„Vielleicht war es auch ein bisschen zu brutal, dass ihr mich mit der Bohrmaschine gefoltert habt.“
(Passagier schaut angestrengt beiseite.)
Kunst fälschen, Stile und Genres nachmachen, romantisierender Kunstjournalismus
In DIE ZEIT 4/2014 erscheint ein Interview mit dem Kunstfälscher Wolfgang Betracchi und seiner Frau und Komplizin Helene Betracchi.
Für diejenigen, die den Fall noch nicht kennen: Betracchi hat nicht bereits existierende Gemälde gefälscht, sondern Gemälde „im Stile von“ gemalt. Zu diesem Zwecke hat er sich intensiv mit der Kunst der Maler auseinandergesetzt: Von wem waren sie zu welcher Zeit beeinflusst? Welche stilistischen Brüche gibt es in ihrem Werk? Wann haben sie wo mit welchen Materialien gearbeitet? Usw. Die Werke (u.a. angeblich von Max Pechstein, Max Ernst, Derrain) wurden zum Zeitpunkt ihrer „Entdeckung aus der Sammlung Jäger“ hoch gelobt.
Interessant wird es, als die Interviewer Iris Raddisch und Soboczynski sich bemühen, Betracchi nicht nur das Ausmaß seiner Kriminalität zu verdeutlichen, sondern auch, ihm mangelnde Fähigkeit und mangelndes Verständnis vom Dasein des Künstler zu unterstellen.
W. Beltracchi: Manchmal war es das Schwierigste, nicht so gut zu malen, wie ich gekonnt hätte.
ZEIT: Das ist ziemlich größenwahnsinnig.
W.B.: Nein, das ist es nicht. (…) Das macht natürlich auch der kunsthistorische Abstand von 100 Jahren, die Maltechniken haben sich verändert.
(…)
ZEIT: Man kann es so sehen: Sie sind ein begabter Handwerker, aber kein Künstler.
W.B.: Das stimmt nicht. Das Fälschen war ein kreativer Prozess. Ich habe ja keine Bilder kopiert, sondern Bilder gemalt.
(…)
ZEIT: Können Sie sich in die Zerrissenheit eines Künstlers hineinversetzen? In eine Tätigkeit, die an die Existenz geht? Haben Sie eigentlich eine Vorstellung vom seelischen Einsatz, der mit der Erschaffung von Kunst einhergeht?
(…)
ZEIT: Wie teuer ist ein echter Beltracchi?
W.B.: Den Preis eines Gemäldes bestimmt nicht der Maler, sondern der Markt.
Die Vorstellungen der Journalisten sind ja beinahe schon niedlich-romantisch zu nennen: Ein Künstler ist in ihrer Vorstellung ein leidendes Subjekt, das unter enormem Leid sein Werk gebiert. Dass Kunst Freude machen könnte, dass Künstler sich direkt auf andere beziehen, Stile kopieren, dass der Kunstmarkt eine Chimäre geworden ist, auf dem eher Namen und Finanz-Symbole gehandelt werden, das will ihnen einfach nicht in den Sinn.
Storytelling – Keep it simple
419., 420., 421. und 422. Nacht
419. Nacht
Schehrezâd fährt fort:
Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König, dass el-Amîn, als er die Sklavin anschaute und sah, was auf dem Saume des Hemdes geschrieben stand, nicht mehr länger an sich hielt, sondern ihr nahte und sie küsste. Und er wies ihr ein eigenes Gemach in seinem Palaste an; ferner dankte er seinem Oheim für die Gabe und verlieh ihm die Statthalterschaft von Rai.
Heute heißt diese Stadt Shahr-e Ray und ist ein Vorort von Teheran. (Früher war Teheran ein Vorort von Rai.) Rai war außerdem die Hauptstadt des alten Persien, die Hauptstadt des persischen Teils von Irak und sie ist die Geburtsstadt von Harûn er-Raschîd.
***
Die Geschichte von dem Kalifen el-Mutawakkil und el-Fath ibn Chakân
Als der Kalif el-Mutawakkil krank wird, schickt ihm el-Fath ibn Chakân
eine jungfräuliche Sklavin mit schwellendem Busen, die zu den schönsten Mädchen ihrer Zeit gehörte, dazu ein Kristallgefäß von rotem Godle, auf dem in schwarzen Lettern diese Verse standen:
Wenn der Imam der Krankheit nun entrann
Und Heilung und Gesundheit sich gewann
So kann für ihn kein besser Heiltrank sein
Als hier in diesem Becher dieser Wein.
Wenn er das Siegel löst von meiner Gabe,
So ist das nach der Krankheit schönste Labe!
Der Arzt Juhanna zieht sich daraufhin zurück.
Nach meinen Informationen war Juhanna erst viel später Arzt, nämlich zur Zeit des Mustasim.
Der Kalif nahm den Rat des Arztes an und gebrauchte jene Arznei, ganz wie sie in den Versen vorgeschrieben war. Allah machte ihn gesund und heil.
***
Die Geschichte von dem Streit über die Vorzüge der Geschlechter
Eine weise Frau namens Saijidat el-Maschâjich kommt von Bagdad nach Hama, wo sie
den Leuten von einem Stuhle herunter heilsame Ermahnungen predigte.
Dies betrifft Fragen des Rechts, moralische Fragen, Fragen der Lebensführung usw.
Der Erzähler der Geschichte sucht sie mit einem Freund auf und legt eine Frage
von solcher Art vor, die sich auf den Unterschied zwischen den Rechtsschulen bezog
Sie befindet sich bei diesem Gespräch hinter einem Vorhang, durch den sie allerdings hindurchschmulen kann. Dabei sieht sie, wie der Begleiter das Gesicht ihres jungen Brufders betrachtet.
"Mir scheint, du bist einer von denen, die den Männern den Vorzug vor den Frauen geben." (…) "Weil Allah das Männliche höher gestellt hat als das Weibliche."
***
420. Nacht
Der Begleiter benennt nun Stellen aus dem Koran und den Überlieferungen des Propheten, die ebendiese Position belegen sollen. Die Weise antwortet ihm auf seine langen Ausführungen:
"Du hast gut gesprochen, werter Herr; doch, bei Allah, du hast meinen Beweis wider dich mit der eigenen Zunge kundgetan."
So folgt ein längerer Schlagabtausch zwischen den beiden.
***
421. Nacht
Der Begleiter rezitiert
"Sie ist dem Knaben gleich und wiegt sich in den Hüften
Wie sich der schwanke Reis im Zephirwinde wiegt.
Wenn der Jüngling nicht trefflicher wäre, so wäre doch die Jungfrau nicht mit ihm verglichen worden. Wisse auch – Allah der Erhabene beschütze dich! -, dass der Jüngling leicht gelenkt werden kann; denn er passt sich den Wünschen an; er hat schöne Eigenschaften, und mit ihm lässt sich trefflich leben; denn er ist eher geneigt, zu willfahren als zu widerstreben, zumal wenn der zarte Flaum auf seiner Wange sprießt, wenn seine Oberlippe sich dunkel färbt und wenn der rote Jugendglanz in seinem Antlitz leuchtet, so dass er dem Monde gleicht, der zur Fülle kam."
Nach weiteren Gedichten ist Saijidat el-Maschâjich wieder an der Reihe:
"Ich bitte dich, wie kann ein Jüngling je den Rang einer Jungfrau erreichen? Wer will das Böcklein mit der Kitze vergleichen? Die Jungfrau hat sanfter Rede Gewalt und eine wunderschöne Gestalt; sie gleichet einem Basilikumreis, und ihre Zähne sind wie die Kamille so weiß; sie hat Zöpfe, die wie Halftern hangen, wie Anemonen sind ihre Wangen; ihr Antlitz ist wie ein Äpfelein, und ihre Lippe ist süß wie Wein; ihre Brust ist dem Granatapfel gleich, und ihre Gestalt ist wie ein Zweig so weich. Sie hat einen Wuchs, in dem das Ebenmaß waltet, und ihr Leib ist wohlgestaltet; sie ist wie die Schneide des glitzernden Schwertes so schmal und fein, und ihre Stirn ist blütenrein; sie hat zusammengewachsene Augenbrauen, unter denen tiefschwarze Augen schauen…"
***
422. Nacht
Weiterhin argumentiert sie und zitiert Abu Nuwâs:
Die schlanke Maid, die einem Knaben gleicht,
Taugt für den Wüstling und den Einbrecher.
415., 416., 417. und 418. Nacht
415. Nacht
El-Mamûn lässt sich, begleitet vom listigen Abu Isa und einigen Hofleuten auf einer Barke namens "Flieger" zum Haus des Hamid et-Tawîl et-Tûsi, das sie unvermittelt betreten, während er gerade auf einer Rohrmatte sitzt und sich von Sängerinnen bespaßen lässt. Er improvisiert ein Gastmahl
Speisen wurden vorgesetzt, aber die bestanden nur aus Vierfüßlern, kein Fleisch von Geflügel war darunter. Von diesen rührte el-Mamûn nichts an.
Unklar: Gilt Geflügel als besonders edel? Oder hat el-Mamûn eine schwache Konstitution, die ihm die Verdauung von Lamm und Rind verbietet.
Abu Isa erkennt den Unmut des Kalifen und schlägt vor:
"Lass uns jetzt in ein Haus gehen, das für dich gerüstet ist, so wie es sich gebührt."
So gelangen sie zum Eigentümer der von Abu Isa begehrten Sklavin. Er
öffnete ihnen einen Saal, der so schön war, wie ihn noch nie jemand gesehen hatte. Dort waren der Boden, die Pfeiler und die Wände mit vielfarbigem Marmor bekleidet…
Befriedigend sind außerdem die Speisen und die Getränke, darunter auch Dattelmost und das Geschirr.
Die Schenken aber, die jenen Most in den Saal trugen, waren mondengleiche Jünglinge, bekleidet mit alexandrinischen Gewändern, die mit Gold durchwirkt waren; und auf der Brust trugen sie kristallene Falschen, voll mit Rosenwasser, die mit Moschus gemischt waren.
Nach dem Mahl kommen diverse Sängerinnen, eine schöner als die andere. Ein bemerkenswertes Lied geht so:
Die Huris und die edlen Frauen fürchten kein übel Gerede
Gleichwie Gazellen von Mekka, das unverletzliche Wild.
Nach ihren schmeichelnden Worten hielte man sie für Dirnen;
Doch schützet sie der Islam, dass ihnen kein hässlich Wort gilt.
Bemerkenswert, wegen des Versuchs, die Spannung aufzulösen, die sich aus dem Gebot der Frömmigkeit und der durch die islamische Praxis geduldeten "Huris und edlen Frauen": Das Tun ist zwar unislamisch, aber da sie es dem Islam zuliebe tun, ist es islamisch. Wobei ich mir eigentlich nicht mal sicher bin, wozu die Huris im Paradies eigentlich gut sind. Vielfach werden sie als Jungfrauen beschrieben. Bleiben sie das?
***
416. Nacht
Es folgen weitere singende Mädchen.
Was geschieht eigentlich mit ihnen, wenn sie älter werden? Werden sie dann an ärmere Herren verkauft?
Schließlich
trat eine Maid heraus, die gleich einem Weidenzweige war; sie hatte ein verführerisches Augenpaar, und ihre Brauen waren wie zwei Bogen anzuschauen.; auf ihrem Haupte trug sie eine Krone aus Gold von rötlichem Schein, besetzt mit Perlen und Edelgestein. Und darunter eine Binde, auf der in Lettern aus Chrysolith dieser Vers geschrieben war:
Eine Fee, von den Dämonen unterwiesen,
Herzen mit dem Bogen ohne Sehn‘ zu treffen.
Jene Sklavin schritt daher wie ein scheues Reh, selbst die Frommen hätten sie angeschaut mit heißem Liebesweh. Und sie ging weiter, bis sie sich auf einen Schemel setzte.
Schon klar, dass dies Kurrat el-Ain sein muss.
***
417. Nacht
Dem Kalifen fällt auf, dass sich Abu Isa mehr noch als die anderen verändert, so sehr schlägt sein Herz. Er bittet sie um ein Lied, dass sie auch vorträgt.
Inzwischen ist Abu Isa fast zu Tränen erstickt und Kurat el-Ain beginnt nun zu improvisieren.
***
418. Nacht
Mit der Erlaubnis des Kalifen antwortet Abu Isa ihr singend.
Die Verse sind banal und lang. Ich spare mir hier ihre Wiedergabe.
Alî ibn Hischâm sprang auf, küsste ihm die Füße und sprach: "Mein Gebieter, Allah lässt die Erfüllung deiner Bitte kommen; denn Er hat dein Geheimnis vernommen. Er willigt ein, dass du sie mit all ihrem Besitze an Seltenheiten und Kostbarkeiten erhältst, wenn der Beherrscher der Gläubigen kein Verlangen nach ihr trägt." Doch el-Mamûn sagte: "Wenn wir auch Verlangen nach ihr hätten, so würden wir Abu Isa den Vorrang vor uns lassen und ihm zum Ziele verhelfen."
Als Abu Isa
sie dann erhalten hatte, führte er sie freudigen Herzens in sein Haus. Schau, wie großmütig Ali ibn Hischâm war.
Wenn man mit den Erzählungen aus 1001 Nächten so verführe wie mit einigen Werken des 20. Jahrhunderts, so stünde nach der Eliminierung der rassistischen Geschichten eigentlich auch die der Sklaven-Geschichten an. Wieviele blieben dann noch übrig? Zwölf Nächte? Oder geht es den Eliminierern wirklich nur um Worte, Worte, Poporte? Die Bedeutung ist einerlei?
***
Die Geschichte von el-Amîn und deinem Oheim Ibrahîm ibn el-Mahdi
El-Amîn, der Bruder von el-Mamûn, trat einst in das Haus seines Oheims Ibrahîm ibn el-Mahdi.
Hier zur Aufklärung der Verwandtschaftsverhältnisse: Das Besondere – alle drei waren Kalifen in Bagdad und mit Harûn er-Raschîd verwandt. El-Amîn und el-Mamûn waren beide seine Söhne. Ibrahîm ibn el-Mahdi war Harûns Bruder und folgte erst el-Mamûn auf den Thron.
Die Geschichte spielt also zur zur Herrschaftszeit von el-Amîn.
Dort sieht er eine schöne Sklavin, in die er sich verliebt.
Doch als sein Oheim Ibrahîm erkannte, wie es um ihn stand, schickte er ihm die Sklavin zu. (…) Als el-Amîn sie sah, glaubte er, sein Oheim Ibrahîm habe sie bereits erkannt, und darum mochte er ihr nicht mehr beiwohnen. So nahm er sie denn hin, was sie an Geschenken mitgebracht hatte; sie selbst aber sandte er zurück.
Das ist doch wohl bemerkenswert: Egal wie groß die Liebe sein mag – dass ein anderer sie gehabt haben könnte, zerstört diese Liebe.
Der auch als großer Dichter bekannte Ibrahîm ibn el-Mahdi legt ihr ein Hemd an, auf das er schreiben lässt:
Fürwahr, bei ihm, vor dem sich alle Stirnen neigen,
Was unter diesem Saume ist, dass kenn ich nicht.
Auch ihren Mund berührt ich nie; mein einzig Trachten
War, was das Auge sieht und was die Zunge spricht.
Als sie nun wieder bei el-Amîn eintrifft, singt sie zur Laute:
Du nahmst die Gabe nicht und zeigtest, was du denkest;
Dass du dich von mir trennest, ward mir kund und klar.
Doch wenn du Anstoß nimmst an etwas, das vergangen,
Verzeih du als Kalif, was längst schon nicht mehr war.
411., 412., 413., 414. Nacht
411. Nacht
Man begräbt die beiden, und der Erzähler berichtet, die Jungfrau sei seine Tochter und der Jüngling sein Neffe gewesen. Auf die Frage, warum er sie nicht vermählt habe, antwortete er:
"Ich fürchtete mich vor Schimpf und Schande; und jetzt bin ich beidem verfallen."
***
Die Geschichte von dem irrsinnigen Liebhaber
Abu el-Abbâs el-Murrabâd erzählt von einer Reise nach el-Barîd. Er macht eine Pause in Hesekiel an dem berühmten Kloster, und er hört, darin lebten Irre.
Er betritt das Kloster, und drinnen sitzt ein "Irrer", der die ganze Zeit in Versen von seiner verlorenen Liebe klagt.
Abu el-Abbâs el-Murrabâd meint kalt:
"Sie ist gestorben." Da verfärbte sich sein Antlitz, er sprang auf und rief: "Woher weißt du, dass sie tot ist?" Ich antwortete: "Wenn sie noch lebte, so hätte sie dich nicht so allein gelassen."
Das sieht der Irre ein, legt sich hin und stirbt. Voller Schrecken begräbt man ihn.
***
412. Nacht
Als Abu el-Abbâs el-Murrabâd nach Bagdad zurückkehrt, berichtet er die Geschichte dem Kalifen el-Mutawakkil.
Und er sprach zu mir: "Was hat dich dazu bewogen? Bei Allah, wenn ich nicht wüsste, dass du um ihn trauerst, so würde ich dich um seinetwillen strafen!" Und er trauerte um ihn den ganzen Tag über.
El Mutawakkil war ein Kalif aus dem 9. Jahrhundert n.Chr., von dem es auch ein Hunde- und Falkenbuch gibt, das man noch heute erwerben kann. Abu el-Abbâs el-Murrabâd ein damaliger Sprachgelehrter aus Basra.
***
Die Geschichte von dem Prior, der Muslim wurde
Abu Bakr Mohammed ibn el-Anbari ist ebenfalls in christlichen Regionen unterwegs. Er rastet beim Lichterkloster nahe Ammûrija. Die Mönche dort sind äußerst gastfreundlich, er wird vom Prior Abd el-Massih empfangen.
Abd el-Massih = "Knecht des Messias"
Am nächsten Tage verließ ich sie, nachdem ich bei ihnen solche Eifer in der Andacht und solche Frömmigkeit gesehen hatte wie sonst noch nie.
Im Jahr darauf trifft er den Prior bei der Pilgerfahrt in Mekka. Dieser berichtet ihm, was zu seiner Konversion geführt hat:
Im Dorf verliebte sich ein muslimischer Jüngling in eine christliche Jungfrau, der immer an derselben Stätte sitzenblieb, um sie sehen zu können. Die Christen
hetzten die Dorfbuben wider ihn, und die warfen so lange mit Steinen auf ihn, bis sie ihm die Rippen zerbrochen und den Kopf eingeschlagen hatten.
Der Prior nimmt sich seiner an und pflegt ihn.
***
413. Nacht
Nachdem die Jungfrau ihn so sieht, bekommt sie doch Mitleid mit ihm:
"Willst du nicht meinen Glauben annehmen, auf dass ich dich mit dir vermähle?" Doch er reif: "Allah verhüte, dass ich den Glauben an die Einheit ablege und mich der Vielgötterei ergebe." Da sprach sie: "So komm zu mir herein, tu mit mir, was du willst, und geh dann in Frieden deiner Wege!" "Nein", erwiderte er, "ich will nicht zwölf Jahre der Anbetung zunichte machen durch die Lust eines einzigen Augenblicks." Darauf sagte sie: "So geh alsbald von mir fort!" Doch er entgegnete: "Das erlaubt mir mein Herz nicht."
Das ist sozusagen der Kern der Geschichte: Der Bursche hält alle Arten von Demütigungen und Schmerzen um der Liebe willen aus. Aber sein Glaube geht ihm noch darüber.
Bei ihrer nächsten Aktion töten ihn die "Dorfbuben".
Die Jungfrau, von schlechtem Gewissen geplagt, träumt nun, dass ihr der Weg ins Paradies versperrt würde, und man gibt ihr im Traum zwei Äpfel.
***
414. Nacht
Einen isst sie, den zweiten findet man bei ihr am nächsten Morgen.
Von nun ab enthielt sie sich des Essens und des Trinkens, und als die fünfte Nacht kam, erhob sie sich von ihrem Lager und wanderte zu dem Grab jenes Muslims. Dort warf sie sich nieder und starb.
Es entsteht ein Streit darüber, ob die Christen oder die Muslime sie bestatten dürfen, und als vierzig Mönche es nicht vermögen, ihre Leiche vom Grab des Jünglings fortzuziehen, einer der muslimischen Scheiche die dann liebevoll mit einem Leichentuch fortträgt, sind die Christen konvertiert:
"Fürwahr, die Wahrheit verdient es, dass man ihr folge."
***
Die Geschichte der Liebe von Abu Isa zu Kurrat el-Ain
Abu Isa, Sohn von Harûn el-Raschîd, verliebte sich in die Sklavin Kurrat el-Ain und diese sich in ihn. Beide tun ihr Geheimnis nicht kund.
Das tat er, weil er stolz und von hohem Ehrgefühl beseelt war, denn er hatte sich die größte Mühe gegeben, sie von ihrem Herrn zu erwerben, aber es war ihm nicht gelungen.
So entschließt er sich zu einer List: Er überredet den Kalifen el-Mamûn dazu, seine Befehlshaber auf die Probe zu stellen,
"so würdest du erkennen, wer eine edle Gesinnung hat und wer nicht."
408., 409. und 410. Nacht
408. Nacht
Ishâk ibn Ibrahîm aus Mosul berichtet weiter:
Als er ruht, kommt ein schwarzer Eunuch mit einem Esel daher, auf dem eine wunderschöne Sklavin sitzt.
Woran erkennt Ishâk, dass es eine Sklavin ist?
Er folgt ihr, und Passanten verraten ihm, dass es sich um eine Sängerin handelt. Sie betritt ein Haus, und als er sich diesem nähert, stehen zwei Gäste vor dem Tor, die gerade eingelassen werden, und Ishâk schlüpft mit hindurch: Der Hausherr nimmt an, er gehöre zu den beiden; die beiden nehmen an, er gehöre zum Hausherrn.
Es werden Speisen aufgetragen, und irgendwann folgt Ishâk
einem Rufe der Natur (…). Da fragte der Hausherr die beiden Männer nach mir; und als sie ihm sagten, sie kennten mich nicht, fuhr er fort: "Er ist wohl ein Schmarotzer; dennoch ist er von feinem Wesen, also behandelt ihn höflich."
Eine seltsame Verschiebung der Erzählperspektive; denn wie kann der abwesende Ishâk wissen, was da gerade gesprochen wird?
Er kehrt zurück, und nun singt die Sklavin:
Sprich zur Gazelle, die nicht Gazelle ist,
Zum Reh, das doch kein Reh, mit schwarzen Äugelein:
Mit seinen Männchenhörnern ist es doch kein Weibchen;
Und was so weiblich schreitet, kann kein Männchen sein.
Weitere Verse folgen, bis Ishâk sie bittet, ein Lied zu wiederholen,
damit ich sie verbessere; aber da wandte sich einer der beiden Männer zu mir: "Wir haben noch nie einen Schmarotzer mit frecherer Stirn gesehen als dich! Bist du mit dem Schmarotzen noch nicht zufrieden, dass du dich auch noch in fremde Sachen einmischen musst? An dir wird das Sprichwort zur Wahrheit: Ein Parasit – Ein Störenfried!"
Schönes Gefluche, vor allem wegen des seltenen Komparativs von "frech".
Man beruhigt ihn, die drei gehen beten. Währenddessen stimmt Ishâk die Instrumente, was die Sklavin bei ihrer Rückkehr bemerkt. Man fordert ihn auf, ein Lied zu spielen.
Dazu sang ich diese Verse:
Ich hatte ein Herz und ich lebte mit ihm;
Da ward es vom Feuer versengt und verbrannt.
Nie ward mir das Glück ihrer Liebe beschert;
Dem Menschen hat Gott es nicht zuerkannt.
Wenn Liebe die Speise, die ich schmeckte, gibt,
So kostet sie sicher ein jeder, der liebt!"
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.
***
409. Nacht
Alle sprangen auf, setzten sich vor mir nieder und riefen: "Um Allahs willen, unser Gebieter, sing uns noch eine Weise vor!"
Nach einem weiteren Lied und weiterem Bitten um Zugabe, verlangt Ishâk, den "Zänker" hinauszuwerfen, was auch prompt erledigt wird
und aus der Leserperspektive doch ein zweifelhaftes Licht auf ihn wirft.
Dann bittet er auch noch den Hausherrn um die Sklavin. Dieser willigt ein unter der Bedingung, dass Ishâk einen ganzen Monat sein Gast bleibe.
Der Kalif lässt inzwischen nach ihm suchen. Und als dieser einen Monat später erscheint, lässt sein Grimm nach, als er die Sklavin hinter einem Vorhang (!) singen hört, was sie von nun an wöchentlich tun soll.
Also am Vorabend vorm heiligen Freitag!
Zugleich wies er ihr fünfzigtausend Dirhems an. So habe ich, bei Allah, nicht nur mir, sondern auch anderen durch jenen Ritt Gewinn verschafft.
Das wäre auch eine Kategorie: Erzählungen, die vor dem Thron des Kalifen enden. Seine Entscheidungen sind als moralische und rechtliche Leitlinie zu sehen, was dem Zuhörer wohl ein Gefühl von Abgeschlossenheit, i.S.v. "Die Moral von der Geschicht", gibt.
***
Die Geschichte von den drei unglücklichen Liebenden
Al-Utbi berichtet von einer Geschichten-Erzähl-Gesellschaft, in der fröhliche Geschichten ausgetauscht werden, bis die Reihe an einen kommt, der niedergeschlagen wirkt. Befragt, was die Trauer ausgelöst haben mochte, antwortet er:
"Ich hatte eine Tochter, die einen Jüngling liebte, ohne dass wir es wussten. Jener Jüngling aber liebte eine Sängerin; und diese Sängerin liebte meine Tochter.
***
410. Nacht
Der Jüngling hört eines Tages die Sängerin singen:
Wie die Liebe die Menschen erniedrigen kann,
Das zeigen die Tränen der Liebenden an.
Doch wird von bittersten Qualen geplagt,
Wer niemanden findet, dem er sie klagt.
Nachdem der Jüngling die Sängerin um Erlaubnis gebeten hat, sterben zu dürfen, tut er das. Auf die Nachricht von seinem Tod hin stirbt die Jungfrau, und daraufhin die Sängerin, so dass am Friedhof die drei Liebenden gleichzeitig beerdigt werden.
Die Konsequenz der kurz aufeinanderfolgenden Tode erinnert an Grimms Märchen "Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben".
***
Der deutsche Übersetzer Littmann bemerkt ihr, dass in Burtons Ausgabe hier eine orientalische Geschichte eingeschoben sei, die in keiner anderen arabischen Ausgabe auftauche und die die schöne Reihe der Geschichten von unglücklich Liebenden störe. Er lasse sie also weg.
***
Die Geschichte der Liebenden vom Stamme der Taiji
El Kâsim, der Sohn des Adî, erzählte von einem Manne aus dem Stamme der Tamîm, dass der ihm berichtet habe…
Das wäre schön zu erfahren, ob der Erzähler sich diese Autorenverschachtelungen ausdenkt oder ob sie einen wahren Kern haben.
Zwei Liebende begegnen einander mit ihren jeweiligen Stammes-Angehörigen an den Wassern des Banu Taiji
Unklar, wo das sein soll.
Die Gruppe hält die jeweils Liebenden auf, doch diese rasen aufeinander zu und stürzen, als sie sich treffen, tot zu Boden.
Regeln im Improtheater? Nein. Gewohnheiten!
Ich würde gern auf den Begriff „Regeln“ im Improtheater verzichten, wenn es um allgemeine Dinge wie „Akzeptieren“, „Zuhören“, „Unterstützen des Partners“ usw. geht. (Das bezieht sich nicht auf Spielregeln eines Impro-Games.)
404., 405., 406. und 407. Nacht
Als eines Tages der Prinz Adî ibn Zaid nach Hira kommt, verliebt sie sich in ihn und er in sie, ohne dass sie sich wirklich begegnen.
Und lenket eure Schritte zum Land der Täler hin;
Geleitet mich zu Landen, in denen Hind verweilet;
Dann geht und bringt die Kunde von meinem treuen Sinn.
***
406. Nacht
Nach drei Jahren aber ergrimmte der König wieder Adî und ließ ihn töten.
Und Schlaf will meinem Lid sich nicht gewähren.
Aus wunden Augen ihn zur Liebe lud.
Als er jedoch zurückkommt, nimmt ihm Muslim ibn el-Walîd die Speisen ab, schlägt ihm die Tür vor der Nase zu und höhnt:
War trüb im Herzen und an Gliedern rein – ?“
die höher ragen als ein Götzenschrein.“
Vorstellungskraft
„Ich recherchiere nicht gern. Das hemmt die Vorstellungskraft. Aber es ist seltsam. Ich habe mir mein Finnland im Kopf ausgemalt, und als ich da war, stellte ich fest, dass alles ganz exakt so aussieht wie im Roman. Ein echtes Déjà-vu.“ (Haruki Murakami)
402. und 403. Nacht – Wissen und Leben II

5) Seit einer halben Stunde stand er nun schon so da. Jemand musste vergessen haben, die Akkus des vollautomatischen Rugby-Schiedsrichter-Roboters aufzuladen.
*

6) „Essen, Schlafen, Lustmord, Leichen verbuddeln..“ Einen Tag vor seinem 65. Geburtstag wurde Alwin Henning klar, dass er sein gesamtes Erwachsenen-Leben doch recht eintönig verbracht hatte. Es musste doch noch mehr geben, als dieses ewige Essen, Schlafen, Lustmord, Leichen verbuddeln. Aber was?
*

7) Erika Niemann und Holger Pfirsich waren kurz davor auszuflippen: Was hatten die sich in der Design-Abteilung von Robotron dabei wieder gedacht, das Akkufach des Rugby-Schiedsrichter-Roboters so fitzelig unter der Achselhöhle einzubauen? Und dass, wo doch heute der Verein Hacke Hagelberg seinen Titel gegen Hucke Hagenow verteidigen sollte!
*

8) Das war schon erstaunlich mit einer einzigen Wischbewegung auf seinem iPad, das in der neuen Winter-Edition von Apple auf einem praktischen Ziehwägelchen geliefert wurde, konnte Professor Sergej Sergejewitsch Sergejew den bei der diesjährigen Tundra-Schmelze gefundenen Mammut-Penis ganz bequem im vom archäologischen Institut bereitgestellten Penisköcher verstauen. Einfach rein. Und wieder raus. Und rein. Und wieder raus.
*

9) Beim Finale der Rugby-Meisterschaften der fünften Liga Nordost zwischen Hacke Hagelberg und Hucke Hagenow warteten die beiden Mannschaften seit einer geschlagenen Stunde auf den Anpfiff. Sollte es mal wieder ein Problem mit dem Rugby-Schiedsrichter-Roboters geben?
***
402. Nacht
Der Erzähler berichtet, dass Abu Amir den Jüngling betend antrifft und als er ihn am nächsten Tag wieder besucht, ist er tot. Bei ihm findet er den Rubin,
der Tausende von Dinaren wert wahr. Ich sagte mir: „Bei Allah, dieser Jüngling übte die Weltentsagung in vollkommener Weise!“
Den Rubin lässt er Harûn er-Raschîd zukommen, der ihm bestätigt, der Vater des Jünglings zu sein. Nachdem sich Harûn das Grab des Jünglings zeigen lässt, bittet er Amu Amir, sein Freund zu sein. Doch dieser lehnt ab.
Das ist allerdings höchst sonderbar oder gar einmalig: Nicht, dass die Freundschaft des großen Herrschers ausgeschlagen wird, sondern Harûn er-Raschîd, der ja allenfalls mit ein paar Flausen wie Jähzorn ausgestattet ist als nicht freundschaftsfähig darzustellen, zumal er ja andauernd gerühmt wird und anzunehmen ist, dass einige Geschichten, ihm zu gefallen verfasst wurden. Abu begründet:
Ich bin der Fremdling, der bei keinem einkehrt;
Ich bin der Fremdling in der eigenen Stadt;
Ich bin der Fremdling ohne Sohn und Sippe,
Der keinen Freund zu seiner Zuflucht hat.
In den Moscheen kehr ich ein und wohn ich;
Für sie schlägt stets mein Herze ungeteilt.
Preist Gott für seine Huld, den Herrn der Welten,
Solange noch der Geist im Leibe weilt!
Ferner wird erzählt
***
Die Geschichte von dem Schulmeister, der sich auf Hörensagen verliebte
Wieder eine Geschichte aus zweiter (bzw. wenn man Schehrezâd mit einrechnet) aus dritter Hand: Ein Mann berichtet, einen gelehrten Schulmeister kennengelernt zu haben, was allen Vorurteilen zuwider läuft, nach denen Lehrer von Kindern eher ungebildet seien.
Ich erprobte seine Kenntnisse in den Lesarten des Koran, in der Grammatik, in der Dichtkunst und in der Sprachkunde, und siehe da, er war in allem, was von ihm verlangt wurde, bewandert.
Er besucht den Schulmeister mehrmals, und eines Tages findet er ihn krank und trauernd niederliegen, da seine Geliebte gestorben sei.
Es stellt sich heraus, dass es sich nur um einen Character in einem Scherzlied handelte, in die er sich verliebt hatte, als er die erste Strophe gehört hatte, und die er betrauert, als er Tage später die zweite Strophe vernommen hat.
403. Nacht
So überzeugte ich mich, dass er wirklich doch ein dummer Kerl war, verließ ihn und ging davon.
Eine kleine harmlose Anekdote, die möglicherweise durch das Scherzlied einen unübersetzbaren Reiz hat, aber sie verliert ihn auch gleich wieder, da der Lehrer, wenn er gerade in den Schrift- und Dicht-Künsten so bewandert ist, doch zumindest von fiktiven Figuren wissen müsste.
***
Die Geschichte vom törichten Schulmeister
Eine Variante des Obigen mit gleicher Ausgangssituation.
Hier lädt der Schulmeister den Erzähler zu sich nach Hause ein. Und als alle schlafen gegangen sind, hört man durchdringende Schreie aus dem Harem. Der Schulmeister liegt in seinem Blut:
„Als ich dich verlassen hatte, setzte ich mich nieder, um über die Werke Allahs des Erhabenen nachzusinnen. Und ich sagte mir: In allem, was Allah für den Menschen geschaffen hat, liegt ein Nutzen verborgen. Er, dem Preis gebührt, hat die Hände zum Greifen geschaffen, die Füße zum Gehen, die Augen zum Sehen, die Ohren zum Hören, die Rute zum Zeugen und so weiter, nur diese beiden Hoden da haben gar keinen Nutzen. Da nahm ich das Rasiermesser, das ich bei mir hatte und schnitt sie beide hat.“
Dieselbe Moral folgt.
***
Die Geschichte von dem Schulmeister, der weder lesen noch schreiben konnte
Ein Analphabet eröffnet eine Schule und arbeitet, indem er die Kinder in zwei Gruppen teilt. Den einen sagt er „Lies!“ Den anderen: „Schreib!“ So bringen sie es sich gegenseitig bei.
Wie das gehen soll, ist mir ein Rätsel.
Eines Tages bittet ihn eine Frau, ihm einen Brief vorzulesen. Das kann er schlecht ablehnen, also spielt er tiefste Ergriffenheit mit starker Emotionalität vor.
„Lieber Herr, wenn er tot ist, so sagt es mir!“ Er aber schüttelte den Kopf und schwieg. Da fragte die Frau: „Soll ich mein Gewand zerreißen?“ – „Zerreiß es!“, erwiderte er. Weiter fragte sie: „Soll ich mir das Gesicht zerschlagen?“ – „Zerschlag es!“, gab er zur Antwort.
Und so glaubt sie, der Mann sei verstorben. Doch ihre Nachbarn lesen ihr später vor, im Brief stünde, der Mann schicke ihr einen Kohlendämpfer und eine Decke.
Feedback in Improtheater-Gruppen
(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management„
Fiddling with your work system
„If, like me, you’re always fiddling with your work systems, reorganising your stuff, testing new tricks for cultivating habits… take comfort. One tactic works for a while, then the self-sabotaging part of your brain gets wise to what you’re doing, and the cycle begins again.“ (Oliver Burkeman, Guardian 30 November 2013)
Freiheit und Grenzen beim Storytelling
Man kann sich die Optionen beim Storytelling wie bei einer umgekehrten Pyramide oder einem Trichter vorstellen: Zu Beginn ist praktisch alles möglich. Wir assoziieren frei und wild. Je mehr aber bereits etabliert ist, umso mehr sind die Möglichkeiten limitiert.
Das beginnt bereits mit dem ersten Angebot. Ich etabliere meinen Mitspieler als „Papa“, dann ist er eben nicht der Pizza-Bote oder der Papst. (Es sei denn, die Story geht genau um einen Typen, der nicht weiß, dass sein Vater der Papst ist oder der Pizza-Bote eigentlich sein Vater.)
Je mehr wir voranschreiten, umso eher sollten wir das bereits Etablierte im Auge behalten. Wir müssen praktisch nur noch einsammeln und verknüpfen.
Wenn Improvisierer gar am Ende noch „erfinden“, wirkt die Story für uns als Zuschauer konstruiert. Das beste Rezept für ein schlechtes Ende: Einfach Aliens einführen, die die ganze Zeit am Werk waren (z.B. im Film „The Forgotten“).
Why you go to a live performance
„A concert is not to hear the music as it really is. That’s for the studio to do. (…) When you do a concert, they come to see what you do, you know, they come together. It’s an excuse as well as a groove for them all to come together and for them all to join hands, embrace each other and have a common feeling.“ (Mick Jagger)
(Min. 5:30) … Weiterlesen
Marina Abramovic – To be an artist, to be present
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„How do you know, you’re an artist? That’s the main question. (…) It’s like breathing. (…) So if you wake up in the morning and you have some ideas and you have to make them and it has become some kind of obsession that you have to create, and you have this urge to create, you’re definitely an artist. You’re not a great artist, you’re an artist. To be a great artist, there are all different kind of rules…“
„The great astists have to be ready to fail which is something not many people do. Because if you have success, then the public accepts you in a certain way, you start somehow involuntarily reproduce the same images, the same type of work. And you’re not risking. Real artists always change the territories. They go to the land where they’ve never been. (…) And there you can fail. That failure actually is what makes this „extra“. The readiness to fail is what makes great artists.“
„As a young one, if you want to be famous and rich, you just can forget about it. It’s not a good idea being an artist. The money and the success is not the aim. It’s just a side effect.“
„I had an old pfrofessor whom I loved very much. He gave me two advices. He said: If you’re drawing with your right hand and you’re getting better and better, and you become vituous, you can do it with closed eyes, you can draw anything you want, the immediately change to the left hand. That was an important advice, because if you become ‚routine‘, that’s the end of everything. And the second great advice, he said to me: ‚In your life time you’ll probably have one good idea, if you’re a really good artist. And if you’re a genius, two good ideas, and that’s it. But be careful with them.“
„When I was young I had a lot of ideas, but they weren’t linear. So I never developed a certain style that would be recognized. So I had this obsession about one thing, and I had to do it. And mostly I would do the work I’m afraid of. If I’m afraid of an idea, this is exactly the point I have to go to. If you do the things you like, you never change, there is nowhere. You will always do the same shit again and again. But if you do things that you don’t know, that you’re afraid of, something really different, then it’s really important to go to that different pattern. (…)
One of my exercises for my students: For three months they had to buy hundreds of sheets of paper and one rubbish can. And every day the will sit on the chair and write good ideas. And the ones they like, they put on the left side of the table, and the ones they don’t like they put in the rubbish. And after three months, they all want to present the good ideas. I’m totally not interested in good ideas. I just took the rubbish cans. And every single idea was incredible, the ones you reject, the ones you don’t want to deal with.“
„It’s also interesting which media you should use. You may be a painter, and if you want to be a performer it doesn’t work. (…) You have to know which tool is best for your expression. So for me, to recognize a good performance artist is really simple: The idea can be totally shit, the execution can be wrong, but it’s just the way how he stands, and that’s it. In the space, you know, how you occupy physically the space, and what that standing does to everybody else looking at that person. That kind of difference really makes the difference. It’s a certain energy. You recognize it right away. And you can learn how to execute things, ideas and all the rest. But it’s about energy you cannot learn. You have to have it. It’s just there, when you’re born.“ [Here I would disagree. I’ve seen students freeing themselves from their own limitations, gaining an extraordinary stage presence. – DR]
„One of the lectures [lessons??] of Robert Wilson when I was doing the theater piece with him. He was saying to the actors and to me: „When you’re standing in one place and you take it to the next movement, you’re not present.“ So this is an incredibly important lesson. When you’re standing in one place, you can’t think of the next step. The next step has to come with your body and mind together. Otherwise you’re missing that moment of presence. So, it’s a hard thing to do, but it’s quite important. There are lots of exercises how to learn that presence.“… Weiterlesen
Arbeitsroutinen von Künstlern XVIII – Der Spaziergang
Der Spaziergang scheint für viele kreative Geister – für Schriftsteller und Musiker mehr als für Maler und Wissenschaftler – ein wichtiger Teil der Tagesroutine zu sein. Sowohl Schriftsteller als auch Musiker müssen den inneren mit dem äußeren Rhythmus harmonisieren. Was ist damit gemeint? Ein Schriftsteller kann eine Grundidee für ein Buch, eine Story, ein Kapitel aus einem Roman im Kopf fertig haben. Ein kreatives Problem besteht aber darin, dass der Prozess des Schreibens mit dem Prozess des Denkens in Einklang gebracht werden muss. Jeder hat schon mal das Gefühl gehabt, dass man nicht so schnell schreiben kann wie einem die Gedanken in den Kopf schießen. Oder auch umgekehrt: Der Schreib-Impuls ist da, aber die Gedanken können nicht mithalten. Ersteres führt zu Schludrigkeiten des Ausdrucks, zweites zu Schreibblockaden.
Spazieren kann den nervösen Geist beruhigen und den lahmen Geist auf Trab bringen. Da wir mit dem Spazieren kein bestimmtes Ziel haben, bleibt der Geist auch eher bei uns als Pflichten nachzuhängen. (Es wäre also Quatsch, einen Künstler-Spaziergang mit Erledigungen zu verknüpfen.)
Spazieren ähnelt in manchem der Gehmeditation. Aber anders als bei dieser erlauben wir unserem Geist zu fliegen: Man kann einen Gedanken eher vorantreiben als auf dem Sessel.
Aber auch zielloses Rumspinnen funktioniert beim Spaziergang eher als beim Spiegeleier-Braten. Dieses ziellose Denken, für das Künstler ja oft gehänselt oder belächelt werden, ist aber ein entscheidender Teil des kreativen Prozesses. Die Impulse, die wir täglich aufsammeln, müssen in unserem Hirn verarbeitet werden, müssen die Möglichkeit haben, sich neu zusammenzusetzen (ähnlich, wie es in Schlafträumen geschieht). Wir brauchen die Möglichkeit, auch Unbrauchbares, Unmögliches zu denken. Der Künstler ist schließlich kein Sachbearbeiter.
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Sergej Rachmaninow (1873-1943)
2 Stunden Üben
4 Stunden Komponieren.
Zeit-Mangel empfand er nur beim Komponieren.
Wladimir Nabokow (1899-1977)
Die Erstentwürfe seiner Romane schrieb er auf Karteikarten, die er in langen Karteikästen aufbewahrte.
Diese Kästen dienten ihm auch als transportable Schreibtische.
Als junger Mann schrieb er vormittags, dabei kettenrauchend.
Später: Aufwachen am Morgen, meist geweckt durch eine Dohle vorm Balkon. Im Bett bleibend – Nachdenken.
8 Uhr Aufstehen, Rasieren, Frühstück, Meditation, Badezimmer.
Mittag gegen 13 Uhr.
Weiterarbeiten ab 13:30 Uhr bis 17:30 Uhr.
Zeitungen. Abendessen 19 Uhr, danach keine Arbeit mehr.
Zu Bett gegen 21 Uhr, dann lesen bis 23:30 Uhr!
Kampf gegen Schlaflosigkeit bis 1 Uhr.
Hobbys: Fernsehen (selten für regelmäßig erfolgreich arbeitende Schriftsteller), Sonnenbaden, Erstellen von Schachrätseln!
Balthus (1908 – 2001 !!)
9:30 Uhr Frühstück
Danach ins Studio, das außerhalb des Dorfs lag.
„Ich habe stets beim Arbeiten geraucht. (…) Ich verstand intuitiv, dass das Rauchen meine Konzentrationsfähigkeit erhöhte und mir erlaubte, in die Leinwand einzutauchen.“
[Sicherlich hätte er es auch anders geschafft, sagen wir, mit einem Lolli, wenn er diese Gewohnheit nicht schon seit seiner Jugend gehabt hätte. Und fast scheint es mir unverantwortlich, dieses Zitat im Zusammenhang mit dem von ihm erreichten hohen Lebensalter aufzuschreiben. Aber so ist das Leben. Und ich vermute, dass sein hohes Alter seiner andauernden Bewegung und seiner Arbeit zuzuschreiben ist.]
Exkurs:
Regionen, in denen die Lebenserwartung extrem hoch ist, beunruhigt mich. Zusammengefasst, sind die Voraussetzung diese:
– andauernde Freundschaften
– geerdete Spiritualität
– überwiegend vegetarische und vielseitige Ernährung,
– natürliche Bewegung, d.h. die alltäglichen Handlungen sind bewegungsreich
– täglicher Lebenszweck – ein täglicher Grund, warum man aufsteht
– tägliche Ruhepause
– gute Familienbeziehungen und -traditionen
– mäßig essen und wenig Alk
– sich in gute Gesellschaft begeben.
(s. Dan Buettner)
16:30 Rückkehr ins Landhaus.
20 Uhr Abendesssen.
Danach Lesen oder Fernsehen.… Weiterlesen
Arbeitsroutinen von Künstlern XVII – Parks und Bibliotheken
Fortsetzung der Lektüre „Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work“
Wenn die Idee so stark ist, dass sie sich fast von alleine bewegt, dass es praktisch nur noch ein Niederschreiben ist, dann kann auch ich fast überall schreiben (ggf. mit einem ordentlichen Paar Ohrstöpsel). Aber wenn das Pflänzchen noch zart ist, der Gedanke auf den Weg gebracht werden muss, dann ist fast jeder Ort eine Zumutung. Im Sommer habe ich mich manchmal in den Park oder den Wald zurückgezogen, um zumindest die ersten Abschnitte per Hand zu schreiben. Den Rest vervollständigte ich per Laptop zu Hause.
Interessant, dass bis auf Karl Marx keiner der hier beschrieben Autoren öffentliche Bibliotheken als Schreibort nutzte. Eigentlich seltsam. Stille wird hier noch mehr als Konvention akzeptiert als „Kein Schweiß auf Holz“ in der Sauna. Vielleicht ist ja genau das das Problem: Man kann es sich nicht richtig gemütlich machen in der Bibliothek, das Sich-Ausbreiten kann von anderen eventuell als Zumutung empfunden werden. Man kann den Text nicht mal laut für sich lesen. Kaffee ist nicht überall erlaubt. Und schließlich war das Schreibgerät des 20. Jahrhunderts – die Schreibmaschine – wohl das Letzte, was in einer öffentlichen Bibliothek erwünscht war.
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Mark Twain (1835-1910)
Seine schaffensreichsten Phasen hatte Twain während der Sommer der 70er und 80er Jahre auf der Quarry Farm in Upstate New York, vor allem seit man ihm ein Schreibhäuschen (da ist es wieder) gebaut hatte.
Arbeitsroutinen von Künstlern XVI – vorläufiges Resümé
Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work
Was lässt sich bis jetzt aus den Routinen der Schriftsteller herausdestillieren:
- Habe Routinen. Gleiche Aufstehzeiten, gleiches Frühstück, gleiche Bettzeiten usw. erleichtern es, den Kopf freizuhaben für die wirklich wichtigen Dinge.
- Schreib viel in einem Minimum an Zeit. 2-3 Stunden genügen schon. Das dann aber täglich.
- Spaziere entweder nach dem Frühstück oder nach dem Mittagessen.
- Alkohol lässt dich früher sterben.
- Soziale Verpflichtungen, Partys usw. auf ein Minimum reduzieren.
- Nickerchen zwischendurch.
- Schreib früh am Morgen oder nachts. In den Zeiten ist es am ehesten möglich, soziale Kontakte zu reduzieren.
- Wenn du nachts schreibst, dann nur wenn du jung bist und nur für deine ersten ein, zwei Romane, sonst gefährdest du deine Gesundheit und dein Sozialleben.
- Wenn du einen Brotjob hast, dann schreib entweder vor der Arbeit oder in der Mittagspause. Reinschrift und Korrekturen am Abend.
- Kein Fernsehen. Internet und Telefon beim Schreiben verbannen.
- Wenn du auf einem Landgut lebst, dann nutze das Gartenhäuschen.
Arbeitsroutinen von Künstlern XV – Und was zählt eigentlich zur Arbeit?
Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work
Aber warum bescheißt man das eigene Unternehmen – sich selbst?
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Friedrich Schiller (1759-1805)
Nachtarbeiter. Der ihn angeblich beflügelnde Duft verfaulender Äpfel ist so legendär, dass ich es schon kaum mehr glauben mag.
Sommers im Gartenhaus. (Da ist es wieder, das Gartenhaus, die Laube, der Pavillon. Das eigene Haus scheint für viele Schriftsteller ein schlechter Ort zum Schreiben zu sein.)
Weitere Drogen: Kaffee, Wein, Schokolade, Tabak und Schnupftabak.
Franz Schubert (1797-1828!!)
Einer der Junggestorbenen.
Arbeitete von 6 Uhr morgens bis 13 Uhr. Dabei andauerndes Pfeiferauchen. Komponierte nie nachmittags. Dann nämlich ins Kaffeehaus, Zeitunglesen.
Im Sommer Spaziergänge in den ländlichen Außenbezirken Wiens. Vermied trotz andauernder Geldnöte andere Arbeiten, wie Klavierunterricht. „Komponieren war für ihn die einzige Arbeit, die zählte.“
Franz Liszt (1811-1886)
4 Uhr morgens Aufstehen, auch nach übermäßigem Alkoholgenuss am Abend zuvor. Den ganzen Tag über Briefe beantworten und Musik ausprobieren.
Starker Alkoholkonsum am Abend.
George Sand (1804-1876)
Täglich ca. 20 Manuskriptseiten, die sie nächtens in einer Art schlaflosem Delirium verfasste. Zur Frage der Drogen meinte sie:
„Inspiration kann durch die Seele sowohl in einer Orgie als auch in der Stille des Waldes erfassen. Aber wenn es daran geht, den Gedanken eine Form zu verpassen, musst du – egal ob auf der Bühne oder in deinem Schreibzimmer – völlig Herr deiner selbst sein.“
Honoré de Balzac (1799-1850)
Er hat einen der seltsamsten Schlafrhythmen: 18 Uhr ins Bett, 1 Uhr Aufstehen und sieben Stunden lang Schreiben. (So kommt er auch auf seine sieben Stunden. Es wirkt auf uns ziemlich kurios, aber wenn man um 23 Uhr zu Bett geht und um 6 Uhr morgens aufsteht, hat man auch nicht mehr oder weniger vom Sonnenlicht des Tages.
8 Uhr ein 90-Minuten-Nickerchen, dann Weiterschreiben.
Massen an Kaffee. Kurz vorm Schlafengehen Besucher empfangen.
Victor Hugo (1802-1885)
Ab seiner Zeit in Guernsey auf den Kanalinseln verfolgte Hugo ein strenges Regime.
Früh aufstehen und zwei rohe Eier zum Frühstück, bis 11 Uhr Arbeiten.
Nachmittags Zeit für Briefe und Familie.
Charles Dickens (1812-1870)
7 Uhr Aufstehen
8 Uhr Frühstück
9 Uhr Schreiben. Totale Stille und Ordnung auf seinem Schreibtisch nötig. Kurze Mittagspause, in der er oft mechanisch dasaß und aß (was auch bei Picasso beobachtet wurde), da er noch von der Arbeit absorbiert war.
14 Uhr weiter schrieben.
Blieb bei seinem strengen Plan auch dann, wenn er statt der üblichen 2.000 Wörter kein einziges zu Papier zu bringen vermochte.
Arbeitsroutinen von Künstlern XIV – Krankheit
Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work
Letzte Woche musste ich, nachdem ich den Montag mit guter Arbeits-Routine abgeschlossen hatte, eine Pause einlegen: In der Nacht packte mich ein furchtbares Fieber. Die Nachwirkungen waren noch bis Donnerstag zu spüren.
Krankheit ist wohl das Schlimmste, was unsere Arbeitsroutine stoppen kann. Entscheidend ist, rechtzeitig wieder anzufangen, und das Gammel-Leben des Kranken nicht in die gesunde Phase mitzunehmen. (Bei einem normalen Büro-Job geht das ja auch nicht.) Schwierig vor allem dann, wenn man nur halb auf den Beinen ist, vielleicht gerade mal eine halbe Stunde etwas lesen kann oder ein paar Mails beantworten und sich dann schon wieder ausruhen muss. Wichtig: Den Flow nicht abreißen lassen. Sich wenigstens ein paar Minuten am Tag Gedanken zum Thema machen, Notizen aufschreiben und vielleicht ein paar ausformulierte Sätze.
Dann Frühstück mit Buch (Krimi oder Humor), Pfeife-Rauchen, Spaziergang mit Hunden.
Abendessen 18 Uhr mit Martini.
„Jede Frau sollte einen Tag pro Woche im Bett verbringen.“
Mittag 11 Uhr. Dann Pfeife und halbstündiger Mittagsschlaf.
Im Alter nur morgens und auch nur wenige Zeilen.
Showmaster-Tugenden
Im Fernsehen wird unterschieden zwischen Talkshow-Mastern, Quizshow-Mastern und Unterhaltungsshow-Mastern.
- Die Grundtugenden des Talkshow-Masters sind Zuhören, Zusammenfassen, Gespräche lenken.
- Die Grundtugenden des Quizshow-Masters sind Knappheit und Klarheit.
- Die Grundtugenden des Unterhaltungsshow-Masters sind Spritzigkeit, Überraschung, Schlagfertigkeit.
Unser armer Improtheater-Moderator braucht all diese Fähigkeiten gleichzeitig.
Publikums-Irritationen
In einem Hildebrandt-Nachruf der heutigen taz verweist der Autor auf den Kabarett-Theoretiker Henningsen, der Kabarett so definiert: „Kabarett [ist das] Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums.“ (Henningsen, Theorie des Kabaretts 1967)
Im Grunde lässt sich das auch auf die Lesebühnen-Texte anwenden. (Obwohl es bei vielen Lesebühnen einen Anti-Kabarett-Reflex gibt, richtet sich der eher gegen das prätentiös-theatrale Element des Kabaretts, in ihrer Form müssen die Lesebühnen im Grunde wohl dazugerechnet werden.)
Und doch wird in viel zu vielen Texten von viel zu vielen Autoren mit dem Publikum gekungelt, der billige, auf Äußerlichkeiten oder Vorurteilen beruhende Witz wird mitgenommen. (Da reicht’s schon, wenn man „Merkel“ sagt oder den Zusammenhang „Latte Machiato – Prenzlauer Berg“ herstellt.
Meine Lieblings-Ausnahmen: Jochen Schmidt, Ahne, und der vor inzwischen sechs Jahren verstorbene Michael Stein.
(Ich könnte sicherlich noch 5-10 Namen nennen, aber dann wäre meine Liste weniger knackig, und die Leserin dieser Zeilen hätte weniger Gelegenheit, darüber zu spekulieren, wer diese anderen 5-10 sind.
Arbeitsroutinen von Künstlern XIII – Familie
Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work
Wenn man sich die mit den Routinen einhergehenden Lebensweisen der Künstler betrachtet, fällt auf, in welch krasser Distanz einige Künstler zu ihren Familien leben: Thomas Manns Anweisung, die Kinder dürften nicht im Haus trappeln, Marx‘ Vernachlässigung von Frau und Kinder und Inkaufnahme von Krankheiten und Tod, die Zurückgezogenheit oder gar der Verzicht auf Familienleben, vor allem bei Schriftstellern erscheint, je nach Perspektive, romantisch oder erschreckend.
Das Problem scheint mir oft, dass man als Schriftsteller nicht ins Büro, ins Atelier oder ins Studio muss. Theoretisch kann man einfach am Küchentisch schreiben. Aber wer das mal versucht hat, weiß, wie schwierig das ist. Selbst das von Woolf geforderte „eigene Zimmer“ ist möglicherweise nicht genug, wenn man nicht die Möglichkeit hat, es abzuschließen, wenn die Kinder hereingepoltert kommen, wenn das Baby schreit oder auch nur die liebende Gattin fragt, wann man Mittag zu essen gedenke. Vor diesem Hintergrund erscheint die Lösung einiger Autoren, sich tatsächlich einen einfachen Büro-Job zu suchen und dann in den Mittagspausen zu schreiben, gar nicht mal so absurd. Einige Lesebühnen-Kollegen haben sich ein Büro gemietet, das sie mit anderen teilten. Ich habe aber noch nie gehört, dass in diesen Büros etwas längeres als eine Lesebühnen-Geschichte oder eine Kurz-Szene für einen Comedy-Sketch entstanden wäre. Denn andere schreibende Kollegen können einen genauso nervös machen wie die Frau. Wenn Büro, dann allein. Im letzten Winter hatte ich das Glück, in den Zeiten, da meine Frau das Kleinkind betreute, eine leerstehende Wohnung, in der es kaum etwas gab als ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl gratis nutzen zu dürfen, ein Quasi-Teilzeit-Büro – leider mit WLAN-Verbindung.
So einsam aber die Tätigkeit des Schriftstellers ist, so verrät uns doch die Lektüre, dass sie nicht unbedingt familienfeindlich ist, da man viel mehr als 3-5 Stunden dieser produktiven Einsamkeit dann doch nicht braucht. (Vergleichen wir dies mit Film-Regisseuren, die durch die Gegend fahren müssen oder Musikern, die ständig an anderen Orten auftreten.) Viel beschäftigter als ein Büro-Angestellter ist man dann auch nicht. Und dass einsame Arbeiten zu Workoholismus verführen, ist bekannt.
Louis I. Kahn (1901-1974)
Unterricht an der Uni, nachmittags nach Hause. Abends wieder ins Büro, wo seine Arbeit an Entwürfen begann. Oft schlief er gleich dort.
George Gershwin (1898-1937)
Anfallsartiges Arbeiten, das meist am späten Vormittag begann und sich dann bis in den Abend zog.
Bemerkenswert: Auch er wartete nicht auf Inspiration, sondern arbeitete in der Hoffnung, dass einige Werke inspirierter sein würden als andere.
Joseph Heller (1923-1999)
Heller schrieb sein berühmtes „Catch 22“ in den Abendstunden nach der Arbeit. Er konnte sich keinen besseren Zeitvertreib vorstellen: „Ich kann mir nicht vorstellen, was Amerikaner abends taten, wenn sie keine Romane schrieben.“
Sehr langsamer Entstehungsprozess. Als er seinen Job aufgegeben hatte, lag er manchmal nachmittags im Bett und dachte stundenlang über den Roman nach.
Beim Schreiben hörte er Musik, vor allem Bach. (Eine Marotte, die wir hier bisher noch nicht gefunden haben. Wie konnte er sich dabei konzentrieren?)
James Dickey (1923-1997)
Arbeitete lange Zeit bei einer Werbe-Agentur, seine Gedichte schrieb er zwischendurch, bis sie ihn schließlich feuerten (trotz seiner guten Arbeit).
Nikola Tesla (1856-1943)
Als er für Edison tätig war, arbeitete er von 10:30 morgens bis 5 Uhr am nächsten Morgen. Später arbeitete er auch tagsüber mit runtergezogenen Jalousien.
Obsessionen: Sein Dinner im Waldorf-Astoria musste bestimmten Ansprüchen genügen, wie dem, dass stets 18 Stoff-Servietten bereit lagen, die er alle benutzte und deren Volumen er beim Aufstapeln berechnete.
Glenn Gould (1932-1982)
Hypochonder.
Verschloss sich oft und lange in seiner Wohnung. Machte zu seiner Hauptwachzeit, nämlich nachts, Telefonanrufe bei Freunden, die er zutextete.
Maximal 1 Stunde pro Tag üben.
Louise Bourgeois (1911-2010!!)
Ihr Leben, aber auch ihr Schaffen war von Schlaflosigkeit geprägt: Wenn sie nachts nicht schlafen konnte, stand sie auf und zeichnete auf Karton. Tagsüber arbeitete sie hart, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu erreichen.
Chester Himes (1909-1984)
Früh aufstehen, großes Frühstück. Dann bis zum Mittag arbeiten. Danach Post. Wenn es gute Nachrichten sind, dann weiterarbeiten.
Keine Wörterbücher o.ä.
Zigaretten, Whisky, Fleisch.
Flannery O’Connor (1925-1964)
Im Alter von 26 Jahren wurde bei ihr die Erbkrankheit Lupus diagnostiziert. Ein regulärer Tagesablauf wurde für sie zur Überlebensstrategie.
6 Uhr aufstehen, Beten, Frühstück, Heilige Messe.
9 -12 Uhr schreiben.
21 Uhr Schlafen.
William Styron (1925-2006)
Schlafen bis Mittag. Denken bis 13:30 Uhr. Dann Mittagessen.
Besorgungen und Post am Nachmittag, womit er sich langsam in einen Arbeitsmodus begab.
Kein Alkohol beim Schreiben. Aber doch ab und zu, „um den Geist zu lockern“.
Arbeitsroutinen von Künstlern XII – Allein oder mit anderen kreativ werden
Impro-Kollegin Claudia Hoppe machte mich neulich in einem Kommentar darauf aufmerksam, dass bestimmte Formen der Kreativität sich eher im Gespräch entfalten. Das betrifft natürlich besonders Bereiche, in denen die Kreativität kooperativ entfaltet wird. Folgerichtig nehmen besonders Firmen aus dem IT-Bereich diesen Gedanken auf und schaffen kreative Zonen, quasi Spielbereiche. So entstehen Sphären, die im normalen Büro-Alltag bzw. der üblichen Büro-Anordnung nicht möglich gewesen wären. Bei Schriftstellern ist in diesem Zusammenhang (wir haben es hier schon ein paar mal gelesen), dass sie das Geschriebene ihren Freunden oder Familienmitgliedern vortragen und diese manchmal Vorschläge unterbreiten, wie es weitergehen könnte. Von Brecht ist bekannt, dass er von seiner Sekretärin Margarete Steffin erwartete, dass sie das von ihm Diktierte, kommentieren und kritisieren würde. Als er sie einem Schriftstellerkollegen „auslieh“ (ich erinnere mich nicht mehr, wer es war), empfand der ihre Kommentare als unangebracht.
Manches lässt sich aber nur allein erschaffen. Über Gauß las ich in diesen Tagen, dass er im Alter von 18 Jahren eines Morgens eine Stunde lang im Bett mit halbgeschlossenen Augen verbrachte, um einen Lösungsweg für die Konstruktion eines Siebzehnecks nur mit Zirkel und Lineal herauszufinden. Er kam auf diese:
Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das im gemeinsamen Gespräch herausgefunden hätte.
*
Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work
Al Hirschfeld (1903-2003!)
Striktes Arbeits-Regime. Den ganzen Tag über wird gearbeitet in einem isolierten Raum, in dem sich aber immerhin ein Telefon befindet. Abends Freunde, Bekannte, Theater, aber keine Partys.
Am späten Abend Lesen, hauptsächlich Philosophie.
Nach Auskunft seiner Frau arbeitete er sogar im Schlaf, da er oft von seiner Arbeit träumte.
Truman Capote (1924-1984)
Capote arbeitete grundsätzlich im Bett und behauptete, nur in der Horizontalen denken zu können. Auch das Tippen erledigte er im Bett mit Schreibmaschine auf den Knien. Dabei: Kaffee und Zigaretten. Am Nachmittag Tee statt Kaffee.
Obsessionen: Ein riesiger Berg an abergläubischen Verhaltensweisen – keine Arbeit an einem Freitag beginnen, zwanghaftes Addieren von Zahlen, keine Unglückszahl am Telefon wählen usw.
Richard Wright (1908-1960)
Wright wohnte lange Zeit bei der Familie eines kommunistischen Parteifunktionärs und lebte von einem Stipendium. Er stand früh auf, um das häusliche Chaos zu vermeiden und schrieb auf gelbem Schreibpapier mit Füllfederhalter und Tinte. 10 Uhr zurück ins Haus und besprach mit der Hausfrau den weiteren Verlauf des Romans. Danach abtippen des Manuskripts. Nachmittags Bibliothek und Freunde. Abends Weiterarbeiten am Manuskript.
H.L. Mencken (1880-1956)
Morgens Manuskript lesen und Post beantworten. Textbearbeitung am Nachmittag, Schreiben am Abend.
Philip Larkin (1922-1985)
Harte tägliche Arbeit, selten Ausgehen, wenig Freunde treffen, sich betrinken am Abend. Versuchte, jeden Tag gleich zu gestalten.
Frank Lloyd Wright (1867-1959!)
Wright schien völlig absorbiert von Telefonaten, Arbeit mit Studenten, Briefeschreiben usw. In aller Frühe von 4 – 7 Uhr sammelte er seine Ideen und brachte sie zu Papier. Oft arbeitete er unter enormem Zeitdruck. Sein berühmtes Fallingwater entwarf er binnen zwei Stunden, als der Kunde bereits im Auto auf dem Weg zu ihm saß.
Arbeitsroutinen von Künstlern XI – Schreib-Material
Gestern besprach ich hier das Notizbuch. Heute möchte ich kurz die Frage behandeln, wo das eigentliche Schreiben stattfindet. (Ich reduziere hier auf Schriftsteller. Mit Malern und ihren vielfältigen, das Werk bestimmenden Untergründen kenne ich mich zu wenig aus. Interessant wäre noch, wie Komponisten verfahren: Stets auf Notenpapier? Oder ziehen sie sich die Linien lieber auf eigenem Papier? Oder gar am Computer mit einem Komponierprogramm?)
Ich schrieb lange Zeit fast nur am Desktop-Computer, in einer Haltung, die jedem Orthopäden die Tränen in die Augen getrieben hätte: Auf einem Bürostuhl mit Klapplehne, nach hinten gelehnt, die Füße auf dem Tisch, die Tastatur auf dem Schoß. Das hätte noch ewig so weiter gehen können. Das Problem war irgendwann, dass die Internet-Aufgaben zu groß wurden und es mich ablenkte, die Option des Surfens zu haben (schnell bei Wikipedia nachsehen –> oder gibt es zu diesem Thema Foren? –> schnell mal Mails abrufen usw.) Ich schrieb dann meine Texte auf einem nicht internetfähigen Laptop und übertrug sie dann auf den PC zum Speichern und Ausdrucken. Schließlich hatte ich einen Laptop mit WLAN-Funktion und nun besitze ich gar keinen Desktop-PC mehr. Das hat im Laufe der Jahre dazu geführt, dass ich die meisten Texte erst mal per Hand in ein Buch schreibe und dann in einem zweiten Schritt abtippe. Oder, was noch öfter passiert: Ich schreibe den Anfang des Textes per Hand, habe dann gewissermaßen den notwendigen Schreibschwung, schreibe dann auf dem Laptop weiter und tippe dann den ersten Teil nach. Manche Texte, die ich quasi schon von vornherein im Kopf habe, brauche ich nicht vorzuschreiben. Ebenso Blog-Einträge wie diesen oder ähnlich Nicht-Fiktionales. Dialoge und Szenen kriege ich auf Papier nicht so gut hin. Gedichte und Lieder kann ich nur per Hand und Stift schreiben.
So sehr ich gestern Moleskine in der Frage der Notizbücher kritisieren musste, so muss ich sie doch heute für ihre Schreibhefte loben. Das von der DIN-Norm abweichende Format ist genau richtig zum Schreiben und Umblättern, das Papier fühlt sich gut an beim Schreiben, hat für Papier, Kuli, Füller und Stift den richtigen Widerstand. Füller und einige Stifte können teilweise etwas durchsuppen, aber das spielt keine große Rolle, wenn man einseitig schreibt. (Das kommt vielleicht ein bisschen wie eine Umweltsauerei daher, aber die linke Seite freizuhalten, ist wichtig für Kommentare, Korrekturen, Anmerkungen usw.)
Bei Blockaden hat mir im Übrigen immer wieder geholfen, eine andere Schreib-Variante zu finden, womöglich kehre ich demnächst zur Reiseschreibmaschine zurück. Kein Witz. (Cafés erübrigen sich dann allerdings als Schreibort, wobei es in einigen Cafés wegen des Dauergedröhnes wahrscheinlich gar nicht besonders auffallen würde.)
Die meisten meiner Lesebühnen-Kollegen schreiben, nach einer kleinen, nicht-repräsentativen Umfrage zufolge am Computer, einige mit ein paar Notizen neben sich oder am unteren Ende des Textes. Einige sind notorische Schreibheft-Schreiber.
So z.B. Volker Strübing, den man oft im Zosch oder im RAW noch besessen an einem Text rumwurschteln sah. Volker schreibt in sehr, sehr großer Schrift. Die Buchstaben teilweise drei Zentimeter groß. Ebenso große Lücken für Korrekturen. (Auf seinem schönen Blog Schnipselfriedhof findet man immer wieder mal Fotos von Schreibheft-Stapeln, die zeigen, wie sehr er seine Hefte liebt.)
Ahne schreibt seine Zwiegespräche mit Gott in Hardcover-Schreibbücher. Er war einer der letzten, die seine Texte überhaupt digitalisierten. Wenn sie zur billigen Sorte gehören, verziert er sie gern mit Eigen-Deko.
Die kurioseste Form des Schreibens hatte Stephan Zeisig entwickelt: Er schrieb seine Texte mit Bleistift in ein Schreibbuch und überschrieb diesen Text beim Korrigieren mit Kugelschreiber.
Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work
Wallace Stevens (1879-1955)
Wie so viele seiner Schriftsteller-Kollegen arbeitete er nebenbei in einer Versicherungsfirma.
Früh um 6 Uhr aufstehen. Zwei Stunden lesen.
9 Uhr im Büro, 16:30 Uhr Arbeitsende.
5-6 km zu Fuß von und zur Arbeit. Auf diesem Weg schrieb er die Notizen für seine Lyrik, die er im Büro vollendete.
Kingsley Amis (1922-1995)
Spätaufsteher. Bis zum späten Mittag im Pyjama. 13-14 Uhr Schreiben, dann Alkohol und Zigaretten. Wenn dringend nötig, noch ein wenig am Nachmittag Schreiben.
Interessanterweise verschiebt sich die Routine im Alter völlig. Vor 8 Uhr aufstehen, waschen, frühstücken, Zeitung. Arbeiten ab 9:30 an dem Punkt, wo er am Abend aufgehört hat. Minimum: 500 Wörter.
12:30 Bar. 15:30 Mittagsschlaf. 17 Uhr Weiterschreiben mit Scotch. Nach dem Abendessen. Fernsehen. 23 Uhr wieder Scotch und Schlaftabletten.
Martin Amis (geb. 1949)
Schreiben von 9-11 Uhr. Dann Lesen, Tennis, Snooker.
Umberto Eco (geb. 1932)
Oft ohne richtige Schreibroutine. Manchmal stundenlang, dann wieder tagelang gar nichts. Routine auf seinem Landsitz: Morgens am Computer E-Mails, dann Lesen, dann bis nachmittags schreiben. Ins Dorf, wo er Zeitung in einer Bar liest. Abends Fernsehen oder DVD.
„Wenn ich in Mailand oder an der Uni bin, bin ich nicht der Herr meiner eigenen Zeit, es gibt immer jemanden, der mir sagt, was ich tun soll.“
Woody Allen (geb. 1935)
Allen wechselt oft die Räume, um die Energie anzufachen. Manchmal auch auf den Balkon oder auf die Straße.
David Lynch (geb. 1946)
Täglich Transzendentale Meditation.
Maya Angelou (geb. 1928)
Aufstehen 5:30 Uhr. Nach knappem Frühstück um 6:30 Uhr in ein kleines Hotel mit nichts als einem Bett und einem Waschbecken. Mindestens bis 12:30 Uhr Arbeiten. Wenn’s gut läuft, auch länger.
Zuhause noch mal das Geschriebene lesen und dann damit abschließen. Manchmal liest sie es abends ihrem Mann vor, der es aber nicht kommentieren darf. Kommentare nur vom Lektor erwünscht.
„Ich bin total zwanghaft, das gebe ich zu. Ich sehe das aber nicht als etwas Negatives.“
George Balanchine (1904-1983)
Die Ideen kamen ihm beim Bügeln. „Das ist die Zeit, in der ich arbeite.“
Arbeitsroutinen von Künstlern X – Das Notizbuch
Was den Malern der Skizzenblock, ist den Schriftstellern, Wissenschaftlern (und oft auch Musikern) das Notizbuch.
Ich habe es in den letzten 20 Jahren immer wieder mit verschiedenen Notizbüchern probiert. Und mit nur wenigen war ich zufrieden. Es sollte im Idealfall leicht in die Jackentasche, eventuell auch in die Hosentasche passen, stabil genug sein, blanko, und (hier scheitern die meisten) eine Gummi-Halterung für einen kleinen Stift angebracht haben. Das Papier möge angenehm sein und der Einband das Auge nicht beleidigen. Wer in diesem Punkt so sensibel ist wie ich, sollte also um Läden wie McPaper einen weiten Bogen schlagen, wenn es um den Kauf von Notizbüchern geht (die man übrigens ganz aktuell wegen ihrer pinken „Mädchen-Ecke“ überhaupt boykottieren müsste.
Man landet dann allerdings schnell im höherpreisigen Segment. Und wenn man nicht gerade voll auf Magnet-Klappbücher mit Hokus-Pokus-Ornamenten steht, bleibt einem fast nur übrig, auf Moleskine zurückzugreifen, aus denen man immer die wortschwalligen Beipackzettel entfernen muss, in denen einem suggeriert wird, Hemingway und Picasso, hätten diese Bücher schon gekauft, dabei haben sie einfach Notizbücher gehabt. Es gibt aber Alternativen: Zum einen sind es die handschmeichelnden in Leder eingebundenen Notizbücher von Ciak, deren Gummizug quer verläuft und in die deshalb wenigstens ein Bleistift ganz gut passt. Das Papier etwas dicker als üblich. Man muss aber auch mit dem ungewöhnlich breiten Format klarkommen. Ab und zu werden in dem Schrottladen „Nanu Nana“ extrem billige Moleskine-Imitate verkauft, die vom Original nur in wenigen Details und nur beim genauen Hinsehen zu unterscheiden sind. Eine schöne Idee sind auch „Paperback“-Notizbücher, für die wiederverwendbare Lederhüllen angeboten werden.
Ein wichtiges, bisher kaum handhabbares Problem ist für mich, wie ich die Notizen ordnen soll. Grob gesprochen fallen meine Notizen in folgende Bereiche:
- Text-Ideen, Gedicht- und Reim-Ideen, Zitate, Erinnerungen, Projekt-Ideen, Kurioses und Aktuelles.
- Impro-Ideen: Gedanken zu Theorie, Workshop-Ideen, Format-Ideen, Impro-Projekt-Ideen
- Privates: neue Telefonnummern und Notizen zu den dazugehörigen Personen, Geschenk-Ideen.
Oft habe ich nun mehrere Notizbücher parallel verwendet, abhängig von den jeweiligen Themen oder von der Schmuddelhaftigkeit/dem Adel des in den Notizbüchern verwendeten Papiers. Das Problem war, dass ich dann völlig durcheinanderkam und vieles nicht mehr finden konnte. Oft blieb ein vager Gedanke: Die Notiz befindet sich auf der linken Seite im mittelgroßen roten Ciak-Buch.
Ich bin vor 2 Monaten auf eine neue Idee gekommen:
Kategorie 1) ist die Größte. Ich mache die Notizen auf der rechten Seite des Notizbuchs.
Für Kategorie 2) drehe ich das Notizbuch um und mache ebenfalls Notizen auf der rechten Seite. Wenn sich Kategorie 1) und 2) treffen, ist das Notizbuch voll und wird nicht weiter beschrieben.
Kategorie Nr. 3) ist die kleinste. Es genügt, wenn ich auf den linken Seiten der Kategorie 1)-Seiten diese Notizen schreibe.
Von den Notizbüchern abzugrenzen, sind die größeren Schreibbücher oder Schreibhefte, die freilich auch manchmal als Notizbücher für größere Einzelprojekte dienen. Dazu vielleicht später mehr.
Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work
Somerset Maugham (1874-1965)
Drei bis vier Stunden jeden Morgen Schreiben. Setzte sich das persönliche Minimum von 1500 Wörtern.
Marotte: Schreibtisch musste vor einer schwarzen Wand stehen, damit Maugham nicht abgelenkt würde.
Graham Greene (1904-1991)
Um den Roman, der ihm am Herzen lag („The Power and the Glory“) schreiben zu können, legte er diesen beiseite und schuf ein paar melodramatische Thriller, um sich und seine Familie über Wasser zu halten. Um nicht von der Familie abgelenkt zu werden, mietete er sich ein Büro, dessen Adresse und Telefonnummer nur seine Frau kannte! Mit 2 Tabletten Benzedrine hielt er in dieser Phase sich wach und produktiv.
Später nur noch 200 Wörter pro Tag. Keine Drogen. Schreiben von 9 Uhr bis 10:15 Uhr.
Joseph Cornell (1903-1972)
Bis 1940 hatte Cornell als Ernährer der Familie einen Tages-Job, bis dahin arbeitete er abends an seinen Shadow Boxes. Später hin und her gerissen, ob er weitere Tages-Jobs annehmen sollte. Schließlich widmete er sich ausschließlich seiner Kunst und seiner Korrespondenz sowie seinen Besuchern in seinem Werkstattkeller.
Sylvia Plath (1932-1963)
Immer wieder tat sie sich schwer, das Schreiben in ihren Tagesrhythmus einzubauen. Frühes Aufstehen, oft noch müde. Schreiben, wenn die Kinder noch schliefen. Oder nach dem Frühstück. Schlaf mit Beruhigungsmitteln, mit denen sie auch ihrem Suizid auf die Sprünge half.
John Cheever (1912-1982)
Frühaufsteher und Frühschreiber. In der Jugend auch nachmittags.
Marotte: Als er älter wurde, zog er sich wie alle anderen Business-Leute, die in dem East-Side-Manhattan-Gebäude wohnten einen Anzu an und betrat den Fahrstuhl, fuhr mit diesem aber in den Keller, wo er in einem Lagerraum sich seines Anzugs entledigte und in Boxer-Shorts bis 10:30 Uhr arbeitete. Den Rest des Tages spazierte er mit der Tochter oder ging in Bars.
Alkoholproblem.
Sexuelle Obsessionen: „Mit steifem Schwanz kann ich das Kleingedruckte in Gebetsbüchern lesen, mit schlaffem Schwanz nicht mal die Überschriften der Zeitungen.“
W.B.Yeats (1865-1939)
„Ich habe nie mehr als fünf oder sechs gute Zeilen pro Tag geschrieben.“ Dies tat er abends.
Sonst: Lesen von 10 bis 14 Uhr, Mittag, dann wieder lesen bis 15:30 Uhr. Dann Waldspaziergang oder Angeln. Die langen Lesephasen brauchte er, da er sein Geld als Literaturkritiker verdienen musste.
Behind the scenes – UCB New York
Als ich im Jahr 2003 das erste Mal das UCB sah, war ich völlig von den Socken. So cool, unprätentiös, schnell, lustig und intelligent konnte Impro also sein. Man halte sich vor Augen, dass hier an manchen Abenden 3 Shows mit je 10 Improvisierern, darunter auch berühmte Fernseh-Komiker improvisieren – ohne Gage! An einigen Wochentagen wird um 0 Uhr eine Show gratis gespielt. Aber auch die normalen Shows kosten nur 5 Dollar. (Die Herausforderung für den Zuschauer ist nur, herauszufinden, wann die Nachwuchs-Spieler auftreten und diese Shows zu vermeiden (Es wimmelt dann oft von verklemmt-versauten Geschmacklosigkeiten.) Das Tempo ist ungeheuer, die Fähigkeit der Verknüpfung ebenfalls. Man schaue sich dieses 9minütige Video an. Es gibt vor der Show kein Warm Up, die Atmosphäre ist entspannt. Man isst Pizza, trinkt Bier.
Man lasse sich aber nicht täuschen: Diese Spieler haben dermaßen viel Impro und Miteinander im Blut, dass sie die Bühne ungeheuer rocken.
In 60 Minuten (in den USA geht eine Improshow selten länger) hauen die Impro-Spieler gutgelaunt eine energiegeladene Szene nach der anderen raus.
Arbeitsroutinen von Künstlern IX – Im Zug
Fortsetzung der Lektüre Daily Rituals. How Great Minds Make Time, Find Inspiration, and Get To Work
Im Zug zu schreiben ist für mich quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Ich weiß nicht, wie es in einem stillen 1.-Klasse-Abteil mit vernünftigem Tisch wäre. Aber auch in der Mitropa kann ich mich nicht konzentrieren. Bestenfalls Notizen für einen Text, manchmal Tagebuch-Einträge, was aber auch schwierig ist, weil man die Schriftart kleinhalten muss, um Mitlesern keine Chance zu geben. Tatsächlich starrte mal ein Business-Typ immer wieder von der Seite ungeniert auf meinen Bildschirm und schaute, fast genervt, weg, als ich ihn anschaute, nur um 5 Minuten später wieder meine E-Mails zu begutachten. Was blieb mir übrig, als ein Word-Dokument anzulegen, Schriftgröße 20 einzustellen und zu beginnen:
Lieber Django!
Neben mir sitzt ein Business-Rotzlöffel, der seine Neugier-Impulse nicht unter Kontrolle hat und nach Ei riecht.
Nichtsdestotrotz arbeite ich im Zug. E-Mails beantworten, Dateien sortieren, Websites aktualisieren. Das geht alles auch offline und erfordert weniger Konzentration.
Pablo Picasso (1881-1973)
Spät ins Bett, spät aufstehen.
Arbeiten ab 14 Uhr bis zur Abenddämmerung.
Bei Mahlzeiten, auch wenn Freunde anwesend waren, sprach er oft wenig und war in Gedanken noch bei seiner Arbeit, auch wenn er sich bemühte, sie zu unterhalten.
Jean Paul Sartre (1905-1980)
„Man kann auch fruchtbar sein, wenn man nicht zu viel arbeitet. (…) Drei Stunden morgens, drei Stunden am Abend. Das ist meine einzige Regel.“
Diese sechs Stunden variierten nach seinen sozialen Bedürfnissen und Verpflichtungen. Meist bis 1:30 Uhr Arbeiten, dann 2 Stunden Mittag mit 1/4 l Rotwein. 15:30 Uhr noch einmal drei Stunden Arbeit, oft mit Simone de Beauvoir.
Drogen: zwei Packungen Zigaretten, dazu Pfeifentabak, Barbiturate, Corydrane (con dem er die zehnfache Menge nahm), Kaffee, Tee, reichhaltiges Essen, Wein, Whisky, Bier, Wodka, Aspirin.
T.S. Eliot (1888-1965)
Für acht Jahre arbeitete Eliot Vollzeit in London in Lloyds Bank, was er gern tat, um sich andere Brotjobs vom Leibe zu halten. Später hasste er diese Arbeit. Später schufen Freunde von ihm einen Fonds über Abonnenten, um ihm ein jährliches Einkommen zu sichern.
Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)
Schostakowitsch schien nie zu arbeiten. Er schuf seine Musik im Kopf, probierte sie nur selten am Klavier aus, sondern schrieb sie einfach auf und spielte sie danach auf dem Klavier.
Sport: Fußball.
Henry Green (1905-1973)
Ein seltsamer Tagesablauf.
Als Adliger schrieb er unter Pseudonym und ging außerdem ohne Not einem Brotwerwerb nach, um geistig gesund zu bleiben und Erfahrungen zu sammeln.
10 Uhr im Büro. Start mit einem Gin! Durchs Büro Spazieren und mit Sekretären schwatzen. 11:30 Uhr in den Pub. Ein paar Bier, dann wieder Gin.
Nachmittags im Büro ein bis zwei Seiten.
Abends Freunde und Bekannte treffen.
Nachts lange wach und Ideen ins Notizbuch schreiben.
Agatha Christie (1890-1976)
Christie hatte nach ihrem Erfolg Schwierigkeiten, Journalisten ihren Schreibtisch zu zeigen, da sie keinen hatte. Sie schrieb, wo es gerade möglich war. Sie zog sich irgendwann im Laufe des Tages von Familie oder Freunden zurück um eine oder eine halbe Stunde zu schreiben.
Aus dem Interview von Pam Victor mit David Razowsky
„I’ve never had abad show in 25 years.“ „Listen to your partner. …then listen to your heart… …then let your brain do what it’s supposed to do… …make sentences… …then say those sentences. …then be internally still and await the wonderful response that’s coming your way. That’s your new move.“ „Your ego is not allowed in the room. Your personality is not allowed in the room. Your politeness is not allowed in the room.“ Das komplette Interview hier: http://pamvictor.blogspot.de/2012/12/geeking-out-withdavid-razowsky.html










