Die Kraft der Grenzen – Games und Genres

Ein Game formuliert vor allem formale Regeln.
Ein Genre setzt vor allem inhaltliche Regeln.
Wenn ich also eine Liebesgeschichte spielen, müssen schon irgendwann Liebende auftauchen. In einem Western sind Raumschiffe eher unwahrscheinlich, ebenso wie ein Clown nur selten die Hauptrolle in einem Film Noir spielen wird. Jedes Spiel entfaltet seine Kraft und seine Poesie in den eigenen Grenzen.
Und dennoch braucht man ab und zu den gezielten Bruch, der nicht einmal das Genre sprengen muss. Aber selbst Shakespeare führt in der unheimlichsten Sequenz bei Macbeth noch einen albernen Hausmeister ein.

Einer blockiert

Je länger ich es lehre, umso mehr erkenne ich den Sinn des Spiels „Einer blockiert/einer akzeptiert“. Nicht nur lernen die Schüler, was Akzeptieren und Blockieren ist. Man lernt auch viel schneller, was ein Angebot überhaupt ist. Denn der Akzeptierer muss schließlich fette Angebote machen, damit sie überhaupt blockiert werden können.
Ich sage meinen Schülern: Vermeidet den Streit und diskutiert nicht über Werturteile („Die Blumen sind ja schön.“ „Nee, die sehen scheiße aus.“) Bleibt nicht bei einem Thema (nein/doch/nein), sondern der Akzeptierer muss immer wieder Neues anbieten. Der Blockierer kann sich prima an einzelnen Wörtern orientieren.
„Ich gehe jeden Tag hierher und gieße die Blumen.“
Mögliche Blocks:
– Du gehst doch nicht, du fährst.
– Du kommst doch immer nur nachts.
– Du gießt sie ja nicht, du düngst sie.
– Das sind ja keine Blumen, das ist doch Farn.
– Normalerweise kommst ja nicht du hierher, sondern deine Tante.

Impro Workshop für Jugendliche mit krebskrankem Elternteil

Seit über 1 1/2 Jahren arbeiten Regina Fabian von den Gorillas und Angela Tietz, die als Psychoonkologin arbeitet, an der Entwicklung eines Projektes für Jugendliche mit einem Elternteil, das an Krebs erkrankt ist.
Bisher gibt es wenig Unterstützungsangebote für diese Angehörigengruppe. Angela und Regina möchten ein längerfristiges Projekt, das auch Theater mit einbezieht, initiieren. Ein erster Schritt ist ein Workshoptag am 22.11.2009, bei dem die Jugendlichen sich kennen lernen, sich austauschen und auch Improvisieren und Spaß miteinandern haben können.
Sonntag, 22.11.09 von 12 – 17 Uhr
Yogaraum · Falckensteinstraße 48 · U-Bhf Schlesisches Tor (3 min Fußweg)
Der Workshop ist kostenlos und wird vom Improvisationstheater „Die Gorillas“ veranstaltet.
Anmeldung und Infos bei: Regina Fabian 030/ 42 80 52 63
regfabian@web.de · http://www.die-gorillas.de/web/index.php?id=64

Figuren-Effizienz

In kleineren Ensembles von 3-4 Schauspielern ist man auf Figuren-Effizienz angewiesen, d.h. weniger Szenen-Passagiere, mehr tragende Figuren, die die Szene inhaltlich vorantreiben.
In flexiblen Teams kann natürlich jeder verschiedene Figuren spielen, nur muss dies dann sehr deutlich werden, durch Kostüm oder stark veränderte Figur – Obacht, dass man nicht chargiert.
Beim Improvisieren zu zweit ist mir dieses Problem nie untergekommen, da dann ja beider immer 100% geben.
Größere Ensembles wiederum können sich den Luxus von Begleitfiguren leisten und sollten davon auch Gebrauch machen – immer schön aus den Vollen schöpfen.

Bücher zu Improvisation und Schauspiel – Literatur zu Improtheater

Eine Auswahl meiner Bücher zu Improvisation und Schauspiel.

Zunächst stelle ich kurz meine eigenen Bücher vor. Dann folgt eine Liste der Werke in meiner Impro-Bibliothek.

Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 1: Die Grundlagen“. In diesem Buch erkunde ich die Grundlagen des Improvisierens. Es richtet sich an Anfänger, an fortgeschrittene Impro-Spieler und Improvisations-Lehrer. Wie erlangen wir beim spontanen Erschaffen von Szenen Freiheit, Freude und Eleganz? Obwohl ich hier einige Spiele, Übungen und Formate beschreibe, ist dieses Buch keine Trick-Kiste. Um Improtheater zu lernen, braucht man ein offenes Herz, aber auch Geduld und Übung.

Dan Richter: „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management“ Hier wende ich mich den internen Fragen zu, die Impro-Gruppen zu lösen haben und die häufig eher organisatorischer als künstlerischer Natur sind: Welche Struktur soll die Impro-Gruppe haben? Wie organisiert man sich demokratisch und wie mit künstlerischer Leitung? Kann man mit Impro Geld verdienen? Wie sollen Proben organisiert werden?

Dan Richter: „Vierzehn Weisheiten für Improspieler.“ Dieses Buch richtet sich sowohl an Profis als auch an Neulinge des Improtheaters. Die vierzehn Weisheiten sollen Anregung und Inspiration sein, als Blockadebrecher dienen und die Rückbesinnung auf grundlegende Improvisations-Tugenden erleichtern.

Dan Richter: „Fourteen Pearls of Wisdom for Improvisational Actors“. The English version of the book above. These fourteen pearls of wisdom are intended to provide stimulation and inspiration, to help break down mental blocks, and to make it easier to return to the fundamental virtues of improvisation.

Kenn Adams: „How To Improvise a Full-Length Play“. Eine Menge Tips für szenischen Aufbau, dramatische Entwicklung usw., die man hoffentlich wegzuwerfen bereit ist, wenn man sie studiert und geübt hat.

Marianne Miami Andersen: „Theatersport und Improtheater“ – Nette kleine Sammlung von Übungen und einfachen aufführbaren Spielen. „für Anfänger und steckengebliebene Fortgeschrittene“

Augusto Boal: „Theater der Unterdrückten“ – Boal nimmt die politisierten Formen des Flashmobs von Improv Everywhere vorweg.

Klar politisch inspiriert. Darüberhinaus nützliche kleine Übungen für den Impro-Hausgebrauch.

Anne Bogart & Tina Landau: „The Viewpoints Book“ – Äußerst wertvolles Buch.“Viewpoints ist- eine Technik fürs Training der Performer, zum Aufbau eines Ensembles und zur Schaffung von Bewegung auf der Bühne- eine Reihe von Games, die dies erreichen- ein Zustand der Achtsamkeit des Performers beim Spiel“Die Beschäftigung mit Viewpoints bringt Dynamik in unsere Bühnenpraxis.

Stephen Book: „Book On Acting. Improvisation Technique for the Professional Actor in Film, Theater & Television. A new technique for improvising performances with scripted and memorized lines.“ – Für mich das bisher beste Buch über Improvisation für Nicht-Impro-Schauspieler. Sehr ausführlich und detailliert. Gute Verfeinerungsübungen. Auch für Impro-Spieler geeignet.

Peter Brook: „The Empty Space“ – Wer Peter Brook mag…

Joseph Campbell: „Der Heros in tausend Gestalten“ – Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mit diesem viel gerühmten Buch meine Mühe habe. Vielleicht hat das mit seiner Fixierung zu tun, jedes Symbol bis ins Letzte ausdeuten zu wollen, jeder Story noch einen tiefenpsychologischen Subtext unterschieben zu müssen. Dennoch – wenn ich den Text von diesen Bemühtheiten entgipse, birgt er doch eine ungeheure historische Fülle an Geschichten, sich wiederholenden Motiven, Heldenmustern, Antihelden, Plotwendungen usw. Es lohnt sich, die harte Nuss zu knacken.

Jason Chin: „Long-Form Improvisation & The Art of Zen. A Manual for Advanced Performers“. Natürlich steht Improvisation durch die Betonung des Augenblicks dem Zen sehr nahe. Aber mir scheint, dass der Titel dann doch ein wenig irreführt. Eine Handvoll brauchbarer Gedanken und ein paar gute Übungen. Aber kein Handbuch für den fortgeschrittenen Schauspieler, wie der Titel nahelegt.

Del Close, Charna Halpern, Kim Johnson: „Truth In Comedy. The manual of improvisation.“ In diesem Buch wurden erstmals die Grundlagen des modernen Langform-Improtheaters beschrieben. Der Harold, wie er hier dargestellt wird, ist noch sehr strukturiert, aber die Impro-Philosophie, vor allem des Gruppen-Miteinander wurde selten wieder so präzise und unterhaltsam erfasst.

Janet Coleman: „Compass“ – Eine historische Darstellung der Geburt des modernen Improvisationstheaters in Chicago. Allein die Anfangsjahre sind atemberaubend: Charismatische junge Menschen, denen die Freiheit der Bühnenkunst alles bedeutet, glückliche Umstände wie eine libertäre Universität, eine Erbschaft und eine Mutter namens Viola Spolin…

Tian Dayton: „The Living Stage. „ – Playbacktheater.

Randy Dixon: „Im Moment. Theaterkunst Improtheater. Reflexionen und Perspektiven“ – Randy Dixon ist einer der wichtigsten lebenden Personen des modernen Improtheaters. Er hat bislang nur ein einziges Buch geschrieben. Dass es nur in Deutschland erschienen ist, ist ein Glück für uns und Pech für die Amis. Denn es ist großartig. Das Buch kreist vor allem um das Problem, wie wir komplexe langformatige Geschichten erfinden und dennoch im Moment bleiben. Denn der Moment ist das Entscheidende im Improtheater.

Dagmar Dörger + Hans-Wolfgang Nickel: „Improvisationstheater. Das Publikum als Autor“ – Einige Inspirationen aus den vom Ensemble entwickelten Formaten. Ansonsten eher ein im Stil einer Magisterarbeit verfasstes unvollständiges historisches Kompendium zum Thema Improvisation und Theater.

Gerhard Ebert: „Improvisation und Schauspielkunst“ – Wenn man erfahren will, wie trocken und öde Improvisation teilweise an Schauspielschulen unterrichtet wird, wie wenig Vertrauen Schauspiellehrer in Improvisation haben, obwohl sie Improvisation unterrichten, dann lese man dieses Buch.

Gerhard Ebert & Rudolf Penka: „Schauspielen“ – In Schrift, Form und teilweise auch in Methoden altertümlich wirkendes Buch. Wenig Vertrauen in die Improvisation, die hauptsächlich als Mittel zum Zweck verstanden wird. Man muss eine Menge trockenen Teig fressen, um die Rosinen herauszupicken: Interessante Gedanken zu Schauspiel und Realismus. Ansätze an der Hochschule „Ernst Busch“

Edward Dwight Easty: „On Method Acting“ – Das beste Buch über Method Acting, das ich kenne. Punkt.

Jonathan Fox / Heinrich Dauber (Hg.): „Playbacktheater – wo Geschichten sich begegnen“ – Ansätze und Aussichten von Playbacktheater. (Keine Übungen, Formate oder Games)

Eric N. Franklin: „Befreite Körper. Das Handbuch zur imaginativen Bewegungspädagogik“ – Ein sehr schönes Buch, das uns hilft, unsere Bewegungen zu lösen, und mithilfe von Bildern zu gesunder und eleganter Bewegung führt.

Ottofritz Gaillard: „Das deutsche Stanislawski-Buch. Lehrbuch der Schauspielkunst“ – Der Stanislawski-Ansatz in lesbarer Form. Wunderbar geschrieben vermittelt dieses Buch den Anspruch und den Ansatz Stanislawskis. Leider nur noch antiquarisch zu erwerben.
Andy Goldberg: „Improv Comedy“ – Gut aufgebautes Schritt-für-Schritt-Lehrbuch. Die Grundlagen werden kurz und präzise angerissen. Umfangreiches Übungsmaterial für Figuren- und Szenenentwicklung. Außerdem kleine Tips für den Umgang mit dem Publikum.

Charna Halpern: „Art by Committee. A Guide to advanced Improvisation“ – Ein phantastisches Buch darüber, wohin uns die Freiheit der Bühne tragen kann, wenn wir unseren Verstand gebrauchen. Fortgeschrittene Improvisation in Schauspiel und Szenen-Komposition. Als Extra gibt’s noch Gastbeiträge von Peter Hulne, eine Biografie über Del Close und die beste Impro-DVD, die ich je sah.

Carol Hazenfield: „Acting on Impulse. The Art of Making Improv Theater“ – Sehr schön geschriebenes Buch. Nähert sich auf angenehme Weise der fortgeschrittenen Impro und umfasst auch Aspekte, sie sonst ausgelassen werden wie Impro-Etikette oder Wie man kaputte Szenen repariert. Originelle und sonnvolle Spiele und Übungen, die man sonst nicht so leicht findet.

Julius Hey / Fritz Reusch: „Der kleine Hey. Die Kunst des Sprechens“ – Ein Klassiker.

Jakob Jenisch: „Der Darsteller und das Darstellen“ – Für konventionelle Schauspieler OK. Es schadet nicht, ist aber eher ängstlich geschrieben. Ich bevorzuge Strasberg und Meisner.

Keith Johnstone: „Theaterspiele. Spontaneität, Improvisation und die Kunst des Geschichtenerzählens“ – (Unter Improspielern nur „Das Blaue“ genannt.) Der Originaltitel „Impro for Storytellers“ beschreibt die Intention des Autors wahrscheinlich genauer: Im Grunde geht es um eine geerdete Philosophie des Improtheaters. Wie wird man ein guter Improspieler? Nicht indem man sich auf Gags und Bewährtes verlässt, sondern indem man mit den anderen Spielern konstruktiv an der Story arbeitet. Die Impro-Spiele sind Mittel und Zweck zugleich. Die detaillierten Passagen zum Theatersport haben sich teilweise überholt und sind eher als Anregung zu begreifen, denn als Anleitung. Allein die Kapitel „Geschichten kaputtmachen“ und „Typen von Improvisierern“ machen dieses Buch zu einem der wichtigsten Werke des Improtheater überhaupt.Es ist anzumerken, dass die deutsche Ausgabe, der Versuch ist, die amerikanische Version in Ordnung zu bringen. Offenbar hat Johnstone versucht, all seine Notizen und Gedanken aus der Aufführungspraxis in Kapitel einzuteilen. Man lasse sich von der Unstrukturiertheit nicht irritieren. Schlag das Buch an einer beliebigen Stelle auf und lies.


Keith Johnstone: „Improvisation und Theater. Die Kunst, spontan und kreativ zu agieren“ – Das Grundlagenwerk von Keith Johnstone („Das Grüne“). Allein es zu lesen bereitet schon solche Freude, dass man ständig auf die Bühne springen möchte und ausprobieren will. Wie setzen wir unsere Kreativität auf der Bühne frei? Nebenbei räumt Johnstone noch auf mit antiquierten Vorstellungen über das, was ein Künstler sein soll. Außerdem führt Johnstone ausführlich und eindringlich das theatrale Konzept Status ein.

Rob Kozlowski: „Chicago Improv. Shortcuts to Long-Form Improvisation“ – Der Titel des Buches sagt es bereits: Es geht um Langform-Impro, wie sie in Chicago geprägt wurde. Der Autor beschreibt detailliert die Feinheiten narrativer und nicht-narrativer Formate. Sehr gut, wenn man Feinheit in der Impro erlangen möchte.

Gunter Lösel: „Theater ohne Absicht“ – Ein wertvolles Buch: Wie erweitern wir unseren Assoziationsradius, wie entstehen tragfähige Figuren, wie funktionieren Plots. Auch wenn ich einige Punkte fraglich finde, wie z.B. die Theorie der völligen Leere oder die Plot-Fixierung, denke ich, dass selbst die Beschäftigung mit diesen Thesen das Denken zu Improvisation und Kreativität anregt. Wie gesagt: Wertvoll!

Gunter Lösel: „Das Archetypenspiel. Grundformen menschlicher Begegnungen“ – Sehr schön aufgebautes Buch zum Thema Archetypen und Heldenreise. Wenn man es dynamisch und spielerisch anlegt, können die Gedanken, Typen und Übungen das improvisierte Spiel wunderbar inspirieren. Auf jeden Fall die Vorbemerkungen mitlesen, um nicht ins Statische abzugleiten.

Gunter Lösel (Hg:): „Blinde Angebote. Fünf Interviews zum Improtheater“ – Zum aktuellen Stand des deutschsprachigen Improtheaters aus der Sicht von fünf prägenden Personen: Roland Trescher, Bernd Witte, Eugen Gerein, Lorenz Kabas und Gunter Lösel. Kurzweilige Lektüre und doch inspirierend zum Weiterdenken. Schön auch, dass sich dieses Büchlein nicht gerade als ein Manifest der Avantgarde versteht (was durchaus möglich gewesen wäre), sondern dass unterschiedliche Perspektiven zur Sprache kommen.

John Malone & Paul Baldwin: „The Complete Idiot’s Guide On Acting“ – Sehr an amerikanischen Schauspielschülern orientiert – der Weg zum Casting und danach. Wenige Rosinen.

Bill Lynn: „Improvisation for Actors and Writers. A guidebook for improv lessons in comedy“ – Ein wunderbares Buch für Impro-Anfänger und -Fortgeschrittene. Wie können wir Games aus dem Spiel heraus entstehen lassen? Wie entwickelt man komische Charaktere? Techniken für Langformen werden beschrieben. Hübsches Feature: Vor jedem Kapitel zwei, drei Sätze aus dem Impro-Tagebuch Lynns aus seiner Zeit als gequälter Impro-Anfänger.

Patricia Ryan Madson: „Improv Wisdom“ – Kann man die Weisheit, die Improtheater uns spürbar vermittelt, ins Leben übertragen? Ja, ist Madsons Antwort. Und sie zeigt uns, wie. Denn manchmal vergessen wir im Leben unsere Bühnentugenden.

Sanford Meisner & Dennis Longwell: „On Acting“ – Über die Weiterentwicklung des Stanislawski-Systems durch Meisner. Man muss ein wenig blättern, um die Perlen zu erwischen. Aber es lohnt sich.

Samy Molcho: „Körpersprache“ – Gut und nachvollziehbar geschrieben. Die Fotos dazu regen zum Ausprobieren an. Sehr inspirierend.

Desmond Morris: „Der Menschen-Zoo“ – Aus den populärwissenschaftlich verbreiteten Beobachtungen dieses Verhaltensbiologen zum Thema Status zog Keith Johnstone seine Schlüsse. Interessant, weil Morris mehr noch als Johnstone das Physische betont.

Stephen Nachmanovitch: „Das Tao der Kreativität. Improvisation in Leben und Kunst (Orig.: Free Play. Improvisation in Life and Art)“ – Das Buch, das mein Leben verändert hat. Der ganze Prozess des Live-Erschaffens wird beleuchtet – die Inspirationen, die Blockaden, der Fluss, die Qualität usw. Das Buch war so wichtig für mich, dass ich es übersetzt habe.

Mick Napier: „Improvise“ – In diesem flott geschriebenen Buch bürstet Mick Napier ein paar liebgewordene „Regeln“ gegen den Strich und fordert uns auf, wieder zum ursprünglichen Improvisieren zurückzufinden. Sehr hilfreiche Hinweise für Langform-Impro, Szenen mit vielen Personen, raffiniertes Storytelling.

Sheldon Patinkin: „The Second City. Backstage at the world’s greatest Comedy Theater“ – Lebendige Geschichte des legendären Impro- und Sketch-Comedy Theaters. Schöne Fotos, legendäre Comedy-Stars, Audio-CDs.

Allan & Barbara Pease: „Der tote Fisch in der Hand“ – Einfaches, kleines Handbuch der Körpersprache. Wenn man ein paar der banalisierenden Theorien und Begründungen ausblendet, ist es ein nützliches kleines Buch zum Thema, das einem Vergessenes schnell wieder ins Bewusstsein ruft.

Michael Pollock: „Musical Improv Comedy. Creating Songs In The Moment“ – Crashkurs fürs flotte Improvisieren eingängiger Songs. Komplexere musikalische Formate wie Opern oder Musical spart er allerdings aus. Vermisst man aber auch nicht. Schön aufeinander aufbauende Kapitel.

Michael Pollock: „Musical Direction. For Improv and Sketch Comedy“ – Kleines übersichtliches Handbuch für Musiker, die improvisierte Szenen und Songs begleiten. Mit CD.

Milton E. Polsky: „Let’s Improvise“ – Viele schöne ergänzende Übungen. Vor allem für Gruppenimprovisationen geeignet und um Gruppen in ein gemeinsames Spiel zu führen.

Asaf Ronen: „Directing Improv: Show the way by getting out of the way“ – Wie leitet man ein Improtheater an? Für Workshopleiter und Impro-Lehrer interessant, die längere Zeit mit Amateur- und Profi-Ensembles zu tun haben.

Friedrich Schiller: „Briefe und Schriften zur Ästhetik“ – Wir sind nicht allein mit unseren Gedanken zur Kunst.

Ardell Sheridan-Castellano: „Divine Intervention and a Dash of Magic. Unraveling the Mystery of „The Method“ + Behind the scenes of the original Godfather film“ – Wie die Method umgesetzt wird – im Drehbuchschreiben und im Schauspiel. Außerdem Hintergründe zur Entstehung von „Der Pate“

Viola Spolin: „Improvisation for the Theater“ – Die Erfinderin der meisten heute noch gebräuchlichen Impro-Games. Spolin schob mit diesem Buch die Grundlage für ihre jahrzehntelange praktische Arbeit nach.

Viola Spolin: „Theater Games for the Classroom“ – Spiele in der üblich hohen Spolin-Qualität insbesondere für Kinder und Jugendliche, aber auch erwachsene Spieler können hier viel lernen

Viola Spolin: „Theater Game File“ – Die vielen Spiele zu einem langfristigen Workshop zusammengeführt. Games und Übungen auf handlichen, kombinierbaren Karten. Ideal für professionelle Schauspiel- und Improlehrer.

John Strasberg: „Accidentally On Purpose“ – Der Sohn des berühmten Lee Strasberg über Schauspiel und die Methode des Actors Studio. Sehr schön die „Neun Naturgesetze der Kreativität“

Lee Strasberg: „Schauspielen & Das Training des Schauspielers“ – Zusammenstellung verschiedener Texte und Interviews mit Lee Strasberg, dessen Methode das amerikanische Schauspiel im 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflusste. Intensive Vorbereitung auf Rollen, vom Innen zum Außen arbeiten.

Greg Tavares: „Improv For Everyone“ – Greg Taveres fokussiert vor allem auf das Training des Impro-Schauspielers. Impro ist eine Kunst und ein Handwerk, das wir immer wieder neu lernen müssen. Taveres bedient sich bei allen Traditionen: Spolin, Johnstone, Strasberg, Close. Es geht ihm nicht um einen bestimmten Stil (Kurz- oder Langform), sondern um die Fähigkeit des Improvisierers, in die Szene und in seine Figur einzutauchen und dabei spontan Packendes zu erschaffen. Er entfernt sich dabei oft angenehm vom herkömmlichen Jargon, findet neue Bilder.
Gute Übungen für den Einzel-Spieler und die Gruppe runden das Buch ab.


Miranda Tufnell & Chris Crickmay: „Body Space Image. Notes towards improvisation and performance“ – Eines der irritierendsten und zugleich schönsten Bücher über Impro-Performance. Zunächst wirkt es wie ein Kunst-Foto-Buch mit Gedichten und Aufsätzen. Beim näheren Hinschauen erweisen sich die „Gedichte“ als Übungen, Games und Impro-Performances. Zum Langsamlesen, Genießen, Lernen und Ausprobieren

Radim Vlcek: „Workshop Improvisationstheater. Übungs- und Spielesammlung…“ – Dieses Buch findet selten den Weg zurück ins Bücherregal, so oft ziehe ich es zu Rate. Natürlich – Games, Übungen und Kurzformen findet man auch im Internet, aber hier hat man sie endlich mal alle zusammen. So nützlich für die Workshop-Praxis, dass man den ankumpelnden Tonfall und die Party-Attitüde gern in Kauf nehmen kann.

Daniel Wiener: „Rehearsals For Growth. Theater Improvisation for Therapists“ – Jeder, der sich länger als ein Wochenende intensiv mit Improtheater befasst hat, wird zustimmen, dass es einen therapeutischen Effekt hat. Dies macht sich Wiener zunutze. Die Umsetzung einfacher und komplexer Games in der Therapie wird detailliert beschrieben.

John Wright: „Why is that so funny? A Practical Exploration to Physical Comedy“ – Ein wunderbares Buch, das die Tiefen der körperlichen Komik auslotet.

Ruth Zaporah: „Action Theater. The Improvisation of Presence“ – Action Theater ist eine Form des abstrahierten Theaters. Bewegung, Form, Stimme, Sprache werden auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Das Ergebnis ist eine neue Form der Achtsamkeit gegenüber den Mitteln des Theaters. Die Übungen bauen präzise aufeinander auf. Sie erfordern nichts als inneres Engagement und Wille zum Spiel.

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Mangelndes Vertrauen in die Improvisation

Wie ein Schauspiel-Professor Improvisation unterrichtet ohne jedes Vertrauen in die Improvisation:
„Es ist (…) reine Scharlatanerie und geht noch hinter den Normalfall des Alltags zurück, in der Ausbildung Spieleinfälle improvisieren zu lassen, die der Student ohne jede Vorgabe völlig aus sich heraus erspielt. Da kommt nichts weiter zustande als psychodramatische Nabelschau.“ (Gerhard Ebert: „Schauspielen. Handbuch der Schauspieler-Ausbildung“)
Wer so schreibt, hat nie spannende, fließende Improvisation gesehen, sondern Selbstblockaden, die aus der Trockenheit des Schauspielunterrichts rühren.

Figuren von der Stimme her entwickeln

Die Stimme ist ein dankbarer Ausgangspunkt für die Entwicklung von Figuren. Es funktioniert bei den meisten Schauspielern – physische und geistige Haltung folgen.
„Bei der Entwicklung der Parodien gehe ich handwerklich vor. Am Anfang steht die Arbeit mit der Stimme: Ich nehme markante Passagen des Originals mit meinem Diktiergerät auf und übe sie immer und immer wieder. Da seziere ich regelrecht: Wo sind die Atempausen? Ist da ein Lispeln drin, ein Dialekteinschlag? Ich laufe durch meine Wohnung, mache Stimmen nach und werde bekloppt dabei. Danach kümmer ich mich um Mimik und Gestik. (…) Ich versuche nicht, die Charakterstrukturen meiner Vorbilder zu analysieren.“ (Max Gierman in taz 22.9.2009)

Schauspielerische Präsenz

„Was die Garbo hatte, war ein Körper, der etwas mitteilen und empfangen konnte. Von ihrem Rückgrat hätte sie schwärmen sollen. Sie reagierte spontan mit Gefühl und Wärme, und was sie empfunden hat, fühlten auch die Zuschauer; doch der Ausdruck, den der Körper vermittelte, schien ihnen vom Gesicht zu kommen. Man kann einem großen Zuschauer in einem großen Theater zusehen. Sein Gesicht ist winzig klein und doch hat man die Illusion, jede kleinste Veränderun des Ausdrucks gesehen zu haben. Ein solcher Schauspieler kann eine hölzerne Maske zum Lächeln bringen.“ (Keith Johnstone)

Ja und! Böse böse

„If you go into the office of Scientology and sit down and take the personality test and talk to one of their ‚representatives‘ it is really an improvisational skill: They are yesanding everything you are saying and adding on what they feel you need. Combine that fantastic storytelling of Theatins and it’s a Religious Zealot Genre Improv.“ (Shaun Landry über die Gerüchte, Del Close habe L. Ron Hubbards gekannt, ihn aber für verrückt gehalten.)

Politik der Achtsamkeit

„[Ein Planungsstaat] ist weder demokratietheoretisch wünschenswert noch zukunftsfähig, da Planer sich notwendigerweise am Gegebenen orientieren. Und das ist in einer Phase fatal, in der nicht nur gesellschaftliche Teilbereiche wie die Wirtschaft, das Gesundheits- oder das Bildungssystem in der Krise sind, sondern das Bezugssystem dieser Krisen, die atlantisch-kapitalistische Kultur der Ressourcenübernutzung, selbst an eine Funktionsgrenze geraten ist. (…)
[Man kann lernen von] Institutionen, bei denen das Eintreten unerwarteter Ereignisse nicht einfach nur unangenehme, sondern katastrophale Folgen haben kann. Beispiele dafür sind Atomkraftwerke, Flugzeugträger, Feuerwehren, Krisenteams, die bei Geiselnahmen eingesetzt werden, Katastrophenschützer et cetera. Die Arbeit in solchen Organisationen zielt vor allem darauf ab, dass bestimmte Ereignisse nicht eintreten – weshalb eine ganze Reihe von Eigenschaften, die in anderen Organisationen als wertvoll gelten, hier problematisch sind: Jede Form von Routine etwa ist ein Problem, weil sie die Sensibilität in Bezug auf sich abzeichnende oder ankündigende Probleme unterminiert. (…)
„Erfahrung an sich“, schreiben Weick und Sutcliffe, „ist noch kein Grund für Sachkenntnis“, sie kann im Gegenteil zur Falle werden. Nämlich dann, wenn etwas so aussieht wie ein Ereignis, das man kennt, in Wahrheit aber etwas ganz anderes ist – die beiden größten Störfälle in Atomkraftwerken, die Beinahe-Kernschmelze in Harrisburg und der GAU in Tschernobyl sind entstanden, weil die Mannschaften den Fehler falsch interpretierten. (…)
Für den Umgang mit Unerwartetem kommt es vor allem darauf an, Sensorien dafür zu entwickeln, dass sich etwas ankündigt oder abzeichnet, das die routinemäßige Behandlung sofort überfordern würde – das heißt, es geht darum, misstrauisch gegenüber der Erfahrung zu sein und die Phänomene immer aufs Neue in Augenschein zu nehmen. Und es geht auch darum, auf Unerwartetes nicht mit Rückgriff auf „bewährte“ Rezepte zu reagieren, sondern so schnell wie möglich die unterschiedlichsten Kompetenzen zu versammeln, die zu einer zutreffenden Problembeschreibung und -analyse beitragen können. (…)
Wenn Politiker und Planer keine Ahnung haben, mit welcher Art von Krise sie es zu tun haben, dann wissen sie logischerweise auch nicht, wie sie zu managen ist. Wäre es nicht produktiver, das zu sagen, als mit dem Verfahren von Versuch und Irrtum (Lehman pleitegehen lassen, Hypo Real Estate retten) scheinbar zu steuern und schließlich bei absurd kontraproduktiven, weil veränderungsfeindlichen Lösungen zu landen wie der Abwrackprämie oder der Auflistung von Steueroasen. (…)
Achtsamkeit ist in diesem Sinn ein Instrument zur Sicherstellung der Reversibilität von Entscheidungen, um verhängnisvolle Entwicklungspfade und Eskalationswirkungen systematisch zu vermeiden. Eine Gesellschaft, die sich für ihre Fehler und Fehlentwicklungen interessiert und weiß, dass ihre Entwicklung dynamisch und nicht vollständig planbar ist, die Erfahrung für hinderlich hält bei dem Versuch, das Unerwartete zu erkennen, ist eine in Echtzeit lernende Gesellschaft, und genau die brauchen wir, weil das, was wir zu bewältigen haben, das Unerwartete ist, das wir noch gar nicht im ganzen Umfang erkannt und beschrieben haben. Eine solche Gesellschaft ist jedem Planungsstaat prinzipiell überlegen, weil sie im Gegensatz zu diesem auf Veränderungsanforderungen flexibel und schnell reagieren kann.“

„Wirklich improvisiert?“

Ich glaube, die beste Methode, der ewigen Fragerei, ob das auch wirklich alles improvisiert sei, den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist, es nicht allzusehr zu betonen, sondern eher als Selbstverständlichkeit zu erwähnen. TJ & Dave: „Trust us. It’s all improvised.“
Neulich bei einem kurzen Gastauftritt von Foxy Freestyle beim Kantinenlesen ein kleines Synchrospielchen. In der Pause schnappe ich ein Gespräch zwischen zwei Zuschauern auf. Er bezweifelt, das alles improvisiert gewesen sei. Ich gebe mir einen Ruck, trete hinzu und beginne ein Gespräch mit ihnen. Tatsächlich meint er, die Szene sei so gut gewesen, dass wir jemanden im Publikum platziert hätten, der uns das Stichwort gegeben hätte. Und ich frage mich, ob es tatsächlich jemanden gibt, der einen solchen Aufwand betreibt, um das Publikum zu betrügen und die Behauptung aufrecht zu erhalten, es sei improvisiert. Dann könnte man ja gleich den Sketch aufführen.

Die Demut der Stars

1985. Michael Jackson schreibt „We are the world“, das mit den damaligen US-Stars als Benefizlied aufgenommen werden soll. Man kann natürlich rätseln, wer das aus aufrichtigem Engagement heraus getan hat und wer seine Eitelkeit nicht beherrschen konnte, um bei einer großen Aufnahme mit dabei zu sein und sein Image aufzupolieren.
Michael Jackson selbst lässt die Music Awards sausen, um im Studio die Lead-Spur für die Chöre einzusingen. Dann, mitten in der Nacht kommen sie angefahren, teilweise direkt angejettet von der Preisverleihung, alle mit ihrem öffentlchen Winke-winke-Lächeln. Aber langsam tauen sie auf. Der Chor wird einstudiert, und man sieht einen riesigen Haufen Profis am Werk, uneitel und völlig in der Sache aufgehend.
Jeder gibt sein Bestes. Man spürt (zumindest auf den Making-Of-Video-Aufnahmen) nichts von Neid gegenüber denjenigen, die das Glück hatten, einen Solo-Part zu erwischen.
Eine kleine Unterbrechung der Solosequenzen, als Cyndi Lauper (der vermutlich Jüngsten des ganzen Teams) mit ihren Kettenklunkern die Aufnahme vermasselt. Alle lächeln nachsichtig.
Die Aufnahmen sind vorbei, einer der Musiker bittet einen anderen um ein Autogramm und löst eine Welle aus. Es stellt sich heraus, dass jeder ein Fan von jedem ist, und so verschwinden am Ende noch die Reste von Neid.


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Doof spielen versus Doofe spielen

Ich lehre, möglichst keine Doofen zu spielen, Leute, die keine moralischen Entscheidungen treffen bzw. starke Angebote machen können: kleine Kinder, Betrunkene, geistig Behinderte usw.
Charna Halpern formulier es noch genauer:
„Spiel mit deiner Intelligenz. Das ist wichtig, wenn du Respekt erwartest und überhaupt Erfolg haben möchtest, egal in welcher Kunstform. Deine Figur kann ein Rassist sein, ein Sklave, ein Kiffer, sogar ein geistig Behinderter – aber du solltest dafür sorgen, dass es motivierte Figuren sind, die starke Entscheidungen treffen. Als Performer musst du deine Würde auf der Bühne bewahren. Wenn du deinen Status ohne jeden Grund verringerst, nur um jemanden zu beleidigen, dann beleidigst du sowohl deinen Mitspieler als auch das Publikum.“

Aus Charna Halpern: „Art By Committee. A Guide to Advanced Improvisation“

Bewegende Schauspiel-Impro

Rich Talarico: „Wir spielten in einer großartige Szene eine italienische Akrobatenfamilie. Als wir alle so taten, als stünden wir hoch oben auf dem Seil, hörte ich das Publikum nach Luft schnappen, als wir beinahe herunterfielen. Dieser Moment war überaus kraftvoll für mich, weil ein ganzer Zuschauerraum uns unser Spiel abnahm.“

Aus Charna Halpern: „Art By Committee. A Guide to Advanced Improvisation“

Del Close Storys

  • Del Close lebte lange Zeit in einer verdreckten Wohnung mit Kakerlaken. Auf einer Party zu Ehren von Tennessee Williams gab er einer weißbehandschuhten Frau die Hand und eine Kakerlake schlüpfte aus seinem Ärmel. Die Frau lief schreiend davon. Tennessee Williams darauf: „Boy, I like your style.“
  • Als er mit Charna Halpern zusammenkam, überzeugte sie ihn, sich ein Bankkonto zuzulegen, und das trotz seiner wahnsinnigen Angst, in einen See zu fallen, so dass sein Sparbuch durchnässen könnte und er all seine Ersparnisse verlieren würde. Das erinnert sowohl an Karl Valentins absurde Ängste und an Michael Steins Abscheu vor der Scheinwelt.
  • Del begann seinen Impro-Unterricht oft (Charna sagt „immer“) mit einem 45minütigen Vortrag über ein Buch, das er gerade las. Was muss das für eine Faszination gewesen sein, die von diesem Mann ausging, dass sich seine Schüler, die schließlich Geld für einen Improkurs bezahlt hatten, das gefallen ließen!
  • Del war der Typ, der eine Gegenposition einnahm, einfach weil eine andere Meinung notwendig war. So nahm er Hitler in Schutz: Wenn die ihn damals nur an die Kunsthochschule gelassen hätten, wäre seine Energie in die richtige Richtung gelenkt worden. „Stell dir die großartige Kunst vor, die wir heute hätten!“ Klar, dass Charna nervös war, als sie ihn ihren jüdischen Eltern vorstellen sollte. Alles verlief einigermaßen gut, sogar als er ihrer Mutter seine Heroinnarben zeigte, bis ihr Vater ihn fragte: „Mögen Sie Jerry Lewis?“ – „Nein.“ – „Warum nicht.“ – „Er ist Jude.“ Charna erstarrte. Aber ihr Vater lachte. Er war auf Dels Trip. (Auch diese Anekdote erinnert mich sehr an Stein.)
    Wenn ein hartnäckiger Schüler überaus schlecht war, zückte Del seine Brieftasche, gab ihm seine 200 Dollar Workshop-Geld zurück und warf ihn aus dem Kurs. Charna wurde wütend, denn einige von ihnen hatten noch nicht einmal bezahlt. Del antwortete: „Das war es wert, schon um ihn loszuwerden.“
  • Chris Farley, einer der Zöglinge von Del und Charna wurde erfolgreich für Saturday Nightlife gecastet. Das Erste, was sie von ihm wollten, war, dass er mit freiem Oberkörper in einem Wettkampf gegen Patrck Swayzee tanzen sollte. Der etwas dickliche Farley rief nachts verzweifelt bei ihnen an. Del gab ihm den Rat: „Sei so gut wie du es kannst, und lass es nicht zu, dass sie aus dir ein Klischee machen.“
  • Del wusste, er hatte nur noch drei Tage zu leben, und er hatte das Glück, diese Tage bei einigermaßen klarem Bewusstsein zu erleben. Also schmissen sie eine Party. Alle kamen angereist. Bill Murray unterbrach die Dreharbeiten und bezahlte die gesamte Feier im Krankenhaus. Man trieb sogar heidnische Priester auf für eine Zeremonie nach Dels Willen. Als alles vorbei war und Charna ihn wieder in sein Zimmer schob, sagte er: „Ich glaub, jetzt sollte ich schnell sterben, sonst werden einige Leute wirklich enttäuscht sein.“

Aus Charna Halpern: „Art By Committee. A Guide to Advanced Improvisation“

Fette blinde Angebote

Blinde Angebote sind OK, wenn sie nicht zu groß gemacht werden. Zum Beispiel, ich gebe jemandem ein „Paket“ mit dem Kommentar: „Das ist für Sie abgegeben worden“; zwar schiebe ich dem Mitspieler die Aufgabe des Definierens zu, aber er hat noch immer genügend Spielraum für seine Phantasie.
Keith Johnstone zieht die Grenze bei „Lesen Sie dies vor!“, was ich immer noch für akzeptabel halte.
Ungemein schwierig wird es aber, wenn man pantomimisch Objekte oder Räume etabliert oder andeutet und die Definition dem Mitspieler überlässt.
Grundregel also: Definiere es selbst!

Temenos

Stephen Nachmanovitch erwähnt in Tao der Kreativität den Temenos, den heiligen Platz des Spielens. Um die Phantasie sich entfalten zu lassen – sowohl beim Künstler als auch beim Publikum brauchen wir einen besonderen Raum. Die Bühne ist insofern nicht nur wegen der besseren Sichtbarkeit erhöht. Auf guten Bühnen wird auch immer meine räumliche Phantasie entfacht, während ich zeitlich eins mit mir bin. Vor einigen Jahren spielten monatelang wir auf einer nett eingerichteten Bühne, und doch hatte ich jedesmal das Gefühl, das ist hier alles nur Pillepalle-Wohnzimmer-Darbietung, der Raum hatte für mich keine Atmosphäre. Keine Pantomime konnte sich vor meinem Auge entfalten. Innerlich wurde ich hektisch – der Einklang mit der Zeit kam abhanden. Man kann hier natürlich kein allgemeines Gesetz formulieren. Als wir mit der Chaussee der Enthusiasten im Cube Club auftraten, war es immer so eng, dass die Zuschauer direkt vor dem Mikro saßen. Eine Bühne im eigentlichen Sinne gab es nicht. Ein schwacher Scheinwerfer beleuchtete den Vorleser. Und dennoch waren die Abende magisch. Der Temenos war reduziert und fokussiert auf den Platz am Mikrofon und den kleinen Tisch an dem die Kollegen saßen. Außenstehende mochten das als Aufhebung der Trennung zwischen Künstlern und Publikum wahrgenommen haben. Aber diese Trennung blieb bestehen, indem das Mikrofon (das wir, wenn wir alle geschulte Stimmen gehabt hätten, an sich gar nicht gebraucht hätten) mehr oder weniger unbewusst ein heiliger Ort inszeniert wurde. Unausgesprochen haben das sowohl wir als auch die Zuschauer so empfunden.

Seltsamer Auftritt

Die Hälfte des Publikums ausländische Studenten, deren Deutsch so schlecht ist, dass sie einfachste Sätze nicht verstehen. Die Stille überträgt sich auf die anderen Zuschauer. Dann auch noch technische Störungen. Wir selber lassen uns tatsächlich manchmal zu einer Mischung aus Überdramatisierung und Auf-der-Stelle-Treten hinreißen. Für häufige Impro-Zuschauer waren viele Szenen sicherlich etwas erwartbar. Dennoch sind wir immer noch effizient genug, um eine ordentliche Show abzuliefern – gute Songs, ein paar überraschende Figuren und Wendungen.

Schauspiel und Authentizität

Interview mit Christoph Waltz in der taz:
„Ich empfinde als Zuschauer dramatische Schauspielerei als Behinderung. Ich will mich nicht dafür schämen müssen, mein Hirn angeschaltet zu lassen, wenn ich ins Kino gehe. Als Zuschauer wird mir durch zu viel Schauspielerei oft der Blick verstellt. Ich will aber als Schauspieler den Blick des Zuschauers auf die Inhalte lieber frei machen. Im Grunde lässt sich mein Berufsverständnis auf einen Satz reduzieren: Geh aus dem Weg – und gib den Blick frei auf das, was wirklich wichtig ist!“
(…)
(zu „Der Untergang“) „Ich sehe nicht ein, wieso ein Staatsschauspieler, dem man ein Bärtchen aufgeklebt hat, mehr Anspruch auf Wahrheit haben sollte als irgendeine Kasperlpuppe.“