Aus dem Absage-Brief nach einer Bitte um Reisekostenunterstützung: „Allerdings gehört der Bereich Improvisationstheater weniger den künstlerisch innovativen Theaterformen, als vielmehr dem kommerziell gut verwertbaren Genre Unterhaltungstheater an, das deshalb unabhängig von der Qualität nicht zu unserem Förderauftrag gehört.“
Mentale Gesundheit oder Wo steckt das Genie?
Die Bestseller-Autorin Elisabeth Gilbert über die Angst vor „dem Buch nach dem Erfolg“. Wir Künstler machen uns krank, wenn wir das Genie in uns selbst suchen statt die Muse außerhalb von uns zu sehen. Denn wir werden mit der Last der Erwartung nicht mehr fertig.
Auch die Tom-Waits-Anekdote ist schön, selbst wenn Tom Waits sie sich ausgedacht hat, um eine Tom-Waits-Geschichte zu erzählen.
Ob sie Stephen Nachmanovitchs Buch gelesen hat?… Weiterlesen
19.-20.1.07
Ähnlich wie vor zwei Jahren steht ein großes Aufräumen und Ausmisten ins Haus. Im Gegensatz zu Jochen kann ich meine Wohnung nicht als Archiv des eigenen Lebens betrachten, auch wenn es zu einem solchen quasi ungewollt und automatisch wird. Aber wenn man zwischendurch immer wieder mit seinen Gedanken mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart hängt und die Zukunft aus Mauern von Gegenständen verdeckt wird, die einem als Teenager oder Twen etwas bedeutet haben, dann nimmt einem das regelrecht die Luft zum Atmen und Handeln. Natürlich ist all das auch "Material", aber als künstlerisches Material existiert es ja in meinem Kopf weiter. Wir wissen, dass Kleinkinder von massenhaften Beschenkungen regelrecht erschlagen werden. Warum sollte das bei uns anders sein? Bertolt Brecht: "Des Flüchtlings dritte Regel: Habe nichts!" (Was mögen die anderen gewesen sein, fragte ich mich immer.)
Mindestens so beeindruckend wie die bibliotheksartigen Zimmer sind doch die fast buchleeren Wohnungen jener Menschen, die jedes Buch, das sie gelesen haben, jemandem verschenken, von dem sie glauben, es interessiere ihn. Bücher, die ein Jahr lang ungelesen in der Wohnung verweilen, werden ebenfalls verschenkt oder weggeworfen. Zu einer solchen Radikalität kann ich mich nicht entscheiden, nur ein paar drittklassige Ostbücher fallen der Auräumwut zum Opfer. Wieviel das Wert ist, erkennt man an den niedrigen Preisen bei Ebay für Bücherpakete. Aber ich weiß ja heute noch nicht, welche Bücher ich aus irgendeinem Grund in zwei Jahren wieder in die Hand nehmen will.
Teil des Aufräumprogramms 2009: Ordner entmisten. Darunter den Ordner "Dokumenty", tatsächlich in kyrillischen Buchstaben beschrieben. (Ein Ratgeberbuch, zum Thema aufräumen, das mir in diesen Tagen in die Hände fiel, rät genau dazu: Ordner nicht mit langweiligem "To do" oder "Ablage XIV" beschriften, sondern knackige Bezeichnungen). 1990 habe ich ihn angelegt, als meine Kiste zu klein wurde für all die Papiere von Uni, Vermieter und Versicherung. Wie optimistisch von mir zu glauben, das würde in den kommenden Jahren genügen. Bei meinen Eltern, die bei mir wie bei den meisten anderen sicherlich auch, die Erwachsenenwelt repräsentierten, standen schließlich keine Ordner rum. Inzwischen brauche ich jeweils mehrere Ordner für Geschäftliches, Versicherungen, Bankenkorrespondenz, Miete und Strom, Korrespondenz mit Verlagen, Veranstaltern und Kollegen. Aus dem Dokumenty-Ordner entferne ich:
– Mietvertrag mit Videothek
– mehrere Überweisungen
– Registrierungsbescheid des DPMA
– Negativdiagnose des Krankenhauses
– Vorbereitungsblatt zur Untersuchung
– mehrere Zahnarztrechnungen
– kuriose Rechnung über 0,00 Euro der großzügigen Firma "Derby Cycle", die mir eine gestohlene Fahrradpumpe gratis ersetzt.
– Kreditkarteninfo
– Info über ein ergonomisches Telefon
– mehrere Praxisgebührquittungen
– Bestätigung eines Nachsendeauftrags 2006
– Info der DiBa über "Zinsanpassungen"
– Ablehnungsschreiben des Senats zum Antrag auf ein Autorenstipendium 2005
– Auftrag für Stampit (die mir immer noch Geld schulden)
– unangenehme Korrespondenz mit einer Inkasso-Firma
– Nachricht über Verfahrenseinstellung wegen meinem geklauten grünen Nishiki
– mehrere Schreiben zur Höhe des Dispokredits mit der Sparkasse. (Nach dem letzten wechselte ich die Bank.)
– Schreiben der Einkaufsgemeinschaft "Wurzelwerk e.V."
– Korrespondenz mit Finanzabteilung von amnesty international
– Buchungsunterlagen meiner Amerika-Reise 2003
– Unterlagen und Korrespondenz zum Einbruchdiebstahl in Malta (Laptop, Geld, Fotoapparat, u.a.)
– Info-Briefe der Hausrat/Haftpflicht-Versicherung
– Antrag auf Einsicht in Stasiunterlagen (Vom Amt bekam ich später eine Kopie einer Vorgangsnummer mit dem Jahr 1986 und der Aufschrift "Lbg. grün", wobei Lbg wahrscheinlich für Lichtenberg steht. Außerdem der Name eines ausreisenden Mitschülers. Ob ich den ausspionieren sollte? Oder er mich?)
– Korrespondenz mit dem Bundesverwaltungsamt über Bafögrückzahlung
– Reklame der Telekom
– Telekomabrechnungen von 2001
– Online-Banking-Vereinbarung mit der Sparkasse
– Vordrucke über Bescheinigung von Nebeneinkommen des Arbeitsamts
– Laborrechnung für den Test
– Bibliotheksausweise: Ibero-Amerikanisches Institut, Lichtenberg, FU – JFK-Institut für Nordamerikastudien, FU, HU, Staatsbibliothek, Seumestr., Friedrichshainer Phonothek
– Anleitung zur Einkommensteuererklärung 1999 (??)
– Absage von Salbader 2001
– Zusage für Werbezuschuss für Kantinenlesen vom Beckverlag
– Fischotterschutz-Werbung
– Einladung nach Moskau von 2000
– Meldekarte Arbeitsamt
– Info über Kabelanschluss
– Verschiedene Briefe der GEZ
– Rechnungen von Bewag, Gasag, Vattenfall
– Kündigung der AOK
– Kopie Arbeitsvertrag von 1989
– diverse Schreiben der AOK
– Zeugniskopien
– Alte Mietverträge und -erhöhungen. (Den ersten mit der Miethöhe von 28 Mark = 7 Euro hebe ich allerdings auf.)
***
Fr, 19.1.07
Teil des Aufräumprogramms 2007: Schallplatten und Kassetten wegwerfen, auch wenn’s schmerzt. Welche Mühe ich mir 1988 gemacht habe, an "London Calling" von The Clash ranzukommen und mir zu "überspielen" und dann auch noch die kompletten Texte Wort für Wort abgeschrieben. Aber es hilft ja alles nichts, die Erinnerung an den Nachmittag, an dem ich mir auf der Wachstube bei der NVA eilig den Text von "Lost in the supermarket" abschrieb wird ja nicht dadurch intensiver, dass ich dieses karierte holzige Papier behalte. Und meine Liebe zu "The Clash" hat von Jahr zu Jahr abgenommen. Irgendwann wäre die Wohnung voller riesiger Objekte, die reinen Erinnerungswert und überhaupt keinen Gebrauchswert mehr haben. Die Vergangenheit wird so zu einem riesigen Ballast, der einem im wahrsten Sinne die Bewegungsfreiheit nimmt. [Nachtrag 2009 – Jochen Schmidt, Falko Hennig und sicherlich auch Marcel Proust dürften das anders sehen, aber die Nostalgiestrahlung von Gegenständen beraubt uns oft des Blickes auf die Gegenwart oder die Zukunft. Der Gegenstand verklärt die Vergangenheit, und selbst wenn er für uns damals Leid symbolisierte, steht er heute für das schöne Damals, und das Heute wirkt nur Grau.]
Der Kompromiss sieht nun so aus: Schallplatten bei Ebay versteigern, Kassetten wegwerfen, die entsprechenden CDs bei Ebay kaufen, die Musik entmaterialisieren und die CDs wieder verkaufen.
Am heutigen 19.1.07 kaufe ich bei Ebay und Amazon
– "London Calling" von The Clash
– "The very best of" von Buddy Holly
– Billy Bragg: "Victim of geography"
– Einstürzende Neubauten: "Halber Mensch
– Eros Ramazotti: "Tutte Storie"
– Prince: "Grafitti Bridge"
– Ton Steine Scherben: "Keine Macht für niemand"
– Johnny Cash: "The greatest years"
– Buckshot Lefonque: "Music evolution"
– Janis Joplin: "Anthology"
– Men at work: "Cargo"
– The Beatles: "Yellow Submarin"
– Billy Bragg: "William Bloke"
– Edith Piaf: "The Golden Greats"
– AC/DC: "Powerage"
– The Cure: "Staring At The Sea"
– Ofra Haza: "Yemenite Songs"
– Nena: "Wunder gescheh’n"
– Nena: "Bongo Girl/Eisbrecher"
– Sade: "Diamond Life/Promise"
– Einstürzende Neubauten: "Zeichnungen des Patienten O.T."
– The Pogues: "Rum, Sodomy & the Lash"
– Stevie Wonder: "Innervisions"
Ab 1980 habe ich meine ersten Kassettenrekorderversuche auf dem Gerät meiner Eltern unternommen. Bis dahin hatte ich nur ein paar Schallplatten. 1984 durfte meine Oma das erste Mal nach Westberlin, und ich beauftragte sie, mir eine Bob-Marley-Platte zu besorgen. Der praktische Vorteil: Den Namen dieses Interpreten konnte auch meine des Englischen nicht mächtigen Oma problemlos aussprechen. Bis zur Wende hatte ich aber, von der einen oder anderen DDR-Lizenzplatte abgesehen, meine gesamte Musik auf Kassetten (man bedenke: Eine 60-Minuten-Kassette kostete 20 Mark). Ab 1990 behielt ich meinen Kassettenfanatismus bei. Bis auf wenige Platten – vor allem Tom Waits und Rolling Stones – besaß ich fast nur Kassetten. Bis ich mir 1999 (im Alter von 30 Jahren!) einen CD-Player kaufte, den ich inzwischen kaum mehr benutze, weil ich nun völlig auf mp3s umgestiegen bin. Und jetzt? Wird das das definitive Format bleiben? Man möchte es hoffen. Jede Formatumstellung ist ja wie ein großer Umzug.
*
Lob von Kriegsfilmen, Madame Bovary, La piscine und Ironija sudby.
"Im Moment scheint mir, daß mir auf ähnliche Weise mein Vergnügen an französischen Eifersuchtsdramen schwinden könnte." Ich müsste ihn mir erst erarbeiten.
Zu Ironija Sudby: "Ach, Liebespaare, ihr seid so öde in euerm vorhersehbaren Glück, die eigentlichen Helden sind die Betrogenen, denen niemand aus dem Publikum die Frau gönnen würde!" Wieder der Proustsche Blick: Die Liebe hat einen oder sie hat einen nicht. Aber die Paare sind eben nicht vorhersehbar in ihrem Glück, bis auf die Frischverliebten vielleicht. Alle anderen werden ohne aktives Tun nicht lange über die Runden kommen, da es keine Liebe ohne Lieben gibt. Allerdings haben wir es in diesem Fall ja wirklich mit dem klassischen Fremdgeh-Schema zu tun. Die Frau sucht das, was ihr der Mann nicht geben kann, hier Poesie. Aber sie wird sich eines Tages auch freuen, wenn er im nächsten Jahr nach der Banja wieder schön besoffen an einem unbekannten Platz auftaucht, womöglich gar erfroren oder überfahren.
*
Die den Schriftsteller umgebenden Personen sind für Proust und Schmidt "Material". Unklar für beide, wenn sie sich beschweren, da man sie "nur" als Material betrachtet habe. Das ist natürlich eine spezifische Schwierigkeit des Künstlers, rechtzeitig umzuschalten, d.h. im direkten Umgang das Künstler-Ich abzulegen, und dann man selbst zu sein, vor allem wenn es um den direkten Zugang geht, also in Familien-, Freundschafts- und Liebesbeziehungen. (Als Kunde, Klient oder in der Sphäre des Politischen schadet man in der Regel weder sich selbst noch dem Gegenüber, wenn man noch auf "Kunst" gepolt ist.) Sonst aber muss man das wohl genauso lernen, wie ein Psychologe, von dem man ja auch nicht andauernd analysiert werden will. Oder ein Frauenarzt, der beim Sex immer nur daran denken muss, dass er mit einem Gynäkologenstuhl jetzt besser dran wäre oder ein Geschäftsmann, der jede seiner Handlungen nach Kosten und Nutzen abwägt oder ein Politiker, der in der Familie immer darauf achtet, die richtigen Machtkoalitionen zu schmieden usw. usf. Was aber macht man, wenn man am Schreibtisch sitzt? Mit seinem Ezra-Roman, der ja vorhersehbare juristische Folgen hatte, hat der "Schriftsteller", dessen Namen man nicht mal mehr in einem Blog erwähnen will, uns allen die Zukunft versaut.
M.P.: "In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich, eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können." Man spürt den regelrechten Zwang zur Selbstinszenierung. Aber vielleicht ist das auch üblich in der Zeit, da der Geniegedanke schon am abklingen ist, man aber als Künstler dem Rezipienten doch noch nicht über den Weg traut.
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Sa, 20.1.07
Anfragen der Potsdamer Uni an die Chaussee einerseits (150 Euro, falls einer von uns kommt) und an ausgewählte Einzelne von uns (350 Euro) andererseits. Kann man den Organisatoren das vorwerfen? Sie haben eben auch ihren Geschmack oder glauben, dass bestimmte Autoren "teurer" sind als andere. Vielleicht wissen sie nicht einmal, dass wir zusammengehören. Oder sie sind durch ihre BWL-Kurse schon völlig verdorben.
Hingegen eine freundliche Anfrage der TU Freiberg. Auch wenn es nur wenig Geld gibt, ist man viel eher bereit, da man das Engagement spürt, dem keine Hinterfotzigkeit im Nacken sitzt.
Wir bekommen ständig Post für eine schon lange Mitbewohnerin meiner Schwester – Rechnungen, Mahnungen, Gerichtsaufforderungen. Sie geht nicht ans Telefon. Und "PIN" kennt keinen Nachsendeauftrag.
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Erstaunliche Behauptung: "Wir hatten nämlich auch zwei Stunden BRD im Geographie-Unterricht." Das hat in meiner Erinnerung allein in der 6. Klasse mindestens drei Monate gedauert – Ruhrgebiet, Niederrheingraben, Alpen, Nordsee, politische Geographie. All das komischerweise bevor die sozialistischen Bruderstaaten in Osteuropa drankamen. Vielleicht folgte man da ja noch dem Unterrichtsaufbau aus der Vorkriegs-Volksschule, zumindest deutet mein alter Atlas von 1934 darauf hin.
J.S.: "Der Blick vom Hof des Admiralspalasts auf den S-Bahn-Bogen war dann überraschend schön, weil die Perspektive ungewohnt war. Gleich um die Ecke habe ich früher immer auf die Straßenbahn Nr.22 gewartet, dort sind jetzt nur noch ein paar Gleisreste. Das Geräusch der um die Kurve biegenden S-Bahn war tröstlich, es ist schön, daß es noch Geräte gibt, deren Geräusche man nicht attraktiver für die jugendlichen Konsumenten machen kann."
War es nicht eine Straßenbahn, die da um die Kurve quietschte? Eine der schön alten, natürlich. Am meisten machte es Spaß, in der Kurve, wenn die Bahn langsam fuhr und einen der Fahrer nicht sehen konnte, auf die Wagontürschwelle zu springen und bis zur Haltestelle mitzufahren. Wir wurden zuvor von Professor Nietsch bei der MSG in die Wahrscheinlichkeitsrechnung eingeführt, aber was wir hinterher anstellten, hätte uns mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben kosten können, denn auch bei der S-Bahn fuhr ich mit, sprang in den U-Bahn-Schacht, kletterte auf einen Schornstein. Ich bekomme heute nasse Hände, wenn ich daran denke. Die aktuelle Gehirn und Geist meint dazu, dass wir, je sicherer wir uns fühlen, sozusagen als Ausgleich den Kick suchen.
*
Ein Treffen mit alten Bekannten. Proust lässt einen wieder im Unklaren über die verstrichene Zeit, seine Bekannten von damals sind steinalt geworden. Über sein eigenes Altern schweigt Proust (wenn wir Jochen glauben wollen) sich aus. So erscheint er ohne Alterung, wie man es von Comicfiguren kennt.
Aber heißt dieser Band nicht "Die wiedergefundene Zeit"? Wir finden sie wieder auf den früher schönen Gesichtern.
Drehungen
Auch das Billige kann intelligent eingesetzt werden
„Rosemary’s baby opens like a Doris Day movie, that’s the whole point. “ Man wird völlig auf die falsche Fährte geführt. Eine charmante Komödie, vielleicht ein wenig exzentrisch. Dann auf einmal werden wir in das Psychogramm einer Paranoiden eingeführt – und am Schluss die völlig unerwartete Auflösung, die alles auf den Kopf stellt. Interessanterweise ist „Der Mieter“ Polanskis totales Gegenstück zu „Rosemary’s Baby“. Ein Sozialdrama, das sich immer mehr zu Verfolgungen zuspitzt. Wieder die Überraschung, diesmal umgekehrt.
„It’s a great horror film without a horror in it.“… Weiterlesen
Kunst und Verbrechen
Im Forum Demmler-Mädchen – Forum über sexuellen Missbrauch von Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen :
„Immerhin gab es zwei, drei Lieder von Demmler, die auch mich berührt haben, und so wird es wohl den meisten gegangen sein. Das Entsetzen aller, einschließlich der Betroffenen, rührt wohl aus diesem Widerspruch: Die direkt ins Herz gehenden Lieder einerseits und dem unglaublich amoralischen Verhalten andererseits.Am liebsten will man sich abwenden oder entweder das Eine (die große Kunst) oder das Andere (das Verbrechen) leugnen. Es geht über unsere Vorstellungskraft, uns den großen Künstler als großen Verbrecher vorzustellen. Oder den großen Verbrecher als großen Künstler.“
Talent und Üben
Helges Produzent Tom Täger: „Ich habe mal Cello-Unterricht gehabt. Und der alte Cellolehrer sagte dann ,Ach nu, jetzt ist gerade hier einer rausgegangen, der hat geübt.‘ Es stellte sich dann raus, das war Helge Schneider, der hat nie geübt, aber der war einfach besser.“
Ja, Helge Schneider begreift offenbar jedes Instrument auf Anhieb. Dass er aber nie üben würde, stimmt nicht. Er übt im Kopf, er spielt Musik. Für ihn sind Spielen und Üben eins.
Helge vor leeren Häusern
Helge Schneiders zweite Freundin, Heide Jansen, berichtet, wie Helge in der Anfangszeit selbst dann spielte, wenn nur ein einziger Zuschauer im Saal saß: „Ich saß an der Kasse, und da war eine Mark drin.“
Der Dokumentator: „Leere Säle durch kompesniert Helge durch die ihm eigene Mischung aus blinder Besessenheit und unglaublicher Musikalität.“
Chicago – Here We Come!
Ja! Ja! Ja!
Ich kann es noch gar nicht fassen! Das letzte Mal war ich im Jahr 2003 in Chicago, habe dort das Green Mill mit seinem berühmten Poetry Slam besucht und die unglaubliche Improshow von TJ and Dave im ImprovOlympics gesehen.

Die Stadt, in der alles begann – The Compass, Second City, Del Close, The Blues Brothers, Barack Obama, … und jetzt Foxy Freestyle. Here we come!
16.1.-18.1.07
Den Aufräum-Anfall darf ich nicht ungenutzt aussitzen. Ich entrümple wieder meine Wohnung, das letzte Mal hab ich das vor zwei Jahren gleich nach dem Umzug getan und habe dann, als Jochen und ich im Frühjahr 2007 nach Russland fuhren, damit aufgehört. Wie aber wird man den alten Kram los? Müll? Manches hat einem ja wenigstens ein bisschen etwas bedeutet, man hofft, jemand anders könnte damit noch was anfangen, aber im Freundeskreis herumzufragen und das zu verschenken, ist auch mühselig, also Ebay. In den letzten Wochen habe ich verkauft:
– Eine zum letzten Geburtstag bekommene Hörbuch-CD. Ich behalte nur noch sehr wenige CDs, meistens solche, die mir sehr am Herzen liegen – Tom Waits, Fiona Apple, Kurt Schwaen, Laura Veirs – und die ein schönes Booklet haben – Johnny Cashs American Songbook. Für den Sound gibt es raumsparendere Speichervarianten. Hörbücher höre ich ohnehin so gut wie nie. Vielleicht eine Berufskrankheit. Wenn man pro Woche 25 Texte hört, und das schon über 10 Jahre, bedarf es einer gewissen Mühe, sich dafür frisch und offen zu halten. Und mit "Schauspieler lesen Klassisches“ kann man mich ohnehin jagen. Immerhin – ich weiß, wo ich nachhören kann (dies nur für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass die Schenkerin der Hörbuch-CD diesen Blog liest).
– CD Nneka: "No Longer". Neu erworben, hübsches Cover, ansonsten s.o.
– WISO Sparbuch 2009 – Steuererklärung 2008. Ist wahrscheinlich demnächst auch dran. Unter Lesebühnenkollegen gelte ich deshalb bestimmt als Streber. Wahrscheinlich wird jetzt ein Steuerberater arbeitslos. Aber das muss ja nichts schlechtes sein.
– Fuji FinePix Digitalkamera – Nachdem ich Steffi eine schöne neue Kamera zum Geburtstag geschenkt hatte, verkaufe ich ihre alte. Darf man das? Ist aber auch schon wieder ein Jahr her.
– Externe Festplatte 160 GB. Eine riesige externe Festplatte, die nur mit externer Stromquelle funktioniert, ist für jemanden, der nur mit Laptop arbeitet, unhandlich. Außerdem wächst mein Speicherbedarf exponentiell, zum Glück parallel zur Speicherfähigkeit neuer Medien. (Das Angebot bestimmt die Nachfrage??)
Und jetzt laufen die Auktionen weiter:
– CD Buddy Rich vs. Max Roach. Diese Platte hat mich Jazz gelehrt. (Die CD brauchte ich allerdings nur mal kurz.)
– 97 Buttons "amnesty international". Was wollten wir damals damit machen? Verkaufen? Unters Volk bringen? Die Dinger sind ein wenig veraltet, da sie das alte Logo benutzen. Auffällig ist natürlich die Zahl 97. Einen Button hatte ich. Haben wir die beiden anderen, die noch zur Hundert fehlen, tatsächlich für 1 DM verkauft?
– 37 Yuan, 1,72 Pfund, 10 Rappen und 1,10 Rubel. Andere heben ihr Geld für etwaige spätere Reisen auf oder werfen es in die riesigen Boxen am Flughafen, wo für humanitäre Aktionen (meist irgendwas mit Kindern) gesammelt wird. Für das Eine lasse ich mir meine Wohnung nicht mehr verramschen. Für das Andere habe ich meistens keine Zeit, denn die Boxen stehen meistens an Stellen, wo man es eilig hat, zum nächsten Flugsteig zu kommen oder das Portemonnaie ist in der falschen Tasche.
– Gregory Bateson: "Geist und Natur". Empfehlung von Stephen Nachmanovitch. So verpeilt war ich letzten Frühling, dass ich es doppelt kaufte, einmal bei Amazon, einmal bei unserem armen alten Buchhändler in der Plesserstraße, der mir so leid tut, dass er seine vergilbenden Bücher im Schaufenster immer auswechseln muss, ohne sie verkauft zu haben.
– Eine Kirgisische Filzkappe. Ein Geschenk meines russischen Freundes V. Nett gemeint, aber obwohl ich ein Mützen-, Kappen- und Hüte-Narr bin, werde ich dieses Ding wohl doch nie tragen. Und Andenken habe ich viele andere von V.
– Russisches Holzgeschirr und Matroschka-Set. Von meiner Oma 1981 aus der Sowjetunion mitgebracht. Es soll ja Leute geben, die sich so etwas nicht nur in ihre verstaubenden Vitrinen stellen, sondern damit auch essen. Von meiner Oma fand ich es beachtlich, dass sie 36 Jahre nach ihren schlimmen Erlebnissen wieder nach Russland reiste. Und das Land sogar mochte.
– Karl May: "Winnetou II" (das Buch, in dem Old Shatterhand mit den Pfählen in die Wüste geführt wird und sich dann als Regenmacher erweist), "Winnetou III" (in dem Winnetou stirbt und Christ wird). Ich fürchte, ich werde beides nicht los. Diese Bücher waren ja im Osten absolute Raritäten, und gerade als ich aus dem schlimmsten Karl-May-Alter raus war, kamen sie im Osten in den Buchhandel. Bei Ebay bringen selbst die gut erhaltenen nur mit Glück 1 oder 2 Euro.
– Deckenlampe Cittra von Ikea. Nachdem ich jahrelang einfach nur eine 100-Watt-Lampe in den nackten Flur gehängt hatte, leistete ich mir, als ich einen Job und etwas Geld hatte, eine schöne Lampe.
– Garderobe mit Spiegel schwarz. Beides hing schon im Flur meiner Großeltern in Ebersbach, und ich verbinde sogar einen bestimmten Geruch damit – Kleidung, Kohleofenwärme, Schnee, Außen-WC und eben den typischen Wohnungsgeruch meiner Großeltern, dieses Spezielle, das der Wohnung einer bestimmten Person anhaftet, manchmal auch einer Familie. Wenn ein Familienmitglied auszieht, nimmt es ein Geruchselement mit, das man in dessen neuer Wohnung wiederfindet, vom Gesamtgeruch der alten Wohnung wird dieses subtrahiert, wenn auch nur allmählich. Der Geruch meiner Schwester, ihres Mannes und ihres Kindes brauchte fast vier Monate, um sich aus der Wohnung, die wir dann bezogen hatten, zu verabschieden.
– Mini-Volleyball. Im Alter von 13 bis 16 Jahren spielte ich jede Woche Volleyball. Ich beneidete immer die, die lässig einen eigenen Volleyball mitbrachten, weil der "sich besser spielte". Am Strand waren Volleyballbesitzer sowieso die Kings. Und so investierte ich ganze 70 Mark in dieses Lässigkeits-Accessoire, das dann so lässig auch wieder nicht war, da ich mir eben nur einen Mini-Volleyball leisten wollte, den ich seit über 25 Jahren höchstens zwei Mal benutzt habe. Aber gelernt habe ich dadurch, dass man Lässigkeit nicht kaufen kann, zumindest dann nicht, wenn man pfennigfuchserisch mit Geld umgeht. Eine 70 Mark teure Lektion. (Wie man Accessoire auf Anhieb richtig schreibt, werde ich in diesem Leben hingegen wohl nicht mehr lernen.)
– Eine sehr gute R&B-CD (auch ein Geschenk), von der ich mich nur ungern trennte, aber Not kennt kein Gebot.
– Eine echte Sichel. In meiner Russlandphase hielt ich es irgendwann mal für eine witzige Idee, über meine Tür einen Hammer und eine Sichel zu hängen. Ich setzte alle möglichen Leute in Bewegung, um mir eine echte Sichel zu beschaffen. Als ich sie dann hatte, sah es doch irgendwie blöd aus. Vor drei Jahren hatte ich schon mal versucht, sie zu verkaufen. Ohne Erfolg. Ich hoffe nur, dass der Ersteigerer, wenn es ihn denn gibt, kein "The fog"-Fan ist.
– Harman Kardon Multimedia HD720 CD Player. Eigentlich ein audiophiles Gerät für Leute, die glauben, der Sound würde sich verbessern, wenn die Ausgänge des CD-Players mit Gold veredelt würden. Ich kann ihn nicht gebrauchen, weil er meine mp3s nicht abspielt. Jetzt habe ich mir ein kleines tragbares Gerät gekauft, und ich werde mich umgewöhnen müssen, denn irgendetwas tief in mir, sagt mir, dass Audio-Geräte groß, schwer und schwarz sein müssen, wenn sie was taugen.
– Ein olles Sideboard aus DDR-Zeiten, das schon meinen Eltern als Ablage diente und eigentlich rather unsexy ist. (Bisher 0 Beobachter)
– Ein Gutschein der Deutschen Bahn über 50 Euro, den ich netterweise vom Kundenservice für eine zuviel gekaufte Fahrkarte bekommen habe, den ich aber nicht einlösen mag. Tatsächlich steht der Preis schon acht Stunden vor Auktionsende bei 48,53 Euro. Der Gewinner hätte also 1,49 Euro gewonnen. Wieweit würde ich selber bieten?
***
Di, 16.1.07
Anfrage für einen Auftritt von "Paula P.", die es schon seit fast zwei Jahren nicht mehr gibt. Ich sage trotzdem zu. [Nachtrag 2009: Nicht wissend, dass auch "Die Bö" diesen Auftritt kaum überleben wird.]
*
Jochen leidet am absehbaren Ende der Lektüre. Wie sähe das Leben in einem Jahr aus, wenn es ihn dann noch gäbe? Depressiv oder Luhmannianer? Zumindest das Luhmannprojekt scheint eingeschlafen zu sein. Falls er es in Angriff genommen haben sollte, um seinen Kummer damit abzutöten, war es auch die falsche Wahl der Waffen. Eines von Luhmanns eher unscharfen Büchern. Ich finde seine Werke überhaupt erst ab den 90ern lesbar, so alt musste er werden, um locker und souverän mit der eigenen Begrifflichkeit umzugehen. Was er in den ihm verbleibenden Jahren dann noch geschaffen hat, dafür bräuchten andere sechs Leben.
Das Happy End sei "in unserer Kultur desavouiert". Jochen zitiert Dido und Aeanas, Werther, Jesus. Dabei wird doch gerade die Jesus-Geschichte in "unserer Kultur" als Happy End angesehen, denn sie endet ja nicht mit der Annaglung, sondern der Auferstehung (was eigentlich noch märchenhafter als die 1001 Nacht Geschichten ist). Ich würde es sogar anders herum sehen: Es ist fast unmöglich geworden, noch eine echte Tragödie zu erzählen. Selbst "Schindlers Liste" endet happyendig. Und in der Literatur? Kann man da überhaupt vom Happy End sprechen? Stammt der Begriff nicht aus der Film-Welt? Rasches Wiki-Googeln ergibt: Ja. Und: Es ist ein Schein-Anglizismus.
*
J.S.: "Viele Jahre hat Marcel im Sanatorium verbracht, nun kehrt er zurück nach Paris." Hab ich was verpasst? Wo sind wir? Wann sind wir?
J.S.: "Unterwegs zu einer Soirée des Prinzen von Guermantes erreicht er im Wagen die Champs-Elysées." Ich muss mir auf den letzten Metern eingestehen, dass ich immer noch nicht verstanden habe, welche Rolle der Adel im Frankreich der Jahrhundertwende spielt, ich hatte immer angenommen, die wären alle geköpft oder enttitelt worden. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich das nicht einmal von Deutschland sagen. Aber wahrscheinlich läuft es auf genau das, was Marcel beschreibt: Salons unterhalten, Kunst fördern, Stil und Haltung bewahren, obszön reiche Stiftungen für kleine, aber enorm wichtige Zwecke gründen, Wagner-Opern besuchen.
J.S./M.P.: In einer Kutsche sitzt ein Mann mit weißem Haar und langem, weißem Bart, es ist Charlus, der sich nach einem Schlaganfall aufrecht zu halten bemüht, "wie ein Kind, das man zum Bravsein ermahnt hat." Noch ein Geständnis: Alle paar Seiten vergesse ich, wer wer war. Aber von Zeit zu Zeit wird’s einem wieder erklärt. Also Charlus – der masochistische Opa, der darunter leidet, dass man ihn nur noch als Opa wahrnimmt, obwohl er, wie wahrscheinlich jeder Opa, an der Opa-Tragik leidet, sich immer noch wie 25 zu fühlen.
***
Mi, 17.1.07
Anscheinend ist Jochen sehr in Sorge, dass die Videoprojektionen für die Weltchronik nicht funktionieren. Man spürt die Nervosität in den scheinbar harmlosen Fragen zu Technik.
Zwei Mails, die zeigen, dass ich schon wieder ungefragt in Newsletter-Verteilern gelandet bin. In einem wird der scheinbar individuelle Empfänger angeduzt, obwohl sämtliche hundert Empfänger sichtbar sind.
Ein knappes Jahr ist vergangen, seit ich den Waschtrockner gekauft habe. Kurz vor Garantieablauf gibt er auf, der türkische Händler holt ihn zur Reparatur ab und sagt dabei Freundlichkeiten in angepisstem Ton. Wir bemühen uns, das als interkulturelle Missverständnisse einzuordnen.
*
Überraschende Behauptung bei Jochen: "Die Welt der Kneipentische, von deren Schätzen ich aufgrund meiner angeborenen Alkoholunverträglichkeit leider immer weitgehend ausgeschlossen geblieben bin." Dabei gibt es unter den Lesebühnenautoren nur wenige, die keinen Alkohol trinken, davon die meisten, weil sie trocken bleiben wollen. Und außer mir wohl niemanden, der erst nach der Lesung trinkt.
Wo Jochen Wörter zum ersten Mal aufschnappt – Bestseller, Macke, urst, Lunte, Rowdy, feuchter Kehricht, Bastonade, Oxer, Striptease.
"Urst" habe ich ebenfalls im heute nicht mehr gebräuchlichen Zusammenhang "Ditt is urst!" gehört. Im Kindergarten, wo ich auch das erste Mal von "echten Steinen" erfuhr. Spezialisten erkannten sogar den Unterschied zwischen "Feuersteinen" und "echten Steinen". Ich gehörte nicht zu ihnen. Das Mosaik, aus dem Jochen, wie ich auch, von der "Bastonade" las, ist übrigens auch Schuld daran, dass ich, wenn ich nicht aufpasse, mir beim Wort "Türke" immer einen Menschen mit Turban vorstelle – ein Opfer der Prototypensemantik oder der Schablonenhaftigkeit der DDR-Comics?
*
J.S./M.P.: "Analyse der Natur des Glücks, die ihm die Madeleine-Eindrücke verschaffen, nämlich daß er in ihnen "die Essenz der Dinge genießen konnte, das heißt außerhalb der Zeit."
So weit, so gut; aber er geht einen Schritt weiter – das momentane Erleben zählt gar nicht: "Alle anderen Vergnügungen, wie große Gesellschaften oder Freundschaft, sind nur Täuschung. Wer mit Freunden redet, erliegt dem Irrtum eines Narren, "der etwa glauben würde, die Möbel könnten leben und mit ihm sprechen.""
Abgesehen davon, dass auch das Mit-Möbeln-Sprechen ein Quell der Freude sein kann, (warum sollten Madeleine-Eindrücke weniger närrisch sein?) Es ist alles eine Frage der Bewusstheit der Wahrnehmung. Bin ich wach genug beim Imaginieren, beim Bücherlesen, beim Sprechen mit Freunden. All das kann oberflächliches Plappern, dümmliches Entertainment oder dunkles Starren bleiben – oder eben produktives, buntes Leben.
***
Do, 18.1.07
Logge mich in einem Mieterforum ein. Die Türen dieser Wohnung treiben mich in den Wahnsinn. Mindestens ein Mal am Tag stoße ich mir den Kopf auf dem Weg ins Bad, ins Schlafzimmer oder ins eigene Zimmer. Ich habe das Gefühl, geduckt durch meine eigene Wohnung zu laufen. Angeblich ist das aber meine Sache. Wenn ich die Wohnung bei Besichtigung so akzeptiert habe, muss der Vermieter nichts ändern. Heißt das, die Vermieter könnten theoretisch auch 1 Meter hohe Türen einbauen?
Robert hat erst PC-Probleme, die es ihm verbieten, Musik aufzulegen. Dann gesundheitliche Probleme, die es ihm verbieten vorzulesen. Ein starker Wind pumpt sich auf zum Orkan. Stephan, der den kürzesten Weg zum RAW hat, befürchtet (zu Recht?), davongeweht zu werden ("von einem von einem baum erschlagenen oder weggewehten stephan habt ihr ja auch nichts"). Sind wir anderen zu leichtsinnig? In Darmstadt hatten wir auch bei Orkan gelesen. Man geht immer davon aus, dass Brände, Überschwemmugen, Orkane, Erdbeben in anderen Teilen dieser Welt stattfinden, so als ginge es einen nichts an, was die Natur da an Kapriolen vollzieht. Jochen dazu: "daß wegen sturm veranstaktungen ausfallen habe ich noch nie gehört." Volker: "absagen wegen Sturm? So ein Blödsinn." Im U-Boot wird berichtet: "Alle kommunalen
Sportstätten inklusive Schwimmbäder sind geschlossen worden und die TU hat auch sämtliche Sportkurse abgesagt.", "Laut Spiegel herrscht auf den Berliner Straßen eine gespenstische Leere.", "dass die BVG um 20 Uhr ihren Betrieb einstellt".
Y. lädt wieder zu einer seiner Shows ein. Es kling fröhlich, verbindlich. Es wänken 50 Euro. Er ahnt wohl nicht, was jeder weiß.
Am Abend tatsächlich nur 65 Zuschauer, aber doch noch halbwegs unterhaltsam.
*
J.S.: "Im Internet-Café ganz allein, der Wind reißt die Türen auf. Korrigiere meinen Proust-Eintrag, während der Betreiber höllisch laut Death Metal hört, als könnte die Welt nicht untergehen, solange solche Musik läuft."
Und von all meinen Freunden wäre Jochen der einzige, dem es, wenn er allein im Internet-Café sitzt, peinlich wäre, den Betreiber zu bitten, seine Höllenmucke leiser zu drehen.
Jochen wird zum Klassentreffen eingeladen. Das erstaunlich mangelhafte Gedächtnis der Mitschüler. Ich weiß noch genau, wann wer in unsere Klasse kam und uns wieder verließ, ich weiß sogar noch, wer uns wann in welchem Fach unterrichtete. Aber ein paar Lücken habe ich auch: Wer hat uns in Geschichte und in der 5. unterrichtet? Wie hieß noch mal die attraktive ESP-Lehrerin? Und der witzige Astronomie-Lehrer? Die Hefter alle weggeschmissen, bis auf die aus der Ersten, die meine Notizen ob ihres Niedlichkeitswerts behielten.
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Prousts Fokus auf die Erinnerung als wesentlichen Teil des Selbstbewusstseins ist inspirierend, die Ausschließlichkeit provokant: "nicht die alten Bücher wieder in die Hand nehmen, weil "solche vom Geiste hinterlassenen Bilder vom Geiste ausgelöscht werden. Den alten schiebt er neue unter, die nicht mehr die gleiche Macht der Wiederauferweckung haben." Das war immer meine Angst, neue Bilder über die alten zu legen." Aber selbst die alte Erinnerung wird geformt, wie uns die neuere Psychologie und Hirnforschung lehrt. "Zeitzeugen" sind deshalb für Historiker meist ein Greuel, weil sie oft mehr verfälschen als zur Wahrheit beitragen. Man könnte es auch so sehen: Goethe hat es nicht verdient, dass seine Gedichte nur von Schulkindern gelesen werden. Und ich schulde es mir selbst, neu zu lesen. Denn die Zeit und das Erzählen filtern ebenfalls. Wenn ich alte Zeitschriften in die Hände bekomme oder Bücher lese oder oder oder, es ist doch ernüchternd, manchmal heilsam, manchmal schmerzhaft, zu sehen, wie einen die Erinnerung trog.
Ausreden
Skepsis
Richard Dawkins: „Nach meiner Überzeugung ist vertrauensselige Gutgläubigkeit bei Kindern etwas Normales und Gesundes, aber bei Erwachsenen kann sie zu einer ungesunden, sträflichen Einfalt werden.“
Dawkins spricht hier über die Gutgläubigkeit Erwachsener angesichts von Scharlatanen, Astrologen, PSI-Medien usw., die sich dm Schauder des Moments überlassen und dies für Evidenz halten.
Widerspricht diese Beobachtung nicht dem, was wir bei vielen Impro-Anfängern erleben – den Hang zum Nein-Sagen, zur Skepsis, zum Zu-viel-Überlegen?
Ich denke, es ist eher eine Frage von Zeit und Ort – wo lasse ich mich auf Intuition und Jasagen ein? Wann halte ich inne, überlege, berechne?
12.-15.1.2007
Fr, 12.1.07
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Archäologie des Jochen Schmidt. Wäre es möglich, einen Lebensstil nachzuvollziehen, anhand des Müllbefundes? 52 Objekte. Auffällig die Wiederholungen:
– 1 Bananenschale
– 2 Bananenschalen
– 1 Bananenschale
– 1 Bananenschale
– 1 Bananenschale
– 1 flüssig gewordene Banane in einer zugeknoteten Plastetüte
– 1 Verpackung Tip Takis Balkankäse
– 1 Verpackung Tip Takis Balkankäse
Fast alles sind Nahrungsmittelreste oder Verpackungen von Nahrungsmitteln. Ausnahmen:
– Papiertaschentücher
– Shampoo
– Geschenkband
Differenzen. Was man in meinem Mülleimer nie finden würde:
– Würstchenglas
– Speckziegenkäse
– Grießpudding
– Kaffeeweißer
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J.S./M.P.: "Zur Phänomenologie des Händeschüttelns: "Einen Augenblick jedoch noch, während er sich von mir verabschiedete, drückte Monsieur de Charlus mir die Hand, als wolle er sie zerquetschen, was eine deutsche Eigentümlichkeit aller Leute ist, die so geartet sind wie der Baron, und ein paar Sekunden noch ‚massierte‘ er sie mir, wie Cottard es ausgedrückt hätte, als wolle er meinen Gelenken eine Geschmeidigkeit wiedergeben, die sie durchaus noch nicht eingebüßt haben.""
Es gibt Techniken, sich vor dem Zerquetschtwerden zu schätzen, z.B. so tief wie möglich in die Hand des anderen zu greifen und dabei selbst recht fest zuzudrücken. R., den ich drei Mal pro Jahr treffe, ist dazu in der Lage, diese Defensive auch noch aufzubrechen. Schön auch in Anonymus‘ Mit aller Macht: "Wir gaben uns die Hand. Es ist bedauerlich, daß ich mich an diesen Moment nicht deutlich erinnere: Das Händeschütteln ist der Schwellenakt, der Beginn aller Politik. Seither habe ich ihn millionenfach Hände schütteln sehen, trotzdem könnte ich nicht sagen, wie er es macht, das mit der Rechten. Aber ich kann einiges darüber sagen, was er mit der anderen Hand tut. Mit der ist er ein Genie. Er faßt dich am Ellbogen oder weiter oben am Bizeps: Er interessiert sich für dich; es freut ihn, dich kennenzulernen. Wenn er noch höher geht, wenn er dir etwa den linken Arm um die Schulter legt, ist das irgendwie weniger intim, ehr beiläufig."
J.S.: "Unter der makellosen Sichel des Monds geht Marcel, wie ein Kalif aus seinem geliebten "Tausendundeine Nacht" durch das düstere und verdunkelte Viertel, und gelangt schließlich auf der Suche nach Bewirtung an ein zwielichtiges Hotel, das auf ihn wie ein Spionagenest wirkt."
Auf den letzten Seiten noch diese Überraschung: Es gibt eine Klammer zwischen dem Proustblog und dem 1001-Nacht-Blog, den ich wenige Wochen vor Jochens Lektüre dieser Zeilen begonnen hatte. Mit "ein Kalif" ist natürlich Harûn er-Raschîd gemeint, dem man, wie schon erwähnt, unterstellte, mit seinem Schwertträger und seinem Wesir in verschiedenen Verkleidungen die Stadt zu durchforsten. Der Unterschied zu Marcel ist natürlich, dass der Kalif seine Beobachtungen in Handlungen umsetzen kann. Man hat ihm auf diese Weise Volksnähe attestiert, die er nie hatte. Vermutlich kam er so gut wie nie aus seinem Palast hinaus, von ein paar Feldzügen abgesehen. Die Kehrseite ist natürlich das Gefühl der Überwachung. Das Motiv hätte auch gut zu Stalin passen können. Und tatsächlich gibt es auch ein lächerliches Propagandafilmchen über Ulbricht in den frühen 60er Jahren, die ihn zeigen, wie er im Auto durch die DDR fährt, und in Betrieben, Behörden und Häusern nach dem rechten sieht, und eben auch kurzerhand mal eine schlampig arbeitende Sekretärin entlässt.
Das "zwielichtige Hotel" beherbergt offenbar einen S/M-Schuppen, in dem sich Charlus foltern lässt.
J.S.: "Überraschende Information: – Marcel läßt nebenbei fallen, daß er irgendwann beim Militär war.", was man sich aber eigentlich die ganze Zeit schon gefragt hatte.
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Sa, 13.1.07
Ikea. Sammle mich, um ruhig zu bleiben und mich nicht von der Hektik der anderen anstecken zu lassen. Es gelingt mir 90 Minuten, dann habe ich keine Nerven mehr, mich auf Neues einzulassen oder auch nur meine Phantasie anzustrengen, um mir vorzustellen, wie irgendetwas aussehen könnte. Am Ende kaufen wir nur eine Tasche voll Kleinkram. Keine Einrichtung. Diesen Ikeatrick habe ich auch noch nicht durchschaut. Selbst wenn man nichts anderes kaufen will, geht man doch mit einem Haufen Schnickschnack, der für sich ganz billig wirkte, aus dem Gebäude und hat dann dort doch wenigstens 50 Euro gelassen.
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So, 14.1.07
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Selbständig lebensfähiger Absatz des Proust-Blogs: "ich denke nicht, daß Menschen, nur weil sie nicht schreiben, stumm bleiben. Viele Bauwerke, die in den letzten Jahren in Berlin errichtet wurden, kommen mir vor wie der Hilfeschrei eines unglücklichen Architekten. Da hat jemand seinen ganzen Kummer und Weltekel in seine Entwürfe gelegt. Und vielleicht kommt deshalb auch manchmal die Bahn zu spät, oder man wird auf einem Amt schlecht behandelt. Alles Liebeskummer. Nur daß, was den einen unsterblich macht, den anderen zur Plage für den Kunden werden läßt."
J.S.: "Sie kommt genau dann wieder, wenn sie spürt, daß du dich endgültig von ihr freigemacht hast, hat man mir gesagt. Das klingt immer, als sei meine Leidenschaft ein Grippevirus, den man auskurieren kann. Dabei denke ich immer noch an meine Krankenschwester von vor 17 Jahren…" An die unerfüllten Lieben denkt man wahrscheinlich sehnsüchtiger als an die gescheiterten. Sie erscheinen wie unausprobierte Lebensentwürfe, die einen im besten Falle daran erinnern, wenigstens einen durchzuhalten. Für mich war es immer gleich attraktiv, junger Vater zu sein oder das promiskuitive Leben eines Rockstars zu führen, und jetzt war ich weder das Eine noch tue ich das Andere. Ich werde wohl nie Bergsteiger werden, was mich nicht beunruhigt, aber ich werde auch nie ein Jahr lang auf einem Boot über Wasserstraßen die Länder Europas besichtigen. Ich werde kein großer Pianist mehr sein, und auch kein großer Sänger, kein Jurist. Ich werde nicht in den USA studieren, ich werde kein Leichtathlet. Und ich werde nie erfahren, wie es gewesen wäre, wenn ich es geschafft hätte, X zu überreden, mich zu ehelichen. Solche Gedanken lassen sich relativieren durch die Negativszenarien – ich wäre ein unreifer Vater gewesen, wäre als Penner geendet, wäre ein verstaubter Jurist, ein nur halbwegs guter Sänger, der Angst haben muss, von der Kleinstadtbühne entlassen zu werden, ich hätte dopen müssen, oder würde an X Alimente für unsere früher niedlichen, jetzt aber mit zig Traumata belasteten Kinder zahlen. Oder man fokussiert auf das Glück der Gegenwart: Ein schöner Beruf, eine schöne Arbeit, eine schöne Freundin, ein Körper, dessen Ausfälle sich in Grenzen halten, gerade so viel Geld, dass man sich nicht zu sorgen braucht, ob es noch reicht und nicht so viel, dass man sich fragen muss, ob man es denn auch wirklich gut angelegt hat.
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Zärtlichkeit entsteht im Luftschutzkeller wie im Darkroom – man überspringt das Vorgeplänkel
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Mo, 15.1.07
Eine jener Anfragen an die Chaussee, die eher abschreckt als neugierig macht:
"gern würde ich in Erfahrung birngen, ob ihr euch grundsätzlich – und nach genauer Inaugenscheinnahme des speziellen Vorhabens natürlich- vorstellen könntet, eure Donnerstagsveranstaltung einmal in einen Ausstellungskontext zu transferieren und bei anderen zu Gast zu sein. Wir sind eine Gruppe von Künstlern und Projektmanagern, die bei der NGBK für 2008 eine Ausstellung mit dem Arbeitstitel "Oasen in den Wüsten (nicht-)medialer Kommunikation" planen und zur Förderung eingereicht haben. Da die nun folgende Recherchephase nicht nur Künstlerauswahl etc erfordert, sondern auch das ausstellungsbegleitende Rahmenprogramm gedanklich vorbereitet werden will, würden wir uns lieber früher als später mit euch austauschen, ob so etwas denkbar wäre."
Jeder einzelne dieser verbalen Attacken lässt das künstlerische Immunabwehrsystem auf Hochtouren laufen:
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"in Erfahrung bringen"
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"Inaugenscheinnahme"
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"eure Donnerstagveranstaltung"
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"Ausstellungskontext"
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"Projektmanager"
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"NGBK" [als ob man diese Abkürzung kennen müsste]
-
"Recherchephase"
-
"Rahmenprogramm"
Die Krönung ist natürlich der Arbeitstitel. Klammern in Titeln sind natürlich ohnehin absolut Tabu. Dann aber noch ein "nicht". (nicht-)mediale Kommunikation? Was denn nun – medial oder nicht-medial? Und was sind bitteschön Kommunikationswüsten. Gibt’s da gar keine Kommunikation? Oder total viel (analog zu "Sandwüsten")?
Diesmal ist es Jochen, der trotzdem höflich antwortet.
Andererseits, man weiß nie, was dann wirklich dahintersteckt. Vor längerer Zeit schrieb uns ein Praktikant an, dessen Gruppe ein Comedy-Format für MTV entwickeln wollte. Ich war der Einzige, der sich hatte breitschlagen lassen – übernächtigt und unvorbereitet las ich ein eigentlich sehr lustiges Gedicht in die Kamera, das keiner witzig fand. Die Toningenieurin hat fast gekotzt. Später wurde daraus Comedy Central. Ohne uns.
Man weiß ja inzwischen, dass die Telekom mit dem sozialen Phänomen Wohnungswechsel überfordert ist. Aber dass wir erst jetzt – nach drei Wochen – einen Anschluss bekommen, ist schon überraschend, und dann auch noch die falsche Nummer. [Nachtrag 2009: Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ahne – die Organisation unseres DSL-Anschlusses wird 9 Monate in Anspruch nehmen.] Aber was sind schon drei Wochen im Gegensatz zu 16 Jahren? So lange mussten meine Eltern auf ihren Telefon-Anschluss in der Wilhelm-Guddorf-Straße warten. Angeblich litten wir unter der unmittelbaren Nähe der Stasi-Hauptzentrale, die all die Anschlüsse benötigte. Wozu nur?
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Die Liebe zu Tarkowskij-Filmen. Oder war es die Liebe zu Filmen, die im Babylon gezeigt wurden? Bei mir begann die Babylonphase 1985 und endete kurz nach der Wende, als Alternativkultur an zu vielen Orten geboten wurde, als dass man sich aufs Babylon beschränken wollte. Vielleicht ist das so wie mit den hartnäckigen Stammzuschauern bei der Chaussee der Enthusiasten. Gerade die eingefleischten Zuschauerinnen, die fast jede Woche kommen, sind dann eines Tages für immer weg. Ich hab mir in der Zeit alles angetan – thematische Reihen und Reihen zu Regisseuren, ab und zu ein Stummfilm. Man kann sagen, dass ich dem Babylon mindestens ein Viertel meiner Filmbildung verdanke (obwohl sie dort wahrscheinlich "kinematographisch" sagen würden). Bunuel, Eisenstein, Fritz Lang, Valentin, Marlene Dietrich, Chaplin. Tja, und dann gab es Tarkowskij. Stalker mochte ich. Bei "Andrej Rubljow" bin ich eingeschlafen. Und bis eben dachte ich, "Agonie" wäre auch von ihm. Der einzige Film, bei dem ich während der Vorstellung aus dem Babylon gegangen bin.
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Über Ausdifferenzierung des Angebots in der pornographischen Industrie. J.S.: "Wobei mir diese Kombination von Reizen immer zweifelhaft vorkam, wie es doch auch verlogen scheint, Pizzen Namen zu geben, wenn sie sich nur in der Kombinatorik ihrer Zutaten unterscheiden, weil eine Pizza in meinen Augen noch keine zu einem Namen berechtigte Individualität besitzt, wenn sie statt mit Pilzen, Oliven und Schinken mit Pilzen, Oliven und ohne Schinken serviert wird.
Es fragt sich dann natürlich, ob das Gericht "Pizza" über genügend Individualität verfügt, um den Namen "Pizza" zu tragen.
Saint-Loup ist gefallen.
Pinguine haben keine Hände – Unverschämtheit!
Eine Mafia-Szene mit Bau als Paten.
Blinder Fleck für Talente
Anscheinend bin ich nicht der Einzige, dem es so geht: Man tendiert dazu, beim Unterrichten das überzubetonen, was man selber lernen musste und das zu vernachlässigen, was einem offensichtlich erscheint.
Z.B. erschien mir die Freude, in eine Figur zu schlüpfen, sie nachzuahmen, also der mimetische Instinkt, als völlig normal, so wie Spielen oder Tanzen. Fast undenkbar, dass jemand fragen könnte: Wie jetzt?
Und es gibt auch kleine Talente und Tugenden, auf die man erst mal aufmerksam gemacht werden muss. So sagten mir verschieden Teilnehmer beim Hallenser Festival, das wir Spieler von Foxy Freestyle ein ausgeprägtes Talent zur klanglichen Darstellung hätten. Ich habe das immer für normal gehalten, und erst als ich das hörte, wurde mir klar, dass die meisten Gruppen das fast gar nicht nutzen.
9.1.-11.1.06
Di, 9.1.07
Allmählich lichten sich die Kistenstapel, und so erscheint mein Zimmer grau, im Gegensatz zu Steffis, wo ein lebensfrohes Orange dominiert.
M im Krankenhaus. Wir drücken die Daumen. Was sonst könne wir jetzt tun?
B. in Berlin. Nicht viel Zeit, um die wichtigsten Informationen abzugleichen. Freundschaft braucht auch immer gemeinsames Erleben. Wenn man nur vom Alten zehrt, dünnt die wärmende Decke aus. Diskutieren über Religion. Ein ungünstiger Zeitpunkt. Er ist ein großer Fan von Benedikt. „Deus caritas est“. Ich will ihm ja nichts kaputtmachen, aber gegenwärtig geht mir beim Thema Kirche das Messer auf.
Sch.s Übersetzungen, den ich als Fachmann gebeten hatte, wirken bizarr; das, so denke ich, hätte ich besser hingekriegt. Vier Monate habe ich darauf gewartet. Wie ihm sagen, ohne ihn zu verletzen?
Anfrage, ob die Website Jurtenland meinen Pfadfindertext benutzen darf. Erstaunlich.
Wurschtelnde Mails, wie wir nach Neubrandenburg kommen, wer was wie ausdrückt, was eindeutig und was missverständlich sei.
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Vielleicht braucht ja Jochen tatsächlich die Katastrophen und Depressionen, um schreiben zu können. Die Dichte der herausragenden Texte nimmt in Schmidt liest Proust gegen Ende deutlich zu. Hat er seine Antenne für negative Empfindungen derart sensibilisiert, so dass das Schöne nur noch als Vergangenes wahrgenommen oder als Utopie projiziert werden kann? Die zum Haare sträuben aufregende Geschichte eines Draufgängers, der mit dem SV-Ausweis durch die Sowjetunion reist, ist für ihn nur erzählenswert, weil er sich fragt, ob „sie“ lieber solch einen Mann hätte haben wollen. Man könnte es natürlich auch als erzählerischen Trick auffassen – das lyrische Ich wird doppelt interessant durch den Vergleich mit solch einem Typen.
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Saint-Loup auf Fronturlaub. Ästhetische Betrachtung á la Jünger, ob die Kriegsflugzeuge beim Starten oder beim Landen besser aussehen. Und Jünger war eben nicht der Erste. Vielleicht wäre Proust als Soldat der französische Jünger geworden? Oder ist es überhaupt die gleiche, ästhetisierende Sichtweise, nur von der anderen Seite, nämlich des Daheimgebliebenen? J.S./M.P.:“Madame Verdurin betrachtet den Krieg im übrigen „als eine Art von gigantischem ‚Langweiler'“, der ihr ihre Getreuen abspenstig macht.“
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Mi, 10.1.07
Schöner Auftritt an der Hochschule Neubrandenburg. Die Organisatoren müssen einen ihrer Professoren auch auftreten lassen, sonst hätte es wohl nicht mit der Finanzierung geklappt. Irgendwie hatten sie nicht recht verstanden, dass wir dort weder eine Unterkunft haben noch selber mit dem Auto zurückfahren. Recht unkompliziert ist die Lösung: Man fährt uns nach Hause. Auf der Landstraße überrollen wir einen Fuchs. Es fühlt sich harmlos an, wie eine Schwelle, und doch ist jetzt ein Leben vorbei. Man ist müde, einige wurden aus ihrem Schlummern geweckt, und man grinst ein wenig verstohlen, wie Kinder, die ein Tier getötet haben.
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Jochen über die Entstehung der „Weltchronik“ ist ein Lob auf Falko Hennig und dessen Erfolglosigkeit. Einer von Falkos Lieblingstexten “ Wiedersehen in der Hölle – Stefan Meiser“ ist fast eine Eigensatire. J.S.: „Seine Chronik ist ein Lebensroman von Katastrophen, Zumutungen und Selbstbeschwörungen zur Arbeit, sie enthält aber auch herrliche Beschimpfungen, Drohbriefe und Krankheitsbeschreibungen. Die tröstliche Komik des Lamentos ist hier zu bewundern.“
Dass die Weltchronik gescheitert ist, ist wirklich sehr, sehr schade. Es wäre zu einfach, es an der Pointe festzumachen, dass Jochen es ja hätte wissen müssen, wenn er sich mit ihm zusammentut, aber das wäre unfair, denn die beiden haben in das Projekt mehr Arbeit und Geld hineingesteckt als in sonst eine Veranstaltung. Es scheiterte dann wahrscheinlich weniger an den Absagen der Promis, von denen man sich Zulauf versprach, sondern wie so oft am Detail – dem inkompetenten Techniker, dem mangelnden Timing, der Fahrigkeit auf der großen Bühne. Der Abend, den ich erlebt hatte (mit Gaststar Katrin Passig) war eigentlich sehr schön und sogar aufregend, aber wenn man im großen Babylon sitzt, erwartet man schon, dass das Licht im Zuschauersaal abgedimmt wird…
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Cottard ist zwei Mal gestorben und zwei Mal wiederauferstanden.
Charlus behauptet, die Herrscher Österreich-Ungarns, Deutschlands, Bulgariens und Griechenlands seien alle „so“, was ihre Allianz begründet.
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Do, 11.1.07
Fast mechanisch tippe ich die Worte „Open Space Project“ in die Tastatur. Schon gehen bei mir die Assoziationen los: Ein völlig neues künstlerisches Projekt, das improvisatorische Fähigkeiten auf allen Ebenen miteinander verschmelzen soll. Etwas völlig Neues starten, das auch wirklich trägt, anstatt sich mit Pillepalle rumzuschlagen. [Nachtrag 2009: Ein wirkliches Improvisations-Institut wäre ja der Traum, vielleicht mit einem ähnlichen Anfangs-Drive wie bei Compass, und eben auf allen künstlerischen Levels und in allen Disziplinen. Genaugenommen ist ja sogar der Blues Brothers Film eine Folge dieses Schwungs der späten 50er. Aber man stößt eben doch hauptsächlich auf Leute, die in „Strukturen“ arbeiten: Theaterprojekte, Förderanträge, Schulkooperationen usw. Staub statt Witz. Immerhin haben wir heute Foxy, was mehr Möglichkeiten eröffnet als jedes Impro-Projekt zuvor.]
Bei meinem Text komme ich nicht über die ersten drei Wörter hinaus. Jochen hingegen macht allein aus dem Umstand, dass er bei dem Auftritt (aus seiner Sicht!) nicht so gut ankam und wir auf dem Rückweg den Fuchs überfahren haben fast eine Story!
Zum Mothers-Little-Helpers-Managment, die auf einem Schiff auf der Spree sitzen. Es ist dunkel. Schneeregen. Finde es nicht und werde nass. Nach 20 Minuten Herumirren im Park habe ich es. Das Schiff voller Musikerdevotionalien. Goldene Platten der Ärzte, Plakate, massenhaft Presseausweise und VIP-Plaketten vergangener Konzerte. Normalerweise würde ich ihm das Geld geben, mir die Rechnung geben lassen und verschwinden, wärme mich aber erst mal auf und überbrücke mit Smalltalk.
Eigentlich eine angenehme Show, aber ich verzettele mich mit meinen Ansprüchen und denen der anderen: Auflegen, weil Robert Musik vergessen hat, mp3 rippen für Jochen, Bohni will eine DVD zeigen, ich will parallel meinen Joggingfilm zeigen, den Doppelbildschirm nutzen und an die Wand projiziert in Word Kommentare schreiben. Mein Laptop fängt an, mir leid zu tun.
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Jochen wie gesagt über seinen scheinbaren Misserfolg. Für eine kleine Depression genügt bereits,
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dass er nur den zweitstärksten Applaus bekommen hat oder
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dass ein absichtlich pointenarmer Text leises Schmunzeln statt schenkelklopfendes Lachen hervorgerufen hat oder
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dass unter den zehn Frauen, die nach der Lesung das Gespräch mit ihm gesucht haben, nicht diejenige dabei war, von der er sich das gewünscht hatte oder
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dass sie, falls sie doch dabei war, sich dadurch diskreditiert, dass sie „an Ostern“ sagt.
Seltsamerweise liebt er es, sich gewohnheitsmäßig mit dem Faecke-Zitat „Erfolg ist immer ein Mißverständnis“ (oder ist das von Müller?) zu trösten. Natürlich kann es ein Missverständnis sein, aber es ist dem Künstler auch möglich, mit den verschiedenen Vorkenntnissen inhaltlicher oder formaler Art zu spielen, wie man eben z.B. bei Mozart sehen kann: Viele Werke locken einen mit einfachen, fast kindlichen Motiven und man wird regelrecht ins Mozartsche Universum der Dissonanzen hineingerissen, um später wie ein aus dem Trance Erwachter, sich die Augen zu reiben und „War was?“ zu fragen. Ähnliches gilt natürlich auch bei Goethe, vor allem seinen Gedichten. Aber hier findet man auch das Gegenbeispiel: „Faust 2“, den man zwar immer wieder versucht aufzuführen, der aber eigentlich als Theaterstück nur im Kopf funktioniert, wenn überhaupt.
Nicht nur, ist das Glas halbleer, es tut einem leid, dass er nicht einmal das halbe Glas genießen mag.
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Charlus macht Marcel beim Spaziergang durch Paris darauf aufmerksam, wie unattraktiv die Stadt aus schwuler Perspektive geworden sei.
Pride – lyrics
„‚Pride‘ gets over only on the strength of its resounding beat and big, droning bass line, not on the nobility of its lyrics, which are unremarkable“ (Kritiker im Rolling Stone)
Vielleicht transzendiert der Text dieses Liedes keine größere Wahrheit als, sagen wir, „I want to hold your hand“. Aber das Erstaunliche ist ja, dass er als Songtext funktioniert, was man vielleicht vor allem als Nicht-Muttersprachler bemerkt:
Die Wiederholung des „One man“-Motivs
Die Vokallastigkeit des Textes
Der Gleichklang von „One Man“ und „What more“
Die schlagwortartigen Gegensätze (barbed wire/kiss, love/betray…)
Jede Zeile ein T-Shirt-Spruch.
Gute Fragen
„Good questions unfold.“ (Stephen Nachmanovitch)
Gute Games, böse Games, leere Games
Ein Game ist ein Game ist ein Game.
Viele Impro-Games funktionieren auf der Bühne, wenn man sich einfach an die Regeln hält, fast automatisch, auch wenn man sie nicht komplett beherrscht, was ja oft den Reiz ausmacht. Aber völlig ohne Inhalt bleiben sie eben auch langeilig. Man muss schon bereit sein zu Kreativität.
5.1.-8.1.07
7. Buch: Die wiedergefundene Zeit
Fr, 5.1.07
Stehe nach 6 Stunden Schlaf auf, und mir ist alles zuwider: Die Wohngegend, die Zukunft und Gegenwart der Bö, dass ich mit meinem Geschreibe nicht vorwärts komme, dass mein Schreibtisch wieder wie Müll aussieht, dass es keinen Schnee gibt, dass meine Sachen immer noch unausgepackt rumstehen, dass die Wohnung definiert wird durch ihren Kleinkram. Hab ich meine Tage?
Im Laufe des Tages bekomme ich doch einen Arbeitsanfall und räume sieben Kisten aus.
Und der Tag endet versöhnlich mit einer schönen Dunkeltheater-Show – mitmachfreudiges, niveauvolles Publikum und ein Abendessen mit Steffi beim Mexikaner.
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Er habe seinen Steuerberater nicht wechseln gewollt, weil dann die Angestellte enttäuscht sein könnte. Schönes psychologisches Rätselraten: Ist das nun pointierte Soziophobie oder als pointierte Soziophobie getarnte Trägheit?
Bis auf das allererste Mal habe ich es auf eine gewisse Weise auch immer als befriedigend empfunden, die Steuererklärung selbst anzufertigen. Inhaltlich ist das mit der Software heute ja kein Problem für Freiberufler, sofern man nicht gerade nebenbei mit Immobilien, Abschreibunsgobjekten usw. handelt. Man lässt das Jahr noch einmal vorbeiziehen, die Einnahmen erinnern einen an schöne Auftritte oder Veröffentlichungen, die Ausgaben richten die Aufmerksamkeit auf schöne oder notwendige Anschaffungen. Ein persönlicher Jahresrückblick, den man sich nicht von Zetteln, Belegen und Zahlen trüben lassen sollte. Die Hälfte der Kollegen verstaut Belege, Quittungen und Rechnungen in Schuhkartons, die sie dann dem Steuerberater übergeben. Als ob schon das schiere Lochen und Einheften eine des Künstlers unwürdige Arbeit sei. Aber natürlich ist meine Haltung zumindest ungewöhnlich, und ich kann hier einen gewissen Hang zum Strebertum nicht abstreiten, denn in diesem Jahr [2009] habe ich mir die Steuer-CD schon Anfang Januar gekauft.
Der Refrain von Jochens Mutter sei „Frauen wollen Sicherheit“. Jochen interpretiert das finanziell. Sicherlich meint sie es auch so, vielleicht denkt sie aber eher an die Hausratversicherung.
Am Ende des Lebens schaut man auf das verpfuschte Schicksal zurück und macht seine Verwandten dafür verantwortlich. Und wenn von denen keiner mehr lebt, muss eben die Nichte hören, dass ihr Vater es besser hatte, der ja, da er Tanzunterricht genossen habe, auch eine Frau finden und also heiraten und also eine Familie gründen und also ein glückliches Leben führen gekonnt habe. Und so gibt sie nun an Jochen skurrile Ratschläge weiter.
Selber erwärmt sie sich gerade lieber für den TV-Liebeskummer als für den ihres Sohnes. Womit sich der Kreis schließt.
J.S./M.P.: „Ich werde zum Schreiben niemals befähigt sein“, kein guter Satz für die erste Seite eines Buchs, würde man heute sagen. Oder es ist eine gezielte Demütigung desjenigen Lesers, der sich schon durch sechs Bände gekämpft hat. Oder es ist noch einmal ein Spreu-vom-Weizen-Filter, durch den nur die hartgesottenen Proust-Fans kommen, die nie einen Funken Zweifel an Prousts Schreibbefähigung gehegt haben.
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Sa, 6.1.07
Lasse meine verflossenen Beziehungen im Geiste vorbeiziehen und beobachte, dass keine von diesen Frauen eine Schwester hatte. Wenn das mehr als ein Zufall sein sollte, so müsste man fragen, ob Frauen mit Schwestern mich abstießen oder ob diese mich unattraktiv fanden. Aber ich weiß ja nicht einmal, was Frauen mit Schwestern auszeichnet. Ein Artikel in Die Freundin hilft da auch nicht weiter mit den küchensoziologischen Betrachtungen.
Alle paar Monate bekommt man von Studentinnen Fragebögen zugeschickt. Meist geht es um die Situation Kultur-, Theater- oder Literaturschaffender in Friedrichshain. Manchmal will man ihnen ja helfen, aber wenn ich dann die Attachments ausgepackt habe (die ich dann auch noch ausdrucken, ausfüllen, eintüten und per Post zurückschicken müsste, da ich keine Acrobat-Profi-Version habe, die ausgefüllte Formulare speichern würde), müsste ich auf 90% der Fragen mit „trifft nicht zu“ antworten. Methodisch kräuseln sich meinem Soziologen-Ich bei diesen Fragebögen ohnehin die Zehennägel. So auch heute.
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J.S.: „Heute denke ich, daß es vielleicht ein Fehler war, mich nie für Autos zu interessieren. Wenn es mir kein Glück gebracht hat, mich in der Sprache der Frauen zu üben, sollte ich vielleicht die Sprache der Automobile lernen und die Autobeilage der Berliner Zeitung lesen“.
Es folgt die typische Poesie (oder das Kauderwelsch – je nach Perspektive) einer Beilage oder Zeitschrift, die sich mit Technischem befasst.
Und doch ist es wohl immer noch ein Unterschied, ob der man sich für Autos oder für Software interessiert. Autonarren werden seltener als Nerds angesehen, vielleicht weil die Beschäftigung mit schwerem technischen Gerät eher körperlich konnotiert ist. Wem würde man eher Masturbations-Sucht unterstellen – dem KFZ-Mechaniker oder dem Programmierer?
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J.S./M.P.: „Außerdem ist er lediglich „unfähig, selber etwas zu sehen, wonach nicht durch meine Lektüre das Verlangen in mir wachgerufen wäre und wovon ich mir nicht im voraus eine Skizze angefertigt hätte.“ So ist es immer beim Reisen, man muß von den Orten schon geträumt haben, und auch der Tag gewinnt, wenn man gewohnt ist, darüber zu schreiben. Kommen alle Interessen aus einem selbst und müssen sie mit der eigenen Herkunft in Beziehung stehen (mit anderen Worten: wird mich Asien jemals interessieren?)“
Diese Frage dürfte sich für Jochen geklärt haben. Im Herbst 2007 erreichte uns die Einladung des chinesischen Goethe-Instituts, aber erst als wir in Shanghai landeten, war unser Interesse wirklich geweckt. Man kann sich Orte, Erlebnisse (oder wie bei Marcel die Berufung) zurechtträumen, und dadurch erhält das tatsächliche Erlebnis einen bestimmten Schwung, aber enttäuscht wird man so oder so. Sich immer wieder neu zu öffnen, ist die große Kunst des Alters.
Aus dem Blog (nicht im Buch): „die Gemütsarbeit, die ich leisten mußte, um mir Mannheim zu einem Erinnerungsort umzuschaffen.“
Für das Kind ist es relativ wurscht, ob es in Mannheim, Berlin-Buch, Prenzlauer Berg oder Rosenheim aufwächst. Die Welt an sich ist spannend. Unsere Urteile fräsen sich aber zu tief ein, (und seien es die Urteile über Mannheim und Asien), um die Orte auf sich wirken zu lassen.
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So, 7.1.07
ich liege noch im Bett, als K. klingelt, um den Schrank, an dem auch so viele Erinnerungen hängen, abzuholen. 20 Mark hatte ich für das IDEAL-Poster bezahlt, das sich darauf richtig schön machte. Von Fats Domino gab’s keine Poster, also musste ich mit dem 3x3cm-Mini-Bildchen aus der Melodie&Rhythmus vorlieb nehmen. Ich bitte um Ruhe, aber die beiden Mädels zerren ihn schon in den Flur, im Glauben, ihn zu zweit die Treppen runterwuchten zu können. Resigniert ziehe ich mich um und packe mit an. Prompt verletze ich mich: Mein Daumen wird zwischen Wand und Schrank eingequetscht und schrappt an der geriffelten Wand des Hausflurs entlang. Eine schöne Art, den neuen Tag zu begrüßen.
Wir frühstücken in Ruhe weiter.
Es ist anstrengend und aufwendig, die Persisch-Tastatur zu bedienen und ich fürchte, diesen Teil der 1001-Nacht-Lektüre-Aufgabenliste nicht durchzuhalten.
Langer Winterspaziergang im Treptower Park. Ausführliches Trost-Bad in der Wanne. Was für ein Luxus, und für wie selbstverständlich ich den in der Guddorfstraße immer hingenommen habe!
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Ein ausgekoppelter Hit-Text: „Ich bin der…“
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Man schreibt das Jahr 1916, Marcel bedauert die Soldaten, die auf Fronturlaub durch die Fenster der Restaurants schauen. Der Krieg sei das Thema, dass ihn am meisten beschäftige.
Warum ist Marcel eigentlich nicht an der Front?
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Mo, 8.1.07
Meine Replik wollen sie bei der Zeitung nicht. Wahrscheinlich haben sie sogar recht. Am Abend Andrés bei uns, der noch bis nach Zwölf Klavier spielt – beim langsamen Satz der Sonate Facile kommen mir die Tränen.
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Quälende Texte für Jochen im Lateinkurs – der Raub der Sabinerinnen (bei Jochen „Sabinierinnen“)
Auch Roms Geschichte beginnt (wie die der Menschheit im Alten Testament) mit einem Brudermord. Aber im Alten Testament treibt den Mörder Neid an, hier ist es die reine Provokation. Man kann sich vorstellen, dass Remus seinem Bruder beim Überqueren des Grabens noch eine lange Nase machte.
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J.S./M.P.: „Marcel nennt diese Form sorgsam unterdrückter Neigung zur Männlichkeit „hassenswert“. Rührung werde erzeugt, indem man sie verbirgt, das sei „widerwärtig und häßlich, weil nur solche Leute in dieser Art trauern, die der Meinung sind, daß Kummer nicht zählt, daß das Leben ernster als Trennung und alles übrige ist.“ Das Ideal der Männlichkeit bei Homosexuellen wie Saint-Loup sei „verlogen, weil sie sich selbst nicht eingestehen wollen, daß physisches Verlangen auf dem Grunde der Gefühle ruht, die sie aus anderen Quellen herleiten.“ (Vielleicht spricht hier aber auch ein bißchen der geprellte Nicht-Soldat, denn der Krieg mache „die Hauptstädte, in denen es nur noch Frauen gibt, zu einem verzweiflungweckenden Aufenthalt für Homosexuelle…“) Obwohl Marcel Saint-Loups Haltung unendlich mehr als die von Charlus bewundert, ist doch des einen Verlangen „an den gefährlichsten Punkt gestellt zu werden“ im Grunde nichts anderes, als die Bestrebtheit des anderen, helle Krawatten zu vermeiden. Ein interessanter Gedanke, den man Ernst Jünger ins Grab nachrufen möchte.“
Marcels Erinnerungsort Combray ist zum kriegsentscheidenden Schlachtfeld geworden. „So bekommen die persönlichen Erinnerungsorte durch den Krieg im Nachhinein eine historische Bedeutung, wie es bei mir oft genau andersrum geschieht, wenn man um den Schloßteich in Kaliningrad joggt und später nachliest, daß hier die Patienten aus dem benachbarten Krankenhaus, als die Front kam, ins Freie gelagert wurden, wo die meisten starben. Oder sich vorzustellen versucht, wie das Kriegsgeschehen in der dörflichen Gegend ausgesehen hat, die man als Kind besucht hat.“
Man braucht gar nicht so weit wegzugehen. Wer denkt heute noch an die Leichenberge auf dem Alexanderplatz, an die Wasserleichen in den gefluteten U-Bahn-Schächten? Und wem will man dieses Grauen zumuten? Bequemer ist es, dass Gedenken mithilfe von Mahnmalen zu institutionalisieren, die abkürzende Chiffren bieten. Und den Impact des Krieges weniger gewaltig erscheinen lassen.
Kritik von Kollegen
Mehr als die Kommentare in Gästebüchern und oft mehr als das von Dünkel oder eben auch Selbstzweifeln ja nicht freie Selbsturteil sollte man die Kritik von Kollegen schätzen. Am besten natürlich, von Kollegen, die man selber schätzt. Selber muss man sich auch nicht scheuen, auf Anfrage zu loben, zu kommentieren und eben auch zu kritisieren. Auf Anfrage! Unangenehm ist Kritik von unerwünschter Seite, bei der man, selbst wenn man dem Kritiker sachlich recht geben mag, insgeheim denkt: Wie willst du denn das beurteilen? Unangenehm jene beiden Künstler, die sich immerzu autorisiert sahen, an Storytelling, Performance oder Reimschemen zu nörgeln, ohne je auch nur einen unpeinlichen Auftritt absolviert zu haben.
Ernst muss Spaß machen
Noch mal Helge Schneider: „Nur wenn die Kunst Spaß macht, kann ich sie ernsthaft betreiben.“
2.1.-4.1.07
Di, 2.1.07
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Aus der Aufzählung der Exponate des "Museumsschranks" der Familie Schmidt, ergibt sich eine schöne Liste unklaren Inventars:
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Wassernusskerne
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Lithophanie
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Schlosskaplan
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Porzellanbein als Votivgabe
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Vielliebchen
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Wirtelstein.
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Auflösung, woher Jochens Leiden rührt: Aus einer DDT-Vergiftung, die er sich beim Ablecken des damit behandelten Museumsschranks zugezogen haben muss
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J.S.: "Börsengeschäfte, die Marcel, um Albertine Annehmlichkeiten zu bereiten, von einem Makler hatte unternehmen lassen, haben sein Vermögen auf ein Fünftel reduziert.", was an Jochens Anekdoten über die Anrufe seines Sparkassenberaters erinnert. Interessanterweise sind diese Menschen in keiner Weise haftbar. Sie können einem den größten Schrott aufschwatzen (und tun dies ja auch) und wenn’s schiefgeht, hat man Pech gehabt.
J.S.: "Außerdem kommt, was man schon geahnt hatte: Albertine ist keineswegs tot. Eine Depesche von ihr vermeldet daß sie ihn heiraten will, sie schließt: "Alles Liebe Albertine", als wäre nichts gewesen. Aber Marcel bekommt keinen Nervenzusammenbruch, er ist auch nicht tief getroffen, sondern er empfindet nichts. Sie war für ihn ein Bündel von Vorstellungen gewesen, die ihren Tod überlebt hatten, bis das Vergessen die Bilder in einer Art Verlies tief in ihm eingemauert hatte. Nur weil sie wieder lebt, ersteht sie nicht auch in ihm zu neuem Sein."
Hä? Ist das jetzt ein hitchockartiger Dreh wie in Vertigo oder psychedelisches Märchen? Abgesehen davon ist es natürlich interessant, dass sich jetzt endgültig zeigt, wie es ;arcel nie um den Menschen, sondern um eine Vorstellung von ihm gegangen war.
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Mi, 3.1.07
Genau einen Tag also, nachdem wir ihnen die Rechnung von 1.000 Euro dafür überwiesen haben, dass sie praktisch alles dafür getan haben, dass niemand zur Brillenschlangenparty kommt, bekommen wir von den Betreibern auch noch witzisch gemeinte Newsletterpost. Ich werde in jenes Etablissement wohl erst wieder einen Fuß setzen, wenn die, die damit im Sommer zu tun hatten, alle zurück in ihre Heimat-Kleinstädte gezogen sind, wo sie zahlungsfähige Kundschaft für ihre Kunstkacke finden.
Endlich wieder eine schöne Show mit der Bö. Wir werden ausführlich gelobt, und das zu Recht.
Z. erzählt, er habe sich zu Silvester stundenlang mit seiner Freundin gestritten. [Nachtrag 2009: Sie trennte sich 1/2 Jahr später von ihm. Auch heute hat er diese Geschichte noch nicht verkraftet, und das Wichtigste scheint ihm zu sein, die Schuldfrage zu klären. Natürlich so zu klären, dass sie die Schuld auf sich nimmt. Ich habe das nie verstanden. Nach so einer langen Zeit könnte ich nicht mehr zurückblicken. Es gibt bei all den gescheiterten kleinen Affären und großen Lieben keine Beziehung, auf die ich mit Groll zurückschaue. Was müsste geschehen, dass mich eine gescheiterte Liebe so lange gefangenhält? Wie groß müsste der Vertrauensbruch sein, dass es mir nicht gelänge, die Angelegenheit von zwei Seiten zu sehen? Es hilft ja nichts; wer geliebt werden will, muss sich öffnen; wer sich öffnet, macht sich verletzlich. Und wird wahrscheinlich auch früher oder später verletzt. Das ist Teil des wilden Liebeslebens. Ohne dieses Risiko verwurschteln wir unsere Zeit wie die Amöben. Gehen wir es ein, können wir fliegen.]
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18 Dinge, die ihn u.a. an sie erinnern, darunter überraschenderweise
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Dönerbuden
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Keane
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Keksdosen
J.S.: "Außerdem kommt, was man schon geahnt hatte: Albertine ist keineswegs lebendig. Die Depesche war in Wirklichkeit von Gilberte gewesen, die darin ihre Vermählung mit Saint-Loup angekündigt hat. Ihre Frauenschrift mit Schwänzen, Arabesken und verirrten I-Punkten war falsch interpretiert worden, und schon war aus "Gilberte" "Albertine" geworden. Außerdem liest man ja gerne, was man lesen will." Man kommt sich als Leser etwas veralbert vor. Dennoch, die selektive Wahrnehmung ist immens. Sehr anschaulich zeigt das auch Derren Brown:
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Do, 4.1.07
In meinem Zimmer stehen noch 13 Kisten. Immerhin kommen die Dinge ein wenig in eine erkennbare Ordnung. Aber ich hinke hinterher, während es bei Steffi flott vorangeht. Sogar ihre geliebte Deko ist schon wieder angebracht. Ich bin neidisch auf dieses Geschick und versuche, es nicht damit abzutun, dass Männer dafür geschaffen seien, sich um die Welt da draußen zu kümmern.
Uli Verhonepipelt meinen Umzug in der taz. Ich kann ihm nur dankbar sein für diese Steilvorlage. So habe ich meinen Text Numero 1 für die Chaussee fertig. Die Idee für den zweiten Text aus einem wiederkehrenden Motiv unserer Impro-Shows: Gott auf dem Arbeitsamt, wo er von seinem Sachbearbeiter für sein Pfuschwerk verantwortlich gemacht wird. Bei der Chaussee funktioniert er auch ganz ordentlich. Erst als unser Gast Ahne dran ist, bemerke ich meinen Faux pas. Ahne ist inzwischen für seine „Zwiegespräche mit Gott“ berühmt. Man wird niemandem mehr glaubhaft machen können, das sei die eigene Idee gewesen.
Der 1001-Nacht-Blog wird schon jetzt zur Last. Ich verzweifle auch am Layout.
Drei Viertel der gesamten Tages-E-post sind Newsletter. Alle "witzig" und beziehen sich darauf, dass es mit Schwung ins Neue Jahr gehe. Man ist ja in der Regel zu höflich, ihnen zu sagen, dass man diesen Kram nur wegklickt, zumindest wenn es sich um Kollegen handelt, aber was habe ich mit Kölner Kabarettisten zu tun? Ich war 1999 das letzte Mal in Köln. Jochen mailt rätselhaft, wir sollten uns nicht wundern, dass er einen langen und einen kurzen Text habe.
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Jochen im "Schwarzsauer" zum Zeitunglesen. Wäre wohl nicht mein Café. Man könnte versuchen, an der Auswahl der herausgepickten Themen herauszufinden, um welche Zeitung es sich handelt:
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Apfelsorte "Danziger Kant"
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Feldhandball
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Krankenschwestern und Partnerschaftsdienste
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Zahnärzte suizidgefährdet
Ich tippe auf FAZ.
Judith Hermann sagt ihre Teilnahme bei der Weltchronik ab.
Unklares Inventar: Apfelkartoffeln.
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Marcel "hält sich inzwischen eine junge Person", die er zum Schlafen braucht.
Gesamtkünstler
Es gibt Künstler, bei denen ist es wurscht, welchem Genre oder welcher Disziplin sie sich zu wenden. Helge Schneider spielt hunderte verschiedene Instrumente, und er spielt sie immer auf dieselbe Weise. Und nicht nur das – er zeichnet auch so, er schreibt so, und er spricht so.

Nicht nur die Bühne ist Platz des Künstlers
Den eigenen Arbeitsplatz mindestens so wertschätzen wie die Bühne. Die Arbeit des Schreibens so wertschätzen wie das Auftreten. Wie das aussehen kann, beschreibt Volker Strübing hier.
„…wenn man feststeckt, tippt man den Ertrag besserer Stunden ab. Klingt nach doppelter Arbeit, das ist es aber nicht. Weil das Abtippen gleichzeitig der erste Korrekturdurchgang ist und man viele kleine und größere Fehlerchen beseitigt. Rechtschreibfehler, Inhaltsfehler, Ausdrucksfehler, all solches Zeugs.
Inzwischen gebe ich ziemlich viel Geld aus, wenn ich mir ein neues Schreibgerät oder ein neues Heft kaufe. Ich muss damit ja auch eine ziemlich enge Bindung eingehen, wir werden einiges zusammen erleben. Vorbei sind die Zeiten als ich mit Lotto-Kulis in Hefte aus Connys Container geschrieben habe. Geht auch, klar, wenns sein muss mach ich das auch wieder, aber schöner ist es mit gutem Arbeitsgerät.
Ich arbeite und schreibe viel, es gibt Zeitdruck, aber keinen Stress. Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Zumindest, wenn es so gut läuft, wie im Moment. Morgens (wenn ich es morgens schon aus dem Bett schaffe), wird abgetippt, Mittags gehe ich für zwei Stunden in ein Café schreiben, dann wird wieder daheim getippt und Krempel erledigt, abends gehe ich noch einmal für zwei oder drei Stunden schreiben, dann eher in die Kneipe als ins Café. So schön kann Arbeit sein. „
31.12.06-1.1.07
Nun ist es ja nicht so, dass ich keine Eifersucht kennte. Die Kommentare zu diesem Thema mögen hier stellenweise ein wenig unberührt geklungen haben. Meine Eifersüchte haben sich jedes Mal in anderer Form gezeigt. Schlimm war es natürlich, verlassen zu werden. Die Beziehung stirbt – mir wurde oft erst dann klar, was ich da eigentlich verloren habe, wie wenig ich das alles geschätzt habe: Die legendäre Veronkelung verheirateter Männer – man lässt sich selber gehen und sieht auch im anderen nur noch, was einen nervt. Am schlimmsten aber, weil völlig irrational und überhaupt nicht handhabbar, war die Trennung von L., zum einen weil ich mich von ihr trennen musste, da ich ihre Seitensprünge nicht mehr ertragen konnte, vor allem aber war der Schmerz durch und durch körperlich. Die Liebe ging durch die Nase. Angeblich ist der Geruchssinn der erste Sinn überhaupt. Schon die Spermien finden die Eizelle, weil sie sie riechen. Sie benutzte nicht einmal Deo. Wie Grenouille so suchte ich sie nachts auf, weil mein Geruchssinn mich gleich dem erwähnten Spermium zu ihr zog, und nach der Trennung suchte ich in meiner Wohnung nach übriggebliebenen Kleidungsstücken. Als würde sie ein spezifisches Pheromon aussenden, von welchem ein einziges Molekül genügte, um an meiner Nasenschleimhaut anzudocken, von wo irgendwelche Botenstoffe dafür sorgten, dass mein Kleinhirn Rabatz machte. Und genau diese Unfähigkeit zu denken, treibt einen dazu, das Kontraproduktive zu tun: Man klammert, statt zu verführen. Meine olfaktorische Reaktionen, könnte man sagen, haben sie erst zum Seitenspringen gezwungen.
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So, 31.12.06
Der Versuch, die Odessitischen Kontakte für zu nutzen, trullert ins Leere.
Vor der Silvesterfeier im RAW noch einmal kurz in die Wohnung, um melancholisch Abschied zu nehmen.
Ich hätte es wissen müssen: Als ich ankomme, sollte die Band schon mit Soundcheck fertig sein, und der Trommler ningelt immer noch über ein Klackern, das er über seine Monitorbox höre. Ich beschließe in diesem Moment, mich nicht mehr auf Bands einzulassen. Ich habe noch nie eine Band erlebt, die in der von ihr selbst festgelegten Zeit den Soundcheck geschafft hätte. Je professioneller sie tun, um so unprofessioneller sind sie.
Zuschauer bei der Lesung überschaubar, bei der Impro-Show auch. Ich frage mich, wann ich die Schulden, die ich mir hier gerade einfange, abarbeiten soll. Plötzlich, kurz vor Mitternacht rennt uns das Publikum die Bude ein. Ich stelle mich selbst an die Kasse. Um 2 Uhr ist meine Stimme weg. Irgendwann nach Mitternacht kommt Jochen auch noch an, er ist wütend, da sie ihm nicht einmal eine SMS geschickt habe. Das hätte mich nach seinen letzten Berichten aber auch eher gewundert. Volker hingegen gut gelaunt, man weiß nicht warum, und dann legt er auch noch auf.
Ich arbeite bis 6 Uhr, falle ins Bett und brauche mir die Frage, ob es das wert ist, eigentlich nicht zu stellen.
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Nicht Albertine sei Marcels Gefangene, sondern Jochen selber, der sich ja selbst zu Silvester und in der Zeit furchtbarster Seelenpein verpflichtet fühlt, seinen Auftrag zu erfüllen. Knaller explodieren, Schmidt liest Proust. Als läge man im Schützengraben, die Granaten schlagen ein, in der Feldpost ist ein Brief der Frau, sie würde ihn verlassen, und der Gefreite Schmidt tröstet sich nicht mit der Zigarette, sondern mit Literatur.
Spekulationen über weitere Lektüreprojekte: Don Quichotte, Das Kapital, Descartes, Beckett, Rabelais, Italienische Reise, Roth, Handke.
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M.P.: ""Andererseits ist es kein Zufall, daß intellektuelle und sensible Menschen sich immer fühllosen und geistig unterlegenen Frauen unterwerfen und trotz allem auch sehr an ihnen hängen, und daß der Beweis dafür, daß sie nicht geliebt werden, sie keineswegs davon abhält, alles dafür herzugeben, um eine solche Frau bei sich zu behalten."
Oder, wie der Volksmund sagt: "Dumm fickt gut."
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Mo, 1.1.07
Beschließe, meinen PC zu verschenken. Tube bekommt den Zuschlag.
Unklarheit, wie lange wir noch im wöchentlichen Rhythmus im Zebrano spielen.
Jahresbilanzen. Rückblicke. Vorschauen.
Beginne den 1001-Nacht-Blog [den ich ja durch den Schmidt-Proust-Blog unterbrochen habe]. Online eingeben kann ich ihn nur im Internetcafé. Haben noch keinen Anschluss.
Entwerfe Spielregeln für den Blog, z.B. Persisch-Übersetzungen für Passagen [die sich aber im Laufe der folgenden Monate als undurchführbar erweisen].
Rechne die Silvesterfeier ab. Für jeden kann man noch etwas zur versprochenen Garantiegage draufzahlen. Und warum hat mich das jetzt dem Herzinfarkt um 5 Jahre nähergebracht?
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J.S.: "Nachmittags schläft das Mädchen, das sich freut, wenn es mich sieht, nebenan auf dem Sofa, ich soll mich später auch dazulegen, hat sie gesagt. Als ich dann komme, wacht sie kurz auf und scheint nach dem Schalter der Lampe zu suchen, aber sie will mir nur ein Gummibärchen reichen, das sie vor dem Einschlafen für mich auf dem Nachttisch zurückgelegt hatte. Ich liege neben dieser kleinen Wärmflasche für die Seele, die mir vor drei Jahren geschenkt worden ist, und versuche mit aller Kraft, mich vom Trost ihrer Existenz durchströmen zu lassen und im Rhythmus mit ihren leise schnaufenden Atemzügen den Kummer dieser Wochen auszuatmen. Vielleicht kann ich ihr das irgendwann zurückgeben."
Für Sätze wie diese lese ich „Schmidt liest Proust“.
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Marcel in Venedig. Mit Mutter. M.P.: "Die Zärtlichkeit, die sie mir im Übermaß bewies, war wie jene unerlaubten Speisen, die man Kranken nicht mehr vorenthält, wenn man weiß, daß sie doch nicht wieder gesund werden können."
Und wie mag das die Mutter sehen?
Manierismen
Manierismen sind wie eine ansteckende Krankheit. Altbekannt: Die Novizen wollen den großartigen Schauspieler kopieren und machen dann doch nur seine Oberfläche nach. Der Stil eines Brando z.B. ist eben nicht kopierbar. Man kann vielleicht eine Pate-Parodie abgeben, aber sein kreatives Verhältnis zur Schauspielerei wird nur von wenigen erfasst.
Im Improtheater hat das Kopieren von Maierismen stellenweise groteske Züge angenommen. Genre-Gags werden übernommen, das (hier schon oft erwähnte Einzählen), und anscheinend nur schon ins dritte Jahrzehnt gehend: Der Haar/Kinn-Streich-Gag fürs Publikums-Warm-Up. Für Uneingeweihte: Der Gag ist so übel nicht. Der Moderator weiht die Zuschauer augenzwinkernd ein, sie müssten klatschen, wenn er sich übers Haar streicht, und sofort damit aufhören, wenn er sich am Kinn berührt.
Man sollte annehmen, dass man als Bühnenmensch schon ein schlechtes Gewissen haben sollte, so einen Trick überhaupt zu klauen oder ihn gar in derselben Stadt zu verwenden. Aber inzwischen verwendet ihn jede zweite Theatersporttruppe.
Wieder mal Helge Schneider übers Improvisieren
„In Stuttgart hab ich so ein Erlebnis gehabt, da bin ich dann irgendwie so auf die Bühne gegangen, wo ich gar nicht wusste, wo die ist. Und das war ein schöner Abend, da war auch noch Stromausfall. Und das kann dir beim Film nicht passieren. Du bist ja ständig am Planen. Wir haben zwar auch improvisiert in dem Film [Texas]…, „
Schlingensief: „Wo liegt eigentlich der Unterschied? Ich hab auch Klavierunterricht gehabt, ich kann überhaupt nicht improvisieren. Kriegt man das beigebracht oder kann man so was? Wie kommt das? Absolutes Gehör? Oder wie kommt das, dass man improvisieren kann?“
Helge Schneider: „Absolutes Gehör hab ich nur bedingt. Ich hab so ’ne Art Gewohnheitsgehör. Aber absolutes Gehör hab ich nicht. Das muss man auch nicht haben, das hat nichts mit Musikalität zu tun. Musikalität ist die Fähigkeit, etwas, das man singen könnte umzusetzen, auf irgendeinem Instrument. Es ist ganz egal welches. Deshalb spiele ich auch so viele Instrumente: Weil ich gelernt habe, das was ich gedacht habe, für mich zu spielen. Ich kann also jedes Instrument lernen, wenn ich weiß, wie das technisch funktioniert. [Und dass man improvisieren kann] das ist ne Gabe, die man nicht erklären kann. (…)
„Ich hab auch immer gemalt. Ich war ein besessener Zeichner und Maler.“
„Die Könnerschaft fängt nie an. Man hört ja nie auf zu lernen. Die Könnerschaft, die gibt’s gar nicht.“
Schlingensief: „Was ist das Helge-Schneider-System?“
Helge Schneider: „Ich hab da eigentlich ur so Bilder aneinandergereiht. Jetzt geht derjenige hin, der meint, er hätte auf der Filmhochschule alles gelernt und sagt: ‚Hörma Schneider, dein Film ist aber Scheiße, da sind ja furchtbare Schnitte drin, was isn das, da is ja gar kein Rhythmus drin?‘ Genau das ist das – das sind die Typen, die zu Technomusik sich den Arsch verrenken und von Rhythmusgefühl keine Bohne haben. Und ich hab das Rhythmusgefühl. Deshalb hab ich den Film so gemacht. Weil ich hab den Rhythmus nämlich breit gestreut, über den ganzen Film. Und der Film hat’n Rhythmus, den siehst du aber erst ganz zum Schluss.“… Weiterlesen
28.12.-30.12.06
Um zu erfahren, wieviele Besucher seinen Blog besuchen, hat Jochen Anfang 2007 einen Besucherzähler des asozialen Service-Anbieters Motigo auf seine Seite gesetzt, der manchmal sogar die Blogseite einfach zugunsten des Werbesponsors schließt. Es müsste einen Zähler geben, der herausfindet, wieviele Besucher Jochen auf diese Weise verschreckt hat.
Do, 28.12.06
Gegen Mittag kommen die Kühlschranklieferanten, und ich frage mich, was ich in diesem Kühlschrank aufbewahren soll. [Nachtrag 2008: Ich frage mich heute, wie ich damals geglaubt habe, mit einem kleineren Kühlschrank auskommen zu können.]
Mein Zimmer steht immer noch voller unaufgeräumter Kisten und Regale. Und in diesem Chaos gelingt es mir trotzdem, für den Abend zwei Geschichten zu schreiben.
Ein sehr schöner Abend, und man merkt Jochen und Volker ihre langen Mail-Diskussionen der letzten Tage nicht an, so erfrischend sind ihre improvisierten Dialoge.
Erstmals nicht zu Fuß von der Chaussee nach Hause. Hatte gehofft, von der Warschauer Brücke bis zur Kiefholzstraße genüge eine Kurzstrecke mit dem Taxi. Irrtum. [Nachtrag 2008: Später fällt mir ein, dass mich im Jahr 2000 einmal Micha Ebeling mit seinem Taxi in der Wühlischstraße aufgegabelt hat, als ich noch jede Woche eine schwere IKEA-Tasche, in der all unser Equipment verstaut war, in und herbugsierte.]
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J.S.: "Sich fremde Eifersucht auch nur vorzustellen, reizt schon die eigene. Will man denn ein Wesen, das man so an sich gebunden hat, daß es nicht mehr wegläuft, selbst wenn es könnte? Infantile Verfügungsgewalt über die Mutter?"
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J.S.: "Nachdem er den Mut aufgebracht hat, seinen eigenen Artikel im Figaro zu lesen, möchte er gleich mehrere Exemplare davon kaufen lassen, um den Artikel in jedem davon noch einmal zu lesen. Er stellt sich die Leserinnen vor, in deren Schlafzimmer er gern eingedrungen wäre, und die zwar seine Gedanken aus der Zeitung nicht verstehen können (wovon er natürlich ausgeht), aber denen sie zumindest seinen Namen zugetragen hat."
Klingt fast nach der "Ballade vom Eisernen Mike" in Boxsport.
Eine verlorene Praxis sei es "Einen Akt der Nächstenliebe vollziehen und eine Prostituierte von der Straße auflesen und sie aus dem Elend der Gosse ziehen." Unklar. Damit reden sich doch seit Jahrhunderten die Freier heraus.
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Fr, 29.12.06
Gehe zum Bäcker und bekomme Angst, wie ich in dieser öden Gegend hier in den nächsten Jahren leben soll. Fast so schlimm wie früher im Nibelungenkiez in Lichtenberg. Immerhin fehlen die Friedrichshainer Hunde.
Noch ein paar Kleinigkeiten aus der Libauer abholen. Dort hab ich noch DSL. Beantworte in der kalten Wohnung E-Mails und surfe bei Youtube. Ein interessantes Interview mit Helge Schneider im ZDF. Eine unerträgliche Moderatorin Anfang Zwanzig stellt ihm bescheuerte Fragen in aufgekratztem Ton, die sogar ihre erste Frage, ob er sich auf seinen Auftritt bei Wetten Dass freut, ablesen muss. Es ist bewundernswert, wie er die Ruhe bewahrt und immer dann am ernsthaftesten ist, wenn sie von ihm einen Scherz erwarten.
Als ich wieder in Treptow bin, setze ich mich in die warme Badewanne. Das scheint hier mein Allround-Trost zu werden.
C. verkündet, weniger Impro spielen zu wollen. [Nachtrag 2008: Sie zieht sich in den folgenden zwei Jahren fast vollständig von der Bühne zurück und widmet sich den Sternen.]
Es ist völlig irre, dass ich mir zu dem Umzugsstress auch noch die Organisation der Silvesterparty aufgehalst habe, wie ich erst jetzt so richtig merke: Ich schaffe es nicht, noch einen Kassierer zu organisieren, und angemessene Reklame geht mir durch die Lappen.
In der Hoffnung, für "Free Play" doch noch einen Verlag zu finden, arbeite ich weiter an der Übersetzung und trage mich ins Übersetzer-Forum u-litfor@tw-h.de ein. [Nachtrag 2008: Eine großartige Mailingliste mit hilfsbereiten und freundlichen Menschen, die überdies informativ, unterhaltsam, vor allem aber nützlich ist, wie ich später feststellen durfte, als ich tatsächlich Free Play übersetzte.]
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Jochen über die Zufälligkeit der Begegnungen mit einer Frau, die er aus Erzählungen seit seiner Kindheit schon lange kennt. "Warum wartet man auf solche zufälligen Begegnungen, statt sie zu forcieren und bewußt Menschen aufzusuchen, die zu Orten gehören, die einem wichtig waren? Herausfinden, wer in der Samariterstraße in unserem Haus gewohnt hat, als ich klein war, vielleicht lebt man in diesen Familien ja auch noch als Geist weiter?"
Vor einigen Tagen feierte eine bekannte Familie den 100. Geburtstag der vor ein paar Jahren gestorbenen Oma. Die andere, im Verwandtschaftsverhältnis durchaus gleichrangige Oma geistert in den Erzählungen der Familie nur als "Die Tote". Das junge Paar kam 1945 flüchtend nach Berlin, an der Zonengrenze täuschte sie mit ausgestopftem Bauch eine Schwangerschaft vor, man ließ sie passieren. Die Tante hatte ein Häuschen (was man heute eher als Bungalow bezeichnen würde) in Tempelhof. Als das Paar bei eiskaltem Wetter eintraf, öffnete niemand die Tür. Sie betraten das Häuschen, und da lag die Tante tot. Man übernachtete trotzdem dort. Was hätte man tun sollen? Am nächsten Morgen stellten die beiden fest, dass die Nachbarn sehr wohl vom Tod der Frau erfahren hatten, denn verschiedene Gegenstände waren gestohlen. Die Verstorbene heißt nun nur noch "Die Tote". Und dies ist wohl die einzige Geschichte, die ihre Enkel noch über sie zu erzählen wissen. Das wird sie nicht gehofft haben.
"Im letzten Jahr ist meine Wahloma gestorben." Frau T. hatte ich auch gekannt, eine äußerst angenehme Frau, die ich für die Offenheit ihres Hauses bewunderte. Zwei Mal hatte ich sie mit Jochen besucht, und erst jetzt und hier erfuhr ich von ihrem Tod.
*
Marcel scheint Albertines Tod erzählend bearbeiten zu wollen. Die Geschichte wird zur Geschichte, zum Text. Aber auch beim mündlichen Erzählen zieht man schon die definierenden Linien. Je öfter, desto kräftiger. Das Erzählte wird zur Wahrheit, die sich jeder Relativierung entzieht. Ist das Erzählen dann deshalb therapeutisch weniger wertvoll?
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30.12.06
Die mit einem äußerst kuriosen Blick auf die modernen Welt ausgestattete N. will mir einen 93 MB-Film per E-Mail schicken. In einigen Jahren werde ich darüber lachen, dass mir das heute völlig absurd erscheint, mit meiner provisorischen Modemverbindung und dem limitierten web.de-Speicher.
Der Tag klingt aus mit einem ruhigen, angenehmen Kantinenlesen: Falko Hennig, Volker Strübing, Andrés Atala, Steffi Winny und icke.
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Kein Eintrag bei Jochen.
26.-27.12.06
Di, 26.12.06
Der 76jährige H. tut sich schwer damit, überhaupt noch ab und zu aus dem Haus zu gehen, alles ist anstrengend und er wägt ab, ob die Mühe lohnt. Aber jedes Jahr im Juni macht er sich auf den Weg zu seinem alten Stamm-Restaurant und reserviert einen großen Tisch für die Familienfeier. Man traut sich nicht, ihm zu sagen, dass er das auch telefonisch erledigen könnte.
Ich verschiebe Schränke, sortiere Bücher, schaffe Platz, so dass ich wenigstens ein bisschen tippen kann.
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Jochens weihnachtliche Gedanken zum Alleinsein: "alle Vorteile [bei den Eltern ausgezogen zu sein] haben sich verflüchtigt, es bleibt nur die hohe Miete und die abendliche Einsamkeit. Der Wechsel zwischen Gesellschaft und Alleinsein fällt schwer…"
Sich beim Zusammenleben das Alleinsein wiederzuerkämpfen, ohne asozial zu wirken, kann aber auch ein Kampf sein.
Erinnerungen an die traurige Geschichte von Bertrand Cantat und Marie Trintignant, die einem Roman zu entstammen scheint: Das Düsterste des Menschen schlägt ein, wo man Hoffnung, Schönheit, Liebe erwartete. Wer wird das erklären können? Wer kann da getröstet werden? Das Dunkle, das sich nicht externalisieren lässt, das sich nicht abstreiten lässt. Wer kann hier noch Demut vor dem Schicksal haben?
M.P.: "Von einem gewissen Alter an sind unsere Erinnerungen derart durcheinandergewirrt, daß die Sache, die man im Sinne hat, oder das Buch, das man liest, ganz dahinter verschwindet. Überallhin hat man etwas von sich ausgestreut, alles ist ergiebig, alles birgt Gefahren in sich, und ebenso kostbare Entdeckungen wie in Pascals Pensées kann man in einer Seifenreklame machen."
J.S. dazu mit einem Satz, der sich nicht im Blog findet: "Es gibt also keinen würdigeren Gegenstand für einen Künstler, es kommt allein auf seinen inneren Reichtum an."
Und dieser Reichtum ist nicht eine Frage der Menge, sondern der Fähigkeit zu verknüpfen.
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Mi, 27.12.06
Völlig übermüdet weckt mich meine biologische Uhr schon wieder um 7 Uhr morgens. Eine Stunde später sagt mir die mechanische, dass es Zeit sei, aufzustehen. Wie immer, wenn ich so früh raus muss (was eigentlich nur noch der Fall ist, wenn ich verreise), bin ich fast unfähig, meine Bewegungen zu koordinieren. Jeder Gang zwei Mal. Heute alles noch schlimmer wegen der ungewohnten Umgebung.
Lese im Bus das amnesty-Journal und werde nach einer Weile von zwei Leuten angepflaumt, ich solle anders sitzen. Nicht, dass ich nicht trotz meiner überaus langen Beine dazu bereit wäre, aber die Unfähigkeit der Mitreisenden, so etwas freundlich zu formulieren, ist frappant. Diesen Bus, so weiß ich jetzt schon, werde ich noch oft benutzen müssen. Meine Beine werden im Übrigen nicht kürzer, aber die Hoffnung, dass sich öffentliche Verkehrmittel, insbesondere Flugzeuge da etwas anderes einfallen lassen werden, ist beschränkt. Sitze in Flugzeugen werden für 90% der Menschen gebaut: 5% der Frauen sind kleiner als 1,58m und 5% der Männer sind größer als 1,89m. Ich bin aber nicht nur größer als 1,89, sondern ich habe eben auch noch lange Beine. Ich bin eigentlich ein Sitz-Zwerg. Von meinen 1,90 Metern Körpergröße sind anderthalb Meter Bein. Der einzige Mensch auf der Welt, dem das ähnlich ging wie mir, war John Wayne, für dessen Malaise die legendäre Band Haysi Fantayzee extra ein Lied schrieb, das mir seit vielen Jahren als Trost dient.
Nach fünf Minuten ist der Ärger vorbei. Acht Umzugshelfer bei Steffi, von denen aber nur drei Leute Dinge schleppen können, die schwerer sind als ein Kissen. Auch eine Version umzuziehen. Bei mir stand der praktische Uli auf der Laderampe der Robbe und ärgerte sich über die unpraktisch hochgereichten Möbelstücke. Hier ist es die ungeschickte T., die alles nach Mädchenästhetik-Prinzipien zu verteilen scheint.
Am Ende ist die Wohnung vollständig zugestellt. Ich weihe die Badewanne ein.
Am Abend auch noch Impro-Auftritt. Aus einem Harold zum Thema "Weltrettung" machen wir Weltuntergangs-Szenen. Wer will es uns nach diesem physisch und nervlich erschöpfenden Tag verübeln?
Im wöchentlichen Newsletter empfehlenswerter und kurioser Veranstaltungen wird für die Silvester-Show der Reformbühne Ebony Browne angekündigt, die schwerkrank nach Oregon abgereist ist. [Nachtrag 2008: Einen Monat später ist Ebony Browne verstorben.]
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Nun wurde Jochen also vom Goethe-Institut nach Sofia eingeladen, wohin er 1999 das erste Mal reiste, als ich die auslotete, ob man eine Lesebühne im Friedrichshain gründen könnte.
Und nun? "Wollte ich Steffka oder ihr Land? Was macht man, wenn man das Land weiterliebt, aber mit der Frau nicht auskommt? Ich hatte auch immer Angst, in Wirklichkeit dieser Piroschka-Romantik anzuhängen."
Piroschka? War das nicht Ungarn? Oder spielt er auf den Inhalt an – der ältere Schriftsteller denkt an die Jugendromanze?
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J.S./M.P.: "Was eine neue Frau ihm alles bieten müßte! Nämlich genau dasselbe wie Albertine: einen trauten Schwesterkuß am Abend, ein zu starkes Parfüm, sie müßte im Spiel ihre Wimpern mit seinen vermischen, ihm Musik von Vinteuil vorspielen und mit ihm über Elstir und die Memoiren Saint-Simons reden. Denn die Erinnerung ist ohnmächtig, ‚etwas anderes, sogar Besseres zu verlangen als das, was wir besessen haben…’"
Natürlich geht es wieder ums Besitzen. Dabei hat er sie ja nie "besessen". Und Erlösung fände er ohnehin erst, wenn er sich in eine Frau verliebte, die Albertine überhaupt nicht gliche, abgesehen davon, dass wir uns ja immer noch fragen müssen, ob er zu Liebe überhaupt fähig ist.
Impro und Listen
Vera Birkenbihl rehabilitiert Listen als kreatives Instrument. (Ich hatte ja hier schon mehrmals meinen Unmut über die Listen-Wut der Improspieler bekundet.) Die Frage aber ist, wie wir Listen verwenden. Sie taugen sehr wohl, wenn man ein bisher unmarkiertes Gedankenfeld untersuchen will – eine Art Brainstorming, mit dem Ziel, die Reichweite eines Themas zu bestimmen. Wenn man beispielsweise als Schauspieler bemerkt, emotional immer wieder in die gleichen Bahnen zu geraten, kann es durchaus angemessen sein, sich mal eine offene, innerhalb einer Stunde/eines Tages/ einer Woche immer weiter zu verlängernde Liste anzulegen und dann zu sehen, was man davon benutzt und was nicht. Die Liste sollte öffnen, zum weiteren Arbeiten inspirieren, und nicht als geschlossenes System betrachtet werden, aus dem sich der Improspieler zu bedienen hat, wie es mir neulich traurigerweise vom Loose Mosse berichtet wurde, wo in der Garderobe die Fastfood-Schauspiel-Listen von Johnstone hängen, nach denen man sich zu richten habe.
