92. Nacht

Umfrage bei der Chaussee der Enthusiasten : Wer hält den Streik der Lokführer für gerechtfertigt?
5% meinen, es sei gut, dass sie streiken.
5% meinen, es sei nicht gut.
Die anderen haben keine Meinung. Udo Tiffert erklärt später, die Lokführer bekämen im derzeitigen System nicht einmal ihre langen Reisezeiten angerechnet, so dass ein Lokführer durchaus mal 12 Stunden unterwegs ist, aber nur 6 Stunden bezahlt bekommt.

Seltsame Streikformen:

  • Studentenstreik: Wer bestreikt wen? Die Studenten sich selbst? Lehrveranstaltungen fallen aus, umso schöner für die Professoren, die sich ihren prestigeträchtigeren Forschungs- und Publikationsaufgaben widmen können. Mit jedem Wintersemester probiert sich eine neue Generation an dieser Protestform aus. Dass das auch kulturell angenehme Folgen hat, zeigte sich im FU-Streik 1988/89, als das Mittwochsfazit gegründet wurde. Mein erstes Wintersemester 1990/91 an der Humboldt-Universität begann mit einem Streik, der eine doppelte Stoßrichtung hatte: Gegen Abwicklung der Professoren und Dozenten sowie gegen die finanzielle Beteiligung Deutschlands gegen am Krieg der USA gegen den Irak. Hat ein Studentenstreik eigentlich je etwas bewirkt?

  • Konsumstreik: Hat je jemand wirklich aufgrund dieses Streiks auf etwas verzichtet?

  • Sexstreik: Angeblich schon im alten Griechenland zur Anwendung gekommen (Lysistrata). Auch hier fragt sich, ob die Damen sich nicht selbst um eine Freude bringen.

  • Hungerstreik: Die Waffe des Schwächsten richtet sich ebenfalls gegen sich selbst. Ich erinnere mich an eine Szene aus "Ernst Thälmann, Sohn seiner Klasse", als die politischen Gefangenen eines Zuchthauses (Brandenburg?) in den Hungerstreik treten und der sadistische Wärter einen jungen Häftling zu verführen sucht, indem er in der riesigen Topf rührt. Dem jungen Kommunisten gehen die Augen über, aber das Klassenbewusstsein ist stärker. Er tritt den Topf um. Ärzten ist völkerrechtlich die Beteiligung an Zwangsernährung untersagt. Wer also ein brutales Regime führt, lässt am besten den Hungerstreik andauern und ignoriert die Konsequenzen.

  • Lesebühnenstreik: Könnten wir, wenn wir wegen der kümmerlichen Gagen mal einen Streik begönnen, die Zuschauer dazu bringen, mehr zu zahlen?

***

Mit dem Schlachtruf "Blutrache für Lukas" stürmen die Christen auf Scharkân ein, und ein unbekannter Ritter aus den Reihen der Muslime steht ihm zur Seite. Erst später gibt er sich als sein Bruder Dau el-Makân zu erkennen.

Auch dies könnte eine Übernahme des Motivs aus der Ilias sein.

In einer entsetzlichen Schlacht werden die Heere der Christen aufgerieben und ihre Schiffe gekapert. Konstantinopel, das zum Freudenfest geschmückt war, bricht in Trauer um die Gefallenen aus.

Doch Dhât ed-Dawâhi wäre nicht die Gerissene, als die wir sie kennen.

Hundert syrische Christen sollen mit ihr verkleidet als Muslime zum bagdadischen Heer ziehen.

Partnerunterstützung

Seit Mick Napier haben wir zwei Grundgedanken:
1) Unterstütze deinen Partner.
2) Du unterstützt deinen Partner, indem du dich selber unterstützt.
Napier meint, den Gedanken 1) weiterentwickelt zu haben, aber in Wirklichkeit beziehen sich die beiden Aufforderungen auf verschiedene Situationen:
1) zielt vor allem auf Unterstützung des Protagonisten, aber auch auf die Unterstützung des Spielers. Wenn ich Fähigkeiten meines Mitspielers kenne, kann ich ihm entsprechend zuarbeiten. Die Aufforderung zielt vor allem auf das Miteinander.
2) zielt darauf, nicht die eigene Figur zu vergessen. Wenn ich eine starke Figur habe, kann ich auch starke Angebote machen, die wiederum meinen Partner eher inspirieren, als schwache Figuren und inhaltsloses Gelaber. Allerdings sollte das auch nicht zur Rampensäuischkeit führen.

Regelfetischismus

Viel zu oft vertiefen sich Impro-Spieler in die Regeln einzelner Games, in die Regeln der Improvisation usw. Auch dies kann man in gewissem Maße als Angst auffassen – Angst vor der Freiheit.
Beispiel: Die Regel „Stell keine Fragen!“ hat natürlich ihren Sinn: Nämlich den, nicht die Verantwortung an den Mitspieler abzugeben. Dennoch wäre es purer Regelfetischismus, keine Fragen auf der Bühne zuzulassen. Johnstone selbst führt die Regeln ein, um sie sogleich in einem Spiel konstruktiv ad absurdum zu führen: „Stelle nur Fragen!“ (Ähnlich sein Spiel „Beide blockieren!“)
Mit anderen Worten, wir können die Regeln beiseite legen, wenn wir bereit sind, zu spielen, uns kreativ einzubringen, miteinander zu spielen.
Und doch wollen wir die Regeln nicht völlig verdammen, wie es etwa Mick Napier tut. Sie können uns daran erinnern, wor an es liegen könnte wenn wir am Ende sind.

Blickpunkte (Viewpoints)

Beginne mit Anne Bogart/Tina Landau „Viewpoints“. Die ersten zwei Kapitel erinnern doch sehr stark an Zaporahs „Action Theater“: Abstraktionen von Inhalten und Handlungen. Wie können wir Bewegungen, Körper, Stimme auf neue Art einsetzen?
Exzerpt:
Blickpunkte („Viewpoints“) sind Bezeichnungen für bestimmte Prinzipien von Bühnenbewegungen in Raum und Zeit, um das Geschehen auf der Bühne zu verdeutlichen.
zeitliche Dimensionen
– Tempo
– Dauer
– Wiederholung
– kinästhetische Reaktion

räumliche Dimensionen
– Form (innere und äußere)
– Architektur
– räumliche Beziehungen
– Architektur
– Gesten
– Topographie

Geschenke des Blickpunkt-Ansatzes:
– Ergebenheit („etwas geschehen lassen“ im Gegensatz zu „etwas geschehen machen“
– Möglichkeiten statt Autoritäten: Es gibt eine ganze Reihe an Möglichkeiten, statt ein Richtig/Falsch. Diese Möglichkeiten lassen sich im Laufe des Prozesses in Entscheidungen umsetzen.
– Ganzheit

Ideen

Ideen sollte man wohl so behandeln wie ein meditierender Zen-Buddhist seine Gedanken: Achtsam beobachtend, ohne sich an sie zu klammern. Völlig „leer“, quasi geistlos auf die Bühne oder gar in eine laufende Szene zu gehen, hilft ja auch nichts. Sei bereit, einen Gedanken umzusetzen, ihn aber jederzeit fallenzulassen.

Ruhe und Lampenfieber

Seltsam, wie viele Bühnenmenschen vor dem Auftritt ihre Angst mit Übersprungshandlungen zu kaschieren zu versuchen. Ich kenne mindestens drei Kleinkünstler, die sich vor und zwischen den Auftritten immer und immer wieder nachschminken. Andere rauchen, fressen, gehen mehrere Male auf die Toilette. Ich selbst bin in den ersten Jahren der Chaussee immer wieder zwischen Technik, Einlass und Bühne herumgesprungen: Pseudo-Organisation als Übersprungshandlung.
In der Ruhe liegt die Kraft.

Nachdenken und Reagieren

„Sian Leah Beilock von der University of Chicago fand heraus: Golfprofis treffen den Ball am besten, wenn sie keine Zeit haben, über den Schlag nachzudenken. Bei Anfängern verhält es sich jedoch umgekehrt. Wer auf einem Gebiet erfahren und gut trainiert ist, kann sich also eher auf sein Bauchgefühl verlassen.“ (Gehirn und Geist 11/2007) s.a. http://hpl.uchicago.edu/Popular%20Press/Pop%20PDFs/Golf%20Illinois%202006.pdf
Wie ist das bei Impro-Anfängern? Soll man denen auch mehr Zeit zum Entscheiden lassen? Soll man überhaupt dem Entscheiden mehr Gewicht beimessen als dem „Reagieren“?

Story / Collage

Diskussion mit Volker Strübing und Jochen Schmidt über die Nervosität von Verlegern, wenn sie auf den Einband ein Prosawerk nicht das Wort „Roman“ draufschreiben können. Ich kenne mindestens sechs Bände mit Erzählungen und Kurzgeschichten von Berliner Lesebühnen-Autoren, die unter ein Motto gezwängt wurden oder denen eine Chronologie aufgestülpt wurde. Angeblich verkaufen sich Bücher sonst nicht. Kaminer und Goldt zeigen erfolgreich, wie falsch diese Annahme ist.
Jochen Schmidt hält Plots ohnehin für überflüssig behauptet er (um Volker Strübing und mich zu provozieren?), während Volker Strübing glasklare Plots geradezu anbetet.
Dabei kann der Roman seit dem 20. Jahrhundert alles – die ausgefeilte „geplottete“ Story (die einem am Ende noch mal ein Aha-Erlebnis verschafft) episodenhafte Aneinanderreihung, intertextuelles Zitieren, Collagen. Und selbst die Story kann fragmentiert erzählt werden.
Im Langform-Improtheater erarbeiten wir uns das alles neu.

langweilige Assoziationen

Einen berechtigten Einwand zu Johnstones Forderung, das Offensichtliche zu wählen, erhebt Gunter Lösel (Theater ohne Absicht): Immer das absolut naheliegende zu wählen, wird auf Dauer langweilig. Man möchte allerdings Johnstone zugute halten, dass es sich hier zunächst nur um eine Technik handelt, die zum Ziel hat, die Angst abzuschalten. Du brauchst weder perfekt noch originell zu sein: Sag das Einfache, das Naheliegende. Aber so wie die Angst vor der Unperfektion gibt es auch die Angst davor, für verrückt gehalten zu werden. (Wird ebenfalls von Johnstone beschrieben, Nachmanovitch nennt die Angst vor Geisteskrankheit eine der „five fears“, der fünf Ängste.)
Also muss auch das mutige Assoziieren, der weite Wurf trainiert werden. Es muss durchaus nicht alles sofort verständlich und nachvolliehbar sein. Aus der Perspektive des Storytelling macht ja erst die Besonderheit, das Merkwürdige die Geschichte erzählenswert (s. Goethe über die Novelle).
Allerdings, auch darauf weist Lösel hin, nerven „originelle Assoziationen“, d.h. wenn Originalität forciert wird. Es kommt also darauf an, das Verrückte zuzulassen, ohne es zu forcieren.

John Cage

Diskussion mit Jochen Schmidt über Sinn und Unsinn bestimmter Werke von Cage. Dem Stück 4#33, in dem viereinhalb Minuten geschwiegen wird, kann man zumindest noch die Erfahrung von gemeinsam empfundener Stille zugute halten. Im „John-Cage-Orgelprojekt“, das sich über 600 Jahre hinziehen soll, ist die Wahrnehmung im Grunde ausgeschalten. Es geht eigentlich (wenn man guten Willen hat und Cage nicht reine Prätentiosität zuschreiben will) nur noch um ein Gedankenexperiment. Dafür braucht man auch keine Orgel mehr, sondern es genügt das Notenpapier.
Eine ähnliche Haltung konnte man auch bei Schönberg beobachten, der das Publikum verachtete, es aber hinnahm, denn „ein leerer Saal klingt nicht gut.“ Bei allem, was einem am Publikum stört – Snobismus, Ignoranz usw. usf, fragt sich doch, wozu ich mit meinen Werken als Künstler überhaupt an die Öffentlichkeit trete, wenn ich diese verachte.
Kunst, die nicht wahrnehmbar ist, ist de facto nicht existent. Wenn ich ein Konzert schreibe, das nur von Hunden wahrgenommen werden kann, existiert, es eben nur auf dem Papier. Beuys‘ Radikalismus hat uns zwar die Augen für Ästhetisierbare Material geöffnet. Aber Kunst braucht die kommunikative Anschlussfähigkeit. Eine Skulptur, und sei sie noch so schön, und kunstfertig geschaffen, bleibt Fingerübung, wenn sie niemand als der Künstler sieht.

Tarantino über Robert De Niro in „Raging Bull“

„Es ist bemerkenswert, dass zu der Zeit, als er sich Gewicht zulegte, seinem Fett nicht die Gelegenheit dazu gab, seine Darstellung zu formen. De Niro hat das nicht als Trick benutzt, nach dem Motto: ‚Oh, jetzt sind wir aber beeindruckt!‘ oder ‚Oh, guck mal wie dick der aussieht!‘ Und man muss sagen, es gibt eine Menge Schauspieler, die die Äußerlichkeiten die Arbeit machen lassen, das schmutzige Haar, die Lederjacke oder der Zahnstocher im Mund müssen die Arbeit erledigen. De Niro drückt sich nicht um die Arbeit.“
ca. ab 5:30 Min.

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Langweilige/Spannende Geschichten

Die langweiligsten Geschichten auf der Bühne entstehen meistens von Spielern, die sagen, dass sie sich beim Improtheater „für die Geschichten“ interessieren. Warum ist das so? Ich vermute, dass viele dieser Spieler sich mit Story-Strukturen usw. beschäftigt haben und diese dann hübsch brav ausführen. Somit aber werden die Geschichten auch erwartbar, vorhersagbar, langweilig. Es bedarf meines Erachtens eine gewisse Radikalität der Entscheidungen, die auch den Improspieler selber überraschen. Ansonsten rutscht man in ein Abarbeiten der Szenen. Dann sieht man hinterher grübelnde Spieler an der Bar, die sich fragen, warum das alles so öde war. („Na du hättest doch an der einen Stelle, wo ich reingekommen bin, nicht sagen dürfen, dass du den Ring hast…“ – „Nein. Du hast doch in der zweiten Szene…“)

Sich aufs Drahtseil zu begeben, auch wenn man Storytechnik beherrschen will, das ist der Witz bei Impro.

Protagonist/Held sein

In Johnstones Buch gibt es das seltsame Kapitel „Wie man kein Held ist“. Auch sonst lässt er zur Heldenfrage hier und da einen Gedanken fallen: Die Heldin muss gemartert werden usw.
Abhängig von der Länge der Szenen ergibt sich auch, wie schnell „die Heldin gemartert“ werden muss, wieviel Zeit wir uns für eine positive Plattform lassen usw.
Eine hübsch einfache Faustregel, um nicht in eine Vertauschung der Helden zu rutschen: Der Held sagt „Ich“, alle anderen sagen „Du“. (Mit anderen Worten: Es geht immer um den Helden.)

Selbstfesselungen

Sobald er außerhalb der Szene ist, quetscht sich der Spieler an den äußersten Bühnenrand oder verdrückt sich hinter den Vorhang. Auch bei einer kleinen Bühne kann man „off“ sein, ohne abzugehen: Man lockere den Gesamt-Tonus und lasse die Figur von sich fallen.
Die Aktionshand oder der Aktionsarm wird gefesselt: Samy Molcho hat darauf hingewiesen, dass man seine Impulse unterdrückt, wenn man die Aktionshand umgreift. Dasselbe gilt natürlich auch fürs Verschränken der Arme vor der Brust usw. Öffne dich physisch für deine Mitspieler. Ein offener Körper bewirkt einen offenen Geist.
Um zu signalisieren, wie schwer irgendeine Handlung, ein Lied, oder eine Übung ist, verziehen viele Spieler ihr Gesicht. Ebenso, um Wichtigkeit oder „Ernsthaftigkeit“ zu markieren. Sei freundlich.
Der Spieler fesselt den Geist durch „Nein“-Sagen. Man öffnet den Geist (und auch die sich ergebenden Möglichkeiten) durch Ja-Sagen.
Der Spieler stoppt den Geist durch „Aber“-Sagen. Der Spieler treibt voran durch „Und“-Sagen.
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Format-Abwandlungen

Ich habe nie verstanden, warum Johnstone sich so geärgert hat, dass Improspieler an verschiedenen Orten sein Theatersport-Konzept abwandeln: Die bescheuerten Strafkörbe weglassen, den ganzen Jury/Richter/Moderator/Regisseur-Hokuspokus modifizieren.
Im Gegenteil glaube ich, dass jede Gruppe und jeder Spieler herausfinden muss, was sie inspiriert, was die Freiheit des Spiels fördert. Ganz offensichtlich ist das ja bei der Collage-Form „Harold“. Inzwischen spielt kaum mehr jemand diese Form so, wie es in Del Close‘ „Truth in Comedy“ beschrieben wurde. Je nach Ensemble-Typus orientiert man sich auf Storys, auf abstrahierende Elemente oder auf locker verbundene Games.
Allerdings glaube ich auch, dass gerade bei den kurzen Impro-Spielen viel Abwandlungs-Schindluder getrieben wird: z.B. die Unsitte, mehrere Game-Features in ein Spiel zu stopfen. Oder sich die Hürden so niedrig zu setzen, dass man es „leichter“ spielen kann (d.h. weniger improvisieren muss).

Ansonsten kann man Abwandlungen nur begrüßen. Aus ihnen entstehen nicht selten neue Formate.

91. Nacht

In meinem Hof steht ein Dreirad. Angeschlossen. Ich weiß nicht, wie lange es dort noch stehen wird. Es hat Michael Stein gehört. Michael Stein, der am Mittwoch, dem 24. Oktober 2007 gestorben ist.
Das erste Mal habe ich Michael Stein 1997 bei der Reformbühne Heim und Welt gesehen. Im Gegensatz zu seinen Kollegen las er nicht vor, sondern hielt Reden. Er improvisierte Predigten auf Grundlage von Zeitungsschnipseln, Wissenschaftsmeldungen, deren Sinn er radikal zuende dachte. „Gott hat mir eine Stimme gegeben, damit ich zu euch spreche“, mit diesen Worten leitete er lange Zeit das legendäre Gebet gegen die Arbeit ein: Arbeit, Geißel der Menschheit
Für ihn war Arbeit tatsächlich eine Geißel. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, seine Lebenszeit damit zu verschwenden, sinnlose Produkte auf Befehl zu produzieren. Wenn Michael Stein auf der Bühne sprach, wurde man als Zuhörer recht schnell aus den Denkgewohnheiten geworfen. Als die NPD 1998 im Wahlkampf die Parole „Arbeit zuerst für Deutsche“ plakatierte, rief Stein dazu auf, die NPD „rechts zu überholen“, da er als Deutscher von solch einer Forderung ja betroffen sei, und Arbeit das letzte sei, was man von ihm fordern könne. Und auch von den Lesebühnen verschwand auch der Bühnenarbeiter Stein immer wieder für einige Monate, und nur wenige im Publikum ahnten, dass die vorgetragenen Entschuldigungen seiner Kollegen: „Er hat gerade keine Lust, hier zu arbeiten“, „Er hat sich beim Vom-Gerüst-Fallen die Lunge verletzt“, „Er ist im Gefängnis“ völlig der Wahrheit entsprachen.
War Provokation sein Medium oder war sie sein Zweck? Er bemühte sich um eine Kolumne in der Jungen Freiheit, nur um seine Freunde, die es sich so behaglich in ihrem linksradikalen Knusperhäuschen eingerichtet hatten, zu nerven. Er nannte seine Kollegin Ebony Browne „Neger“. Er hielt sich Luftschlangenrollen an die Schläfen, und erst als er sie sich bis auf den Boden entrollen ließ, erkannte man, dass er einen Juden mit Schläfenlocken mimte. Wenn er gegen BVG-Kontrolleure in Wut ausbrach, war er kaum zu stoppen. Ob das Gerücht stimmt, dass er bei einer Veranstaltung sein Glied entblößte, lässt sich aus den damals anwesenden Mitgliedern nicht herausquetschen. Stein wurde wegen Besitzes einer Luftdruckwaffe verhaftet und schlug einen früheren Freund krankenhausreif. Mir schien, dass er seinen Provokations- und Gewaltimpuls erkannte und ihn für die Bühne nutzbar machte, er war sein Instrument. Und gleichzeitig sah er auch die Gefahr, die dieser Impuls für sein Leben darstellte. Er belegte ein Anti-Gewalt-Training und wandte sich dem Buddhismus zu. Viele der Zuschauer hielten die Vorträge darüber für einen Gag, so wie sie das „Nazis rechts überholen“ für einen Gag hielten, und so wie sie es auch für einen Gag hielten, als er auf der Bühne seine Krebs-Diagnose verkündete. Ärzte stammen von Friseuren ab, sie wollen nur abschneiden, entgegnete er allen, die ihn davon zu überzeugen versuchten, sich operieren zu lassen. Litt Stein an Witzelsucht? Hatte er sich in seiner Radikalität, sich von niemandem vorschreiben zu lassen, was er zu tun habe, verrannt? Oder war es ihm womöglich klar, dass er bald sterben würde und dass er die Zeit, die er hatte nicht mit solchem quälenden Schnickschnack wie Operation an der Lunge verschwenden solle? Ich fürchte, Stein hat sich überhaupt nicht entschieden.
Stein konnte überaus komisch sein und wäre ein großartiger Schauspieler geworden. Er parodierte lebensnah Max Schreck, Andreas Gläser, Eberhardt Cohrs.
Stein war auf eine seltsame Weise freundlich. Ich habe ihn fast nur lächelnd erlebt. Den Buddhismus haben wir gleichzeitig entdeckt, distanziert, so wie man eine neue, faszinierende Musik entdeckt. Er empfahl mir Thich Nhat Hanh („Das erste Ziel ist Froschlosigkeit“), ich schenkte ihm meine Übersetzung von Stephen Nachmanovitchs „Free Play“ („Das Tao der Kreativität“). Gestern stand seine Freundin vor der Tür, sie gab mir etwas, „das Stein von dir immer aufgehoben hat“: Eine Zigarette. Langsam erinnerte ich mich wieder – Stein hatte mich vor vielleicht sechs oder sieben Jahren um eine Zigarette gebeten, ich gab ihm eine, nicht ohne sie zu beschriften: „Für meinen alten Kumpel Michael Stein. Dan“, was zu diesem Zeitpunkt von mir beinahe anmaßend war – ich kannte Stein nur von wenigen Gesprächen und acht bis zehn gemeinsamen Auftritten. Es war aber nicht nur eine Anmaßung, es war ein Freundschaftsangebot. Dass er diese Zigarette nicht geraucht, sondern aufgehoben hat, verstehe ich jetzt als Annahme des Angebots.
Ich hatte Stein Anfang Oktober dabei geholfen, das Dreirad in den Hof zu schieben. Er war schon zu schwach. Herbstlaub sammelt sich jetzt im Korb des Fahrrads. Ich sehe es jeden Tag, wenn ich aus dem Fenster schaue.

***

Die entrüsteten Christen reiten gegen Scharkân an.

Ein Beispiel für die seltsamen Prosareime (bzw. ihre seltsame Übertragung ins Deutsche):

Da vereinigten sich alle wider Scharkân und zeigten ihm Schwert und Lanze, und sie stürmten zum Streite und blutigen Tanze. Heer stieß auf Heer in Kampfeslust, und Huf trat auf Brust. Lanzen und Schwerter hatten zu schaffen, Arme und Hände fingen an zu erschlaffen, und die Rosse sahen aus, als seien sie ohne Beine erschaffen; und der Kampfesherold rief immerdar, bis jede Hand ermattet war und der Tag zur Rüste ging und die Nacht alles mit Dunkel umfing. Da aber trennten die Heere sich; und es war, als ob jeder Held einem Trunkenen glich, ermattet von Schwerthieb und Lanzenstich. Der Boden war übersät mit Leichen, und furchtbar waren die Wunden; doch keiner, der fiel, wusste, durch wen er den Tod gefunden.

Lyrik war wohl nicht die Stärke von Enno Littmann.

Scharkân heckt nun einen Plan aus: Dau el-Makân und der Wesir Dandân sollen sich mit 20.000 Reitern in einen Hinterhalt legen, und Scharkâns Truppen werden eine Flucht vortäuschen.

Vergeigt

Gestern improvisierte Geschichte bei der Chaussee der Enthusiasten. Noch nie so uninspiriert. Gerade mal halbwegs über die Bühne gebracht. Die als Inspiration vom Publikum beschrifteten Zettel etwas übermäßig mit den üblichen Verdächtigen (haufenweise Lebensmittel, und das jedes mal in irgendeiner Abwandlung auftauchende Wort „Donaudampfschiffahrtskapitänswitwenversicherungspolice“). Und tatsächlich stieg in mir eine Art Widerwillen gegen diese Art der Improvisation auf, und sogar gegen die Zuschauer.
Das alles hat natürlich mehr mit mir selber zu tun: Wäre ich offen und freundlich genug gewesen, hätte mich das eher inspiriert als abgestoßen.

Fragte mich zwischendurch: Soll ich jetzt einfach abbrechen? Immerhin hat es genügend Zuschauern auch gefallen? Was sich auf jeden Fall noch mal zeigt: Wenn man schon uninspiriert auf die Bühne geht, ohne den nötigen Drive, dann kann man das Improvisieren höchstens effektiv „abarbeiten“. Man versetze sich also selbst in die notwendige Bühnengeilheit.

Impro Crossover Foxy Freestyle

Mittwoch, 24.10.2007: Impro-Crossover Foxy Freestyle und Nina Wehnert.
1. Hälfte: Bewegungsorientierte Impro-Games von Foxy Freestyle. Solo-Tanz-Improvisation von Nina Wehnert. Wage mich einmal auch aus der Deckung und steigen in eines der Soli von Nina mit ein.
2. Hälfte: Melanie/Albert-orientierter Harold. Nina als „Engel“, die die Bewegungselemente abstrakt verknüpft.

Einigermaßen gelungen, aber beide Seiten noch zu vorsichtig miteinander. Wir müssten ihr deutlicher Raum geben, sie müsste ihn sich nehmen. Stärkeres Geben/Nehmen wichtig.
Missverständnis: Weil das Publikum in unseren Szenen viel lacht, glaubt Nina, auch komisch sein zu müssen. Dabei ergibt sich die Komik aus der Ernsthaftigkeit.
Man kann dem Publikum ruhig einiges an Abstraktheit zumuten. Jedes regelmäßig spielende Ensemble erzieht sich das Publikum bis zu einem gewissen Grade selbst und hat somit das Publikum, das es verdient.

Michael Stein ist tot

Der großartige Improvisierer und radikale Künstler Michael Stein ist in der vergangenen Nacht gestorben.

Arbeit!

Geißel der Menschheit!
Verflucht seist du bis ans Ende aller Tage
Du, die du uns Elend bringst und Not
Uns zu Krüppeln machst und zu Idioten
Uns schlechte Laune schaffst und unnütz Zwietracht säst
Uns den Tag raubst und die Nacht
Verflucht seist du
Verflucht
In Ewigkeit
Amen
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Publikumsbeschimpfungen eines großen Improvisierers

Keith Jarrett in Frankfurt. Dreimal geht er von der Bühne und beschimpft sein Publikum: Ob es denn nichts gelernt habe. Typischer Künstler-Hochmut: Das Publikum wird als Masse betrachtet, das es eigentlich gar nicht verdient habe, dem Meister zuzuhören. Medien und Zuschauer hätten sich gegen ihn verschworen. Die eigene Unfähigkeit, auf die Welt mit Liebe zu reagieren, projiziert der Künstler auf alle anderen da draußen.
Auch wenn er sich der Begrenztheit seines Daseins und des Daseins der Welt bewusst ist und ihm deshalb jeder Moment so teuer ist, so kann man ihm dennoch getrost das Recht zu Beleidigung absprechen. Schade, wenn man sein Werk im Alter so schmälert.

Türen

Ein Zeichen für Angst vorm Akzeptieren ist es, wenn szenisch übermäßig Türen „eingebaut“ sind. Wenn ich eine Tür oder eine Wand etabliere, rechtfertige ich es gewissermaßen, von meinem Mitspieler getrennt zu sein.
Es geht hier natürlich nicht darum, dass man keine Türen etablieren oder verwenden soll. Aber wenn in drei aufeinanderfolgenden Szenen die Charaktere gefesselt, eingesperrt oder ausgesperrt sind, der Laden „schon geschlossen“ ist, kann es sich lohnen, den Fokus auf physische Bewegung und aufs Ja-Sagen zu verlegen, statt die Existenz von Fesseln und verlorenen Schlüsseln zu rechtfertigen.

Begründungen

Wenn in Szenen viel begründet wird, ist es ein Zeichen dafür, dass die Gruppe nicht im Moment ist und die Einzelspieler versuchen, auf kompliziert-clevere Weise die Elemente miteinander kausal oder zeitlich zu verknüpfen. Symptome sind übermäßig oft auftretende Wörter wie „weil“, „denn“, „damals“ usw. Nicht nur in Ein-Wort-Geschichten, sondern auch im szenischen Spiel erlebt man das oft. Das Spiel wirkt dann oft angestrengt, kopfig und unelegant. Es sieht nach angestrengter Arbeit aus. Nach der Show fragen sich die Spieler dann, was sie wohl falsch gemacht haben und schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu.
Diese angestrengten Begründungen und Rechtfertigungen benötigen wir gar nicht, wenn wir radikal akzeptieren, wenn wir die etablierten Sachverhalte als gegeben hinnehmen, die nicht abgewehrt werden und deren Existenz szenisch nicht gerechtfertigt werden muss.

Oper als Impro-Format

Wenn ein Ensemble einigermaßen singen kann und über einen in klassischer Musik bewanderten Pianisten verfügt, sollte es sich nicht scheuen, eine improvisierte Oper aufzuführen oder zumindest mit dieser Form zu proben. Sie ist nämlich nicht nur für den Zuschauer beeindruckend, sondern auch lehrreich in ihrer Form: Seltsamerweise gehen die Storys von Opern fast immer auf, selbst bei Gruppen, die mit dem Storytelling hadern. Wenn die Oper gut aufgeführt wird, können wir einem einfachen Schema folgen: Handlung im Rezitativ, gesteigerte Emotion in der Arie, immer hübsch im Wechsel. Man kommt gar nicht dazu, sich um den Verlauf der Story Gedanken zu machen oder vorauszuplanen. Man ist immer schön im Moment.

90. Nacht

Die Story nimmt immer mehr Elemente von Ilias an – der Schlacht um Troja: Detaillierte Beschreibung der Kämpfe, Übergang zu versartiger Erzählung, die Story selbst: Es geht um die Entführung einer Jungfrau und die sich daran anschließenden politischen und familiären Verstrickungen. Nur die Anzahl der Helden ist überschaubar geworden. Die der Gottheiten sowieso. Spielten diese in der Ilias ja die entscheidende Rolle, sind sie hier quasi zum ideologischen Bezugsrahmen zusammengeschmurgelt. In der Schlacht um Troja agieren die Menschen eher als Schachfiguren der Götter. Hier erkennen sie ja eigentlich an, dass sie zum selben Gott beten, nur halten sie die Art der Verehrung des jeweils anderen für pervertiert und nennen einander absurderweise "ungläubig".

Lukas, der Christenheld,

den sie auch "Das Schwert des Messias" nannten,

tritt nun gegen Scharkân an, nicht ohne zuvor den Gaumen mit Mist bestrichen zu bekommen. Er schleudert seinen Speer auf Scharkân, der ihn im Flug auffängt, zurückwirft und seinen eigenen hinterherschickt,

und der traf ihn mitten auf das Zeichen des Kreuzes, das auf seiner Stirn war, worauf Gott seine Seele in das Höllenfeuer stieß.

Anscheinend waren diese Art von Zweikämpfen, die stellvertretend für das gesamte Heer stattfanden, im Altertum nicht unüblich. Im Gegensatz zu David & Goliath oder auch der Episode aus Troja, wird in unserer Geschichte der Krieg weitergeführt:

 


Zweikampf-Szene aus Hollywoods Troy: "Is there no-one else?… Weiterlesen

89. Nacht

Auf Radio Eins haben sie die unsäglichen Traumdeutungen des Psychoanalytikers Dr. Claus Braun wieder ins Programm genommen, dessen Deutungen jedem seriösen Analytiker die Haare zu Berge stehen lassen. Ich glaube, für so etwas ist mal der Begriff "Küchenpsychologie" geschaffen worden: Ohne die Hintergründe oder gar den Alltag zu kennen, bastelt er – gewieften Astrologen gleich – die narrativen Elemente des Traums neu zusammen. Die Frage ist ja, ob man Träume überhaupt "deuten" kann, nur weil das schon immer so gemacht wurde. Es gibt bisher wenig Evidenz dafür, dass Träume im Freudschen Sinne uns Botschaften über das Unbewusste geben oder gar (so C.G. Jung) ein Weg zu unserem wahren Ich seien. Die bisher einzige empirisch halbwegs belegbare Funktions-Hypothese ist, dass Träume ihren Anteil zur Entstehung unseres Gedächtnisses haben (z.B. höherer REM-Anteil bei Kleinkindern). Ansonsten scheinen die Träume nur wenig zu bedeuten, zumal sich Trauminhalte erst beim Aufwachen ergeben, sozusagen in das emotionale Erleben hineingedeutet werden: Z.B. Ich bekomme im Schlaf aus physiologischen Gründen einen Wadenkrampf, was mir Angst verschafft – ich generiere den passenden Trauminhalt: Ein übles Monster sticht mir in die Wade. Dass natürlich Sachverhalte, die uns gedanklich an jenem Tag sehr beschäftigen oder die überhaupt eine große Rolle in unserem Leben spielen, zu Trauminhalten werden, ist klar, aber die Pathologisierung der Träume, wie es die Analytiker tun, scheint mir zu sehr ihrem professionellen Bedürfnis zu entspringen. Aber nur wenige Menschen können diese Art "Sinnlosigkeit" ertragen: "Es muss doch etwas bedeuten!" Tatsächlich kann es uns regelrecht quälen, wenn wir erkennen müssen, dass Ereignisse sinnlos sind, nicht-kausal usw.

***

Der hinterlistigen Dhât ed-Dawâhi ist es nun zu verdanken, dass 50.000 Mann übers Meer fahren, sich am "Berg des Rauchs" 89 verstecken und von dort den kämpfenden Muslimen in den Rücken fallen.
Die Schlacht geht los, von Dau el-Makân und Scharkân angeführt mit ca. 120.000 Mann,

während die Ungläubigen sechzehnhunderttausend zählten.

Was soll das für eine Streitmacht gewesen sein?

Scharkân wird seinem Ruf als Kriegsheld gerecht:

Er tobte unter den Tausenden und stritt, so furchtbar anzuschauen, dass Säuglingen davon die Haare ergrauen.

In dieser ersten Schlacht siegen die Muslime, und König Afridûn verspricht, nun den ruhmreichen Lukas, Sohn des Schamlût, einzusetzen und alle Emire

mit dem heiligen Weihrauch zu weihen. Der Weihrauch aber, den er meinte, bestand aus den Exkrementen des Großpatriarchen, des Lügners und Leugners. […] Die Patriarchen vermengten ihn mit ihren eigenen Exkrementen, da die des Großpatriarchen für zehn Provinzen nicht genügten. […] Und die mächtigsten Könige taten ein wenig davon in die Augensalbe und heilten damit Krankheit und Kolik.

Das eigentlich Erstaunliche ist hier nicht die groteske Beleidigung des Großpatriarchen, sondern dass sie seinem Kot tatsächlich heilende Wirkung zugestehen.

 

89 Ich glaube nicht, dass damit der Djebel Dukhan gemeint ist, da dieser im Bahrain liegt, während hier wohl eher das Mittelmeer gemeint ist. Aber welcher Vulkan?

Mut/Angst

Angst kann einen regelrecht lähmen zu improvisieren. Mut hingegen beflügeln. Deutlich spürbar ist das in musikalischer Improvisation, vor allem beim Gesang. Wenn ich aufgefordert werde, z.B. eine zweite Stimme als Background zu improvisieren, dann habe ich damit in der Regel kein Problem. Wenn man mir aber sagt, ich dürfe dabei keinen Fehler machen oder ich müsse stets genau die Terz-Abstände einhalten, sonst sei das alles großer Mist, dann habe ich schon vorher die Garantie, dass ich scheitern werde. Wenn ich hingegen völlig frei bin, weiß ich aus Erfahrung, dass ich sehr genau sein werde.

Moderation

Die Begrüßung des Publikums sollte recht flott geschehen. Impro ist eine Kunst, die einen gewissen Witz aus ihrem Tempo zieht. Man sage, was man zu sagen hat und lasse den Smalltalk bleiben. Als Zuschauer, vor allem als neuer Zuschauer will man Sicherheit vermittelt bekommen, aus der Bahn geworfen zu werden ist erst danach aufregend.