Obama ueber den Zwang, bei politischen Wahlen nicht nur gewinnen zu muessen, sondern auch nicht verlieren zu duerfen:
„No matter how convincingly you attribute your loss to bad timing or bad luck or lack of money – it’s impossible not to feel at some level (…) that you don’t quite have what it takes, and that everywhere you go the word „loser“ is flashing through peoples‘ minds. They’re the sort of feelings that most people haven’t experienced since high school (…), the kind of feelings that most adults wisely organize their lives to avoid.“
Nicht nur als Politiker, sondern auch als Kuenstler sind wir einem Bewertungsdruck ausgesetzt. Ca. die Haelfte aller Impro-Anfaenger muessen eine gewisse Scheu des Sich-Blamierens ablegen. Aber es trifft eben nicht nur die Improspieler, sondern auch Kuenstler aus anderen Bereichen. Brando galt Anfang der 70er als Kassengift. Man kann das Publikum nicht ignorieren, denn diese sind ja die Rezipienten der Kunst, vor allem aber muss die Kunst einen Wert fuer den Kuenstler selber haben. Ich brauche als Kuenstler Ellenbogenfreiheit, um mich kuenstlerisch bewegen zu koennen. Natuerlich gibt es den Leser, den Zuschauer, das Publikum, das meine Kunst geniesst oder ablehnt, aber ich kann nicht jede meiner Bewegungen von den Amplituden der Konsumenten oder Kritiker abhaengig machen.
Witz im Improtheater
„Die besten Improszenen haben grossartige Dialoge, die aus gut gezeichneten Figuren entstehen die eine faszinierende, gedankenprovozierende Situation durchspielen.“ Andy Goldberg in „Improv Comedy“
Weiterschmoekern
Und welches Buechlein darf’s den jetzt sein? Schiebe die 1001 Naechte weiter vor mir her. Aber will ich in die Grube fahren, ohne sie gelesen zu haben? Aber fuer meinen jetzigen Fokus: Wie sind Romane konzipiert?, Wie haelt der Autor den Suspense, wie werden Charaktere erschaffen usw., passt das nun ganz und gar nicht. Trotzdem schleppe ich den 2. Band mit mir durch die USA. Bei meiner ersten Reise hierher, das war im April/Mai 1997 hatte ich denselben Band dabei und bin dann ausgestiegen nach dem ewig langen Teil-Roman „Die Geschichte des Königs Omar ibn en-Numân und seiner Söhne Scharkân und Dau el-Makân und dessen, was ihnen widerfuhr an Merkwürdigkeiten und seltsamen Begebenheiten“.
Ich habe also mitgenommen:
- Theodor Storm: „Erzaehlungen“. In jedem Urlaub macht sich eine Novelle vom Storm gut.
- „Die Erzaehlungen aus Tausendundein Naechten Band 2“
- Lonely Planet: „New York City. City Guide“ Aus naheliegenden Gruenden.
- Elizabeth Gilbert: „Eat, Pray, Love“ (auf dem Flughafen Amsterdam gekauft)
- Mick Napier: „Improvise. Scene From Inside Out“. Um etwas theoretisches Futter fuers Chicago Improfestival zu bekommen.
- Harlan Coben: „Hold Tight“. Auf Verdacht gekauft. Wirkt auf den ersten Blick wie ein guter Thriller.
- William Shakespeare: „Macbeth“ deutsch. Reclam DDR-Ausgabe fuer 1,-M
- William Shakespeare: „Macbeth“ englisch. Reclam BRD-Ausgabe fuer 4,40 Euro = 8,80 DM = 35,- Ostmark.
Und schon am ersten Tag kann ich nicht an mich halten und laufe in den Border’s Buchladen, wo ich vor sechs Jahren all die inspirierenden Buecher ueber Impro gekauft habe, vor allem natuerlich Stephen’s „Free Play“, in das ich mich so verliebte, dass ich es uebersetzte.
Ich zahle 77,00 Dollar (inklusive einer Illinois-Steuer) fuer
- John Wright: „Why is that so funny? A practical Exploration of Physical Comedy“
- Barack Obama: The Audacity of Hope. Thoughts on Reclaiming the American Dream“
- Firoozeh Dumas: „Laughing Without an Accent“
- Andy Goldberg: „Improv Comedy“
Auf dem Flug hat es mir Elizabeth Gilbert angetan, auch wenn ich mich immer wieder ueber sie aergere. Soll man einer wohlhabenden Anfangdreissigerin beim Reisen und der Sinnsuche zuschauen? Sie braucht die Sinnsuche, als sie feststellt, dass sie nun doch nicht verheiratet sein will und keine Kinder moechte. Und so unkorrekt der Gedanke auch ist, so schiebt er sich immer wieder ein: Wenn du, liebe Elizabeth, Kinder haettest und fuer sie Verantwortung uebernehmen wuerdest, kaemst du gar nicht auf die Idee, nach Eat Pray Love zu fragen, diese Dinge haetten dann schon ihre Wirkung aus dem Tun heraus. Aber man liest natuerlich weiter. Dafuer ist es dann doch flockig und geschickt genug geschrieben. Immer wieder huebsche kleine Metaphern, ein bisschen Selbstironie, unprotzige Minidemonstrationen ihrer Intelligenz. Bis Seite 54 bin ich anstrengungslos gekommen. Der lockere Stil der Kolumnistin, der nie ermuedet, weil er nie zu grosse Boegen wagt, wahrscheinlich waere sie auf den Lesebuehnen perfekt.
Vielleicht aber kommt es einem auch nur zu abgeschmackt vor, wenn man gerade „Die Lebenden und die Toten“ von Simonow hinter sich hat, in der SInzow auf der ersten Seite vomKriegsausbruch ueberrascht wird, versucht, sich nach Grodno durchzuschlagen, in deutsche Kessel geraet, in Gefangenschaft, dann ausbricht, um ihn sterben Kameraden, Vorgesetzte, Untergebene. Und die Parteibuerokratie haelt ihn fuer einen Verdaechtigen, weil er sein Parteibuch verloren hat. Gleich stuerzt er sich wieder in die Schlacht vor Moskau, das Blatt wendet sich, und das Buch endet damit, dass er, der Nichtraucher, sich nun eine Zigarette anzuendet, da er den Gedanken erst mal verdauen muesse, dass der ganze Krieg nun erst vor ihm laege.
Foxy Simpson
Inseln des Könnens
Wie gehen wir mit Szenen, Spielen, Fähigkeiten um, die uns nicht liegen, die wir scheinbar nicht beherrschen? Man suche sich Inseln des Könnens. Angenommen ich glaube, nicht singen zu können, so kann ich wenigstens den Takt klatschen. Angenommen, ich kann kein sinnvolles Gedicht improvisieren, so kann ich wenigstens lautmalerisch Reimen. Das Spiel mit Form ist uns gegeben. Wir können uns von diesen kleinen Inseln des Könnens aus bewegen, Brücken bauen in andere Gebiete der Kreativität. Es kommt darauf an, mit der improvisierend-spielerischen Haltung ans Werk zu gehen, mit dem zu spielen, was uns gefällt, was uns seltsam erscheint, und sogar mit dem, was wir völlig bekloppt finden. Indem wir es nämlich in die Hand nehmen und es formen, wird es zu unserem Werk.
Angst, nicht ernstgenommen zu werden
Aus der immerwiederkehrenden Betonung des Professionalismus bei Schauspielern scheint die Angst zu sprechen, nicht ernstgenommen zu werden. Vielleicht erwarten sie instinktiv doch noch, dass jemand faules Obst werfen oder den Dilettanten hinter der Maske erkennen könnte. Dazu Jaecki Schwarz in der taz:
Frage: Anna Maria Mühe, die Tochter Ihrer damaligen Filmpartnerin Jenny Gröllmann, sagt, dass sie sich selbst noch nicht als Schauspielerin bezeichnen würde, weil sie noch am Beginn dieses Berufs stehe …
Antwort: Ich finde diese Einstellung bewundernswert, weil sie so selten ist. Wenn man die Schauspielschule verlässt, ist man noch kein Schauspieler, und deshalb sind Laien, die in Serien und Soaps auftreten, für mich auch keine Schauspieler. Der Beruf ist nicht geschützt – jeder, der einmal vor drei Menschen auf einem Nudelbrett gestanden oder in einem Film eine Wurze gespielt hat, kann sich Schauspieler nennen. Ich bin der festen Überzeugung, dass man in diesem Beruf nie ganz fertig ist, man lernt ein Leben lang. Und gerade das finde ich schön, weil es kein fest vorgegebenes Ende gibt.
Wie wo weiter
Und nun? Zurück zu den „Tausendundein Nächten“? Zum angefangenen Aladin? Wenn es nach den anfänglichen Vorsätzen gegangen wäre, hätte ich die Lektüre schon vor über einem Jahr abgeschlossen. Aber im Gegensatz zu Jochen, der sich beharrlich auch durch die zähesten Stellen von Proust kämpfte, gebe ich immer wieder schnell auf. Klar, man weiß auch, dass man in einigen Erzählungen nur Gerede oder billige Storys erwischt, die sich dann auch noch in die Länge ziehen.
„Was man angefangen hat, soll man auch beenden.“ Diese großelternhafte Weisheit hockt einem natürlich im Nacken, und ich weiß, dass einige der schönsten Erzählungen erst noch kommen werden. Wozu sollte ich mich dann mit den schlechten abgequält haben?
Die Schmidt-liest-Proust-Lektüre hat natürlich viel mehr Spaß gemacht. Gerade beim Buch. Und die Parallelmontage mit den eigenen Aufzeichnungen und der Korrespondenz von vor zwei Jahren ebenfalls.
Ich hatte schon überlegt, die Tausendundein Erzählungen erst einmal völlig beiseite zu legen und mich stattdessen Luhmann oder Shakespeare zuzuwenden. Aber mit Luhmann könnte hier wohl niemand etwas anfangen, und was hätte ich schon zu Shakespeare zu sagen, was nicht jemand anders schon besser gesagt hätte?
Aber warum bräuchte man überhaupt externe Lektüre, um das Blog weiterzuführen? Haben die ersten Blogger nicht einfach nur ihre Beobachtungen beim Internetsurfen notiert. Bov tut das ja oft immer noch.
Man liest ja auch stimmungsabhängig. Nach all der Innenschau ist mir eigentlich wieder ein bisschen nach Handlung zumute. Patricia Highsmith habe ich nach zehn Seiten aus der Hand gelegt. Nun bei Konstantin Simonows „Die Lebenden und die Toten“ gelandet. Ähnlich wie bei Jochen Schmidt ein Buch aus dem Regal meiner Eltern, und als Kind wunderte man sich, warum Erwachsene, die den Krieg erlebt haben, über diese schlimme Zeit auch noch lesen wollen. Die Lektüre dann schon enttäuschend, die Schwarzweißzeichnungen der Figuren grenz oft ans Lächerliche, auch in ihren Brechungen. Nach dem ersten Kapitel habe ich es schon beiseite gelegt. Und doch zieht er einen immer tiefer in den Kriegsverlauf. Man will wissen: Schafft Sinzow es denn nun nach Grodno oder ist da schon Krieg? Landet er bei der Zeitung oder an der Front? Sind sie jetzt von den Deutschen eingekesselt? Kommen sie aus dem Kessel raus? Kommt er jetzt in deutsche Kriegsgefangenschaft, womöglich gar ins KZ? Schafft er es bis nach Moskau? Halten ihn die eigenen Leute für einen Spion? Trifft er seine Frau wieder? Spielt Stalin noch eine Rolle? Bekommt er sein Parteibuch wieder? Die Erzählung wird natürlich immer grotesker. Um ihn herum sterben alle, und es ist klar, dass wir von seinem Tod erst am Ende der Trilogie lesen werden. Oder vielleicht ist die letzte Szene auf dem Soldaten-Friedhof. Und dennoch liest man immer weiter. Man will es wissen, weil man nicht dabei war.
Wieviele Seiten sollte man eigentlich einem Buch geben? Sicherlich hält man bei Empfehlungen länger durch. Dem „Namen der Rose“ oder den „Satanischen Versen“ gönnt man auch schon mal 50 Seiten, um dem Buch eine Chance zu geben. Aber ein Krimi sollte einen schon nach 5 Seiten hineinziehen. Stephen Kings „Shining“ habe ich tatsächlich 200 Seiten weit gelesen und mich immer wieder gefragt: Wann wird es denn nun spannend. Bei „Der dunkle Turm“ hat eine halbe Seite genügt, mich zu verschrecken. Aber, wie Jochen Schmidt richtig bemerkte, man muss auf spezielle Weise gestimmt sein, um sich überhaupt auf ein großes, wirklich gutes Werk einzulassen. „Hundert Jahre Einsamkeit“ habe ich in der Mitte unterbrochen, und dann dauerte es ein halbes Jahr, bis ich mir die Zeit nahm, es wieder anzufangen.
Eine heikle Frage betrifft natürlich die Bücher von Kollegen: Welche liest man, welche nicht? Ich bin da sicherlich fleißiger als die meisten. Selbst die Kurzgeschichten habe ich oft noch einmal gelesen. Die CDs höre ich mir allerdings überhaupt nicht an. Ich würde nicht soweit wie Jochen gehen und behaupten, Hörbücher seien etwas für Idioten, aber das Meiste habe ich ja bereits auf der Bühne gehört. Und von hörbücherhörenden Autofahrern halte ich viel, ich bin bloß kein Autofahrer.
Wiederentdeckte Spiele – Werbe-Agentur
Ein Spiel zum Training des Au-Ja-Muskels und fürs hemmungslose Hinzufügen.
Ca. 4 Spieler. Vorschlag vom Publikum ein Produkt.
Jeder Werbe-Fritze macht nun einen Vorschlag zum Werbe-Clip:
– Wo soll der gedreht werden.
– Wer soll darin spielen.
– Was soll geschehen.
Alles wird begeistert aufgenommen. Jeder neue Vorschlag bezieht sich direkt auf den alten.
Anschließend wird der Clip gespielt.
Hinzufügen
Aus „Unsolicited Advice About Auditions“ aus dem Improtagebuch von Ben Whitehouse. Zum Thema Hinzufügen:
One of my favorite teachers Christina Gausas always says „An improviser shows their personal style by ‚anding‘.“ This is extremely true for auditions situations. remember how you „and“ is your signature. Only you „and“ the way you do, because let’s face it „Yessing“ is just agreeing with your partner’s „and.“ Be sure to give really jusicy „ands.“
Genau. Das Hinzufügen wird ja oft unterschätzt. Dabei geht es genau darum.
2. Show in der Kulturbrauerei
(4)
Storytelling und Regie
Übung für Strukturen und Langformen.
Zwei Schauspieler spielen eine Szene ohne zeitliche oder örtliche Veränderung.
Ein dritter Spieler führt von außen die Regie/das Buch/die Dramaturgie. Sämtliche Änderungen wie Orts und Zeitwechsel, Einführung neuer Figuren werden von ihm entschieden, und zwar konkret. Ebenso das Ende des Stücks.
Piep, Piep!
Wieder ausgegrabenes Spiel bei Johnstone, das ich völlig vergessen hatte und das gut geeignet ist, um Sprechern ein Gefühl für Publikumskontakt zu geben: Die Zuschauer haben den rechten Arm erhoben und senken ihn langsam. Der Sprecher hat die Aufgabe, während eines Monologs mit den Zuschauern immer wieder Augenkontakt herzustellen. Gibt es Augenkontakt hebt der betreffende Zuschauer wieder den Arm. Sinkt die Hand auf Kniehöhe macht dieser „piep-piep-piep“.
Johnstone macht in diesem Kapitel auch darauf aufmerksam, wie feindselig der „gleitende Blick“ wirkt. „Große Entertainer lösen das Problem, indem sie praktisch ununterbrochen Erkennungssignale aussenden – auch wenn die Lampen sie blenden – und überzeugen uns damit, dass sie uns gesehen haben.“
Become quieter – Zuschauerkontakt durch Stille
„The most reliable gauge of an audience’s interest is the extent to which they cough. A cough is a clear sign that a person has detached a little from the show and getting fidgety. I have heard that putting on a show is ‚the art of stopping people coughing.‘ (…) The lesson I quickly learned, which goes against every natural instinct when you are on stage showing off to people, is that they are losing interest and starting to cough, you must become quieter.“
Derren Brown: „Tricks of the mind“
Gegenstände spielen
Ein hübsches Feature, das bei Anfängergruppen oft noch in der Ausspinn-Phase zu finden ist, geht bei Profis leider irgendwann verloren: Gegenstände zu spielen.
Ich vermute, dass das damit zu tun hat, dass die Szenen sich auf Dauer ähneln. Oft handeln die Geschichten davon, dass sich die Gegenstände befreien, was vielleicht auf der Hand liegt, da wir sie sozusagen als unbeweglich im Kopf verankert haben.
Wichtig wäre also, der eigenen Logik der Objekte zu folgen und sie vor allem mit komplexen Emotionen auszustatten.
Premieren-Fotos
Schwierigkeiten, das Einfache zu lehren
Lässt sich wirklich das am besten lehren, was man selbst bewusst erlernt hat. Jahrelang glaubte ich, die wichtigste, wenn nicht gar die einzige Regel des Improtheater sei Akzeptieren. Das stimmt sicherlich für viele. Aber es gibt einige Anfänger, die sowieso alles akzeptieren, denen aber der Wille fehlt, die Bühne zu betreten, oder solche, denen der Sinn fürs Spiel abgeht. Beides hat mir nie auch nur annähernd gefehlt.
Tatsächlich funktionieren ja gerade deshalb viele Impro-Übungen: Weil sie als Spiel angelegt sind. Was aber, wenn jemand, genau diesen kindlichen Sinn, sich überhaupt auf ein Spiel einzulassen, verlernt hat? Man schreitet voran und der Schüler „erledigt“ brav und aufmerksam seine Aufgaben, aber er kommt nie ins Spiel. Die Spiel- und Übungsphantasie des Lehrers wird immer wieder herausgefordert. Kein Schüler ist wie der andere. Oder wie Luhmann sagen würde: Schüler sind keine Trivialmaschinen, die man mit etwas füttert, woraufhin das gewünschte Ergebnis herauskommt.
Premiere in der Alten Kantine
Unglaublich. 130 Zuschauer beim ersten Mal. Wir bemühen uns um eine Art Potpourri längerer und kürzerer Formate. Unsere Fähigkeiten zu zeigen, unsere Freude zu teilen, schnell zu improvisieren.
Bis auf ein paar Stolpersteine, die vielleicht einer nervösen Premieren-Hektik geschuldet sind, ein freudiger Abend. Auf dass es so schön weitergehe.
Wahrheit und Schmerz
„Komik = Wahrheit + Schmerz“, meint John Vorhaus und belegt das recht überzeugend mit einigen Beispielen.
Auf der anderen Seite braucht man sich nur einmal eine echte Tragödie anzuschauen und man wird feststellen, dass die ohne die Elemente Wahrheit und Schmerz ebensowenig funktioniert.
Wahrheit und Schmerz sind also eher Erzähl-Elemente.
Die Komponente Schmerz bewirkt, dass uns das Thema wirklich erreicht und berührt.
Die Komponente Wahrheit sorgt dafür, dass die Story nicht abgeschmackt, billig, lächerlich, oder an den Haaren herbeigezogen wirkt.
Der Unterschied zwischen der Komödie und der Tragödie liegt dann eher darin, wie die Helden mit der Situation umgehen. Vielleicht eine Frage des Timing – in der Komödie leidet der Held in der Regel sofort und immer wieder. In der Tragödie steuert er blind und oft heiter in sein Schicksal.
Andererseits kennen wir das Slowburn aus den Laurel-und-Hardy-Filmen: Wenn die beiden auf ein Dach klettern, wissen wir schon ab der ersten Sekunde, dass Ollie irgendwann an der Regenrinne hängt.
Oder sollte der Unterschied eher in der Doofheit der Charaktere liegen?
Und was ist mit den Todd-Solondz-Filmen? Hier weiß man gar nicht mehr, ob man lachen oder schluchzen soll.
Alberne Impro
Mal schön veralbert. Aber mit den Besten kann man’s ja machen
26.-27.1.07
Es mag so scheinen, als drücke ich mich vor dem letzten Kapitel, den letzten sieben Seiten. Nonsense. Meine Auf- und Ausräumwut nimmt beinahe überhand. Das CD-Regal schaut schon fast traurig leer. Inzwischen sammelt sich nach vier Wochen schon wieder Staub auf den leergeräumten Regalflächen. Trotzdem hält das Gefühl, sich zu befreien an. Ebay dient weiterhin als vorletztes Stadium für Dinge, die mir zum Wegschmeißen zu schade sind. Selbst wenn der Aufwand bei einigen Objekten immens ist, dafür dass man dann nur 1 Euro verdient. Neben Jazz- und Klassikplatten, Punk- und Pop-CDs sind derzeit im Angebot:
eine Wasserpfeife, die ich mir 1996 im Iran gekauft habe. Zwei Mal habe ich versucht, sie in Gang zu setzen. Amateurhaft. Und für einen Nichtraucher ist es letztlich doch nur Müll. Schlimm genug, dass so ein Gerät Jugendlichen das Gefühl vermittelt, rauchen tue nicht weh. Ich fühle mich wie Philip Morris persönlich, der sicherlich auch unter Gewissensbissen litt. Dabei rede ich mir ein, dass die Pfeife sicherlich von einem Schmerzpatienten ersteigert wird, der darauf Haschisch zur Linderung seiner Qualen inhalieren wird.
Schlittschuhe, die mir zu klein sind und die ich zwar gern aber letztlich doch falsch benutzte. Ob ich es in diesem Leben noch mal lerne?
Noch kleinere Schlittschuhe
Zwei Russenkoppel und eine Matroschka. Einen Monat lang fand ich, dass Russenkoppel schick seien. Aber einerseits besaß ich nicht die richtige Kleidung dafür, andererseits widerstrebte es mir, Armeekleidung zu tragen. (Andererseits hatte ich kein Problem damit, eine russische Gasmaskentasche als Tragetasche zu verwenden. Aber woher ich die hatte, weiß ich auch nicht mehr). Ich fand, dass Russenkoppel und Matroschka zusammengehören. Und das sehen anscheinen außer mir noch 11 weitere Leute so, die zwei Tage vor ihrem Ende diese Auktion beobachten.
Eine Zehner-Gruppenkarte für den Besuch einer Impro-Show bei Foxy Freestyle.
Zugegebenermaßen hat das nicht viel mit dem Ausmisten meiner Wohnung zu tun, sondern eher damit, dass wir eine am 13. März in der Alten Kantine startende Impro-Show bewerben wollen.
Dass jemand den Volleyball, den ich schon zwei Mal eingestellt habe, noch kaufen wird, werde ich mir wohl abschminken müssen. Keinen einzigen Euro hat jemand darauf geboten, niemand beobachtet die Auktion. Vielleicht müsste ich ihn auch "Sexy DDR Volleyball" nennen. Das Ding hat damals 40 Mark gekostet, und ich habe fast nie damit gespielt.
Und schließlich das Armee-Telefon, dass mir mein Freund Willy, der damals seinen Wehrdienst bei der Auflösung des Standorts der US-Army in Berlin verbracht hat, schenkte. Mit diesem damals schön transportablen Gerät zapften wir regelmäßig eine Telefonleitung an, die in einem leerstehenden Gebäude aus der Wand guckte, z.B. wenn man etwa nach Russland telefonieren wollte. Damals kostete die Minute Telefonieren noch über vier Mark. Schon ein Ferngespräch nach Leipzig kostete 92 Pfennig. Wahrscheinlich tut es mir um das Telefon am meisten leid, weil so viele Erinnerungen daran hängen. Aber wie sehr hängen sie daran, wenn das Ding in einer Kiste im Keller rumliegt. Wie man sich erinnert, müsste man ja nun bei Proust gelernt haben. Sollte das die Konsequenz meiner Schmidt-liest-Proust-Lektüre sein? Dass ich lerne, mich effektiv zu erinnern. Produktives Erinnern durch Wegschmeißen. Aussterbende Geräusche: Das Ratschen der Telefonwählscheibe. Aussterbende Gefühle: Die Ungeduld beim gemächlichen Zurückklackern der Wählscheibe, wenn man dringend jemanden anrufen musste, dessen Nummer fieserweise aus vielen Achten, Neunen und Nullen bestand. Vielleicht erfinden die Sounddesigner in den Handyfirmen nach dem authentischen Klingeln auch einen Ratsch-Sound, wenn man die Nummern tippt, so wie es ja auch die Digitalkameras das Klacken der Blende schon integriert haben.
***
26.1.07
Rundmail von Falko, in der er die Premiere des großen Projekts Weltchronik bewirbt, für das Jochen und er nu schon so lange zittern. Aber auch hier kann er es sich nicht verkneifen, noch all seine anderen Termine ebenfalls zu bewerben und so das Einzelne zu verwässern.
Ben zieht von Liverpool in die Schweiz. Wer hätte 1997 gedacht, dass er ein so begehrter Professor würde.
Hatte ich früher immer einen kurzen Fußweg von der Chaussee-Show in der Tagung oder im RAW nach Hause in die Libauer Straße, so muss ich mir nun Gedanken machen, wie ich fahre. Der Weg ist zwar nicht weit, aber umständlich. Mit der S-Bahn von Warschauer nach Ostkreuz, dort umsteigen und zum Treptower Park weiterfahren, dann eine Station mit dem Bus. Dauert fast eine halbe Stunde, die man auch laufen könnte. Im Sommer natürlich mit dem Fahrrad, aber wenn’s so wie jetzt schneit?
Nach mindestens zwei Jahren besuche ich mal wieder V., die ein Drama um ihr Kinder durchlebt. Eine "moderne" Richterin glaubt, Partei für den Borderline-Kranken Ehemann ergreifen zu müssen. Die Kinder lernen lügen. Dabei hatte es nach einem so glücklichen Start ausgesehen, als sie 1991 nach Deutschland kam. Alles schien ihr regelrecht zuzufliegen. Bis sie ihn kennenlernte, in einen Vorort zog und mit ihm Kinder machte, die er zu misstrauischen Wesen umzumodeln versucht. Traurig übernachte ich dort und erinnere mich kurz vorm Einschlafen, dass ich immer, wenn ich bei V. übernachtete, an den Ohren fror, die warmen Decken aber einem die notwendige Nachtwärme spendeten.
*
Auf einmal ein Wechsel in der Zeitform. J.S.: "Eisiger Wind blies mir ins Gesicht,…"
Leiden am Wetter. Plakatekleben mit Falko für die Weltchronik gerät zur "Clownsnummer".
Im Babylon eine fast zärtliche Episode mit Judith Hermann. Ein schöner Weg vom Jule-Lehmann-Neid bis zu diesem Punkt.
Eigentlich seltsame Formulierung fürs Schreiben: "Tippen", die wir inzwischen fast abwertend benutzen, so als tippe man nur irgendwelche Daten ein.
Die letzten Seiten bei Proust verlangen dem Leser offenbar noch einiges ab: "Als hätte er noch tausend Seiten Zeit, ergeht er sich in geschwätzigen Details." Das wäre schon ein Witz, wenn Jochen die Lektüre hier beenden würde, so wie ich längere Zeitungsberichte oder -kolumnen oft vor dem letzten Absatz abbreche, was ich aber erst vor Kurzem bemerkt habe. Ich blättere um, so als wolle ich dem Reporter das Wort abschneiden. Was würde man verlieren, wenn "Schmidt liest Proust" hier endete. Auf jeden Fall eine großartige Kurzgeschichte, mit der er die letzten Seiten einleitet. Aber zur eigentlichen Proust-Lektüre? Werden wir erfahren, wer der Mörder war? War Proust die ganze Zeit tot? Werden die Geister der Verstorbenen auftauchen? Wird Marcel in den Sonnenuntergang reiten?
*
J.S.: "Ich sagte es schon, der Reiz langer Serien, die unerschöpflichen Möglichkeiten, jeden mit jedem zu verbandeln." Herzog von Guermantes ist nun in Odette verliebt.
J.S.:" Vier Seiten braucht Marcel inzwischen, um stichpunktartig seine Beziehung zu den einzelnen Figuren des Buchs und wie er von der einen zur anderen gelangt ist, zu rekapitulieren. Das Schlimme ist, dass ich das alles in einem halben Jahr vergessen haben werde."
Unklar, warum ein Vertiko als unklares Inventar geführt wird. Sollte Jochen es wirklich nicht kennen?
***
Sa., 27.1.07
Probe der "BÖ". Es ist wie bei den auseinanderfallenden Beatles. Man spielt zusammen in dem Bewusstsein, dass man sich wohl bald trennen wird. T. abwesend, C. leitet an, obwohl sie eigentlich pausiert.
Kantinenlesen. Die Probe hat mich sehr angestrengt, ich bin müde und ruhig. Jochen herausragend. Seine Texte sind vielleicht die beste Werbung für die Weltchronik, die Falko und er an diesem Sonnabend zu promoten versuchen.
*
Verdichteter Monolog von Jochens Tochter. Ein Stück Poesie jenseits von "Lustiges aus Kindermund". Man kann nur hoffen, dass sie nicht, wenn sie ihre Pubertätskrise kriegt, das peinlich findet, ihn verklagt und das Buch einstampfen lässt.
*
In der sechzehnjährigen Tochter Gilbertes und Saint-Loups materialisieren sich die "verflossenen Jahre in einer jungen Person." (J.S.)
M.P.: "dass dieses Leben, dass man unaufhörlich fälscht, in einem Buch verwirklicht werden könnte."
J.S./M.P.: "Denn was wir unser Leben nennen, ist nur eine unaufhörliche Fälschung der wirklichen Version, die wir eigentlich in uns spüren, und der man nur in einem Buch Gerechtigkeit widerfahren lassen kann!" (Man beachte: Das bei Jochen Schmidt sonst so rare Ausrufezeichen.)
Am Ende der vielen tausend Seiten haben sich also zwei gefunden. Das Buch, das Schreiben als Aufheben der verlorenen Zeit, als Jungbrunnen, das Gelebte wird verewigt durch pedantisches Aufschreiben. Jede mühsame Suche nach dem passenden Adjektiv, das einen Geruch beschreiben soll, jedes Ringen nach einem Halbsatz, der den "kommunikativen Knackpunkten" und seelischen Leiden nachspürt ist vom Anspruch der Authentizität beseelt. Die aktuelle Hirnforschung bringt die von den Philosophen abgeschriebene Suche nach dem Ich wieder auf die Tagesordnung. Das Ich, so sagen die Psychologen, kann letztlich nur durch die Erinnerungen aufrechterhalten werden. Wie "wahr" diese sind, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Und spielt es für den Leser eine Rolle, ob sich Proust beispielsweise bei der örtlichen, zeitlichen und farblichen Zuordnung der Sommerlevkojen irrte?
Wir haben (zumindest aus Jochen Schmidts Lektüre) nie erfahren, ob Proust mit einem Notizbuch bewaffnet war. Oder sollte es tatsächlich der Lindenblütentee gewesen sein, der all die Erinnerungen wieder hervorzaubert.
Können wir Prousts Erinnerungen trauen? Und wenn nicht – welchen Unterschied macht das? Wäre das Lesevergnügen ein anderes, wenn der fiktionale Anteil größer wäre?
Ist Proust-Lektüre – angesichts der von kaum jemandem geleugneten endlos langen Langweilerpassagen – am Ende ein großangelegtes Exerzitium in Stil und geistiger Ausdauer?
J.S.: "Man könnte sagen, dass man nicht sterben sollte, ohne Proust gelesen zu haben. Aber in Wirklichkeit ist man dann noch gar nicht geboren." Bewirbt dieses hübsche Bonmot nun Schmidt oder Proust? Nachdem ich Schmidt gelesen habe, brauche ich den Proust nicht mehr. Man könnte das natürlich auch als Marketing-Kniff auslegen: Er bewirbt Proust und weiß doch, dass die meisten den nicht in die Hand nehmen. Aber so eine Gerissenheit darf man Jochen Schmidt nicht unterstellen. Dafür ist er dann doch als Künstler zu aufrichtig.
Ich habe "Schmidt liest Proust" zwei Mal gelesen. Damals als Blog, heute als Buch. Im Buch habe ich die Proust-Passagen auch mehr genossen. Aber man möge mich in einem halben Jahr noch mal fragen, wer Swann, Odette, Gilberte, Saint-Loup, Charlus sind.
Hauptsache absahnen
Helge Schneider im Interview mit der Berliner Zeitung:
Helge: „Und dann musste es irgendwann so einen Scheiß geben wie Paris Hilton, die plötzlich auch noch singt. Im Grunde genommen ist es heute so: Mit wenig Material viel Geld zu verdienen. Also mit wenig Tun. Und diese Frau – Beispiel Paris Hilton – ist Repräsentantin dieser Politik und damit auch der Finanzkrise, die dadurch entstanden ist. Damit ist es mal ganz deutlich beim Namen genannt.“
Berliner: „Nichts tun, nichts können, nur absahnen: Paris Hilton als personifizierte Finanzkrise?“
Helge: „Richtig. Faulheit siegt!“
Demut
Nicolaus Harnoncourt: „Ich kann mir keinen wirklich bedeutenden Künstler denken, der tatsächlich glaubt, dass er seine überragenden Fähigkeiten sich selbst zu verdanken hat.“
(Spiegel-Interview, Februar 2009)
Wullewupp Kartoffelsupp
Bei Helge Schneider im Admiralspalast.
Helge sicherlich nicht in Höchstform, ein wenig müde, aber selbst in diesen vergleichbar schwachen Momenten noch inspirierend.
Der Admiralspalast ein wenig ungeeignet. In der 14. Reihe fällt es schon schwer, optisch und akustisch zu folgen. Ob das an den Haustechnikern oder an der Crew von Helge liegt, ist schwer zu sagen.
Sehr schön die mexikanischen Trompeten. Gleitmanns Gymnastik. Die Statusspielchen mit dem Butler. Aber irgendwann würde man auch gern mal jemanden vom Ensemble was sagen hören. Trauen sie sich nicht? Oder sollen sie nicht, weil es Helge vielleicht doch schwerfallen würde, darauf zu reagieren?
Wunderbar: „Der Meisenmann“. Der Liedtext schön weiterentwickelt zu einer absurden Odyssee des Meisenmannes. Und selbst „Katzeklo“ klingt schön entspannt und wie ein gut abgehangener alter Jazz-Standard für Vibraphon.
Ehrenhaft, dass die ganze Band die Bühne räumt, damit Pete Yorke ein 5minütiges (Steffi meint, es seien mindestens 10 Minuten gewesen) Schlagzeugsolo hinlegt. Er bekommt auch seinen wohlverdienten Applaus, aber im Zusammenhang des Gesamtabends wirkt die Leistung Yorkes wie eine Arbeitsverweigerung von Helge.
Für die Zugabe holt er die Panflöte heraus, beginnt einen kleinen Monolog und verabschiedet sich. Als habe er aufs Flötespielen dann doch keine Lust mehr gehabt.
Dabei fraß ihm das Publikum wie gewöhnlich aus der Hand. Gelächter nach praktisch jedem Satz. Teilweise schon hysterisch. Seine Fernsehkritik und -parodien zu Casting- und Gerichts-Shows eher einfallslos, beinahe ranschmeißerisch. Prompter Gesinnungsapplaus.
Die musikalischen Beiträge insgesamt stärker. Sehr uneitel holt er diverse Instrumente heraus und spielt sie, ohne eine Sansation draus zu machen, als sei es eine Selbstverständlichkeit: Trompete, Akkordeon, Gitarre, Saxophon, Mundharmonika, Vibraphon. Und das einzige Instrument, das er im klassischen Sinne „gelernt“ hat, – das Klavier – lässt er an diesem Abend von einem anderen Musiker spielen.
Minas Anmut
Anmut und Haltung mit nur 20 Jahren. Wann erlebt man so etwas schon? Zum Glück hatte jemand eine Kamera zur Hand.
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Übungsaufbau Kopieren Anfänger
1. Langsam an die Spiegel-Übung heranführen. Einer führt langsam, der andere wird geführt. Wo ist die Grenze des möglichen Tempos? Spiel mit Distanzen – oben/unten, vorn/hinten, links/rechts. Beachten: Nicht kopieren, sondern spiegeln.
2. Häufige Wechsel zwischen Führer und Geführtem, bis beide gleichzeitig führen und geführt werden.
3. Zu dritt/viert/fünft: Langsam Sound aus dem Nichts entstehen lassen und weiterentwickeln.
4. Als Gruppe oder zu zweit synchron („aus einem Munde“) sprechen. Fokus: Gleichzeitig führen und geführt werden. Nicht vor- oder nachsprechen.
Nicht ihr spielt das Spiel. Das Spiel spielt euch!
24.-25.1.07
Nach mehreren Nächten mit schrecklichen 2.-Weltkrieg-Träumen, in denen ich entweder an der Front oder im KZ leide, mildert sich die Heftigkeit meiner nächtlichen Erlebnisse. (Vor ein paar Jahren stellten wir in einer After-Show-Diskussion bei der Reformbühne fest, dass sämtliche anwesenden Ostler schon von Hitler geträumt hatten, die Wessis hingegen noch nie.) In der letzten Nacht wollte mir lediglich die Stasi an den Kragen. In einem dramaturgisch gewagten Cut wechselte der Schauplatz zu einer S-Bahn, in der mein vor nunmehr sechzehn Jahren verstorbener Freund Ralf Gitarre spielte. Und zwar eigenartigerweise so, wie er immer Gitarre spielte. Ich muss dazu sagen, dass die akustischen Facetten meiner Träume eher verschwommen sind. Ich träume eher, dass jemand etwas sagt, als dass ich träumend hören würde, wie er das sagt. Aber das Gitarrespiel hörte ich genau. Wenn ich von Verstorbenen träume, wollen sie meistens verschwinden, also das, was sie ja in der Wirklichkeit auch getan haben – Verschwinden. Leise ahnend, dass es ja doch nur ein Traum ist, wage ich dann erst gar nicht zu fragen, wie es denn sein könne, dass er sich in all den Jahren nicht gemeldet habe, wenn er nun doch lebe. Diesmal aber war es anders. Ralf nahm seine schlecht gestimmte Gitarre, quetschte sich in eine vollbesetzte S-Bahn-Bank und improvisierte dudelnd auf einem D-Dur-Akkord herum. Selbst seine Stimme hörte ich deutlich.

***
Mi, 24.1.07
E-Mail Diskussion über die anstehende Geburt von Stephans Tochter – soll man ihr, solange sie noch im Mutterleib ist, eher Mozart oder Tocotronic vorspielen?
"Theatersport Berlin" kündigt die Premiere von "Bühnenpiraten" am Kudamm an.
Schöne Impro-Show mit der Bö im Zebrano.
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Über die Schönheit der DDR-Kindermärchenplatten, die von den Schauspielstars gesprochen wurden. Fred Düren, Rolf Ludwig, Klaus Piontek, Elsa Grube-Deister, Kurt Böwe, Dieter Mann, Dietrich Körner, Jutta Wachowiak. Klaus Piontek hatte ein Abonnement auf die kindlich-jugendlichen Helden wie Zwerg Nase.
"Der Froschkönig" umgeschrieben auf das Leiden des Jochen Schmidt.
Bemerkenswerte Änderung vom Blog zum Buch: Aus dem "eisernen Dan" wird nun doch der "eiserne Heinrich". Gut, die Leser hätten "Dan" nicht verstanden. Ich aber schon.
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Und Marcel beschließt nun tatsächlich, jeglicher sozialen Kontakte zu entsagen und sich allein dem Schreiben zu widmen. Im Grunde ist jeder Künstler ein Autist auf Zeit, man betreibt sein Spiel und muss nicht mehr auf die anderen hören. In Abstufungen natürlich. Aber bei Schriftstellern vielleicht am ehesten.
Marcel beschließt, niemanden mehr zu empfangen, da er "ein Rendezvous mit meinem Ich" habe.
Die "große Berma" (nur eine versuchsweise Suche im Blog gibt mir Aufschluss darüber, dass schon mehrfach von ihr die Rede war) vereinsamt, da alle sich den Guermantes zuwenden. Warum funktioniert die eine Lesebühne und die andere nicht. Wenn ich beim lebendigen griechischen Schnellrestaurant einen Schweinespieß esse, fällt mein Blick auf die gegenüberliegende Seite zum Türken, der sich wirklich alle Mühe gibt, bei dem sich höchstens zwei Teenager mit einer Cola langweilen. Sein Leiden dürfte nicht geringer sein als das der großen Berma.
Do, 25.1.07
Vollständige Besetzung bei der Chaussee. 240 Zuschauer. Die Enthusiasten in Hochform. Schöner kann es kaum sein.
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Man höre, so Jochen, Schriftstellern lieber zu als Bekannten, die ja dieselben Tragödien erlebten.
Und Schreiben? "Wozu soll man Prousts Experiment beim Schreiben wiederholen? Der Rückzug in die Erinnerung ist ja eher ein menschliches Schicksal als eine freie Entscheidung." Im Blog schreibt Jochen noch treffender: "Der immer zwanghaftere Rückzug in die Erinnerung…" Mit anderen Worten, unser Hang, die Vergangenheit zu verklären, den "verlorenen Paradiesen" nachzutrauern, ist eher ein Zwang. Und was zwanghaft ist, ist nicht schicksalhaft. So wie wir uns eher nach dem Sofa als nach den Laufschuhen sehnen und es eine magische Anziehungskraft ausübt, ist es auch mit der paradiesischen Vergangenheit – wir verklären die Zeit, die sorglos war, da wir nicht handeln mussten. Und um das Bild vom Paradies zu schärfen – ähnlich wie Adam und Eva waren wir blind für die wirklichen Grenzen aber auch die wirklichen Möglichkeiten. Das ist, je nach Perspektive, anstrengend, traurig, beängstigend oder leicht, erfreulich, ermutigend.
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Die Herzogin von Guermantes lebt vom Ruhm vergangener Zeiten. J.S.: "Vielleicht werde ich so meine Tage als vorlesender Autor beschließen, einfach nur noch die Bühne betreten, schweigen und damit noch einmal den Glanz früherer Darbietungen heraufbeschwören."
22.-23.1.2007
Der Schnee schmilzt. Ich entdecke erste weiße Härchen im Bart. Wer mich künftig noch als "jungen Autor" bezeichnet, verdient es, Ausmecker zu kriegen.
Mo, 22.1.07
Die Reckstange im Flur ein gutes Trainingsgerät, so dass ich wenigstens ein kleines bisschen zum Sport komme, denn Sport scheint mich doch immer wieder aus Phasen der Demotivierung emporzuholen.
Angenehme Routinen nach großen Aktionen wie Reisen oder eben einem Umzug wiederherzustellen, scheint schwer, man muss sich aber bemühen. Montags Website aktualisieren.
Das Goethe-Institut will von uns wissen, wieviel Geld wir wollen. Immer dieses Hickhack. Warum können uns Veranstalter nicht einfach ein faires Angebot machen, und dann kann man sagen, ob das geht oder nicht. Wir können doch deren Budget nicht erraten.
Meine alte Telefonnummer funktioniert wieder. [Nachtrag 2009: Dass ich drei Wochen lang nur unter einer anderen Nummer erreichbar war, hatte zur Folge, dass mich bis heute noch einige Leute versuchen, unter dieser zu erreichen.]
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Jochen über die Achtzehnjährige, die ihm (wie und wann auch immer) berichtet, was sie liebt und was sie hasst. Man liest die Liste und taucht in ein Universum. Soll man sie um die Eindeutigkeit der Urteile beneiden oder froh sein, dass man diese adoleszente Radikalität hinter sich gelassen hat.
"Sie (…) mag Donald Duck, aber nur von Carl Barks gezeichnet."
"Sie mag keine Comics mit sprechenden Tieren."
Welche widersprüchlichen Vorlieben und Animositäten ließen sich bei mir finden? Ich arbeite ja daran, vor allem meine Mäkligkeiten abzubauen. Jedes Jahr mindestens einmal Fisch essen. Bei Ingwer hat es schon geklappt. Aber: Ich kann über Orthographie-Fehler und -Schwächen anderer leicht hinwegsehen. Aber es macht mich wahnsinnig, wenn jemand die Akzent-Taste ´ statt der Apostroph-Taste ‚ benutzt.
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J.S./M.P.: "’Unverschämte Domestiken‘ dringen in die Salons ein und trinken dort Orangeade."
Wie im Atelier89 oder im Knaack. Als man in diese Welten stieß und auf Ältere stieß, berichteten diese davon, dass es früher cooler, besser, aufregender gewesen sei. Und selbst hatte man mit Ende Zwanzig auch das Gefühl, die jetzigen Besucher seien viel zu kindisch und verstünden nicht, worum es ging. Sie tranken die falschen Getränke, tanzten zur falschen Musik, bewegten sich falsch und waren so unangenehm jung. Wie aber soll man bei etwas, das einem so viel bedeutet hat, die Vogelperspektive einnehmen und sich sagen, dass es diese brutalen Routinen des Generationenwechsels immer gegeben hat?
Die Kategorie "Verlorene Praxis" wird immer mehr in Richtung "bemerkenswertes Verhalten" erweitert. Schadet nix.
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Di, 23.1.07
Mein altes Nokia-Handy wird unbrauchbar. An das kaputte Display hatte ich mich schon gewöhnt. Die Akkudauer ist nun aber völlig inakzeptabel. Die Schwierigkeit besteht nun darin, ein Handy zu finden, das einerseits sehr gut ist – gute Bedienbarkeit, leichte Handhabung, das mich aber vor weiteren Zusatzfunktionen wie Fotoapparat und und mp3-Player verschont, das habe ich schon, und zwar besser als in der Quasi-Funktionalität bei Handys.
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Überraschende Information: Auch Jochens Eltern spielen Skat. Ich hatte eher Dame oder vielleicht sogar Bridge erwartet.
J.S.: "Seit ich mit achtzehn ausgezogen bin, habe ich im Grunde kein Zuhause mehr." Ist Zuhause, wo Familie ist?
Die ewige Partnersuche. Die lauernde Angst im Hinterkopf, es könnte die Falsche sein. Oder die Angst vor der Trennung, weil es ja vielleicht doch die Richtige ist. Vor was für Qualen einen die Freiheit der Wahl setzt. Wären wir unglücklicher, wenn wir, eine sexuell autoritärere Gesellschaft vorausgesetzt, die Erste geheiratet hätten und mit ihr alt geworden wären?
All die Freiheiten, die einem die Gesellschaft bietet, führen zu psychischen Verwerfungen, an denen die Ratgeberbuch-Industrie verdient:
– Aufräumen
– Partnerwahl
– Konzentriert arbeiten
– Gesundheitstipps
– Aufmerksam und freundlich sein
Vieles davon würde sich ja schon erledigen, wenn man die Ratschläge der Eltern stur beachten würde. Aber die spielen ja auch nicht mehr ihre Rolle als Autoritätsfiguren, sondern kicken ihre Kinder in die Freiheit.
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Marcel erkennt in der dicken Dame seine Jugendliebe Gilberte nicht wieder.
Unklar: Für Jochen ist der "Aufbruch à l’anglaise" unklares Inventar.
21.1.07
Nicht nur schweren Herzens, sondern auch schlechten Gewissens setze ich das Entrümpeln fort. Ungefähr 120 Kassetten, die das letzte Ausräumen überstanden haben, finden nun ihre vorletzte Ruhe im Müllcontainer hinter unserem Haus, darunter solche, für die ich damals Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt habe. Die UB40-Kassette, die mich Jakob Hein, der einen Doppelkassettenrekorder besaß, überspielen ließ. Die vielen "Aquarium"-Kassetten, die ich von lieben Moskauer Freunden geschenkt bekam und die ich nun handlich als mp3 besitze. Die Dutzenden Rolling-Stones-Raritäten-Kassetten. Und so weiter. Es bleiben übrig absolute Ausnahmen: Der wahrscheinlich zu Recht vielfach wegen seiner Fascho-Nähe in den 90ern und seinem häufigen Rumgebrülle gescholtene Jegor Letow, von dem ich sieben Stücke auf Kassette habe, die großartig sind Wsegda budu protiv, Russkoje pole eksperimentow, My ujdjom is zooparka, und natürlich das legendäre "Wsjo idjot po planu", eine sarkastische Hymne auf die Perestroika, die ja schließlich auch planmäßig abgewickelt wurde. (1991 sang ich dieses Lied auf der Krim und gewann ein Schwein. Danke, Jegor)


Lales Persisch-Lektionen. Und völlig unerwartet: Verzerrte Aufnahmen der Quatsch-Interviews, die Ralf Petry und ich 1986 in einem Haus der Harnackstraße machten: "Was halten Sie davon, dass die Friedrichstraße jetzt überdacht werden soll." Wenige Jahre später wurde das populär – Quatschinterviews führen und Teile der Friedrichstraße überdachen.
Unangenehmes von der Ebay-Front. Ein "Käufer" beantragt bei Paypal Käuferschutz, kaum dass der Kauf über die Bühne gegangen ist. Nach kurzer Recherche bei Google stellt sich heraus, dass er bereits wegen Misshandlung verurteilt wurde und mit der Super-Geschäftsidee auf den Plan getreten ist, bei Ebay Händler zu verklagen, die urheberrechtlich geschützte Fotos in der Produktbeschreibung einstellen, er bräuchte nur noch einen Anwalt. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht der Einzige bin, mit dem er diesen Trick versucht.
Aber das neue Foxy-Freestyle-Projekt kommt ins Rollen. Am Freitag eine wunderschöne Horror-Show gespielt. Die Alte Kantine hat grünes Licht gegeben. Und am 13. März starten wir freitags an diesem schönen Ort mit einer wöchentlichen Impro-Show.
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So, 21.1.09
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Jochen über die Annehmlichkeiten, die es mit sich bringt, wenn man sagt, man sei ein Autor. Im Gegensatz zu früher, als man stolz (in Wahrheit aber in Angst, sich festlegen zu müssen) behauptete, man mache nichts. "Es ging doch darum, was man ‚war‘." Es könnte natürlich sein, dass wir auch aus diesen Berufsbezeichnungen und Titeln versuchen, unseren Status festzunageln. "Ich bin Schriftsteller", damit erübrigen sich einige andere Fragen. an macht sich unangreifbar, wenn man vielleicht noch von der Frage absieht, ob "man" denn davon leben könne. Interessanter ist es aber allemal, was einer "macht", denn daraus zeigt sich doch viel eher, was er "ist" als durch die Selbst- und Fremdzuschreibungen. Nichtsdestotrotz funktionieren die Bezeichnungen als Türöffner, "weil man sozusagen seine Qualifikation schon nachgewiesen hat."
Selbst Helge Schneider spricht, je älter er wird, immer häufiger von seinem "Beruf", so als befürchte er, mit den Comedy-Ganoven in eine Schublade gesteckt zu werden. Bei den Lesebühnen, selbst den erfolgreichen, wird man ja auch, vor allem deswegen immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob man davon leben könne, weil wir uns unprätentiös geben. Schlimmer noch beim Improtheater, wo man bei manchen Zuschauern ein Erkennen im Gesicht aufblitzen sieht, wenn man sagt, man habe eine Gesangsausbildung ("Das hört man.") und die Enttäuschung, wenn man sagt, dass man keine Schauspielschule besucht habe ("Wie kann denn das sein, dass ich mich da so getäuscht habe.")
Zum Wohnungsstil: "Ich wüsste nicht, was mir lieber wäre, Reduktion oder Unübersichtlichkeit." Gute Frage zur richtigen Zeit, da ich gerade am Reduzieren bin. Unübersichtlichkeit wäre mir wahrscheinlich auch lieber. Am liebsten eine indisch angehauchte Kuschelstyle-Wohnung, mit lauter Polstern, kleinen Glöckchen, Tüchern an den Wänden usw. Nur leider fiele es mir äußerst schwer, so etwas überhaupt umzusetzen, außerdem kann ich schon kaum meine ohnehin sehr reduktionistisch angelegte Wohnung einigermaßen ordentlich zu halten. Die Vermüllung bei anderen ist nur schwer zu ertragen, schlimmer noch die eigene.
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Weiter auf der Matinée. Gruselige Beschreibungen des Alters, und man fragt sich, ob das am Ende Marcels Selbstporträt inzwischen ist. Aber wie immer wissen wir ja nicht, ob es Marcel ist, der uns hier etwas verschweigt, oder Jochen.
Ohne Spiel keine Gerechtigkeit
Martha Nussbaum von der Univerität Chicago formuliert zehn Grundansprüche, die man an ein menschenwürdiges Leben stellen muss, wenn man von Gerechtigkeit sprechen will.
Als Grundanspruch Nr. 9 nennt sie Spiel: Die Möglichkeit zu haben, zu lachen, zu spielen und seine Freizeit zu genießen. (Being able to laugh, to play, to enjoy recreational activities.)
Obama über Basketball
„In der gesamten Geschichte dieses Spiels [Basketball] waren die großartigsten Spieler, die Champions, die, die nicht nur ihr eigens Spiel vervollkommneten, sondern auch die Spieler um sich herum besser werden ließen. Die ein Team vereinigten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.“ Obama strickt daraus natürlich eine Parabel für das Gemeinwesen USA. Mir genügt die Parallele zum Improtheater.
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