283. Nacht

Wiki-Wissen per Zufall Nummer 3:

1. Fritz Markwardt isolierte das blutgerinnungshemmende Hirudin aus Blutegeln.

2. Der schwedische Politiker Felix Hamrin wurde im Zuge der Zündholzmonopolistenkrise Ministerpräsident.

3. Die Amateur-Motorsportserie NASCAR AutoZone Elite Division, Southwest Series fuhr ausschließlich auf kurzen Ovalen im Südwesten der USA.

4. Unternehmen verfolgen aus steuerlichen Gründen gegenüber dem Staat eher eine konservative Bilanzpolitik, Banken eine progressive.

5. Der englische Chemiker John George Children konstruierte 1813 die bis dahin größte galvanische Batterie.

6. Im Finale der Handball-Weltmeisterschaft der Frauen 2001 besiegte Russland Norwegen mit 30:25.

7. Ron Hornaday jr. ist der einzige Fahrer, dem es gelang, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren in der NASCAR Southwest Series die Meisterschaft zu gewinnen.

Ich schwöre, ich habe auf "Zufälliger Artikel" geklickt. Warum also spuckt er mir so kurz hintereinander zwei Ergebnisse zu diesem hierzulande völlig unbedeutenden Ereignis aus? Ähnlich beim Winamp Shuffle. Wenn er einmal in Händels Werken hängt, kommt der Player da nicht so schnell wieder raus. Oder sind heute zufällig NASCAR Southwest Series Promo Days?

8. Der Schwerpunkt des Internationalen Film Festivals Innsbruck liegt auf Filmen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa.

9. Roberto Pecceis Arbeiten trugen zur Durchsetzung der Quantenchromodynamik als Theorie der starken Wechselwirkung bei.

10. Die schwache Hyperladung ist in der Teilchenphysik eine erhaltene Quantenzahl.

Nun akzeptiere ich die Zufälligkeit der Artikel wirklich nicht mehr. Auf den Artikel über einen Teilchenphysiker folgt ein Artikel über eine teilchenphysikalische Größe?

***

Der Schlachthofreiniger erkennt von seiner Gasse aus die Dame;

die war einem Weidenzweig oder einer durstigen Gazelle gleich und an Schönheit und Anmut und Liebreiz vollkommen.

Auf Geheiß der Dame wird unser Held nun von einem der Eunuchen gepackt, gefesselt und verschleppt. Das Volk immerhin hat soviel Zivilcourage, dagegen zu protestieren:

"Das ist nicht von Allah erlaubt! Was hat euch denn dieser arme Abortreiniger getan, dass er mit Stricken gebunden wird?"

Der Reiniger erklärt sich seine Festnahme damit, dass sich die Dame vor ihm ekelt:

"Vielleicht ist sie auch schwanger oder ihr ist sonstwas passiert."

Man führt ihn zu einem feinen Hause, wo man ihn von drei Sklavinnen waschen lässt, ihn umkleidet und ihn in eine Halle führt, wo die Dame bereits auf einem Lager aus Bambusrohr auf ihn wartet.

Dieses Motiv – ein Mann gerät in das Haus einer einsamen lüsternen schönen Dame – scheint hier fast ein eigenes Sujet zu werden.

Der Sprung

Feedback einer Schülerin: „Unglaublich, was man bei euch an einem einzigen Wochenende lernt. Und so schnell! Ich dachte, wir hören erst mal einen halben Tag nur Theorie. Aber man lernt sofort, die Angst fallenzulassen.“

Kreative Angst

Ungeheuer kreativ werden Impro-Anfänger, wenn sie sich Rechtfertigungen fürs Nichthandeln ausdenken:
– „Ich weiß doch auch nicht, wie es in einem Bademeisterturm aussieht.“
– „Ich musste ja erstmal den Esel wegschicken und verschnaufen, bevor ich den Text aus dem [imaginären] Buch vorlese.“
– „Das Spiel XY kann ich nicht so gut.“
– „Ich weiß nicht, wie man Setzlinge pflanzt.“ (Meine eigene schändliche Rechtfertigung damals im Anfängerkurs, um meine hingewurschtelte Pantomime zu begründen. Aber mordende Gangster, Piloten, Chirurgen, Karusselbetreiber – die konnte ich ohne zu fragen spielen.)

Als Anfänger nimmt man die Ausweichmanöver, die das in Panik vorm Unbekannten geratene Unterbewusstsein da mit einem treibt, gar nicht wahr. Der Verstand, so Eckhart von Hirschhausen, gleicht dem Regierungssprecher – er ist der Letzte, der erfährt, was beschlossen wurde, und muss es nach außen rechtfertigen.
Es gilt also, den Mut zu trainieren, das gegen die Alltagsrationalität gerichtete Ja-Sagen.

Improvisation anwenden um die Welt zu verändern

Vom 23. — 26. September findet unter diesem Titel in Amsterdam die Internationale Konferenz des weltweiten „Applied Improvisation Network“ (Netzwerk angewandte Improvisation — siehe unten) statt. Es warten vielfältige kreative und stärkende Impulse!
Es gibt drei „Hauptspuren“, entlang derer die Konferenz laufen wird:
# Die Geschäftswelt: Innovation, Veränderungen in Unternehmen, eigene Geschäftsfelder definieren und ausbauen
# Die soziale Welt: Sozialer Wandel, der Aufbau von Gemeinschaften und Weiterentwicklung von Settings
# Die persönliche Welt: Auseinandersetzung mit unserer eigenen Entwicklung, Einzelcoaching, Methoden die ein besseres und erfüllendes Leben mit LebenspartnerInnen und FreundInnen fördern
Gesucht werden nun Menschen, die in ihren Berufsfeldern oder als KünstlerInnen Improvisationstechniken umsetzen z. B. auch Playback-Theater, Soziodrama, Statuen- und Forumtheater, Methoden von Keith Johnstone oder Viola Spolin usw. Unter http://www.surveymonkey.com/s/QCMKYYJ! können noch bis 6. Mai (Bitte auf Englisch) Vorschläge für 2-Stunden-Workshops eingebracht werden.
„Applied Improvisation Network – AIN“ Mitglieder des 2002 gegründeten AIN kommen aus den verschiedensten Ländern der Erde. Es sind Menschen aus verschiedenen Berufen, die Improvisationstechniken in vielfältigen Feldern anwenden: in der Beratung und Begleitung von Unternehmen und Institutionen verschiedenster Branchen sowie von Städten und Gemeinden, in der Erwachsenenbildung sowie im Gesundheits- und Sozialbereich. Dabei geht es um zentrale Themenfelder wie gelungene Kommunikation, emotionale und soziale Kompetenz, Improvisation als Motor für Innovation und Qualitätssteigerung, Umgang mit Konflikten, Supervision und Coaching sowie um neue Zugänge für die Planung und Umsetzung von Projekten oder Arbeitsabläufen. http://appliedimprov.ning.com

282. Nacht

Wiki-Wissen per Zufall Nummer 2:

1. Die einfachste Formel der Formelsammlung der analytischen Geometrie – Der Einheitskreis – lässt sich so darstellen:, aber ich könnte nicht behaupten, ihn zu verstehen, obwohl ich fünf Tage Mathematik studiert habe.

2. Am Kaiserslautern-Saarbrücken Computer Science Cluster arbeiten mehr als 800 Mitarbeiter.

3. Der 1958 bei Marxen in Niedersachsen entstandene und in den 1970ern zunehmend linksradikale Ring Bündischer Jugend zerstritt sich mit dem Ring deutscher Pfadfinderverbände.

4. Das Cournot-Oligopol wurde von Antoine-Augustin Cournot 1838 beschrieben: Wie zwei Anbieter der gleichen Ware zu einem Preis finden, dessen Änderung – egal in welche Richtung für beide ökonomisch unvorteilhaft wäre.

5. Der in Platons sokratischen Dialogen als jugendlicher Heißsporn geschilderte Polos, hat mehrere Werke verfasst, darunter einen Schiffskatalog

6. Der konservative britische Schattenminister der Tories David Freud ist ein Urenkel von Sigmund Freud.

7. Die regionale Verwaltung einer Bahai-Gemeinde innerhalb eines Landes heißt Regionaler Geistiger Rat.

8. Dem englische Schauspieler Bob Peck gelang 1993 der Durchbruch mit Jurassic Park. 6 Jahre später starb er.

9. Les Friques in der Schweiz ist nicht an den öffentlichen Verkehr angebunden.

10. Millikan ist ein Einschlagkrater auf der nördlichen Hemisphäre des Mondes.

***

Wie zu erwarten war, ist der Kalif nicht amüsiert über die unerlaubte Abwesenheit Ishâks:

"Bedeutet dies, dass du mir den Gehorsam verweigerst?"

Die Freundschaft der Mächtigen, so haben wir hier nun mehrfach gelernt, ist ein zweischneidig Ding. So leichtfertig wie die Kalifen Ehrenkleider, Jahressolde und Ämter verleihen, so locker lassen sie einen auch köpfen. Ishâk muss also eine gute Rechtfertigung in der Tasche haben.

Unter vier Augen berichtet er dem Kalifen von seinem Erlebnis, und dieser ist begeistert. Sie verkleiden sich wieder als Kaufleute, gehen zu besagter Stelle.

Aber nun fanden wir zwei Körbe, setzten uns hinein und wurden zu der gewohnten Stätte emporgezogen.

Bisher ist völlig unklar:
1. Warum geht Ishâk nicht durch die Tür, die er ja schon kennt?
2. Warum hängt die Maid überhaupt Körbe aus dem Fenster? Um sich einen Mann zu angeln? Hätte sie auch jeden anderen genommen?

Wieder wird gegessen und getrunken, erzählt und gesungen, bis beide Herren ihre Konspiration vergessen.

Als el-Mamûn drei Maß getrunken hatte, kam Fröhlichkeit und Weinseligkeit über ihn und er rief: "Je Ishâk!" Ich antwortete: "Zu Diensten, o Beherrscher der Gläubigen!"

Und schwupps verschwindet die Maid. Ishâk sucht den Besitzer des Hauses, es ist el-Hasan ibn Sahl, der Bruder des Wesirs Fadl ibn Sahl. Für eine Hochzeitsgabe von 30.000 Dinaren heiratet der Kalif die Maid, deren Namen Chadîdscha wir nun endlich erfahren. Ishâk wird zu Stillschweigen verpflichtet. Und er beendet die Geschichte mit der Bemerkung:

Kein Mensch hat jemals so viel Glück erlebt wie ich es in jenen vier Tagen genossen habe, als ich tagsüber mit el-Mamûn und des Nachts mit Chadîdscha zusammensein durfte. Bei Allah, ich habe nie einen Mann gleich el-Mamûn gesehen und nie eine Frau gleich Chadîdscha kennen gelernt, ja nicht einmal eine, die ihr an Klugheit, Verstand und feiner Rede auch nur nahegekommen wäre. Doch Allah weiß es am besten.

Man fragt sich, ob es wirklich bei Wein und Gesang geblieben war. Wenn nicht, hätte der Kalif keine Jungfrau geheiratet. Und warum preist Ishâk immer noch diesen Kalifen, der ihm doch die Braut vor der Nase wegschnappt?
Über den Vater der Braut weiß Wikipedia zu berichten, dass dieser infolge seiner Intrigen am Hofe el-Mamûns inhaftiert wurde.

***

Die Geschichte von dem Schlachthausreiniger und der vornehmen Dame

Während der Wallfahrt ergreift ein Mann den Vorhang des heiligen Hauses und schreit:

"Ich flehe dich an, o Allah, lass sie wieder ihrem Gatten zürnen, damit ich mich mit ihr vereinigen kann!"

Die Pilger verprügeln ihn und schleppen ihn vor den Emir des Pilgerzugs, der ihn zur Rede stellt. Darauf berichtet der Mann:

Ich bin Abortreiniger und ich arbeite in den Schafschlächtereien, ich schaffe das Blut und den Unrat zu den Misthaufen.

Als er eines Tages mit seinem mistbeladenen Esel durch die Straßen geht, sieht er einen Haufen Leute weglaufen, di ihn warnen:

"Bieg in die Gasse dort ein, damit man dich nicht totchlägt! (…) Die Frau eines vornehmen Mannes kommt dort, und die Eunuchen treiben das Volk aus dem Wege; sie schlagen alle Leute, ohne Rücksicht auf irgendeinen zu nehmen" Ich bog also mit dem Esel in eine Seitengasse ein.

Auch hier fällt es nicht schwer, den Fortgang zu erraten. Das Motiv "Schöne Frau sucht einen Mann – und zwar irgendeinen" taucht in den 1001 Nächten immer wieder auf.

 

281. Nacht

Ich klicke 10 mal auf "Zufällige Seite" bei Wikipedia (der Trick ist, auch die scheinbar uninteressanten Seiten mitzulesen) und erfahre:

1. Das AK 725 ist ein doppelläufiges Geschütz, das in den Staaten des Warschauer Pakts verwendet wurde und sich durch eine hohe Kadenz – nämlich 200 Schuss pro Minute auszeichnet.

2. Bei einer Reklamation kann der Verkäufer (wenn AGB dem nicht entgegenstehen) wählen, ob er dem reklamierenden Käufer einen Umtausch, eine Reparatur, eine Wandlung (d.h. Geld zurück) oder eine Minderung gewährleistet.

3. In Rovinari, einer rumänischen Stadt im Kreis Gorj, ist die einzige Sehenswürdigkeit eine Holzkirche von 1840.

4. Der Name des Wasserlauf Kinchafoonee Creek in Georgia (USA) ist aus der Bezeichnung eines Nussknacker-Mörser aus Knochen in der Creek-Sprache abgeleitet.

5. Das Wappen der Tessiner Gemeinde Alto Malcantone zeigt ein goldenes Eichenblatt auf blauem Grund.

6. Einer der Forschungsschwerpunkte des in Deutschland lebenden schottischen Theologen Alexander Wedderburn war "Paulus und Jesus".

7. Der 1977 geborene Schauspieler Felix Rech spielte in Shakespeares "Romeo und Julia" den Mercutio.

8. Die deutsche Bezeichnung der tschechischen Kleinstadt Vroutek lautet Rudig.

9. Die dänische Sejlflod Kommune wurde 2007 mit anderen Kommunen zur neuen Aalborg Kommune zusammengelegt.

10. Der Thüringer SPD-Politiker Matthias Hey ist gelernter Drucker.

Erstaunlich – die Hälfte der Artikel in diesem Durchlauf geographische Bezeichnungen. 3 von 10 sind Persönlichkeiten.
In einem anderen von AK 725 ausgehenden Durchlauf treffe ich auf: Yak-Rassen, Heuristik, Wiesbaden-Westend, Nassauer Denkschrift, Conference, All About Eve, Mannō, Wittekindshof, Post Charlotte.

***

Ishâk el-Mausili verabschiedet sich und gelobt, über das Vorgefallene zu schweigen. Zu Hause

sprach ich das Frühgebet und legte mich nieder.

Den nächsten Tag verbringt er beim Kalifen el-Mamûn und abends setzt er sich hoffnungsvoll wieder in den Korb. Seine Hoffnungen werden nicht enttäuscht. Das Ganze wiederholt sich noch einmal, und das, obwohl am dritten Tag der Kalif ihn bittet, im Palast zu bleiben, solange er fort ist. Als er von der schönen Maid sich entfernt,

dachte ich daran, dass el-Mamûn mich sicher zur Rechenschaft ziehen würde; darum sagte ich zu ihr: "Ich sehe, du gehörst zu denen, die am Gesang ihre Freude haben. Nun habe ich einen Vetter, der ist schöner als ich von Angesicht, er genießt ein höheres Ansehen und hat eine feinere Bildung, und er kennt von allen Geschöpfen Alahs des Erhabenen den Ishâk am besten.

Sie willigt ein. Er geht heim.

Doch kaum war ich dort angekommen, so fielen die Abgesandten el-Mamûns über mich her und schleppten mich mit roher Gewalt fort.

280. Nacht

Der Beginn der 280. Nacht klingt, als sei Schehrezâd in Schwierigkeiten:

"Oh glücklicher König, was ist alles bisher Erzählte gegen das, was ich euch heute nacht erzählen könnte, wenn der König mich am Leben zu lassen geruht!" Der König antwortete ihr: "Beende deine Erzählung!"

Das wird sie in dieser Nacht nicht tun.

Ishak el-Masuli und die Maid essen und beginnen, sich mit Erzählungen zu unterhalten.

So begann ich denn zu erzählen, indem ich bald anfing: "Es ist mir berichtet worden, dass es also geschah", und bald "Es war einmal ein Mann, der also erzählte"

Da lässt sich Schehrezâd hübsch in die Trickkiste schauen.

Man bringt die Laute und die Schöne singt ein Lied, dessen Melodie von Ishak el-Masuli selber stammt.

Da kam eine Alte, die ihre Amme zu sein schien, und sprach: "Die Zeit ist gekommen!" Wie ich das hörte, erhob ich mich sofort.

279. Nacht

Noch bevor Schaddâd und sein Gefolge die Stadt erreichen,

sandte Allah auf ihn und auf alle die ungläubigen Ketzer, die bei ihm waren, eine Gottesstrafe vom Himmel seiner Allmacht herab, und die vernichtete sie alle mit gewaltigem Getöse. Weder Schaddâd noch irgendeiner von denen, die bei ihm waren, erreichte die Stadt, niemand sah sie. Auch verwischte Allah die Spuren der Straße, die zu ihr führte.

Dass die Verlassenheit der Stadt ein Zeichen für eine göttliche Strafe ist, hat man sich eigentlich denken können, aber eigentlich hatte ich auf den Frevel noch gewartet – meist sündigen die Bewohner zerstörter Städte durch Maßlosigkeit, Völlerei oder Abwendung von Gott. Hier aber scheint der Nachbau des Paradieses selbst die Sünde zu sein – ähnlich wie im Mythos des Turmbau zu Babel. Im Koran wird darauf gedeutet, dass die Bewohner der Stadt den Warnungen des Propheten Hud kein Gehör schenkten.

Die einzigen, die diese Stadt gesehen haben sollen, seien ein Gefährte Mohammeds und eben der seine Kamele suchende Abdâllah gewesen.
Ein weiterer Anwesender namens esch-Scha’bî fügt folgende Ergänzung ein: Der Sohn Schaddâds, nämlich Schaddâd der Jüngere, welcher als Statthalter in Hadramaut zurückgeblieben war und nun Nachfolger seines Vaters wird, ließ dessen Leiche zurückführen und in einer Gruft in einer Höhle auf einem goldenen Thronlager unter

siebenzig Tüchern, die aus Gold gewebt und mit Edelsteinen besetzt waren,

bestatten.

Zumindest bei Wikipedia werden die Schaddâds nicht als Herrscher von Hadramaut erwähnt.

Auf einer Tafel zu Häupten des Vaters ist zu lesen:

Sei gewarnt, du, den die lange
Lebenszeit betöret hat!
Ich, Schaddâd, von Âd entsprossen,
war der Herr der festen Stadt;
War der Herr der Kraft und Allmacht,
Voll von wildem Heldenmut.
Untertan war alle Welt mir,
Fürchtend meines Zornes Glut,
Ost und West hielt durch der Herrschaft
Festen Zwang ich in der Hand.
Auf den rechten Weg dann wies und
Der Prophet, zum Heil gesandt.
Doch wir trutzten ihm und riefen:
Gibt’s denn keine Zuflucht mehr?
Da kam über uns ein Unheil
Aus der Ferne weit daher.
Wie die Schwaden bei dem Mähen
Sanken wir zu Boden tot.
Und nun harren wir im Staube
Auf den Tag, der uns bedroht.

Fragt sich, wie sie sich auf den Propheten beziehen können, wenn der zu ihrer Zeit noch gar nicht lebte, oder ist der Prophet Hud gemeint?

Und auch ein Dritter, namens eth-Tha’âlibi meldet sich zu Wort und weiß weitschweifig von einer Plünderung des Grabs von el Schaddâd, inklusive Tafel, zu berichten

Nach neuster Forschung (begonnen mit Aufnahmen aus dem Space Shuttle) hat die Säulen-Stadt Imram tatsächlich existiert.

***

Die Geschichte von Ishâk el-Mausili

Ishâk el-Mausili berichtet, betrunken von einer Feier nach Hause zu torkeln. In einer Seitengasse

verrichtete ich mein Bedürfnis im Stehen, denn ich fürchtete, es könne mir etwas zustoßen, wenn ich mich an einer Mauer hinhockte.

Wenn einem als Stehpinkler partout keine Ausrede mehr einfällt…

Aus einem der Häuser hängt ein vierhenkliger mit Brokat gefütterter Korb, in den sich Ishâk el-Mausili aus einer Laune heraus setzt. Der Korb wird hochgezogen und vier Sklavinnen heißen ihn willkommen. Er befindet sich nun in einem Haus mit so schönen Räumen,

wie ich die nur im Palaste des Kalifen gesehen hatte.

Mädchen schreiten einher.

Die dürfen nicht fehlen.

die Wachskerzen und Räucherfässchen aus sumatranischem Aloeholz trugen.

Die Schönste von ihnen setzt sich zu ihm und man trägt einander Verse vor,

die allerdings ausnahmsweise nicht ausgeführt werden.

Darauf befahl sie, Speisen zu bringen.

Nun sprach Dinazâd zu ihrer Schwester Schehrezâd: „Wie köstlich ist doch deine Erzählung und wie entzückend, wie lieblich und berückend!“ Aber die Schwester erwiderte: „Was ist all dies gegen das, was ich euch in der kommenden Nacht erzählen könnte, wenn der König mich am Leben zu lassen geruht.“

Nach vielen Nächten taucht Dinazâd mal wieder auf. Inzwischen sind zehn Monate nach Mondrechnung vergangen.

278. Nacht

Die Mülltonnen unseres Wohnblocks wurden immer über ein leerstehendes Nachbargrundstück abgeholt. Ein ödes Grundstück, wären da nicht die zwölf Pappeln, die einem die Illusion von Naturnähe spendeten. Seit zwei Monaten darf die Müllabfuhr dieses Gelände nicht mehr befahren, und die Mülltonnen werden durch unser Haus gebollert, so wie fast überall in Berlin. Schade um unseren Morgenschlaf. Aber was heißt das für das öde Grundstück? Für die Natunähe-Illusion? Soll hier gebaut werden? Aber was? Da müsste man ja schon die Pappeln fällen. Dürfen die das? Vorsicht! Ich hole aus zum Exkurs.

In Alt-Treptow atmet man schon mal auf, wenn in der Ödnis von Nagelstudio, Gräue, Netto und Schlecker kleine Sprenkelchen des guten Geschmacks auftauchen. Ein Kollege schrieb vor ein paar Jahren, dass sich hier kein Laden halten könne, nicht mal ein Bestatter. Man kann den Betreibern eines geschmackvoll eingerichteten Cafés oder Plattenladens regelrecht zuschauen, wie ihnen Monat für Monat die Kondition ausgeht, wie sie, einem Ertrinkenden gleich, ein letztes Mal wild mit den Beinen strampeln, und dann untergehen. Die Wohnhäuser sind solide in dem Sinne, dass sie DDR-Konservatismus verströmen. Und doch scheint sich in den letzten ein bis zwei Jahren etwas geändert zu haben.
Eigentlich hätte ich es wissen sollen. Ich bin die Vorhut des Booms. Das war in den 90ern schon einmal so. Ich war vermutlich der erste Student im Friedrichshain. Vorher hatte man hier von so etwas allenfalls gehört. Als ich 1997 exmatrikulierte, machten es mir alle nach. Selbst mein unnachahmliches Outfit „Billig-aber-trotzdem-hässlich“ kopierten sie tausendfach. Es gab keinen Copy-Shop und keinen Kleintierpsychologen. Bis 1998 gab es in meiner unmittelbaren Nachbarschaft auch zwei Friseurläden, wo man sich für 20 Mark schnell mal die Mähne kürzen lassen konnte. Wegen ihrer mangelnden Anpassungsfähigkeit schlossen sie. Vier Jahre keine Friseure. Dann in fast genau denselben Läden zwei neue Coiffeurs, aber hier schnip-schnappt die Schere im Takt zum Drum & Bass, es kostet 10 Euro und man hat schon ein schlechtes Gewissen, wenn man die Haare nicht selber wegfegt.
In einem Radius von 10 Minuten Laufweite gab es kaum eine Kneipe, kaum ein Café, in das ich mich guten Gewissens mit einer Frau hätte verabreden können. Ein biederes Eiscafé oder Juhnkes Eck – das wäre die Wahl gewesen, wenn man von der ost-alternativen tagung absah. An einem heißen Sommertag 1994 saß ich mit einem Freund in der Eckkneipe Gleis 13, und fragte den Wirt, ob wir einen Tisch nach draußen stellen könnten. Er sah mich an, als hätte ich einen Cappuccino bestellt. Die Angestellten des nun an seiner Stelle befindliche Via Nova wundern sich auf ähnliche Art, wenn man im Sommer nicht draußen sitzt. Zwischen 1994 und 1996 beobachtete ich fünf vergebliche Versuche, in der Simon-Dach-Straße ein Café zu eröffnen. Alle mussten mangels Kundschaft schließen.
Doch 1997 tat sich etwas. In der Simon-Dach-Straße hatte das erste Café nicht nur einen Versuch gestartet, sondern diesen Versuch sogar überlebt. Von da an verdoppelte sich die Café-Dichte im Jahrestakt. Ein kleiner, aber feiner Buchladen eröffnete in der Wühlischstraße. Die Second-Hand-Läden boten nicht mehr nur Ramsch an, den man bei Humana nicht anzubieten wagte. Eine Öko-Coop entstand, die später dem Druck mehrerer Bioläden ausgesetzt war. Häuser wurden saniert – manche sanft, die meisten aggressiv.
Als schließlich in der Kopernikusstraße ein Hundefriseur öffnete, wusste man – die Gegend wird gentrifiziert. Das Haus, in dem ich wohnte, wirkte in der Libauer Straße wie ein Mitesser in einem hübschen Gesicht. Die Erbengemeinschaft konnte sich seit der Wende nicht einigen, und so beließen es die Verwalter beim Allernötigsten. Als ich 38 wurde, hatte ich schließlich die Nase voll vom Außenklo und zog mit Freundin nach Treptow. Eine putzige Glosse über meinen Umzug endete mit der Bemerkung, dass ich in Treptow mitnichten der einzige Schriftsteller sein würde, sondern lediglich der erste. Es scheint sich zu bewahrheiten. Die Biokette LPG hat eine Filiale in der Nähe eröffnet, und der Vollkornbäcker hat weniger Schwierigkeiten, sein Publikum zu halten als jener Imbissladen, in dem der Dönerspieß 10 Tage braucht, bis er – grau vom Zigarettenrauch – runtergebrutzelt ist.
An zwei Brachen nun haben sich ein paar Leute zusammengetan, ihr Gespartes zusammengelegt und bauen nun zwei Häuser – hell und transparent, mit Spielplatz und Wiese. Und doch werden sie bedroht, nicht von den Bullen, sondern von den Anti-Gentrifizierern, die die Häuser mit Farbbeuteln und Steinen angreifen. Ein wenig beneide auch ich die dort wohnenden um ihre schöne Aussicht auf den Kanal. Ich würde wahrscheinlich, wenn ich dort wohne, einmal täglich das Fenster aufdrehen und den Rauchhaus-Song von Ton-Steine-Scherben in voller Lautstärke abspielen:

„Und wir schreien’s laut:
Ihr kriegt uns hier nicht raus!
Das ist unser Haus!“

Ich spaziere weiter, der Boom der Investoren, so ein Flugblatt der Protestierer, nimmt aggressive Züge an. So sei der Obstgarten neben der Neuapostolischen Kirche plattgemacht worden, um dort zu bauen. Ich zähle 35 Baumstümpfe. Wer kann was gegen eine Verschönerung haben? Gegen Innenklos? Gegen Vollkornbäcker statt Gammeldöner? Und wann kippt es? Verdrängung ist nicht immer bösartig, fies, gewalttätig, durch dreiste Mieterhöhungen am Rande der Illegalität. Gentrifizierung und die ihr folgende Segregation funktioniert vor allem dadurch, dass weniger wohlhabenden Zuzugswilligen der Weg in den Bezirk versperrt bleibt.

Seit meinem Spaziergang bin ich mir sicher: Die Pappeln werden gefällt. Selbst wenn der Eigentümer dafür nicht die Genehmigung bekommt – die Ordnungsstrafe wird aus der Portokasse bezahlt. Auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain geschah dasselbe. Gestern den Öko-Investor spielen, morgen Bäume fällen; wahrscheinlich ohne gravierende Selbstzweifel. Adé Pappeln! Adé Naturnähe-Illusion. Welcome to the next Caipirinha-Bezirk.

*

Der Kalif schickt nach dem Weisen Ka’b el-Ahbâr, der den Anwesenden die Geschichte der Stadt enthüllt:

„das ist Iram die Säulenstadt, die in allen Landen nicht ihresgleichen hat.“

Es beginnt also wieder eine jener berühmten Geschichten in der Geschichte.

Der König Âd hatte zwei Söhne, Schadîd und Schaddâd. Schadîd stirbt.

Wie hier so oft üblich bei solchen Einführungen wissen wir wieder einmal nicht, warum diese Figuren – nämlich Âd und Schadîd überhaupt erwähnt wurden.

Schaddâd wird nun der mächtigste König seiner Zeit.

Er hatte unter seiner Herrschaft hunderttausend Fürsten, und jeder Fürst gebot über hunderttausend Machthaber, und jeder Machthaber über hunderttausend Krieger.

Das macht nach Adam Ries 1.000.000.000.000.000, also eine Billiarde Menschen. Das müssen Zeiten gewesen sein! Und da sind die Kinder, Frauen, Bauern, Handwerker usw. sowie etwaige ihmnicht unterstehenden Völker noch gar nicht mitgerechnet.

Als Schaddâd einen Bericht vom Jenseits liest, beschließt er, das Paradies auf Erden zu errichten.

Was das für Konsequenzen hat, wissen wir.

„Ziehet also nach der schönsten und weitesten Flur der Erde und baut mir dort eine Stadt aus Gold und Silber, [Aufzählung weiterer wertvoller Materialien]…“

Das diese schönste Flur ausgerechnet im Wüstenland Jemen zu finden sein soll, erstaunt.

Die ihm untergebenen Fürsten sammeln nun zwanzig Jahre lang Material, suchen die Gegend, finden sie und beginnen mit dem Bau.
Sie arbeiteten an jenem Werk dreihundert Jahre lang, und als sie es beendet hatten, gingen sie zum König und berichteten ihm darüber.

Dreihundert Jahre? Das erinnert an mosaische Zeiten.

Schaddâd befiehlt seinem Gefolge, sich zum Aufbruch bereitzumachen (darunter 1.000 Wesire).

Und ich dachte immer, die DDR mit ihren 35 (?) Ministern wäre eines der ministerreichsten Länder gewesen.

Effiziente Anmoderationen

Gute Anmoderationen, die auch ein bisschen gute Laune versprühen sollen, sind effizient: Wenig Aufwand, hohe Wirkung.
Das Publikum hat ein natürliches Bedürfnis zu klatschen. Das muss man ihm nicht gewaltsam aufdrücken, darf es ihm aber auch nicht vorenthalten.
N. beispielsweise brüllte in einer Literaturveranstaltung immer mit hysterischer Stimme über den Applaus, als müsse er im Colosseum gegen die blutrünstige Masse anschreien.
G. hingegen ließ durch die Ambivalenz seines Sprechens und seiner Stimmführung das Publikum im Unklaren, wann es überhaupt klatschen durfte.
Klarheit. Knappheit.

277. Nacht

Wikileaks präsentiert "Collateral Murder". Das Schema ist dasselbe wie beim Stanford Prison Experiment – der Luzifer-Effekt. Die Menschen werden zu Objekten, es gibt kaum Möglichkeiten auszusteigen, die Kette der Brutalitäten verschärft sich. "Targets, haha."

 

 

J. bittet mich um einen Text, an dem ich nun seit Tagen laboriere. Zwischendurch träume ich, er würde mich durch seine Connections zum Militär als Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte der Bundeswehr einsetzen, sie wollen nun endlich mal einen Zivilisten. Wer würde da besser passen als Dan Richter? Prompt setzen sie mich in Afrika ab, wo gerade Truppen stationiert sind. Mein Traum-Director sagt "Afrika", ohne das Land zu bezeichnen, dieser Chauvinist.

*

Abdallah ibn Abi Kilâba legt seiner Kamelin die Fußfessel an und durchschreitet das mit Hyazinthen und Edelsteinen besetzte Tor und betritt die Burg, die

lang und breit war und an Ausdehnung der Stadt Medina gleichkam.

Die Festung ist allerdings menschenleer, aber dafür aus Gold und Silber erbaut, auf dem Kies liegen Edelsteine und im Staub Moschus.

"Dies ist sicherlich das Paradies, das uns im Jenseits verheißen ist."

Er steckt sich die Taschen voll Edelsteine und Moschus, kehrt

in die Heimat zurück und erzählte den Leuten davon.

Die Kunde verbreitet sich bis zum Kalifen Muâwija ibn Abi Sufjân,

der damals Kalif in Hidschâz war.

D.h. im Gebiet von Mekka und Medina. Sufjân führte als erster Umajaden-Kalif die Erbfolge ein und zog später nach Damaskus.

Der lässt Abdallah zunächst beim Statthalter und schließlich bei sich selbst antanzen, um die Geschichte zu wiederholen. Als Beleg hat er nur noch ein paar Gewürzkugeln dabei.

In ihnen war noch etwas Wohlgeruch, aber die Perlen waren verblichen und hatten ihren Glanz verloren.… Weiterlesen

Malcolm McLaren – Scheitern als Kunst

Malcolm McLaren gestorben.
Aus einem Taz Interview 2008:
„Widersprüche machen uns auf wunderbare Weise unperfekt. Ich werde nie vergessen, wie einer meiner Professoren die Arbeiten des Spätimpressionisten Pierre Bonnard erklärte: „Es sind die Fehler, die Fehler sind es, die ihn von einem Amateur in einen großen Künstler verwandelt haben. Er zeigte seine Fehler!“ Das sind die Dinge, die mich geformt haben, das war Cash from Chaos: Es sind die Fehler in der Musik, die zählen! Zeigt, dass ihr nicht gut spielen könnt, das ist viel besser, als es so aufzunehmen, als ob ihr spielen könntet! Es ist groß, seine Fehler zu zeigen!
Natürlich hielten mich diese Kids für vollkommen verrückt. Kannst du uns nicht einen guten Produzenten besorgen, der kann das frisieren, fragten sie. Nein, nein, ihr müsst die Fehler zeigen! Ich predigte dieselben Worte, die mich gelehrt worden waren. Die Idee war seitdem immer, dass etwas Falsches richtig aussehen konnte.“

276. Nacht

Nun fresse ich mich durch den dritten Teil der Gulag-Trilogie von Solschenizyn; jede Restsympathie für den Kommunismus wird gnadenlos getilgt. Aber ich habe mich den 1001 Nächten verschrieben. Auf die Suche nach der verlorenen Zeit anspielend, meint Solschenizyn irgendwo sinngemäß, die Westler schrieben über Kekse, die Russen über den Tod.

*

Wie wir bereits geahnt haben, ist ein Vers der beste Weg, um um Gnade bei einem Kalifen zu bitten. Dieser antwortet:

Mein eigner Stamm erschlug, Umaima, meinen Bruder;
Drum, schieß ich auf den Stamm, trifft mich mein eigner Pfeil.

Man wirft sich noch eine Weile gegenseitig Verse das Thema Großzügigkeit betreffend an den Kopf. Und um das Momentum dieser Story in Gänze zu verstehen, müsste man wohl noch tiefer in die religiös bis sektiererisch anmutenden Streits über die Kalifennachfolge eindringen.

Unser Flüchtling vergisst aber auch nicht, von seinem Helfer als auch von seinen Feinden zu berichten. Die Freigelassene, die ihn verriet, gesteht, auf die Frage, warum sie das getan habe:

"Aus Geldgier." (…) Weiter fragte der Kalif: "Hast du ein Kind oder einen Gatten?" Als sie das verneinte, befahl er ihr hundert Peitschenhiebe zu geben und sie auf Lebenszeit einzukerkern.

Der Bader wird zum Lohn für seine Hilfe zum Krieger und der Krieger zum Bader.

Ferner verlieh er ihm [dem ehemaligen Bader] ein Ehrengewand und dazu noch einen jährlichen Sold von fünfzehntausend Dinaren.

Die Verleihung des Ehrengewandes steht, wie wir wissen, meist am Ende der Geschichte. Und so folgt nun:

*

Die Geschichte von Abdallah ibn Abi Kilâba und der Säulenstadt Iram

Abdallah ibn Abi Kilâba sucht in den Wüsten der Länder von Jemen und des Landes von Saba seine Kamele, die ihm fortgelaufen waren.

Guter Einstieg. Wie groß muss eine Herde sein, damit man sich auf eine solche Suche macht?

Auf seiner Suche trifft er auf eine verlassene Festung, die von Burgen umgeben ist.… Weiterlesen

Den Gewinn einfahren

Verhandle nicht. Relativiere nicht. Fahr den Gewinn ein.
Klare Statements statt endloser Relativierungen, die nur langweilen.
Auch Verhandlungen machen die Szene zäh. Warum? Weil es letztlich meistens Verhandlungen zwischen den Spielern sind. Es wird ja nur scheinbar spannender.
Nirgends wird so viel gefeilscht wie auf Teppichbasaren und in Improszenen.

Shakespeare improvisieren

Das Shakespeare-Doppelpack am vergangenen Donnerstag auf dem Internationalen Improfestival war wieder sehr schön. Selbst die in der englischen Sprache nicht ganz sattelfesten Spieler sprangen mutig hinein. Und wir können uns den Großen Willy schon hübsch für die Impro zurechtstutzen. Hier ein paar Merkmale, die ich teilweise aus unserer Praxis bei Foxy Freestyle, teils aus den Workshop-Notizen von Ed Hauswirth zusammengestückelt habe:
– Das angestrebte Versmaß ist der fünfhebige Jambus („A horse, a horse, a kingdom for a horse“). Dafür müssen wir, wenn wir auf Deutsch spielen, oft apostrophisch sprechen:
„Komm du mir nah, als zott’ger russ’scher Bär,
geharnsch’t Rhinozeros, hyrkanscher Tiger!“
– Der Reim ist dem Ende der Szene vorbehalten.
– Handlungen, vor allem aber Gegenstände werden öfter benannt, als wir es in der gewöhnlichen Impro tun.
– Namen wiederholen.
– In Dialogen sich stets auf das vorher Gesagte beziehen. Oft werden einzelne Wörter wiederholt.
– naturnahe Metaphern
– Verstellungen, Masken, Unterrichten
– Tragödie: Das Verlangen führt zum bösen Ende.
– Komödie: Verwechslungen, Derbheiten. Das Verquere führt zum guten Ende.

Improvised Shakespeare Comedy: „Three things went wrong at night“ from Dan Richter on Vimeo.… Weiterlesen

Foxy Show vom 2. April 2010

Baummarkierer am Werk. Über Schmalzstullen. Heißluftballons, Radfahrerin, Kirche, Schachspieler, Häuschen kehren wir zurück in den Schaukelstuhlmann mit der Zipfelmütze.

Die Lebensmittelpolizei ist Schäubles CIA-Connection aus den 70ern längst auf die Schliche gekommen. Aber es wird ihm nicht gelingen, Berlin zur Schwabenhauptstadt zu machen.

*

Die pädagogische Bäckerin trifft auf einen Physiker und einen soziologisch bewanderten Kunsthistoriker.
*

Ob Ken auch liest?
*

Raskill haben die Mörderbienen trotz Rauchkanne als ersten erwischt.
*

Parallelspiegel sind sicher, solange man in sie nicht mit einem Fernglas schaut.

Weiterlesen

275. Nacht

Seltsam muten die Versuche der Industrie an, technologische Möglichkeiten zurechtzustutzen. Die Kopierschutz-Idiotie bei CDs haben sie schließlich hinter sich gelassen. Für DVDs gibt es einen Area-Code, der verhindert, dass man US-Filme überhaupt gucken kann, ohne sich einen neuen PC zuzulegen. Der neuste Trick – und man kann kaum umhin, als die Aktion kartellesk zu nennen – besteht darin, die Videodauer von Digitalkameras auf 29 Minuten zu begrenzen. Hintergrund sind angeblich höhere Zölle für Camcorder. Aber das kann man kaum glauben, dass das der Grund für alle Firmen wäre, diese technische Einschränkung einzubauen. Vermutlich wollen sie, dass die Kunden sowohl die Digitalkameras als auch die Videokameras kaufen.
Schön finde ich aber auch die von Kunden akzeptierten Einschränkungen. Die Qualität des öffentlichen mp3-Handygekrächzes ist jedem 60er-Jahr-Transistor-Radio unterlegen, ganz zu schweigen vom fetten 80er Ghettoblaster. Aber sie wissen nicht, was sie tun, und diesmal sogar zum Wohle der älteren Mitbürger. Die Fotos sind völlig unakzeptabel, vom Festnetz telefonieren klingt immer noch besser und ist fast immer noch billiger. Aber macht ruhig.

*

Die für die Seele nur schwer erträgliche Gute-Nacht-Lektüre "Der Archipel Gulag" von Solschenizyn, an dem ich seit August las, verringerte auch die Frequenz dieser Blogeinträge. Dann hatte ich es endlich beendet und wunderte mich, dass über das Lagerleben selber so wenig drin gestanden hatte. Bis ich verstand, es war nur der erste von drei Teilen. Nun bin ich beim dritten (ich vermute der zweite ist der schlimmste), hangle mich vom Kapitel Entlassung über Aufstände und Ausbrüche und weiß nicht, ob es moralisch koscher ist, das Ausbruchskapitel wie einen Abenteuerroman zu lesen. Als ich es beendet habe, stoße ich beim Youtube-Surfen zufällig auf die russische Version des Grafen von Monte Christo. Ob die Macher sich darüber im Klaren waren, wie hoch der Anteil der Zuschauer mit Gefängnis- oder Lagererfahrung war? Im Übrigen wirkt die Zelle von Edmond Dantès in der ja geradezu putzig im Vergleich zu dem, was Solschenizyn beschreibt.

 

*

Ibrahîm ibn el-Mahdî will dem schwarzen Bader nicht weiter zur Last fallen und so flieht er verkleidet:

Ich hüllte mich in Frauenkleider, zog gelbe Stiefelchen an, warf mir einen Schleier über und ging aus seinem Hause fort.

Einen Soldaten, der ihn erkennt und verraten will, stößt Ibrahîm ibn el-Mahdî in den Dreck, und er findet im letzten Moment Zuflucht im Hause einer Frau, die ihm ein Ruhelager gewährt. Unglücklicherweise ist sie die Gattin des Soldaten.

Alsbald holte sie Zunder, legte den in ein Stück Zeug und verband ihm damit den Kopf; dann bereitete sie ihm ein Lager und er legte sich krank darnieder.

"Zunder zum Verbinden? Oder ist dies ein Übersetzungsfehler und eigentlich Leinen gemeint?", achte ich zunächst. Aber nein, Zunderschwamm (d.h. der Pilz) wurde tatsächlich als Verband benutzt.

Die Frau des Hauses warnt Ibrahîm und lässt ihn bis zum Abend im Haus ruhen. Dann flieht dieser weiter und sucht Unterkunft bei einer inzwischen freigelassenen Sklavin, doch verrät sie ihn.

Plötzlich sah ich Ibrahîm el-Mausilî mit seinen Dienern und Kriegern kommen. (…) da sah ich dem Tod ins Angesicht.

Man führt ihn vor den Kalifen. Und Ibrahîm ibn el-Mahdî versucht, sich mit Versen aus der Affäre zu ziehen.

Und er wäre ja hier nicht der Erste, dem dies gelänge:

Meine Schuld vor dir ist wahrlich groß;
Aber du bist größer als die Schuld.
Also nimm dein Recht dir, oder nicht.
Und verzeihe mir in deiner Huld!
Und war ich auch nicht in meinem Tun
Edelmütig – sei du es nun.

Der Kalif antwortet mit einem ähnlich banalen Gedicht, und da

witterte ich den Hauch der Gnade in seinem Wesen.

 … Weiterlesen

Zusammenfassung Charna Halpern: „Art by Committee. An Guide to Advanced Improvisation“

Charna Halpern: Art by Committee. "A Guide to Advanced Improvisation"

Charna Halpern, die Partnerin des legendären Impro-Guru Del Close und selber eine vielgerühmte Lehrerin des Improvisationstheaters verfasste bereits – gemeinsam mit Howard Johnson – "Truth in Comedy", die praktischen Grundlagen des Impro-Collage-Formats Harold.

Del Close auf dem Sterbebett zu seiner Frau: "… und sag ihnen, dass wir erreicht haben, woran anderen scheiterten. Wir haben ein "Theater des Herzens" geschaffen – ein Theater, wo die Menschen einander wertschätzen, um auf der Bühne erfolgreich zu sein. Sag es den Schülern: Theater des Herzens.

Einführung

Del Close verließ das traditionsreiche, berühmte Second City Theater, um Improvisationstheater zu einer neuen Stufe der Kunst zu führen.
Auf der Suche nach einer Form, in der eine größere Gruppe einerseits als Gruppe funktioniert, andererseits die individuellen Fähigkeiten nicht verlorengehen, wurde das freie Format Harold erschaffen. Umgekehrt gesprochen: Es lebt vom Einsatz des Einzelnen und dem Zusammenspiel der gesamten Gruppe.
Auf Schauspiel im Sinne von Figuren wird weniger wert gelegt als auf Authentizität.
Die Spieler lernen voneinander wie gute Musiker.

1. Der neue Harold

Dels Prinzipien Allgemeine Prinzipien des Harolds
1. Jeder Schauspieler unterstützt die anderen.
2. Nimm deine Impulse wahr.
3. Betritt nie eine Szene, wenn du nicht gebraucht wirst.
4. Rette deine Mitspieler, kümmere dich nicht ums Stück.
5. Deine oberste Verantwortlichkeit ist Unterstützung.
6. Nutze deinen Verstand. Immer.
7. Du sollst dein Publikum nie unterschätzen oder verachten.
8. Keine Witze.
9. Hab Vertrauen.
– Vertraue deinen Mitspielern, dass sie dich unterstützen.
– Vertraue dir selbst.
10. Bewerte nichts, außer, wann deine Unterstützung gebraucht wird (als Schauspieler oder als Cutter).
11. Hör zu!

3. Monologe

Wahre Monologe eröffnen uns ein großes Feld für wahrhaftige Szenen, wobei es natürlich nicht darum geht, den Monolog nachzuspielen, sondern die Bedeutungsebene zu nutzen und die Gedanken szenisch zu bestätigen, zu widerlegen oder zu transzendieren.

4. Was macht einen Improvisierer gut

Gute Improvisierer hören nie auf zu lernen. Jedes Wissen ist brauchbar, sei es Mathematik, Politik oder ein Kochrezept.
(Schön, diesen Gedanken aus berufenem Munde zu hören. Ich sagte es meinen Schülern immer wieder: Nutzt euer Wissen. Eine Spielerin war so von einem Komplex geprägt, ungebildet zu sein, dass sie übersah, dass sie selbst ein abgeschlossenes Universitäts-Studium hinter sich hatte, einen ungeheuren Lebenserfahrungsschatz, eine ausgebildete Handwerkerin war, und als Sportlerin nicht nur erfolgreich war, sondern auch Jugendliche trainierte. All das schien nicht zu zählen. Wenn sie mit dem Wissen anderer konfrontiert wurde, hielt sie sich wieder für dumm. Der Trick ist jedoch, Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit zu behalten und sich letztlich für alles zu interessieren.
Sage auf der Bühne irgendetwas, das du weißt oder diese Woche gelernt hast. Das Publikum wird es schätzen. – DR)

Lies täglich die Zeitung. Bleib auf dem Laufenden. Lies Klassiker.
Wenn du nichts zu sagen hast, worüber kann man dann noch lustiges Theater machen?
Halpern lobt ausführlich auch die von mir geschätzten TJ & Dave: "In ihrer Show haben sie alles thematisiert, von Politik über Philosophie bis zu Geometrie. Sie bringen eine Intelligenz in die Show, die auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Wir müssen auf der Bühne mehr zu sagen haben als ‚Du hast mir meine Freundin ausgespannt.‘ oder "Sie haben die letzte Miete nicht bezahlt.‘ Del lehrte uns, Gemeinplätze und Allerweltskommentare zu meiden und interessant zu werden.
Höre also nie auf zu lernen.
Sei in deiner Impro urteilslos. (Wisse aber über das Für und Wider von Themen bescheid. – DR)
Wenn du eine Fähigkeit an anderen bewunderst, kopiere sie, trainiere sie.
Gute Improvisierer geben sich nicht mit ihren Talenten und Fähigkeiten zufrieden. Sie lernen, was ihnen fehlt.
Stelle hohe Ziele an deine Arbeit.

5. Folge deiner Furcht

Improvisierer gehen Risiken ein. Darum geht’s in guter Impro. "Es ist gut, sich unbequem zu fühlen, sonst gibt es keine Gefahr, keine Aufregung, kein Wachstum."
Außerdem ist es unglaublich unterhaltsam anzusehen, wie ein Team kämpft, Hindernisse zu überwinden. (Darum sind engagierte Anfängergruppen oft unterhaltsamer als routinierte Profis.)
Charna Halpern berichtet von Kim Howard Johnson, der im Impro-Team "Baron’s Barracudas" für Unbequemlichkeit sorgte, in dem er seinen Mitspielern Hürden setzte, live Games erfand und ihnen die Arbeit erschwerte. Das Team war großartig und das Publikum liebte sie, aber es war ihnen zu anstrengend mit Johnson und sie warfen ihn raus. Sofort wurden die Shows langweilig, und die Spieler selbst strahlten nicht mehr die frühere Freude aus, was sich änderte, als sie sich bei Johnson entschuldigten und ihn wieder aufnahmen.
Die Frisbee-Sphäre: Del Close verglich gute Angebote mit dem Frisbee-Spiel. Es sei interessant, wenn die Scheibe ein wenig außerhalb der Reichweite des anderen Spielers geworfen würde, so dass sich dieser strecken müsse, um sie zu erreichen, aber es würde uninteressant, wenn sie einfach unerreichbar nach rechts statt geradeaus geworfen würde.

6. Küchenregeln

Sag ja.

Der erste Gedanke. Es gibt die bekannte Regel, nach der erste Gedanke einfach rausgeschleudert werden soll. Aber manchmal ist dieser Gedanke einfach nur eine reflexhafte Antwort. Von Zeit zu Zeit ist es gut, einen Moment zu warten und dem zweiten Gedanken eine Chance zu geben.

Unterstütze deinen Partner. Es ist gut, sich um sich selbst und die eigene Figur zu kümmern, aber wenn man in dieser Figur eingeschlossen ist, nimmt man nichts anderes mehr wahr und die Mitspieler müssen deine seltsame Suppe auslöffeln. (Offenbar gegen Mick Napiers Konzept gerichtet, wonach die beste Unterstützung darin besteht, sich um die eigene Figur zu kümmern und starke Angebote zu machen. – DR)

7. Frauen

Frauen sollten, so Charna Halpern, nicht in die Falle geraten, sich zum Opfer der Situation machen zu lassen. Nur "Ja Schatz" zu hauchen und dann den männlichen Kollegen vorwerfen, sie dominierten die Bühne. Trefft selbst klare Entscheidungen, spielt starke Charaktere. Spielt auch schwache, wenn es nötig ist. Spielt das, was die Szene braucht. Geht nicht mit einem Ich-bin-das-Opfer-Denken auf die Bühne.
Wenn ihr körperlich klein seid, nutzt das aus.
Kleidet euch bühnentauglich – Schuhe mit weichen Sohlen, keine zu engen Klamotten. Zeigt nicht zuviel Fleisch. Tragt Shirts, bei denen ihr euch nicht sorgen müsst, dass bei der nächsten Bewegung die Brüste rausploppen.
Ein weiterer Punkt zum Thema Integrität bewahren: Man kann politisch unkorrektes spielen, wenn es durch die Figur rolleninteger motiviert ist. Alles andere ist schal.

8. Figuren durch Raum und Bewegung

Peter Hulne berichtet davon, dass er vor einer Vorstellung genau die Bühne inspiziert – wo kann man springen, wo kann man die Bühne betreten, gibt es Türen, Vorhänge usw. – Was davon kann man wie nutzen.
Benenne den Ort, an dem du dich befindest, vor allem, wenn dieser vorher noch nicht etabliert wurde. Anders gesagt: "Wenn du nicht weißt, wo du bist, sag, wo du bist."
Nutze deine eigenen Erfahrungen mit bestimmten Orten – Flughäfen, Taxis, Büros usw.

(Es folgt ein großartiger Abschnitt, den ich hier nur kurz zusammenfassen kann/will.)
Susan Messing beschreibt, wie sie in ihrer Anfängerzeit einen Impro-Profi sah, der in seiner Garderobe eine Liste mit 15 Charakteren zu hängen hatte: "Sogar in meiner damaligen Anfänger-Hölle wusste ich, da stimmt etwas nicht. Wenn der Himmel die Grenze ist, warum sollte ich mich auf 15 Figuren beschränken? Die einzigen Grenzen, die es für mich gibt sind meine Phantasie und die Angst, blöd zu wirken."
Wenn du eine Szene beginnst, lass ein Körperteil dich dominieren. Deine Stimme wird schon folgen.
In Bezug auf deine Figur besteht das "Game" in ihren charakteristischen Eigenschaften.
Mein Partner kann mir einen Namen geben oder den Plot starten, aber niemand wird meine Wirbelsäule manipulieren können außer ich selbst.
Wenn ich bei einer Show nicht ganz da bin, versuche ich zu mir zu kommen, sonst werden die Figuren cartoonesk.
David Down lehrt Tier-Inspiration allein anhand ihrer Wirbelsäulen.
Wenn du zeigst, wie lustig irgendetwas ist, dann ist es nicht lustig! Nutze deinen Verstand! D.h. hier: Bewege dich so gut du kannst. Wenn du dann scheiterst und blöd wirkst, ist das immer noch gute Komödie. (Statt andersrum: Sich absichtlich doof anstellen und hoffen, dass das jemand lustig findet – DR).
Es gibt zwei Typen von Impro-Spielern –
1) die glauben ihre Energie verpuffen zu sehen: Entspannt euch und geht mit der Welle.
2) die ihre Energie aufraffen müssen: Nehmt euch zusammen und geht mit der Welle.
Bei La Ola ist immer derjenige der Arsch, der die Welle abbrechen lässt.

9. Charnas Lieblingsärgernisse

Moderationsbohei. Moderiert mit Würde. Zuviel Applaus wird schon von vornherein eingefordert. Charna Halpern nennt als Gegenbeispiel die auch von mir so geschätzten TJ & Dave, die ihre Show mit dem einfachen Satz beginnen: "Vertraut uns, es ist alles improvisiert." (Man muss allerdings der Fairness halber hinzufügen, dass die beiden vor ausverkauftem Haus spielen und das Publikum zu jubeln beginnt, sobald die beiden die Bühne betreten. Ob sie nicht auch ein bisschen Bohei machen würden, wenn sie vor 20 Leuten spielten, die mit verschränkten Armen abwartend dasitzen? Auf jeden Fall stimme ich Charna zu, dass auf Improbühnen eher zu viel als zu wenig Stimmung gemacht wird. Wir sind nicht im Zirkus.
Du machst ja immer dies! Du sagst ja immer das! Ein Angebot wird verwässert, wenn wir es nicht als die eine große Sache nehmen.
Das ist mein erster Tag. Wenn ein Spieler sagt: "Das ist mein erster Tag hier im XY", ist ziemlich schnell klar, dass er Angst hat, Kompetenz zu zeigen. Er verringert die Hürden, und "mein erster Tag" gibt ihm die Rechtfertigung, doof zu spielen.
Spiel kein Klischee. "Del Close hasste Fernseh- und Parodiesachen. Er bevorzugte frische Beobachtungen, die nicht kulturell vorgefiltert waren. Er war der Meinung, dass "im Allgemeinen" der Feind der Kunst ist. Und dass Gott im Detail steckt."
Redet nicht, wenn ihr nicht auf der Bühne seid. Ihr könntet wichtige Informationen, die gerade geschehen, versäumen.
Versaute Sprache. Werde nicht obszön, um des Lachers willen.

10. Vom Impro zum Schreiben

Schreiben ist Impro mit einer Schreibmaschine. Sag Ja zu deinen eigenen Ideen.

11. Rat an künftige Improspieler

– Haltet euch von Alk und Drogen fern. Charna nennt das typische Beispiel von Chrs Farley und Andy Dick: "Sie spielten großartige Shows und waren hinterher in einem natürlichen High. Später tranken sie vor der Show, um sich zu beruhigen und nach der Show, um zu feiern." Farley starb später an Drogenmissbrauch. Ebenso John Belushi. Und auch Del Close selber hätte es wahrscheinlich ohne Drogen etwas länger geschafft.
– Hört nicht auf, kreativ zu sein. Das Aufregende liegt in der Arbeit.
– Höre nicht auf die Neinsager. "Glück ist Vorbereitung, die auf Gelegenheit trifft."

12. Die Geschichte von Charna und Del

Charna betreibt das ImprovOlympic und ist gelangweilt von den immergleichen Impro-Spielchen. Del Close ist müde vom sketch- und gag-orientierten Second City. Die beiden finden zueinander. Del arbeitet seit den 60ern an einem "unlehrbaren und unaufführbaren" Format, dem Harold. Die beiden einigen sich auf ein Meta-Game, und erfanden so Lagform-Impro.(Letztlich muss man sagen, dass das jeder Langform zugrunde liegt oder: Das ist es, worum’s geht.)

13.-18. Anekdoten über Del Close

Unter den hier erzählten Geschichten gefällt mir die erste besonders: Charna Halpern überzeugte Del Close, sich ein Bankkonto zuzulegen. Und das trotz seiner Angst, er könne in einen See fallen und das Sparbuch würde nass werden, so dass er nie wieder an sein Geld käme. Diese Mischung der Ängste – Hypochondrie, Angst vor Scheinwelten und Verweigerung des Ökonomischen lässt Del Close wie eine Mischung aus Karl Valentin und Michael Stein erscheinen.
Interessant, wie Del Close unterrichtete. Er war äußerst streng und verschwendete keine Zeit mit Galanterien. Zu Beginn eines Workshops referierte er manchmal eine halbe Stunde über seine neuste Lektüre. Wenn er einen Schüler nicht mehr ertragen konnte, gab er ihm das Workshopgeld zurück und schickte ihn fort, manchmal sogar Schülern, die noch nicht bezahlt hatten. Der entsetzten Charna erklärte er: "Das war es wert, um ihn loszuwerden."
Chris Farley, ein Schüler von Close und Halpern wurde für Saturday Night Life gebucht. Als er in New York ankam, rief er Close an und berichtete unter Tränen, man wolle ihn ohne T-Shirt gegen Patrick Swayzee tanzen lassen: "Die machen sich lustig über den neuen Dicken." Del sagte ihm: "Tanz so gut du kannst. Sei leichter als Luft, lass es nicht zu, dass sie dich zum Klischee machen."

19. Das Leben ist ein langsamer Harold.

Show vom 19. März 2009

In einer Abstellkammer des Bundestages stärkt sich ein Putzmann für den neuen Arbeitstag. In dieser begegnen wir einem Straßenfeger-Verkäufer, zwei Alleinerziehenden im Park und zwei Yuppies im Café. Einem türkischen Ramschverkäufer, einer Oma, deren Wellensittich davonfliegt, einem Selbstmörder und seiner verschwenderischen Frau, und wieder beim Putzmann angelangt kulminieren die Storys.

Ist der Schwimmer Maschowski, der den Helden mit einem Periskop beobachtet, tatsächlich von einer Terror-Einheit der Regierung?

Eine Flugzeuggeräteherstellerin ist hin und her gerissen zwischen zwei Männern. Auf den Rat ihres Vaters hin, sich mal fallenzulassen, entdeckt sie die Liebe zu den Frauen.

***

Collage mit Schneckenreiter, Verführung durch Bussardfedern, Perser werden von Spartanern mit Bildern von Frauen abgelenkt. Geschenke entfalten sich ethisch ambivalent.

Zuschauer in der ersten Reihe

Ich glaube inzwischen, es hilft, Zuschauer in der ersten Reihe, wenn nicht zu ignorieren, so doch weitgehend auszublenden. Wenn sie gut drauf sind besteht die Gefahr, dass man den Fokus auf sie richtet. Sind sie schlecht drauf, versprühen sie ihre schlechte Laune.
Beim Kantinenlesen habe ich es am häufigsten erlebt: Ein eingefleischter Fan bringt einen Freund mit, der für den Rest des Abends uns stonefaced anstarrt und mit seinem ganzen Körper kommuniziert: „Was soll die Scheiße?“
Beim Improvisieren ignoriere ich glücklicherweise oft die erste Reihe mehr als alle anderen. Einmal sogar meine Schwester übersehen. Gestern eine beschwipste Vierergruppe. Darunter zwei Zuspätkommer, die sich dann auch noch ausführlich Küsschenlinksküsschenrechts verteilen mussten und in den ersten kürzeren Szenen ständig demonstrativ lachten, aber an Stellen und in einer Weise, dass man merkte: Die haben nichts verstanden. (Immer wieder gern genommen: Der Echo-Lacher, der das letzte Wort, das auf der Bühne fiel, wiederholt und dann angestrengt lacht.)
Den zweiten Teil – eine Collage. die beim Publikum insgesamt sehr gut ankam – haben sie enfach nicht begriffen. Vermutlich wären sie im politischen Kabarett besser aufgehoben gewesen, wo schon die Nennung des Namens „Westerwelle“ für Lacher sorgt.
Meine Kollegen waren irritiert, als der Herr immer nur missbilligend den Kopf schüttelte, ber da habe ich die Truppe glücklicherweise schon übersehen.

Nächtliche Improgedanken von Jill Bernard

3am Improv Thoughts from Jill Bernard from Jill Bernard on Vimeo.

1. Nimm die Haare aus dem Gesicht und zieh dich nett an, was immer „nett“ für dich bedeutet.
2. Mach’s dir nicht am Bühnenrand bequem. Höre auf deine Füße.
3. Spiele aus dem Bauch heraus.
4. Ja, ja, du bist lustig. Aber hör auf, zu versuchen, lustig zu sein. Das ist hässlich.
5. Du bist vage, weil du glaubst, das sei respektvoll gegenüber deiner Spielpartnerin. Aber sie hat keine Pläne. Also benenne die Dinge, damit es weitergeht.
6. Es gibt interessantere oder intimere Beziehungen als immer nur dein Mitbewohner.
7. Kein Sex mit Impro-Kollegen.
8. Nach zwei, drei Jahren erreichst du wahrscheinlich eine Phase, in der du der einzige auf der Welt bist, der weiß, wie Impro wirklich funktioniert.
9. Sei nett zu allen.
10. Du bist nie gut genug, um nicht noch Unterricht zu nehmen.
11. Das Publikum soll nahe bei der Bühne sitzen und nahe beieinander.
12. Spiel nicht „auf Kasse“, wenn du die Kasse nicht kontrollierst.
13. Geht mal ab und zu in die Knie. Ihr beide seht da oben wie eine 11 aus.
14. Wenn euer Trainer eine zu harte Sprache benutzt, ist er entweder ein Idiot oder ein Genie. Wahrscheinlich aber ersteres.
15. Kein Alk auf der Bühne.
16. Bedanke dich für Lob.
17. Wirf dich in die Impro und mach dir dabei die Hände schmutzig.… Weiterlesen

Hidden Game

Einige der letzten Shows waren für meine Begriffe etwas lahm gewesen – wir etablierten zwar die Räume, aber dann passierte da physisch auch nicht viel. Und die körperliche Langsamkeit wirkt ja auch immer zurück auf den Geist.
Ich beobachtete außerdem in derselben Zeit nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen Gruppen, dass die Spieler, wenn sie in einer Szene einmal die Positionen auf der Bühne gefunden haben, ihr räumliches Verhältnis meist beibehalten. Oder mit anderen Worten: Die linke Figur bleibt links, die rechte bleibt recht.
Und so verabredete ich mit mir selbst ein kleines Game: In jeder Einzelszene mindestens einmal die relative Position zu meinem Mitspieler zu wechseln. Der Effekt war enorm.

Bühnengröße

Ich muss doch sagen, dass ich trotz allem die große Bühne des RAW-Ambulatorium beim Improvisieren manchmal vermisse. Ja, es war manchmal zu kalt und die Heizlüftung störte. Ja die Klos waren nicht vorzeigbar. Ja, die Betreiber haben sich nicht dafür interessiert, was wir da machen.
Aber alleine dadurch, dass man auf der Bühne rennen und springen konnte, dass die Akustik phantastisch war, nicht nur zwei Stühle, sondern auch ein Sofa und ein Riesentisch auf die Bühne passte, man auf die Rückseite der Bühne projizieren konnte und man sich völlig frei bewegen konnte, war die Phantasie so frei wie ich es selten anderswo erlebt habe.
Doch die unglaublich gute Kooperation mit der Alten Kantine und ihre Reputation macht viel aus. Und dass wir als Team besser geworden sind, natürlich auch.
Zu loben ist auch die Scheinbar. Selbst in unseren Anfangstagen ist es uns, denke ich, gelungen, viele magische Momente auf die Bühne zu zaubern, eben weil es die Scheinbar war.

274. Nacht – Regeln

Mühsam hat man sich in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenendasein emanzipiert von allen möglichen willkürlichen Regeln. Und dann spielen einem Hirn und Psyche einen Streich – man verfängt sich in Regeln, die man auch nicht selbst gewählt hat, miesen Angewohnheiten. Und je freier man das eigene Leben zu gestalten in der Lage ist, umso näher liegen die Verführungen der schlechten Gewohnheiten, die man durch eigene Rituale, durch Ratgeberliteratur und bekanntlich im härtesten Fall mit Therapie wieder zurechtrücken muss. Ordnung/Unordnung, Umgang miteinander in Beziehungen, Ernährung, Süchte, Arbeit, Umgang mit dem eigenen Körper (Hygiene, Sport, Bewegung, Krankheiten), Familie, Umgang mit Fremden. Man studiert das Feng Shui Buch, und sagt sich am Ende: "Räum auf!"

*

Auf den Kopf von Ibrahîm ibn el-Mahdî ist eine Belohnung von hunderttausend Dinaren ausgesetzt.

Von seinen Erlebnissen erzählte Ibrahîm folgendermaßen: "Als ich von dieser Belohnung hörte, fürchtete ich um mein Leben."

Der Sprung in die Ich-Perspektive erscheint fast ein bisschen willkürlich.

Verkleidet zieht er von Haus zu Haus, landet in einer Sackgasse und fürchtet, Verdacht auf sich zu ziehen, falls er umkehrt. Da

sah ich am oberen Ende der Straße einen Schwarzen vor der Tür des Hauses stehen.

Das Auftauchen eines Schwarzen bedeutete in den bisher erzählten Geschichten praktisch immer Unglück.

Ibrahîm bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu bitten, dort ein wenig verweilen zu dürfen. Tatsächlich gestattet es ihm der Schwarze, bietet ihm eine Raststatt in einem

sauberen Raum mit Decken und Teppichen und Lederkissen

Doch er verschwindet und verriegelt die Tür.

"Der da ist sicher fortgegangen, um mich zu verraten!"

Doch er kommt mit Speisen und Getränken zurück,

"…die noch von keiner Hand berührt sind."

Doch es bleibt nicht bei diesen Diensten:

"Ich will mein Leben für dich dahingeben! Ich bin ein Bader, der das Blut schröpft, und ich weiß, dass du dich vor mir ekelst, weil ich von einem solchen Gewerbe lebe."

Außerdem serviert er Wein

und sprach zu mir: "Kläre ihn dir, wie du es wünschest."

Wein klären = Filtern?

Damit nicht genug – es stellt sich heraus, dass der Schwarze die Identität seines Gastes kennt, und dennoch zu ihm steht.

Als er solche Worte sprach, stieg er hoch in meiner Achtung, und ich war überzeugt, dass er von edler Art war. Darum erfüllte ich seinen Wunsch, nahm die Laute zur Hand, stimmte sie und sang ein Lied, in dem ich der Trennung von meinen Kindern und von den Meinen gedachte.

Er, der dem Joseph einst die Seinen wiederschenkte
Und ihn in Kerkers Banden zu Ehren hat gebracht,
Er kann auch uns erhören und wiederum vereinen;
Denn Allah ist der Herr der Welt in Seiner Macht.

Die Erzählerin wechselt kurz wieder in die 3. Person:

Es heißt ja auch, dass die Nachbarn Ibrahîms, wenn sie nur hörten, wie er rief: "He Knabe, sattle die Mauleselin!" schon durch den Klang dieser Worte in Entzücken gerieten.

Auch der Bader, dessen Namen wir immer noch nicht wissen, singt ein Lied, und er weist das Geld, dass Ibrahîm ihm geben will, zurück.

1. Wird hier eine Fallhöhe aufgebaut, und der Bader am Ende sein wahres Gesicht zeigen? Oder bleibt dieser Schwarze die rühmliche Ausnahme?
2. Offensichtlich haben wir es mit einer politisch motivierten Geschichte zu tun. Man ist auf Seiten Ibrahîms. Aber wie sich das genau historisch einordnet, bleibt mir unklar.

 

Buchbesprechung Jimmy Carrane & Liz Allen: „Improvising Better“

Jimmy Carrane und Liz Allen: „Improvising Better“
Portsmouth, NH, 2006

Das Buch wendet sich insbesondere an fortgeschrittene Impro-Spieler, die digentlich die Grundlagen des Impro gut beherrschen und auch mit fortgeschrittenen Techniken vertraut sind, aber an bestimmten Punkten nicht weiterkommen. Die Autoren wurden in ihrer Coaching- und Workshop-Arbeit immer wieder mit Verhaltensmustern konfrontiert, die gute Spieler davon abhalten, brillant zu werden. Um diese geht es hier.

Ja-Sagen
Fortgeschrittene Spieler tendieren oft dazu, schlauer sein zu wollen, als das gute alte Ja. Aber der beste Improspieler ist immer noch ein guter Ja-Sager.
Übung für zwei Spieler: Überlappendes Ja sagen zu den Angeboten des Anderen.
Begeistert! Überlappend!
Übung für drei Spieler: Zwei sprechen, einer ist stumm. Alle unterstützen sich gegenseitig.
Der Stumme soll dabei nicht blöd aussehen.

Nettigkeit
Wenn Spieler allzu nett miteinander umgehen, werden die Szenen langweilig.
(Man muss wohl ergänzen: Dies betrifft nur eine bestimmte Sorte Spieler, die anderen werden grob.)
Übung: Verletzlichkeits-Kreis. Einer steht in der Mitte und gibt jedem der anderen etwas sehr Persönliches preis.
Ich bin mir nicht ganz sicher über diese Übung. Man befindet sich ja nicht in einer Therapie-Gruppe. Andererseits können wir hier trainieren, Verbindung zur Wahrhaftigkeit aufzunehmen.

Übung: Grobheits-Kreis. Dasselbe wie oben, nur diesmal sagen wir Grobheiten, durchaus auch szenisch.
Finde ich ebenfalls etwas fraglich. Oder es müsste jedenfalls sehr gut angeleitet werden. Jedenfalls sind beides keine Übungen, die, ähnlich wie Johnstone-Games mehr oder weniger unabhängig vom Lehrer funktionieren würden.

Wut ist OK.
Schließt im Grunde ans vorige Kapitel an. Ich würde allerdings weitergehen und sagen: Jede Art von Emotionalität ist gut. Halte dir eine große Bandbreite offen. Wut ist eine.
Übung: Es ist Dienstag. (s. Johnstone)
Anmerkung: Trotzdem Akzeptieren.

Die Angst, Personen, Orte und Ereignisse zu benennen
Szenen können technisch einigermaßen OK sein; aber sie sind öde, wenn sie nicht spezifisch sind.
„Improv is all about assumption, and people forget that.“
Übung: Drei-Satz-Szenen mit der Maßgabe, dass in diesen drei Sätzen die Personen, der Ort und das Ereignis definiert werden.
Diese Übung mag etwas mechanisch wirken. Man spiele sie schnell und möglichst viele davon.

Gemimte Objekte zu sehr im Vordergrund.
Über die gemimte Handlung geht manchmal die Beziehung zwischen den Charakteren verloren.
Übung: Zwei Figuren spielen eine Szene, ohne sich anzuschauen. Erst wenn sie ihre gemimte Aktivität hinreichend etabliert haben, dürfen sie miteinander Kontakt aufnehmen. Der Dialog beginnt, ohne dass die vielleicht absurd anmutende Parallelität der Handlungen thematisiert wird. Man vertraue darauf, eine Lösung zu finden.
(Diese Übung habe ich mehrfach ausprobiert und finde sie sehr hilfreich.)

Spiel eine Figur des anderen Geschlechts.
Die Angst, das zu tun, habe ich bei deutschen Gruppen eigentlich noch nicht erlebt. Eher läuft’s hier umgekehrt. Für einen schnellen Gag holt sich der männliche Spieler noch schnell die Perücke aus der Requisite. Man weiß, dass Travestie für den Lacher sorgt. Also spielt man Ha-ha.
Ich würde es umformulieren: Wenn nötig, spiel das andere Geschlecht, und zwar ohne viel Getue.
Männer fassen sich nicht ständig in den Schritt, und Frauen piepsen nicht die ganze Zeit.
Übung: Spiel eine Frau. Spiel einen Mann. Ohne Getue.

Die Angst, politisch Unkorrektes zu spielen.
Diese Angst taucht manchmal, aber sicherlich nicht bei allen Spielern auf. Entscheidend ist vielleicht, dass man sich über bestimmte Tabu-Themen eben selber schon mal Gedanken gemacht haben sollte. Aber wenn du keinen Mörder und keinen Nazi spielen kannst, was willst du dann auf der Bühne?
Übung: Jeder aus der Gruppe schreibt ein Tabuthema auf einen Zettel. Man zieht als Einzelspieler dann ein Thema aus dem Hut und hält in der Rolle des Tabubrechers (z.B. Pädophiler) einen Monolog dazu.

Es geht ums Schauspielen
Carrane und Allen beobachten, dass Spieler mehr und mehr dazu tendieren, zu reden statt eine Rolle zu spielen.
Ich glaube, in diese Falle tappt jeder mal. Die Übung, verschiedene Figuren in einer Burger King Schlange zu spielen, haut mich nicht vom Hocker, ist aber letztlich genauso gut wie jede andere Schauspielübung.

Es geht nicht um Worte, sondern um die Verbindung
Dies trifft sich wieder mit meiner Beobachtung, dass es eine seltsame Obsession für oder gegen das Storytelling gibt.
Übung: Vorgabe ist ein hochsensibles Szenario. Zwei Spieler. Gesprochen wird nur in Zahlen, z.B.
A: Eins, zwei.
B: Drei.
C: Vier, Fünf Sechs.
D: Sieben. (…)
(Langsam spielen)

Mangel an Vertrauen.
Vertrauen muss immer wieder trainiert werden.
Übung: Zwei Personen im Restaurant. Schweigend. Das Schweigen rührt daher, dass einer der beiden gerade eine wichtige Neuigkeit überbracht hat.
Um was es geht, müssen beide herausfinden. Zeile für Zeile.

Immer das Lustige wählen
„Improvisation ist ein Handwerk. Die Wahl ist einfach: Entweder man lernt das Handwerk, das einen letztlich dazu befähigt, lustiger zu sein. Oder man verlässt sich auf seinen Witz und geht den kurzen Weg.“
Übung (die ich in der Aufführung als nicht-offenes Game wählen würde): Bekomme als Gruppe keinen Lacher. Mindestens sechs Minuten lang.
„Was schließlich passiert, ist, dass dadurch, dass man zu Beginn nicht aufs Lustige setzt, legt man die Grundlage dafür, später größere und bessere Lacher zu bekommen.“
(Diese Übung gibt es im Grunde auch schon bei Johnstone. Allerdings wird sie verhunzt, wenn man es öffentlich macht oder im Theatersportkontext spielt, weil dann der Partner dem anderen den Gag zuschanzt, der das Lachen verbeiprovoziert.)
Ich halte diese Übung für eine der Wertvollsten des Buches, zumindest für Gruppen, in denen Gagging immer noch eine Krankheit ist.

Das Impro-Kommittee in deinem Kopf
Richtet sich an Spieler, die versuchen gut zu sein, weil XY im Publikum sitzt. Entweder beim Casting oder wenn der große Impro-Guru im Publikum sitzt und man Eindruck schinden will. Sicherlich in Chicago häufiger als in Berlin, obwohl ich den Stress, den solche Spieler dann vorm Auftritt machen, auch schon erlebt habe. Es gibt nur einen Guru, ein Impro-Kommittee, einen Urizen – und der ist in deinem Kopf.

Hör auf, zu wollen.

Das Ja beginnt Offstage
„Zustimmung ist eine Haltung, die sich nicht allein auf die Bühne beschränkt.“
„Die meisten Impro-Spieler wollen einfach nicht zuverlässig sein. Sie wollen sich nicht einlassen und versuchen immer die Ausnahme der Regel zu sein. Aber wenn du nicht nach den Regeln spielst, läufst du Gefahr, den Ruf eines schwierigen Spielers zu erlangen.“
„Impro kann therapeutische Wirkung haben, aber es ist keine Therapie. Such dir für deine persönlichen Probleme anderswo Unterstützung.“

Trockne nicht aus
„Improv needs to be fed by enriching experiences that are unrelated to performance.“ Das trifft natürlich auf jede Kunst zu. Oder, wie Julia Cameron sagt: Fülle den Brunnen.
Hab ein Leben außerhalb von Impro!
Der Hinweis richtet sich an Impro-Junkies, die fast täglich auftreten, proben und andere Shows sehen. Ich vermute, das ist eher ein Phänomen in Chicago, New York und Los Angeles.
In Berlin braucht man, um die Spieler, die das betrifft, abzuzählen, wahrscheinlich nicht mal eine Hand. Dennoch ist der Hinweis natürlich gerechtfertigt.

Impro ist größer als du denkst
Dieser Hinweis richtet sich an Spieler, die darauf warten, von Second City oder iOChicago gecastet zu werden und in Depression verfallen, wenn es misslingt. Gründe deine eigene Impro-Gruppe.

Liebe den Prozess
Love the good shows, because they don’t last forever.
Love the bad shows, because they don’t last forever.

Fazit: Ein nettes kleines Buch, das gute Tipps für die Bewältigung einiger (wenn auch nicht aller) Sackgassen gibt.

273. Nacht

Man würde es kaum glauben, wenn man es nicht selbst sähe: Das Pflegeheim wirbt mit individueller Betreuung, medizinischer Kompetenz und ausgeklügeltem Qualitätsmanagment. Und nun leidet R. dort seit einem halben Jahr nicht nur an ihrem Alter, ihrer Gebrechlichkeit und ihren Krankheiten, sondern auch an der Schlampigkeit des Personals, der Ignoranz, dem fehlenden Mitgefühl, und der groben Fahrlässigkeit, die sie in den sechs Monaten schon drei Mal an den Rand des Todes geführt haben. "Das kann doch mal passieren", ist die Reaktion, als habe man ihr nur mal versehentlich auf den Fuß getreten und sie nicht um ein Haar vergiftet. "Versuchen Sie’s doch mal mit Beten", als sie sich vor Schmerzen kaum mehr halten kann, weil man vergessen hat, ihr das Schmerzmittel zu geben. "Was meinen Sie denn, um wieviele Leute wir uns hier kümmern müssen?", als sie darum bittet (!), doch auf ihre Diät zu achten, statt ihr mies zubereitete Lebensmittel zu servieren, die sie nicht verträgt. Kleine Vorfälle täglich, große Vorfälle jede Woche. Man fragt sich, was mit den Menschen geschieht, deren Verwandte nicht täglich auf der Matte stehen. Oder gar mit den Dementen, die nicht verstehen, wer ihnen dieses Leid zufügt.
Das Peter-Prinzip in seiner grausamen Form: Inkompetente Menschen als Leiter eingesetzt, die ihre Autorität nicht in vernünftige Planung umsetzen können, sondern Chaos herrschen lassen. Und wenn was passiert, werden die Pflegerinnen angebrüllt. Schwestern, denen die Achtlosigkeit von den Vorgesetzten vorgelebt wird und die nicht gelernt haben, mit ihren Klienten zu kommunizieren, geschweige denn, sie angemessen zu pflegen.

***

 

 

Der neue König lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. In der Burg findet man

Bildnisse von Arabern: die waren beritten auf Rossen und Kamelen, trugen Turbanbinden, die lang herabhingen, waren mit Schwertern gegürtet und hielten die langen Lanzen in der Hand. Auch fand er dort ein Schriftstück, auf dem geschrieben stand: "Wenn dies Tor geöffnet wird, so wird eine Araberschar das Land erobern, die so aussieht wie auf diesem Bildnisse." (…) In eben jenem Jahre (…) fiel die Stadt in die Hände des Târik ibn Zijâd.

Dazu heißt es in der Anmerkung:

Der arabische Feldherr Târik, nach dem Gibraltar benannt ist, setzte im Jahre 711 nach Spanien über und besiegte den Westgotenkönig Roderich. Der byzantinische Befehlshaber von Ceuta hatte bereits vorher den Arabern die Tore der Stadt geöffnet. Der Usurpator Roderich war wohl im Jahre 710 auf den Thron gekommen. An diese Dinge bewahrt obige Erzählung eine dunkle Erinnerung.

Die Stadt wird geplündert. Man findet unter anderem

den Speisetisch des Gottespropheten Salomo

und

einen großen, runden, wunderbaren Spiegel aus gemischten Metallen, der für Salomo gemacht worden war, und in dem jeder beim Hineinschauen die sieben Klimate der Welt mit eigenen Augen sehen konnte.

Vielleicht eine bronzene Weltkugel?

Und die Araber breiteten sich in den Städten Andalusiens aus, das eines der herrlichsten Länder ist.

***

Die Geschichte von Hischâm ibn Abd el-Malik und dem jungen Beduinen

Der Omaijaden-Kalif Hischâm ibn Abd el-Malik jagt eine Gazelle und befiehlt einem in der Nähe Kleinvieh weidenden jungen Beduinen, die Gazelle für ihn zu fangen. Mit beachtlicher Chuzpe antwortet der Beduine:

"O du, der du nicht weißt, was der Vornehme beanspruchen kann, du schaust mich mit Geringschätzung an; du wirfst mir verächtliche Worte ins Gesicht, du redest, wie ein tyrannischer Herrscher spricht, und du handelst an mir wie ein Eselstier."

Der Kalif lässt den Beduinen festnehmen, aber seine Impertinenzen gegen Diener, Kammerdiener, Kalif und Henker hören nicht auf.

Und immer hübsch gereimt.

Erst als der Henker zum dritten Mal ansetzt und der Beduine lachend ein Gedicht rezitiert, lässt der Kalif lächelnd von ihm ab:

"Bei meiner Verwandschaft mit dem Propheten Allahs – Er segne ihn und gebe ihm Heil – , hätte er von Anfang an diese Worte gesprochen, so hätte ich ihm, ausgenommen das Kalifat, alles gegeben, um das er mich gebeten hätte."

Bemerkenswert ist die Banalität des Gedichtes – im Grunde eine kleine Tierfabel, die die Situation zwischen den beiden widerspiegelt.
Wichtiger jedoch: Den Omaijaden-Kalifen wurde ja, vermutlich zu Recht, vorgeworfen, gerade nicht mit Mohammed verwandt zu sein. So wurden sie ja auch eine Generation später von den Abbasiden abgelöst.

Der Beduine wird mit Edelsteinen beschenkt und geht (vermutlich wortlos) seiner Wege.

***

Die Geschichte von Ibrahim ibn el-Mahdî

Nach dem Tode Harûn er Raschîds ging der Thron auf dessen Sohn el-Mmaûn über. Allerdings beanspruchte auch Harûns Bruder Ibrahim ibn el-Mahdî den Thron. So ging er nach er-Raij (in der Nähe des heutigen Teheran), wo er sich zum Gegenkalifen ausrufen ließ und dort fast zwei Jahre residierte. Harûns Sohn zieht nun zum Feldzug gegen ihn, und Ibrahim ibn el-Mahdî geht nach Baghdad, um sich dort zu verstecken.

Ausgerechnet in die Heimat- und Residenzstadt seines Widersachers?

 

Western für Impro

1. Kleine Einführung

Westen heißt

• Zivilisation im Aufbau

• permanente Bedrohung durch Banditen und Indianer

• Verschiebung der Grenze von Ost nach West

Die sieben Western Story Typen

1. Union-Pacific-Story – Bau der Postkutschen-, Telegrafen- oder Eisenbahnlinie (Spiel mir das Lied vom Tod)

2. Rancher-Story – Kämpfe um Weideplätze, Viehherden und Land

3. Empire-Story – Viehbarone und ihre Dynastien

4. Custers letzte Schlacht – Auseinandersetzungen zwischen Indianern und Kavallerie

5. Rache-Story – einem Menschen oder einer Gruppe ist einst Unrecht geschehen, das gerächt werden muss (Spiel mir das Lied vom Tod, Die Söhne der Katie Elder)

6. Outlaw-Story – wie kam er dazu, Outlaw zu werden, was tut er (Jesse James, die glorreichen Sieben)

7. Marshal-Story – Kampf für Recht und Ordnung (12 Uhr Mittags, Rio Bravo)

Ideologien, die gebrochen werden:

• Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

• In den alten Zeiten, war alles noch in Ordnung. (= männliche Werte, Freiheit)

• Ein Cowboy ist aufrichtig, hilfsbereit, ritterlich und ehrlich. Er ist ein Patriot.

Wertobjekte des Cowboys: Pferd, Knarre, Frau, und zwar in dieser Reihenfolge.

Grundstimmung des klassischen Westerns ist die Isolation:

 von Zivilisation, Recht und Ordnung und von Sicherheit

Dies manifestiert sich in Orten wie

– dem von Indianern belagerten Fort

– der Bahn oder der Postkutsche, die den Überfällen von Indianern und Banditen ausgesetzt ist.

– der einsamen Ranch

– der kleinen Stadt

– die Prärie

2. Für Impro:

Handlungsorte:

• Saloon

• Postkutsche, Kutsche der Reisenden oder Siedlertreck

• Prärie zu Pferd

• am Fluss

• Fort

• Bank

• Büro des Marshals mit Gefängniszelle

• Pferdestall

• Ranch

• auf der Straße in der kleinen Stadt (immer ein Ort der Gefahr!)

• als Nebenschauplätze: Drugstore, Hufschmied, Pferdehändler, Kirche usw.

Typische Figuren:

• Cowboy

• Lone Rider (der Rache nehmen muss)

• Marshal

• Bandit

• alter Revolverheld

• Colonel der Kavallerie (niedrigere Ränge meist nur Nebenrollen)

• Scout

• Landvermesser

• Spieler

• Barmann (selten Hauptrolle)

• Zug- und Postpersonal

• Halbblut (vermittelnd in Konflikten mit Indianern)

• Mexikaner als Typen sind unberechenbar, hinterhältig, brutal (Ausnahmen bestätigen die Regel und sind deshalb bemerkenswert)

Frauen

• spielen meist nur Nebenrollen

• sind im alten Western Objekt ritterlichen Schutzes vor den verschiedentlich drohenden Gefahren, in neueren Opfer oder nehmen die Sache selbst in die Hand

• sind Sexobjekt, was aber natürlich im klassischen Western nur sehr dezent angedeutet wird

daraus resultierende Rollen der Frau:

• die (allein) Reisende, die in den Westen kommt

• Barfrau (= tendenziell Hure). Als Kundin hat die Frau im Saloon ebenso wenig etwas zu suchen wie Schwarze oder Indianer, jedenfalls führt das zu Konflikten

• klassische Ehefrau des Mannes in etablierter Situation (d.h. des Arztes, des Marshals, des Richters, aber nie des Cowboys), als Siedlerin auch Mutterheldin

• Gibt es mehr als zwei Frauen, resultiert daraus automatisch ein Konflikt zwischen den beiden (Wertekonflikt oder Rivalität).

typische Action

• der Ritt (meist als Verfolgung oder Flucht)

• Schießerei – als latente Option immer anwesend. Immer und überall möglich. Als Duell oder Überfall.

• Showdown: zwischen dem/den Helden und Antipoden. Immer am Schluss. Immer Katharsis – Stadt befreit, Frieden mit Indianern, Rettung der Frau usw.

• Kartenspiel, Trinken

Selten gezeigt aber thematisiert

• Lynchjustiz (Aufhängen, meist am Baum, aber auch in geschlossenen Räumen). Eine Option die fast immer im letzten Moment verhindert wird oder die in der Vergangenheit stattgefunden hat

• Massaker – an Siedlern durch Indianer oder Banditen, an Indianer durch eine Kavallerietruppe oder durch Banditen.