J. borgt mir in einem hellseherischen Anflug, denn ich habe sie gar nicht darum bitten müssen, „Ein Kind zur Zeit“ von Ian McEwan, eines der wenigen Bücher von ihm, die ich bisher ausgelassen habe. Die anderen:
„Tagträumer„, das ich 2001 in Freiburg begonnen habe, während S.’ Mutter den alten Hund von Zecken befreite, und das ich nach wenigen Seiten beiseitelegte, ich konnte einfach nichts damit anfangen. Das andere der Kurzgeschichtenband „Letzter Sommertag“, dessen Erscheinen ich wohl verpasst habe. Die anderen Bücher in der Reihenfolge ihrer Lektüre: – „Unschuldige„, das mir Ph. zum Geburtstag (?) schenkte. Ich ging skeptisch und gelangweilt an dieses Buch, und es wurde meine Einstiegsdroge. – „Zementgarten„, das ich aus Ratlosigkeit kurze Zeit später auf Verdacht E. zum Geburtstag kaufte und dann in einer Nacht durchlas, damit ich es ihr noch rechtzeitig überreichen könnte, ohne Geld für ein zweites eigenes Exemplar ausgeben zu müssen. – „Amsterdam„, das einen mit diesem moralischen Dilemma vor den Kopf stößt und die unvergessliche Anfangsszene auf dem Friedhof. Sommer 2001, nachts um 4 Uhr zuende gelesen, mir dann eine Zigarette auf dem Balkon meiner Wohnung in der Libauer anzündend, während Matze, mit dem ich damals die Grundlagen der Improvisation studierte, auf dem Fahrrad von einer Party in Kreuzberg über die Warschauer Brücke, also praktisch nebenan, zurück in den Friedrichshain radelte. – „Erste Liebe, letzte Riten“ – 2003 mit in die USA genommen, zum Glück ein Kurzgeschichtenbuch. Denn immer wenn ich glaubte, dafür nicht richtig Zeit zu haben, war die Story schon vorbei. Und die letzte las ich dann zwischen Amsterdam und Berlin. – „Schwarze Hunde„, bei dem ich mich eigentlich nur noch erinnere, dass ich es an meinem unaufgeräumten Tisch beendet habe, was psychologisch gesehen wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass ich so wenig von seinem Inhalt behalten habe. – „Der Trost von Fremden„, ein vielleicht inhaltlich eher harmloser Thriller, der einen eher wegen der seltsamen Leere verunsichert. Weil er mich an den Regenroman erinnert, schenke ich ihn Jochen und sorge somit dafür, dass er wohl nie wieder ein Buch von McEwan anfassen wird.
– „Liebeswahn“ – Ein Klassischer McEwan: In eine paradiesische Situation schlägt eine Katastrophe ein, die schon schlimm genug ist. Und unversehens kippt die Story in eine Stalker-Geschichte um. – „Abbitte„, der komplexeste Roman McEwans. Die gekränkte Eitelkeit der frühpubertären Schriftstellerin ist ja letztlich die eines jeden Autoren, nur eben unterm Brennglas. Und wie aus einem Vielleicht eine Affirmation wird, wie die Kränkung verstärkt wird durch die pubertäre Scham, durch Klassendünkel, durch sexuelle Prüderie und (wie auch schon in „Zementgarten“) durch die drückende Hitze, das löst die Katastrophe aus, und der Krieg setzt den Schlusspunkt. Abbitte kann es nicht mehr geben, nur noch in den Szenarien, die sich die Phantasie der Schriftstellerin zusammensetzt. – „Saturday„, mit dem ich eigentlich nicht viel anfangen konnte. McEwan anscheinend in seiner eigenen ethischen Unentschlossenheit gefangen: Soll England Truppen in den Irak schicken? Von Deutschland aus gesehen, schien schon die Frage deppert. Und dann steht er stundenlang am Fenster – grübel, grübel und studier, und bleibt so klug als wie zuvor. Die McEwan-Action im zweiten Teil, in dem er wieder erzählerisch aufblüht, wirkt aber narrativ aufgesetzt. – „On Chesil Beach„, ein Bahnhofskauf. Das einzige McEwan-Buch, das ich im Original gelesen habe. Ein junges Paar scheitert an der Hochzeitsnacht. Wie McEwan hier mit Timing spielt, ist unübertroffen, das ist ihm nirgendwo sonst gelungen. Das Ende unerbittlich. Ich schließe das Buch, und werde von einem Weinkrampf gepackt, wie ich es noch nie bei einem Buch erlebt habe. Die absolute bittere Trostlosigkeit der ungelebten und vertanen Liebe.
– Und nun eben „Ein Kind zur Zeit“, das ich wohl irgendwie übersehen haben muss. Der Beginn klassisch-mcewanesk: Ein perfektes Paar wird in die Katastrophe gestürzt, und danach ist nichts wie zuvor. Nur diesmal liegt das Ereignis schon zwei Jahre zurück: Das Verschwinden des Kindes. Was heißt Kindheit, was sollen Kinder lernen, wie unterdrücken wir das eigene Kind, das ewige Kindbleiben gegenüber den eigenen Eltern, worin unterscheiden sich Kinderbücher von Erwachsenenbüchern? Unbemerkt dekliniert McEwan all diese Facetten von Kindheit durch, anhand der Lücke, die das verschwundene Kind im Leben des Kinderbuchautors gerissen hat.
„Noch Tage später, bis die Sache endlich vergessen war, wollte sie immer wieder wissen, wann sie denn nun zurückgehen und ihr neues Leben in der Strandburg beginnen würden. Ihr war es ernst damit gewesen. Stephen dachte, wenn er nur alles mit derselben Hingabe tun könnte, mit der er Kate beim Bau der Sandburg geholfen hatte, wäre er ein glücklicher Mensch von außerordentlichen Fähigkeiten.“
Blinde Angebote sind OK, wenn sie nicht zu groß gemacht werden. Zum Beispiel, ich gebe jemandem ein „Paket“ mit dem Kommentar: „Das ist für Sie abgegeben worden“; zwar schiebe ich dem Mitspieler die Aufgabe des Definierens zu, aber er hat noch immer genügend Spielraum für seine Phantasie. Keith Johnstone zieht die Grenze bei „Lesen Sie dies vor!“, was ich immer noch für akzeptabel halte. Ungemein schwierig wird es aber, wenn man pantomimisch Objekte oder Räume etabliert oder andeutet und die Definition dem Mitspieler überlässt. Grundregel also: Definiere es selbst!
Stephen Nachmanovitch erwähnt in Tao der Kreativität den Temenos, den heiligen Platz des Spielens. Um die Phantasie sich entfalten zu lassen – sowohl beim Künstler als auch beim Publikum brauchen wir einen besonderen Raum. Die Bühne ist insofern nicht nur wegen der besseren Sichtbarkeit erhöht. Auf guten Bühnen wird auch immer meine räumliche Phantasie entfacht, während ich zeitlich eins mit mir bin. Vor einigen Jahren spielten monatelang wir auf einer nett eingerichteten Bühne, und doch hatte ich jedesmal das Gefühl, das ist hier alles nur Pillepalle-Wohnzimmer-Darbietung, der Raum hatte für mich keine Atmosphäre. Keine Pantomime konnte sich vor meinem Auge entfalten. Innerlich wurde ich hektisch – der Einklang mit der Zeit kam abhanden. Man kann hier natürlich kein allgemeines Gesetz formulieren. Als wir mit der Chaussee der Enthusiasten im Cube Club auftraten, war es immer so eng, dass die Zuschauer direkt vor dem Mikro saßen. Eine Bühne im eigentlichen Sinne gab es nicht. Ein schwacher Scheinwerfer beleuchtete den Vorleser. Und dennoch waren die Abende magisch. Der Temenos war reduziert und fokussiert auf den Platz am Mikrofon und den kleinen Tisch an dem die Kollegen saßen. Außenstehende mochten das als Aufhebung der Trennung zwischen Künstlern und Publikum wahrgenommen haben. Aber diese Trennung blieb bestehen, indem das Mikrofon (das wir, wenn wir alle geschulte Stimmen gehabt hätten, an sich gar nicht gebraucht hätten) mehr oder weniger unbewusst ein heiliger Ort inszeniert wurde. Unausgesprochen haben das sowohl wir als auch die Zuschauer so empfunden.
Die Hälfte des Publikums ausländische Studenten, deren Deutsch so schlecht ist, dass sie einfachste Sätze nicht verstehen. Die Stille überträgt sich auf die anderen Zuschauer. Dann auch noch technische Störungen. Wir selber lassen uns tatsächlich manchmal zu einer Mischung aus Überdramatisierung und Auf-der-Stelle-Treten hinreißen. Für häufige Impro-Zuschauer waren viele Szenen sicherlich etwas erwartbar. Dennoch sind wir immer noch effizient genug, um eine ordentliche Show abzuliefern – gute Songs, ein paar überraschende Figuren und Wendungen.
Interview mit Christoph Waltz in der taz: „Ich empfinde als Zuschauer dramatische Schauspielerei als Behinderung. Ich will mich nicht dafür schämen müssen, mein Hirn angeschaltet zu lassen, wenn ich ins Kino gehe. Als Zuschauer wird mir durch zu viel Schauspielerei oft der Blick verstellt. Ich will aber als Schauspieler den Blick des Zuschauers auf die Inhalte lieber frei machen. Im Grunde lässt sich mein Berufsverständnis auf einen Satz reduzieren: Geh aus dem Weg – und gib den Blick frei auf das, was wirklich wichtig ist!“ (…) (zu „Der Untergang“) „Ich sehe nicht ein, wieso ein Staatsschauspieler, dem man ein Bärtchen aufgeklebt hat, mehr Anspruch auf Wahrheit haben sollte als irgendeine Kasperlpuppe.“
Manchmal wird des Spielers Angst vor dem Unbekannten augenfällig in die Szene überführt. Neulich, als wir spontan einen Sänger und Schauspieler, der aber relativ wenig Erfahrungen mit Improtheater hatte, spontan zu einer Szene einluden. War seine Antwort auf das erste Angebot: „Ich wollte mich doch erst mal umbringen!“ Übersetzt: „Ich würde am liebsten abhauen.“ Umgekehrt lieben wir als Zuschauer natürlich Figuren, deren Mut sich aus dem Mut der Spieler speist.
Man muss sich ab und zu mal wieder an die positive kreative Kraft erinnern, die wir bei unseren wöchentlichen Auftritten mit dem Dunkeltheater entfaltet haben. Das Publikum wegen der doch oft fatalen Mischung au Gastronomie und Unterhaltung oft überdreht. Die Gereiztheit durch die Dunkelheit tut ihr Übriges. Und dann kommt als letzter Vorschlag für ein Lied der Titel „Stuhlgang“. Camilla, in einem Rausch von Positivität, Gutmütigkeit und Großzügigkeit, macht daraus ein Lied, über die kleinen Dinge des Lebens, die man alleine tut, und das Wort Stuhlgang wird irgendwo erkennbar für die Zuschauer, aber irgendwie auch unerheblich für die Schönheit des Lieds.
Das erste Mal habe ich es in meinem Lehrjahr 1999 verstanden. Ein heißer Sommerabend bei den Surfpoeten im Bergwerk. Kaum mehr als 20 Zuschauer. Für die Surfpoeten ein schlecht besuchter Abend. Und Ahne stand am Ende der Show am Mikrofon und sang sein Herz aus, als gäbe es diese Gelegenheit nie wieder. Später, als ich mit Sebastian Krämer zu Gast bei einer Show von Andreas Scheffler war, protestierte Sebastian heftig, als auch nur die Möglichkeit in Erwägung gezogen wurde, die Zuschauer heimzuschicken. Er würde auch für einen einzigen Zuschauer spielen. 2003 in New York sah ich (natürlich wieder an einem unglaublich heißen Tag) ein Impro-Theater mit acht Schauspielern, die vor vier Zuschauern spielten. Es war überhaupt keine Frage, ob man auftritt. Schlimmer noch, als in Erwägung zu ziehen, abzubrechen, empfinde ich es, wenn nur eine halbe Show gespielt wird. Wieviel Eitelkeit muss bei Künstlern bestätigt werden, die ihren Einsatz von der Publikumszahl abhängig machen? Vor einigen Wochen im Theater U. waren wir 14 Zuschauer. Aus finanziellen Gründen bräuchten sie mindestens 15 Zuchauer. Ich schlug den anderen Wartenden vor, dass wir alle zusammenlegten für den einen Fehlenden. Und so unwahrscheinlich es im sturen Brandenburg klingt: Alle waren einverstanden. Aber die Künstler lehnten trotzdem ab. Und nun bekomme ich Bestätigung vom ehemaligen Record-Label-Chef von Island Records, der von seinem ersten U2-Konzert berichtet: „Ich sah sie mir in einem Londoner Vorort an. Es kamen vielleicht noch vier, fünf andere Leute mit zu dem Gig, und im Publikum standen auch noch ungefähr vier oder fünf Leute – aber man hätte geschworen, dass es 40.000 waren. Die Band hatte die gleiche Energie und Leidenschaft wie heute.
Gregor Gysi: „Es gab mal eine Magisterarbeit über meine Rhetorik. (…) De beschäftigte sich mit der Frage, warum von einer Kundgebung, auf der Gysi spricht, die Leute so gut wie nicht weggehen, selbst wenn er länger als eine Stunde spricht. Und die Magisterarbeit sagte, das hat einen Grund, der hält keine Rede, sondern er ist scheinbar mit ihnen im Gespräch. Und weil er scheinbar mit ihnen im Gespräch ist, gehen sie nicht, weil man ja nicht mitten aus einem Gespräch geht.“ (…) „Letztlich würde ich mir wünschen, dass wir die Rhetorik nicht so unterschätzen, wie das in Deutschland bisher geschehen ist, ein einziger Lehrstuhl, finde ich, ist zu wenig.“
Höre seit langem mal wieder „Siegfried“ aus dem Ring der Nibelungen von Wagner und bin auf neue Art begeistert. Ja, ich weiß, das ist natürlich politisch alles äußerst zweifelhaft. Und die Story, naja, ich sag mal, sie zieht sich. Aber die Musik und der Text sind schon höchst amüsant. Meine Mitstreiter stellen sich derzeit ständig Stabreimstrophen. Das alles verliert seine Bedeutung und Macht, wenn man anfängt, damit zu spielen. Gibt es eigentlich eine Impro-Gruppe, der es schon mal befriedigend gelungen ist, eine Oper im Wagner-Stil aufzuführen? Feedback gerne hier.
Man lasse seine Intelligenz und sein Wissen in die Improvisation einfließen. Die Figur sollte das, was sie tut, gut beherrschen. Also statt den trottligen Zahnarzt, einen guten Zahnarzt usw. Trottligkeit ist eben auch ur für einen schnellen Lacher gut. Aber auch das eigene Wissen wirklich einbringen. Warum sollen z.B. nicht zwei Truckfahrer in eine moralphilosophische Diskussion abdriften? Viele Improspieler halten mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten hinterm Berg. Ein großartiger Spieler, den ich kannte, hielt sich lange Zeit für „zu ungebildet“ (weil er der Jüngste war), bis ihm seine Teamkollegen vor Augen führten, das er am längsten von allen Theater spielte, sowohl ein abgeschlossenes Studium als auch ene Berufsausbildung hatte, einen Sportsverein leitete und diverse Instrumente spielte. Allmählich ließ er dann davon einiges in seine Bühnenfiguren einfließen, und er wurde brillant. Als Zuschauer will man ja nicht nur oberflächlich spannendes („Sie haben mit meiner Frau geschlafen, Herr Pfarrer“), sondern eben auch Interessantes. Man halte die Augen offen. Ein Improspieler muss eigentlich ein Hans Dampf in allen Gassen sein – kein Thema, was ihn nicht interessiert, egal ob Politik, Philoophie, Naturwissenschaft, Psychlogie usw. Man erkenne Pros und Contras und beziehe auf der Bühne Position – als Figur kann das natürlich eine andere Position sein als die eigene.
Auf der anderen Seite: Doofe Figuren zu spielen, wie Betrunkene, Kleinkinder, geistig Behinderte, demente Greise usw. ist oft auch eine Wahl der Angst. Den diese Figuren brauchen die Folgen ihres Handelns nicht zu tragen, sie sind sozusagen per se amoralisch, da sie nicht für die Folgen ihres Handelns verantwortlich sind. Das heißt wiederum nicht, dass man kein Kind und keinen Betrukenen spielen solle. Es gehört aber ein waches Auge dazu und ein Blick für die Fallstricke. Besoffene und Kinder sind in der Regel höchstens als Passenger gut.
Das Team sollte sich schnell über das Meta-Spiel klar werden: Versuchen wir, eine Story zu erzählen oder bleiben wir auf einer völlig clownesken Ebene? Bei Monty Python wird man selten auf eine wirkliche Story hoffen, es geht da eher darum, immer dann draufzuschlagen, wenn man sich als Zuschauer sicher wähnt und glaubt, einen Faden gefunden zu haben. Es ist das eher närrische Spiel, das sich aus völlig freier Assoziation ergibt.
Wollen wir hingegen eine Story erzählen, dann brauchen wir die Wiedereinführung von Elementen, d.h. Symbole, Handlungsstränge und Bedeutungen, die vorher ausgelegt wurden. Das Akzeptieren und Wiederaufgreifen des einmal Etablierten wird zum entscheidenden Knackpunkt.
Man hat so wenige Tage nur. Sich für einen Ort in New York zu entscheiden, heißt auch, so viel anderes zu ignorieren. Sollte ich mir doch mal die Bronx anschauen oder den legendären gigantischen Friedhof in Queens?
Gebe doch der nostalgischen Seite meines Herzens nach und fahre mit Steffi nach Brooklyn, von wo ich damals 1997 die Stadt erkundete: Damals von der Carlton Avenue zu Fuß bis zur 42nd Street über die Manhattan Bridge, über U-Bahn-Gleise und den Highway. Dynishal und Jessica hatten mich tatsächlich in ihrer kleinen 2er-WG wohnen lassen. Und obwohl es insgesamt vielleicht nur sieben Tage waren, ist mir zumute, als führe ich zurück zu einer früheren Wohnung, die mir so viel bedeutet hat. Wir steigen aus der U-Bahn und ich erinnere mich kaum an irgendetwas. Block für Block neu erkunden, und man weiß nicht, ob die Irritation an den Gedächtnislücken oder an den vielen Veränderungen liegt. Dann endlich das erste Wiedererkennen – der Friseur Snip Snap und der Lafayette Grocery & Dairy, den ich schon fast vergessen hatte, obwohl ich mich doch bei ihm immer noch mit Kleinkram eindeckte, den ich beim Großeinkauf vergessen hatte – also Bier und Schokolade. Würde am liebsten hineingehen und hemmungslos fotografieren.us14 Und so bleibe ich zwanzig Meter entfernt stehen und zoome mit Steffis neuer Super-Zoom-Kamera von Weitem auf die Schaufenster und die Auslage.
Schwieriger noch: Das Haus von damals zu finden. Stelle das Foto von damals nach, ungefähr an jenem Eingang von damals, aber eben nur ungefähr, wie ich später feststelle.
Zeitungslektüre im arabischen Restaurant. Alle sind sauer auf Obama, weil ein Regierungs-Flugzeug am Vortag über Manhattan gurkte, gerade zu der Zeit, als wir dort langspaziert sind. Seltsam – in Washington vor ein paar Tagen hat sich ja auch ein Flugzeug zur Zeit unserer Anwesenheit verirrt. Komisch, wenn man als Reisender das Gefühl hat, Ereignisse herbeizuprovozieren. So ging es mir, als ich 1991 gerade in der Nacht von Simferopol nach Moskau fuhr, als dort der Putsch gegen Gorbatschow stattfand – das Weiße Haus (das Moskauer Parlamentsgebäude) wurde besetzt. Zwei Jahre später – im Herbst 1993 war ich wieder in Moskau. Wieder wurde das Weiße Haus wieder besetzt, diesmal von Kommunisten, die ein demokratischeres Procedere von Jelzin forderten. Jelzin war nicht so feinfühlig wie seine Gegner zwei Jahre zuvor – er ließ das Weiße Haus mit Artillerie beschießen. Jochen ging es ja ähnlich, als er immer dort auftauchte, wo gerade Terroristen etwas in die Luft jagten: 1) Anschlag auf die Moskauer Metro, 2) Anschlag auf den Moskauer Fernsehturm, 3) Anschlag auf die Zwillingstürme es WTC in New York. Es ist unglaublich heiß, und obwohl uns Brooklyn gefällt, macht es doch nicht wirklich Spaß, hier herumzulaufen. Nach einer Pause im Park geht’s uns besser. Ich nutze die Zeit, um meinem neuen voyeuristischen Hobby nachzugehen.
Sowohl Steffi als auch ich haben Schulfreunde, die es hierher verschlagen hat – sie B., ich C.. Man trennt sich für diesen Abend und sucht seine Erinnerungen zusammen. C. nimmt die Mühe auf sich, sich mit dem Bus durch New Jersey zu quälen. Vom Bus-Terminal bis zum ersten Restaurant sind schon mal alle wesentlichen Fakten abgehandelt – Wie sind die letzten Jahre verlaufen (d.h. nach dem Klassentreffen 1999), in terms of kids, home, work. Das Tempo überrollt einen fast, aber dann kann man zum Eigentlichen kommen. Meistens bemerkt man ja bei Schulfreunden, wenn man sich nach Jahren wiedersieht, eine leichte Entfremdung, was wohl der Grund ist, warum viele Klassentreffen so sehr hassen: Man müsste so tun, als sei alles in Butter. Aber hier ist es eher umgekehrt. Ich erinnere mich nicht, mich in Schulzeiten je so gut mit ihr verstanden zu haben. Und die Wende ist natürlich auch ein Thema. Ich dachte, sie wäre damals ’89 per Ausreiseantrag abgehauen, aber sie gehörte zu den Ungarnflüchtlingen. Und irgendwie spielt mir meine Erinnerung einen Streich, was die Gründe anbetrifft. Nein, keine familiären, ihre Eltern haben sie immer unterstützt. Und die Reise in die USA war dann nur ein konsequenter weiterer Schritt. Jetzt ist sie glückliche US-Staatsbürgerin und muss, weil der Gatte einen Job in Bayern ergattert hat, zurück nach Deutschland, wobei "zurück" natürlich geprahlt ist, denn was hat Süddeutschland schon mit ihr zu tun? Ein vermittelter Blick auf mich damals: Wie ich im Unterricht politische Diskussionen vom Zaun brach – die eine Hälfte der Klasse war froh, dass es keinen Unterricht gab, die andere Hälfte starrte fasziniert auf den Schlagabtausch, den ich mir mit den Lehrern lieferte. Ich bekam ja nur selten mal moralische Unterstützung. Wieviel Zivilcourage darf man von jemanden erwarten? Wenn es schon in der Schule nicht geht? Niemand wird weggesperrt, niemand hätte mit ernsten Konsequenzen zu rechnen. Aber man schweigt diesmal, es ist ja nur eine unbedeutende Sache und man will sich nicht den Ruf versauen. Und allem, was politisch konnotiert war, haftete sowieso ein Ruf an, man könne sich daran die Finger verbrennen. Eine schöne, warme Nacht. Am liebsten würde ich die ganze Zeit filmen und fotografieren, wie es so aus C. heraussprudelt. Aber man will es ja nicht durch die Linse vermittelt erleben, und als ich dann am Ende doch noch mal den Apparat anschalte, ist die Batterie alle. Es ist viel zu spät, als wir uns verabschieden, der Bus fährt lange nach New Jersey, und sie wird früh aufstehen. Aber sie klagt nicht. Steffis Treffen mit B. endet unwesentlich später. Zurück im Hostel. Es ist heiß. Unsere letzte Nacht in New York. Und wie ich bei solchen Gelegenheiten immer denke – vielleicht für immer.
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Mittwoch, 29. April 2009
Früh aufstehen ist wichtig, wenn man Richtung Osten fliegt und den Jet Lag auf ein erträgliches Maß begrenzen will. Schlimm erging es mir letztes Jahr auf dem Flug von Berlin nach Shanghai. Ich brauchte drei Tage, um einigermaßen eingependelt zu sein. Und extrem war es 1997, als ich von Jet Lags nur die milde Variante kannte, im Flugzeug nicht schlief und dann 12 Stunden in Amsterdam auf das Anschlussflugzeug warten musste. Todmüde, und ich fand keinen Ort zum Schlafen. Bis in die hintersten Treppen ungenutzter Gates drangen die Durchsagen auf Niederländisch, Englisch und Deutsch. Bis ich schließlich den International Prayer Room fand – ohne singende Hare Krishnas oder Gymnastik treibende Muslime. Ich stellte den Wecker und ruhte immerhin noch eine Stunde. Zuhause hatte mein Untermieter inzwischen die Wohnung komplett umgestaltet, was mich nicht weiter scherte, denn es wartete auf mich – das Bett. Inzwischen war schon wieder richtige Bettgehzeit: 22 Uhr, und man könnte denken, besser geht’s doch nicht, aber nach vier Stunden, also 2 Uhr nachts wachte ich blitzartig auf, ohne zu wissen, wo ich sei und wie ich hierherkam. Dass das alles irgendetwas mit mir zu tun haben müsse, erkannte ich ja an den Möbeln, die mir bekannt vorkamen (schließlich waren es meine eigenen), aber das bereits erwähnte Umgeräume hatte zur Folge, dass ich mich wie in einem Alptraum fühlte oder besser gesagt: Ich glaube, dass diese Momente ein Vorgeschmack dessen ist, was einen bei Demenz erwartet – ein Gefühl permanenter Verunsicherung und Konfusion; denn da einem die äußere Orientierung fehlt, weiß man auch kaum mehrwer man ist. Da Demenz inzwischen so weit verbreitet ist, dass jeder vierte von uns daran erkranken wird, sollte man sich schon mal vorbereiten – Training der Hirnzellen, z.B. indem man seltsame Handlungen lernt, z.B. ein Musikinstrument oder links und rechts vertauschen. Aber was tut man, wenn es erst mal so weit ist? Bei Walter Jens, so beschrieb Inge Jens in einem Interview, ging es so rasch voran, dass jeder Plan, den er und seine Frau sich zurechtgelegt hatten (vom anfänglichen "Wie soll jetzt der Roman beendet werden" bis hin zur Option Selbstmord), immer wieder eingeholt wurde vom neuen Zustand der Krankheit, bis er dann völlig entrückte, so dass sie sich sagte: Das ist nicht mehr mein Mann. Wie weit muss das gehen? Man sieht dem Menschen in die Augen, den man jahrelang liebte und von dem man geliebt wurde, und es kommt kein Zeichen des Erkennens zurück. Und selbst dieses Gefühl ist in Momentaufnahmen schon erlebbar, streckt wie ein Monster aus der Zukunft schon seine Tentakeln kurz in die Gegenwart. Als ich nämlich vor ein paar Wochen erwachte, noch in der dämmernden Phase, fragte ich mich, mit welcher Frau ich denn gerade zusammen sei, deren Bein ich da an meinem spüre. Ich ging sie alle durch in meinem Kopf, die mit denen ich länger zusammen war und die, mit denen man es bei einer Affäre beließ, ich kam einfach nicht drauf. Ich hätte mich natürlich umdrehen können und nachschauen, aber es war wie bei einem eingeschlafenen Arm oder Bein, man scheut die schmerzende Bewegung, die auch nicht recht funktionieren will und hofft, dass es gleich von selbst wieder geht. Und ging es ja dann auch. Gerade sie, die ich so liebe, war meinem Geist entflogen. Wir packen. Es ist nicht gerade viel, in diesem kleinen Zimmer haben wir ja aus den Rucksäcken gelebt. Der Metallspind war ja eher ein Witz, der schon, wenn man nur ein Buch darin abzulegen beabsichtigte, ins Wackeln geriet. Eine gute Stunde haben wir noch. Sagen wir doch dem Central Park Good-bye.Ich versäume die russische Tradition, eine Münze ins Reservoir zu werfen. (Der Gedanke dahinter ist, dass man auf diese Weise die Rückkehr an den Ort beschwört, da man etwas zurückgelassen hat), aber es ist illegal, und wer weiß, was man uns aufbrummen würde fürs Geld reinschmeißen. Ein letztes Mal also Rumalbern an diesem großartigen Ort. Der große See. Im schönen Park. In der beeindruckendsten Stadt. In diesem großartigen und doch seltsamen Land.
Unser Gabelflug zwingt uns, wieder den Weg über Detroit zu nehmen, und deshalb fliegen wir nicht vom JFK-Airport, sondern von Newark. Im vollen Bus. Und noch einmal muss ich darüber lächeln, dass ich die ganze Zeit meinen Laptop mitgeschleppt habe, und ihn nur 2 Stunden benutzen konnte, da das Netzteil zuhause liegt. ("Da liegts jut.") Die letzten Dollars für Imbiss ausgeben. Erwartungsgemäßes Warten im Flughafen. Wir setzen uns abseits vom Trubel in den entferntesten Winkel und dort liegt eine alte Jacke und etwas Krempel. Man will ja kein Schwarzmaler sein – aber eine alte Jacke im Flughafen? Dazu überall die Schilder, man möge rumliegende Gegenstände melden. Also geben wir einer Flughafendame bescheid, die netterweise erst mal selber nachschaut, bevor sie Remmidemmi veranstaltet. Sie hebt die Jacke hoch und kommt in Riechweite. Ja, sagt sie, der Geruch komme ihr bekannt vor, der gehöre zu einem Obdachlosen, der sich hier manchmal ausruhe, den kenne sie schon. Dass sie hier einen Stammobdachlosen haben, den sie am Geruch erkennen, wundert einen dann auch wieder. Überall sonst müssen sich die armen Kerle Mühe geben, nicht als solche identifiziert zu werden. Mit leichter Verspätung landen wir in Detroit. Nun doch noch einen Happen essen. Gab es nicht noch mal eine Zeitumstellung? Doch erst schauen, von welchem Flugsteig wir abfliegen sollen? Nein, erst essen. Nein, erst schauen. Diesmal bin ich es, der auf Nummer Sicher gehen will. Und siehe da, für unseren Flug, der von der anderen Seite des Flughafen abgeht, ist schon seit 10 Minuten Einsteigen. Wir hetzen über die Laufbänder. Beim Einsteigen der bei solchen Gelegenheiten übliche freundliche Blick der Angestellten, in dem man eine Spur mahnendes "Beim nächsten Mal aber bitte pünktlich!" herauszulesen glaubt, oder ist das Einbildung.
Neben uns zwei iranische Kinder und eine Frau, hinter mir auch ein Perser, die aber, wie sich bald herausstellt, nicht zusammengehören, aber alle auf dem Weg in den Iran. Ich schließe die Augen, und während ich in den wenigen Stunden, die die Nacht nur dauert, ein bisschen Schlaf zusammenklaube, sucht mein Hirn, immer wenn ich aufwache, nach persischen Vokabeln, um wenigstens ansatzweise ein bisschen Konversation zu betreiben. Das Einfachste wäre natürlich Englisch, aber sollen die zweieinhalb Jahre Persischlernen reiner Selbstzweck gewesen sein? Verben: Sein, Haben, Gehen, Kommen und natürlich Geben, das auf wundersame Weise den Wortstamm "da" (plus Infinitiv-Endung) im Spanischen (dar), Russischen (дать), und eben auch im Persischen ( دادن )behält. Aber was hieß noch mal Fliegen? Ich komme nicht drauf Und ich brauche eine Minute, bis mir die persische Vokabel für Essen einfällt. Am Morgen, als die Kinder auch aufwachen, lasse ich Gerda mit ihnen kommunizieren. Sie kommt auch mit weniger Sprache aus und ist für die Kinder sicherlich faszinierender, als ein 40jähriger, persische Vokabeln zusammenstoppelnder Deutscher.
Es klappt. Beide amüsieren sich königlich, und ich erfahre, dass sie از تهران هستند. Eine so schöne Sprache, so schöne Menschen, gutes Essen, eine farbenprächtige Geschichte, ein wundervolles Land, und ich kann doch, gerade wenn ich die Sprache lange nicht gehört habe, den Gedanken daran abschalten, wie dort das Denken unterdrückt wird, wie die Menschen, ähnlich wie im postrevolutionären Russland abgeschlachtet wurden – für nichts als eine vermutete Abweichung.
"Good-bye, America. Где я не буду никогда", hieß es in einem russischen Lied, von dem ich mir nur diese Zeile gemerkt habe – sonst kenne ich nichts, weder Strophe, noch die weitere Melodie, und nicht einmal Titel oder Sänger – vielleicht Kino oder Wyssozki? Nautilus Pompilius. Icke war schoma da. Und es war sicherlich nicht das letzte Mal. Inschallah.
us14Und jetzt frage ich mich natürlich, warum ich den Betreiber nicht einfach drum gebeten habe, er hätte es sicherlich erlaubt.… Weiterlesen
Nach dem letzten Interview, bei dem die Reporterin die Fragen ablas und stur weiterfragte, unabhängig von der Antwort, nahm ich mir eigentlich vor, beim nächsten Mal abzubrechen oder mein eigenes Spiel daraus zu machen. Gestern nun ein eigentlich sehr sympathischer Typ, der für ein Internetradio arbeitet. Er liest stur ab, wiederholt auch, nachdem wir ihm schon zwei mal den Unterschied erklärt haben, seinen Faux Pas zu behaupten, Lesebühnen seien Poetry Slams. Dann die Höhe: Während ich antworte, dreht er sich um und redet mit seinem Kollegen. Soll man da aufstehen und gehen? Oder großmütig sein und ihm trotz seiner 50 Jahre seine Rabaukenhaftigkeit verzeihen?
Ich liebe es, einfach zu Fuß die Insel zu durchqueren, von Süden nach Norden. Wenn man selbst frei ist von Verpflichtungen, springt man praktisch in den Strom der Passanten und lässt sich treiben. Wir starten an der Brooklyn Bridge. Zwei Wasserverkäufer-Pärchen. Das ein steht am Anfang der Brücke und zelebriert das Wasser, den Verkauf, das Leben; es fühlt sich fast wie Betrug an, nichts von ihnen zu kaufen. Das andere lümmelt im Schatten des Turms und bietet schlechtgelaunt seinen Vorrat an. Man glaubt zu wissen, dass die hier den Gewinn sowieso nur in Drogen umsetzen werden. Die beiden Pärchen wissen sicherlich voneinander nichts. Und wüssten sie voneinander, würden sie ihr Verhalten kaum ändern.
Touristenproblem: An Orten auf Toilette müssen, die keine Toilette haben. Ein ständiges Kalkulieren: Wie lange hält man’s noch aus? Soll man im Wall Street Bezirk in ein schickeres Restaurant gehen und sein Anliegen vortragen oder pro forma einen Kaffee für 4 Dollar bestellen? Oder vielleicht doch darauf hoffen, dass bald ein McDonalds auftaucht, der es einen gratis erledigen lässt. Je länger man sich mit der Entscheidung Zeit lässt, umso mehr verringert man seine Optionen. Für wieviele Jahre man in den Knast muss, wenn man von der Brooklyn Bridge pisst? Und gibt es da unterschiedliche Strafen für Frauen und Männer?
Pflichtgemäß kurz zum WTC. Die Lücke schmerzt. Von der Baustelle ist nicht viel zu sehen, alles mit hohen Bretterzäunen abgesperrt. Vielleicht täte das alles nicht so weh, wenn sie es ähnlich wie am Potsdamer Platz mit Offenheit und Optimismus betrieben. Im Village. Ich finde den schönen kleinen Buchladen nicht, in dem ich vor sechs Jahren meine Finanzreserven ließ. Nach und nach gelingt es auch Steffi, sich treiben zu lassen. Pause auf dem Washington Square. Schade. Die Hälfte ist wegen Baumaßnahmen gesperrt. Also auch keine Open Stage Performances, die ich so geliebt habe. Steffi ruht, während ich die Zoom-Technik ihrer neuen Kamera ausprobiere und mich gleichzeitig bemühe, die Grenze zum Spannen nicht zu überschreiten. Ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht. Erleichtere mein Gewissen, indem ich das Video veröffentliche. Vielleicht erkennt sich ja jemand wieder und verklagt mich wegen Spannens. Der Arm des amerikanischen Gesetzes lauert, denn ich hatte ja schließlich auf meinem Visa-Waiver angekündigt, nichts Unmoralisches auf dem Boden der USA zu tun. Immerhin ist ja niemand nackig oder halbnackig gewesen.
Überlegungen zur Abendgestaltung: Ich würde gern eine gute Off-Tanz-Performance sehen. Steffi "Avenue Q". Die billigsten Karten laut Time Out 80 Dollar. Steffi spekuliert darauf, dass wenn sie am frühen Abend an die Kasse geht, der Kassierer ihren Internationalen Studentenausweis für ein VIP-Dokument hält und sie für umsonst reinlässt oder dass Gott ein Ticket auf sie regnen lässt oder dass just in dem Moment ein Touri-Pärchen hereinkommt, dass genau noch eine Karte für 12 Dollar übrig hat – erste Reihe natürlich. Ich verschwende nicht viel Energie darauf, sie umzustimmen. Das Musicaltheater liegt sowieso auf meinem Weg, und falls sich der Kassierer nicht erweichen lässt, Gott sich wieder mal nicht blicken lässt und das spendable Touri-Pärchen doch nicht auftaucht, muss Steffi eben mit zur Tanzperformance. Die Sonne brennt, der Broadway wird immer dichter, man wühlt sich ohne Stress durch den Menschenstrom. Vor dem John Golden Theater in der 45th die Ankündigungen für "Avenue Q". Steffi bequatscht den Kassierer und missdeutet wohl, wie ich aus dem Augenwinkel zu erkennen vermute, seine Höflichkeit als Verhandlungsbereitschaft. Aber da ist nichts zu machen, Studentenrabatt – wo gibt’s denn sowas? Sie spielt tatsächlich mit dem Gedanken, 80 Dollar für ein Musical auszugeben. Ich halte mich zurück. Die Eingangstür öffnet sich. Ein Touri-Pärchen tritt ein. Sie wollen ihre Karte zurückgeben. Leider nur eine. Kostet 12 Dollar. Erste Reihe. Sie machen Steffi glücklich. Und mich auch. Denn ein Mann kann nur glücklich sein, wenn seine Frau glücklich ist. Katzen würden vielleicht Whiskas kaufen, Männer sollten Musicalkarten kaufen.
Und noch einmal Zeit verplempern im Starbucks. Blättere in der Zeitschrift mental_floss, die ich mir eben gekauft habe, ohne recht zu wissen warum. "The 10 issue" präsentiert im ganzen Heft nur "10 Dinge, die…". Als Mann bin ich wohl für Top-Ten-Listen empfänglich. Und beim Kaufen dachte ich, dass dies überhaupt eine Top-Ten-Zeitschrift sei. Aber am Ende enttäuscht es dann doch. "Ten important kisses in the universe" und "The 10 messiest food festivals". Gepflegte Langeweile vor nicht mal so schlechtem Kaffee.
Die Tanzperformance in derselben Straße, im "The Tank". Ich komme, als noch oder schon wieder rumprobiert wird. Kulissen hin und her geschoben, Soundchecks, kurios kostümierte Tänzerinnen. Aber irgendwie wirkt alles mehr wir ein Ab- oder Aufbau, die Vor- oder Nachbereitung einer Probe. Jemand erbarmt sich meiner. Nein, die Show wäre zwei Etagen drüber. Vor der Tür verkauft ein etwas zu lauter Typ Karten für die Show. Nein, keine Tanzperformance. Aber eine Impro-Comedy-Show. Es koste 20 Dollar und ich könne soviel Bierdosen mitnehmen wie ich wolle. Ich wäge ab. Die Tanzperformance fällt also aus. Ob ich auf die Schnelle eine gute Abendgestaltungs-Alternative finde, ist fraglich. 20 Dollar? Der in der BWL sogenannte Snob-Effekt tritt ein: "20 Dollar? Dann kann es ja nicht schlecht sein." Ich gebe ihm den Schein, er befüllt meine Tüte mit fünf Dosen, ich stoppe ihn und sage, das genügt, trete ein und im selben Moment beginnt die Show. Fünf Frauen spielen eine Show, die offenbar alles andere als improvisiert ist, sondern choreographiert. Der Inhalt (es scheint wie ein Fluch): Sex und Gewalt. Vielleicht wäre ich, wenn dies die erste Woche meines Aufenthalts wäre, noch etwas toleranter, aber ich habe die Nase voll von der billigen sex sells Attitüde, die die Inhaltslosigkeit nur verdeckt. Nach 10 Minuten gehe ich und bin zu stolz, mein Eintrittsgeld zurückzufordern. Idiotisch. Setze mich wieder nach unten. Sie bauen also ab. Auch das ist schön: Professionelle Künstler beim selbstverständlichen Abbauen ihres Equipments zu beobachten. Die Sorgfalt, die Eleganz, die gelassene Großzügigkeit im Umgang miteinander. Ein angenehmer Sommerabend im April. Als dann doch alle aufbrechen, setze ich mich vor die Tür und will mir eines der Biere, die ich immerhin noch vom zweiten Stock bei mir habe, öffnen, da fällt mir "the law" ein. Wie schade.
Dafür setzt sich eine Tänzerin zu mir, die sich die Achillessehne gezerrt hat. Sie fürchtet, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres wegen einer Verletzung auftrittsunfäig zu sein. Verglichen dazu sind die Ängste eines Berliner Lesebühnenautors Pimpelpampel. Schlendere zurück zum John Golden Theater, die Vorstellung müsste bald vorbei sein. Steffi kommt mir auf der Straße glücklich entgegen und berichtet von einem weiteren Unterschied, der einem im Film oder Fernsehen nicht deutlich gemacht wird: Amerikaner verlassen nach kurzem Applaus sprunghaft, ja regelrecht panisch das Theater. Da Steffi noch mal auf Toilette musste, wäre sie beinahe eingeschlossen worden. "So! Man hat sich amüsiert! Was kommt als nächstes dran?", mag das Mantra des nimmermüden Otto-Normal-Amis lauten. Langsam wandern wird zurück, widerstehen dem Hereinspaziert, lassen die Wärme, die Stadtgeräusche und die bunten Lichter auf uns einprasseln.
Wie ich hier schon geschrieben habe, sehe ich es als Aufgabe des Impro-Lehrers, den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich von den Barrieren, die sie an der Freiheit des Improvisierens hindern, zu befreien. Das ist zunächst mal völlig unabhängig vom Talent. Für improvisierende Schüler liegen die Barrieren an verschiedenen Stellen: Den einen plagt die durch Perfektionismus befeuerte Angst vor der Blamage, andere öffnen sich nicht dem Akzeptieren fremder Angebote, weitere ziehen sich lieber immer wieder auf Bewährtes zurück. Jedem Schüler möglichst viele Angebote zur Hand geben, damit er mit den für ihn passenden Spielen lernt, das sollte ein Ziel des Impro-Lehrers sein.
Bekanntlich fließt die Zeit auf der Bühne oft etwas anders. Eine Grundübung, um ein Gefühl für Timing zu entwickeln: Alltägliche Handlungen temporalisieren. Z.B. versuchen, genau eine Minute abzuwaschen oder zu singen. Auch möglich: Auf der Bühne nach einer Szene auf die Uhr schauen, nachdem man die Dauer selber geschätzt hat. Sollte allerdings unauffällig und vom Publikum unbemerkt bleiben. Denn auf der Bühne wirkt alles ostentativ. Und also wirkt man wie jemand, der sich fragt, wie lange er denn hier noch spielen muss. Musizieren trainiert natürlich auch.
Tiere sind bekanntlich eine wunderbare Inspiration für Figuren. Bei Anfängern sehe ich oft, dass sie Tiere eher cartoonhaft imitieren: Beinheben und dabei „wuff“ sagen oder Rüssel andeuten und „Törö“ sagen. Zur Inspiration werden Tiere dann, wenn es uns gelingt, in ihre Haut zu schlüpfen und die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten. Jemand, der beispielsweise eine Katze als Inspirationsquelle nutzt, muss gar nicht auf allen Vieren rumrennen, sondern es kommt auf die innere Haltung an, die Spannung, die Eleganz, die Geschwindigkeit, der Blick auf die Welt
„Die Realität ist auf deiner Seite, sei du auf ihrer! Lass das Leben sprechen! Vergewaltige es nicht! Wisse, dass es die Bürgerlichen nicht sprechen lassen! Du aber darfst es. Du musst es. Such dir die Punkte, wo die Realität weggelogen, weggeschoben, weggeschminkt wird. Kratze die Schminke an!“ (Brecht an Grete Steffin 1935 über deren Stückentwurf „Wenn er einen Engel hätte“)
In seltsamer Einhelligkeit wird von Musikwissenschaftlern und -liebhabern auf Mozarts Moll-Kompositionen verwiesen, die ein Beleg für seinen persönlichen Schmerz seien und angeblich beweisen, dass er ein ernstzunehmender Komponist sei. Bestes Beispiel: Die „kleine“ g-moll-Sonfonie, die er im Alter von nur 17 Jahren geschrieben hat. Diese Sinfonie ist tatsächlich unglaublich, aber soll denn tatsächlich, alles, was er vorher geschrieben hat, Pillepalle gewesen sein, nur weil es eben heiter ist? Es erinnert mich an die endlose Diskussion von Komödie und Improtheater.
Man sollte ruhig Vorschläge aus verschiedenen Zuschauerreihen fragen.Naheliegend ist natürlich die erste Reihe. Problematisch, vor allem in größeren Sälen, dass diese Vorschläge nur von den Spielern auf der Bühne verstanden werden, nicht aber von den anderen Zuschauern. Aus den hinteren Reihen kommen eher mal „freche“ oder versaute Vorschläge. Der Versuchung, immer dieselbe Besuchergruppe zu fragen (auch wenn sie sehr dominant ist), sollte man widerstehen.
Unsere Persönlichkeit ist also geprägt von unserem Verhältnis zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Unser Handeln wird davon beeinflusst, auf welche dieser Zeiten wir fokussieren und in welcher Weise. Vergangenheit – positiv oder negativ Gegenwart – hedonistisch oder fatalistisch Zukunft – lebenszielorientiert oder transzendentalistisch (auf ein Leben nach dem Tod) Der ideale Persönlichkeitstyp, der gelernt hat, den zeitlichen Fokus flexibel zu halten und die anderen Aspekte zunächst zurückzustellen, ist also folgendermaßen strukturiert: Vergangenheit positiv – hoch. (Verwurzelt uns) Gegenwartshedonismus – gemäßigt (Verleiht uns Energie.) Zukunft – leicht erhöht (verleiht uns Flügel) Vergangenheit negativ – niedrig Gegenwartsfatalismus – niedrig
In der Regel werden wir durch eine Perspektive dominiert. Improvisation trainiert den Gegenwarts-Muskel. Aber können wir ihn auch übertrainiern, so dass wir zu süchtigen Hedonismus-Idioten werden?
Am letzten Abend in Washington noch drei Bücher gekauft: Steinbecks "Of Mice and Men", Philip Roth‘ "Portnoy’s Complaint" und noch mal ein philosophisch-spirituelles Lebenshilfebuch: David Ricchio: "The Five Things We Cannot Change… and the Happiness We Find By Embracing Them". Nicht dass ich letzteres von vorn bis hinten lesen würde, dafür ist es auch etwas zu spröde geschrieben. Aber es eignet sich ganz gut als Zwischendurch-Lektüre. Hier also die fünf Dinge, die wir nicht ändern können: (1) Alles ändert sich, und alles vergeht. (2) Die Dinge laufen nicht immer nach Plan. (3) Das Leben ist nicht immer fair. (4) Schmerz ist ein Teil des Lebens. (5) Menschen sind nicht immer loyal und fair. zu 1) Schon allein die Tatsache, dass das Leben endet, bekommt man eigentlich nur schwer in den Kopf. Für ein Kind ist Tod doch etwas sehr abstraktes oder zumindest fernes. Aber sobald wir erwachsen werden, scheint unser Bewusstsein angesichts der Unabwendbarkeit des Sterbens durchzudrehen. Wir phantasieren ein Jenseits herbei, und wenn man sich anschaut, mit welchen Mitteln dieser völlig an den Haaren herbeigezogene Glaube über die Jahrtausende verteidigt wurde, kann man sich schon vorstellen, wie wichtig es den Christen und Moslems ist mit ihrem schönen After-Life-Paradies. Angenommen eine Gruppe intelligenter Aliens landete auf der Erde, ich wäre gespannt, wie ein Theologe denen erklären wollte, wie er darauf kommt, dass er nicht sterblich sei. Aber nicht nur die Religion ist eine der Ausflüchte, auf die wir zurückgreifen. Sucht oder auch Ablenkung überhaupt werden auch immer wieder gern genommen. Ich entdecke hier eine interessante Mini-Meditation: Man suche einen Ort der Stille, setze sich und konzentriere sich auf den Atem, ohne ihn zu forcieren. Dann denke man an etwas, das ein gerade belastet und atme diese Belastung ein; das Ausatmen hingegen sei pure Liebe. (Ich visualisiere das als Goldstaub.) Tatsächlich probiere ich diese Meditation beim Gehen aus, es scheint zumindest ansatzweise zu wirken. Scheinbar seltsam, dass man das Negative einatmet, aber irgendwann hat man das Gefühl, dass einem nichts mehr anhaben kann.
In welches Zimmer sollen wir nun wechseln? Lange Diskussionen mit dem Rezeptionisten – inzwischen der Dritte, mit dem wir nun über unsere Buchung hier verhandeln.. Am Telefon der Chef, der meinte, er habe uns extra für alle Tage das bessere Zimmer reserviert. Bin misstrauisch, aber der Ton ehrlicher Verzweiflung in seiner Stimme überzeugt mich dann doch. Die Buchungsgebühren standen natürlich nur als Fußnote im Internet. Heißes Wasser käme, wenn man nur lange genug darauf warte. Länger als 15 Minuten? Oder meint er bis zur Renovierung des Gebäudes? Am Nachbarhaus sind sie ja schon beschäftigt. Und in unserem Nebenzimmer wird ab 10 Uhr gebohrt, wofür wir dem Bohrer dankbar sein müssten, denn er erleichtert uns die Wahl, ob wir noch ein wenig faul im Bett dösen wollen oder den Tag aktiv beginnen. Das Gratis-Frühstück des Hostels wenig beeindruckend, also im benachbarten Café, das offenbar ein Drittel seines Publikums aus dem Hostel bezieht. An dessen Wänden Fotos der Präsidenten und ihrer Hunde. Das Angebot schmal und mäßig schmeckend. Eier und Schinken, man kriegt’s runter. Zum Hostel Kitchen noch zu bemerken, dass es mit den Figuren von "Green Eggs and Ham" illustriert ist.
I would not, could not, in a box. I could not, would not, with a fox. I will not eat them with a mouse. I will not eat them in a house. I will not eat them here or there. I will not eat them anywhere. I do not eat green eggs and ham. I do not like them, Sam-I-am.
Der Hintergrund dazu fehlt mir komplett. Der aggressive Ton deutet auf eine ugly version von Garfield. Immer, wenn ich diese heiße, nach altem Fett riechende Küche betrete, denke ich, dass ich das mal googlen müsste (Gibt es schon ein entsprechendes Verb für "Bei Wikipedia suchen"?), aber dann erscheint es mir doch zu unwichtig, wenn ich mich mit MasterCard einlogge (der PC dafür steht passenderweise in der Küche, und die Tastatur fühlt sich entsprechend an). Die Hitze, das Sich-Sortieren, die Wünsche aufeinander abstimmen, ausgiebiges Frühstücken, wir kommen nicht recht vom Fleck. Einkaufen müssen wir auch noch. Versuche jedes mal, Steffi davon zu überzeugen, die Gepäckmenge gering zu halten. Aber ohne Kekse, Buch, Reiseführer, Schal, Wasserflasche, Fotoapparat geht sie nicht los. Und wenn das so ist, kann ich ja noch ein zusätzliches Buch in ihren Rucksack stecken. Und Gerda. Da ich meine Zahnbürste in Washington liegengelassen habe, kaufe ich nun hier eine in der Drogerie. Aber da wir nun mal langsam aufbrechen müssen, bestehe ich darauf, mir meine Zähne unterwegs zu putzen und jetzt nicht noch mal ins Hostel zurückzulatschen. Die Gegend hier war lange Zeit deutsch geprägt. Man erschrickt immer ein bisschen.
Spazieren Richtung Süden am East River entlang. In New York muss ich immer erst kurz überlegen, wo East und wo West ist. Zwar weiß ich meistens, wo ich gerade bin, dass Straßensystem ist für einen Orientierungsidioten wie mich geradezu geschaffen, aber ob wir jetzt in der Upper East oder Upper West wohnen, kann ich erst sagen, wenn ich es mir vor Augen führe. Genauso geht es mir mit dem Hudson und dem East River. Queens auf der anderen Seite. So langsam fängt Steffi an, die Stadt zu genießen. Ein zehn Quadratmeter großer Park. Ich putze mir die Zähne. Das teure Mineralwasser!
Nun also in den Central Park. Habe Steffi schon so viel davon vorgeschwärmt, dass ich fast befürchte, sie könne enttäuscht sein. Aber wie kann man den Central Park nicht lieben. Eine Oase in der schnellsten Stadt der Welt. Beinahe wie in Tucholskys Gedicht "Das Ideal"
Ja, das möchtste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße (…)
Kekse und Hot Dogs. Ruhe.
*
Die Ruhe wird nach und nach gestört durch immer näher kommende Humptata-Musike. Wir tippen auf Familienunterhaltung, wahrscheinlich wegen der kreischenden Kinder. Aber es ist, wie wir später erfahren, griechischer Unabhängigkeitstag, und den zelebrieren die Griechen, wie alle anderen in New York, mit einer Parade. Und noch einmal treffen mit Rebecca, ihren Kindern und ihrem alten Dad, der mir vor sechs Jahren unermüdlich die UCB empfahl, bis ich schließlich nachgab und eines der großartigsten Improtheater erlebte. Der Zoo von Manhattan freilich mickrig. Da bietet selbst Eberswalde mehr. Immerhin Pinguine und zufällig ist auch gerade Fütterung. Gerda stiehlt den "echten" Tieren beinahe die Show.
Am Lennon-Gedenkstein. Yoko wohnt immer noch im Dakota Building, man könne sie manchmal hinter den Fenstern sehen, und am 8. Dezember steht immer eine Kerze im Fenster.
Suchbild: Finde die Yoko
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Am Abend geben wir dem UCB noch eine zweite Chance. Wieder eine Enttäuschung. Vulgäre Sexphantasien ohne Witz. Man hat langsam den Kanal voll. Und die Toleranzschwelle verschiebt sich, bis man schon angewidert reagiert, wenn überhaupt Sex erwähnt wird. Man kann ihnen noch zugute halten, dass sie jung sind und in der Phase sind, die Keith Johnstone als "obszön und psychotisch" beschreibt, d.h. man muss da mal durch, um es hinter sich zu lassen. Das Tabu brechen, um sich der eigenen Freiheit zu vergewissern und letztlich auch zu erkennen, wo das Tabu überhaupt liegt. Aber es scheint fast Konzept zu sein. In dem Moment, wo eine Szene zwischen einem Liebespaar zärtlich zu werden droht, kann man schon darauf warten, dass die Schauspielerin aufspringt, sich obszön positioniert und "Fuck me!" schreit oder der männliche Spieler irgendwas von Schwanzlutschen oder Vergewaltigen erzählt. Vielleicht sollten die Amis das Wort Fuck endlich im Fernsehen zulassen, dann verlöre es seine Brisanz. Aber auch den Chefs des UCB scheint jeder Geschmack abhanden gekommen zu sein. Warum sonst würden sie mit einem Plakat werben, dass das berühmte Foto eines afghanischen Mädchens nutzt?
"Schaut mal, wie frech und tabulos wir sind" oder was?
Wieder einmal bin ich hin und hergerissen, was das Verwenden von Vorschlägen betrifft. Gestern als Zuschauer bei einer Show, und als sei ich das erste Mal in einer Impro-Show freue ich mich, wenn mein Vorschlag genommen wird, und ärgere mich, wenn mein Zettel nicht gezogen wird. Dieses Gefühl sollte man sich eben doch vor Augen führen, wenn man Vorschläge ablehnt. Aber was, wenn wie am vergangenen Freitag hintereinander die Vorschläge (gesucht waren Genrevorschläge, die die Zuschauer auf Zettel schreiben sollten) „Kasperletheater“, „Splatter mit viel Blut“ und „Porno“ lauten? Da zweifelt man dann doch schon am Publikum. Oder man hat einfach noch nicht genug Stammpublikum, das sozusagen einen intelligenten Mainstream bildet. Solange hilft nur: Entweder doch noch etwas Gutes draus machen oder es kurz halten oder im absoluten Notfall freundlich ablehnen.
Eigentlich wäre ich gern von Washington nach New York mit der Bahn gefahren, aber wie schon auf den letzten beiden USA-Reisen muss ich mir eingestehen, dass vor der letzten Woche der Finanzvorrat zusammengeschmolzen ist.
Viel langsamer ist der Bus auch nicht, und Rachel ist so nett, uns mit dem Auto bis zur Bushaltestelle zu chauffieren. Ähnlich wie Steffi geht sie keine zeitlichen Risiken ein. Wenn alles glatt geht, sind wir locker eine halbe Stunde vor Abfahrt da. Es geht dann überhaupt nichts glatt. Washington im Totalstau. Wenn jetzt auch unser Bus nicht von der Stelle kommt, haben wir natürlich Schwein gehabt. Rachel schlägt Haken und fährt gigantische Umwege. Ich kann meinen Blick nicht von der Uhr des Navigationssystems wenden. 15 minutes left. Kurze Zeit später sind es 16 Minuten. Wir sind einfach zu langsam. Rachel fühlt sich uns verpflichtet und nimmt eine rote Ampel. Ich beruhige meinen Atem. Das sind die Situationen, in denen man Unfälle baut, denke ich. Und noch zehn Minuten bis Buffalo. Wir kommen an, sind aber noch nicht die letzten. Der kleine Latino in seinem Büro schnauzt die Kundin vor mir an. Ich nehme es als soziale Herausforderung und lobe ihn für seine harte Arbeit. Sofort glätten sich seine Gesichtszüge und er ist nicht nur mir gegenüber nett, sondern auch gegenüber dem folgenden Kunden. Busse sind was für die Ärmeren. Schwarze, Touristen und Arbeiter mit Sorgenfalten.
Aus den Greatest Hits des Supreme Court: Wer kennt das nicht: Eine verlassene Lagerhalle. Hinter einer Kiste verstecken sich eine verängstigte Frau und der bereits angeschossene Held. Der widerliche Ganove durchsucht die Halle. Da auf einmal Sirenen, Flutlicht und die Stimme des Inspector, der Ganove solle die Waffe fallenlassen und mit erhobenen Händen herauskommen, was dieser auch tut. Und während ihm die Handschellen angelegt werden, wird ein Sergeant aufgefordert: "Read him his rights." Was dieser auch tut: "You have the right to remain silent, anything you say can and will be used against you in a court of law. You have the right to an attorney present during questioning. If you cannot afford an attorney, one will be appointed for you. Do you understand these rights?" Wenn eine solche Szene in einem Film auftaucht, dessen Handlung vor 1966 spielt, haben die Drehbuchautoren einen Fehler gemacht, denn erst seit 1966 hat ein Verdächtiger nicht nur diese Rechte, sondern sie müssen ihm erklärt werden, sobald er verhaftet wird und verhört werden soll. Nach dem Burschen, der sich damals bis zum Supreme Court hochgeklagt hat, weil er Entführung und Vergewaltigung gestand, heißen diese Rechte im Juristenjargon auch "Miranda-Rechte". Pech für Miranda: Man rollte den Fall noch einmal auf und er wurde abermals für schuldig befunden. Und selbst das in allen Staaten verbindliche Recht auf einen Verteidiger wurde per Beschluss des Supreme Courts erst 1961 eingeführt.
Ähnlich wie vor sechs Jahren quält sich der Bus nach Manhattan rein. Stop and Go, wir sind nicht mal mehr 2 km von unserem Ziel entfernt. Dieses Zuckeln ist für eine untrainierte Seele schwerer zu ertragen, als wenn wir jetzt noch zwei Stunden in raschem Tempo auf dem Highway fahren würden. Extrem heiß, Fußgänger behindern den Busfahrer am Weiterfahren, der es ohnehin schwer hat, auf diesen schmalen Straßen auch nur rechts abzubiegen. In der 34th Street/Ecke 7th Avenue werden wir ausgespült. Schon die Straßennamen lösen Song-Assoziationen aus, die mein New York Bild sicherlich etwas verquer beeinflussten. Lexington an Lou Reeds Waiting for My Man: "Going to Lexington 125, feel sick and dirty more dead than alive", 42nd Street an Grandmaster Flash’s New York, New York: "On 42nd Street, lookin for some action /Women standing on the corner selling satisfaction", und eben 7th Avenue an Simon and Garfunkel: "I get no offers/ Just a come-on from the whores on 7th avenue/I do declare, there were times when I was so lonesome/ I took some comfort there, hmmm…" New York schien voller Prostituierter zu sein, zumindest auf der 7th Avenue und der 42nd. Steffi hat fast durchgeschlafen und ist benommen und bedrückt, als wir aussteigen. McDonalds mal wieder. Unterkunft im "Tone on Lex" (gemeint ist natürlich die Lexington, s.o.). Upper East Side. Ein kleines Hostel. Wir dürften eigentlich zumindest eine Nacht auch bei Rebecca und Gogo bleiben, aber man will ja nicht zur Last fallen, schließlich haben sie Kleinkinder. Der Rezeptionist spricht französisch und versteht unser Anliegen nicht. Wir haben für heute gebucht und für die übernächste Nacht. Ob es noch ein Zimmer für die Nacht dazwischen gäbe, und außerdem wollen wir die Zimmer wenigstens mal besichtigen. Er zeigt mir beide, ich erachte sie für OK. Wir brauchen 20 Minuten, um ihm die zwei, drei Details unserer Planung zu verklickern. Er ist nervös, da er auch mit dem Computerprogramm nicht zurechtkommt, und seine Lösungsstrategien nicht funktionieren, was mich allerdings auch gewundert hätte: Strategie Nr.1: Dieselbe Prozedur von vorne starten. Strategie Nr. 2: Doller auf die Tasten hauen. Sein Chef kommt vorbei, regelt alles schnell und ohne zu fragen. Steffi fast entnervt, weil es in der dritten Etage zum Duschen kein warmes Wasser gibt. Eine Frage des Drucks. Im Erdgeschoss verbrüht man sich offenbar. Smsen mit Rebecca, die auf uns wartet. Als die Kinder kamen, sind sie umgezogen. Ein Haus weiter. Immer noch in der 8th Avenue. Der Hochhauskomplex wurde eigentlich als project gebaut, aber es wohnt eigentlich die ordentlich verdienende Mittelklasse drin, die sich sonst hier keine Wohnung leisten könnte. Die Wohnung ähnelt eigentlich der meiner Eltern in Lichtenberg, wo ich aufwuchs. Den Kindern wird’s schon nichts schaden. Sie wissen ja noch nichts von diesen Mieten. Wie aber soll man das Wohnen in solch einer attraktiven Stadt wie New York organisieren, wenn man verhindern möchte, dass die mittelmäßig und unterdurchschnittlich Verdienenden wegziehen. Man braucht ja immer noch die Polizisten, Krankenschwestern usw. Zuteilung? Mietobergrenzen? Aber wer darf dann in die Innenstadt und wer nicht? Ich versuche, mir den schönen Abend mit meinem Gspusi, den beiden alten Freunden und ihren zwei Kindern nicht durch solch trübe Gedanken verderben zu lassen. Zum Abend gibt es Fisch. Ich sage Ja. Allmählich taste ich mich wieder ran. Da ich so viele Einschränkungen durch meine Laktose-Intoleranz erdulden muss, versuche ich, mir neue kulinarische Gebiete zu erschließen und wenigstens ab und zu Fisch zu testen. Gar nicht so übel. Müde verlassen wir die kleine Familie gegen 23.30 Uhr und werfen noch einen Blick ins United Citizens Brigade Theater, das für mich vor sechs Jahren so inspirierend war. Tatsächlich startet gerade eine Gratisvorstellung. Warum nicht hineingehen. Wieder Sex-Trash, wir können es schon nicht mehr ertragen, geben der Sache eine halbe Stunde und verschwinden dann. Schade.
Ist die Presse die vierte Gewalt oder vielleicht doch das Militär, wie Eisenhower befürchtete, als er, der General, zum Ende seiner Amtszeit vor dem militärisch-industriellen Komplex warnte? Die Bedeutung des Militärs in den USA ist schwer zu übersehen. Michael Moore legt inBowling for Columbine den Verdacht nahe, dass es sowohl in der Politik als auch im Zivilleben in den USA mehr als anderswo eine aggressive Mentalität gebe, die es rational erscheinen lasse, erst zu schießen und dann zu fragen. Als ich vor einem Jahr ein kleines Anti-Sarah-Palin-Trash-Video bei Youtube postete, bekam ich innerhalb weniger Tage so viele Klicks wie selten auf ein Video, vor allem von Waffen-Fans. Einer meinte sogar, er würde sich freuen, wenn mal bei ihm eingebrochen würde, dann könnte er endlich eines dieser Einbrecher-Arschlöcher abknallen.
Aber wahrscheinlich macht man es sich zu leicht, wenn man die Gewaltfrage einfach unter "Mentalität" subsumiert. Wie geht ein Land damit um, dass es die militärische Kraft hat, seine Ressourcen tatsächlich zu verteidigen, dass es um militärischen Schutz gebeten wird, dass es durch das Militär zumindest theoretisch in der Lage ist politisch anderswo Einfluss auszuüben? Wo ist die Bremse eingebaut, dass man sagt: Wir könnten’s, aber wir tun’s nicht, auch wenn wir dafür einen hohen politischen Preis zahlen. Der Vater unserer Gastgeberin ist Vietnam-Veteran in Massachusetts. Er leidet unter psychologischen Traumata, die zu jener Zeit nicht oder nur unzureichend behandelt werden konnten. Mit seiner Familie spricht er nicht über seine Erlebnisse. Er sieht es nun als seine Pflicht an, jungen Irak-Veteranen zu helfen, über ihre psychologischen Probleme hinwegzukommen. Wenn er eines Tages stirbt, wird er beerdigt werden auf dem Arlington Friedhof, der zufällig gleich zwei Bus-Stationen von hier entfernt ist. U-Bahnhof Pentagon. Was man bei der Erwähnung des 11. September 2001 doch immer wieder vergisst, ist der Anschlag aufs Pentagon. Dabei war es erst der Einschlag des Flugzeugs ins Pentagon, der wirklich dem Letzten (also mir) klar machte, dass es ein politischer Anschlag war.
Der Friedhof von Arlington. Wer bleibt hier unberührt? Im üblichen Souvenirshop Bücher, Abzeichen, Orden, Fähnchen usw. Und im Hintergrund Videos mit der gänsehaut-machenden Streichern, die dann, wenn’s richtig pathetisch werden soll mit Hörnern zugedröhnt werden. Aber wie soll man hier nüchtern bleiben? Mein schöner Pazifismus kommt ins Wanken. Wie soll sich ein Land verteidigen, das auf keine Kulturnation-Legende zurückblicken kann, dessen Geschichte eine Geschichte der Einwanderung ist? Ein Land, das seine krasse individualistische Grundideologie immer wieder mit einem gehörigen Schuss Republikanismus und Verfassungspatriotismus konterkarieren muss, wenn es nicht zerfallen soll. Woher soll man Rekruten nehmen, wenn es keine Wehrpflicht gibt? Nur aus dem Heer der Notleidenden fischen, die aus lauter materieller Sorge zur Armee gehen? Oder den Schießwütigen das Schießen überlassen? Wieviel Respekt soll man jenen erweisen, die ihr Leben riskiert haben, und zwar nicht für eine historisch noble Sache, wie die Normandie-Invasion, sondern für zweifelhafte Unternehmen wie in Vietnam, Grenada, Irak? Verdienen sie nicht sogar noch mehr Respekt. Wieviel Loyalität muss eine Regierung von den Truppen erwarten können? My country – right or wrong. Und wo muss die Courage des Einzelnen einsetzen, sich dem Befehl zu verweigern? Wie gelingt es einem Land, Soldaten zu rekrutieren, deren Einwanderungsgeschichte nicht einmal eine halbe Generation zurückliegt? Die durch Jahreszahlen angedeuteten Schicksale: Ein Oberst, 1879 geboren 1939 gefallen. Seine Frau, 1880 geboren, lebte danach noch 40 Jahre. Die Soldaten, die mit nicht einmal 20 Jahren starben, die Tage, die ein Schicksal bedeuten: Normandie-Landung. Oder auch ein Monat: April 1945. Tough luck.
Spaziergang über die Arlington Memorial Bridge bis hin zum Lincoln Memorial. Der Potomac River ist die einzige Einflugschneise für Flugzeuge. Ziemlich gruslig bei der niedrigen Flughöhe und angesichts der in unmittelbaren Nähe befindlichen Regierungsgebäude. Steffi kann es kaum fassen. Tatsächlich erfahren wir am Abend, dass gerade heute ein Flugzeug vom Kurs abgekommen ist. Lincoln Memorial. Eigentlich kann eine Besichtigung schöner nicht sein. Es ist Sommer, der Ort des Gedenkens wird von jungen Leuten okkupiert, interessierte Touristen, eine schöne Aussicht auf den Park, ein überteuerter Imbiss, ein Getränk, Ausruhen.
Ich blättere in The Supreme’s Greatest Hits und lerne: Einige Themen ziehen sich immer wieder durch die Geschichte der amerikanischen Rechtsprechung. Jedes Mal muss neu justiert werden. Scheinbar kleine Fälle bringen gesellschaftliche Verhältnisse ins Wanken: Das Verhältnis Religion/Staat, Rassismus und Diskrimierung, Regierung und Wirtschaft, die Freiheit der freien Rede.
Die Jogger wirken hier, ebenso wie in Chicago, als seien sie auf der Flucht. Ich vermute, sie müssen ihre halbe Stunde Mittagspause effektiv nutzen und peitschen sich auf diese Art durch die Stadt. Die Männer hier ebenfalls gern mit freiem Oberkörper, auch wenn ihre irischen Vorfahren sie mit extrem heller Haut versorgt haben, die sie hierzulande eben zum Redneck werden lässt. Das Lincoln Memorial wird vereinnahmt von jedem, der in Sachen Bürgerrechte unterwegs ist. Auch die Gay Rights werden im Museum erwähnt. Nur die Waffennarren scheinen einen Bogen um diese Stätte zu machen, vor der auch Martin Luther King seine berühmte Rede hielt. Lincoln und King – beide Opfer von Schusswaffen. Das schreckt dann vielleicht selbst diejenigen ab, die behaupten, ihre Waffen nur für die Jagd zu brauchen.
Nachdem ständig neue Denkmäler hochgezogen wurden und man vor lauter historischer Bedeutsamkeit in der Stadt kaum noch gehen kann, hat die Stadtverwaltung vor ein paar Jahren einen Denkmal-Stop verhängt.
Englisches Restaurant mit Rachels Freund und dessen Gang. Händetrockner sind schon eine seltsame Erfindung. Zum ersten Mal hab ich wahrscheinlich um 1977 einen tschechischen im Betrieb meiner Mutter gesehen. Der brauchte ungefähr eine halbe Minute, bis die Hände einigermaßen trocken waren. Und selbst heute gibt es Trockner, die einem die Hände eher erhitzen statt sie wirklich zu trocknen. Hier gibt es ein schönes gezieltes Gebläse. Man steckt die Hände in einen breiten Spalt und innerhalb von fünf Sekunden sind sie trocken. Schneller als ein Handtuch. Die Technologie ist da, und trotzdem werden wir uns weiter mit den ollen Hand-Gar-Geräten rumschlagen müssen, einfach weil es den meisten Klo- und Restaurantbetreibern scheißegal ist.
Fototermin bei Scientology.
Wie kann man eine Lebensplanungs-Diskussion unter Freundinnen führen und gleichzeitig "Dr. House" gucken? Liegt es wirklich an der vielgerühmten Multitaskingfähigkeit der Damen oder ist ihnen letztlich sowohl das eine als auch das andere ziemlich egal?
Das Wetter macht einem den Abschied nicht gerade leichter. Lange hatten wir ja überlegt, wie wir nach Charlottesville reisen und wie wir von dort wieder wegkommen. Mit Amtrak, dem amerikanischen Bahnunternehmen hätte es von und nach Washington je acht Stunden gedauert, und davon hätte man einen Teil mit dem Bus fahren müssen. Und wir befinden uns nicht etwa in einem öden Loch in der Wüste von Nevada oder in einem Entwicklungsland. Amerika ohne Autos ist praktisch nicht handhabbar. Ohne Führerschein bist du wie im Wilden Westen ohne Pferd. Aber unser Kutscher kennt den Weg. Und er kutschiert uns gratis. Mumbo-mumbo. Steve ist nicht nur Künstler und Buddhist, sondern auch ökologisch bewusst. Mehr als mancher Europäer. Er fährt einen Hybridwagen, für den man nicht einmal einen Zündschlüssel braucht, man muss nur auf den Knopf drücken. Und noch ein Monitor auf dem Armaturenbrett, das einem zeigt, wieviel Sprit der Motor gerade verbraucht und wann er den Elektromotor benutzt. Das Auto ist dermaßen leise, dass man sich nie ganz sicher ist, ob es fährt. Die vorbeibrausenden Bäume sind ja noch kein Beweis.
Was soll ich von Washington erwarten? 1997 bin ich auf dem Weg nach New Orleans dort durchgereist. Und auch diesmal habe ich mich eher breitschlagen lassen, da Steffis Freundin Rachel dort wohnt. Lese auf dem Beifahrersitz die Washington Post und mache Steve beim Umblättern nervös, da er die herankommenden Autos nicht mehr sehen kann. Zwei Mal. Der von Rachel eingewiesene Concierge kommt mit den Schlüsseln durcheinander. Steffi und Steve werden durch ihn und die drückende Blase beinahe in den Wahnsinn getrieben. Beim dritten Versuch klappt’s. Nachdem Steve uns ins Zentrum chauffiert hat, ist der Abschied nach meinem Geschmack: herzlich und kurz. Die Sonne scheint. Wir gönnen uns einen 4-Dollar-Hot-Dog. Alles auf einem Haufen und in Fußweg-Distanz: Historische Gebäude, Naturkundemuseen, Denkmäler, Regierungsgebäude, und mittendrin der große Park. Sicherlich würde Steffi lieber wieder ausgestopfte Tiere und Indianer-Artefakte anschauen, aber diesmal bin ich der Bestimmer, und mich interessieren dann die three branches of the American government doch mehr.
Suchbild: Finde den Künstler!
Das Kongressgebäude auf der Rückseite abgesperrt. Hinter den Fenstern sieht man ab und zu mal jemanden entlangeilen. Erstmals sehen wir außerhalb des Flughafens diese neuen, dem gesunden Menschenverstand spottenden Elektro-Zweiräder. Da kann man mir hundert Mal erzählen, die wären unten beschwert – ich finde, die müssen trotzdem umkippen.
Vorn etwas beeindruckender: Wichtig erscheinende Anzugträger steigen aus einer Fahrzeugkolonne aus. Das Gebäude wirkt faszinierend wie eine Indianerburg, aber dann doch irgendwie spröde, oder bilde ich mir das nur wegen der abweisenden Beamten ein? Gegenüber das Gebäude des Supreme Court, der mich ähnlich fasziniert wie das deutsche Bundesverfassungsgericht – eine Institution, die sich mehr als die Exekutive und die Legislative auf die professionelle Verfassungstreue der Entscheider stützt. Und so seltsam die Rechtsprechung in den USA auch manchmal anmutet, so hat sie doch auch auf unser römisch/napoleonisch geprägtes Rechtssystem einen starken Einfluss genommen, wenn auch oft nur indirekt. Steffi erklärt mir wieder, wie die Säulen dieses tempelartigen Bauwerks heißen, was ich sofort wieder vergessen. Architektur ist wohl die Kunst, die mir doch am fremdesten bleibt.
Suchbild 2: Auch hier ist ein Künstler versteckt.
Sicherheits-Check am Eingang. Das Gericht ist das offenste der drei Gebäude. Vielleicht vermutet man, dass Schurken sich eher das Weiße Haus oder den Kongress für ihre Schurkereien aussuchen. Wir kommen gerade zur rechten Zeit. Man darf den Verhandlungssaal betreten und wir hören einen kleinen Vortrag. Ich lerne: – Im Gegensatz zum deutschen Rechtssystem, wo Teile des Bundestags oder des Bundesrats Gesetze relativ häufig auf ihre Verfassungsmäßigkeit prüfen lassen oder auch unter bestimmten Umständen das Gericht direkt angerufen werden kann, gibt es solche Original Cases nur ein bis zwei Mal pro Jahr. – Ca. 10.000 Fälle werden jedes Jahr eingereicht. Verhandelt werden ca. 80. Entschieden wird darüber aber anscheinend nicht auf juristischer Grundlage (Zulässigkeit der Klage), sondern nach Gutdünken. – Jedem Richter sind zugeordnet: 1 secretary, 1 aide, 4 clerks. – Für die mündliche Verhandlung ist genau 1 Stunde vorgesehen. Jede Seite bekommt 1/2 Stunde zugesprochen. Rederecht haben allein die Richter und die Anwälte der jeweiligen Seite, wenn sie denn gefragt werden. – Ein theoretisches Impeachment gegen einen Obersten Richter hat es bisher noch nicht gegeben. – Taft war der einzige Oberste Richter, der auch schon das Präsidentenamt innehatte. Er war es auch, der (erst 1928!) den Bau des Gebäudes veranlasst hatte. – John Marshall war es, der dem Supreme Court die zentrale Bedeutung verschaffte, nämlich das Recht, verfassungswidrige Gesetze zu kippen. Fotografieren darf man hier nur außerhalb des Verhandlungssaals. Warum bin ich nicht Schnellzeichner geworden!
Das Café ist geschlossen. Der Souvenirshop wartet auf unsere Dollars. Ich widerstehe der Versuchung, einen richterhammerförmigen Bleistift zu kaufen. Aber die Supremes‘ Greatest Hits – eine Sammlung von Fällen, die die Gesellschaft der USA veränderten, sind jetzt meine. Im Buchladen hätte ich mir das wohl nicht gekauft. Man kann bei diesem Wetter nicht genug kriegen von der Stadt. Schöne Menschen, freundliche Touristen, Stadtangestellte – jeder mit einem Lächeln im Gesicht. Es ist Sommer. Wem kann man bei diesem Wetter böse sein.
Bilderrätsel Nr.3: Erkenne die Religionen!
Auf dem Weg zum Weißen Haus kommen wir vorbei am Haus der Presse. Erinnerung an Ostblock-Traditionen: Die Wandzeitung. Hier ist für die jeweils größte Zeitung aus jedem Bundesstaat ein Schaufenster reserviert. Der Ami liest wesentlich weniger Zeitungen, und die Zeitungsverlage sind noch mehr monopolisiert als sie es in Deutschland sowieso sind. Bis auf die wirklich großen kann sich kaum mehr eine Zeitung Überseekorrespondenten halten. Die Nachrichten werden zusammengesetzt aus dem, was die Agenturen melden.
Das Weiße Haus. Wir sind erst auf der falschen Seite, also dort, wo Michelle den Öko-Garten angelegt haben muss. Die Eichhörnchen werden durchgelassen. Sind wohl was besseres. Auf der Vorderseite erwartungsgemäß die Touristen in Massen. In einem Abstand von vielleicht 60 Metern ein Dauerdemonstrant, der das Ende aller Kriege fordert. Bärtig, tätowiert, kariertes Hemd. Vorsichtig nähere ich mich seinem Stand, ohne zu viel Interesse zu demonstrieren, will nicht in ein Gespräch gezogen werden. Ich begnüge mich damit, ihm zuzuhören, wie er jemand anderen belehrt: "Our guy" (gemeint ist Obama) ist schon in Ordnung, aber die anderen ruhen nicht. Sie wollen ihn so schnell wie möglich loswerden. Wir müssen zusammen kämpfen. Er sei nur der Nachfolger jenes berühmten Vietnamveteranen, der hier jahrelang gezeltet hat. Der ist im März gestorben, und nun nimmt er seinen Platz ein. Er erinnert mit Bildern an die Schrecken, derer sich die USA schuldig gemacht haben – Hiroshima, Nagasaki, Vietnam, Bagdad. Er spricht ruhiger und klarer als man es von jemandem mit dieser Gesichtstätowierungsdichte erwarten würde. Die U-Bahn. Ungeputzt, monströs, erinnert an die Sauna im Tempodrom. Ich sollte Steffi nicht jedes Mal, wenn sie von einer U-Bahn beeindruckt ist, erzählen, dass die in Moskau größer und schöner ist und die Rolltreppen mit einem Karacho runterdonnern.
Bilderrätsel Nr. 4: Welches berühmte…? (Vervollständigen Sie das Rätsel)
Erschöpft mit Rachel zurück. Eine Zweiraumwohnung, die sie sich mit ihrer Mitbewohnerin teilt, in Arlington. Nicht gerade das Zentrum. Sie bezahlen zusammen 1.800 Dollar. Wie wohnen hier die Eisverkäufer, die für 8 Dollar pro Stunde arbeiten?