Stephen Nachmanovitch, Autor des von mir so geliebten Buchs „Das Tao der Kreativität“, das ich die Ehre hatte zu übersetzen, schrieb 1981 einen eindrucksvollen Artikel über seine Beziehung zu seinem geistigen und wissenschaftlichen Mentor Gregory Bateson. Die deutsche Version von „Gregory Bateson. Ein Porträt des englischen Anthropologen, Denkers, Sehers“ kann man jetzt hier nachlesen: Nachmanovitch-GregoryBateson-German.pdf
209. Nacht – Luhmanns Gesellschaft der Gesellschaft und Russenparfum
Mein Laptop-Kabel war defekt. Ich kaufte mir ein neues bei Ebay. Kann man dem Verkäufer vorwerfen, dass das Kabel nach billigem Parfüm stinkt? Ich sehe regelrecht den einsamen dicken Laptop-Kabel-Händler in seiner traurigen mit Laptop-Kabeln zugehängten Wohnung, und stündlich versucht er, sich über seine Existenz mit Parfüm zu trösten. Da aber der Laptop-Kabel-Handel nicht so viel einbringt, langt es nur zu billigem Parfüm.
Ich kann den Laptop nur noch im Batteriebetrieb bedienen und muss die Akkus in meinen Arbeitspausen über besagtes Kabel aufladen. Wichtig: Händewaschen nicht vergessen, sonst träumt man beim Mittagsschlaf von einsamen dicken Laptop-Kabel-Händlern, die sich über ihr billiges Leben mit billigem Parfüm trösten.
Das Tolle am Internet ist, dass man andere an sinnlichen Wahrnehmungen teilhaben lassen kann: Musik, Texte, Bilder, Filme usw. Nur Geruch- und Geschmackswahrnehmungen waren bisher von er Datenfernübertragung ausgeschlossen. Ich habe nun extra das Dateiformat .muff kreiert, dass einfache Gerüche wie z.B. billiges Russenparfüm digital komprimiert speichern kann:
Download: www.danrichter.de/leckerbissen/2008/parfum.muff
Den Muff-Player veröffentliche ich demnächst.
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Regal Soziologie
Elftes Buch von links
Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft
Erworben: 26.1.2003 im 10bändigen Schuber
Status: Von 2003 bis 2006 ca. 1 Seite täglich gelesen.
Erster Satz: "Die folgenden Untersuchungen betreffen das Sozialsystem der modernen Gesellschaft.
Kommentar: Im Nachhinein bereue ich es beinahe, diesen Blog nicht zu "Gesellschaft der Gesellschaft" zu schreiben, sondern manchmal mich durch langwierige Storys über orientalische Liebende, die nicht zueinander kommen, zu fräsen. "Die Gesellschaft der Gesellschaft" ist eines der wichtigsten Bücher, die ich je gelesen habe. Das letzte große von Luhmann zu Lebzeiten fertiggestellte Werk. Er schreibt hier völlig auf der Höhe seiner intellektuellen und stilistischen Fähigkeiten. Die Zeiten des vorsichtigen Stocherns im Moor der neuen Theorie (wie z.B. in "Soziale Systeme) sind vorbei. Er weiß, worum es ihm geht, er bewegt sich sicher in seiner eigenen Theorie und muss sich nicht in einem fort links und rechts mit hölzernen Begriffen und unübersichtlicher Syntax absichern.
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Prinzessin Budûr nimmt ein Bad
Offenbar allein, sonst flöge der Schwindel auf.
Armanûs, der König der Ebenholzinseln ist erfreut über die Ankunft Budûrs, da er glaubt, nun einen Schwiegersohn gefunden zu haben:
"Drum soll sie dein sein, mein Sohn."
(…) Da senkte die Herrin Budûr ihr Haupt und vor Verlegenheit perlte ihre Stirn von Schweißtropfen.
Sie befürchtet, Armanûs würde, falls sie ablehnt und weiterreist, ihr hinterherjagen und sie töten lassen, andererseits käme bei einer Hochzeit die Wahrheit heraus.
Intoleranz gegenüber Homo-Ehe auf den Ebenholz-Inseln
Budûr willigt ein, und der König verpasst ihr die Sultanswürde. Es wird ein Fest gefeiert, die Emire einberufen,
und ein jeder, der sie anblickte, ward durch das Übermaß ihrer Schönheit und Anmut so erregt, dass er seine Hosen nässte.
Die Hochzeit mit Hajât en-Nufûs wird rasch gefeiert, und als die beiden alleingelassen werden, tut Budûr nichts als Trauer-Verse rezitieren und Hajât en-Nufûs auf den Mund zu küssen. Dann dreht sie sich um und schläft.
Am nächsten Tag regiert Budûr und spricht Recht. Sie verleiht den Emiren Ehrengewänder und schafft die Gebühren ab.
Als sich Budûr auch in der zweiten Nacht nicht um die Entjungferung Hajât en-Nufûs‘ kümmert, beklagt sich diese am nächsten Morgen bei ihrem Vater, der ihr verspricht, Budûr in dem Falle der weiteren Penetrations-Veweigerung ihrer Ämter zu entkleiden und sie aus dem Land zu jagen.
Ideen – revisited
Ich präzisiere meine Position zum Thema „Ideen“. Vor drei Jahren sagte ich hier, es komme auf Ideen nicht an, sondern auf den Flow. Inzwischen denke ich, man sollte die eigenen Ideen zwar schätzen, sich aber nicht an sie klammern. Im Grunde ist jede Idee brauchbar, entscheidend ist, was wir daraus machen. Sei offen für den Fluss der Ideen. Schätze jede einzelne, aber sei bereit, sie fahren zu lassen. Wenn man sich öffnet, muss man auch nicht befürchten, dass der Ideenfluss versiegt.
Vor allem in der Partner-Improvisation müssen wir lernen, die Ideen des Anderen zu schätzen. Wem das schwerfällt, möge versuchen, sie erst mal überhaupt nicht zu bewerten, sondern nur zu nutzen, zu akzeptieren und mit ihnen zu spielen. Die Liebe wird sich dann mehr oder weniger automatisch einstellen.
Parodie
Frage eines Schülers, auf die Bitte, ein Genre-Stück zu improvisieren: „Richtig oder als Parodie?“
Das Problem dabei: Je „parodistischer“ wir denken, um so schlechter wird selbst die Parodie. Also auch die Parodie ernst nehmen. Und wenn sie einem zu ernst gerät, und die Zuschauer bei einem Horror-Stück tatsächlich das Gruseln kriegen – na und? Spannung statt Ablachen ist doch auch mal was anderes im Improtheater.
Genre – Horror
Ein eigentlich schön gestaltbares Genre im Improtheater – das Horrorstück – wird leider viel zu oft verwurschtet. Vielleicht liegt es an den ersten Assoziationen an das Genre: Blut, Monster, Messerschlitzereien. Dabei ist das Entscheidende vielmehr das Mitgefühl mit dem Schrecken der Opfer. In einem guten Horrorfilm oder -stück läuft im Hinterkopf immer die Frage ab: „Oh Gott, was würde ich jetzt tun?“
- So gut wie immer fangen Horrorfilme positiv an. Die Anfänge der Scream-Serie, die ja bewusst auch mit den Mitteln spielt, sond hier eher die Ausnahme, aber auch hier geht es dann erst mal relativ „normal“ weiter.
- Oft erinnert der Ablauf an eine gute Komödie: Ein kleines Missgeschick oder ein kleine moralische Übertretung – Autopanne, Ehebruch, Diebstahl – schraubt sich in die denkbar schlimmste Katastrophe.
- Es gibt von Anfang an nicht zu übersehende Zeichen.
- „Ich bin in fünf Minuten wieder da“, heißt: „Ich bin in einer Minute tot.“
- Man erschrickt sich vor banalen Dingen: Katzen.
- Du musst in den Keller. „Es“ kommt dir hinterher.
- Katholische Symbolik und Mystik macht sich gut, ebenso Volksglaube.
- Das Böse wird besiegt… Fast, hähähä.
208. Nacht
Kamar ez-Zamân durchschreitet die Stadt vom Landtor bis zum Meerestor, ohne einem Bewohner zu begegnen. Schließlich gelangt er zu einem Garten, dessen Wächter ihn grüßt und eilig hereinbittet, damit er von den Bewohnern der Stadt keinen Schaden nehme, denn
"die Einwohner der Stadt sind alle Magier."
Kamar ez-Zamân berichtet dem Gärtner, was ihm geschehen ist. Und dieser antwortet:
"Wisse, mein Sohn, das Land der Muslime ist weit von hier entfernt. Zwischen ihm und uns liegt eine Reise von vier Monaten zur See, zu Lande aber dauert sie ein ganzes Jahr. Wir haben ein Schiff, das jedes Jahr in See sticht und mit Waren nach dem ersten muslimischen Lande fährt; von hier fährt es in das Meer der Ebenholzinseln und von dort nach den Chalidân-Inseln, über die der König Schehrimân herrscht."
Kamar ez-Zamân wird sich freuen, den Namen seines Vaters zu hören, allerdings deuten die extremen Zeitverschiebungen auf eine außerordentliche Phantasie des Gärtners oder hübsche Fähigkeiten der die Stadt bewohnenden Magiere 208.
Der Wächter des Gartens hat Mitleid mit dem Prinzen und gibt ihm einen Job als Gärtner,
und er [Kamar ez-Zamân] begann Lieder über seine Geliebte zu singen.
Elf Tage ist er gelaufen, bis er in diese Stadt kam, warum nicht elf Tage zurück? Ahnt er, dass Magie im Spiel ist? Allerdings können zehn straffe Märsche hintereinander gern zu 250 km ausarten, da verliert man leicht die Orientierung.
Prinzessin Budûr hingegen entdeckt den Verlust von Gatten und Stein:
"Wo ist mein Gemahl? Es ist, als hätte er den Stein genommen und wäre fortgegangen; aber er kennt doch das Geheimnis nicht, das er birgt."
Da nun der Vogel mit dem Stein auch verschwunden ist und wir bereits die mangelnde Bereitschaft der Tausendundeine-Nacht-Erzähler zum Wiedereinführen von Story-Elementen kennen, ist es fraglich, ob wir das Stein-Geheimnis je erfahren.
Budûr befürchtet, von den Dienern vergewaltigt zu werden, falls sie das Verschwinden ihres Gatten bekanntgibt,
"…darum muss ich eine List anwenden."
Ihre Ähnlichkeit mit ihrem Gatten ausnutzend verkleidet sie sich als Kamar ez-Zamân und kommandiert nun in dessen Rolle die Karawane. Sie gelangen bis vor die Tore einer Stadt, wo sie lagern. Man bringt in Erfahrung:
"Dies ist die Ebenholzstadt. Über sie herrscht König Armanûs, und er hat eine Tochter des Namens Hajât en-Nufûs".
Bedenkend, dass das Schiff der Magierstadt sowohl diese Ebenholzstadt als auch Chalidân anfährt, können wir gedanklich den Storyverlauf ein wenig vorwegnehmen.
208 Wir können davon ausgehen, dass hier persische zoroastrische Priester gemeint sind, deren Rituale den muslimischen Arabern als Zauberei galten.
207. Nacht – Wirtschafts-Lexikon
Regal Religion, Psychologie, Ökonomie
Elftes Buch von rechts
Gablers Wirtschafts-Lexikon Band G-K
Erworben: ca. 1994 bei Mail Order Buchhandlung (noch vor der Zeit des Internet-Buchhandels). Damals gab ich bei den wenigen derartigen Bestellungen immer eine modifizierte Variante meines Namens oder der Adresse an. Und tatsächlich konnte ich auf diese Weise feststellen, dass die "Mail Order Kaiser Buchhandlung meine Adresse verkaufte. Ich bekam in den folgenden fünf Jahren immer wieder Werbepost von allen möglichen Unternehmen, bis hin zum seriösen Tagesspiegel. Wie sagte Karl Valentin: "Saubande, dreckate!"
Status: Wie es sich für ein anständige Nachschlagewerk gehört, immer wieder einzelne Artikel nachgeschlagen, aber auch blätternd und kreuzweise durchstöbert.
Erster Satz: "G. 1. Börsenwesen: Ausdruck für kaufkräftige Nachfrage (Geld).
Kommentar: Solide.
**
Während Kamar ez-Zamân den Stein betrachtet, stößt ein Vogel herab und entreißt ihm den Stein. Der Prinz folgt ihm den ganzen Tag, bis die Dunkelheit einbricht und er vor Hunger und Erschöpfung zusammenbricht. Am nächsten Tag – der Vogel scheint auf ihn gewartet zu haben – geht die Verfolgung weiter.
Zehn Tage lang folgte er ihm, und dabei nährte er sich von den Früchten der Erde und trank vom Wasser ihrer Bäche.
Am elften Tag erreichen sie eine Stadt, und der Vogel flattert davon.
206. Nacht
Kamar ez-Zamân beschließt zurückzureisen und Budûr lässt sich von ihrem Vater die Erlaubnis geben mitzureisen. Diese erteilt er mit der Bedingung einmal im Jahr besucht zu werden.
Eine nicht unerhebliche Bedingung, wenn man bedenkt, dass allein die Reise jedes Mal mehrere Wochen dauert und Berliner Studenten heute schon zu heulen anfangen, wenn sie mal zu Weihnachten ihre Eltern in Stuttgart besuchen sollen.
Sie machen sich auf den Weg, und als sie eines Tages rasten, entdeckt Kamar ez-Zamân seine junge schlafende Frau in aprikosenfarbenem Seidenhemd, das vom Wind abgehoben wird, so dass ihre Brüste und ihr schneeweißer Leib sichtbar werden.
In jeder seiner Falten hätte eine Unze von Behennussöl Platz gefunden.
Schneeweiße Haut und zentimetertiefe Falten. Ein seltsames Schönheitsideal!
Kamar ez-Zamân öffnet ihr nun die Hose und findet an einer Schnur einen Stein, in den eine im Dunkeln nicht lesbare Schrift eingraviert ist.
"Wäre dieser Stein nicht ein großes Kleinod für sie, so hätte sie ihn nicht in dieser Weise an die Schnur ihrer Hose festgebunden und ihn nicht an der sichersten Stelle bei sich verborgen, um ihn nicht zu verlieren."
205. Nacht
Budûr liest die Nachricht und wird im Nu gesund. Sie improvisiert ein Gedicht.
Nach diesen Worten erhob sich die Herrin Budûr alsbald, presste ihre Füße fest gegen die Mauer und zerrte mit der ganzen Kraft an dem eisernen Ring, bis sie ihn am Halse zerbrochen und auch die Kette zerrissen hatte.
Erinnert an Zampanos Kettentrick in "La Strada".
Dann eilte sie hinter dem Vorhange hervor, war sich Kamar ez-Zamân entgegen und küsste ihn auf den Mund, gleichwie die Tauben sich schnäbeln.
Der Eunuch berichtet dem König von der Heilung. Dieser geht zu ihr.
Als sie ihn erblickte, sprang sie auf, verhüllte ihr Haupt…
Unklar: Hauptverhüllung vor dem eigenen Vater, während sie sich vor "Sterndeuter" und Eunuch unverhüllt zeigen darf!
Kamar ez-Zamân berichtet nun dem König seine ganze Geschichte, und der König lässt die beiden sich vermählen.
Und in selbiger Nacht ruhte Kamar ez-Zamân bei ihr und erreichte bei ihr das Ziel seiner Wünsche; und auch sie stillte ihr Verlangen nach ihm und genoss seine Schönheit und Anmut.
Nach einiger Zeit erblickt Kamar ez-Zamân jedoch seinen Vater im Traum, der ihn mahnt.
204. Nacht
Kamar versucht, die Prinzessin zu heilen, ohne direkt in ihr Gemach zu gehen.
Verwundert über seine Worte entgegnete der Eunuch: "Wenn du sie von hier aus heilest, so ist das ein größerer Beweis deiner Vortrefflichkeit."
Kamar ez-Zamân setzt sich nieder, lässt sich Schreibzeug bringen und beginnt gereimte Prosa und Verse zu schreiben, u.a.
Ich schreibe, und mein Herz begehrt nur dein zu denken,
Das Auge ist mir wund vom Blute, das es weint.
Den Leib bedeckt das Feuer der Sehnsucht und er Trauer
Mit einem Hemd der Hagerkeit, dem Leid sich eint.
Ich klage die Liebe an bei dir, seit sie mich peinigt
Und der Geduld ist mir die Stätte weggerafft:
Sei huldvoll, hab Erbarmen, bezeuge deine Neigung:
Mein Herze ist zerrissen durch der Liebe Kraft.
Allein Kamar ez-Zamâns gereimte Unterschrift ist eine Seite lang.
Und zuletzt schrieb er auf die Rückseite des Briefes
Ich sende deinen Ring, den ich einst eingetauscht,
Als wir uns nahe waren, schick du mir deinen Ring.
Der Eunuch spielt nun den Postillon d’amour.
203. Nacht – Freuds Witz
Regal Religion, Psychologie, Ökonomie
Elftes Buch von links
Sigmund Freud: "Der Witz"
Erworben: ca. 1997 in einem Antiquariat
Status: Gelesen, einige Passagen übersprungen.
Erster Satz: "Wer einmal Anlass gehabt hat, sich in der Literatur bei Ästhetikern und Psychologen zu erkundigen, welche Aufklärung über Wesen und Beziehungen des Witzes gegeben werden kann, der wird wohl zugestehen müssen, dass die philosophische Bemühung dem Witz lange nicht in dem Maße zuteil geworden ist, welches er durch seine Rolle in unserem Geistesleben verdient."
Kommentar: Freud ist natürlich wie immer recht unterhaltsame Lektüre, wenn man ihn nicht zu ernst nimmt. Das Wesen von Witz und Komik hat wohl kaum ein bedeutender Autor so unzutreffend beschrieben wie Freud. Aber immerhin versucht er, auch hier seine immer noch neue Wissenschaft, die Psychologie, anzuwenden.
**
Kamar ez-Zamân lässt sich weder von den Bewohnern der Stadt abbringen noch vom König, der ihn vorlädt und selber warnt:
"Um Gottes willen, mein Sohn, wenn du kein Sterndeuter bist, so setze dein Leben nicht aufs Spiel und geh nicht auf meine Bedingung ein! Denn ich habe es mir zur Bedingung gemacht, dass ich einem jeden, der zu meiner Tochter hineingeht und sie nicht heilt, den Kopf abschlagen lasse; aber wer nur immer sie gesund macht, den will ich mit ihr vermählen. Lass dich durch deine Schönheit und Anmut nicht irreführen; bei Gott, bei Gott, wenn du sie nicht heilst, so werde ich dir den Kopf abschlagen lassen!"
Ein wesentlich angenehmerer König als Kamar ez-Zamâns Vater. Er lässt dem Jüngling noch einen Ausweg.
Auch der Eunuch warnt ihn.
202. Nacht
Natürlich kann sich der Prinz nicht einfach so der Prinzessin nähern, und so rät ihm Marzuwân, sich als Sterndeuter auszugeben, sich entsprechend zu verkleiden und unterhalb des Palastes auszurufen:
Ich bin der Berechner, der schreibkundige Mann!
Ich bin’s, der das Gesuchte und den Suchenden erkennen kann!
Ich bin der Weise, klug und gewandt!
Ich bin der Sterndeuter, überall bekannt!
Wo ist der, der da sucht?
Dies tut Kamar ez-Zamân auch, obwohl ihm die Bevölkerung abrät:
"Um Allahs willen, du schöner junger Mann, setze doch dein Leben nicht aufs Spiel, begib dich nicht selbst in Todesgefahr im Streben nach Vermählung mit der Prinzessin Budûr, der Tochter des Königs el-Ghajûr! Sieh nur mit deinen eigenen Augen auf die Häupter, die dort hängen!"
Aber Kamar ez-Zamân weist die Bedenken zurück.
201. Nacht
Die beiden reiten los und nach vier Tagen schlachtet Marzuwân ein Pferd und ein Kamel und legt Hemd und Hose daneben, nicht ohne sie zuvor zu zerfetzen. So soll der Tod Kamar ez-Zamâns vorgetäuscht werden.
Da rief Kamar ez-Zamân: "Bei Allah, das ist eine treffliche List. Was du getan hast, ist gut."
Nach mehreren Tagen erreichen sie die Inseln des Königs el-Ghajûr.
200. Nacht – Astrologie
Regal Trash und Naturwissenschaft

Elftes Buch von links
Michael Roscher: "Das Astrologie-Buch. Berechnung, Deutung, Prognose."
Erworben: ca. 2004 auf der Buch-Mitnehm-Ablage meines früheren Wohnhauses in der Libauer Str. 9
Status: Durchgeblättert, ein paar wenige Seiten mit Freunden zur gegenseitigen Unterhaltung vorgelesen.
Erster Satz: "Wenn ich von Fremden nach meinem Beruf gefragt werde und ich antworte "Astrologe", so gibt es eigentlich nur zwei mögliche Reaktionen: Die einen zweifeln reflexartig an meinem Verstand, oder sie halten mich für einen cleveren Geschäftemacher, der weiß, wie man den Leuten das Geld aus der Tasche zieht."
Kommentar: Armer verstandestrüber, geschäftemachender Michael Roscher. Dieses Buch nahm ich mit, um Frauen besser zu verstehen, die Astrologie für wichtig halten. Ich verstehe sie jetzt besser, aber nur bedingt wegen dieses Buches.
**
König Schehrimân befiehlt, die Gefangenen freizulassen, spendet den Armen Almosen und lässt die Stadt schmücken.
Inzwischen beredet Marzuwân den Prinzen heimlich zu fliehen, da sein Vater ihn nie freiwillig gehen ließe. Kamar ez-Zamân solle seinem Vater sagen, er gehe am nächsten Morgen mit Marzuwân auf die Jagd. Tatsächlich gewährt der Vater dies, denn:
Besäß ich auch Salomons Teppich
Und dazu der Perserkönige Reich:
Und könnte mein Auge dein Antlitz nicht schauen –
Sie wären dem Flügel er Mücke nur gleich.
4 Rosse, ein Lastkamel für den Vorrat und ein Dromedar für das Geld werden vorbereitet, und der Vater bittet Kamar ez-Zamân, nicht länger als eine Nacht fortzubleiben.
An Schehrimâns Stelle hätte mich zumindest das Gelddromedar stutzig gemacht.
199. Nacht
Endlich sind Kamar ez-Zamân und Marzuwân allein, und dieser berichtet dem Prinzen die ganze Geschichte.
Wenn je ein Freund der Freundin abhold ward,
Und immer in der Abkehr noch beharrt,
So eine und verbinde ich die beiden,
Gleichwie die Zapfen in der Schere Schneiden.
Und beide gingen ins Badehaus, wo sie sich den Leib badeten und sich wuschen.
198. Nacht
Nachdem nun Kamar ez-Zamân sich aufrecht gesetzt hatte, schwenkte der König sein Taschentuch; da entfernten sich alle Emire und Wesire. Kamar ez-Zamân gesundet, und die Nachricht darüber verbreitet sich im Land,
da der König die Schmückung der Stadt befohlen hatte.
198. Nacht
Nachdem nun Kamar ez-Zamân sich aufrecht gesetzt hatte, schwenkte der König sein Taschentuch; da entfernten sich alle Emire und Wesire. Kamar ez-Zamân gesundet, und die Nachricht darüber verbreitet sich im Land,
da der König die Schmückung der Stadt befohlen hatte.
197. Nacht
Marzuwân trägt ein Freudesgedicht vor, und Kamar ez-Zamân beginnt aufzuleben.
Die Kraft der Poesie und Liebe.
196. Nacht
Marzuwân kommt zu sich, der Wesir erklärt ihm die Situation mit dem Prinzen und schärft Marzuwân ein, nicht den Prinzen anzustarren, wenn sie beim König eintreten. Logischerweise tut Marzuwân genau dies, denn er erkennt, dass es sich beim Prinzen um den Geliebten seiner Milchschwester handeln muss.
195. Nacht
Die Wogen treiben Marzuwân nun zufälligerweise genau unter den Palast des Prinzen, wo
ein Eunuch ihm die Fliegen verscheuchte.
König, Wesir und Würdenträger sind ebenfalls anwesend. Und der Wesir entdeckt durchs Fenster den Gestrandeten. Er bittet, diesen retten zu dürfen:
"… vielleicht wird Allah dessentwillen deinen Sohn aus seiner Not befreien."
Der König bleibt misstrauisch und fürchtet, der Halbertrunkene könne sich über ihn und seinen Sohn lustig machen. Wenn dies geschähe, würde er den Wesir köpfen,
"… denn du, Wesir, bis die Ursache all dessen, was uns widerfahren ist, von Anfang bis zu Ende."
Welch ein Horror, solch einem Vorgesetzten dienen zu müssen.
Tatsächlich rettet er Marzuwân, dessen Leib voller Wasser ist und dessen Augen bereits hervorquellen:
"Wisse, ich bin die Ursache deiner Errettung vor dem Ertrinken gewesen, sei du nun nicht die Ursache deines und meines Todes."
194. Nacht – Genetik
Regal Trash und Naturwissenschaft

Elftes Buch von rechts
Ernst-Peter Fischer: „Die Beweglichkeit der Gene. Den Rätseln der Vererbung auf der Spur“
Erworben: ca. 2000
Status: Durchgeblättert, ein paar Abschnitte überflogen.
Erster Satz: „Gene sind wie Männer.“
Kommentar: So wie manche nichts mit Mathematik, moderner Musik oder Fremdsprachen anfangen können, stolpere ich immer wieder über Genetik – sie will mir nicht in den Kopf.
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Prinzessin Budûr berichtet ihrem Milchbruder Marzuwân ihr Erlebnis und illustriert es mit Klageversen, und obwohl er die Story nicht versteht, verspricht er zu helfen.
Er bricht am nächsten Morgen auf und zieht einen Monat durch die Länder,
bis er zu einer Stadt kam, die et-Tairab hieß
Dass man den Namen dieser Stadt erfährt, muss noch nichts über ihre Bedeutung in dieser Erzählung sagen.
Er erfährt vom Zustand des Prinzen Kamar ez-Zamân von Inseln von Chalidân
Und wir erfahren zum ersten Mal den Namen seines Herkunftsorts. Anscheinend ist der Ort aber fiktiv, und wir können davon ausgehen, dass er zwar in der Nähe Persiens liegt, aber nicht dazu gehört.
Marzuwân nimmt ein Schiff, um dorthin zu segeln. Kurz vor Erreichen der Küste bricht ein Sturm aus, und das Schiff kentert.
Geschichten und Szenen beenden
Seltener als Szenenbeginnen wird das Szenenbeenden geübt. (Schade, aber logisch – ohne Anfang kein Ende.)
Es bedarf einer besonderen Schärfung des Blicks für Enden:
Moral (kann auch banal oder gar amoralisch sein), z.B. „Das kann also geschehen, wenn man ein Kind verwöhnt.“
Überraschende Wendungen: Man denke an „Sixth Sense“ oder das bescheuerte Maskenspiel bei Johnstone.
Offene Enden: Wie wird sich die Heldin entscheiden.
Erkenntnisse: Und seit jener Zeit gibt es in Europa keine Giraffen mehr.
Techniken des Beendens:
Physisch: Abwinken, Quer über die Bühne laufen
Verbal: „Ende der Szene“
Szenisch: Ausklingen/Stehen lassen
Pointe: Letzter Satz Richtung Publikum
Licht: Black
193. Nacht – Randy Dixon – Im Moment
Elftes Buch von rechts
Randy Dixon: "Im Moment. Theaterkunst Improtheater Reflexionen und Perspektiven"
Erworben: ca. 2002
Status: In einem Ruck durchgelesen. Dann immer wieder abschnittsweise.
Erster Satz: "Zwei Improspieler betreten an einem Samstagabend die Bühne."
Kommentar: Dieses Buch beschäftigt sich vor allem mit Storytelling in Langformen: Wie erschaffen wir klare Geschichten und bleiben dabei leicht und im Moment, ohne vorauszudenken. Völlig unklar, warum dieses Buch, dessen Autor einer der führenden Impro-Theoretiker ist, nicht in den USA publiziert wurde. Im Literaturteil empfiehlt Dixon Stephen Nachmanovitch: "Free Play. Improvisation in Life and Art". Im Frühjahr 2003 fand ich dann dieses Buch in einem Chicagoer Buchladen. Es sollte mein Leben verändern. Und schließlich übersetzte ich es. Es erschien bei O.W. Barth unter dem Titel Das Tao der Kreativität.
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Prinzessin Budûr rastet, als die Alte darauf besteht, es habe keinen Jüngling gegeben, regelrecht aus:
Sie zückte ein Schwert, das sie bei sich hatte, traf die Aufseherin damit und schlug sie tot.
Lehre für die Väter jugendlicher Töchter, die ihre Emotionen nicht im Griff haben: Schwerter unter Verschluss halten.
Der Eunuch aber und die Sklavinnen und Nebenfrauen schrien über sie, eilten zu ihrem Vater und taten ihm kund, was mit ihr geschehen war.
Man legt ihr eine Kette um den Hals und schließt sie am Fenster des Palastes an. Der König ruft Ärzte, Sterndeuter und Talismanschreiber um Hilfe.
Unklarer Beruf: Talismanschreiber
Keiner kann helfen, und er bestraft sie entsprechend:
Und so geschah es denn, dass er alle, die zu ihr gingen und sie nicht heilten, enthauptete und ihre Köpfe vor dem Tore des Palastes aufpflanzen ließ, bis er um ihretwillen vierzig Ärzte hatte köpfen und vierzig Sterndeuter hatte kreuzigen lassen; da hielten sich alle von ihr fern.
Prinzessin Budûrs Milchbruder Marzuwân kehrt von einer Reise zurück und will sie wiedersehen. Seine Mutter lässt ihn sich als Mädchen verkleiden und beredet den Eunuchen, der sie gewähren lässt.
Angeblich gilt aber das Einandersehen-Verbot nicht für Milchgeschwister, weshalb ja auch kürzlich eine Fatwa erlassen wurde, die das Stillen von Erwachsenen für islamisch erlaubt erklärt, damit nichtverwandte Männer und Frauen in denselben Büros aufhalten können. Unverständlich also der Aufwand, der hier getrieben wird.
Marzuwân erkennt, dass seine Milchschwester liebeskrank ist.
192. Nacht
Kamar ez-Zamân kaut nun seinem Vater mit langen Versen ein Ohr ab, und dieser lässt es sich gefallen, bis ihn der Wesir an seine Staatsgeschäfte erinnert. Man bringt den Prinzen nun zu einem Schloss, dass direkten Blick zum Meer gewährt, für den Fall dass die Prinzessin von dort aus auftauche.
Jenes Schloss stand mitten im Meere, und man gelangte zu ihm auf einem Damme, der zwanzig Ellen breit war.
Das Schloss wird prächtig eingerichtet.
Dorthin brachte man für Kamar ez-Zamân ein Lager aus Wacholderholz, das mit Perlen und kostbaren Steinen ausgelegt war, und auf ihm setzte der Prinz sich nieder.
Spiegelbildlich verläuft das Geschehen in China: Prinzessin Budûr erwacht, und beschuldigt die Alte, ihr zu verheimlichen, wo der Jüngling abgeblieben sei:
"Weh dir, du elende Alte, wo ist mein Geliebter, der schöne Jüngling, von Antlitz so lieblich, von Gestalt so zierlich, mit den schwarzen Augen un den zusammengewachsenen Brauen, der in dieser Nacht vom Abend bis fast zum Anbruch des Tages an meiner Seite geruht hat?"
191. Nacht
In Amsterdam stehen die Behörden vor einem Dilemma: Einerseits wird auch hier das Rauchverbot in Kneipen und Cafés eingeführt, andererseits will man die inzwischen "traditionellen" Coffeeshops nicht schließen. Die Lösung: Kiffer dürfen nur noch reines Haschisch rauchen.
***
Fortsetzung der Reihe "Elfte Bücher aus meinen Regalen"
dritte Regalreihe von oben – Theaterliteratur
Elftes Buch von links
Viola Spolin: "Improvisation for the Theater"
Erworben: ca. 2002
Status: Abschnittsweise immer wieder nach Bedarf gelesen.
Erster Satz: "Everyone can act." (Das ist doch mal ein Hammersatz.)
Kommentar: Ausgehend von diesem ersten Satz (und der offenbaren aber unausgesprochenen Tatsache, dass diese Fähigkeit zum Schauspielen abhanden kommt) entwickelte Spolin den Grundstock an wertvollen Theaterübungen. Ihr kürzlich verstorbener Sohn Paul Sills trug die spielerischen Ideen mit nach Chicago, wo er mit "Compass" den Grundstock für die wahrscheinlich weltweit lebendigste Improtheaterszene schuf. Spolins direkter und indirekter Einfluss auf das moderne Improtheater ist enorm: Johnstone, Close, Dixon, Second City, Zaporah.
*
Kamar ez-Zamân zeigt nun als letzten Beweis den Ring an seinem Finger, den er der neben ihm liegenden Prinzessin nahm. Der König lässt sich überzeugen. Nicht ohne nochmals zu betonen:
"Ursache dieser ganzen Verwirrung ist nur der Wesir."
Wie nervig es ist, mit Menschen zu tun zu haben, deren erste Sorge bei Problemen es ist, einen Schuldigen zu finden (der natürlich nie sie selber sind), einen solchen Narren dann zum König und direkten Vorgesetzten zu haben, hat bestimmt psychische Störungen zur Folge, vor allem, wenn ständig mit dem Henker gedroht wird.
*
Das ist Punk: Das kannst du auch.
Johnny Haeusler über seine vorwitzig-naive Art, seine Band Plan B zur Vorband von „The Clash“ zu machen.
http://www.spreeblick.com/2006/02/10/1984/
Video: Die paradoxe Sonne ist nicht rentabel
Eine Brandenburgerin flippt aus.
Schöner improvisierter Monolog von Stefanie Winny.… Weiterlesen
190. Nacht
Kamar spielt nun seinen letzten Trumpf aus und demonstriert seinem Vater den Siegelring, den er der Prinzessin abgenommen hatte. Der König vertraut un wieder seinem Sohne und beschließt, das Geheimnis zu lösen, nicht ohne dem Minister noch eins reinzuwürgen:
"Ursache dieser ganzen Verwirrung ist nur der Wesir!"
189. NAcht
Kamar ez-Zamân traut alledem immer noch nicht. Er lässt seinen Vater schwören
"bei Allah, dem Schöpfer, dem Allwissenden, der die stolzen Tyrannen richtet und die Perserkönige vernichtet, dass du nichts von der Jungfrau noch von der Stätte, da sie sich aufhält, weißt"
Neue Info: Allah war es, der die Perserkönige vernichtete.
Außerdem lässt diese Bemerkung es fraglich scheinen, ob wir uns überhaupt in Persien befinden, wie die Namen nahelegen. Vielleicht wurde aber diese Islamisierung im Nachhinein von arabischen Erzählern eingefügt.
188. Nacht
Der Wesir zum König:
"Mein König, ich bringe dir eine frohe Botschaft (…) Wisse, dein Sohn, Kamar ez-Zamân hat den Verstand verloren."
Offenbar ist Verstandesverlust eher beim Wesir die korrekte Diagnose, wieso nennt er das eine "frohe Botschaft"?
König Schehrimân, nicht unschlagfertig:
"Freue dich, o Wesir! Für die frohe Botschaft von dem Wahnsinn meines Sohnes teile ich dir die Freudennachricht mit, dass ich dir den Kopf abschlagen und dir meine Gunst entziehen werde, du elendster der Wesire, du schändlichster der Emire!"
Bemerkenswert hier das Wörtchen "und": Nicht nur verliert der Wesir seinen Kopf, sondern obendrein die Gunst des Königs!
"lasse ich dich an die Hochwand meines Palastes nageln und gebe dir Trübsal zu kosten."
Wo wird man je wieder einen solchen Satz hören?
Der König eilt nun selbst zu seinem Sohn und prüft dessen Verstand, indem er ihn die Wochentage und Monate abfragt. Dieser beantwortet alle Fragen korrekt.
Darüber freute sich der König sehr, und er spie dem Wesir ins Gesicht.
Doch auch der König hört nun von Kamar ez-Zamâns scheinbaren Wahnvorstellungen, neben einer Jungfrau geschlafen zu haben.
