228. Nacht

Es gibt doch eine schöne Übersetzung fürs englische "Wellness" – WOHLIGKEIT. Mein Wort des Jahres.

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Auch in den folgenden Tagen wir El-As’ad im Keller der Zoroastrier gefoltert. Wanzen fallen über ihn her. Er lebt von Brot und Salzwasser. Bemerkenswert eines der Gedichte, die er rezitiert:

Mit deinen Sorgen quäle dich nie;
Vertrau dem Schicksal alle Müh!
Manch Ding schaut sich betrüblich an;
doch später hast du Freude dran.
Oft wird zur Weite, was bedrängt;
Oft wird die Weite eingeengt.
Denn Allah tut, was er nur will;
Und seinem Willen füg dich still!
Freu dich an Gutem, das du hast;
Vergiss dadurch vergangne Last.

Sorge ich nicht, lebe!-Haltung im Folterkeller. Hut ab!

227. Nacht – Schulen, Freddie Mercury

Billig scheint es, sich darüber zu echauffieren, was in Schulen unterrichtet wird. Müssen Schulen immer 100 Jahre hinterherhinken? Der Fokus auf die Naturwissenschaften (die mir selber immer viel Freude bereitet haben) scheint mir übertrieben im Vergleich zu den völlig unterbelichteten Wissenschaften des 20. Jahrhunderts. Wo lernen die Schüler Grundsätzliches über Recht, Wirtschaft, Psychologie, Soziologie. Dagegen bietet sich der Geschichtsunterricht immer schön für ideologische Streitereien an. Angeblich halten viele Schüler Willy Brandt für einen DDR-Politiker, also mehr Unterricht über jüngere deutsche Geschichte. Nationalsozialismus muss, so die Bildungspolitiker nach Nazi-Anschlägen, auch gelehrt werden. Aber wo lernen die Schüler, wie man einen Kredit aufnimmt oder ein kleines Unternehmen aufbaut? Wo lernen sie juristisches Denken, das über das Grundgesetz hinausgeht? Freilich sind die Wissenslücken, die in den Tests zutage treten erstaunlich, aber haben diese Lücken nicht mit der Unfähigkeit der Kinder, sich selbst Wissen zu erschließen zu tun?

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Der Alte ist sehr freundlich und lädt el-As’ad zu einer Feier ein. Nach kurzem Zögern – sein Bruder wartet schließlich im Gebirge – willigt dieser ein. Der Alte führt ihn durch die Gassen der Stadt, in ein geräumiges Haus.

Darin befand sich eine Halle, in deren Mitte vierzig alte hochbetagte Männer saßen, im Kreise um ein brennendes Feuer aufgereiht; rings um das Feuer saßen sie auf den Knien, beteten es an und warfen sich vor ihm nieder. Wie el-As’ad das sah, erschrak er über sie.

Die armen Zoroastrier! Diese Religion, die von vielen durchaus als Vorläufer der großen monotheistischen Religionen angesehen wird, litt im frühislamischen Persien unter großen Vorbehalten. Natürlich wird nicht das Feuer "angebetet", es ist eher ein Symbol und wird als solches verehrt, so wie ja auch im Christentum nicht das Kreuz als solches angebetet wird. Heute ist die Religionsgruppe – vor allem durch ihre strikten endogamen Heiratsvorschriften vom Aussterben bedroht. Bekanntester Zoroastrier der letzten Jahre: Freddie Mercury.

Die schlimmsten Ängste gegenüber der fremden Religion werden war. El-As’ad wird von einem schwarzen Sklaven namens Ghadbân gefesselt.

Sein Ansehen war voll Graus, und seine Nase sah wie flachgedrückt aus.

Einen folternden schwarzen Sklaven dieses Namens haben wir bereits in der Geschichte von Omar ibn en’Nu’man erlebt.

In einem Keller wird er einer weiteren Sklavin übergeben, die ihn in der Nacht foltert.

Erinnert an Hinkebein aus Pulp Fiction.

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226. Nacht – Wilhelm Meister

Vitrine Gesamtausgaben

Elftes Buch von rechts

Johann Wolfgang von Goethe: "Werke Band 7. Romane und Novellen II – Wilhelm Meisters Lehrjahre"

Erworben: 1999 oder 2000
Status: Immer wieder reingeblättert und entmutigt fortgelegt.
Erster Satz: "Das Schauspiel dauerte sehr lange."
Kommentar: Der Reflex, ein solches Werk abzubuchen unter "Bücher, die ich dereinst im Altersheim lesen werde", funktioniert wohl nicht bei einem Entwicklungsroman. Was, wenn ich mit 90 Jahren durch die Lektüre feststelle, dass mein Leben viel besser verlaufen wäre, wenn ich mit 18 Wilhelm Meister gelesen hätte? Außerdem: Acht Bücher! Fast so umfangreich wie Tausendundein Nächte. Man kann nicht alles haben.

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El-As’ad bricht beim Marsch durchs Gebirge zusammen, so dass sein Bruder ihn tragen muss. Auf einer Lichtung mit Quellwasser, Granatapfelbäumen und Gebetsnische ruhen sie aus.

Unklar: Eine von Menschen errichtete Gebetsnische oder einfach eine Nische, in der die beiden beten können?

Drei Tage ruhen sie, dann ziehen sie weiter, bis sie eine Stadt erblicken. El-Amdschad bietet seinem Bruder an, zu warten, er würde in der Stadt Hilfe holen. Doch ausgerechnet der erschöpfte el-As’ad besteht darauf, derjenige zu sein, der die Stadt erkundigt, el-Amdschad solle warten. El-Amdschad ist einverstanden.

Ich hatte schon befürchtet, der Streit zöge sich, wie der, wer zuerst getötet werden dürfe, über mehrere Nächte hin.

El-As’ad begegnet in der Stadt einem

alten hochbetagten Mann mit einem langen Barte, der ihm auf die Brust herabwallte und sich dort in zwei Spitzen teilte; in seiner Hand trug der Mann einen Stab, auf dem Leibe kostbare Gewänder und auf seinem Haupte einen großen roten Turban.

225. Nacht – Obama in Berlin

Besuch Obamas in Berlin.

16.10 Uhr

16:20 Uhr
17.30 Uhr
18.00 Uhr

20 Uhr

Die vielgelobte Rede hielt ich dann doch für enttäuschend, da erwartbar. Wenig, was man nicht auch vorher schon gehört hätte. Anders als sonst ging er wenig auf die Situation ein. Eine sich scheinbar ewig hinziehende Passage über die Luftbrücke, ein Thema, das eher in die verschnarchte Sonntagsausgabe der „Berliner Morgenpost“ passt. Statt eines markigen Satzes (Kennedy: „Ich bin ein Berliner“; Reagan: „Tear down this wall“) blieb er vorsichtig und zitierte sicherheitshalber Ernst Reuter: „Schaut auf diese Stadt!“, ohne das Risiko auf sich zu nehmen, in peinliches Deutsch zu rutschen.

Zweimal kam er auf das Heroin-Problem in Berlin zu sprechen. Nicht dass es das nicht gäbe, aber für eine westliche 3,5-Millionen-Stadt ist die Rate der Opfer nicht wesentlich höher als anderswo (173 „Drogentote“ zählte man 2006 in Berlin, Alkohol-Opfer wie immer nicht einberechnet). Er erwähnt die in der Innenstadt noch sichtbaren Einschusslöcher an den Gebäuden aus dem 2. Weltkrieg. Unwahrscheinlich, dass er selbst welche gesehen hat.


Er bedankt sich bei Merkel und ist offensichtlich von den daraus resultierenden Buhs irritiert.
Seine Allgemeinplätze scheinen sich nach Hillary Clintons Rückzug zu häufen. Er taktiert eher und verliert an Charme. (Ich kurz bei 1:18 im Bild)
Oder bin ich einfach nur enttäuscht, weil ich dreieinhalb Stunden gewartet habe und ein Meter Entfernung vom Zaun dann doch zu groß ist, um ihm die Hand zu schütteln?

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Am Abend Trost bei meinem ersten Chaussee-der-Enthusiasten-Open-Air-Auftritt

20:55 Uhr

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In den Kleidern seiner Söhne findet Kamar ez-Zamân die Liebesbriefe seiner Gattinnen, und sieht nun, dass er el-As’ad und el-Amdschad unschuldig zum Tode verurteilt hat. Er lässt ein Haus bauen

das nannte er das „Haus der Trauer“

Ironie: Auch für ihn selbst gibt es ein „Haus der Trauer“ in Chalidân.

Er improvisiert Trauerverse.

In dem für el-As’ad gelingt dann doch stellenweise hübsche Poesie.

Ach, gern wollt ich das Urteil mit dir teilen;
Doch anders wollte Gott, als ich gedacht!
Schwarz machte ich die Welt vor meinem Blicke;
Des Auges Schwärze hab ich weiß gemacht.
Die Tränen, die ich wein‘, versiegen nimmer;
Mein wundes Herze ist an Schwären reich.
Wie schwer ist es für mich, dich dort zu wissen,
Wo Knecht und Edelmann einander gleich!

Die Brüder el-Amdschad und el-As’ad wandern indessen erschöpft durchs Gebirge.

224. Nacht

Mit dem Blut des Löwen in den Flaschen und den Kleidern der Brüder als Beweis für ihre Tötung kehrt der Schatzmeister zu König Kamar ez-Zamân zurück.

Nun ist die Parallele zu Schneewittchen nicht mehr zu leugnen.

Der Schatzmeister spricht zum König, wie beauftragt die Verse:

Die Weiber sind Teufel, zu unserem Verderben erschaffen;
Ich flüchte zu Gott vor diesen teuflischen Schlingen.
Sie sind der Quell des Leiden, die unter den Menschen
Erscheinen, in Sachen der Welt und in Glaubensdingen.

Unter Tränen wandte er die Kleider der Söhne um.

223. Nacht

Der Schatzmeister folgt dem fliehenden wertvollen Pferd ins Dickicht.

Seit wann fliehen Pferde ins Dickicht?

Und dort wohnt ein Löwe, der nun den alten Schatzmeister, der sein Schwert ja bei den Brüdern gelassen hat, attackiert.
Die immer noch gefesselten Brüder warten inzwischen und leiden an Durst.

Eben haben sie sich noch umarmt.

el-As’ad nimmt seine Kraft zusammen, ruckelt an ihren Fesseln, bis es gelingt, sie zu lösen. Und die beiden suchen den Schatzmeister. Sie kommen gerade rechtzeitig:

Als el-Amdschad das sah, hob er sein Schwert, stürzte sich auf den Löwen und versetzte ihm einen Hieb zwischen die Augen.

Darauf der Schatzmeister:

"Bei Allah, hohe Herren, es ist mir unmöglich, mich so an euch zu versündigen, dass ich euch töte!"

Verkennt er die Situation? Die Brüder haben das Schwert, nicht er.

222. Nacht

Brüder und Schatzmeister fahren fort, Klageverse zu rezitieren. Schließlich umarmen die Brüder einander.

Schon zog der Schatzmeister sein Schwert und wollte die beiden treffen, als plötzlich sein Pferd scheute und in die Wüste davonrannte.

Aufgrund seines hohen Wertes

warf der Schatzmeister das Schwert aus der Hand und eilte seinem Rosse nach.

221. Nacht

Jeder der beiden Brüder fährt fort, den Schatzmeister zu bereden, selbst als erster getötet zu werden.

Schließlich sprach el-Amdschad: "Am schönsten wäre es, wir umarmten einander, so dass, wenn das Schwert auf uns herniedersaust, es uns mit einem einzigen Streiche tötet."

Ich hätte, ein, zwei Ideen, was noch schöner sein könnte.

Der Schatzmeister willigt ein, und nun beginnen die beiden Brüder darüber zu streiten, wer oben liegen – also vom Schwert als erster getroffen – werden darf.

Wäre dies ein Schelmenroman, so wäre das leicht als Finte zum Zeithinauszögern erkennbar, hier aber die schwer verkitschte Botschaft: Die Brüder lieben sich.

Als letztes geben sie dem Schatzmeister den Auftrag, ihrem Vater diese Verse zu übermitteln:

Die Weiber sind Teufel, zu unserem Verderben erschaffen;
Ich flüchte zu Gott vor diesen teuflischen Schlingen.
Sie sind der Quell des Leiden, die unter den Menschen
Erscheinen, in Sachen der Welt und in Glaubensdingen.

Gotteslästerlich? Schließlich hat Allah das Weib erschaffen?

220. Nacht – Werther

Vitrine Werkausgaben

Elftes Buch von links

Johann Wolfgang von Goethe: „Werke Band 6. Romane und Novellen 1 – Die Leiden des jungen Werther / Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter / Die Wahlverwandtschaften / Novelle“

Erworben: 1999 oder 2000
Status: Ungelesen. Leider.
Erster Satz: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“
Kommentar: Als meine damalige spanische Freundin 1996 Goethes Wahlverwandtschaften las, um die deutsche Kultur zu verstehen, lag sie mir in den Ohren, wie sehr sie sich langweile. Auch die erhöhte Selbstmordrate unter Werther-Lesern macht das Buch nicht gerade magnetisch.

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Kamar ez-Zamân beschließt, seine Söhne eigenhändig mit dem Schwert zu töten.

aber da trat ihm sein Schwäher, der König Armanûs entgegen (…) Er sah, wie er das gezückte Schwert in der Hand hielt und wie ihm das Blut vor dem Übermaße seines Ingrimms aus der Nase tropfte.

Schwäher = Schwiegervater.
Nasenbluten als Zeichen von Wut.

Armanûs warnt Kamar ez-Zamân davor, die Söhne eigenhändig zu töten,

„sonst würdest du ihre Todesqual hinunterwürgen müssen.“

Er schickt also seinen Schatzmeister los, dies für ihn zu übernehmen,

einen hochbetagten Greis.

Zum Beweis soll er ihm zwei Flaschen mit ihrem Blut bringen.

Schneewittchen, ick hör dir trapsen.

Entschuldigend fesselt der Schatzmeister die Brüder und legt sie in zwei Kisten, die er einem Maultier aufbürdet, das er in die Wüste treibt.

Tatsächlich können Maultiere auch Lasten bis zu 150 kg tragen, und das 30-40 km weit.
Unklar: Wie hievt der Greis die Kisten aufs Maultier und wieder herab?

el-As’ad bittet nun den Schatzmeister darum, als erster getötet zu werden, da er den Anblick des toten Bruders nicht ertragen könne. Dasselbe erbittet nun aber auch el-Amdschad.

219. Nacht

El-Amdschad liest den Brief und ist nicht amüsiert:

"Weh dir, du elender Mohr! Bringst du die Botschaft, die Verrat birgt, von der Frau deines Herrn? Bei Allah, an dir ist nichts Gutes, du Schwarzgesicht, dessen schwarze Taten im Himmelsbuche stehen, du Kerl von hässlichem, törichtem Wesen und eklig anzusehen!"

Mit diesen Worten köpft er ihn.

Wenige Seiten zuvor wurden noch Anmut und Herzensbildung des Prinzen gelobt. Einen Befehle ausführenden kastrierten Sklaven rassistisch zu beschimpfen und ihn anschließend zu töten, spräche wohl eher dagegen.

Sowohl el-Amdschad als auch Hajât en-Nufûs können in dieser Nacht vor Kummer nicht schlafen.
Als am nächsten Tag el-As’ad auf dem Thron sitzt, schreibt ihm Königin Budûr einen Liebesbrief.

Man bedenke: Dieselbe Budûr, die vor wenigen Kapiteln noch als Jungfrau von Dämonen bewundert wurde.

Der gereimte Brief wird mit starkem Moschus eingedieselt und ebenfalls mit Haarbändern verknotet.
Auch in diesem Fall wird die Überbringerin des Briefes – eine alte Frau – geköpft.

Eine hübsche Erzähl-Parallele: Aufpasser von Kamar ez-Zamân war ein Eunuch, Budûr wurde von einer alten Frau bewacht, die ebenfalls getötet wurde.

Die Brüder berichten verschämt einander von den Briefen, die sie von der Mutter des jeweils anderen bekommen hätten und geloben einander, ihrem Vater nichts davon zu erzählen.

Aber sie unterschätzen die Listigkeit ihrer Mütter.

Diese berichten Kamar ez-Zamân bei dessen Rückkehr, es sei umgekehrt gewesen: Sie hätten Liebesbriefe bekommen und wären vergewaltigt worden.

Dass aufgrund dieser Lügen ihre Söhne nun in Lebensgefahr sind ahnen sie entweder nicht oder sie nehmen es in Kauf.

218. Nacht

Kamar ez-Zamân reitet aus, und während el-Amdschad auf dem Thron sitzt, schreibt ihm die Gattin seines Vaters einen langen, gereimten Liebesbrief.

Für dieses Verwandtschaftsverhältnis fehlt im Deutschen offenbar das Wort, denn die Stiefmutter kann es wohl kaum sein, wenn der Vater auch noch mit der Mutter verheiratet ist.

Der Brief legt sie in ein Tuch, das mit Haarbändern umschlungen wird. Ein Eunuch muss el-Amdschad diesen Brief bringen.

217. Nacht – Globalisierung

Regal Politik

Elftes Buch von rechts

Hans-Peter Martin/Harald Schumann: „Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand“

Erworben: 1998 vonStephan Zeisig zum Geburtstag
Status: Stellenweise reingeblättert.
Erster Satz: „Träume von Weltformat sind im Fairmont-Hotel von San Francisco zu Hause.“
Kommentar: Wie es so ist mit zum Geburtstag geschenkten Büchern – die meisten liest man dann doch nicht, vor allem wenn sie dick sind. Ich versuche wenigstens, ihnen die Chance von 10 Minuten zu geben. Diese Chance hat „Die Globalisierungsfalle“ nicht nutzen können.

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König Armanûs klärt Wesire und Emire über die neue Lage auf, verleiht Ehrenkleider, verteilt Almosen

und befreite alle Gefangenen.

Kamar ez-Zamân wird zum Sultan gekrönt, hebt die Abgaben auf

und entließ die Leute, die noch in Gefangenschaft geblieben waren.

Unklar: Wie können noch Leute in Gefangenschaft geblieben sein, wenn eben noch „alle“ befreit wurden?

Kamar ez-Zamân vergisst seinen Vater

wegen dem er ja eigentlich mit Prinzessin Budûr aus China fortgezogen war

und zeugt mit seinen Gattinnen zwei Söhne
Von Königin Budûr: el-Malik el-Amdschad. Von Königin Hajât en-Nufûs: el-Malik el-As’ad.

Beide Söhne sind wunderschön und werden mit allem Notwendigen vertraut gemacht.
Als sie siebzehn Jahre alt sind, lässt ihr Vater sie in seiner Abwesenheit auf dem Thron sitzen, regieren und Recht sprechen.

Nichts da mit Gewaltenteilung.
Aber auch schön: Schehrimân war zu Beginn der Erzählung ein alter Mann, dann wurde Kamar ez-Zamân geboren, der nun schon – nach einer Reihe von Abenteuern – zwei Söhne hat. Es sind also mindestens schon 35 Jahre vorüber.

Es wird pikant: Die Mütter verlieben sich in den Sohn der jeweils anderen.

Gewohnheiten

Drei Wochen lang kann ich wegen einer Sehenenverklemmung in der Schulter den linken Arm nur eingeschränkt bewegen. Dann macht es „Derrrrr“ und die Sehne dengelt zurück in ihre Ausgangsposition.
Aber immer noch bewege ich meinen Arm vorsichtig, und manche Bewegungen wirken dadurch unnatürlich.
Wieviele Gewohnheiten hat man durch kleinere körperliche und seelische Verletzungen angenommen, ohne sie wahrzunehmen? Und wie schwierig ist es, sie loszuwerden?

Limelight

Was für ein Film! Chaplin porträtiert seine eigene Angst, seine eigene Schwäche, seinen eigenen Untergang. Das Mitleid mit Chaplin überwiegt das Mitleid mit Calvero, denn nicht allein Calvero hat Schwierigkeiten mit seinen Gags, sondern auch Chaplin hat nicht mehr das Gefühl für Timing. Was in „The great dictator“ begann, nimmt hier seinen Lauf: Lange Einstellungen, in denen Chaplin monologisiert. Die Bild- und Körpersprache kommt abhanden. Und er hält nicht Schritt mit dem Medium Film. Ein aufs Stichwort geliefertes Telegramm funktioniert zwar noch in den frühen 30ern, in den 50ern ist es billig.
Aber in jeder Szene spricht die Angst Chaplins und gleichzeitig seine Gier nach Leben.

216. Nacht

Budûr lässt am folgenden Tag den Kapitän vor ihren Thron bringen und fragt ihn, woher er die Schläuche habe. Sie versiegelt die Warenhäuser der Kaufleute und droht, diese töten zu lassen, wenn man ihr nicht den „Gärtner“ brächte, da dieser ihr Geld schulde.

Den wahren Grund – er ist ja ihr Gatte – verrät sie natürlich nicht.

Die Kaufleute flehen den Kapitän an:

„Mache, dass wir von diesem ungerechten Tyrannen loskommen.“

Der Kapitän segelt zurück und schnappt Kamar ez-Zamân:

„Du bist ein Schuldner des Königs Armanûs; du willst ihm sein Geld stehlen.“

Kamar ist entsetzt, als er zu den Ebenholzinseln gebracht wird. Budûr hebt die Sperre über die Kaufleute auf und beschenkt den Kapitän. Sie beschenkt aber auch Kamar ez-Zamân.

Als sie ihn erblickte, zwang sie ihr Herz sich zu gedulden, bis sie ihr Vorhaben ausgeführt hätte.

Sie befördert ihn zum Schatzmeister und Kamar ez-Zamân tritt in ihren Dienst. Nach einer Weile bittet er aber um Entlassung. Budûr treibt aber weiterhin ihr Spiel mit ihm, befördert ihn zum Wesir, schmeichelt seinem Äußeren und deutet erotisches Begehren an.

Wie entzieht man sich diesen Wünschen eines Sultans?

Kamar ez-Zamân argumentiert:

„O König, ich bin nicht gewöhnt, solche Dinge zu tun; und nicht stark genug, dass solche Lasten auf mir ruhn, die selbst ein älterer als ich kaum ertragen kann, geschweige denn ich ganz junger Mann!“

Man tauscht gereimte Argumente aus, darunter auch Budûr:

Der Mann erhebt die Hände zum Gebet;
Die Frau erhebt die Füße, wenn sie fleht.
O welch ein fromm Beginnen ist es doch;
Und Gott erhebt es in der Tiefe hoch.

Kamar ez-Zamân willigt schließlich voller Scham ein, unter der Bedingung, dies wäre das letzte Mal. Sie liegen also beieinander:

„Lege deine Hand zwischen die Schenkel an die Stelle, die dir bekannt; vielleicht, dass es dann, nachdem es lag, wieder aufstehen kann.“

Völlig verwirrt tut er auch das und glaubt, nachdem er „nichts“ findet, einen Zwitter vor sich zu haben. Und endlich löst Budûr ihren Scherz auf. Liebend und reimend fallen sie einander in die Arme.
Am nächsten Morgen verkündet man dem Sultan Armanûs die ganze Geschichte, und dieser bietet Kamar ez-Zamân seine Tochter an, da diese ja noch unberührt ist. Kamâr willigt ein, nicht ohne Budûr um Einwilligung zu bitten, damit keine Eifersucht zwischen den beiden Frauen entstünde.

Man könnte meinen, die Geschichte sei so gut wie vorbei, nur König Schehrimân müsse noch informiert werden.

215. Nacht

Kamar ez-Zamân mietet nun den Garten vom Besitzer.

Unklar: Er musste sich doch vor den Einwohnern der Stadt verbergen, da diese bösartige Magiere seien.

Der Kapitän landet unterdessen auf den Ebenholzinseln und bietet Königin Budûr seine Waren an. Diese ist vor allem auf seine Sperlingsoliven scharf. Sie kauft ihm die fünfzig Schläuche für 1.000 Dirhems ab und staunt nicht schlecht, als sie in Gegenwart von Hajât en-Nufûs das Gold findet. Als sie aber auch noch den Stein findet, fällt sie erwartungsgemäß in Ohnmacht.

214. Nacht

Kamar ez-Zamân steigt die Falltür hinab und entdeckt eine Schatzkammer aus der Zeit derÂd undThamûd 214, die

voll war von leuchtendem roten Golde

Am Abend eröffnet ihm der Gärtner auch noch, dass das Schiff in drei Tagen ablegen wird – erst zur Ebenholzstadt, dann in seine Heimat, nach Chalidân. Kamar ez-Zamân berichtet dem Gärtner (nach Rezitation eines Demutgedichtes) von dem Gold, und dieser rät ihm, das Gold in Schläuche zu füllen und diese mit "Sperlingsoliven" zu bedecken.

Sperlingsoliven??

Kamar ez-Zamân tut dies. Am nächsten Morgen erkrankt der Gärtner. Die Seeleute tragen die Schläuche ins Schiff. Der Gärtner stirbt am dritten Tag. Und so

setzte er sich ihm zu Häupten und drückte ihm die Augen zu. Und als dann seine Seele den Leib verlassen hatte, versah er den Leichnam und bestattete ihn zur Erde, indem er die Seele der Barmherzigkeit Allahs des Erhabenen empfahl. Wie er dann aber wieder zu dem Schiffe kam, fand er, das es bereits Segel gesetzt hatte und abgefahren war.

 

214 angebliche Ureinwohner der arabischen Halbinsel, auf die im Koran Bezug genommen wird.

213. Nacht – Imperialismustheorie

Regal Politik

Elftes Buch von links

Dieter Senghas (Hg.): "Imperialismus und strukturelle Gewalt. Analysen über abhängige Reproduktion."

Erworben: ca. 1994
Status: Johan Galtungs Text "Eine strukturelle Theorie des Imperialismus" gelesen. Den Rest durchgeblättert.
Erster Satz: "Ausgangspunkt dieser Theorie sind zwei der spektakulärsten Tatsachen dieser Welt: die ungeheuerliche Ungleichheit in und zwischen den Nationen in fast allen Aspekten der Lebensbedingungen des Menschen, einschließlich der Entscheidungsgewalt über diese Lebensbedingungen, und der Widerstand dieser Ungleichheit gegen Veränderung.
Kommentar: Ein Versehenskauf. War eigentlich auf der Suche nach Johan Galtungs theoretischem Text zu "Struktureller Gewalt", der sich in diesem Buch wider Erwarten nicht fand. Sein Imperialismustext hat wohl die ganze Zentrum-Peripherie-Debatte beflügelt, politisch wahrscheinlich fruchtbarer als wissenschaftlich. 4,50 Mark.

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Die beiden Vögel begraben ihren Kameraden, fliegen fort, kommen zurück mit dem Mördervogel und

rissen ihm dem Leib auf, zerrten seine Eingeweide heraus und ließen sie auf das Grab des getöteten Vogels fließen…

Kamar ez-Zamân findet im Kropf des getöteten Vogels auf wundersame Weise den Edelstein seiner Gemahlin Budûr.
Beschwingt macht er sich an die Arbeitet, hackt mit seiner Axt auf die Wurzel eines Johannisbrotbaums, es klingt nach Metall und so entdeckt Kamar ez-Zamân eine Falltür.

Abkupfern

Um ein Gefühl fürs Spielerische zu bekommen kann man auch ruhig mal Bühnengehabe nachmachen. Live auf der Bühne ist es hingegen eher unangenehm und auf Dauer tödlich. Das konventionelle Theater lebt von diesem Getue seit Jahrzehnten, das Improtheater nicht weniger. Natürlich kann es einem helfen, auch mal Effekte auszuprobieren, aber gerade im Schauspielerischen sollten wir eher von der Welt des realen Miteinanders ausgehen, als davon, wie andere Schauspieler darstellen. Stanislawski scheint unter dieser Mache besonders gelitten zu haben. Seine Kommentare zu diesem Thema füllen mehrere Kapitel seiner schwer lesbaren Bücher.

212. Nacht – Gedenken

Regal Menschenrechte

Elftes Buch von rechts

Stefanie Endlich/Thomas Lutz: „Gedenken und Lernen an historischen Orten. Ein Wegweiser zu Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin“

Erworben: ca. 1996
Status: Einzelnes nachgeschlagen.
Erster Satz: „‚Topographie des Terrors‘ heißt die ständige Ausstellung auf dem ehemaligen Prinz-Albrecht-Gelände, dem Gestapo-Gelände neben dem Martin-Gropius-Bau in Kreuzberg.“
Kommentar: Als Nachschlage-Taschenbuch sehr gut.

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König Schehrimân kehrt heim und lässt in Gedenken an seinen verschollenen Sohn

ein Gebäude errichten, das er „das Haus der Trauer“ nannte.

Erst jetzt frage ich mich, wie Kamar ez-Zamân und Marzuwân fliehen konnten, da doch Chalidân ein Insel-Staat ist. Sie hätten doch ein Schiff gebraucht.

Kamar ez-Zamân wartet inzwischen sehnsüchtig auf das Schiff, das der Auskunft des Gärtners gemäß einmal jährlich ins Land der Muslime fahre. Eines Tages stolpert er und verletzt sich die Stirn, so dass sich das Blut mit seinen Tränen vermengt. Kurz darauf sieht er, wie sich zwei Vögel in einem Baum streiten. Der größere reißt dem kleineren den Kopf ab und fliegt davon. Den Leib des toten Vogels betrauern zwei andere Vögel.

Beide senkten ihre Flügel und Schnäbel über ihn, reckten ihre Hälse nach ihm aus und weinten.

Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass es emotionalen Tränenerguss nur beim Menschen gibt.

211. Nacht – Grundrechte

Regal Menschenrechte

Elftes Buch von links

Till Müller-Heidelberg u.a. (Hg.): „Grundrechte-Report 2001. Zur Lage der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland“

Erworben: 2001
Status: Fast alle Artikel vollständig gelesen.
Erster Satz: „Dies sind Meldungen aus einer Woche im Oktober 2000: Unbekannte haben in der Nacht zum Freitag, dem 6. Oktober, zwei Bransätze auf das Gelände eines Asylbewerberheims in einer südpfälzischen Gemeinde geworfen, teilte die Polizei mit.“
Kommentar: Als Mitglied der Humanistischen Union bekomme ich die jährlichen Grundrechte-Reporte praktisch im Abo. Die Themen ändern sich nur unwesentlich, die konkreten Anlässe schon.

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Hajât en-Nufûs empfindet Mitleid mit Budûr, holt eine junge Taube und

schlachtete sie über ihrem Hemde und befleckte sich mit dem Blute…

König Armanûs lässt ein großes Fest feiern.

Ein Entjungferungsfest nach der Hochzeit?

König Schehrimân zur gleichen Zeit betrauert seinen Sohn:

Das Volk der Liebe hab ich immer getadelt;
Da musste ihre Süße und Bitterkeit mir nahn.
Ich trank in vollen Zügen den Becher der Härte;
Und ihrem Herrn und Diener wurd ich ein Untertan.
Das Schicksal schwor, es wolle unsrer Trennung walten;
Und jetzo hat das Schicksal seinen Schwur gehalten.

Gefällt mir.

Man findet die Überreste der Kleider des Prinzen und die Fleischklumpen. Der König weint.

Auch die Krieger weinten mit ihm; (…) und sie streuten sich Staub auf das Haupt.

Eine anscheinend sehr verbreitete Tradition, die ich nie verstanden habe.

Impulse in Improvisation und Leben

Wie gehen wir mit unseren Impulsen um? Strategien:

  1. Ignorieren und unterdrücken: Die krassen Fälle dieser Strategie landen auf Lass-Deine-Wut-Raus-Seminaren oder leiden an Magenproblemen.
    Auf der Bühne haben solche Spieler Ladehemmung oder wirken unspontan.
  2. Sich hingeben: Im Extremfall gibt sich dieser Typus jedem Impuls hin, nichts Langfristiges wird beendet, jedem Vergnügen, jeder Sucht, jedem Tic wird nachgegeben.
    Auf der Bühne fallen diese Spieler dadurch auf, dass sie zwar schnell sind, aber auf die externen Impulse auf die immergleiche Art und Weise reagieren
  3. Handlungsoptionen verbreitern: Die ideale Form des mannigfaltigen Lebens. Fokus auf und Traing von positiven Reaktionen auf Impulse, komplexe Impulsverarbeitung.
    Auf der Bühne kennzeichnet diese Spieler eine große Palette an Reaktionen auf verschiedene Impulse aus.

Statt für die Bühne könnte man das auch für den Samurai-Kämpfer durchdeklinieren.

210. Nacht – Habermas – Personenrecherche

Im Traum erinnere ich mich an einen Menschen, an den ich seit 30 Jahren nicht mehr gedacht habe und mit dem ich nur wenige Wochen zu tun hatte. Erinnere mich an gemeinsame Erlebnisse auf dem Spielplatz, im Kino. Selbst der Name des Vaters fällt mir wieder ein, die Farbe der Augen, das Wohnungsschild. Recherchiere (was ja heutzutage „googeln“ bedeutet) und die Eckdaten lauten Post-Berufsschule, Berlin, Künstlerin, T.-Gesellschaft. Weiß nicht einmal mehr, wann und weshalb man sich aus den Augen verloren hat. Aber Kinderfreundschaften lassen sich oft nur deshalb nicht mehr kitten, weil man keinen äußeren Anlass zum Sich-Sehen hat.

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Regal Soziologie

Elftes Buch von rechts

Jürgen Habermas: „Die Neue Unübersichtlichkeit. Kleine politische Schriften V“

Erworben: ca. 1992. Wenn ich mich recht entsinne, ist das einzige Buch, das ich gestohlen habe. In einer Lichtenberger Buchhandlung. Ich steckte es mir in den Schritt, und noch als ich 200 Meter entfernt war, zitterten mir vor Angst die Beine. Meine wohlhabenderen Freunde hatten hingegen kein Problem damit, mit einem Rucksack in einen Buchladen zu gehen und ganze Regale einzustecken.
Status: Einzelne Artikel gleichermaßen neugierig und gelangweilt gelesen.
Erster Satz: „Retrospektiv nimmt der seit Mitte der siebziger Jahre herrschende, im buchstäblichen Sinne re-aktionäre Zeitgeist klarere Konturen an – im Baustil nicht weniger als im Stil des zeitdiagnostischen Gedankens.
Kommentar: Heute wirkt der Konservatismus, gegen den sich Habermas wendet, wie die dunkle Erinnerung an einen bösartigen Urgroßvater. Ich will damit nicht sagen, dass der über Leichen gehende Konservatismus eines Roland Koch ungefährlicher wäre als der eines Alfred Dregger oder Franz-Josef Strauß, aber der Stil ist ein anderer. „Neue Unübersichtlichkeit“ ist im heutigen Kontext eigentlich kaum mehr verständlich.

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Hajât en-Nufûs warnt Budûr, ihr Vater würde sie verjagen, wenn er sie denn nicht entjungfere. Budûr ist verzweifelt:

„Ich bin doch kein Mann, dass ich diese Jungfrau öffnen könnte.“

Sie offenbart sich Hajât en-Nufûs und bittet, ihr Geheimnis zu wahren.