheln, so dass seine Liebe noch stärker wurde und sein Herz ganz beherrschte.

Aber es bleibt beim anständigen Tändeln. Ebenso am nächsten Tag, und als Ghânim sie um das Letzte bittet, erwidert sie

"das steht dir nicht zu; den auf der Schnur meiner Hose steht ein harte Wort!"

Er respektiert das, und einen Monat lang fahren sie fort in diesem unschuldigen Liebesspiel, bis er eines Nachts dir Worte auf der Schnur liest:

"Ich bin dein und du bist mein, o Nachkomme des Propheten.41a)"

Nun berichtet das Mädchen, es heiße Kût el-Kulûb.

Nach einem Monat erst sagt sie ihm ihren Namen!

Sie sei die Geliebte Harûn er-Raschîds. Die Herrin Zubaida41 ist eifersüchtig auf das junge Mädchen, lässt es mit Bendsch betäuben und von den drei Sklaven, die sie bestochen hatte (ebenso wie die Türhüter), fortbringen und in das Grabmal legen.

Fragt sich nur, woher Kût el-Kulûb diese Informationen hat, wenn sie doch betäubt gewesen ist.

Als Ghânim ibn Aijûb die Worte der Kût el-Kulûb vernahm und erfuhr, dass sie die Geliebte des Kalifen war, da wich er zurück; denn ihn befiel eine heilige Scheu vor der Kalifenmacht, und er setzte sich abseits von ihr in einem Winkel des Raumes nieder.

Des Liebenden Herz verzehrt sich in Sehnsucht nach der Geliebten;
Und ihre herrliche Schönheit raubt ihm den Verstand.
Einst ward ich gefragt: "Wie schmeckt die Liebe?" Ich gab zur Antwort:
"Die Liebe ist süß, und doch knüpft sie an Leiden ihr Band."

Er hält sich weiterhin zurück, doch am nächsten Tag bietet sich Kût el-Kulûb ihm an:

"Stille dein Begehr an mir!" Er aber unterbrach sie: "Ich nehme meine Zuflucht zu Allah! Das darf nie sein. Wie darf sich der Hund an die Stelle des Löwen setzen?" (…) Doch ihre Liebe zu ihm wuchs dadurch, dass er sich zurückhielt.

Dies scheint mir eines der schwierigsten Aspekte des Flirtspiels: Wie lange und wie stark hält man sich zurück? Ein wenig sich zieren, kann sie (oder ihn) ja auch schar machen, aber irgendwann ist der Zug auch abgefahren, und der andere wirft sich einem Draufgänger an den Hals, der sich um Tändelei nicht schert.

Die Fürstin Zubaida indessen sorgt sich, der Kalif könne etwas von der Missetat mitkriegen, und so wendet sie sich um Rat an eine alte Frau. Diese empfiehlt ihr, eine Holzpuppe anfertigen zu lassen, sie einzuwickeln und sie in der Mitte des Palastes beerdigen zu lassen und dem Kalifen gegenüber zu behaupten, Kût el-Kulûb sei gestorben.

"Will der Kalif die Laken abnehmen lassen, um sie zu sehen, so hindere du ihn daran und sage: "Der Anblick der Nacktheit ist nicht erlaubt."

Tatsächlich befällt den Kalifen große Trauer, als er von seiner Reise zurückkommt, allerdings auch Argwohn, und tatsächlich will er die Leiche auspacken lassen, was ihm aber verwehrt wird. So trauert er einen Monat an ihrem Grab.

 

 

41 Bekannt aus den Nächten 27 und 28 (Geschichte des Verwalters)

41a) Harûn er-Raschîd ist mitnichten ein Nachkomme Mohammeds. Das trifft nur auf die ersten vier Kalifen zu. er-Raschîd gehörte der Dynastie der Abassiden an, die die Ummayaden abgelöst hatten.

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40. Nacht

Kafûr läuft seinem Herrn entgegen und berichtet, dessen Frau wäre gestorben, woraufhin dieser in großes Geheul ausbricht und nach Hause rennt. Auf dem Weg begegnet ihm sein Weib, die beiden wundern sich. Und Kafûr beömmelt sich wie über einen gelungenen Aprilscherz. Als sein Herr, nachdem er erfährt, dass sich Kafûr auch noch aktiv an der Zerstörung des Mobiliars beteiligt habe, bei ihm beschwert und ihm droht, das Fleisch von den Knochen zu reißen, gibt Kafûr schlaumeierisch zur Antwort, sein Herr habe ihn ja mit dieser Bedingung gekauft, und dies sei erst die halbe Lüge, der zweite Teil folge später in diesem Jahr. Daraufhin will der ihn einfach nur noch loswerden:

"Oh Hund, Sohn eines Hundes!", reif mein Herr, "verfluchtester aller Sklaven, ist dies alles nur eine halbe Lüge? Wahrlich, ist es doch ein ganzes Unheil! Geh von mir, du bist frei in Allahs Namen!"

Die erstaunliche Antwort hierauf: Der Sklave Kafûr will gar nicht freigelassen werden, da die eine Lüge ja noch aussteht. Erst wenn die eingelöst ist, will er verkauft werden. Freilassen darf ihn der Herr aber nicht,

"denn ich kenne kein Handwerk, durch das ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen kann; und diese meine Forderung an dich ist gesetzlich, die Rechtsgelehrten haben sie im Paragraphen von der Freilassung aufgeführt."

Sklavenmentalität als die andere Seite der Sklaverei.

Nach einer Prügelstrafe

ließ mein Herr mich in meiner Ohnmacht und holte einen Barbier, der mich entmannte und die Wunde ausbrannte.

wodurch wir von einer weiteren, eher unappetitlichen Aufgabe der Barbiere erfahren. Aber wer mag sich dann noch von einem solchen Mann rasieren lassen, wenn er weiß, was mit dem Messer nur wenige Stunden vorher geschah. Ohne großer Freud-Fan zu sein: Wer hier keine Kastrationsangst verspürt, ist kein Mann.

Dann nahm er mich und verkaufte mich um einen hohen Preis, da ich jetzt Eunuch war.

Beachtlich: Eunuchen teurer als unkastrierte Sklaven!

Hier zur Rolle der Sklaverei im Islam

Die Zandsch genannten Sklaven waren schwarzhäutige Sklaven aus Afrika, die den Muslimen nicht ebenbürtig galten. Wegen ihrer krassen Unterdrückung erhoben sie sich im Jahr 869 in Basra und nahmen die Stadt zwei Jahre später ein.

***

Dem dritten Eunuch ist nicht nach Erzählen zumute, er erwähnt nur lapidar:

"Ich habe sowohl meine Herrin wie den Sohn meines Herrn gemissbraucht."

Dann klettert er über die Mauer und öffnet sie von innen.

Seltsam ich dachte, das sei schon in der 39. Nacht geschehen.

Die drei schaufeln eine Grube und legen die Kiste hinein, dann verschwinden sie. Am nächsten Morgen, gräbt Ghânim die Grube mit den Händen auf, öffnet die Kiste und entdeckt darin eine schlafende Maid.

Als sie den Wind roch und die Luft in ihrer Nase, da nieste sie. Dann würgte und hustete sie, und aus ihrem Halse fiel eine Pille von kretischem Bendsch.

Bendsch = Cannabis

Als sie nun wusste, wie es um sie stand, rief sie: "Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed der Gesandte Allahs ist."

Bisher habe ich es hier kaum notiert, aber das Glaubensbekenntnis taucht in beinahe jeder Geschichte auf.

Das Mädchen gibt ihm Instruktionen, sie wieder in die Kiste zu legen und per Maultier oder Kamel in sein Haus zu bringen, wo sie ihm ihre Geschichte erzählen würde.

Schon glühte die Liebe zu ihr in seinem Herzen, denn sie war ein Mädchen, wert zehntausend Goldstücke, und trug Schmuck und Gewänder, die ein großes Vermögen wert waren.

Ob der Schmuck und die Gewänder ihren Teil zu dieser Liebe beitrugen?

39. Nacht

Die beiden Kinder des Kaufmannes erben unter anderem

hundert Kamellasten von Seidenstoffen, Brokaten und Moschusblasen; und auf jedem Ballen stand geschrieben: "Dies ist bestimmt für Baghdad."

Ghânim ibn Aijûb reist nun tatsächlich nach Bagdad, um dort Handel zu treiben. Seine Reise ist glücklich. Nach einer Ruhepause begibt er sich mit einem Stoffballen zum

Laden des Marktvorstehers, dem er das Bündel übergab. Der öffnete es, zog die Stoffe hervor und verkaufte sie mit einem Nutzen von zwei Dinaren auf jeden Dinar des Einkaufspreises.

Diese Makler- und Marktvorsteherfunktion wird mir nicht so recht klar: Was ist denn dessen Funktion? Ist es die Glaubwürdigkeit? Wird der Marktvorsteher nur in bestimmten Fällen aktiv?
Außerdem unklar: Der "Nutzen von zwei Dinaren" – Ist das der Gewinn oder der Erlös?

Er tat so ein volles Jahr lang.

Nach einem Jahr findet er den Basar verschlossen, weil einer der Kaufleute verstorben ist. Man bewegt ihn dazu, zur Trauerfeier mitzugehen. Als die Gruppe ankommt, sehen sie,

dass die Verwandten des Verstorbenen über der Gruft ein Zelt errichtet und es mit Lampen und Wachskerzen versehen hatten.

Seltsamer Brauch: Zelt über der Gruft.

Die bislang größte Trauerfeier an der ich teilnehmen durfte, war 1997 in Ghana. Ähnlich wie der Held dieser Geschichte, wurde ich da hineingezogen, ohne zu wissen, was mich erwartete: Der Onkel einer Kollegin, ein Dorf-Häuptling, hatte das Zeitliche gesegnet. Und da er recht populär war, fanden sich zirka 2.000 Menschen zu seiner Beerdigung ein. Für die Anwesenden war es eine besondere Ehre, dass sich auch ein Deutscher eingefunden hatte. Man bekam 1/8 Apfel als Leichenschmaus. Das Merkwürdigste aber: Ich habe zu keinem Zeitpunkt einen Sarg oder eine Urne gesehen. Ich weiß bis heute nicht, wo der Verstorbene beerdigt wurde.

Ghânim ibn Aijûb ist in Sorge über sein Haus, das vielleicht von Räubern überfallen werden konnte. Als er sich endlich frei machen kann, schafft er es doch nicht mehr rechtzeitig: Die Tore der Stadt sind verschlossen.

Er fand ein Heiligengrab: vier Mauern schlossen es ein, drin war ein Palmbaum, und es hatte ein Tor aus hartem Stein. Und da das Tor offen stand, ging er hinein.

Er kann nicht einschlafen, geht noch einmal hinaus und entdeckt einen Lichtschein, der sich auf ihn zubewegt. Aus Angst klettert er auf die Palme. Zum Glück, denn es sind drei schwarze Sklaven namens Kafûr, Sawâb und Buchait.

Und bisher haben schwarze Sklaven noch immer Unglück über die Helden unserer Erzählungen gebracht.

Sie wundern sich über das verschlossene Tor, aber Buchait meint:

"Wie dumm seid ihr! Wisst ihr nicht, dass die Besitzer der Gärten öfters von Baghdad aus hierher kommen? Wenn dann der Abend sie überrascht, so treten sie hier ein und schließen das Tor, aus Furcht, Schwarze wie wir könnten sie fangen, braten und verzehren.

Kannibalismus als weiteres Laster schwarzer Sklaven, neben der bisher erwähnten Gier, Hinterhältigkeit, Hurerei und Schmutzigkeit.

Nun klettert einer über die Mauer, öffnet den beiden, und da sie müde sind, lassen sie die Arbeit ruhen (und offenbar auch den Gedanken an etwaige Eindringlinge auf der Palme) und erzählen sich die Geschichten über ihre Entmannung.

Die Geschichte des Eunuchen Buchait

Buchait wurde im Alter von fünf Jahren aus seiner Heimat geraubt und einem Unteroffizier verkauft. Als Kind darf er mit dessen Tochter spielen. Als er zwölf Jahre alt ist und sie zehn, kommt sie aus dem Bad. Es folgt die bisher drastischste Beschreibung einer sexuellen Beziehung:

Nun begann sie mit mir zu spielen und ich mit ihr. (…) So richtete sich mein Glied auf, bis es einem großen Schlüssel gleich ward. Sie stieß mich zu Boden, so dass ich auf den Rücken fiel, setzte sich mir rittlings auf die Brust und fing an sich auf mir herumzuwinden, bis mein Glied entblößt war. Als sie es aufrecht dastehen sah, nahm sie es in die Hand und begann damit, vor ihrer Hose an den Lippen ihrer Scham zu reiben. (…) Und ehe ich mich dessen versah, zerriss mein Glied ihr die Hose und vernichtete ihr Mädchentum.

Die Sache wird dem Vater verschwiegen, und die Mutter des Mädchens gibt vor, die Angelegenheit zu vergessen, bis zum Tag der Hochzeit, als man den Sklaven schnappt und "verschneidet".

In der Hochzeitsnacht schlachteten sie eine Taube und sprengten Blut in ihr Hemd.

Die Geschichte des Eunuchen Kafûr

Der Makel des noch kindlichen Sklaven Kafûr besteht darin, dass er jedes Jahr einmal lügt. Doch ein Kaufmann erwirbt ihn dennoch für 600 Dirhems. Als eines Tages der Kaufmann mit seinen Kollegen speist, befiehlt er dem Sklaven aus seinem Hause etwas zu holen. Dort angekommen, behauptet er, der Kaufmann sei von einer umstürzenden Mauer erschlagen worden. Angesichts dieser Botschaft verzweifelt die Gattin es Kaufmanns und beginnt das Geschirr zu zerdeppern,

zerbrach die Fenster und Läden, beschmierte die Wände mit Lehm und blauer Farbe und rief: "Heda, Kafûr! Komm, hilf mir und reiß den Schrank um, zerbrich die Gefäße und dies Porzellan und alles andere dazu!"

Er gehorcht, und nun erfahren auch die Freunde und Verwandten vom angeblichen Unglück.

Und sie folgten mir mit unverschleierten Gesichtern und unbedeckten Köpfen.

So ziehen sie zum Präfekten, um ihm alles zu berichten.

38. Nacht

Nûr ed-Dîns Verwunderung, warum ein Fischer einem Statthalter in Basra Aufträge erteilen könne, ist verständlich, doch Harûn er-Raschîd redet sich heraus:

"Ich lernte mit ihm in derselben Schule und unter demselben Lehrer, und ich war Klassenerster. Seither ist ihm das Glück hold gewesen, so dass er Sultan wurde, während Gott ihn erniedrigte und mich zum Fischer machte."

Die sonst an derartigen Stellen so typische Nachfrage: "Wie war das denn?" bleibt uns und dem Kalifen hier erspart.

Nûr ed-Dîn entfernt sich nun mit dem Brief Richtung Baghdad und lässt Enîs el-Dschelîs tatsächlich zurück.

Dieses Verhältnis scheint mir immer noch unklar: Ist sie nun seine Geliebte oder wirklich nur eine Art Entertainment-Sklavin? Ihr gemeinsames Spiel deutet er auf eine Intimbeziehung hin, andererseits haben sie nie geheiratet oder ein derartiges Ziel ins Auge gefasst, und es ist auch stets von der Sklavin die Rede. Aber: Wenn er sie als Sklavin und somit als wertvolles Objekt betrachtet, warum sollte er sie einem verlausten Fischer überlassen?

Der Kalif gibt sich Scheich Ibrahim zu erkennen.

Da wurde er plötzlich wieder nüchtern, warf sich zu Boden und sprach die Verse:

Vergib mir die Sünde, in die mein Fuß hineingeglitten!
Der Sklave erwartet ja von seinem Herrn die Huld.
Ich habe gestanden, und das gebot mein Vergehen.
Doch wo ist nun, was dir gebietet verzeihende Huld?

Man möge dem Scheich die schlechten "Reime" verzeihen. Improvisation in betrunkenem Zustande zahlt sich selten aus.

Der Kalif aber vergibt ihm seine Ausfälle und lässt Enîs el-Dschelîs in seinen Palast führen, wo er ihr ein Zimmer zuweist.
Als Nûr ed-Dîn in Basra ankommt, ist der Sultan einigermaßen erstaunt über das Schreiben des Kalifen, da dieser ihm darin befiehlt, sein Amt niederzulegen und es Nûr ed-Dîn zu übergeben.

Dann berief er die vier Kadis und die Emire.

"Die vier Kadis?" Heißt das, es gab nicht mehr Richter in Baghdad? Oder sind das die vier Leib-Kadis?

doch der schurkische Wesir el-Mu’in ibn Sâwa zerreißt das Schreiben und frisst es. Seine Handlung begründet er damit, dass das Schreiben nicht echt gewesen sei, und Nûr ed-Dîn ein Betrüger. Er schlägt vor, Nûr ed-Dîn in Begleitung nach Baghdad zu schicken, um die Echtheit zu prüfen. Der Sultan ist einverstanden, aber el-Mu’in ibn Sâwasperrt Nûr ed-Dîn in seinen Privatkerker und gibt dem Kerkermeister den Befehl, ihn zu foltern. Doch der Kerkermeister behandelt Nûr ed-Dîn freundlich.
Vierzig Tage später kommt ein Geschenk des Kalifen an, und der Sultan (der sich schon einmal als etwas vergesslich gezeigt hatte), gibt nun den Befehl, Nûr ed-Dîn zu enthaupten.

Doch als die Leute den Ausrufer hörten, trauerten alle und weinten, die Kinder in der Schule und die kleinen Kaufleute in ihren Läden; und einige wetteiferten, Plätze zum Zusehen zu finden, und andere gingen zum Gefängnis, um ihm das Geleit zu geben.

Obwohl Nûr ed-Dîn ihn warnt und mahnt, spottet der Wesir mit den Dichterworten

Ein Mann, der seinen Feind noch überlebt
Um einen Tag, erreicht, was er erstrebt.

Schließlich führten sie ihn unter das Fenster des Palastes und setzten ihn dort auf das Blutleder

Unklares Inventar: Blutleder.

Doch naht hier zum rechten Zeitpunkt die vierzehnte Kavallerieabteilung Dscha’far, der Barmekide, der Wesir des Kalifen, der mit seiner Schar eine Staubwolke aufwirbelt.
Denn inzwischen war folgendes geschehen:

Dreißig Tage hatte der Kalif nicht mehr an das Geschenk des Nûr ed-Dîn Alî gedacht (…) Bis er eines Nachts an dem Gemache der Elîs el-Dschelîs vorüberkam und sie weinen hörte. (…)
Da fragte der Kalif: "Wer bist du?" Sie antwortete: Ich bin die, die Alî ibn Fadl dir zum Geschenk gemacht hat, und ich sehne mich danach, dass du dein Versprechen, das du mir gegeben hast, erfüllen und mich zu ihm mit der Ehrengabe schicken möchtest; jetzt bin ich hier seit dreißig Tagen, ohne die Süße des Schlafes gekostet zu haben."

Diese Herrscher scheinen alle ihren Gedächtnisverlust mit hoher Impulsivität kompensieren zu müssen:

Dscha’far wird nach Baghdad geschickt.

"Wenn du dich auf dem Wege länger aufhältst als nötig, lasse ich dir den Kopf abschlagen."

An diese Drohungen scheint sich Dscha’far gewöhnt zu haben.

In Basra lässt er Sultan und Wesir verhaften und setzt Nûr ed-Dîn als Sultan ein.
Nach einer Frist von drei Tagen – die Zeit der Gastpflicht – reisen alle wieder nach Baghdad. Dort angekommen, verlangt der Kalif, das Nûr ed-Dîn dem Wesir persönlich den Kopf abschlägt. Dieser beginnt zu bereuen und sagt:

"Ich habe nach meiner Natur gehandelt, handle du nach deiner Natur." Da warf Nûr ed-Dîn das Schwert aus der Hand, blickte den Kalifen an und sprach: "O Beherrscher der Gläubigen, er hat mich mit seinen Worten entwaffnet."

Eine Szene, die an Karl May erinnert.

Aber immerhin hat der Kalif noch den Schwertträger Masrûr, der seine Arbeit ohne Federlesen verrichtet. Nûr ed-Dîn verzichtet auf die Königswürde von Basra, und so gibt ihm der Kalif Elîs el-Dschelîs zurück, überhäuft die beiden mit Geschenken, macht Nûr ed-Dîn zu seinem Tischgenossen, der nun ein schönes Leben führt,

bis ihn der Tod ereilte.

***

Die Geschichte von Ghânim ibn Aijûb, dem verstörten Sklaven der Liebe

Für meinen Geschmack wäre es mal wieder Zeit für ein paar Dämonen und Zaubereien. Dieser Titel klingt nach einer weiteren Liebes-Anekdote mit hübschen Damen, die ihre Anbeter auf die Schippe nehmen. Aber lasst uns sehen.

In Damaskus stirbt ein reicher Kaufmann, der einen Sohn,

dem Monde gleich in der Nacht seiner Fülle und dazu von lieblicher Rede; dieser hieß Ghânim ibn Aijûb, der verstörte Sklave der Liebe. Und der hatte eine Schwester, die hieß Fitna, ein Mädchen, einzig an Schönheit und Lieblichkeit.

37. Nacht

Scheich Ibrahim trinkt nun also mit dem Pärchen, und als ihnen der Alkohol schon völlig zu Kopf gestiegen ist, beginnen sie auch noch, sämtliche Lampen und Kerzen des Palastes anzuzünden.

Nun hatte Allah, der mächtig ist über alle Dinge, und der für jede Ursache eine Wirkung festsetzt, es so gefügt, dass der Kalif sich in ebendiesem Augenblick das Mondeslicht anschaute und durch eines der Fenster blickte, die nach der Seite des Tigris lagen.

Als er das Schloss hell erleuchtet erblickt, ruft er nach seinem Wesir Dscha’far, den er zusammenstaucht:

"Du Hund von einem Wesir, willst du mir diese Stadt Baghdad wegnehmen, ohne mir ein Wort davon zu sagen?" "Was mögen diese Worte bedeuten?", fragte Dscha’far; und der Kalif erwiderte: Wenn mir die Stadt Baghdad nicht genommen wäre, so wäre das Schloss der Bilder nicht erleuchtet…"

Ein Minister, der keine Ahnung hat, was in seinem Verantwortungsbereich geschieht, ist heutzutage bald ein Ex-Minister. Zu Haruns Zeiten bald ein toter Minister.

Und so legt er sich eine Ausrede zu: Der Scheich feiere das Beschneidungsfest seiner Söhne im Gartenpalast. Vor so viel Frömmigkeit hat auch der Kalif Ehrfurcht, und er beschließt, dem Scheich Gesellschaft zu leisten.
Dem Wesir Dscha’far geht nun die Muffe in der Frequenz des Mauseherzschlags, denn er und Masrûr der Eunuch müssen ihn – natürlich verkleidet – begleiten.
Vor dem Palast steht ein Walnussbaum, auf den der Kalif klettert, um das Fest zu beobachten, und er kommt gerade rechtzeitig, um den Scheich rezitieren zu hören:

Lass ihn kreisen, den Wein, in großen und kleinen Bechern,
Und nimm ihn aus der Hand des strahlenden Mondes, des Schenken!
Und trinke nie, ohne dass gesungen wird; denn ich schaute,
Wie selbst die Knechte pfeifen, wen sie ihre Pferde tränken.

Dass der Kalif, eine Beschneidungsfeier erwartend, ob des Trinkgelages irritiert ist, war zu erwarten. Aber er ist andererseits auch gebannt von der Schönheit des jungen Paares. Dscha’far schöpft ob dieses Vergnügens des Kalifen wieder Hoffnung für sein Leben, die der Kalif wieder zunichte macht, als das Mädchen zur Laute greift:

"Bei Allah", sagte der Kalif, "wenn dieses Mädchen schlecht singt, so lasse ich euch alle kreuzigen; doch wenn sie gut singt, werde ich ihnen verzeihen, und nur dich ans Kreuz schlagen lassen." Da rief Dscha’far: "Oh Allah, lass sie schlecht singen!" Der Kalif fragte: "Weshalb?" Und er antwortete: "Wenn du uns alle kreuzigen lässt, so leisten wir einander Gesellschaft." Da lachte der Kalif über seine Worte.

Kreuzigungen unter Harûn er-Raschîd?
Ich finde keinen Hinweis, der die bestätigt. Obwohl die Tötungsart im alten Persien entstanden und der Koran indirekt auf die Kreuzigung Jesu verweist, scheint es zur Zeit des Kalifats keine Kreuzigungen gegeben zu haben.

Dscha’far hat Glück: den Kalifen versöhnt der Galgenhumor des Ministers und der schöne Gesang des Mädchens. Währenddessen kommt ein Fischer des Wegs, der – obwohl es verboten ist – an dieser Stelle fischen will.

Da stand mit einem Male der Kalif allein dicht vor ihm. Jener erkannte ihn und rief: "He, Karîm!"

Eine höchst unwahrscheinliches Detail: Der historische Harûn er-Raschîd hat kaum je seinen Palast verlassen. Kaum vorstellbar, dass er einen solchen Fischer, dessen

Kittel aus grober Wolle, der an hunderten Stellen geflickt war und von geschwänzten Läusen wimmelte, und einen Turban, den er seit Jahren nicht mehr aufgewickelt,

persönlich kennt, und dann auch noch, um die Tarnung zu perfektionieren, seine Kleidung (von Seide ausAlexandrien und Baalbek) mit ihm tauscht.

Als Fischer verkleidet geht er nun ans Tor seines eigenen Palastes und bietet den Zechern Fische an. Nûr ed-Dîn bemängelt, dass sie noch nicht gebraten sind, und so geht der Kalif in die Hütte eines Gärtners und brät sie eigenhändig.
Dafür verwendete Zutaten: Salz, Safran, Thymian, Bananenblatt, Limonen, Fallobst, Zitronen.
Nûr ed-Dîn belohnt den verkleideten Kalifen mit drei Goldstücken, doch dieser bittet, Enîs el-Dschelîs noch einmal singen hören zu dürfen. Diese Bitte wird ihm gewährt. Der Kalif ist erfreut und Nûr ed-Dîn bietet ihm Enîs el-Dschelîs an:

"Sie ist ein Geschenk an dich."

Völlig unklar! Weshalb sollte Nûr ed-Dîn sie verschenken? Und sei es auch nur für eine Nacht! Und dann auch noch an einen verlausten Fischer!

Enîs el-Dschelîs singt abermals und diesmal ist von Trennungsschmerz im Lied die Rede. Der Kalif horcht auf und besteht darauf die ganze Story zu hören.

"O Fischer," fragte Nûr ed-Dîn, "willst du unsere Geschichte in Prosa hören oder in Versen?" Der Kalif antwortete darauf: "Prosa sind Worte nur, doch Verse sind eine Perlenschnur."

Nûr ed-Dîn das bisher längste Gedicht (32 Verse), das die bisherigen Geschehnisse zusammenfasst. Beispielvers:

Wie der Rufer auf dem Markte zum Verkaufe sie hielt feil,
Sieh, da bot ein alter Graukopf, der war schlecht und geil.

Etwas aus seiner Rolle als Fischer fallend bietet der Kalif Nûr ed-Dîn an:

"Wenn ich dir ein Schreiben an den Sultan Mohammed ibn Sulaimân ez-Zaini mitgebe, und wenn er es liest, so wird er dir keinerlei Leid antun."