7. Nacht – Nachtrag

Nachtrag zur siebten Nacht: Der aus der Wand tretende schwarze Sklave gleicht einem riesigen Felsen oder einem Überrest aus dem Stamme ‚Âd. Auf die Leibesgröße dieses altarabischen Stammes spielt die Sure 7,67 an.

Die 8. Nacht

In seiner Hast vernachlässigt der eifersüchtige Prinz die Schlagkraft des Schwertes und durchschneidet ihm nicht die beiden Schlagadern,

sondern nur die Haut und das Fleisch.

und reitet eilig zurück in den Palast. Seine Base kommt ebenfalls zurück und legt drei Trauerjahre ein, weil, so ihre nach dem Motto "je mehr je besser" vierfache Lüge, ihr die Mutter entschlafen, der Vater im Dschihad gefallen, der eine Bruder am Schlangenbiss gestorben, der zweite unglücklich hingefallen seien.
Seltsamerweise gestattet der Prinz nicht nur die Trauerzeit, sondern auch den Bau eines Mausoleums, in dem sie den um seine Luftröhre beraubten Sklaven mit Wein und Brühe pflegt und bejammert:

Besäß ich auch alle Güter der Welt und dazu der Perserkönige Reich:
Und könnte dein Antlitz nicht schaun – sie wären dem Flügel der Mücke mir gleich.

Nach Ablauf des dritten Jahres outet sich schließlich der Prinz als Verursacher des Luftröhrenschadens:

"Oh, du allergemeinste Dirne, du allerschmutzigste Buhlerin, Geliebte eines Negersklaven, die du dich weggeworfen hast! Jawohl, ich habe es getan!"

Kein Wunder, dass sie daraufhin ihre Hexenkräfte einsetzt, um a) seinen Unterleib zu versteinern und b) die Einwohner der Stadt in Fische zu verwandeln, wobei die Farben die "Zünfte" (= Religionen) repräsentieren: Muslime, Christen, Juden, Feueranbeter*. Seitdem peitscht die Hexe jeden Morgen ihren Cousin, um ihm anschließend ein härenes Gewand anzuziehen.
Der die Geschichte hörende König weiß Rat. Er tötet den Sklaven, wirft ihn in den Brunnen, zieht seine Kleider an und legt sich an seine Stelle. Als nun die Hexe ankommt,

dämpfte [er] die Stimme und verrenkte die Zunge und sprach in der Art der Neger.

Man stelle sich diesen geballten Rassismus in einer aktuellen Geschichten-Anthologie, etwa der Lesebühnen, vor.
In dieser Verstellung gelingt es ihm, sie zu überreden die Verwandlungen rückgängig zu machen.

*****

*Gemeint sind die Zoroastrier, die bis zur Invasion der Araber in Perien dominierende Religion. Die Bezeichnung "Feueranbeter" ist zumindest eine Vereinfachung, wenn nicht eine Herabwürdigung. Feuer ist – gemeinsam mit Erde, Wasser und Sonne(!) – eines der vier heiligen Elemente.

7. Nacht

Zur Orientierung:

Schehrezâd
—————-> Fischer und Dämon (= nunmehr Fische und König)

Nach dem Wesir schaut sich nun auch der König das
Schauspiel an, welches die farbigen Fische liefern, wenn sie gebraten werden,
nur das diesmal ein schwarzer Sklave aus dem Mauervorsprung heraustritt.

Stellt sich natürlich die Frage, woran man erkennt, dass es ein Sklave
ist, aber vermutlich, hatte man als Dunkelhäutiger zu jener Zeit in jener Gegend
keine große Auswahl in Bezug auf die gesellschaftliche Schicht.

Den bescheuerten an Knusperknäuschen gemahnende Vers, den die Fische aufsagen,
muss ich hier wohl doch wiedergeben, da er vermutlich noch eine Rolle spielen
wird.

Kehrst du um, so kehren wir um, und bist du treu, so bleiben wir treu.

Sagst du aber dich los, so sind wir des Versprechens frei.

Der König ruft seine Truppen zusammen und lässt
sich von dem Fischer den See und die Wüste zeigen, die keine halbe Stunde vom
Palast entfernt liegen, die er aber noch nie gesehen hat. Ob das glaubwürdig
ist? Hellersdorf liegt ja auch nur eine knappe halbe Autostunde von Mitte
entfernt, aber ob ein Regierender Bürgermeister diese Betonwüste je zu Gesicht
bekam?

Seltsamerweise bleibt er jedoch nicht am See, sondern reitet verkleidet weiter
durch die Wüste, wo er nach zwei Tagen einen verlassenen Palast findet, in
welchem ein bis zur Hüfte versteinerter Prinz hockt, der in Prosareim
beschrieben wird:

Es war ein Jüngling wunderschön, von Gestalt lieblich anzusehn, mit einer Stimme glockenrein, einer Stirne zart und fein, einer Wange von rotem Schein, und einem Male mitten auf seiner Wange, wie ein Ambrakügelchen klein.

Dieser berichtet dem König von seinem Schicksal:

Die Geschichte des versteinerten Prinzen

Der Prinz, Herrscher der Schwarzen Inseln, war mit
seiner lieblichen Base verheiratet. Inzwischen kann man den Braten schon
riechen: Wenn die Ehe als glücklich geschildert wird, ist die Gattin am Ende
doch eine Metze.

Und tatsächlich, als er einmal den von ihr als Abendtrunk servierten Wein nicht
austrinkt, wird er Zeuge, wie sie sich aus dem Palast stiehlt und sich von einem
(wie könnte es anders sein) schwarzen Sklaven demütigen lässt,

dessen eine Lippe wie ein Topfdeckel und dessen andere Lippe wie eine Schuhsohle war; ja seine Lippe war so lang, dass er mit ihr den Sand vom Kiesflur der Hütte hätte auflesen können. Er war aussätzig und lag auf einer Streu vom Abfall des Zuckerrohrs, gehüllt in ein altes Laken und in Lumpen und Fetzen.

Da sie zu spät kommt, herrscht er sie an:

„Nun schwöre ich einen Eid bei der Ehre der Mohren – und glaube nicht, unser Ehrgefühl sei so gering wie das Ehrgefühl der Weißen! -, wenn du von heute an noch einmal bis zu dieser Zeit ausbleibst, so will ich nicht mehr mit dir Gesellschaft pflegen, noch will ich meinen Leib an dich kleben, du Verfluchte!“

Es scheint, je widerwärtiger der Nebenbuhler beschrieben wird, umso größer die Schmach des Betrogenen. Und natürlich wird
sich auch der Prinz die gute alte Frage gestellt haben: „Was hat er, was ich
nicht habe?“ Oder – schlimmer noch – die quälende Frage jedes aufgeklärten
Mannes, der der Emanzipation der Frau wohlwollend gegenübersteht: „Will meine
Frau gedemütigt werden, und ich war zu nett zu ihr?“

Naheliegenderweise will der Prinz ein frühes Ableben der beiden herbeiprovozieren, wozu ihm das Schwert seiner Frau ein willkommenes Werkzeug zu sein scheint:

„Zuerst führte ich einen Hieb nach dem Nacken
des Sklaven und glaubte, dass es um ihn geschehen sei!“

Da bemerkte Schehrezâd, das Mainzelmännchen unter den Geschichtenerzählern, dass der Morgen begann und sie hielt in der verstatteten Rede an.

*****

Unappetitliches Gericht: Knochen von gekochten Mäusen mit Bierresten.

Sonntagspersisch.
Lektion 6: Präteritum, Syntax.

Alles noch leicht, keine Fehler. Einzige zu rekapitulierende Vokabel: Lehrer = Mo’allem.
Muss eine bessere Persisch-Tastatur finden. Ständig werden die Wörter vertauscht.
Übung:
Und nun, nachdem ich mir solche Mühe allein mit dem Tippen gemacht habe, erkennt Blogger die Zeichen nicht bzw. verstümmelt alles.

6. Nacht

Die 6. Nacht

Zur Orientierung:
Schehrezâd
——Fischer und Dämon

Der Fischer ist drauf und dran, die Dämonflasche nun endgültig ins Meer zu werfen, doch der Dämon bittet ihn:

  • „Tue mir nicht, wie Umâma dem ‚Âtika tat.“

Auf die Frage, was denn mit dem geschehen sei, gibt er die treffende Antwort:

  • „Dies ist nicht die Zeit zum Erzählen, während ich in diesem Gefängnis sitze.“

Also werden wir auch um die Geschichte von Umâma und ‚Âtika geprellt.
Doch schließlich lässt sich der Fischer vom Dämon bezirzen: Er nimmt ihm den Schwur ab, ihm nur Gutes zu tun. Aber Schwüre haben nur begrenzten Einfluss auf körperliche Instinkte – als der Dämon die Flache verlässt,

  • glaubte er an den sicheren Tod; sein Wasser träufelte in sein Kleid.

Doch der Dämon führt den Fischer zu einem See mit weißen, roten, blauen und gelben Fischen, die er dem König verkaufen möge.

  • „Fische jedoch in diesem See nur einmal am Tage!“

Was wie eine eindringliche Warnung klingt, wäre in einem Grimm-Märchen die 100%ige Garantie dafür, dass sich der Fischer nicht daran hält. Hier jedoch könnte es nur typisches Dämonengeschwafel sein.
Die Fische werden für 400 Dinare verkauft, und die neue Küchensklavin, ein Geschenk aus Griechenland, wird ausprobiert, indem man sie mit der Zubereitung der Fische beauftragt:

  • „Wir erproben dich, o meine Träne, nur in der Zeit, unserer Not.“

Die Fußnote meint dazu:

  • Man erprobt etwas nur in der Zeit, in der man es braucht.

Als ob das irgendetwas erklären würde.
Mir hat übrigens noch kein Grieche etwas geschenkt.

  • Soviel von dem Fischer!

Ob er noch einmal auftaucht, ist zweifelhaft.
Als die Sklavin nun die Fische zubereitet, spaltet sich die Küchenwand und heraustritt ein Mädchen. Es folgt, die erste ausführliche Mädchenbeschreibung, hier noch recht züchtig und nüchtern:

  • schön von Gestalt, mit runden Wangen, von vollendeter Anmut, mit tiefschwarz gefärbten Augenlidern. Sie trug ein seidenes Kopftuch mit blauen Fransen; an ihren Ohren Ringe; die Handgelenke umschloss ein Paar Spangen, und Ringe mit unschätzbaren Edelsteinen waren auf ihren Fingern; in der Hand aber hielt sie eine Rute aus Bambusrohr.

Das Mädchen beginnt mit den Fischen zu sprechen, und die Sklavin fällt naheliegenderweise in Ohnmacht, aus der sie erst wieder erwacht, als die Fische schwarzgebrannt sind.
Schöner Schreckensausruf:

  • „Im ersten Waffentanze zerbrach schon seine Lanze.“

Sie ist so verstört, dass sie

  • nicht mehr imstande war, den Sabbat vom Donnerstag zu unterscheiden.

Ende der 6. Nacht… Weiterlesen

5. Nacht

König Junân erzählt seinem Wesir
Die Geschichte von König Sindibâd

Zur Orientierung:

Schehrezâd
——Fischer und Dämon
————-Wesir des Königs Junân
——————–König Sindibâd

Dieser König hat einen treuen Falken. Bei einer Jagd geraten die
beiden in die Wüste, und der Falke stößt, als sie endlich unter einem Baum
Wasser finden, den gefüllten Trinknapf um, woraufhin ihm der König die Flügel
abschneidet. Dieser deutet sterbend auf den Baum, und jetzt erkennt der König,
dass es sich nicht um Wasser, sondern um Gift handelt, das vom Baum tropft.
(Ende)
Der Wesir erwidert dem König mit der

Geschichte vom treulosen Wesir

Schehrezâd
——Fischer und Dämon
———–Wesir des Königs Junân
——————Treuloser Wesir

Seltsam eigentlich, dass ein treuloser Wesir seine bösen
Absichten mit einer Geschichte von einem treulosen Wesir zu kaschieren versucht.
Ein König stellt seinem der Jagd verfallenen Sohn einen Wesir
zur Seite, der immer auf ihn aufpassen soll. Einmal jedoch entwischt der
Königsohn und gerät in die Fänge einer sich als traurige Maid verstellende Ghûla,
die ihn an ihre Kinder verfüttern will. Nur ein Gebet kann ihn erretten. Als er
nach Hause kommt, wird der Wesir zur Strafe für seine Unachtsamkeit
hingerichtet.

Zeiten, in denen der Ministerberuf Babysitter für erwachsene
Kinder einschloss – ein sich als gefährlich entpuppender Job. Wenigstens konnte
der Wesir davon ausgehen, dass keiner der Henker ein Handy mit Kamerafunktion
dabei hatte.
***
Zurück zu Junân. Der Wesir überredet den König, Dubân köpfen zu
lassen:

„Verrate du ihn, ehe er dich verrät.“

Dubân warnt den König:

„Dieser Lohn, den du mir zuteil werden lässest, ist der
Lohn des Krokodils.“ Da fragte der König: „Was ist das für eine Geschichte mit
dem Krokodil?“

Und natürlich erwarten wir eine weitere Abschweifung.

Doch der Weise sprach: „Es ist mir unmöglich, sie dir in
diesem Zustand zu erzählen.“

Wir atmen auf. Und doch bleibt der Stachel: Wir werden nie
erfahren, was es mit dem Krokodil auf sich hat, denn Dubân wird getötet, nicht
ohne dem König ein Orakel zum Geschenk zu machen: Sein abgeschlagener Kopf wird
nach seinem Tode sprechen, wenn der König ein Buch aus dem Hause des Arztes
holen geht. Die aneinanderhängenden Seiten blättert der König um, indem er seine
Finger mit Speichel benetzt, und so erfahren wir, aus welcher Quelle sich
Umberto Eco beim „Namen der Rose“ hat inspirieren lassen. Ein Toter
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4. Nacht

Doch als die Vierte Nacht anbrach, sagte ihre Schwester zu
ihr: „Erzähle uns doch deine Geschichte zu Ende, wenn du nicht schläfrig bist!“
und so fuhr sie fort.

Die Übergänge zwischen den Nächte werden also immer straffer.
Das Einverständnis des Königs ist ihr schon gewiss.

Wie zu erwarten, fällt der Dämon (auch ‚Ifrît genannt) auf den
Trick herein, verkleinert sich und verschwindet in der Flasche, aus der er nicht
herauskann,

denn das Siegel Salomos hinderte ihn.

Der Dämon bittet den Fischer, doch dieser entgegnet:

Ich und du, wir stehen wie der Wesir des Königs Junân und der weise Dubân.

In einer Flasche eingesperrt, und die Aussicht nun bis an den
Tag des Gerichts darin hocken zu müssen, reduziert natürlich das akute Interesse
an Gleichnissen und Märchen, aber es wäre töricht, vom Dämon, den Fischer nun
mit Ungeduld zu reizen. Und so beginnt der Fischer

Die Erzählung von dem Wesir des Königs Junân

Junân, König von Fârs, im Lande Rumân (??) ist vom Aussatz befallen,
und kein Arzt weiß ihm zu helfen. Aber glücklicherweise erfährt der weise Dubân,
der sich mit Linguistik, Philosophie, Astrologie, Pflanzenkunde, Medizin
auskennt, von des Königs Unglück. Er blieb

eine ganze Nacht in tiefen Gedanken sitzen.

Diese Nachdenklichkeit wünschte ich mir auch von meiner Ärztin,
die, wenn ich ihn ihrem Behandlungszimmer sitze, eher mit ihrem Computer zu
sprechen scheint als mit mir. Im Gegensatz zu anderen Doktoren spricht sie mit
mir auch nicht in der ersten Person Plural, sondern in der dritten Person
Singular: „Raucht er noch?“

Dubân will Junân ohne Arznei oder Salbe heilen:

Er stellte einen Schlegel her; den höhlte er aus und machte
einen Griff daran, und dazu machte er einen Ball mit großer Kunst.

Dem König rät er:

„Nimm diesen Schlegel und fasse ihn mit diesem Griffe an;
so! Jetzt reite auf den Platz und lehne dich gut übers Pferd und schlage den
Ball so lange, bis Hand und Körper dir feucht werden: dann wird die Arznei durch
deine Handfläche dringen und deinen ganzen Leib durchziehen.“

Wer würde sich heute an so einen Rat halten?
Dann soll der König flugs ins Bad gehen.
Mir kommt allerdings der Verdacht, dass die Krankheit des Königs allein durch
Unreinheit verursacht ist. Da man aber einem König schlecht sagen kann: „Du
stinkst. Wasch dich!“, brauchte der Arzt eine ganze Nacht, um sich eine elegante
Lösung auszudenken, damit man den König endlich mal wieder ins Bad kriegt.

Der König gesundet tatsächlich, und der Dubân wird mit
Geschenken überhäuft. Aber es gibt, wie der Geschichtentitel schon andeutet
einen neidischen Wesir, denn:

Neid lauert in jedem Leib.

Der Wesir versucht, beim König Hass zu säen, doch dieser
durchschaut ihn und sagt:

„Ich muss wohl glauben, du sprichst nur aus Neid, wie man
mir vom König Sindibâd berichtet.“

Die Antwort des Wesirs ist gewiss nicht schwer zu erraten, doch
Schehrezâd, die Queen of Cliffhanger bricht hier ab.

3. Nacht

Schehrezâd beendet die Geschichte vom Kaufmann und dem Dämon
knapp: Der Dämon lässt den Kaufmann am Leben, der Kaufmann dankt den Scheichen
und alle gehen nach Hause. Man fragt sich, warum denn die Scheiche mit ihren
Viechern hierher nach dem Lande Hind gekommen sind – war da nicht eine Erlösung
der Tiere angedeutet? Aber solche Strippen, die da am Ende der Geschichte rausbammeln (zit.V. Strübing) kümmern Schehrezâd nicht, denn

dies ist alles nicht wunderbarer als die Geschichte des
Fischers. Da fragte der König: Was ist das für eine Geschichte?“ So erzählte sie
denn

Die Geschichte vom Fischer und dem Dämon

An die Anwesenheit von Dämonen werden wir uns wohl gewöhnen
müssen.

Ein armer Fischer wirft viermal täglich seine Netze aus, und an
besagtem Tag findet er in seinem Netz

  1. einen toten Esel

  2. einen Krug voll Sand und Schlamm

  3. Scherben, Glas und Knochen

  4. eine langhalsige Messingflasche mit dem Siegel unseres Herrn
    Salomo, es Sohnes David.

Nicht schwer zu raten, aus welchem dieser Gegenstände beim
Öffnen ein Dämon entweicht.
Erstaunlich allerdings, dass der Fischer nach jedem misslungenen
Versuch weinend Verse rezitiert. Es gelingt mir nicht, mir heute einen Fischer
auf einem Nordseetrawler vorzustellen, dem bei einem Misserfolg die Tränen
kommen und der obendrein noch folgende Verse nicht nur zu memorieren, sondern
auch zu rezitieren in der Lage ist:

O der du tauchest ins Dunkel der Nacht und ins Verderben,
Kürz deine Müh, denn durch Arbeit wirst du kein Brot erwerben 1.
Du siehst das Meer, und du siehst den Fischer ums Brot sich mühn,
Wenn die Gestirne der Nacht in flimmerndem Lichte erglühn.
Jetzt taucht er mitten hinein, und die Wogen umpeitschen ihn wild;
Doch er blickt stetig aufs Netz, wie es auf und nieder schwillt.
Und saß er dann einmal des Nachts froh über den Fang
Eines Fisches, dem der Haken des Wehs in den Gaumen drang –
Dann kauft ihn jemand ihm ab, der seine ganze Nacht
Geschützt vor der Kälte behaglich in schönstem Wohlsein verbracht.
Preis sei Ihm, dem Herrn, der geben und nehmen kann:
Der Eine erjagt den Fisch, der Andre verspeiset ihn dann.

Der Dämon will ihn wegen zu später Errettung den Fischer töten,
denn er gehört zu den frevelnden Dämonen, die Salomo einschloss und im Meer
versenkte.
Wie lange könnte man es in einer solchen Flasche aushalten, ohne vor Langeweile
wahnsinnig zu werden? Jack London, Alexandre Dumas und Stefan Zweig berichten
von Gefangenen, die sich die Zeit damit vertreiben, gegen sich selbst Schach zu
spielen. Ich fürchte, ich würde mich selber beschummeln. Aber irgendwann fockt
dit ooch nich mehr. Man könnte wie Diogenes in der Tonne über die Welt oder wie
Hamlet, dem nach eigener Auskunft eine Nussschale genügt hätte, über sich selber
zu grübeln anfangen. Aber mit welchem Ziel? Ich kann den Groll des Dämons
verstehen.

Der Fischer wendet jedoch jenen bekannten Trick Siebzehn an und
fragt den Dämon, wie er denn bei seiner Größe in der Flasche gewesen sein könne.

Schehrezâd endet hier, aber das Motiv ist so bekannt – selbst
bei den Brüdern Grimm taucht es noch in verstümmelter Form beim „Geist in der
Flasche“ auf.
Unklares Inventar: Worfschaufeln
**********************

Zur Unverhältnismäßigkeit der Verknüpfung von Arbeit und Broterwerb, siehe auch die Kampagnen des Thüringer Ministerpräsidenten und der Liga für Kampf
und Freizeit
.

2. Nacht

Wie wir hofften, bittet der König Schehrezâd in der darauffolgenden Nacht, ihre Geschichte weiterzuerzählen. Anderenfalls wäre wohl „1001 Nacht“ ein Misserfolg geblieben. Denn soviel Postmodernität, dass man die Heldin des Epos gleich auf den ersten Seiten killen lässt, kann man hier wohl nicht erwarten.

Der Scheich lässt nun das Kalb seinen Sohn nicht schlachten. Die Tochter des Hirten erkennt die wahre Gestalt und fragt:

  • „Väterchen, ist meine Ehre dir so billig geworden, dass du fremde Männer zu mir hereinführst?“

Der Scheich wird herbeigeholt, der Zauber aufgedeckt, das Mädchen ehelicht das Kalb den Sohn und verwandelt die böse Gattin des Scheichs in eine Gazelle. Jahre später stirbt das Mädchen, und der Sohn zog aus

  • nach dem Lande Hind, und das ist das Land dieses Mannes, von dem dir widerfuhr, was geschehen ist.

Hind = Indien?

Der Dämon schenkt dem Scheich ein Drittel des Kaufmannslebens. Und folgerichtig beginnt unter derselben Bedingung

Die Geschichte des zweiten Scheichs

der gleich offenbart,

  • dass diese Hunde meine Brüder sind.

Die Geschichte beginnt wie ein Gleichnis von faulen und fleißigen Kaufmannssöhnen. Die beiden Älteren gehen auf Reisen und kommen verarmt weder. Der Jüngere hilft ihnen aus der Not.

Auf meinen bisherigen Reisen bin ich glücklicherweise nie verarmt. Wobei ich oft eine all zu preiswerte Variante gesucht und gefunden habe. Eine Pauschalreise in den Iran hätte ich mir z.B. 1996 überhaupt nicht leisten können, dafür aber einen Flug für 140 Mark nach Istanbul und von dort eine 55stündige Busreise für 60 Dollar nach Teheran. Zu unserem Glück wurde zu der Zeit gerade die Verordnung aufgehoben, dass Westtouristen immer in First Class Hotels absteigen müssen, und so logierten wir in jenen freundlichen Mehmân-Chânehâ – den angenehmen Herbergen.
In Bâm hatte ich das Glück, in einer der schönsten Gasthäuser einzukehren. Dem Betreiber hatte das Schicksal verwehrt, seinen Traum wahrzumachen, als Weltreisender auszuziehen, und wo lud er die Welt zu sich ein, wie er sagte. Ein großer Garten mit Dattelpalmen spendete Schatten, und in einem großzügig angelegten Bassin schwammen Goldfische. Im Gästebuch der Herberge konnte man erfahren, welche Fahrradroute sich am ehesten eignete, um von der Schweiz nach Nepal zu gelangen und wo man in Aserbaidschan sachkundige Passfälscher fände. Der Betreiber glaubte, dass Allah nichts dagegen haben könne, wenn ich und meine Begleiterin uns das Hotelzimmer teilen. Wenn es denn wider Erwarten doch einen Allah geben sollte, so hoffe ich, dass er diese schöne Herberge und ihren Betreiber bei dem großen Erdbeben in Bâm von 2003 verschonte.

Sechs Jahre später überreden die Brüder den Jüngeren, ebenfalls zu verreisen. Er kommt zu Reichtum und heiratet ein armes Mädchen, das die beiden Brüder, nachdem diese versucht hatten, das Paar zu ertränken, in Hunde verwandelt, denn

  • „Wisse, ich bin ein Dämonenkind; als ich dich sah, liebte dich mein Herz nach dem Willen Allahs, denn ich glaube an Allah und seinen Propheten – Gott segne ihn und gebe ihm Heil.“

Fast scheint es, als wollte sich der Erzähler gegen allzu fromme Hörer absichern, indem er aus der Dämonin eine Muslimin macht.
Die Brüder können auch nur in diesem Lande (Hind) erlöst werden.

Die Geschichte des dritten Scheichs

  • O Sultan und Oberhaupt der Dämonen, diese Mauleselin war meine Frau.

Diese Nachtigall hatten wir denn schon trapsen gehört, aber dass ausgerechnet ein Dämon mit diesem Verwandlungshokuspokus zu beeindrucken ist, erstaunt schon.
Bei einem anderen Zuhörer jedoch, nämlich König Schehrijâr, dürfte nun wegen eines gewissen Wiedererkennungswerts der Blutdruck steigen, denn als der Scheich von einer Reise zurückkam, sah er

  • einen schwarzen Sklaven bei ihr auf dem Bette liegen; und sie plauderten und tändelten und küssten sich und spielten das Liebesspiel.

Beachtlich, wie lange der Scheich zugeschaut haben muss, um die beiden 1. plaudern, 2. tändeln, 3. küssen, 4. spielen zu sehen. Hoffen wir für ihn, er konnte sich ein paar Tricks vom abermals Sexualneid auf sich ziehenden schwarzen Sklaven abgucken.
Das Weib verwandelt den Scheich in einen Hund, der von der Tochter des Schlächters als Mensch erkannt wird. Sie verwandelt ihn zurück. Das war die Geschichte.
Der Dämon schenkt dem Kaufmann das Leben. Winkt Schehrezâd hier mit dem Zaunpfahl? Jedenfalls bricht sie hier mit der auch am Vorabend verwendeten Floskel ab. … Weiterlesen

Die 1. Nacht

Schehrezâd erzählt in der ersten Nacht

Die Geschichte vom Kaufmann und dem Dämon

  • „Es wird berichtet“

so beginnt Schehrezâd distanziert sich wieder vornehm vom Erzählten. Eine Habitus, der bei unseren Lesungen gar nicht funktionieren würde. Umgekehrt ist anzunehmen, dass Schehrezâd, wenn sie sich gegenüber dem König erdreistete, eine putzige Loser-Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen, am nächsten Morgen geköpft würde.

Ein Kaufmann wirft, nachdem er eine Dattel verspeist hat, ihren Stein fort. Da erscheint ein Dämon mit gezücktem Schwert und will ihn töten, denn er habe mit dem Dattelstein seinen Sohn umgebracht.
Man fragt sich, was das für Dämonen sind, die einerseits durch Dattelsteinwürfe zu töten sind, andererseits mit Schwertern hantieren.
Der Kaufmann legt sein Leben in die Hand Gottes und rezitiert ein sechzehnversiges Gedicht, das im Deutschen in Hexametern wiedergegeben wird. Seine Message: Es gibt schöne und weniger schöne Tage, daran kann man nichts ändern. Eigenwilliges Verspaar:

  • Und siehst du nicht, wie im Meere die Leichen nach oben treiben,
    Die kostbaren Perlen aber tief im Grunde bleiben?

Da muss ich passen: Weder das eine noch das andere habe ich je mit eigenen Augen gesehen. Allerdings: Als ich im Jahr 2004 in Sharm el-Sheik die Gelegenheit hatte zu schnorcheltauchen, erspähte ich, kurz bevor mir die Luft knapp wurde, eine im Durchmesser 30 Zentimeter große Muschel. Neugierig, ob sie vielleicht eine Perle barg, tippte ich sie an, und sie schnappte sofort zu. Wäre meine Reaktion etwas langsamer gewesen, hätte ich den Rest meines Lebens auf die oberen zwei Glieder meines Zeigefingers verzichten müssen oder hätte die Perle am Grunde lassen müssen und wäre Jahre später als Leiche nach oben getrieben.

  • Als nun der Kaufmann diese Verse gesprochen hatte, sagte der Dämon zu ihm: „Kürze deine Worte“

Das lag mir gerade auf der Zunge.

  • „bei Allah, ich muss dich töten.“

Doch der Kaufmann erbittet sich, ähnlich wie Damon (!) in Schillers „Bürgschaft“ ein paar Tage Zeit, um seine Angelegenheiten zu ordnen.

  • „Allah ist Bürge für das, was ich sage“

„Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen“, sagt der Freund bei Schiller. Allah hingegen wird wohl auch für einen Dämon nicht so leicht zu erwürgen sein.
Er klärt nun also seine Angelegenheit und kehrt mit einem Leichentuch (!) in den Garten zurück.

  • Und jener Tag war der Beginn des neuen Jahres.

sic!

Ein alter Scheich mit einer gefesselten Gazelle kommt des Wegs, dem der Kaufmann seine Geschichte berichtet.

  • „eine gar seltsame Geschichte, würde sie mit Sticheln in die Augenwinkel gestichelt, so wäre sie eine Warnung für jedermann, der sich warnen ließe.“

Dieses Bild taucht hier zum ersten Mal auf. Es ist zu bescheuert, als dass man es sich vorstellen kann. Ich tippe auf einen Reim im Arabischen.
Dazu kommen ein Scheich mit zwei schwarzen Windhunden und einer mit einer hellbraunen Mauleselin.
Allen wird des Kaufmanns Geschichte berichtet.

  • doch doppelt erklärt, das ist nichts wert, die ihr dies hört!

Auch gut.
Der erste Scheich versucht, sich ein Drittel des Blutes des Kaufmanns zu erkaufen, falls dem Dämon, der gerade auftaucht, die zu berichtende Geschichte gefällt. Dieser willigt ein.
Quasi eine offene Wiederholung des Motivs der Rahmenhandlung: Geschichte gegen Leben.

Die Geschichte des ersten Scheichs

  • „Die Gazelle ist meine Base.“

So so. Und seine Ehefrau obendrein. Aber auch gleichzeitig eine Hexe, die die Nebenfrau und deren Sohn in Rinder verzaubert. Die Färse wird geschlachtet. Und nun ist der Sohn – das laut schreiende Kalb dran.

  • „Da trat ich zu dem Kalb, das Messer in der Hand.“ – –
    Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und sie hielt in der verstatteten Rede an.

Guter Cliffhanger. Auf Dinazâds Lob hin, deutet sie noch an:

  • „Was ist all dies gegen das, was ich euch in der nächsten Nacht erzählen könnte, wenn der König mein Leben zu schonen geruhte.

Unschön klingendes Wort für den unschönen Job Nebenfrau: Kebse.… Weiterlesen

Rahmenhandlung

Umzugszeit 20. – 31.12.2006

Rahmenhandlung

Ähnlich wie in modernen Rahmenhandlungen sichert sich der Erzähler mehrfach ab. (z.B. Eco: Name der Rose), nur ist hier die einzige Instanz Allah, der gleich im ersten Satz gepriesen wird (Sure?), und auch, als die Geschichte anhebt:

Es wird berichtet – Allah aber ist Allwisser Seiner verborgenen Dinge und Alleinherrscher und allgeehrt und allgnädig und allgütig und allbarmherzig! – in den Erzählungen aus alter Zeit und aus der Völker Vergangenheit, dass in frühen Tagen, die weit in entschwundene Zeitalter ragen, ein König vom Geschlecht der Sasaniden im Inselreich von Indien und China lebte, ein Herr der Krieger und Mannen, der Diener und Knechte.

Demut vor Gott, hinter dessen Weitsicht der Mensch zurücktreten muss: Es sind eben doch nur Geschichten, die erzählt werden, wenn auch Warngeschichten, so wird betont. Im Lichte der später folgenden, oft kaum mehr gedanklich zurückverfolgbaren Schachtel-Geschichten, erscheint in der Gesamtsicht schon hier der blinde Fleck von Fiktion: Wer erzählt uns das denn?
Wir werden hier auch gleich in die Zeit der Rahmenhandlung eingeführt: Die Sasaniden – die letzte persische Großdynastie vor der Eroberung durch die Araber. Wie aber kommen dann die islamischen Bezüge in die Erzählungen? Wie kann Schehrezâd dann von Harun er-Raschid wissen, der mehr als ein halbes Jahrtausend nach Zusammenbruch des Sasanidenreiches gelebt hat? Nicht einmal eine halbe Seite gelesen, und schon bin ich einer ganz großen Sache auf der Spur.
Inselreich von Indien und China??

König Schehrijâr lässt seinen in Samarkand herrschenden Bruder Schahzamân (König der Zeit) aus Sehnsucht zu sich rufen. Dieser bricht auf.

Alsbald rüstete er sich zur Reise, ließ seine Zelte, Kamele und Maultiere, Diener und Mannen hinausziehen.

Auch ich rüste mich zur Reise und ziehe fort
a) Zelte. Mein altes Baumwollzelt habe ich nach einigem Abwägen dann doch mitgenommen. Es war einer der letzten Gegenstände, die ich in DDR-Mark bezahlt habe, um mit einer Geliebten in Prag zu zelten. Es erschien mir billig und schön, als ich es so aufgebaut im Haus für Sport und Freizeit stehen sah. Heute verramscht dort der zwielichtige Humana-Handel Klamotten aus zweiter Hand, angeblich um davon Aufbauarbeit in Afrika zu leisten. Die Firma steht auf dem Index des Sektenbeauftragten des Berliner Senats. Die Einzelteile des ca. 20 Meter breite Schilds „HAUS FÜR SPORT UND FREIZEIT“ fand ich Mitte der 90er Jahre hinter einem Bahnhäuschen am S-Bahnhof Biesdorf wieder, und da ich gerade keine fünf-Meter-Tasche dabei hatte, ließ ich sie stehen. Das Baumwollzelt wiegt mit Gestänge 8 Kilo, und ich kann mir realistischerweise nicht vorstellen, wer mit mir da drin noch mal zelten soll.
b) Kamele und Maultiere. Ich wählte statt dieser die Robben und die Wientjes, die Lasttiere der Großstadt. Leider verlor mein Kameltreiber die Kontrolle über das Tier, so dass es einem anderen eine Beule versetzte. Die Versicherung hatte er dummerweise mit 500 Dirhem Euro Selbstbeteiligung abgeschlossen.
c) Diener und Mannen. Sie seien hier der Ehre halber namentlich genannt: Uli Hannemann, Marco Tschirpke, Bov Bjerg, Bohni, Robert Rescue, Manuela Beier, Volker Strübing, Robert Naumann, Falko Hennig, Jochen Schmidt, Stephan Zeisig. Dass einer dieser Mannen eine Frau ist, hätte Schahzamân nicht durchgehen lassen, ich hingegen hatte keine Wahl. Außerdem sind meine Köche Stefanie Winny und Matthias Fluhrer zu nennen, ohne die ich die Strapazen nicht durchgestanden hätte.

Aber um Mitternacht fiel ihm ein, dass er im Schlosse etwas vergessen hatte.

Auch wenn ich andauernd Dinge vergesse – auf Reisen geschieht mir das nie, da ich die russische Tradition pflege, mich, wenn man schon im Mantel ist und die Koffer gepackt sind, mich noch einmal hinzusetzen. Allerdings keinen Bruder, der mich kurzerhand zu sich befehlen könnte. Und wohnte ich in einem Schlosse, ließe sich dessen Inhalt bei einem etwaigen Umzug wie dem, den ich gerade unternehme, sicherlich nicht in 66 Kisten verstauen.

Da fand er seine Gemahlin auf seinem Lager ruhend, wie sie einen hergelaufenen schwarzen Sklaven umschlungen hielt.

Man beachte die Abwertungsskala: 1. Hergelaufen, 2. schwarz, 3. Sklave. Was ist eigentlich „hergelaufen“?
Er schlägt beide tot, reist zu seinem Bruder, wirkt blas und krank und gesundet erst wieder, als er herausfindet, dass es seines Bruders Gattin ebenso treibt.

Die Königin aber rief: „Mas’ûd!“ Da kam ein schwarzer Sklave und umarmte sie, und auch sie schloss ihn in ihre Arme, und er legte sich zu ihr.

Sexualneid gegenüber Schwarzen also schon damals. Die müssen so gut drauf gewesen sein, dass Königinnen ihre Würde und ihren Verstand vor lauter Geilheit verlieren. Und dann heißen sie auch noch Mas’ûd.
Schöne Reaktion von Schahzamân:

Da ward er frei von seiner Eifersucht und seinem Gram, und er sagte sich: „Dies ist noch ärger als das, was mir widerfahren ist.

Schehrijâr bemerkt natürlich die seltsamen Stimmungswechsel und zwingt ihn, mit der heiklen Info herauszurücken. Schahzamân berichtet alles, und zwar nicht nur seinem Bruder, sondern auch dem Leser! Hier muss sich der Leser die erste von, wenn ich mich recht entsinne, hunderten ziemlich redundanten Nacherzählungen antun.
Als Schehrijâr dann des aus seiner Perspektive sicherlich schaurigen Treibens selber Zeuge wird, wirft er alles hin, um mit seinem Bruder den Tod zu suchen.

Das wäre heutzutage nicht so leicht vorstellbar: Merkel ertappt ihren Gatten in Umarmung mit einer schwarzen Praktikantin aus dem Kanzleramt, lässt alles stehen und liegen und beginnt ein Pennerleben. Andererseits: Als Film würde ich’s mir anschauen.
Die beiden Brüder ruhen am Meer und sehen, wie ein Dämon heraussteigt, der in einer Schachtel ein Mädchen gefangenhält. Ihre Schönheit ist Anlass des ersten – eher reizlosen – Gedichts. Der Dämon schläft ein, und überraschenderweise bittet das Mädchen die Könige nicht darum, sie zu befreien, sondern ihr beizuwohnen:

„Stechet einen starken Stich!“

Ich erinnere mich nicht, jemals auf derart liebenswürdige und doch sachlich-knappe Weise, von einer Frau aufgefordert worden zu sein, mich mit ihr zu vergnügen.

Noch überraschender hingegen die Reaktion der beiden Herren. Sie zieren sich und schieben einander vor. Erst die Drohung, den Dämon zu wecken, kann die beiden sozusagen erweichen, um diese Vokabel mal ulkig-unpassend hier einzuflechten. Die beiden müssen dem Weib ihre Königsringe geben. Und dieses zeigt ihnen hundertfünfundsiebzig Ringe, die sie schon anderen Stechern abgenommen hat. Der Dämon habe sie damals in der Brautnacht entführt und nun räche sie sich an ihm auf diese Weise. Trotz ihrer Schönheit kommen die Brüder nicht etwa auf die Idee, sie mit sich zu nehmen, sondern sind nun erleichtert darüber, dass es einem anderen, nämlich dem Dämon schlechter ergehe als ihnen. Kurzerhand kehrt Schehrijâr heim und schlägt seiner Frau, sowie den Sklavinnen und Sklaven die Köpfe ab.
Eheberater und Paartherapeuten waren damals wohl rar.
Und nun nimmt die Geschichte durch die bekannte Wendung ihren Lauf. Jeden Abend heiratet er eine Jungfrau des Landes, um sie am nächsten Morgen zu köpfen,
bis keine mannbare Jungfrau mehr in der Stadt war.

Als der junge Schlawiner Bertolt Brecht in seinen Psalmen schrieb „Mitte August verschwinden die Jungfrauen“, dachte er sicherlich an eine für alle Seiten angenehmere Art der Jungfrauenvernichtung.

Schließlich bleiben nur die beiden Töchter des Wesirs übrig – Schehrezâd und Dinazâd. Als der Wesir um das Leben seiner Töchter bangt, beschwichtigt in Schehrezâd:

„Bei Allah, mein Väterchen, vermähle mich mit diesem König! Dann werde ich entweder am Leben bleiben, oder ich werde ein Opfer sein für die Töchter der Muslime und ein Werkzeug zu ihrer Befreiung aus seinen Händen.“

Frauenpower! Wer hätte geahnt, dass sich schon hier in der Rahmenhandlung eine antipatriarchale Seite des Islam zeigt.
Doch der Wesir antwortet ihr, er wolle nicht, dass es ihr so ergehe, wie dem Esel und dem Stier mit dem Ackersmann.

„Was ist das, das den beiden geschah?“

, worauf der Wesir mit dem Erzählen beginnt. Diese einleitende Frage wird bald schon zum Leitmotiv für märchenhafte Warn- und Mahngeschichten, die eine Rahmenhandlung um die nächste schließen.
Bei Allah! Zum Weihnachtsfest wird in meiner entchristlichten Familie noch mal die Frage aufgeworfen, wieso denn zu Jesus gebetet würde, wenn doch der liebe Gott der liebe Gott sei. Und so muss ich, den sie ungetauft ließen, die Dreifaltigkeitslehre erläutern. Dabei waren sie doch diejenigen, die in den Genuss von Religionsunterricht gekommen waren. Allerdings sollen durch den Dreifaltigkeits-Humbug auch schon gestandene Pfarrer vom Glauben abgefallen sein. Fassen wir zusammen: Gottvater begattet Maria qua Heiligen Geist, damit er als Menschensohn auf Erden wandeln darf, dann opfert der Vater den Sohn sich selbst, (denn Vater, Sohn und Heiliger Geist sind ja nur drei Facetten ein und derselben Sache), um nach der Auferstehung zur Rechten Gottes (also seiner selbst) zu sitzen. Man möge einwenden „rechts“ und „links“ sind Konzepte, die im Himmelsreich sowieso bedeutungslos sind. Aber jeder Christus-Gläubige muss wohl konzedieren, dass Augustinus, der Erfinder des Dreifaltigkeits-Hokuspokus da schon imposante argumentative Flick-Flacks schießen muss. Und wie jedes Jahr erschallt das Jammern der Kirchenvertreter, wie entchristlicht das Weihnachtsfest doch sei. Was erwarten die denn eigentlich? Dass wir wirklich glauben, die Inkarnation Gottes sei in Bethlehem geboren, wo doch nun nicht einmal mehr die Theologen bestreiten, dass es wohl doch Nazareth gewesen sein muss, dass das Datum – nämlich die Wintersonnenwende wohl eher ein Zugeständnis ans europäisch-heidnische Brauchtum ist, und die unbefleckte Empfängnis – nun ja, eine Übernahme aus der ägyptischen Mythologie. Die Weihnachtsente ist verzehrt, der Nachtisch wird gereicht, und das Thema verschiebt sich zur Anbetung von Heiligen betrifft, die ja doch ziemlich eindeutig Götzenbilder darstellen. Leider kann ich hier auch keine Auskunft geben, aber das Interesse meiner Eltern hält sich hier in Grenzen, sind sie doch evangelisch getauft, was offenbar auch nichts gebracht hat, weder ihnen noch der Kirche.

Die Erzählung von dem Stier und dem Esel
Ein Kaufmann, der die Sprache der Tiere versteht, belauscht, wie sein Esel einem erschöpften Stier rät, sich einfach mal krank zu stellen. Der Kaufmann pflügt nun stattdessen mit dem Esel. Der sich über sich selbst ärgernde Esel warnt nun den Stier, er würde geschlachtet werden. Als der Stier nun

seinen Herrn sah, erhob er seinen Schwanz, ließ einen Wind streichen und fing an zu springen.

Dass das Erheben des Schwanzes als Ausdruck von Lebensfreude einzuordnen ist, kann ich nachvollziehen, aber Furzen?
Nun schiebt sich ein narrativer Bruch ein, der für ein Gleichnis, dass doch der Wesir seiner Tochter beibringen will, schon etwas seltsam ist und dieses wohl auch verwässert:

Der Kaufmann lacht, und seine Frau fragt ihn nach dem Grund.

„Das kann ich dir nicht offenbaren, sonst muss ich sterben.“

Warum er denn sterben müsse, wird nicht erwähnt. Wir nehmen es hin. (Vielleicht hat er sich seine Gabe unter dieser Bedingung erkauft).
Der Kaufmann sendet nach Kadi und Zeugen,

um sein Testament machen, und ihr das Geheimnis zu offenbaren, denn er liebte sie gar sehr, da sie seine Base, und sein eheliches Weib und die Mutter seiner Kinder war; und er hatte auch bereits einhundertzwanzig Jahre gelebt.

Base, Weib, Mutter, einhundertzwanzig Jahre – immer muss der Erzähler noch eins draufpacken.
Er geht noch einmal zum Tierebelauschen in den Hühnerstall, wo er den Hahn sprechen hört:

„Bei Allah, unser Herr ist geringen Verstandes! Siehe, ich habe fünfzig Frauen; mit den einen geht’s im Guten, mit den anderen im Bösen. Aber unser Herr hat nur eine einzige Frau und kann mit ihr seine Sache nicht regieren! Warum nimmt er denn nicht für sie ein paar Zweige vom Maulbeerbaum, geht mit ihr in seine Schatzkammer und schlägt sie, bis sie entweder tot ist oder bereut und nie wieder nach etwas fragt!“
„Da tat er mit seiner Frau“ – also sprach der Wesir zu seiner Tochter Schehrezâd – „das, was ich mit dir tun werde.“

Ja was nun! Soll es Schehrezâd so ergehen, wie dem Stier und dem Esel? Oder wie der Tochter des Ackersmanns, der ja nun doch ein Kaufmann war? Bei so einer unklaren Moral der Geschicht, scheint es zwangsläufig, dass sich Schehrezâd ihrem Vater widersetzt:

„Es muss doch geschehen!“

Schehrezâd bereitet sich für die Hochzeit mit Schehrijâr vor, der ja für sie statt Maulbeerzweigen ein Schwert für sie bereithält (ich meine natürlich im wörtlichen Sinne).

und inzwischen ist auch meine Braut in unser neues Heim eingezogen, allerdings standen bei ihrem Umzug noch weniger kräftige Hände zur Verfügung als bei meinem – hauptsächlich Couch potatoes und Rückenbehinderte. Gibt es sozialpsychologische Untersuchungen, warum es einen ärgert, wenn andere pausieren, während man selbst arbeitet, selbst wenn die Arbeit insgesamt die Gleiche ist?

Schehrezâd weiht ihre Schwester Dinazâd in ihren Plan ein, sich in der Brautnacht von ihrer Schwester eine Geschichte zu wünschen. Alles geschieht wie geplant: Als das Brautpaar im Gemach des Königs steht, bittet Schehrezâd, von ihrer Schwester Abschied nehmen zu dürfen, der König gewährt. Dinazâd

setzte sich zu Füßen des königlichen Lagers. Dann ging der König hin und nahm seiner Braut die Mädchenschaft.

Ich hätte es als unpassend gefunden, wenn meine Schwester bei meiner Entjungferung anwesend gewesen wäre. Andererseits waren es auch andere Zeiten. Umgekehrt fällt es mir erst jetzt auf, dass keine meiner Gespielinnen eine Schwester hatte. Im Gegensatz zu Schehrezâd hatten sie aber auch keine nötig. Dinazâd spricht die vereinbarten Worte:

„Ich bitte dich bei Allah, o Schwester, erzähle uns eine Geschichte, durch die wir uns die wachen Stunden dieser Nacht verkürzen können!“

Schehrijâr genügt anscheinend eine Geschichte, um sich die Nacht zu verkürzen. Heutzutage müssen wir bei der Chaussee der Enthusiasten mindestens zwölf vorlesen, um die Zuhörer davon abzuhalten, uns den Kopf abzuschlagen.
Unklares Inventar: gesiebtes Häcksel