42. Nacht

Eines Tages geht der Kalif zum Frauengemach hin und legt sich zum Schlafen nieder. Eine Sklavin fächelt ihm am Haupt Luft zu, eine zweite knetet ihm die Füße.

Rar gewordenes Inventar: Frauen, die zur Stelle sind, wenn man sie braucht, und dann auch noch wissen, was zu tun ist.

Als die Sklavinnen glauben, der Kalif schlafe, unterhalten sie sich über Kût el Kulûb und die Füßekneterin berichtet der Luftzufächlerin von deren Schicksal und lässt auch noch die erstaunliche Information heraus:

"Ich habe die Fürstin Zubaida hören sagen, sie sei bei einem jungen Kaufmann aus Damaskus, genannt Ghânim ibn Aijûb."

Woher kann die Fürstin das denn wissen?

Klar, dass der Kalif über diese Information nicht erfreut ist:

Da ergrimmte er gewaltig, und er stand auf und berief die Emire des Reiches; und mit ihnen kam der Wesir Dscha’far el-Barmeki 42 (…): "Dscha’far, geh mit einer Schar Bewaffneter hinunter und frage nach dem Haus des Ghânim ibn Aijûb: fallt über das Haus her und bringt ihn her mit meiner Sklavin Kût el-Kulûb."

Man umstellt das Haus.

Da waren der Wesir und der Präfekt und die Wächter und die Mamluken mit gezückten Schwertern und umgaben das Haus, wie das Weiße des Auges das Schwarze umgibt.

Währenddessen essen Ghânim ibn Aijûb und Kût el-Kulûb Fleisch. Kût el-Kulûb entdeckt die Bewaffneten und rät Ghânim ibn Aijûb, sich als Bote zu verkleiden und mit dem Fleischkorb auf dem Kopf das Haus zu verlassen. Das tut er auch

Und der Allbehüter nahm sich seiner an, so dass er den Gefahren und Nöten entrann.

Die Schergen plündern das Haus

Plünderungen im Islam?

und Dscha’far führt Kût el-Kulûb zum Kalifen;

der aber ließ Kût el-Kulûb in ein dunkles Zimmer bringen und gab ihr eine alte Frau zu ihrem Dienst; denn er war überzeugt, dass Ghânim sie verführt und bei ihr geschlafen hätte.

Unklar: Worauf bezieht sich das "denn"? Bekommt sie als sozusagen entwertete Sklavin nur eine alte Frau? Oder deutet das dunkle Zimmer auf eine Art Karzer hin? Die ganze Story wirft ein seltsames Licht auf die impulsive Gefühlswelt des Kalifen, der eben noch einen Monat um Kût el-Kulûb trauerte und sie nun einsperrt.

Dem Statthalter in Damaskus, Sulaimân ez-Zaini 42a, gibt er einen Brief mit, in dem dieser aufgefordert wird, ihm Ghânim ibn Aijûb zu schicken, sobald dieser in Damaskus auffordere. Da das zunächst nicht möglich ist, gibt der Statthalter dem Volk einen Freibrief, das Haus, in dem noch Mutter und Schwester von Ghânim ibn Aijûb wohnen, zu plündern.
Inzwischen erreicht Ghânim ibn Aijûb erschöpft eine Moschee und bricht dort zusammen.

Aber das Herz zitterte ihm vor Hunger, und da er schwitzte, so liefen ihm Läuse über die Haut, sein Atem wurde stinkend, und sein ganzes Aussehen wurde verändert. Als nun die Bewohner jenes Dorfes zum Frühgebet kamen, fanden sie ihn dort, liegend in Qualen, hager vom Hunger und doch noch mit den Zeichen einstigen Reichtums.

Und so sehen ihn auch zwei Bettlerinnen – Mutter und Schwester – die ihn aber nicht wiedererkennen.
Man bindet ihn auf ein Kamel, das man einem Treiber gibt, der es nach Bagdad führt, wo er Ghânim ibn Aijûb vor das Tor eines Hospitals legt.

Als die Leute durch die Straßen zu gehen begannen, da erblickten sie ihn, der so dünn war wie ein Zahnstocher.

Der Vorsteher des Basars vertreibt die Schaulustigen:

"Ich will mir durch dieses arme Geschöpf das Paradies gewinnen; denn wenn sie ihn in das Hospital aufnehmen, so werden sie ihn in einem einzigen Tage töten." Dann ließ er ihn durch seine Sklaven in sein Haus tragen, ließ ihm ein neues Bett bereiten, neue Kissen darauf legen und sagte zu seiner Frau: "Pflege ihn sorgsam."

Neue Information: Durch Barmherzigkeit kann man sich also auch im Islam den Weg ins Paradies bahnen.
Unklar: Warum würde man ihn im Hospital binnen eines Tages töten? Sind die Zustände dort so miserabel oder die Pfleger so mordlüstern?

Die Frau des Basarvorstehers

gab ihm einen Becher Wein zu trinken und sprengte Rosenwasser über ihn.

Wein als Medizin

 

 

42Bisher wurde Dscha’far in der Übersetzung immer eingedeutscht "der Barmekide" genannt.
Die Barmekiden waren eine persische edle Familie, die den Abbasiden zur Macht verhalf und ihnen in hohen Staatsämtern diente. Später, gegen Ende der Regierungszeit von Harûn er-Raschîd, fielen sie in Ungnade. Dscha’far war der Sohn des Vertrauten von Harûn, Yahya, und selber, wenn überhaupt, nur kurze Zeit Wesir. Im Jahr 806 fiel die Familie in Ungnade, entweder wegen Amtsanmaßungen oder (romantisch aber unwahrscheinlich) wegen eines Liebesverhältnisses zwischen Dscha’far und Harûns Schwester.
Dem historischen Dscha’far wird außerdem unterstellt, die griechische Wissenschaftstradition in Bagdad eingeführt zu haben, und, nachdem er von gefangenen Chinesen in die Geheimnisse der Papierherstellung eingeweiht worden war, in Bagdad die erste Papiermühle errichten zu lassen.

42a Dessen Sohn haben wir schon in der38. Nacht kennengelernt, wo Harûn ihn als Statthalter von Basra (!) absetzt. Sein Sohn soll Statthalter von Damaskus gewesen sein.

41. Nacht

Ghânim ibn Aijûb führt die Schöne in der Kiste nach Hause,

wo alles noch fein säuberlich steht – die Aufregung um einen möglichen Überfall war also umsonst –

er kauft ihr Essen, Kerzen, Wein, Wohlgerüche,

und als die Maid ihn sah, da lachte sie und küsste ihn und umschlang seinen Hals Und sie begann ihn zu streicheln, so dass seine Liebe noch stärker wurde und sein Herz ganz beherrschte.

Aber es bleibt beim anständigen Tändeln. Ebenso am nächsten Tag, und als Ghânim sie um das Letzte bittet, erwidert sie

"das steht dir nicht zu; den auf der Schnur meiner Hose steht ein harte Wort!"

Er respektiert das, und einen Monat lang fahren sie fort in diesem unschuldigen Liebesspiel, bis er eines Nachts dir Worte auf der Schnur liest:

"Ich bin dein und du bist mein, o Nachkomme des Propheten.41a)"

Nun berichtet das Mädchen, es heiße Kût el-Kulûb.

Nach einem Monat erst sagt sie ihm ihren Namen!

Sie sei die Geliebte Harûn er-Raschîds. Die Herrin Zubaida41 ist eifersüchtig auf das junge Mädchen, lässt es mit Bendsch betäuben und von den drei Sklaven, die sie bestochen hatte (ebenso wie die Türhüter), fortbringen und in das Grabmal legen.

Fragt sich nur, woher Kût el-Kulûb diese Informationen hat, wenn sie doch betäubt gewesen ist.

Als Ghânim ibn Aijûb die Worte der Kût el-Kulûb vernahm und erfuhr, dass sie die Geliebte des Kalifen war, da wich er zurück; denn ihn befiel eine heilige Scheu vor der Kalifenmacht, und er setzte sich abseits von ihr in einem Winkel des Raumes nieder.

Des Liebenden Herz verzehrt sich in Sehnsucht nach der Geliebten;
Und ihre herrliche Schönheit raubt ihm den Verstand.
Einst ward ich gefragt: "Wie schmeckt die Liebe?" Ich gab zur Antwort:
"Die Liebe ist süß, und doch knüpft sie an Leiden ihr Band."

Er hält sich weiterhin zurück, doch am nächsten Tag bietet sich Kût el-Kulûb ihm an:

"Stille dein Begehr an mir!" Er aber unterbrach sie: "Ich nehme meine Zuflucht zu Allah! Das darf nie sein. Wie darf sich der Hund an die Stelle des Löwen setzen?" (…) Doch ihre Liebe zu ihm wuchs dadurch, dass er sich zurückhielt.

Dies scheint mir eines der schwierigsten Aspekte des Flirtspiels: Wie lange und wie stark hält man sich zurück? Ein wenig sich zieren, kann sie (oder ihn) ja auch schar machen, aber irgendwann ist der Zug auch abgefahren, und der andere wirft sich einem Draufgänger an den Hals, der sich um Tändelei nicht schert.

Die Fürstin Zubaida indessen sorgt sich, der Kalif könne etwas von der Missetat mitkriegen, und so wendet sie sich um Rat an eine alte Frau. Diese empfiehlt ihr, eine Holzpuppe anfertigen zu lassen, sie einzuwickeln und sie in der Mitte des Palastes beerdigen zu lassen und dem Kalifen gegenüber zu behaupten, Kût el-Kulûb sei gestorben.

"Will der Kalif die Laken abnehmen lassen, um sie zu sehen, so hindere du ihn daran und sage: "Der Anblick der Nacktheit ist nicht erlaubt."

Tatsächlich befällt den Kalifen große Trauer, als er von seiner Reise zurückkommt, allerdings auch Argwohn, und tatsächlich will er die Leiche auspacken lassen, was ihm aber verwehrt wird. So trauert er einen Monat an ihrem Grab.

 

 

41 Bekannt aus den Nächten 27 und 28 (Geschichte des Verwalters)

41a) Harûn er-Raschîd ist mitnichten ein Nachkomme Mohammeds. Das trifft nur auf die ersten vier Kalifen zu. er-Raschîd gehörte der Dynastie der Abassiden an, die die Ummayaden abgelöst hatten.

Weiterlesen

40. Nacht

Kafûr läuft seinem Herrn entgegen und berichtet, dessen Frau wäre gestorben, woraufhin dieser in großes Geheul ausbricht und nach Hause rennt. Auf dem Weg begegnet ihm sein Weib, die beiden wundern sich. Und Kafûr beömmelt sich wie über einen gelungenen Aprilscherz. Als sein Herr, nachdem er erfährt, dass sich Kafûr auch noch aktiv an der Zerstörung des Mobiliars beteiligt habe, bei ihm beschwert und ihm droht, das Fleisch von den Knochen zu reißen, gibt Kafûr schlaumeierisch zur Antwort, sein Herr habe ihn ja mit dieser Bedingung gekauft, und dies sei erst die halbe Lüge, der zweite Teil folge später in diesem Jahr. Daraufhin will der ihn einfach nur noch loswerden:

"Oh Hund, Sohn eines Hundes!", reif mein Herr, "verfluchtester aller Sklaven, ist dies alles nur eine halbe Lüge? Wahrlich, ist es doch ein ganzes Unheil! Geh von mir, du bist frei in Allahs Namen!"

Die erstaunliche Antwort hierauf: Der Sklave Kafûr will gar nicht freigelassen werden, da die eine Lüge ja noch aussteht. Erst wenn die eingelöst ist, will er verkauft werden. Freilassen darf ihn der Herr aber nicht,

"denn ich kenne kein Handwerk, durch das ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen kann; und diese meine Forderung an dich ist gesetzlich, die Rechtsgelehrten haben sie im Paragraphen von der Freilassung aufgeführt."

Sklavenmentalität als die andere Seite der Sklaverei.

Nach einer Prügelstrafe

ließ mein Herr mich in meiner Ohnmacht und holte einen Barbier, der mich entmannte und die Wunde ausbrannte.

wodurch wir von einer weiteren, eher unappetitlichen Aufgabe der Barbiere erfahren. Aber wer mag sich dann noch von einem solchen Mann rasieren lassen, wenn er weiß, was mit dem Messer nur wenige Stunden vorher geschah. Ohne großer Freud-Fan zu sein: Wer hier keine Kastrationsangst verspürt, ist kein Mann.

Dann nahm er mich und verkaufte mich um einen hohen Preis, da ich jetzt Eunuch war.

Beachtlich: Eunuchen teurer als unkastrierte Sklaven!

Hier zur Rolle der Sklaverei im Islam

Die Zandsch genannten Sklaven waren schwarzhäutige Sklaven aus Afrika, die den Muslimen nicht ebenbürtig galten. Wegen ihrer krassen Unterdrückung erhoben sie sich im Jahr 869 in Basra und nahmen die Stadt zwei Jahre später ein.

***

Dem dritten Eunuch ist nicht nach Erzählen zumute, er erwähnt nur lapidar:

"Ich habe sowohl meine Herrin wie den Sohn meines Herrn gemissbraucht."

Dann klettert er über die Mauer und öffnet sie von innen.

Seltsam ich dachte, das sei schon in der 39. Nacht geschehen.

Die drei schaufeln eine Grube und legen die Kiste hinein, dann verschwinden sie. Am nächsten Morgen, gräbt Ghânim die Grube mit den Händen auf, öffnet die Kiste und entdeckt darin eine schlafende Maid.

Als sie den Wind roch und die Luft in ihrer Nase, da nieste sie. Dann würgte und hustete sie, und aus ihrem Halse fiel eine Pille von kretischem Bendsch.

Bendsch = Cannabis

Als sie nun wusste, wie es um sie stand, rief sie: "Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed der Gesandte Allahs ist."

Bisher habe ich es hier kaum notiert, aber das Glaubensbekenntnis taucht in beinahe jeder Geschichte auf.

Das Mädchen gibt ihm Instruktionen, sie wieder in die Kiste zu legen und per Maultier oder Kamel in sein Haus zu bringen, wo sie ihm ihre Geschichte erzählen würde.

Schon glühte die Liebe zu ihr in seinem Herzen, denn sie war ein Mädchen, wert zehntausend Goldstücke, und trug Schmuck und Gewänder, die ein großes Vermögen wert waren.

Ob der Schmuck und die Gewänder ihren Teil zu dieser Liebe beitrugen?

39. Nacht

Die beiden Kinder des Kaufmannes erben unter anderem

hundert Kamellasten von Seidenstoffen, Brokaten und Moschusblasen; und auf jedem Ballen stand geschrieben: "Dies ist bestimmt für Baghdad."

Ghânim ibn Aijûb reist nun tatsächlich nach Bagdad, um dort Handel zu treiben. Seine Reise ist glücklich. Nach einer Ruhepause begibt er sich mit einem Stoffballen zum

Laden des Marktvorstehers, dem er das Bündel übergab. Der öffnete es, zog die Stoffe hervor und verkaufte sie mit einem Nutzen von zwei Dinaren auf jeden Dinar des Einkaufspreises.

Diese Makler- und Marktvorsteherfunktion wird mir nicht so recht klar: Was ist denn dessen Funktion? Ist es die Glaubwürdigkeit? Wird der Marktvorsteher nur in bestimmten Fällen aktiv?
Außerdem unklar: Der "Nutzen von zwei Dinaren" – Ist das der Gewinn oder der Erlös?

Er tat so ein volles Jahr lang.

Nach einem Jahr findet er den Basar verschlossen, weil einer der Kaufleute verstorben ist. Man bewegt ihn dazu, zur Trauerfeier mitzugehen. Als die Gruppe ankommt, sehen sie,

dass die Verwandten des Verstorbenen über der Gruft ein Zelt errichtet und es mit Lampen und Wachskerzen versehen hatten.

Seltsamer Brauch: Zelt über der Gruft.

Die bislang größte Trauerfeier an der ich teilnehmen durfte, war 1997 in Ghana. Ähnlich wie der Held dieser Geschichte, wurde ich da hineingezogen, ohne zu wissen, was mich erwartete: Der Onkel einer Kollegin, ein Dorf-Häuptling, hatte das Zeitliche gesegnet. Und da er recht populär war, fanden sich zirka 2.000 Menschen zu seiner Beerdigung ein. Für die Anwesenden war es eine besondere Ehre, dass sich auch ein Deutscher eingefunden hatte. Man bekam 1/8 Apfel als Leichenschmaus. Das Merkwürdigste aber: Ich habe zu keinem Zeitpunkt einen Sarg oder eine Urne gesehen. Ich weiß bis heute nicht, wo der Verstorbene beerdigt wurde.

Ghânim ibn Aijûb ist in Sorge über sein Haus, das vielleicht von Räubern überfallen werden konnte. Als er sich endlich frei machen kann, schafft er es doch nicht mehr rechtzeitig: Die Tore der Stadt sind verschlossen.

Er fand ein Heiligengrab: vier Mauern schlossen es ein, drin war ein Palmbaum, und es hatte ein Tor aus hartem Stein. Und da das Tor offen stand, ging er hinein.

Er kann nicht einschlafen, geht noch einmal hinaus und entdeckt einen Lichtschein, der sich auf ihn zubewegt. Aus Angst klettert er auf die Palme. Zum Glück, denn es sind drei schwarze Sklaven namens Kafûr, Sawâb und Buchait.

Und bisher haben schwarze Sklaven noch immer Unglück über die Helden unserer Erzählungen gebracht.

Sie wundern sich über das verschlossene Tor, aber Buchait meint:

"Wie dumm seid ihr! Wisst ihr nicht, dass die Besitzer der Gärten öfters von Baghdad aus hierher kommen? Wenn dann der Abend sie überrascht, so treten sie hier ein und schließen das Tor, aus Furcht, Schwarze wie wir könnten sie fangen, braten und verzehren.

Kannibalismus als weiteres Laster schwarzer Sklaven, neben der bisher erwähnten Gier, Hinterhältigkeit, Hurerei und Schmutzigkeit.

Nun klettert einer über die Mauer, öffnet den beiden, und da sie müde sind, lassen sie die Arbeit ruhen (und offenbar auch den Gedanken an etwaige Eindringlinge auf der Palme) und erzählen sich die Geschichten über ihre Entmannung.

Die Geschichte des Eunuchen Buchait

Buchait wurde im Alter von fünf Jahren aus seiner Heimat geraubt und einem Unteroffizier verkauft. Als Kind darf er mit dessen Tochter spielen. Als er zwölf Jahre alt ist und sie zehn, kommt sie aus dem Bad. Es folgt die bisher drastischste Beschreibung einer sexuellen Beziehung:

Nun begann sie mit mir zu spielen und ich mit ihr. (…) So richtete sich mein Glied auf, bis es einem großen Schlüssel gleich ward. Sie stieß mich zu Boden, so dass ich auf den Rücken fiel, setzte sich mir rittlings auf die Brust und fing an sich auf mir herumzuwinden, bis mein Glied entblößt war. Als sie es aufrecht dastehen sah, nahm sie es in die Hand und begann damit, vor ihrer Hose an den Lippen ihrer Scham zu reiben. (…) Und ehe ich mich dessen versah, zerriss mein Glied ihr die Hose und vernichtete ihr Mädchentum.

Die Sache wird dem Vater verschwiegen, und die Mutter des Mädchens gibt vor, die Angelegenheit zu vergessen, bis zum Tag der Hochzeit, als man den Sklaven schnappt und "verschneidet".

In der Hochzeitsnacht schlachteten sie eine Taube und sprengten Blut in ihr Hemd.

Die Geschichte des Eunuchen Kafûr

Der Makel des noch kindlichen Sklaven Kafûr besteht darin, dass er jedes Jahr einmal lügt. Doch ein Kaufmann erwirbt ihn dennoch für 600 Dirhems. Als eines Tages der Kaufmann mit seinen Kollegen speist, befiehlt er dem Sklaven aus seinem Hause etwas zu holen. Dort angekommen, behauptet er, der Kaufmann sei von einer umstürzenden Mauer erschlagen worden. Angesichts dieser Botschaft verzweifelt die Gattin es Kaufmanns und beginnt das Geschirr zu zerdeppern,

zerbrach die Fenster und Läden, beschmierte die Wände mit Lehm und blauer Farbe und rief: "Heda, Kafûr! Komm, hilf mir und reiß den Schrank um, zerbrich die Gefäße und dies Porzellan und alles andere dazu!"

Er gehorcht, und nun erfahren auch die Freunde und Verwandten vom angeblichen Unglück.

Und sie folgten mir mit unverschleierten Gesichtern und unbedeckten Köpfen.

So ziehen sie zum Präfekten, um ihm alles zu berichten.

38. Nacht

Nûr ed-Dîns Verwunderung, warum ein Fischer einem Statthalter in Basra Aufträge erteilen könne, ist verständlich, doch Harûn er-Raschîd redet sich heraus:

"Ich lernte mit ihm in derselben Schule und unter demselben Lehrer, und ich war Klassenerster. Seither ist ihm das Glück hold gewesen, so dass er Sultan wurde, während Gott ihn erniedrigte und mich zum Fischer machte."

Die sonst an derartigen Stellen so typische Nachfrage: "Wie war das denn?" bleibt uns und dem Kalifen hier erspart.

Nûr ed-Dîn entfernt sich nun mit dem Brief Richtung Baghdad und lässt Enîs el-Dschelîs tatsächlich zurück.

Dieses Verhältnis scheint mir immer noch unklar: Ist sie nun seine Geliebte oder wirklich nur eine Art Entertainment-Sklavin? Ihr gemeinsames Spiel deutet er auf eine Intimbeziehung hin, andererseits haben sie nie geheiratet oder ein derartiges Ziel ins Auge gefasst, und es ist auch stets von der Sklavin die Rede. Aber: Wenn er sie als Sklavin und somit als wertvolles Objekt betrachtet, warum sollte er sie einem verlausten Fischer überlassen?

Der Kalif gibt sich Scheich Ibrahim zu erkennen.

Da wurde er plötzlich wieder nüchtern, warf sich zu Boden und sprach die Verse:

Vergib mir die Sünde, in die mein Fuß hineingeglitten!
Der Sklave erwartet ja von seinem Herrn die Huld.
Ich habe gestanden, und das gebot mein Vergehen.
Doch wo ist nun, was dir gebietet verzeihende Huld?

Man möge dem Scheich die schlechten "Reime" verzeihen. Improvisation in betrunkenem Zustande zahlt sich selten aus.

Der Kalif aber vergibt ihm seine Ausfälle und lässt Enîs el-Dschelîs in seinen Palast führen, wo er ihr ein Zimmer zuweist.
Als Nûr ed-Dîn in Basra ankommt, ist der Sultan einigermaßen erstaunt über das Schreiben des Kalifen, da dieser ihm darin befiehlt, sein Amt niederzulegen und es Nûr ed-Dîn zu übergeben.

Dann berief er die vier Kadis und die Emire.

"Die vier Kadis?" Heißt das, es gab nicht mehr Richter in Baghdad? Oder sind das die vier Leib-Kadis?

doch der schurkische Wesir el-Mu’in ibn Sâwa zerreißt das Schreiben und frisst es. Seine Handlung begründet er damit, dass das Schreiben nicht echt gewesen sei, und Nûr ed-Dîn ein Betrüger. Er schlägt vor, Nûr ed-Dîn in Begleitung nach Baghdad zu schicken, um die Echtheit zu prüfen. Der Sultan ist einverstanden, aber el-Mu’in ibn Sâwasperrt Nûr ed-Dîn in seinen Privatkerker und gibt dem Kerkermeister den Befehl, ihn zu foltern. Doch der Kerkermeister behandelt Nûr ed-Dîn freundlich.
Vierzig Tage später kommt ein Geschenk des Kalifen an, und der Sultan (der sich schon einmal als etwas vergesslich gezeigt hatte), gibt nun den Befehl, Nûr ed-Dîn zu enthaupten.

Doch als die Leute den Ausrufer hörten, trauerten alle und weinten, die Kinder in der Schule und die kleinen Kaufleute in ihren Läden; und einige wetteiferten, Plätze zum Zusehen zu finden, und andere gingen zum Gefängnis, um ihm das Geleit zu geben.

Obwohl Nûr ed-Dîn ihn warnt und mahnt, spottet der Wesir mit den Dichterworten

Ein Mann, der seinen Feind noch überlebt
Um einen Tag, erreicht, was er erstrebt.

Schließlich führten sie ihn unter das Fenster des Palastes und setzten ihn dort auf das Blutleder

Unklares Inventar: Blutleder.

Doch naht hier zum rechten Zeitpunkt die vierzehnte Kavallerieabteilung Dscha’far, der Barmekide, der Wesir des Kalifen, der mit seiner Schar eine Staubwolke aufwirbelt.
Denn inzwischen war folgendes geschehen:

Dreißig Tage hatte der Kalif nicht mehr an das Geschenk des Nûr ed-Dîn Alî gedacht (…) Bis er eines Nachts an dem Gemache der Elîs el-Dschelîs vorüberkam und sie weinen hörte. (…)
Da fragte der Kalif: "Wer bist du?" Sie antwortete: Ich bin die, die Alî ibn Fadl dir zum Geschenk gemacht hat, und ich sehne mich danach, dass du dein Versprechen, das du mir gegeben hast, erfüllen und mich zu ihm mit der Ehrengabe schicken möchtest; jetzt bin ich hier seit dreißig Tagen, ohne die Süße des Schlafes gekostet zu haben."

Diese Herrscher scheinen alle ihren Gedächtnisverlust mit hoher Impulsivität kompensieren zu müssen:

Dscha’far wird nach Baghdad geschickt.

"Wenn du dich auf dem Wege länger aufhältst als nötig, lasse ich dir den Kopf abschlagen."

An diese Drohungen scheint sich Dscha’far gewöhnt zu haben.

In Basra lässt er Sultan und Wesir verhaften und setzt Nûr ed-Dîn als Sultan ein.
Nach einer Frist von drei Tagen – die Zeit der Gastpflicht – reisen alle wieder nach Baghdad. Dort angekommen, verlangt der Kalif, das Nûr ed-Dîn dem Wesir persönlich den Kopf abschlägt. Dieser beginnt zu bereuen und sagt:

"Ich habe nach meiner Natur gehandelt, handle du nach deiner Natur." Da warf Nûr ed-Dîn das Schwert aus der Hand, blickte den Kalifen an und sprach: "O Beherrscher der Gläubigen, er hat mich mit seinen Worten entwaffnet."

Eine Szene, die an Karl May erinnert.

Aber immerhin hat der Kalif noch den Schwertträger Masrûr, der seine Arbeit ohne Federlesen verrichtet. Nûr ed-Dîn verzichtet auf die Königswürde von Basra, und so gibt ihm der Kalif Elîs el-Dschelîs zurück, überhäuft die beiden mit Geschenken, macht Nûr ed-Dîn zu seinem Tischgenossen, der nun ein schönes Leben führt,

bis ihn der Tod ereilte.

***

Die Geschichte von Ghânim ibn Aijûb, dem verstörten Sklaven der Liebe

Für meinen Geschmack wäre es mal wieder Zeit für ein paar Dämonen und Zaubereien. Dieser Titel klingt nach einer weiteren Liebes-Anekdote mit hübschen Damen, die ihre Anbeter auf die Schippe nehmen. Aber lasst uns sehen.

In Damaskus stirbt ein reicher Kaufmann, der einen Sohn,

dem Monde gleich in der Nacht seiner Fülle und dazu von lieblicher Rede; dieser hieß Ghânim ibn Aijûb, der verstörte Sklave der Liebe. Und der hatte eine Schwester, die hieß Fitna, ein Mädchen, einzig an Schönheit und Lieblichkeit.

37. Nacht

Scheich Ibrahim trinkt nun also mit dem Pärchen, und als ihnen der Alkohol schon völlig zu Kopf gestiegen ist, beginnen sie auch noch, sämtliche Lampen und Kerzen des Palastes anzuzünden.

Nun hatte Allah, der mächtig ist über alle Dinge, und der für jede Ursache eine Wirkung festsetzt, es so gefügt, dass der Kalif sich in ebendiesem Augenblick das Mondeslicht anschaute und durch eines der Fenster blickte, die nach der Seite des Tigris lagen.

Als er das Schloss hell erleuchtet erblickt, ruft er nach seinem Wesir Dscha’far, den er zusammenstaucht:

"Du Hund von einem Wesir, willst du mir diese Stadt Baghdad wegnehmen, ohne mir ein Wort davon zu sagen?" "Was mögen diese Worte bedeuten?", fragte Dscha’far; und der Kalif erwiderte: Wenn mir die Stadt Baghdad nicht genommen wäre, so wäre das Schloss der Bilder nicht erleuchtet…"

Ein Minister, der keine Ahnung hat, was in seinem Verantwortungsbereich geschieht, ist heutzutage bald ein Ex-Minister. Zu Haruns Zeiten bald ein toter Minister.

Und so legt er sich eine Ausrede zu: Der Scheich feiere das Beschneidungsfest seiner Söhne im Gartenpalast. Vor so viel Frömmigkeit hat auch der Kalif Ehrfurcht, und er beschließt, dem Scheich Gesellschaft zu leisten.
Dem Wesir Dscha’far geht nun die Muffe in der Frequenz des Mauseherzschlags, denn er und Masrûr der Eunuch müssen ihn – natürlich verkleidet – begleiten.
Vor dem Palast steht ein Walnussbaum, auf den der Kalif klettert, um das Fest zu beobachten, und er kommt gerade rechtzeitig, um den Scheich rezitieren zu hören:

Lass ihn kreisen, den Wein, in großen und kleinen Bechern,
Und nimm ihn aus der Hand des strahlenden Mondes, des Schenken!
Und trinke nie, ohne dass gesungen wird; denn ich schaute,
Wie selbst die Knechte pfeifen, wen sie ihre Pferde tränken.

Dass der Kalif, eine Beschneidungsfeier erwartend, ob des Trinkgelages irritiert ist, war zu erwarten. Aber er ist andererseits auch gebannt von der Schönheit des jungen Paares. Dscha’far schöpft ob dieses Vergnügens des Kalifen wieder Hoffnung für sein Leben, die der Kalif wieder zunichte macht, als das Mädchen zur Laute greift:

"Bei Allah", sagte der Kalif, "wenn dieses Mädchen schlecht singt, so lasse ich euch alle kreuzigen; doch wenn sie gut singt, werde ich ihnen verzeihen, und nur dich ans Kreuz schlagen lassen." Da rief Dscha’far: "Oh Allah, lass sie schlecht singen!" Der Kalif fragte: "Weshalb?" Und er antwortete: "Wenn du uns alle kreuzigen lässt, so leisten wir einander Gesellschaft." Da lachte der Kalif über seine Worte.

Kreuzigungen unter Harûn er-Raschîd?
Ich finde keinen Hinweis, der die bestätigt. Obwohl die Tötungsart im alten Persien entstanden und der Koran indirekt auf die Kreuzigung Jesu verweist, scheint es zur Zeit des Kalifats keine Kreuzigungen gegeben zu haben.

Dscha’far hat Glück: den Kalifen versöhnt der Galgenhumor des Ministers und der schöne Gesang des Mädchens. Währenddessen kommt ein Fischer des Wegs, der – obwohl es verboten ist – an dieser Stelle fischen will.

Da stand mit einem Male der Kalif allein dicht vor ihm. Jener erkannte ihn und rief: "He, Karîm!"

Eine höchst unwahrscheinliches Detail: Der historische Harûn er-Raschîd hat kaum je seinen Palast verlassen. Kaum vorstellbar, dass er einen solchen Fischer, dessen

Kittel aus grober Wolle, der an hunderten Stellen geflickt war und von geschwänzten Läusen wimmelte, und einen Turban, den er seit Jahren nicht mehr aufgewickelt,

persönlich kennt, und dann auch noch, um die Tarnung zu perfektionieren, seine Kleidung (von Seide ausAlexandrien und Baalbek) mit ihm tauscht.

Als Fischer verkleidet geht er nun ans Tor seines eigenen Palastes und bietet den Zechern Fische an. Nûr ed-Dîn bemängelt, dass sie noch nicht gebraten sind, und so geht der Kalif in die Hütte eines Gärtners und brät sie eigenhändig.
Dafür verwendete Zutaten: Salz, Safran, Thymian, Bananenblatt, Limonen, Fallobst, Zitronen.
Nûr ed-Dîn belohnt den verkleideten Kalifen mit drei Goldstücken, doch dieser bittet, Enîs el-Dschelîs noch einmal singen hören zu dürfen. Diese Bitte wird ihm gewährt. Der Kalif ist erfreut und Nûr ed-Dîn bietet ihm Enîs el-Dschelîs an:

"Sie ist ein Geschenk an dich."

Völlig unklar! Weshalb sollte Nûr ed-Dîn sie verschenken? Und sei es auch nur für eine Nacht! Und dann auch noch an einen verlausten Fischer!

Enîs el-Dschelîs singt abermals und diesmal ist von Trennungsschmerz im Lied die Rede. Der Kalif horcht auf und besteht darauf die ganze Story zu hören.

"O Fischer," fragte Nûr ed-Dîn, "willst du unsere Geschichte in Prosa hören oder in Versen?" Der Kalif antwortete darauf: "Prosa sind Worte nur, doch Verse sind eine Perlenschnur."

Nûr ed-Dîn das bisher längste Gedicht (32 Verse), das die bisherigen Geschehnisse zusammenfasst. Beispielvers:

Wie der Rufer auf dem Markte zum Verkaufe sie hielt feil,
Sieh, da bot ein alter Graukopf, der war schlecht und geil.

Etwas aus seiner Rolle als Fischer fallend bietet der Kalif Nûr ed-Dîn an:

"Wenn ich dir ein Schreiben an den Sultan Mohammed ibn Sulaimân ez-Zaini mitgebe, und wenn er es liest, so wird er dir keinerlei Leid antun."

36. Nacht

Günstige Winde tragen das Schiff mit Nûr ed-Dîn Alî und seiner Sklavin nach Baghdad.

Schau auf ein Schiff! Sein Anblick nimmt deine Augen gefangen.
Es überflügelt den Wind in seinem eiligen Flug.
Es gleicht dem schwebenden Vogel, den die gebreitete Schwinge
Aus dem Äther herab wohl auf das Wasser trug.

Für mich eine völlig neue Information: Dass Segelschiffe flussaufwärts fuhren.

Die Mamluken suchen vergeblich nach den beiden und brennen das Haus nieder. Der Sultan setzt ein Kopfgeld auf die beiden aus.
Unterdessen erreichen die beiden Baghdad.

Da sprach der Schiffsführer zu ihnen: "Baghdad heißt dieser Ort; es ist ein sicherer Hort. Von ihm zog er Winter mit seiner Kälte fort, doch das Frühjahr mit seinen Rosen hielt seinen Einzug dort. Die Bäume blühen all, und die Bächlein fließen zumal."

Vor seiner Zerstörung durch die Mongolen im Jahre 1258 war Baghdad eine prächtige Stadt. Bis auf kurze Unterbrechungen war es der Sitz der Kalifen. Das überaus komplexe Bewässerungssystem war einmalig, bis es bei der Einnahme der Stadt zerstört wurde. Da diese Baukunst aber nur mündlich weitergegeben wurde (und die Bevölkerung getötet oder vertrieben wurde) bzw. etwaige Dokumente vernichtet wurden, wurde Baghdad im wahrsten Sinne verwüstet. Bis heute hat man das Niveau der damaligen Bewässerung nicht wiederherstellen können.

Nûr ed-Dîn Alî zahlt dem Kapitän fünf Dinare und sie gehen über einen Platz in einen herrlichen Garten mit Bänken, um dort zu ruhen.

Oben war ein Gitterwerk aus Rohr über den ganzen Weg.

Ein Hinweis auf Bewässerungsröhren?

Die beiden legen sich auf eine Bank nieder, nicht wissend, dass dieser Garten und das darin befindliche Schloss dem Kalifen Harûn er-Raschîd gehört,

der diesen Garten und das Schloss zu besuchen und dort zu sitzen pflegte, wenn ihm die Brust beklommen war.

Der Hüter des Gartens – der alte Scheich Ibrahîm – entdeckt das schlafende Paar und hält sie für einen Freier und eine Prostituierte. Er beschließt, die beiden zu verprügeln.

So schnitt er eine grüne Palmenrute ab, trat zu ihnen hin und hob den Arm, bis man das Weiße seiner Armhöhle sah, und wollte eben zuschlagen; doch er besann sich.(…) "Es ist ein hübsches Paar, und es wäre unrecht, wenn ich sie schlüge."

Schönheit schützt einen auch hier vor Gewalt. Neuere Studien belegen übrigens, dass Lehrer hübsche Kinder bevorzugen. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre: Die eigenen Eltern tun das auch. So haben mittelprächtige oder gar hässliche Kinder von vornherein schlechtere Startchancen. Allerdings bevorzugen Frauen unattraktive Männer, wenn diese einen höeren sozialen Status haben.
Zum Begriff der Palmenrute: Sie bezeichnet im Deutschen auch eine kongenitale flügelfellartige Verwachsungen zwischen Penis und Skrotum. Sonst auch ein Schlägel in der Perkussion.

Und so weckt der Scheich Nûr ed-Dîn Alî mit einer kleinen Fußmassage. Dieser erwacht und lässt sich und Enîs el-Dschelîs den Garten zeigen:

Das Tor war gewölbt wie eines Palastes Bogengang, darüber sich Wein mit Trauben von vielerlei Farben schlang: die roten glichen Rubinen, während die schwarzen wie Ebenholz schienen. Dann traten sie in eine Laube, und dort fanden sie Bäume mit Früchten, die hingen bald allein und bald zu zwein. Auf den Ästen die Vögelein sangen ihre Lieder so rein: die Nachtigall schlug ihre Weisen so lang; der Kanarienvogel füllte den Garten mit seinem Sang; der Amsel Flöten schien das eines Menschen zu sein; und der Turteltaube Gurren klang wie eines, der trunken von Wein. Die Bäume, die dichten, waren beladen mit reifen, essbaren Früchten und standen alle in doppelten Reihn: da war die Aprikose weiß wie Kampfer, eine andere mit süßem Kern, eine dritte aus Chorasân; die Pflaume war mit der Farbe der Schönheit angetan; die Weißkirsche leuchtete heller als wie ein Zahn; die Feigen sahen sich zweifarbig, rötlich und weißlich an. Und Blumen waren da, wie Perlen und Korallen aufgereiht, die Rosen beschämten durch ihre Röte die Wangen der wunderschönen Maid; die gelben Veilchen sahen aus wie Schwefel, über dem Lichter hängen zu nächtlicher Zeit; Myrthen, Levkojen, Lavendel, Anemonen, mit Wolkentränen geschmückt im Blätterkleid; es lachte das Zahngeheg der Kamille; die Narzisse schaute die Rose an mit ihrer Augen schwarzer Fülle; Bechern glichen die Limonen, goldenen Kugeln die Zitronen; die Erde war mit Blumen aller Farben wie mit einem Teppich bedeckt; der Frühling war gekommen und hatte dort alles zu frohem Leben erweckt, den Bach zum Springen, die Vögel zum Singen, den Lufthauch zum Klingen in der allermildesten Jahreszeit.

Unklare Details dieser Aufzählung:

  • Bäume in der Laube

  • weiße Aprikosen (es sei denn, die Blüten sind gemeint)

  • Aprikosen mit süßem Kern (statt Bittermandelgeschmack)

  • gelbe Veilchen


Gelbes Veilchen

Der Scheich führt nun die beiden gar ins Schloss und bietet ihnen Essen an. Nûr ed-Dîn Alî überstrapaziert die Gastfreundschaft und bestellt bei ihm noch Wein, aber der Scheich weicht zurück:

"Davor behüte mich Allah; seit dreizehn Jahren habe ich solches nicht mehr getan, denn der Prophet  – Allah segne ihn und gebe ihm Heil! – hat den verflucht, der ihn trinkt, keltert, kauft oder verkauft!"

Bislang spielte hier in jeder zweiten Geschichte Wein eine Rolle. Doch zum ersten Mal wird auf das Verbot durch den Propheten hingewiesen. (siehe z.B. Koran 5. Sure (90): O ihr, die ihr glaubt, siehe der Wein, das Spiel, die Opfersteine und die Pfeile sind ein Greuel von Satans Werk.)

Durch argumentative Tricksereien überzeugt Nûr ed-Dîn Alî den Scheich dennoch, Wein zu besorgen und am Gelage teilzunehmen. Enîs el-Dschelîs verführt ihn gar zum Trinken.

35. Nacht

Den nach diesem Vorfall um sein Leben fürchtenden Vater des Entjungferers beruhigt seine Gattin: Man möge die Sache vor dem Sultan geheim halten, dann würde ihm nichts geschehen.
Nûr ed-Dîn Alî hingegen versteckt sich aus Angst vor seinem Vater tagsüber im Garten und nachts in den Gemächern seiner Mutter. Doch nach einem Monat lauert ihm der Wesir auf

und als sein Sohn hereinkam, packte er ihn und tat, als wolle er ihm den Hals durchschneiden,

nur um sich kurz darauf mit ihm zu versöhnen.

Den König aber ließ Allah der Erhabene die Sache mit der Sklavin ganz vergessen.

Nach einem Jahr erkältet sich der Vater. Und nachdem er ein paar mittelmäßige Verse rezitiert und seinen Sohn ermahnt, Allah zu fürchten und sich der Sklavin Enîs el-Dschelîs‘ anzunehmen, stirbt er.
Nûr ed-Dîn Alî trauert sehr lange um seinen Vater, bis ihn zehn reiche befreundete Kaufmannssöhne auffordern, das Trauern sein zu lassen und es sich wieder wohlergehen zu lassen.

Er begann zu essen und Wein zu trinken, gab Gastmahl auf Gastmahl und streute seine Geschenke und Gunstbezeugungen aus.

Doch der Verwalter warnt ihn mit den Dichterworten:

Ich spare meine Gelder und bewahre sie sorglich;
Denn fürwahr, ich weiß, sie sind mir Schild und Schwert.
Würde ich sie vergeuden an den schlimmsten der Feinde,
so wendete ich mein Glück zum Unglück auf dieser Erd.
Also ess ich davon und trinke davon zur Gesundheit.
Und gebe niemandem einen Heller davon hin;
Ja, ich hüte mein Geld vor einem jeden Gesellen,
der meiner Freundschaft unwert und von niedrigem Sinn.
Das ist mir doch lieber, als dass ich zum Lumpen sage:
Leih mir einen Dirhem bis morgen, ich gebe dir fünf zurück,
und dass er sein Gesicht dann von mir wendet und umdreht
Und ich einem Hunde gleich dasteh mit betrübtem Blick.
Wie elend er geht es doch dem Menschen ohne Geld,
Wenn seine Tugend auch strahlt wie die Sonne in der Welt.

Abgesehen vom Lob des Geizes, ist dieses Gedicht auch interessant, weil es dem Geld einerseits einen Sinn zuschreibt, dieser Sinn bestünde aber im Horten und Zusammenhalten des Geldes. Von dem modernen Dreh, das Geld als Kommunikationsmittel so zu verstehen, dass es erst durch Investition und vor allem Kredit zum symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium wird, ist man hier noch weit entfernt. Und im Grunde müssen Moslems noch heute halsbrecherische Sinnverdrehungen anstellen, um die verbotenen Kredite nicht als Kredite erscheinen zu lassen. Kreditgeben kann in diesem Zusammenhang nur als Wucher, Kreditnehmen nur als törichter Leichtsinn aufgefasst werden.

Nûr ed-Dîn Alî weist den Verwalter von sich, doch schon bald tritt dessen Vorhersage ein: Nûr ed-Dîn Alî ist pleite, und seine Freunde lassen ihn nun mit fadenscheinigen Ausreden im Stich. Doch Enîs el-Dschelîs gibt ihm den Rat, sie selbst zu verkaufen und auf Allah zu vertrauen, dass er sie wieder zusammenführe.
Auf dem Basar lässt man sie für 4.500 Dinare ausrufen, in der Hoffnung 10.000 zu bekommen. Unglücklicherweise ist auch der böse Wesir el-Mu’in ibn Sâwa  anwesend, der für sich spricht:

"Was steht denn der Sohn des Chakân hier herum? Hat dieser Lümmel noch genug, um sich Sklavinnen zu kaufen?"

Doch er bemerkt, worauf die Sache hinausläuft, und bietet den genannten Preis. Keiner der anderen Händler wagt es, den Minister zu überbieten. Doch der Makler warnt Nûr ed-Dîn Alî, dass er niemals sein Geld bekommen würde, und er rät ihm zu einem Trick, den Nûr ed-Dîn Alî auch kurz danach befolgt:

Nûr ed-Dîn Alî trat an den Makler heran, riss ihm die Sklavin aus der Hand, schlug ihr ins Gesicht und rief: "Heda du Metze! Ich habe dich auf den Basar geschleppt, um mich von meinem Eid zu lösen; jetzt schere dich nach Hause und widersprich mir nicht mehr!" (…) Nun wollte der Wesir gewaltsam Hand an ihn legen. (…) Da sahen alle den Nûr ed-Dîn mit bedeutsamen Blicken an, als wollten sie sagen: "Rechne ab mit ihm!"

Tatsächlich verprügelt Nûr ed-Dîn Alî den Wesir und wirft ihn in eine Lehmgrube. Dieser klagt dem Sultan sein Leid, verrät die Geschichte des Sklavinnenerwerbs und fügt noch ein wenig Lüge hinzu:

"Doch als er meine Worte hörte, sah er mich an und schrie: ‚Du Unheilsalter! Den Juden und Christen will ich sie verkaufen, aber nicht dir!‘ ‚Ich kaufe sie nicht für mich‘, erwiderte ich, ‚ich kaufe sie für unseren Herrn, den Sultan, der so gütig gegen uns ist.‘  Als er gar diese Worte von mir hörte, füllte ihn die Wut…"

Der Sultan befiehlt vierzig schwerttragenden Männern, das Haus von Nûr ed-Dîn Alî zu plündern und ihn und seine Sklavin auf ihren Gesichtern zum Sultan zu schleifen. Doch ein Kämmerling, der schon für Nûr ed-Dîn Alîs Vater gearbeitet hatte, reitet zu ihm, um ihn zu warnen

und pochte an die Tür. Da kam Nûr ed-Dîn heraus, und als er ihn sah, erkannte er ihn und wollte ihn begrüßen; jener aber sagte: "O mein Gebieter, dies ist nicht die Zeit, um Grüße zu tauschen und Worten zu lauschen. Höre, was der Dichter sagt:

Rette dein Leben, wenn dir vor Unheil graut!
Lasse das Haus beklagen, den, der es erbaut!
Du findest schon eine Stätte an anderem Platz;
Für dein Leben findest du keinen Ersatz!"

Was mögen das für Grüße sein, die umständlicher sind als ein solches Gedicht.

Die beiden rennen aus der Stadt hinaus und finden am Ufer des Stromes ein Schiff, das zum Segeln bereit liegt und das sie besteigen. Es legt ab.

Da fragte Nûr ed-Dîn: "Wohin, o Kapitän?" Der antwortete: "Nach der Stätte des Friedens35, nach Baghdad."

Heißt das, man segelt den Tigris stromaufwärts?

مدينة السلام35

34. Nacht

Das Aussehen des Barbiers verwundert nicht nur den König, sondern auch den Leser:

Er war ein uralter Mann von über neunzig Jahren, mit dunklem Gesicht, weißem Bart und weißen Brauen, mit kleinen Ohren und langer Nase und einem Gesicht von albernem und eingebildetem Ausdruck.

Der Barbier nimmt legt den Kopf des getöteten Buckligen in seinen Schoß und lacht:

"O größter König unserer Zeit, bei deiner Huld, in dem buckligen Flunkerer ist noch Leben."

Mit einer eisernen Zange entfernt er eine Fischgräte aus des Buckligen Hals und dieser erwacht schneewittchenmäßig.

Dann lachte der König von China bis er auf den Rücken fiel, und ebenso taten es die anderen alle.

Ansteckende Ohnmacht?

An alle Beteiligten werden Ehrengewänder verliehen, der Bucklige und der Barbier werden zu Tischgenossen des Königs gemacht.

Und sie lebten das schönste und fröhlichste Leben, bis der Vernichter der Freuden und Trenner der Freunde zu ihnen kam.

Ende der gesamten Geschichte

 

Die Geschichte von Nûr ed-Dîn ‚Alî und Enîs el-Dschelîs

In Basra lebt ein König namens Mohammed ibn Sulaimân ez-Zaini, der zwei Wesire hat:

  • den guten el-Fadl ibn Chakân

  • den bösen el-Mu’in ibn Sâwa

Der gute Wesir wird beauftragt, für 10.000 Dinare dem Sultan die schönste Sklavin zu kaufen. Und tatsächlich findet er auf dem Sklavenmarkt eine solche Maid:

die war von edlem Wuchs und von schwellender Brust; ihr Blick von dunkler Gewalt, rund ihrer Wange Gestalt; ihr Leib war schmal, schwer die Hüften zumal; sie trug ihr schönstes Gewand, und süßer als Honigwasser war ihrer Lippen Rand; ihre Gestalt war ebenmäßiger als die sich neigenden Zweige und ihre Rede zarter als der Zephir des Morgens.

Außerdem ist sie bewandert in

  • Kalligraphie

  • Grammatik

  • Semantik

  • Auslegung des Korans

  • Jura

  • Theologie

  • Medizin

  • Zeitrechnung

  • Spielen der Musikinstrumente

Unklare Wissenschaft: Zeitrechnung (Vielleicht ist ja Astronomie gemeint?)

Die 10.000 Dinare decken nicht einmal die Kosten für ihre Ernährung (bestehend hauptsächlich aus Küken und Wein) und die Ehrengewänder ihrer Lehrer. Aber der

Perser, von dem nur noch wenig übrig war, den die Zeit aufbewahrt und abgenutzt hatte so manches Jahr,

überlässt sie dem Wesir trotzdem für den genannten Preis.
Damit sich die Sklavin von der Reise erholt, bevor sie zum Sultan gebracht wird, gibt man ihr ein paar Tage Zeit im Palast des guten Wesirs. Dieser warnt die Sklavin aber vor seinem umtriebigen Sohn

"Der lässt keine Jungfrau im Stadtviertel ungeschoren."

Das Wort "Ungeschoren" hat in diesem Zusammenhang einen seltsamen Klang…

Doch kaum ist der Wesir aus dem Haus, entdeckt sein Sohn Nûr ed-Dîn ‚Alî die Sklavin Enîs el-Dschelîs, scheucht die kleinen Aufpasserinnen fort,

nahm ihre Beine und legte sie sich um den Leib, und sie wand ihre Arme um seinen Hals und empfing ihn mit Küssen und Seufzern und dem Spiel der Liebe. Und er sog an ihrer Zunge, und sie an seiner, und schließlich raubte er ihr die Mädchenschaft.

Natürlich tut sie das nur in dem Glauben, Nûr ed-Dîn ‚Alî sei derjenige, für den sie gekauft wurde. Der Wesir und seine Gattin sind bei er Nachricht aus dem Häuschen und der Wesir fürchtet um seinen Hals, da der Feind el-Mu’inibnSâwa  gewiss schon auf seine Chance lauert.

33. Nacht

Der Bruder des Barbiers ergeht sich weiter in wilden Phantasien über seinen künftigen Reichtum und seine Brautnacht:

„… spricht sie zu mir: ‚Mein Gebieter, um Allahs willen, verweigere nicht, den Becher aus der Hand deiner Sklavin zu nehmen, denn siehe ich bin deine Magd!‘ Ich aber spreche nicht zu ihr, und sie bittet mich inständig, ihn doch wirklich zu trinken; und sie hält ihn mir an die Lippen. Ich aber schüttle ihr die Faust vorm Gesicht und stoße sie mit dem Fuß und mache so!“

Und da geschieht es – die gesamte Glassammlung geht zu Bruch wie in einem Laurel-und-Hardy-Film.

Aus diesem Grunde raten Anlageberater auch immer zu Diversifizierung des Kapitals.33**

Darauf, o Beherrscher der Gläubigen, schlug er sich ins Gesicht, zerriss seine Kleider33 und prügelte sich. (…) Siehe, da kam eine schöne Dame.

Man kann die Gefahr schon riechen. Ich warte noch auf die Erzählung, in der ein plötzlich auftauchende Dame wirklich Glück verheißt.

Moschusduft strömt von ihr aus.33*

Als sie den Glashändler jammern sieht, schenkt sie ihm fünfhundert Dinare, um ihn zu trösten. Kurz darauf taucht beim ein altes Weib auf, um bei ihm vorm Rak’a die religiöse Waschung vorzunehmen. Aus Dank leitet sie ihn ins Haus der Dame. Eine griechische Sklavin (!) öffnet, die Dame erscheint, und die beiden tändeln, bis sie kurz verschwinden muss. Ein riesiger schwarzer Sklave erscheint.

Da packte ihn der schwarze Mohr, zog ihm die Kleider aus und schlug ihn immerfort mit der flachen Seite seines Schwerts. Als der elende Neger meinte, es sei mit ihm zu Ende, hörte mein Bruder ihn rufen: „Wo ist das Salzweib?“

Ein Weib streut daraufhin Salz in seine Wunden, während er sich tot stellt. Das „Kellerweib“ (= die Alte) erscheint und wirft ihn

auf einen Haufen von Ermordeten.

Nach zwei Tagen flieht er, verkleidet sich als Perser, nimmt ein Schwert mit, dass er unter seinen Kleidern verbirgt und lässt sich von der Alten noch einmal in den Palast führen. Dort köpft er den Sklaven, das Salzweib und das Kellerweib. Das Mädchen hingegen berichtet, zufällig in die Fänge dieser Strolche geraten zu sein. Es zeigt ihm die Schatzkammer, deren Inhalt wohl von den Ermordeten stammt, doch als er Träger kommen lässt, um en Schatz fortzuschaffen, ist das Mädchen verschwunden. Stattdessen kommen Wachen, die ihn vor den Präfekten führen. Dieser begnadigt den Bruder, nachdem er die Geschichte erzählt, verbannt ihn aber aus der Stadt. Und auf seinem Weg fangen ihn Räuber, die ihm die Ohren abschneiden.

Das hätte nicht sein gemusst.

Des Barbiers Erzählung von seinem sechsten Bruder

Zur Orientierung

Schehrezâd
    –> Die Geschichte des Buckligen
                  –> Die Geschichte des Schneiders
                             –> Die Geschichte des Barbiers
                                          –> Des Barbiers Erzählung von seinem sechsten Bruder

Der sechste Bruder des Barbiers kam in Zeiten der Armut an das Haus eines Barmekiden, um zu betteln. Dieser bitten ihn einzutreten, und nachdem er von dessen Armut erfährt,

legte er Hand an sein Kleid, zerriss es33 und rief: „Wie! Bin ich in einer Stadt, in der dich hungert? So etwas kann ich nicht ertragen!“

Er ruft nun nach Essen, welches aber nicht erscheint. Der Bruder aber, um den Gastgeber nicht zu beleidigen, tut so, als äße er. Das ganze zieht sich über mehrere Menügänge:

  • Säuberungswasser

  • Weißbrot

  • Fleischpastete

  • Küken mit Pistazienfüllung

  • Waffeln mit Moschus und Ambra

  • Mandeln

  • Wein

Da er sich nun verspottet fühlt, spielt der Bruder, nachdem der „Wein“ serviert wurde, den Betrunkenen und schlägt ihm ins Gesicht. Der Gastgeber besitzt Humor:

„Lange habe ich die Menschen zum besten gehabt und meinen Freunden Streiche gespielt, aber nie noch habe ich einen getroffen, der Geduld und Witz genug hatte, um auf meine Launen einzugehen, außer dir.“

Er verleiht ihm ein Ehrengewand.33und macht ihn zu seinem Freund. Als er jedoch zwanzig Jahre später stirbt, erbt der Bruder zunächst alles, doch dann zieht der Sultan das Vermögen ein, und so – allen Vermögens beraubt – flieht er und wird von Beduinen überfallen, die ihm aus Ärger über mangelnde Beute die Lippen abschneiden. Dies hält aber die Gattin des Häuptlings nicht davon ab, mit ihm anzubändeln,

als plötzlich der Beduine hereintrat. Wie er meinen Bruder erblickte, schrie er ihn an: „Weh dir, verfluchter Schurke, willst du jetzt noch meine Frau verführen?“ Und er zog ein Messer hervor und schnitt meinem Bruder die Rute ab.“

Über Umwege gelangt auch dieser Bruder zu seinem Bruder, der ihn versorgt.

Ende der Geschichten der Barbierbrüder.

Der Kalif verbannt den Barbier lachend aus seiner Stadt.

(Vorher wollte er ihm noch Ehrengewänder schenken!)

Als ein neuer Kalif den Thron besteigt, kehrt er zurück und findet seine Brüder tot.

Ende der Geschichte des Barbiers

Die Gesellschaft sperrt den Barbier wegen Geschwätzigkeit ein.

***

Der König von China ist erfreut über die Geschichte des Schneiders und befiehlt, den Barbier aus seinem Verlies zu befreien.

33 Bisher an dieser Stelle unerwähnt: Das ständige Zerreißen der eigenen Kleider in Momenten der Verzweiflung, das wie ein erzählerischer Kontrast zum Verleihen von Ehrengewändern in Situationen großer Ehrbezeugung steht. Man fragt sich – ist der Wert der Kleider so gering, dass sie ständig zerrissen und verschenkt werden oder ist er umgekehrt sehr hoch, und das Zerreißen und Verschenken deshalb ein hoch dramatischer oder erhabener Akt?
Das Verschenken des Ehrengewand (Gala, Hil’a) kann als typische muslimische Tradition (wenn auch mit Ursprüngen aus vorislamischer Zeit) betrachtet werden. In den Erzählungen aus 1001 Nacht geht meist nicht die konkrete Bedeutung hervor, die sich ja im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat – reine Ehrenbezeugung, Gewand mit Schmuck und Waffen als Auszeichnung für Amtsträger, das Gewand als Amtsgewand usw. (Näheres: Springberg-Hinsen, Monika: „Die Hil’a Studien zur Geschichte des geschenkten Gewandes im islamischen Kulturkreis.“
Das Zerreißen der Kleider hingegen scheint aus der jüdischen Tradition zu stammen. Während heute viele islamische Theologen das Zerreißen der Kleider als übermäßige Trauer und Zeichen mangelnden Glaubens ansehen (angeblich verabscheute der Prophet diese Form der Trauer), ist doch festzuhalten, dass die Tradition zumindest aus dieser Ecke herrührt.

33* Moschusduft wird zu jener Zeit aus einer Drüse des Moschusochsen gewonnen. Eine goldene Nase haben sich damit die Perser verdient, an deren Reichsgrenze das arme Tier lebte, bevor es geschlachtet wurde.

33** Unser Glashändler macht aus unternehmerischer Sicht so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann:

  • Er setzt auf ein wenig gewinnträchtiges Produkt: Glas

  • Er setzt auf ein risikobelastetes Anlageprodukt.

  • Er diversifiziert nicht seine Anlage – umso schwerer trifft der Verlust.

32. Nacht

Der auf solch merkwürdige Weise verführte Bruder merkt nichts, selbst als die Dame zu ihm sagt:

"Nun halt dich bereit zum Lauf, ich werde auch laufen!" Darauf entkleidete sie sich ebenfalls und rief ihm zu: "Wenn du etwas willst, so folge mir." Und sie lief vor ihm her (…) mein Bruder hinter ihr her, wie ein Verrückter, überwältigt von Begier und mit stehender Rute.

Als er ihr in einen dunklen Gang folgt, tritt er auf etwas Weiches, bricht durch den Boden und landet auf dem Basar der Lederhändler. Man verspottet den Ärmsten, schlägt ihn, bindet ihn auf einen Esel und führt ihn zum Präfekten, der ihn zu hundert Peitschenhieben verurteilt.

Ich halte den Fall für wert, als schriftliches Thema in eine Strafrechtsklausur fürs erste Jura-Staatsexamen behandelt zu werden. Hat sich der bucklige Bruder strafbar gemacht? (Hat sich die Dame strafbar gemacht? Und die Alte?) Die Argumentationen möchte ich mal lesen.

Des Barbiers Erzählung von seinem dritten Bruder

Zur Orientierung

Schehrezâd
    –> Die Geschichte des Buckligen
                  –> Die Geschichte des Schneiders
                             –> Die Geschichte des Barbiers
                                          –> Des Barbiers Erzählung von seinem zweiten Bruder

Der dritte Bruder namens el-Fakîk bettelt eines Tages an der Tür eines reichen Hausherrn, der ihn zu sich in den obersten Stock bittet, um ihm dort zu sagen, dass er ihm nichts gebe. Er muss sich die Stufen allein heruntertasten, stürzt und schlägt sich dabei den Kopf auf. Mit seinen beiden blinden Kameraden trifft er sich, um das erbettelte Geld zu zählen und aufzuteilen. Aber der Hausherr war ihnen gefolgt, was sie bemerken:

"Oh ihr Muslime, ein Dieb ist unter uns gekommen, um unser Geld zu stehlen."

Der Hausherr schließt die Augen, tut so, als sei er einer von ihnen und ruft mit.

Der alte "Haltet-den-Dieb"-Trick.

Man führt sie vor den Präfekten, und jetzt wird der Betrüger wirklich perfide:

"Sieh selbst zu! Aber du wirst es nur durch Folter herausbekommen. Fang nur zuerst mit mir an und lass mich foltern, dann aber den da, meinen Anführer." (..) Und sie versetzten ihm vierhundert Schläge auf das Hinterteil. Und wie die Schläge ihn schmerzten, öffnete er das eine Auge, und als sie ihn noch kräftiger schlugen, öffnete er auch das zweite.

Nun "gesteht" er, dass sie eine Betrügerbande sei, die den Leuten das Geld raube und im eigenen Haus verstecke, dabei nennt er genau das Versteck der Blinden. Nun werden auch die Blinden geschlagen, doch wollen sie partout ihre Augen nicht öffnen, und so prügelt man sie in die Ohnmacht.
Der Barbier nimmt auch diesen Bruder bei sich auf

Eine Geschichte, die wie ein unanständiger Behindertenwitz daherkommt.

Des Barbiers Erzählung von seinem vierten Bruder

Der vierte Bruder arbeitet als Schlächter, und eines Tages kauft ein Alter Lamm bei ihm. Das tut er nun jeden Tag, und der Schlächter legt dessen Silbermünzen in eine Dose. Als er sie dann eines Tages öffnet, sind daraus lauter Papierschnipsel geworden. Daraufhin beschuldigt er den Alten, welcher ihm droht, ihn vor dem Volk bloßzustellen. Das ist dem Schlächter egal, und so behauptet der Alte, der Schlächter würde Menschenfleisch als Hammelfleisch verkaufen.

Da stürzte das Volk in den Laden meines Bruders, und alle sahen dort einen Menschen hängen, in den der Widder verwandelt war.

Der Alte schlägt ihm nun eine Auges aus, und der Emir32 verurteilt ihn zu fünfhundert Stockhieben, und für einen Teil seines Geldes kann er sich loskaufen, sonst schlüge man ihn tot.
Er zieht in eine andere Stadt, wo er als Schuhflicker arbeitet. Als eines Tages der Tross des Sultans vorbeizieht, bestaunt er diesen, doch der Sultan bekommt angesichts des Einäugigen schlechte Laune und lässt ihn kurzerhand verprügeln. Wenig später hört er wieder Pferdegetrappel, und in dem Glauben, dies seien wieder die Pferde des Sultans flieht er in einen Gang.

Doch ehe er sich versah, fielen zwei Männer über ihn her und schrieen ihn an: "Allah sei Dank! Drei Nächte lang hast du uns Ruhe und Schlaf geraubt. (…) Du spinnst Ränke, um den Herrn des Hauses zu ermorden."

Man führt ihn vor den Präfekten, der die Peitschennarben auf dem Rücken des Bruders als Indiz dafür nimmt, es hier ohnehin mit einem Kriminellen zu tun zu haben, und ihn zu hundert Geißelhieben verurteilt.

Der Barbier nimmt auch diesen Bruder bei sich auf.

Des Barbiers Erzählung von seinem fünften Bruder

Von den hundert Dirhems,32* die der fünfte Bruder geerbt hat, kauft dieser sich Glaswaren, die er zum doppelten Preis verkaufen will, davon will er wieder Glaswaren kaufen, die er zum doppelten Preis verkaufen will usw.

Das erinnert an die alten mathematischen Aufgaben: Hier könnte sie lauten: Wie oft muss der Glashändler seine Waren verkaufen, bis er sämtliche Dirhems dieser Welt besitzt?
Was einen als Leser natürlich stutzig macht, ist das Material der Waren: Glas! Das schreit ja förmlich nach einem Elefanten, der das alles kaputthaut.

Während er nun auf dem Basar auf Käufer wartet, träumt er sich bereits als reichsten Mann der Stadt, der die Tochter des Wesirs freien und in der Brautnacht demütigen will.

 

32 Bedeutung von "Emir" zu dieser Zeit: Gouverneur eines eroberten Gebiets. Scheint den hier öfters erwähnten Präfekten in der Funktion ähnlich, aber mit Vollmachten für ein größeres Gebiet. Weiteres (auch zu Emir –> Admiral) hier.

32* Zu den immer wieder erwähnten Währungen Dinar und Dirhem:

Dirhem (درهم)ist die kleinere der beiden Währungen. Sieben Dinare sind seit der Verfügung von Umar Ibn al-Khattab (580-644) zehn Dirhems wert. Die Bezeichnung kommt von der griechischen Drachme. Durch das byzantinische Reich wird sie in die arabische Welt eingeführt.
Der Dinar (دينار), heute noch in einigen arabischen Ländern sowie in Mazedonien und Serbien! verwendet, kommt von der römischen Münze Denarius.

Dirhem aus der Zeit Harun er-Raschids

 

31. Nacht

Der entsetzliche Barbier zwingt den nichtsahnenden Kadi, sein Haus zu öffnen und zu beweisen, dass er den Jüngling nicht geschlagen habe, und bringt ihn erst so in die Lage, sich verstecken zu müssen. Die Wahl fällt auf eine Kiste.

Als Kind ließ ich mich – quasi als Mutprobe – manchmal ins Klappbett meiner Eltern einsperren. Später tat ich das auch alleine, um zu testen, wie weit ich meine Klaustrophobie in Schach halten kann, und ich stellte mir vor, dass das Klappbett ein äußerst cleveres Versteck wäre, wenn mal die Einbrecher kämen (die in meiner Phantasie natürlich immer auch Mörder waren.

Der Schneider findet die Kiste,

hob sie sich auf den Kopf, da verlor ich fast die Besinnung. Dann rannte er spornstreichs davon. Weil ich nun wusste, dass er nicht von mir lassen würde, fasste ich mir ein Herz und sprang hinaus auf die Erde. Dabei brach ich mir ein Bein.

Um das Volk abzulenken wirft er Gold unters Volk, dass er für alle Fälle immer im Ärmel trägt. Dann versteckt er sich, macht sein Testament und flieht aus der Stadt. Nun trifft er seinen Unglücksbringer wieder.

***

Der Barbier verteidigt sich vor den Anwesenden, nur seine Schweigsamkeit habe dem Jüngling das Leben gerettet. Er beginnt

Die Geschichte des Barbiers

Ich lebte in Baghdad zur Zeit des damaligen Kalifen al-Mustansir-billah, des Sohnes von al-Mustadî-billâh.31

Dieser Kalif machte Jagd auf Wegelagerer, der Präfekt fängt die Bande und bringt sie auf ein Boot. Der Barbier hält das Ganze für eine lustige Ausflugsgesellschaft und wird gleich mit in Ketten gelegt. Da er jedoch Schweigen für eine Tugend hält, sagt er nichts dazu. Selbst als man den Räubern einen nach dem anderen den Kopf von den Schultern trennt, hält er den Mund, und es ist nur dem Henker zu verdanken, der die Räuber durchgezählt hat, dass er beim Köpfen des Barbiers zögert. Als er sich vor dem Kalifen für sein Schweigen rechtfertigt, amüsiert das den Beherrscher der Gläubigen und er lässt sich vom Barbier die Geschichten seiner Brüder erzählen.

Des Barbiers Erzählung von seinem ersten Bruder

Zur Orientierung

Schehrezâd
    –> Die Geschichte des Buckligen
                  –> Die Geschichte des Schneiders
                             –> Die Geschichte des Barbiers
                                          –> Des Barbiers Erzählung von seinem ersten Bruder

Der erste Bruder des Barbiers – ein Buckliger – ist ein Schneider. Eines Tages kommt eine schöne Dame an seinem Laden vorbei und lässt ihn ein Hemd schneidern. In den folgenden Tagen flirtet sie weiter mit ihm und lässt ihn auch Hosen schneidern. Als er das Gewünschte zum Gatten der Dame bringt, wirft sie ihm Blicke zu, kein Geld anzunehmen. Das Ganze ist aber eine zwischen Herrn und Dame abgekartete Sache, man hält den Schneider zum Besten, lässt ihn für umsonst Kleider nähen, immer in der Hoffnung auf ein Stelldichein mit der Dame. Ohne Geld verkommt er allerdings immer mehr. Um die Sache noch zu verschärfen, vermählt man ihn, der schon nichts mehr merkt, mit einer Sklavin. Während er auf die Vereinigung mit seiner neuen Frau in einer Mühle wartet, spannt ihn der Müller statt des Ochsen an. Zerschunden tritt er wieder vor das heimtückische Paar, die ihn verspotten:

"Allah gewähre dir ein langes Leben! Dein Antlitz sagt mir, du hast die Nacht vom Abend bis zum Morgen in Wonne und Scherzen und Kosen verbracht."

Der Schneider müsste nun, so meint man belehrt sein, doch gelingt es der Dame noch einmal, ihn zu betören. Sie bittet ihn es Nachts zu ihn, doch der Gatte "überrascht" den Schneider,

führte ihn vor den Präfekten, der ihn peitschen und auf ein Kamel setzen ließ, auf dem er durch die ganze Straße geführt wurde, während die Leute ausriefen: "Dies ist die Strafe für den, der in den Harem ehrenwerter Männer eindringt!"

***

Der Kalif will den Schweiger für diese Geschichte beschenken:

"Ich will nichts von dir nehmen, es sei denn dass ich dir zuvor erzähle, was meinen Brüdern widerfahren ist; doch glaube nicht, ich sei ein Mann vieler Worte!"

 

Des Barbiers Erzählung von seinem zweiten Bruder

Der zweite Bruder heißt Plapperer und ist gelähmt. Eines Tages spricht ihn ein altes Weib auf der Straße an, das ihm anbietet, ihn in einen Garten mit Früchten, Wasser und Mädchen zu führen. Er willigt ein, und so geschieht es auch, dass er sich einer Dame, die von Sklavinnen umringt ist, gegenüber wiederfindet. Die Mädchen lachen ausgelassen, und der Bruder bemerkt nicht, dass er es ist, über den gelacht wird. Nachdem sie ihn so eine Weile geneckt haben, ist er mit der Dame allein, die ihn bittet, sich die Augenbrauen zu färben, den Schnurrbart auszuzupfen, den Bart glatt zu rasieren und die Wangen rot zu bemalen.

Wenn man in bestimmte sexuelle Praktiken nicht eingeweiht ist, nimmt man ja erst mal so einiges ohne zu fragen hin, wenn der Lohn schon zu riechen ist.

Sie beginnt eine neckische Kissenschlacht. Und die Alte, die merkwürdigerweise immer noch da ist, muntert ihn auf:

"Sie pflegt sich im Rausche erst dann einem Manne zu ergeben, wenn sie ihre Kleider und Hosen abgelegt hat und splitternackt ist; sie wird dir befehlen, dass auch du deine Kleider ablegst und laufest, während sie vor dir herläuft, als ob sie vor dir fliehen wolle; du aber folge ihr von Ort zu Ort, bis deine Rute steht; dann wird sie sich dir ergeben."

 

 

31 Ein doppelter Widerspruch:
1. Dieser Kalif war nicht der Sohn, sondern der Urenkel von al-Mustadî-billâh.
2. Widerspruch zur Geschichte des Verwalters, die zur Zeit des Kalifen Harun er-Raschîd (768-809) spielt, während al-Mustansir-billâh 1036-1094 regierte.

30. Nacht

Eine böse Grippe verhinderte die Fortsetzung dieses Blogs.

Das Geplapper des Barbiers hält an, ohne dass er währenddessen Wesentliches seiner Arbeit leisten würde. Der Jüngling versucht alles, um ihn loszuwerden, bietet ihm Geld an, verflucht ihn in seinem Zorn. Der Barbier antwortet lächelnd mit Koran-Gleichnissen.

Aus der Mode gekommene Beschimpfung: "Du Eselsschwanz!"

Die Zeit vergeht, und die Zeit, die dem Jüngling für sein Treffen mit der Geliebten bleibt, verrinnt, je mehr ihn der Barbier zutextet und nun von ihm wissen will, wo er denn hin wolle. Der Jüngling belügt ihn und sagt, er veranstalte eine Gesellschaft bei sich zu Hause und beauftragt den Barbier mit der Besorgung von Fleisch, damit er ihn loswürde. Nun beginnt der Barbier davon zu erzählen, dass auch er eine Menge Leute kennte, die man gut zu einer Feier einladen könne, zählt sie auf und nennt ihre Vorzüge. Der Barbier riecht nun den Braten und ahnt, dass sich der Jüngling, mit einer Dame treffen will, er will ihn begleiten, um ihn vor Gefahren zu schützen.

So einen Begleiter wünscht man sich wohl bei einem Stelldichein.

Nun hat der Barbier endlich seine Arbeit getan. Es ist höchste Zeit, der Gebetsrufer hat bereits den Salâm des Freitags ausgerufen, es bleibt nur eine halbe Stunde. Der Jüngling läuft in den Palast. Doch da kommt auch schon der Kadi (القاضي) vom Gebet zurück, und man sieht auch schon den Barbier auf den Stufen hocken. Als der Kadi einen der Diener schlägt und dieser schreit, springt der Barbier auf und brüllt, man habe seinen Herrn ermordet.

"Wehe um den Ermordeten!" (…) Wie der Kadi das hörte, da schien ihm die Sache ernst, und er ergrimmte; so machte er sich auf, öffnete die Tür und sah eine große Menge; und er erstaunte und sprach: "Ihr Leute, was gibt es?" "Verfluchter! Hund! Schwein!", riefen meine Diener, "du hast unsern Herrn ermordet!"

29. Nacht

Natürlich ist es verdächtig, ein Halsband so billig zu verkaufen. Unser Jüngling wird vor den Wali gebracht und muss gestehen, dass Halsband gestohlen zu haben. Da er sich ziert, prügeln sie ein Geständnis aus ihm heraus, lieber will er wegen Diebstahls als wegen Mord verurteilt werden.

Ich habe mich immer gefragt, wie sich ein Richter fühlt, der sein Urteil auf Foltergeständnisse baut. Meint er wirklich, der Gerechtigkeit auf die Sprünge geholfen zu haben? Oder ist es für ihn einfach eine flinke Art, die Angelegenheit abschließen  zu können?

Man schlägt ihm die Hand ab und gießt siedendes Öl auf den Stumpf. Drei Tage später führt man ihn vor den Statthalter von Damaskus, es hatte sich herausgestellt, dass diesem das Halsband einmal gehört hatte. Überraschenderweise spricht dieser aber:

"Weshalb habt ihr diesem die Hand abgeschlagen? Er ist ein unglücklicher Mann, doch es ruht keine Schuld auf ihm."

Man lässt den Vorsteher des Basars kommen, der unseren Helden verleumdete und wirft ihn in den Kerker:

"Gib diesem Mannes das Blutgeld für die Hand; sonst werde ich dich hängen lassen."

Unklares Inventar: Blutgeld

Der Statthalter bittet um die wahre Geschichte:

Verkünde die Wahrheit, und möge dich auch
Die Wahrheit durch Feuer der Drohung verbrennen!

Als er eine Worte gehört hatte, schüttelte er sein Haupt, schlug mit der rechten auf die linke, legte ein Tuch über seinen Kopf und weinte.

Ein Tuch beim Weinen über den Kopf zu ziehen ist eine bemerkenswerte Handlung für einen Statthalter. Seit Helmut Kohls Abschied aus der Politik scheinen öffentlich vergossene Tränen geradezu schick geworden, auch Schröder weinte nach seinem Rückzug. Einer Frau würde öffentliches Weinen wohl eher schaden. Ich vermute aber, man darf nur weinen, wenn man es schon zu etwas gebracht hat, nicht, wenn man noch kämpfen will. Unwürdige Tränen vergoss z.B. Johannes Rau, als er die Wahl zum Bundespräsidenten gegen Roman Herzog verlor. Kein Zeichen von Verlierenkönnen.

Auch der Statthalter klärt nun sein Gegenüber auf. Die Dame, die das Unglück über ihn gebracht hatte, war des Statthalters Tochter:

"Sie hatte jedoch vom Volk von Kairo die Unzucht gelernt."

Natürlich – unzüchtig hat sich nur die Dame, nicht aber der Jüngling verhalten!

Die jüngste Tochter des Statthalter jedoch ist noch Jungfrau, da kann sie ja mit dem Jüngling vermählt werden.

***

Auch diese Geschichte behagt dem chinesischen König nicht. Und man kann nur hoffen, dass der Schneider aus den Fehlern seiner Schicksalsgefährten gelernt hat und nicht ebenfalls mit einer Slasher-Story beginnt. Wem SAW I, SAW II und SAW III nicht gefallen haben, wird sich wohl kaum für den vierten Teil erwärmen können.

Die Geschichte des Schneiders

Am Abend zuvor war der Schneider, wie schon in der 24. Nacht erwähnt, auf einer Feier gewesen. Zu dieser Feier kam ein lahmer Jüngling.

Immerhin nur lahm, nicht ohne Hand.

Der Jüngling erschrickt, als er in der Partyrunde einen Barbier sitzen sieht. Man beschwört ihn, zu erzählen, was ihn so verschreckt. Und so erzählt er:

Auch dieser Jüngling 29 war ein Erbe:

"Mein Vater (…) hinterließ mir Geld, Eunuchen und Diener… Allah aber hatte mich zu einem Hasser der Frauen gemacht.

Möglicherweise hier die erste Andeutung von Homosexualität in den 1001 Nächten.

Auf der Flucht vor einer Schar Frauen zieht er sich eines Tages zurück in eine Sackgasse, wo er ein Blumen gießendes Mädchen entdeckt, in das er sich verliebt. Er bleibt zu Hause und weint unglücklich in sich hinein. Selbst seine Sklavinnen können ihn nicht trösten. Aber eine (anscheinend aus dem Nichts auftauchende) Alte spielt Postillon d’amour. Die beiden Liebenden sind einander einig, dass sie sich treffen wollen, wenn ihr Vater am Freitag in der Moschee betet. Der Jüngling erholt sich von seiner Liebeskrankheit und kleidet sich fein. Dann lässt er einen Barbier holen, der ihn scheren soll:

"einen verständigen Burschen, der sich nicht in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen, und der mir nicht den Kopf spaltet mit seinem übermäßigen Schwätzen!"

Man mag es kaum glauben, dass dieses Laster des zweitältesten Gewerbes der Welt, ebenfalls so alt zu sein scheint wie dieses selbst.

Und tatsächlich fängt der Barbier, kaum dass er eingetroffen ist, an zu labern: Vom Propheten, von Krankheiten, er holt ein Astrolabium mit sieben Scheiben hervor
und beginnt erst mal ein bisschen mit astrologischem Geschwätz:

"Wisse, von diesem unserem Tage, der da ist ein Freitag, und zwar Freitag der zehnte Safar im sechshundertdreiundfünfzigsten Jahre nach der Hidschra des Propheten29/2 – über ihm sei herrlicher Segen und alles Heil! – und im siebentausenddreihundertzwanzigsten Jahr der alexandrinischen Zeitrechnung, dessen Tagegestirn nach den Regeln der Wissenschaft er Berechnung des Mars ist, sind verstrichen acht Grade und sechs Minuten. Nun aber trifft es sich so, dass in Konjunktion mit dem Mars Merkur steht, und das ergibt einen günstigen Augenblick für das Schneiden der Haare."

Wenn er doch nur schon angefangen hätte! In einem heute auf Radio Eins geführten Interview mit einem Soziologen gibt dieser Auskunft darüber, wie es einen regelrechten Mondboom in den letzten 20-30 Jahren gegeben habe. Haareschneiden, Wäschewaschen, Unkrautjäten, Sex, sogar medizinische Operationen richten einige danach aus. Zusammenhänge gibt es keine. Allerdings könnten diejenigen, die sich danach richten, sich schon mal subjektiv durchaus glücklicher fühlen, denn sie haben den meisten anderen Menschen voraus, dass sie überhaupt einen Plan über ihre Woche oder ihren Monat führen und nicht einfach in den Tag hinein leben.

Nachdem der Barbier dem Jüngling noch einen versteckten Wink gibt, dass ihm Unheil drohe, berichtet er nun auch noch von seinen Studien, wie sie unserem Howie in der Serie Ein Colt für alle Fälle Ehre gemacht hätte: Astrologie, Alchimie, Bedeutungslehre, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Astronomie, Geometrie, Theologie, Auslegung er Traditionen des Propheten und des Koran.
Die Höhe ist aber, dass dieser Laberkopf unter seinen Kollegen "Der würdevolle Schweiger" genannt wird.

 

 

29 Warum erfahren wir eigentlich nie die Namen unserer ich-erzählenden Helden? Möglicherweise sind diese Geschichten des Zyklus auch deshalb eher unbekannt geblieben, im Gegensatz zu Sindbad, Ali Baba, Aladdin.

29/2 Dies wäre der 20. März 1255. Ein schöner Rechner für arabische in christliche Zeitrechnung und umgekehrt hier.

 

28. Nacht

Alle Ängste waren umsonst ausgestanden – denn die letzte Kiste, in der sich der Jüngling befindet, bleibt ungeöffnet. Die Herrin Zubaida,

die kaum gehen konnte vor dem Gewicht des Schmuckes und der Kleider

befürwortet nach Inaugenscheinnahme des jungen Kaufmanns die Hochzeit des Paares. Und so spendiert der Kalif eine Hochzeitsgabe von 10.000 Dinaren.

Da möchte wohl so mancher auch gern Sklavin des Kalifen gewesen sein.

In der Hochzeitsnacht wird Kümmelragout serviert, und unser Held vergisst, sich die Hände hinterher zu waschen.

Sowie ich mit ihr auf dem Lager allein war, und sie umarmte, ohne noch recht an unsere Vereinigung glauben zu können, roch sie den Geruch des Kümmelragouts an meinen Händen.

Sie flippt regelrecht aus, schreit ihn an.

Dann griff sie von ihrer Seite eine geflochtene Geißel auf und fiel damit über mich her und über die Stelle, auf der ich sitze, bis ich durch die vielen Schläge ohnmächtig wurde…

Anschließend will sie ihm die Hände abschlagen, lässt sich aber noch dazu überreden, es beim Abschneiden von Daumen und großen Zehen zu belassen. Ein ebenfalls wie zufällig bereitliegendes Rasiermesser wird diesem Zweck gemäß eingesetzt.

"Schwarzgesicht! Ich will dich lehren, Kümmelragout essen, ohne dir die Hände zu waschen!"

Drei Erklärungen für diese bemerkenswerte Reaktion der Braut

  1. Wie ich in der 27. Nacht schon anmerkte – Kümmel ist ein Männergewürz, man sollte Damen damit nur begegnen, wenn man sie bewusst verärgern will.

  2. Sie will sich einfach vor dem Vollzug der Ehe drücken. Sie ist ja mit den 10.000 Dinaren fein aus dem Schneider. Indiz: Die bereitliegende Geißel. Andererseits könnte diese auch ein Hinweis sein auf

  3. eine besonders abgefahrene SM-Praktik.

Nach der unangenehmen OP leistet er einen Schwur, sich die Hände stets mit Pottasche, Seife und Kleie zu waschen.

Als ich ihr den Schwur geleistet hatte, wurde ihr Herz wieder gut, und ich durfte bei ihr schlafen.

Hut ab! Wer sich nach solchen Aktionen ohne Furcht ins Bett zur Schnipplerin legt, muss wohl wirklich verliebt sein. Wenn ihr Herz wirklich "wieder gut" wurde, deutet das auf die Richtigkeit von Erklärung 1.

***

Dem König von China behagt auch diese Geschichte nicht. Aber auch der jüdische Arzt weiß zu berichten:

Die Geschichte des jüdischen Arztes

Er lebte in Damaskus, wo er zu einem jungen kranken Adligen gerufen wird, dessen Hand – man ahnt es schon – fehlt.

Wenn der König von China schon zwei Slasher-Stories abgelehnt hat, warum versucht es der Jude mit einer dritten? Wir werden sehen. Ob er auch so verrückt ist, den Storytellingkniff mit der schönen Dame im Basar noch einmal einzusetzen, ist ebenfalls abzuwarten.

Seine Geschichte berichtet der Jüngling dem Arzt, als man sich den Söller des Palastes ansieht.

Er wuchs bei seinem Vater und dessen kinderlosen neun Brüdern in Mosul auf. Er hört von den Schönheiten der Welt, sein Vater lässt ihn aber mit seinen Oheimen nur bis Damaskus, nicht aber bis Kairo ziehen.
In Damaskus verprasst er den hohen Gewinn, den die Handelsreise ihm gebracht hatte. Und kurz bevor alles Geld weg ist, erscheint eine Dame und man verabredet sich zu einer schönen Nacht. Sie nimmt aber sein Geld nicht an, sondern bezahlt ihn! Eine weitere schöne Nacht vergeht, dann bittet sie darum, ihre jüngere und schönere Freundin mitbringen zu dürfen.
Beim Eintreten der beiden rezitiert er:

Wie herrlich die Zeiten, wie schön,
Wenn der Tadler fern ist und uns nicht sieht!
Wenn Liebe und Freude und Trunkenheit
Uns nah sind und wenn der Verstand entflieht;
Wenn der Vollmond in einem Schleier erstrahlt
Und der Zweig im zarten Gewande sich neigt,
Die Rose sich taufrisch auf die Wangen,
Die Narzisse im Auge sich mattglänzend zeigt.
Wie ich’s wünsche, leuchtet das Leben so klar,
Im Verein mit der Liebsten, so wunderbar!

Die Dame provoziert mit einer typischen Damenfrage:

"Ist diese Maid nicht schöner als ich?"

Und muss sich nicht wundern, wenn sie eine typische Männerantwort erhält:

"Ja, bei Gott!" Jene darauf: "Es ist mein Wunsch, dass du heute nacht bei ihr schlafest."

Das tut er naiverweise. Am nächsten Morgen hat er die Bescherung: Die Maid und ihr Kopf (oder sollte man sagen: Die Maid und ihr Rumpf?) stellen keine Einheit mehr da. Der Kopf kullert durchs Bett. Da muss man sich nicht wundern, wenn das Geschrei groß ist.
Er begräbt das Mädchen im Garten, inklusive Kleider und Schmuck und reist nach Kairo zu seinen Oheimen, die ihn herzlich aufnehmen, dann aber abreisen, während er sich versteckt. Als sein Geld alle ist, fährt er wieder nach Damaskus und findet in dem Haus, das er in all den Jahren weiterhin gemietet hatte, ein goldenes Halsband und versucht es törichterweise zu verkaufen.

 

 

 

27. Nacht

Aber auch der muslimische Verwalter versucht, sein Leben mit einem Geschichtchen zu retten.

Die Geschichte des Verwalters

Am Abend zuvor saß der Verwalter mit einigen Gelehrten beim Koranstudium und man aß Kümmelragout. Nur einer sträubte sich.

Kümmel ist nach meiner Beobachtung ein ausgesprochenes Männergewürz, so wie auch Senf und Muskat eher von Männern bevorzugt und von Frauen verschmäht werden. Frauengewürze hingegen: Safran, Curry. Geschlechtsneutral: Zimt.

Gefragt, warum er sich denn so habe, antwortet er mit einem Vers, aus der Rubrik Gedichte, die wir nicht verstehen:

Nimm einen Herrn auf deine Schulter und beginne den Lauf;
Wenn dir solche Schminke gefällt, so trag sie nur auf.

Nachdem er sich die Hände je vierzig Mal mit Pottasche, Seife und Kleie gewaschen hat, isst er zitternd davon, und man bemerkt, dass ihm der Daumen fehlt, woraufhin er auch auf seinen fehlenden linken Daumen und seine fehlenden großen Zehen hinweist. Man bedrängt ihn seine Geschichte zu erzählen.

Der Kaufmann war, so sagt er, nach dem Tod seines Vaters, welcher zur Zeit von Harûn er-Raschîd lebte, sehr verschuldet, und nur mit Mühe kann er die Gläubiger hinhalten. Eines Tages betritt eine junge Dame den Laden.

Inzwischen haben wir ja gelernt, dass das Erscheinen einer jungen Dame im Kaufmannsladen auf lange Sicht eher Verdruss als Vergnügen schafft. Hollywood bestraft ja in seinen Horrorfilmen vor allem die jungen Frauen für vorehelichen Sex, indem sie von einem Irren, einem Monster oder einem Außerirdischen abgemessert werden. Hier sind es eher die Männer, denen Unheil droht.

Sie gestehen sich in langen Versen ihre Liebe. Ausschnitt:

Und sollte man mich nach einem Wunsch an die Gottheit fragen,
„Des Erbarmers27 Gnade und dann die deine!“, würde ich sagen.

Die Dame verlangt nach Stoffen im Werte von 5.000 Dirhems, die er ihr beschafft. Sie zieht ab und kommt nicht wieder, während er die Kaufleute beschwichtigen muss, die ihr Geld haben wollen. Nach zwei Wochen taucht sie wieder auf und gibt ihm das Geld. Diesmal verlangt sie aber nach Stoffen im Werte von 5.000 Dinaren. Er beschafft sie ihr wieder. Wieder verlässt sie ihn, und er verpfändet schon all seine Habe, als sie nach einem Monat wieder auftaucht und die Schuld begleicht. Sie gestehen sich ihre Liebe, der Eunuch soll ihr Postillon d’amour sein. Die Dame ist Sklavin von Zubaida, der Hauptgattin von Harûn er-Raschîd. Um in den Palast zu kommen, soll sich der Kaufmann in einer Kiste verstecken. Als die Kiste unter anderen in den Palast getragen wird, erwacht der Obereunuch und will alle öffnen lassen. Vor Angst kann der Kaufmann das Wasser nicht mehr halten, und der Urin tropft aus der Kiste.

„Meister, du hast meinen Tod verschuldet und auch deinen, denn du hast Sachen beschädigt, die zehntausend Dinare wert sind. Diese Kiste enthält gefärbte Kleider und vier Krüge Zemzemwasser.“

Zemzem ist ein heiliger Brunnen in Mekka. Allerdings hatten die Iraner keine Hemmungen, eine colaartige Limonade so zu benennen, deren Geschmack mich bei meinem 96er Besuch eher an obengenannte Flüssigkeit erinnerte als an heiliges Wasser.

Der Eunuch lässt sich noch durch den Trick der Dame verscheuchen, womit aber keiner gerechnet hatte, war, dass Harûn selbst die Szenerie betritt, denn bekanntlich schaut er ja gern mal nach dem Rechten, wenn es keiner ahnt.

27Erbarmer = Allah

26. Nacht

Schehrezâd berichtet Schehrijâr, dass der jüdische Makler dem chinesischen Sultan davon berichtet, wie ihm der einhändige Kaufmann fortfuhr zu berichten. Nicht nur der Palast war über die Maßen schön und geputzt, sondern auch die Dame selbst.

Als sie mich sah, lächelte sie mich an, nahm mich in die Arme und drückte mich an die Brust; und sie legte ihren Mund auf meinen Mund und sog an meiner Zunge, wie ich an der ihren.

Es folgen Gelage und Liebesnacht, wie wir es bereits kennen.

Doch als der Morgen kam, da stand ich auf, warf das Tuch, in dem die Dinare waren, unter die Polster und nahm Abschied von ihr.

Eine etwas seltsame Passage. Wieso hinterlässt er so viel Geld? Wieso hinterlässt er überhaupt Geld? Heißt das nicht, das Liebesspiel zu einer Prostitutionsbeziehung herabzuwürdigen? Oder soll es eine Art Vorschuss-Morgengabe sein? Oder ein Unkostenbeitrag?

Am nächsten Tag wiederholt sich die Sache. Am übernächsten auch.

Unklares Gericht: Geröstete Kolokasien.

Von nun an betreibt er dieses Verhältnis in einem fort und hinterlässt jedes Mal fünfzig Dinare. Das kann ja nicht gut gehen. Doch sein Dilemma sieht er erst ein, als das Geld alle ist.

Da sagte ich mir: "All dies ist Satans Werk!"

Dem wird aber auch immer alles in die Schuhe geschoben.

Es folgt eine etwas hanebüchene Jammer-Geschichte: Der Kaufmann geht spazieren, und im Gedränge kommt seine Hand zufällig (!) auf der Tasche eines Söldners zu liegen. Ups! Da war der Geldbeutel schon in seiner Hand. Man überführt ihn und stellt ihn auch vor den Wali. Er gesteht, und man schlägt ihm die rechte Hand ab. Als man ihm auch den linken Fuß amputieren will, legt der Bestohlene Fürbitte ein.

Unklarer Beruf: Wali

So ließ der Wali von mir ab und zog davon; das Volk aber umringte mich und gab mir den Becher Wein zu trinken.

Unklar: Wie streng ist denn nun das Alkoholverbot im Islam?

Der Söldner lässt ihm sogar den Geldbeutel, woraufhin dieser sich noch einmal windet und sein schlechtes Gewissen durch Verse zu reinigen sucht und für die ich, wäre ich der Söldner, ihm einen Tritt in den Hintern verpasst hätte.

O der du Vertrauen schenktest, ich bin kein Räuber,
O du bester der Menschen, ich bin keiner von den Dieben!
Nein, Wechselfälle des Schicksals haben mich rasch getroffen;
Sorge, Versuchung und Armut waren es, die mich trieben.
Nicht aus meiner Hand, von Gott ist der Pfeil gekommen,
Der mir des Reichtums Krone von meinem Haupte genommen!

Dann geht der Kaufmann wieder zu seiner Geliebten, die nach wiederholtem Nachhaken erfährt, was geschehen ist. Sie pflegt ihn mit Brühe.

Die reichte sie mir, und siehe es waren vier Küken darin.

Die beiden heiraten, die fünfzig Dinare für jede Nacht sind ja auch noch da. Alles wird gut, aber schon nach wenigen Wochen wird sie krank.

Schon nach fünfzig Tagen zählte sie zum Volk im Jenseits.

***

Der Kaufmann überredet den christlichen Makler, mit ihm zu ziehen, und so landet dieser in China, wo es ihm also mit dem Buckligen ergangen ist.

Der König rief aber: "Ihr müsst doch allesamt hängen."

25. Nacht

Der Schneider ist völlig aus dem Häuschen über den Tod des Buckligen. Seine Frau aber beruhigt ihn mit den seltsamen Versen:

"Ich kann doch meine Seele nicht mir Unmöglichem trösten!
Ich finde ja keine Freunde, die meine Trauer tragen.
Wozu das Sitzen auf Feuer, wenn es noch nicht erloschen?
Das Sitzen auf Feuern bringt gefährliches Unbehagen."

Sie überredet ihn zu einem Trick: Sie bringen den buckligen Toten des Nachts zu einem jüdischen Heilkundigen und geben sich bei dessen schwarzer Sklavin (in China?) für dessen Eltern aus. Während die Sklavin die Nachricht überbringt fliehen der Schneider und seine Frau. Der Jude stürzt über den Buckligen, der umkippt, und er glaubt, ihn getötet zu haben.

Da rief er aus: "O Esra! O Moses und die zehn Gebote! O Aaron! O Josua, Sohn des Nun! (…) Wie soll ich mit einem toten Menschen aus dem Haus gehen!"

Seine Frau überredet ihn, die Leiche auf das Dach des Nachbarhauses, das einem Muslim gehört, zu werfen. Dieser ist der Küchenverwalter des Sultans (von China??), aus dessen Hof Hunde und Katzen oft Vorräte stehlen. Nun glaubt er, einen Dieb vor sich zu haben und schlägt dem Toten mit dem Hammer auf die Brust. Auch er glaubt, der Mörder zu sein und verflucht sich selbst, aber auch den Buckligen:

"Hattest du nicht an deinem Buckel genug und musstest auch noch ein Dieb sein und Fleisch und Fett stehlen?"

Er stellt ihn heimlich auf den Basar. Dort kommt betrunken der Makler des Sultans – ein "Nazarener" – daher.

Er wollte nämlich ins Bad gehen, da seine Trunkenheit ihm sagte, der Messias sei nahe.

Unklare Praxis: Ins Bad zu gehen, wenn der Messias nahe ist.

Vorher entleert er jedoch in der Hocke seine Blase in der Nähe des Toten und glaubt, der Bucklige wolle ihm den Turban stehlen, woraufhin er ihn verprügelt und würgt. Der Basarwächter kommt herbei

und sah, dass er tot war, da rief er aus: "Bei Allah, das ist ja herrlich! Ein Christ, der einen Muslim mordet!"

(In China??)

Und die ganze Zeit sprach der Nazarener vor sich hin: "O Messias! O Jungfrau! Wie ist es nur möglich, dass ich den da getötet habe!"

Man will ihn hängen, doch der Verwalter schreitet ein und bekennt sich, dann auch der jüdische Arzt und der Schneider. Der Bucklige jedoch war Narr an des Sultans Hof, dem man davon berichtet. Er findet die Geschichte so amüsant, dass er sie mit goldener Tinte aufschrieben lässt.

"Habt ihr je eine wunderbarere Geschichte gehört als die des Buckligen?"

Wir ahnen, was nun kommt.

Die Geschichte des christlichen Maklers

Der christliche Makler berichtet, früher Makler in Ägypten gewesen zu sein, wo ihm ein schöner Jüngling zu einem guten Geschäft mit Sesam verhalf. Jahre später kehrt er wieder und kehrt ins Haus des Maklers ein, lässt sich bewirten, isst aber mit der linken Hand. Auf Nachfrage zeigt er seinen Armstumpf, die rechte Hand habe man ihm abgeschlagen. 25
(Nun beginnt die eigentliche Geschichte)

Der Jüngling stammt aus Bagdad und reist nach dem Tod seines Vaters nach Kairo, wo er mit seinen Stoffen Handel zu treiben beginnt. Im Hause eines Kaufmanns trifft er auf eine schöne Dame, die ihn verführt,

"dass ich nicht mehr Herr meines Verstandes war."

Nach mehreren, scheinbar geschäftlichen Treffen, soll es nun zur Sache gehen.

Da flüsterte sie: "O mein Geliebter, in deinem Hause oder in meinem?"

Gut, wenn man in solchen Situationen über eine angenehme Wohnung verfügt und nicht, wie der Kaufmann in einem Gasthaus wohnen muss.

"Heute ist die Nacht auf Freitag, und so kann nichts geschehen vor morgen nach dem Gebet. Wenn du also gebetet hast, besteige deinen Esel und frage nach dem Quartier er-Habbanîja".

Er nimmt 50 Dinare mit und tut, wie ihm geheißen, und als er an besagte Pforte klopft,

"traten zu mir heraus zwei junge Mädchen mit jungfräulichem Busen, Monden gleich, und sie sagten zu mir: "Tritt ein!" Unsere Herrin erwartet dich, und sie hat die Nacht nicht geschlafen, da sie sich so sehr auf dich freute." Nun trat ich in eine Halle mit sieben Türen; ringsum waren Fenster, die führten auf einen Garten mit Früchten von mancherlei Arten, in dem die Bächlein sprangen und die Vögel sangen. Die Halle selbst aber war mit Sultanistuck so glänzend geweißt, dass ein Mensch sein Antlitz darin sehen konnte; die Decke war mit Goldornamenten verziert, und ringsum lief ein Inschriftenband aus Lasurstein von mannigfaltiger Schönheit, das den Beschauer blendete; der Boden war bedeckt mit weißem Marmor, in den buntes Mosaik eingelegt war. In er Mitte befand sich ein Springbrunnen; und an den Ecken des Brunnens waren Vögel, die mit Perlen und Edelsteinen besetzt waren. Die Halle war belegt mit Teppichen und bunten Seidendecken, und an den Wänden waren Polsterbänke…"

 

25Ich nehme an, dass Hauff sich bei seiner "Geschichte von der abgehauenen Hand" hier bedient hat, die freilich sehr viel kunstvoller komponiert ist. Wie in allen seiner Märchen-Zyklen verbindet sich eines der erzählten Märchen auf unerwartete Weise mit der Rahmenhandlung. Die Rahmenhandlung selbst wird außerdem zwischen den Geschichten weiterverfolgt. Hier beschränkt es sich ja offenbar darauf, dass Dinazâd ab und zu fragt, ob Schehrezâd nicht noch eine Geschichte kennt.

 

 

24. Nacht

Der Sklave, der Adschîb betreuen sollte, bestreitet, überhaupt die Garküche betreten zu haben. Doch man gibt ihm zu essen, und als er nicht herunterkriegt, ist das Indiz genug, dass er schon gegessen habe. Man prügelt das Geständnis aus ihm heraus.

Würden Strafermittlungen heutzutage vielleicht auf ähnliche Weise laufen, wenn nicht Fingerabdruck- und DNA-Analyse zur Verfügung stünden?

Da die Mutter immer noch sauer ist darüber, dass angeblich ein hergelaufener Garkoch die Granatapfelkerne genauso gut zubereiten könne, wie sie selbst, muss der Sklave eine Probe herbeischaffen. Hasan

füllte die Schüssel, nahm sie und tat noch etwas Moschus und Rosenwasser daran.

Als die Mutter davon probiert, sinkt sie in Ohnmacht, denn sie erkennt, dass ihr Sohn der Zubereiter gewesen sein muss,

"ich habe ihn gelehrt, sie zu kochen."

Speisen, an denen ich meinen Vater erkennen würde:

– Spaghetti fortissimo (von im selbst erfundenes Rezept mit außerordentlich scharf gewürzter Spaghettisoße)

– Pflaumenkuchen

Allerdings war meines Vaters Sohn nie an der Kochtradition interessiert. "Hähnchen mit Granatapfelsoße" oder "mit Schafskäse überbackene Auberginen an Safranreis" oder "panierte Kohlrabi an gepfeffertem Kartoffelpüree" sind meine Spezialgerichte, die ich mir aber selbst erarbeiten musste.

Der Wesir von Kairo lässt Hasan festnehmen und mit des Damaszener Statthalters Genehmigung die Garküche abreißen. Um ihn zu testen wirft man ihm absurderweise vor, die Granatäpfelkerne ohne Pfeffer zubereitet zu haben. Man sperrt ihn in eine Kiste, die auf ein Kamel geladen wird. Die Reise führt sie über Kamra* und das Kairoer Quartier er-Raidanije, und jedes Mal wird er befragt, ob er die Granatapfelkerne wirklich zubereitet habe.

Der Wesir gab den Befehl, den Bedr ed-Dîn Hasan aus der Kiste zu nehmen, ließ einen Zimmermann holen und sagte zu ihm: "Macht mir eine Holzfigur für diesen Burschen!" Da rief Bedr ed-Dîn Hasan aus: "Und was willst du damit tun?"

(Verlorengegangene Praxis:)

"Ich will dich an dieser Figur aufhängen und daran festnageln lassen, und dann will ich dich in der Stadt herumführen."

Doch all das dient nur dazu, Hasan zu prüfen und ihm einen Streich zu spielen. Der Wesir befiehlt seiner Tochter Sitt el-Husn, ihr Brautgemach wieder wie damals vor zehn  Jahren herzurichten und Hasan mit den Worten: "Du bist mir lange ausgeblieben auf dem Abtritt!" zu empfangen. Turban und Hose werden an die alte Stelle plaziert. Den schlafenden Hasan legt man in die Halle. Als er erwacht glaubt er:

"Ich wandle wahrhaftig in den Irrgängen von Träumen."

Sitt el-Husn zu ihm:

"Allah behüte dich, und sein Name umschirme dich!"

Element magischen Denkens. Während der Gott der Juden nicht beim Namen genannt werden darf, ist es hier bereits Allahs Name, dem Kräfte zugeschrieben werden. Oder setzt Sitt el-Husn Gott und seinen Namen gleich?

Am nächsten Morgen schließt ihn der Wesir in seine Arme, und auch Sohn und Mutter dürfen Hasan herzen (natürlich nicht, ohne dass dies ohne das Rezitieren von Versen geschehen würde).
Dem Sultan überbringt man die Kunde, er lernt Hasan kennen, der sich mit einem Einschleim-Gedicht den Weg in des Sultans Herzen bahnt. Um die gute Erziehung zu prüfen, fragt dieser ihn aber noch:

"Weißt du etwas zum Preise des Mals auf der Wange?"

Hasan pariert mit drei Oden an das Wangenmal, und kennt darüberhinaus sämtliche Bedeutungen des Wortes "Mal".

Der Sultan scheint da wohl ein kleines Problem ins rechte Licht rücken zu wollen.

Drittes Gedicht Hasans:

O du, auf dessen Wange ein wunderlieblich Mal
Dem Moschuskorne gleichet auf einem Rubinstein,
Gewähre mir, zu dir zu kommen, und sei nicht hart,
O du sehnlichster Wunsch, du Speise des Herzens mein!

Eine clevere Frage schließt sich an:

"Verstehst du die Schönheit zu beschreiben?" "Gewiss", erwiderte Bedr ed-Dîn Hasan, "die Schönheit besteht im Glanz des Gesichtes, in der Helle der Haut, in der Wohlgestalt der Nase, in dem süßen Blick der Augen, in der Schönheit des Mundes, in der Feinheit er Rede, in der zierlichen Schlankheit des Leibes und der Vollkomenheit aller schönen Eigenschaften. Aber die Vollendung der Schönheit liegt im Haar."

Eine etwas tautologische Antwort, will mir scheinen. Schönheit ist, was schön ist.

Selbst die Frage, warum das Sprichwort besagt, Schuraih sei schlauer als der Fuchs, weiß Hasan mit einer passenden Anekdote zu beantworten, woraufhin er mit einem Posten, einem Ehrenkleid und einem Sold beloht wird, den er noch am darauffolgenden Tag mit einer derart einschleimenden Hexameter-Ode zu erhöhen weiß, dass einem der Sultan leid tun kann, wenn er solche Oden nötig hat.

Harun er-Raschîd (man erinnere sich: wir befinden uns noch immer in der Erzählung von den drei Äpfeln) lässt die Geschichte mit goldener Tinte notieren, lässt den Sklaven frei, gewährt dem Jüngling einen Sold und schenkt ihm ein paar Sklavinnen.

Ende der Geschichte.

Die Geschichte des Buckligen

In China kehrt ein Schneider mit seiner Frau des Nachts von einer öffentlichen Vergnügung heim. Sie begegnen auf dem Weg einem Buckligen,

dessen Anblick den Betrübten zum Lachen brachte, und den Sorgen der Traurigen ein Ende machte.

Man weiß nicht, ob man die chinesischen Behinderten ob des hartbandagierten Humors ihrer Landsleute bemitleiden oder die nichtbehinderten Chinesen ob der Einfachheit ihrer Fähigkeit, gute Laune wiederherzustellen, beneiden soll.

Weil er so ein Gute-Laune-Bringer ist, nehmen sie ihn mit nach Hause, und fordern ihn dort auf, einen Fisch

"mit einem einzigen Haps herunterzuschlingen." (…) Aber es war eine dicke Gräte darin, die blieb ihm im Halse stecken, und da seine Stunde gekommen war, so starb er.
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann…

Hat der Schneider nun ein Problem, oder ist der Tod des Buckligen für ihn der Gipfel an Humor?

***

* Unklar, was für ein Kamra gemeint ist. Bei aller Überreibung in dieser Geschichte werden sie ja wohl von Damaskus über das im heutigen Pakistan gelegene Kamra nach Kairo reisen. Das hieße wohl, eine Reise von 600 km um 5.000 km zu verlängern.

 

23. Nacht

Der Vater der Braut hält den Buckligen für wahnsinnig und kehrt ins Schlafgemach der Tochter zurück, wo er den Turban und die Hosen Hasans und in diesen die Nachricht darüber findet, dass dieser sein Neffe ist, wir es also wieder einmal mit der als perfekt geltenden Cousinen-Ehe zu tun haben. Welch ein Glück auch, dass Hasan zu Ruhm & Ehre gekommen ist, denn

"Dies ist ein Turban, wie ihn Wesire tragen; denn er ist aus Musselin."

Im Moment, da ich dieses schreibe, trage ich fast vollständig Baumwolle am Leib:

  • Slip rot: Carlo Comberti

  • Unterhemd weiß: Carlo Comberti

  • Oberhemd rot: Levis

  • Hose jeans-blau: Camel

  • Socken schwarz (Mischgewebe): Wühltisch

Fragen:

  • Werde ich je einen Turban tragen müssen?

  • Werde ich je Musselin tragen dürfen?

  • Ist es ökologisch korrekt, sich zu 90% in Baumwolle zu kleiden, die hier gar nicht wächst?

  • Unterstützt man mit dem Kauf einer Camel-Hose die Tabak-Industrie?

  • Sollte man nicht auch beim Sockenkauf etwas mehr Sorgfalt walten lassen, auch wenn man von Socken nichts weiter erartet, als
    – angenehmer Tragekomfort
    – guter Sitze
    – schwarze Farbe

Dass die Hochzeitsnacht fruchtbar war, darauf hätte man Wetten abschließen können. Ein Sohn wird geboren,

der war wie der volle Mond, das Ebenbild des Vaters an Schönheit und Vollkommenheit und strahlender Lieblichkeit. Sie durchschnitten ihm die Nabelschnur, schwärzten seine Augen mit Bleiglanz und übergaben ihn den Pflegerinnen; und sie nannten ihn ‚Adschîb, das ist der Wunderbare.

Unklares Inventar: Bleiglanz

Doch seine Schwäche ist der Hochmut, er lässt gegenüber seinen Spielgefährten heraushängen, er sei der Sohn eines Wesirs. Schöner und wohl auch typischer Lehrertrick: Die Demütigung des hochmütigen Kindes. Er fordert die Mitschüler auf, Adschîb damit aufzuziehen, dass er ein Bastard sei. Das zeigt Wirkung: Adschîb beginnt sich zu grämen, und so reisen er und sein Großvater los, um den Vater zu suchen, von dem wir ja wissen, dass der Dämon ihn in Bagdad fallen gelassen hat. Tatsächlich erreichen sie nach drei Tagen (!) Damaskus. Von einem Diener mit schwerem Knüttel begleitet wandert Adschîb durch die Stadt und tritt auch in die Garküche ein, in der sein Vater sitzt. Sie fühlen sich voneinander angezogen:

Blut trieb ihn zum Blut. (…) Und die vom Himmel gepflanzte Liebe regte sich mächtig in ihm.

Der Sklave rät ab, doch Hasan wendet sich an den Sklaven:

"O du, der du bist wie eine Kastanie, dunkel von außen, aber weißen Herzens drinnen! O du, von dessengleichen einer der Dichter sagt…" Das lachte der Sklave und fragte: "Was sagst du? Sprich, bei Allah und sei kurz." Sofort sprach Bedr-ed-Din diese Verse:

"Wär nicht seine feine Bildung und seine schöne Treue,
So hätte er nicht im Hause des Königs Herrschergewalt.
Und für die Frauengemächer, o welch trefflicher Diener!
Ob seiner Schönheit dienten die Engel des Himmels ihm bald."

Der Eunuch staunte ob dieser Worte.

Wer würde da nicht staunen!

Nachdem Bedr ed-Din sie bewirtet hat, verlassen Adschîb und der Sklave das Haus, aber Bedr ed-Din folgt seinem Sohn auf so ungeschickte Weise.

Es erschien Adschîb, als ob sein Auge das Auge eines Lüstlings und er ein Bastard wäre.

Er schlägt ihn nieder, und die Karawane zieht weiter nach

Homs,

Dijâr Bekr,

Maridîn

und Mosul

, wo sie nach Adschîbs Vater suchen, den sie doch gerade in Damskus niedergeschlagen hatten. In Basra immerhin lebt Bedr ed-Dins Mutter noch. Und der Sultan, der ihn doch vor einigen Jahren noch töten lassen wollte (s. 21. Nacht), führt diese mit ihrem Schwager und ihrem Neffen zusammen (Ich hoffe, der geneigte Leser kann bei dieser Verknappung der Sachverhalte noch folgen.) Die Rückreise führt abermals durch Damaskus, und wieder besucht Adschîb seinen Vater, ohne zu wissen, dass er es ist und lässt sich von ihm mit Granatapfelkernen bewirten. Wieder bei der Karawane angelangt bietet ihm Bedr ed-Dins Mutter genau diese Speise an, die Adschîb verschmäht, da er eben schon welche gegessen habe, die mindestens genauso gut schmeckten. Niemand, so die Mutter, könne Granatapfelkerne so gut zubereiten wie sie selbst und ihr eigener Sohn.

Merke: Das Essen einer Frau, die schon Kinder zur Welt gebracht hat, zu bemäkeln, ist eine Beleidigung, die man sich in früher Jugend abgewöhnen sollte, und sei es bei einem so alltäglichen Gericht wie Granatapfelkernen.

Ende der 23. Nacht

22. Nacht

Die Dämonen tragen den schlafenden Hasan nach Kairo, wo er mit einigem Schrecken erwacht.

Vor allem auf Reisen aber auch bei zu langen Nachmittagsschlafen ergeht es mir ähnlich: In den ersten Sekunden des Aufwachens schwebt man in völliger Orientierungslosigkeit: Wo bin ich? Wie spät ist es? Welchen Monat schreiben wir? Was mache ich hier? Sollte ich nicht gerade irgendwo anders sein? Wenn ich dann zu mir gekommen bin, denke ich, dass ich vielleicht mal später, wenn ich unter Demenz leide, solch einen Zustand permanenter Angst ertragen muss.

Doch der Dämon stieß ihn an. Der hatte ihm ein prächtiges Gewand mitgebracht, und er kleidete ihn darein, [und] zündete ihm eine Fackel an.

Eine Fackel? wurde man auf Hochzeitsumzügen nur geduldet, wenn man eine Fackel dabei hatte?

Der Dämon verleiht ihm auch noch die Fähigkeit, unbegrenzt Geld aus den Taschen zu holen, um sich das Publikum gewogen zu machen. Die Brautjungfern sind von der Schönheit des Jünglings begeistert.

Und alsbald nahmen sie ihn mit in die bräutliche Halle und ließen ihn sitzen, ob auch der bucklige Bräutigam böse Augen machte. (…) Er aber griff mit der Hand in die Tasche, nahm eine Handvoll Goldes heraus und warf es mitten auf die Tamburine der Mädchen, und die freuten sich und riefen: „Wir wünschten, diese Braut wäre deine!“ Da lächelte er, und alles Volk drängte sich um ihn, der bucklige Knecht aber blieb allein und sah aus wie ein Affe.

Die Braut wird, (anscheinend um ihre Schönheit hervorzuheben) in verschiedenen Gewändern: 1) rot, 2) blau, 3) schwarz, 4) sonnenartig, 5) körperbetont, 6) grün.

Schließlich zeigten sie sie im siebenten Kleid, dessen Farbe die Mitte hielt zwischen Saflor und Safran, wie einer der Dichter von ihr sagt:

Im Kleide gefärbt mit Safran und Saflor, erscheint sie stolz,
Duftend nach Amber und Moschus und köstlichem Sandelholz,
Die Schlanke – wenn auch die Jugend zurät: Schreit einher!
So sprechen doch die Hüften: Setz dich und gehe nicht mehr!
Und bitte ich um ihre Gunst, hör ich, wie die Schönheit spricht:
Gewähre! Doch ihre Scheu rät zierend: Tue es nicht!

Saflor:

Safran:

Der Dämon hat auch schon für die Hochzeitsnacht einen Trick parat: Wenn der Bucklige auf den Abtritt geht, soll Hasan schnell die Hochzeit vollziehen. Tatsächlich hält der Dämon den Buckligen auf dem Abtritt in Gestalt eines Büffels in Schach:

„Wehe dir, o du Buckliger, du Stinktier!“

Stinktiere in Kairo?

Darauf packte der Dämon den buckligen Knecht, steckte ihn mit den Füßen nach oben ins Abtrittloch hinein und sagte: „Ich lasse dich hier, aber ich bewache dich bis Sonnenaufgang!“

Hasan geht nun zu Sitt el-Husn – der Braut – , der er erzählt, ihr Vater habe den Buckligen nur geholt, damit dieser „das böse Auge ablenken“ solle. Er legt Turban und Hose ab,

rüstete das Geschütz und legte das Bollwerk nieder. Und er fand, dass sie eine Perle war, unversehrt, und dass sie noch keinem je angehört. Er nahm ihr die Mädchenschaft und genoss ihre Jugend, die er ihr auf immer raubte.

Sie schlafen gemeinsam ein, doch vor Sonnenaufgang tragen die Dämonen Hasan wieder zurück, sind aber noch auf halbem Wege, als der Gebetsrufer schon zum Gebet ruft.

Da ließ Allah es geschehen, dass seine Engel einen feurigen Stern auf den Dämon warfen, so dass er verbrannte.

Die Dämonin legt ihn jedoch an Ort und Stelle nieder, so dass er nun nackend vor den Toren von Damaskus liegt. Man findet den Schlafenden und bestaunt ihn.

hauchte die Morgenbrise plötzlich über Bedr ed-Dîn hin und hob den Saum seines Hemdes bis zum Leibe empor; und es zeigten sich ein Leib und ein Nabelgrübchen, Schenkel und Lenden wie von Kristall.

Als er erwacht und ihnen sagt, er habe die Nacht in Kairo geschlafen, fragt man ihn:

„Du hast wohl Haschisch gegessen!“ …Und sie klatschten ihn aus.

Verlorengegangene Praxis I: Haschisch essen
Verlorengegangene Praxis II: Klatschen aus Spott

Als Hasan bemerkt, dass er seinen Turban (und somit auch sein Geld) in Kairo gelassen hat, verzagt er und verdingt sich bei einem Garkoch.

Seltsam, wo doch in derselben Geschichte eine Reise nach Damaskus weniger als eine Woche dauert.

Der Vater von Sitt el-Husn beschließt, sie zu erschlagen, falls sie sich dem Buckligen hingegeben hat. Sie wiederum glaubt, ihr Vater fahre fort, sie zu verspotten:

„Ich verbrachte die Nacht an der Brust meines zarten Gatten mit den schwarzen Augen und den zusammengewachsenen Brauen.“
„Oh du Buhldirne, was sagst du da?“

Er lenkt seine Schritte zum Abtritt, wo er den Buckligen findet, der ihm immer noch kopfüber Vorwürfe macht:

„Konntet ihr mich nicht mit irgendeiner anderen vermählen als gerade der Geliebten von Büffeln?“

Eine Situation, die man keinem Schwiegervater wünscht.

Ende der 22. Nacht.

21. Nacht

Nur ed-Dîn erhob sich darauf und ging ein zu seinem Weibe, der Tochter des Wesirs.
Lassen wir nun den Nûr ed-Dîn und wenden uns seinem Bruder zu!

Unvermittelte erzählerische Ellipse: Schems ed-Dîn ist traurig über das Fortgehen seines Bruders. Aber auch er heiratet, nämlich die Tochter eines Kairoer Kaufmanns. Es kommt, wie es kommen muss (weil durch de Wette angekündigt): Gleiche Hochzeitsnacht, beide Frauen gebären in derselben Nacht, Schems bekommt einen Sohn, Nûr (nur, haha) eine Tochter.
Beide sind über die Maßen schön. Der alte Wesir von Basra stirbt, und Nûr ed-Dîn wird Wesir,

und übernahm die Pflichten seines Amtes und untersuchte die Angelegenheiten und Streitsachen der Untertanen, wie es die Gewohnheit der Wesire ist.

Ist damit angedeutet, dass der Minister auch Richter (Kadi) ist? Oder deutet "untersuchen" eher auf die Funktion eines Staatsanwalts oder eines Mediators?
Sein Amt bringt ihm auch Reichtum: Schiffe, schwarze und auch weiße Sklaven.
Sein Sohn Hasan wird gelehrt und man geht mit ihm diverse Mal den Koran durch. Aber auch seine Schönheit wächst. Wenn er zum Palast des Sultans geht, wartet das Volk auf der Straße, um seine Schönheit bei seiner Rückkehr zu erneut zu bewundern.
Auf seinem zu frühen Sterbebett eröffnet Nûr ed-Din (ja, ich war auch überrascht über sein frühzeitiges Abschmurgeln aus dieser Geschichte) seinem Sohn die eigene Herkunft per Urkunde, die dieser in einen Tarbusch steckt, der unter einem Turban verborgen bleibt. Zum Schluss gibt er ihm fünf Weisungen auf den Weg:

  1. Schließ dich niemandem zu eng an, so wirst du sicher sein vor seiner Arglist.

  2. Sei gegen niemanden hart, auf dass das Schicksal nicht hart gegen dich sei.

  3. Übe Schweigen und kümmere dich um deine eigenen Fehler eher als um die Fehler der anderen Menschen!

  4. Ich warne dich, Wein zu trinken!

  5. Erhalte deinen Besitz, und er wird dich erhalten! (…)
    Spare die Piaster,
    so hast du Pflaster!

Pflaster???
Ich muss gestehen, dass ich mich an keines dieser Gebote halte, und nur gegen das erste as Überzeugung verstoße.

Da Hasan die Trauerzeit für seinen Vater auf ungebührliche Weise überschreitet, will der Sultan ihn töten lassen. Doch ein ihm wohlgesonnener Mamluk warnt ihn, und Hasan flieht auf einen Friedhof, wo er einen Juden trifft,

der aussah, wie ein Geldwechsler.

Dieser kauf ihm die Waren eines noch erwarteten Schiffes ab.
Hasan legt sich schlafen, und hört über sich zwei rechtgläubige Dämonen seine Schönheit bestaunen. Er erfährt außerdem, dass seine Base, da sein Onkel sie dem Sultan nicht zur Frau geben wollte, mit einem buckligen Stallknecht vermählt werden soll.

 

20. Nacht

Die Voraussetzung für die Hinrichtung des Sklaven ist freilich, dass man ihn findet. Wird er nicht gefunden, muss der Wesir dran glauben. Die Lebensumstände von Ministern scheinen nicht immer beneidenswert gewesen zu sein. Andererseits dürfte es auch heutzutage nicht für jeden erträglich sein, auf der obersten Etage die Karten mitzumischen.
Der Wesir nimmt Abschied von seinen Kindern, am Ende von seiner jüngsten Tochter, die einen Apfel verspeist, von dem sich herausstellt, dass sie ihn vom Sklaven Raihân habe. Er gesteht, genau jener Sklave gewesen zu sein. Und der Wesir muss nicht lange überlegen, was zu tun ist, den ihm fällt noch das Gedicht ein, das ihm rät:

Wenn ein Unheil kommt durch einen Sklaven,
bringe ihn statt deiner ins Gericht.
Denn du wirst noch viele Diener finden,
Doch ein zweites Leben findst du nicht.

Als ich dieses Gedicht vor 20 Jahren das erste Mal in einem Auszug der 1001 Nächte las, verschlug es mir den Atem. Ich kann es seitdem auswendig, auch wenn ich die es einbettende Geschichte vergessen habe.

Der Kalif befiehlt, den Sklaven töten zu lassen, doch der Wesir Dscha’far erbittet, ihm das Leben zu schenken, wenn die Geschichte, die er gleich erzählen würde, noch wunderbarer sei als die soeben erlebte. Der Kalif willigt ein. Und so erfahren wir

Die Geschichte der Wesire Nûr ed-Dîn und Schems ed-Dîn

Der Wesir des Kairoer Sultans stirbt, und so werden seine überaus schönen Söhne – der junge Nûr ed-Dîn und der ältere Schems ed-Dîn – zu gleichen Teilen Wesir. Kurz vor der Abreise des Sultans mit dem älteren beginnen die beiden einen hypothetischen Streit: Wenn, so die Hypothese des Älteren Schems, beide gleichzeitig heiraten sollten und gleichzeitig Kinder bekämen – nämlich Schems eine Tochter und Nûr einen Sohn – dann mögen sie heiraten. Aber wie hoch wäre die Morgengabe, fragt Nûr, die Schems von seinem Sohn in diesem Falle verlange.

Dreitausend Dinare und drei Gärten und drei Ackergüter.

Wer wäre nicht erbost über ein solches Ansinnen. Die beiden trennen sich im Streit, und während Schems mit dem Sultan reist, verlässt Nûr ed-Dîn Kairo mit den Satteltaschen voller Geld auf einer Maultierstute.

Sie war ein stahlgraues Tier, ihren Rücken sah man, einer hohen Kuppel vergleichbar, sich emporrecken; ihr Sattel war aus Gold, ihre Steigbügel waren aus Indien gebracht, auf ihr lag eine Schabracke von persischer Pracht, und sie glich einer Braut geschmückt für die Hochzeitsnacht.

Letzteres erweist sich bestimmt als sinnvoll, denn die Nächte der Steppe sind oft einsam und lang.
Innerhalb von sieben Tagen erreicht er Basra (1.000 km!) , wo ein Wesir auf die Stute aufmerksam wird, mit Nûr ed-Dîn ins Gespräch kommt, ihn zu seinem Nachfolger erklärt und ihn mit seiner Tochter vermählt.

19. Nacht

Der Kalif Harun er-Raschîd lässt die Geschichte in den Chroniken aufzeichnen. Und durch Verbrennen einer Haarlocke wird die Dämonin, die die Schwestern in Hündinnen verzauberte, herbeigerufen, und der Kalif befiehlt ihr, die Verzauberung rückgängig zu machen.

Eine zwischen politischer und religiöser Herrschaft oszillierende Figur wie den Kalifen finden wir in Europa eigentlich auch nur so lange, bis Heinrich den Gang nach Canossa antritt und beim Papst auf religiöse Herrschaft verzichtet. Die Ausdifferenzierung des politischen vom religiösen System beginnt in Europa zu jenem Zeitpunkt. Im muslimischen Gebiet etwa mit dem Ende des Kalifats, aber sie ist im Grunde bis heute nur teilweise vollzogen: So gelten angebliche Abkömmlinge Mohammeds oft als befähigt für Politik. Im krassesten Fall äußerte es sich in der Periode der Taliban-Herrschaft in Afghanistan, die einerseits als Terrorherrschaft beschrieben werden kann, aus systemtheoretischer Sicht aber auch als größtmögliche Entdifferenzierung sozialer Funktionssysteme: Politik, Wirtschaft, Recht, Religion, Erziehung, selbst Gesundheitssystem, Intimbeziehrungen und Kunst – alles wird als geschlossen und zusammenhängend betrachtet; es gibt kein Entrinnen. Die Personen geraten in einer funktional ausdifferenzierten Welt in ein Exklusionsloch, d.h. es wird ihnen unmöglich, überhaupt noch in einem Funktionssystem zu kommunizieren: Ob man ein Haus kaufen kann, ist keine wirtschaftliche, sondern eine politische. Ob man sein Kind in eine Schule schicken darf, ist eine religiöse Frage usw. Im krassesten Fall, wird man in den Exkusionslöchern auf den eigenen Körper zurückgeworfen: Kampf um kappe Güter wird zur Überlebensfrage, eine Frau zu sein, entscheidet darüber, ob ich das Gesundheitssystem beanspruchen darf, in Gerichtsverfahren wird rasch mit physisch drastischen Maßnahmen auf Abweichung reagiert usw.

Die Dämonin befreit nicht nur die Schwestern,

murmelte Worte, die ich nicht verstand.

(Wieso "ich"? Erzählerin ist doch hier Schehrezâd) sie enthüllt auch die Identität des schlagenden Ex-Gatten:

Dein Sohn el-Amîn, der Bruder von el-Ma’mûn. Er hatte von ihrer Schönheit und Anmut gehört, und er brauchte eine List gegen sie.

Der Kalif daraufhin:

Jetzt will ich, bei Allah, eine Tat tun, die man nach meinem Tode aufzeichnen wird.

Und tatsächlich: Er verknüpft die losen Enden der Geschichte. Allerdings dürfte sich die Freude einiger der davon Betroffenen in Grenzen halten:
Die drei Schwestern (d.h. zwei Ex-Hündinnen) werden mit den drei Bettelmönchen verheiratet. Will man mit einer Frau verheiratet sein, die versucht hat, ihre Schwester zu ertränken?

Das Mädchen mit den Narben gab er seinem Sohne el-Amin zurück.

Sie wird sich freuen, ihren Peiniger wieder umarmen zu dürfen.

Er selber jedoch nahm zur Gemahlin die Wirtschafterin und schlief in selbiger Nacht mit ihr. (…) Das Volk staunte ob der Großmut des Kalifen, seiner natürlichen Wohltätigkeit und seiner Weisheit; der Kalif aber wiederholte den Befehl, man solle alle diese Geschichten in seine Annalen eintragen.

(Da scheint ja jemand eine gewisse Panik vor der eigenen Unsterblichkeit gehabt zu haben.)
Ende. Fragt sich, was aus dem Lastträger geworden ist, nach dem  die Geschichte ja ihren Namen hat.

***

Dinazâd bittet um eine weitere Geschichte. Und Schehrezâd beginnt

Die Geschichte von den drei Äpfeln

Der Kalif Harûn er-Raschîd begibt sich mit seinem Wesir Dscha’far und mit seinem Schwertträger Masrûr in die Stadt Baghdad, um zu erfahren, was die Leute von den Amtsträgern halten. Als sie einen armen Fischer treffen, bietet der Kalif ihm an, das, was er beim nächsten Fang aus dem Meer zieht, für einhundert Goldstücke zu kaufen. Es ist eine Kiste. Leider nicht, wie man vermuten könnte, mit einem eingesperrten Dämon, sondern die zerstückelte Leiche einer jungen in einen Teppich eingewickelten Frau. Der Kalif daraufhin zu seinem Wesir:

"Du Hund von einem Wesir! (…) Wenn du uns den nicht bringst, der sie ermordet hat, damit ich sie an ihm rächen kann, so werde ich dich am Tore meines Palastes aufhängen, dich und vierzig deiner Vettern."

Gut, wenn man in einem solchen Falle über mehr als vierzig Vettern verfügt, damit man unter ihnen auswählen kann. Ich habe leider keinen einzigen.

Tatsächlich bereitet man am dritten Tage schon die Hinrichtung des Wesirs vor, doch da bekennt sich ein Jüngling dazu, die Frau umgebracht zu haben. Dann drängelt sich ein Alter dazwischen und meint, nicht der Jüngling, sondern er selbst sei es gewesen.
Sie werden vor den Kalifen gebracht, der sich darüber wundert, dass sie den Mord

ohne Bastonade gestehen.

Doch der Jüngling erklärt: Die Frau war seine Base und sein Weib. Als sie krank war, bat sie um Äpfel, die ihr Gatte extra aus Basra besorgt. Doch als er zurückkehrt, mag sie sie nicht mehr. Der Mann geht in den Garten und sieht einen schwarzen Sklaven vorbeigehen, der einen der Äpfel isst, und als Erklärung angibt, sie von seiner Geliebten bekommen zu haben. Der Jüngling flippt daraufhin aus und schneidet seiner Frau ohne zu zögern die Kehle durch und versenkt sie im Tigris. Kurz darauf stellt sich heraus, dass die Frau den Apfel ihrem Sohn gegeben hatte, der ihn sich vom Sklaven stehlen ließ. Der Alte ist der Vater der Frau und bestätigt die Geschichte. Der Kalif beschließt, weder den Alten noch den Jüngling hinrichten zu lassen, sondern den Sklaven.

Bei Allah!

Viel Spaß beim Sklavensuchen.

18. Nacht

Nach kurzem Zögern setzt der Jüngling die Reise mit der Dame fort. Doch auf hoher See werfen ihre Schwestern die beiden ins Meer. Der Prinz kann nicht schwimmen und

Allah nahm ihn auf unter den Glaubenszeugen

Die Dame hingegen kann sich auf eine Insel retten, wo sie eine Schlange beobachtet, die von einem Drachen attackiert wird. Sie erfasst Mitleid mit der Schlange und tötet den Drachen. Warum nicht umgekehrt? Sollte dahinter die biblische ewige Koalition Schlange-Frau stehen?) Die Dame schläft ein und erwacht davon, dass ein Mädchen (= Die Schlange) ihr die Füße massiert. Sie schämt sich zunächst.

Seltsame Scham: Für einige Frauen sind Füße mehr scham-besetzt als jeder andere Körperteil. X behielt sogar dann im Bett die Socken an, wenn sie ansonsten völlig nackt war. Einige Männer hingegen können es nicht ertragen, beim Rasieren beobachtet zu werden. Für mich ist das nicht intimer als etwa Händewaschen oder Kämmen, wobei ich mich das letzte Mal vielleicht vor sechs Jahren gekämmt habe. Ein seltsames Gefühl, als ich vor ein paar Monaten beim Friseur war und dieser – aus Höflichkeit, wie ich vermute – seinen Kamm über meinen Kopf zieht.

Zum Dank verwandelt die Schlange die Schwestern in Hündinnen mit der Auflage, dass die Dame ihre Schwestern täglich 300 Schläge erteilen möge, sonst wird sie auch in eine Hündin verwandelt. Schöner Dank.

***

Auch die zweite Dame muss dem Kalifen ihre Geschichte berichten, denn sie trägt Narben auf dem Rücken.

Die Geschichte der Pförtnerin

Die zweite Dame erbt von ihrem Vater und später von ihrem verstorbenen Mann ein großes Vermögen und wird auf diese Weise zu einer guten Partie. Eines Tages wird sie von einer Alten aufgesucht, die sie in einen Palast lockt, wo ein schöner Jüngling auf sie wartet, mit dem sie ruckzuck – der Kadi  wartet schon im Nebenzimmer – vermählt wird, denn

Sein Antlitz ist dem des Neumondes gleich;
Wie die Perle an strahlender Schönheit reich.

Nicht zum ersten Mal habe ich hier das Gefühl, dass sich der Übersetzer bei den Versen vertut. Von der Banalität der Reime abgesehen – ist das Antlitz des Neumondes nicht unsichtbar?
Sie schwört ihm bei der Hochzeit unabdingbare Treue, was, wie wir ahnen, eine storytechnische Bedeutung hat, sonst würde diese Selbstverständlichkeit ja wohl nicht erwähnt. Tatsächlich geht sie einen Monat später zum Basar, um Stoffe zu kaufen, und der Händler will sie ihr zum Preis von einem Kuss überlassen. Sie zögert, doch die schon erwähnte Alte, rät ihr zu.

Nun legte er unter dem Schleier seinen Mund an meine Wange; aber als er mich küsste, biss er mich so scharf, dass er mir ein Stück Fleisch aus der Wange riss. Wie erklärt man das dem Ehemann?

Als ich 1993 in London auf dem Zeltplatz Tent City arbeitete, versuchte mein ungarischer Freund Zsolt Lukacs seine Ex wiederzugewinnen, ließ sich jedoch an einem Abend dazu hinreißen, mit einer jungen Polin zu tändeln, die ihm einen ordentlichen zu rechtfertigenden Knutschfleck verpasste. Meinen Rat, einfach ein Pflaster drüberzukleben und auf Nachfrage zu behaupten, sich beim Rasieren geschnitten zu haben, lehnte er ab. Er bat mich stattdessen, zu seinem Komplizen zu werden: Er würde seiner Ex erzählen, ich habe ihn in einer wütenden Auseinandersetzung in den Hals gebissen, was bei meinem Temperament die so ziemlich unglaubwürdigste unter allen möglichen Ausreden war.

Die Erklärungen der Dame:

  • Bin von einem Brennholz-Kamel gebissen worden – Er will alle Brennholzhändler der Stadt töten lassen.

  • Bin von einem Esel gebissen worden – Er will die Eseltreiber töten lassen.

  • Ich bin geküsst worden – Er will sie töten lassen.

Sie "argumentieren" in Versen. Doch erst die Alte kann den Jüngling davon abbringen, die Dame zu töten. So belässt er es beim Auspeitschen mit Quittenzweigen. Als sie einen Monat später wieder nach Hause kehrt, findet sie ihr Haus in einen Schutthaufen verwandelt.

Wie das geschehen war, konnte ich nicht erfahren.

Und auch wir werden es nie erfahren, denn da endet die Geschichte der Pförtnerin.

***

17. Nacht

Die Geschichte der ältesten Dame

Die älteste Dame beginnt ihre Story mit der erstaunlichen Offenbarung

"Diese beiden schwarzen Hündinnen sind meine Schwestern."

Man beachte die Analogie zur Geschichte des zweiten Scheichs (2. Nacht). Auch ihre Schwestern zogen fort; allerdings waren es hier die Ehegatten, die die Dinare verprassten. Sie kehren verarmt zurück, werden von der Schwester gepflegt, und auch sie begehen diesen Fehler ein zweites Mal.
(Erstaunlich, dass Schehrezâd es wagt, schon nach zwei Wochen auf altes Storymaterial zurückzugreifen. Bei der Chaussee der Enthusiasten beträgt der zeitliche Anstandsabstand für die Widerholung alter Geschichten 12 Monate.)
Das Schiff gerät in Seenot,

da der Kapitän nicht auf den Weg geachtet hatte.

Man gelangt doch noch ans Festland – eine Stadt, die keiner kennt.

Und als ich zum Stadttor kam, sah ich dort Menschen mit Stöcken in den Händen. Wie ich aber näher hinzutrat, zeigte sich, dass sie durch Gottes Zorn zu Stein verwandelt waren. Auf den Basaren und im Palast – überall sind die Menschen zu Stein verwandelt. Eine dornröscheneske Starre.
Auf der Suche gerät die Dame in einen Raum, in dem Kerzen brennen, welche, so die Schlussfolgerung der Dame, ja jemand entzündet haben musste. Tatsächlich findet sie in einem Raum einen ins Gebet vertieften Knaben, der ihr alsbald seine Geschichte verrät: Sein Vater und seine Mutter (König und Königin) sowie

alles Volk dieser Stadt waren Magier, und sie beteten das Feuer an statt des Königs, dem alles untertan.

("Magier" steht hier nur für Perser, die den Lehren Zarathustras folgen. Also keine Zauberer, sondern Zoroastrier, die aber von den Moslems als Ungläubige verachtet wurden.)

Der Königssohn wird von einer Gouvernante heimlich im muslimischen Glauben aufgezogen. Allah verwandelt kurz nach dem Tod der Gouvernante alle Gottlosen zu Stein.
Unsere Dame tröstet ihn mit den merkwürdigen Worten:

"Wisse, dass die Dienerin, die vor dir steht, eine Herrin ihres Volkes ist und über Mannen, Eunuchen und Diener gebietet."

Davon, dass sie eine Herrin ihres Volkes ist, erfährt man hier zum ersten Mal. Oder genügt es, als Kaufmännin mit einem Schiff zu reisen, um als Herrin zu gelten?

Exkurs: Natürlich ist die korrekte weibliche Form von Kaufmann Kaufmännin. Dasselbe gilt für weitere Berufs- und Funktionsbezeichnungen, die mit "-mann" enden, wie auch in Seemann, Zimmermann, Hauptmann. Denn hier fungiert "mann" nicht geschlechtsbestimmend. Die Pluralform ist ja auch entsprechend: Kaufleute, Seeleute, Zimmmerleute und Hauptleute, und eben nicht Kaufmänner usw.

Die Dame überredet den Jungen, mit ihnen die Reise fortzusetzen.

16. Nacht

Kurz nachdem Adschîb den Prinzen mit des Zufalls und eines Messers Hilfe in Allahs Reich befördert hat, kommt prompt das Schiff wieder angesegelt, und der Alte beweint versreich seinen toten Sohn, den sie mit einem seidenen Leichentuch bedecken. (Haben sie es schon sicherheitshalber mitgebracht?) Das Schiff fährt wieder weg, und Adschîb lebt einen Monat auf der Insel. Danach trocknet die Westseite des Meeres aus, und er watet hindurch, bis er ans Festland kommt, wo er einen leuchtenden Palast sieht.

„Kaum hatte ich mich gesetzt, da traten zehn Jünglinge auf mich zu, in kostbare Gewänder gekleidet, und bei ihnen war ein uralter Greis; doch die zehn Jünglinge waren alle auf dem linken Auge blind.“

Blindheit als Leitmotiv bei der letzten Chaussee der Enthusiasten. Sieht man wirklich nur mit dem Herzen gut? Chirurgische Tests, bei denen man versuchte, die funktionsfähige Herzen von Hirntoten in die leeren Augenhöhlen Blinder einzusetzen, schlugen leider fehl.
Wie weit können wir eigentlich gehen mit unseren Scherzen über Behinderung, die wir uns herauszunehmen wagen, mit der Begründung, dass wir die höchste Behindertenquote unter den Berliner Lesebühnen haben. Scherze über Behinderungen gelten merkwürdigerweise als anstößig, während sich niemand daran reibt, wenn sie als literarisches Mittel des Schreckens eingesetzt wird.

Wir wissen ja schon, dass Adschîb am Ende das Schicksal dieser zehn Jünglinge teilen wird – fragt sich nur, wie es dann dazu kommt.
Sie bieten ihm Aufenthalt unter der Bedingung, dass er sie nicht über ihre Handlungen und ihre Gebräuche befragen soll (Wiederaufnahme des Motivs der Rahmenhandlung der Geschichte vom Lastträger und den drei Damen). Doch er kann nicht an sich halten, aber wer würde nicht nachhaken, wenn sich der Gastgeber plötzlich das Gesicht rußig färbt.

Sie sagen ihm, er möge sich von ihnen in ein Fell nähen lassen, das hernach vom Vogel Roch auf einen Berg getragen würde (Motiv bekannt aus dem russischen „Edelsteinberg“). Auf dem Berg stünde ein Palast, dort erführe er, warum sie einäugig seien und sich die Gesichter schwärzten.
Eine für 1001 Nächte seltsame Begründung:

Wollten wir dir jetzt unsere Geschichte erzählen, so würde es zu lange dauern.

Dabei lieben doch gerade die Protagonisten von 1001 Nacht nichts so sehr wie lange Geschichten. Es ist umso erstaunlicher, als das folgende Abenteuer von Adschîb länger als ein Jahr dauert, so lang hätte die Einäugigen wohl nicht gebraucht.
Adschîb tut, wie ihm geheißen, und er entdeckt vierzig Mädchen im Palast:

„Wir sind deine Dienerinnen und dir untertan; also befiehl uns nach Gutdünken!“

Machoherz, was willst du mehr!
Er verbringt die erste Nacht mit der Schönsten unter ihnen. Die zweite Nacht mit einer, die noch schöner ist, usw.

Ich sah auf ihrer Brust zwei Schreine, die waren versiegelt
Mit Moschus, auf dass der Verliebte sie nicht berührt und verletzt.
Sie behütet die beiden mit Pfeilen aus ihren Blicken;
Sie trifft mit ihrem Pfeile den, der sich ihr widersetzt.

Doch nach einem glücklich miteinander verbrachten Jahr (warum wird hier eigentlich nie jemand schwanger?) müssen die vierzig fort zu ihren Vätern, die Könige sind:

„Hüte dich, die vierzigste Tür zu öffnen, sonst musst du uns verlassen.“

Ob dieses Motiv universal ist? Vielleicht gibt es das schon so lange wie Türen? Schließlich: Wer kennt nicht die Versuchung zu stöbern, wenn man vom Nachbarn den Schlüssel zum Wellensittichfüttern bekommt! Fragt sich nur, warum sie ihm überhaupt den Schlüssel zum letzten Raum geben.

Dann flogen sie davon.

Hä? „Flogen“?

Jeden Tag probiert er ein Zimmer aus. Die ersten vier werden beschrieben:

  1. Blumen, Bächlein, Bäume, Rehlein, Quitten, Aprikosen

  2. Palmen, Bächlein, Rosen, Jasmin, Majoran, Eglantinen, Narzissen, Levkojen

  3. Sandel- und Aloeholz, Singvögel in Käfigen (Wer füttert die eigentlich?)

  4. Perlen, Saphire, Topase, Smaragde

Im vierzigsten Zimmer schließlich wird er vom Geruch betäubt und steigt auf ein schwarzes Pferd, dass mit ihm zum Himmel emporfliegt.

Nach einer Weile jedoch ließe es sich mit mir auf einer Dachterrasse nieder, warf mich vom Rücken, peitschte mich mit dem Schweif ins Gesicht und schlug mir das linke Auge aus, so dass es mir über die Wange rollte, und flog weg von mir.

Hallihallo – die Dachterrasse gehört zum Palast der zehn Jünglinge. Man könnte nun annehmen, jetzt wäre er einer von ihnen, aber sie jagen ihn davon, und er reist nach Baghdad.
Ende der Geschichte des dritten Bettelmönches
Für meinen Geschmack die aufregendste, aber hat er sich nicht auch am tollpatschigsten angestellt?
Die Dame schenkt sowohl ihm das Leben als auch dem Kalifen und seinen zwei Begleitern, nachdem sie ihre Lügengeschichte wiederholen. Alle dürfen gehen. Am nächsten Tag jedoch befiehlt der Kalif alle vor seinen Thron:

„Jetzt aber möchte ich euch zu wissen tun, dass ihr steht vor dem fünften der Nachkommen des Abbâs, vor Harûn er-Raschîd, dem Bruder des Kalifen Musâ er-Hâdi, dem Sohne des Muhammed el-Mahdi, des Sohnes des Abu Dscha’far el-Mansûr, des Sohnes Muhammeds, des Bruders von es-Saffâh ibn Muhammed.“

Gehen wir gnädig über den Umstand hinweg, dass der historische Kalif seinen Bruder – den erwähnten Kalifen Musâ er-Hâdi – umbringen ließ, um auf den Thron zu gelangen.
Die erste Dame tritt hervor und berichtet ihre Geschichte

***

15. Nacht

Allah dankend kraxelt unser dritter Bettelmönch in spe den Berg hinauf bis zur Kuppel, wo er die religiöse Waschung vollzieht, und sich niederlegt und schläft.

Auf Reisen in fremde Länder schickt es sich ja oft, nicht gleich zu fragen, sondern das Merkwürdige erst mal zu beobachten und zur Kenntnis zu nehmen. Und so nahm ich es 1996 eher mit neugieriger Verwunderung zur Kenntnis, als sich bei meiner Reise durch den Iran die einheimischen Männer auf den öffentlichen Toiletten nicht nur die Hände, sondern auch die besockten Füße wuschen. Natürlich wusste ich von der rituellen Waschung, konnte aber dieses Wissen nicht mit der aktuellen Beobachtung verknüpfen.

Im Traum hört er eine Stimme, die ihm komplizierte Anweisungen gibt, die sich so zusammenfassen lassen:

  1. Schieß den Bronzereiter auf der Kuppel mit einem von dir noch auszugrabenden Bogen ab!

  2. Setze dich in das Boot, mit dem gleich darauf ein weiterer Bronzetyp angerudert kommt, da das Meer steigt!

  3. Lass dich von diesem fortrudern und verschweige den Namen Allahs!

Das Gebot etwas nicht zu tun, wirkt natürlich mindestens so stark wie das Gebot, etwas zu tun. Beispiel: Schließen Sie die Augen und denken Sie nicht an einen grünen Gorilla. Wenn Sie sich auf diese Aufgabe konzentrieren, werden Sie selbstverständlich an den Gorilla denken. Vermeiden kann man das, einfach, indem man an etwas völlig anderes denkt, beispielsweise an die Funktionsweise eines Kohlekraftwerks. Ebenso unfruchtbar ist es, Kinder vor etwas zu trösten, vor dem sie Angst haben könnten (was die Angst verstärkt) oder sie negativ zu korrigieren: "Andreas, du Pottsau, lass die Tante in Ruh!" Besser: "Andreas, jetzt kannst du auch mal auf den Onkel hopsen!"
Was ich damit sagen will: In Märchen können wir darauf wetten, dass ein ausgesprochenes Verbot gebrochen wird. Welche narrative Funktion hätte es sonst? Vielleicht sollte mal jemand so ein Kindermärchen schreiben: in dem alle sich an die von den Erwachsenen ausgesprochenen Ge- und Verbote halten. Andererseits traue ich es Schehrezâd zu, dass sie auch noch so einen Joker für uns bereithält. Darüberhinaus scheint ja das (dreimalige!) Verbot, Allahs Namen zu rufen, auf eine teuflische Macht hinzudeuten.

Tatsächlich wird unser Prinz gerettet, wie man es ihm vorhergesagt hat. Aber leider funktionieren seine muslimischen Reflexe zu gut. Er dankt Allah bei seiner Errettung, und das Schiff geht unter. Mit letzter Kraft rettet er sich auf eine Insel. Als sich ein Schiff nähert, klettert er auf einen Baum.
Warum, so fragt man sich, bittet er nicht darum, mitgenommen zu werden.
Zehn schwarze Sklaven öffnen eine Platte im Erdboden und geleiten einen Jungen, Schönen und einen Alten hinein.

Der war zu dem geworden, was von ihm noch übrig war…

Man lässt den Jungen zurück, und als das Schiff fort ist, betritt der Prinz das Gewölbe und freundet sich mit dem Jungen an, dem geweissagt wurde, er würde 40 Tage, nachdem die kupferne Reiterstatue von einem gewissen Adschîb, Sohn des Chadîb herabgeschossen, von ebendiesem Adschîb getötet. Leider handelt es sich bei unserem Prinzen um Adschîb, der seine Identität zwar verschweigt und sich als Diener des Jungen anbietet, ihn aber genau am Stichtag (!) mit einem Melonenmesser aus Versehen umbringt.l

Unklares Entspannungsmittel: Rauchbad aus Weihrauch

14. Nacht

Die Prinzessin, die den Prinzen im Affen erkennt, beschwört den Dämon mit viel Getue und Material, u.a. mit einem Messer,

darauf hebräische Namen standen.

Dämon und Prinzessin bekämpfen einander

Dämon als Mädchen als
Löwe Haar als Schwert
Skorpion Schlange
Adler Geier
schwarzer Kater scheckiger Wolfshund
Granatapfelkerne Hahn
Fisch Fisch
Fackel Kohle

Sowohl Mädchen als auch Dämon geben am Ende die Löffel ab, doch kurz vorher kann das Mädchen den Affen noch zurückverwandeln, der jedoch durch die Feuersbrunst ein Auge eingebüßt hat, was im Vergleich zum König, der das halbe Gesicht, den Unterkiefer und seinen Eunuchen verlor, ja noch erträglich ist.

Voll Zorn vertreibt der König den Prinzen von seinem Hofe, da er ja nur durch diesen seine

"…Tochter verlor, die mir hundert Männer wert war."

Sinnend, weinend und Verse die Geduld betreffend rezitierend richtet er seine Schritte gen Baghdad, wo er den Beherrscher der Gläubigen zu treffen hofft.

***

Die Dame ist auch mit dieser Geschichte zufrieden, schenkt dem Bettelmönch das Leben und so erfahren wir

Die Geschichte des dritten Bettelmönches

Dieser ist eigentlich, wir konnten es inzwischen erraten, ein König und Sohn eines Königs, der mit einem Lustfahrtschiff eine Reise unternimmt, aber nach einem Sturm Schiffbruch erleidet und auf die Insel mit dem Magnetberg, der den Schiffen die Nägel aus dem Rumpf zieht, gelangt.

unklares Inventar: Hände wie Worfschaufeln

 

***