Krim ’94

Und als ich damals keine Münze
schleuderte ins Schwarze Meer,
als ich nicht wehmütig zurückschaute
auf die sanften Wellen am geliebten Strand,
als ich den Zug in Simferopol
mit Bitterkeit bestieg und flüsterte: Poka!,
da wusste ich: Der Abschied ist für immer.

Was ich nicht ahnte, als durch schmutzige Scheiben ich starrte:
Der eignen Jugend sagte ich Adé.

Die Christen zu Ostern

Sie danken dem Herrn Jesu Christ,
dass er für sie gestorben ist.
Das find ich doch recht schräg gedacht:
als hätt er selbst sich umgebracht.

Er nahm auch auf sich ihre Sünden,
die sind jetzt nur bei ihm zu finden.
So läuft es für die Christen glatt.
Die Logik setzt’s derweil schachmatt.

Sie schmücken sich, was jeder kennt,
mit einem Folterinstrument.
Und wer es dann noch krasser kann,
trägt Kruzifix mit Leiche dran.

Doch weinet nicht, seid ohne Not.
Der Jesus ist nicht wirklich tot.
Das Grab war leer. Ganz ohne Scheiß –
das ist der Aufersteh-Beweis.

Jetzt

Jetzt bleimse ma schön ruhig und locker.
Jetzt schreinse mich ma nich so an.
Jetzt kommse runter von dem Hocker.
Jetzt lassense ma los den Mann.

Jetzt wird sich nich jekloppt.
Jetzt wird hier nich jeprahlt.
Jetzt wird erst ma jestoppt.
Jetzt wird erst ma bezahlt.

Jetzt mach ma Trab.
Jetzt nimm den Hut.
Jetzt hau ma ab.
Und jetzt is jut.
(Dan Richter)

Inbalance

Spiegelblick: Seh aus als hätt ich Magenkrämpfe.
Kann die schlechte Laune mir nur schwer verzeihn.
Bitter stimmen mich die nicht gekämpften Kämpfe,
denn die trägt am End’ man aus mit sich allein.

Etwas schallt im Raum: Es ist mein eignes Lachen.
Könnt’ nicht sagen, was mich heute fröhlich stimmt.
Waren’s Klänge (in B Dur), die leicht mein Glück entfachen?
Eine Kerze, die im Fenster drüben glimmt?

Bleibe ich der Spielball meiner Emotionen?
Man sagt, ich sei zu lesen wie ein offnes Buch.
Soll mein Wille über den Gefühlen thronen?

Warum kämpf ich mit dem Lachen und den Tränen?
Ohne Spiel wird jede Emotion zum Fluch.
(„Lächle, und dann knirschst du nachts nicht mit den Zähnen.“)

Fort und geblieben (Corona 27)

Verschwunden sind die Instrumentenspieler,
die alte Filmmusiken dilettieren.
Im Görli hoffnungsarm die Drogendealer,
die zukunftsbange sich den Arsch abfrieren.

Verschwunden ist die alte Kiezverrückte,
die immer dienstags auf der Kreuzung schrie
und die dir manchmal in die Augen blickte,
als kennte sie Moralphilosophie.

Ich will mich hier ja nicht beschweren,
nur wissen, ob sie wiederkehren.

Winterende (Corona 26)

In all dem Hin und Her sucht’ ich noch einen Sinn.
Was sollt ich lassen und was sollt’ ich machen?
Ein närrisch Weltgeist scheint, vergnügt uns auszulachen.
So geb ich mich ganz dem, was uns erwartet, hin.

Das Aufbegehren bringt nur meinem Stolz Gewinn.
Werf meine Energie dem Nichts in seinen Rachen.
Die Stille um mich – künstlich. Dabei müsst’ es krachen.
Ich dreh mich um mich selbst und weiß nicht, wer ich bin.

Hat uns das letzte Jahr was Bleibendes gelehrt?
Vielleicht ja gar nichts, wenn sich jeder wichtig nimmt.
Man fühlt gekränkt sich, weil man kurz etwas entbehrt.

Die Emotionen wurden längst auf lau gedimmt.
Vom Ein und Aus und Auf und Ab bin ich benommen.
Ach, Frühling! Spute dich mit deinem Kommen.

Zwischenzeit

Zwischen zwei geworfnen Bällen
und zehn Liegestützen
will mit kleinen Witzen
ich dein trüb’ Gemüt erhellen.

Zwischen zwei gehauchten Küssen
wird ich stummer.
Teilst den Kummer,
der dich letzte Nacht zerrissen.

Zwischen zwei verliebten Blicken
sind wir einig,
leise wein ich,
streichle ruhig deinen Rücken.

Ungeduld (Corona 25)

Wie gerne würd’ ich jetzt verreisen.
Doch darf ich’s nicht. Und überhaupt:
Mit euch im Schusterjungen speisen
ist leider auch nicht mehr erlaubt.

Wie gerne stünd ich jetzt auf Bühnen.
Wie gerne hielt ich dich im Arm.
Wie gern würd ich jetzt Geld verdienen.
Ach, wär’s doch nur ein Fehlalarm.

Wie gerne lauschte ich jetzt Chören.
Wie gerne säh ich ein Ballett.
Wie gerne ging ich zur Friseurin,
wenn ich denn noch Haare hätt.

Fast ein Jahr (Corona 23)

War fast beruhigt: Wir übertreten eine Schwelle,
doch horch! Sie sprechen von der dritten Welle,
und es klingt, als rede man vom Krieg.

Tausend Tote weniger. Ein Sieg.
Wer hat die Kraft, das alles anzuhören?
Ein Hamsterrad. Man rennt und tritt doch auf der Stelle.

Fühl mich am besten, wenn ich auf dem Sofa lieg
und was notier und auf die Schnelle
nebenbei von dir ein Küsschen krieg.

Februar im Park

Trunkne Närrin auf dem halbzermatschten Rasen
sucht vergeblich, ihre Straßenmischung zu dressieren.
Doch die Hunde lenken heute ihre schlauen Nasen
umeinander, um einander zu kapieren.

Wo der Schneemann letzte Woche heiter winkte,
ist geblieben eine Handvoll grauer Harsch.
Der Winter sich heut dreist auf Happy Frühling schminkte.
Er zeigt uns lächelnden Gesichts den blanken Arsch.

Ich wusste…

Ich wusste, ich müsst’ ehrlich sein.
Ich wusste, heut gäb’s kein Zurück.
Ich wusste, Du und ich,
das hatte keine Zukunft.

Ich wusste, du würdst es tapfer nehmen.
Ich wusste, ich würd’s an der Tür Dir schon sagen.
Ich wusste, Du und ich
kämen bald drüber hinweg.

Du öffnetest die Tür, ich sagte nichts.
Dein Duft, ich musst dich in die Arme nehmen.
Kein Zurück. Du und ich
wir hatten nur das Jetzt.

Flirt und Pflege

Ich flirtete dereinst im Gras
Mit einem Girl, das bei mir saß
Und spielte ihr ein Lied in Gis,
als plötzlich eine Saite riss
von der Gitarre, ach, o weh!
Es war (wie stets) die Saite D.
Ich schrubbte weiter. Mein Geklimper
klang so wie das von einem Stümper.
Am Schluss sprach sie „Ich muss nun geh’n.“
Ich hab nie wieder sie geseh’n.“

Moral:
Vermeide Unannehmlichkeiten:
Besorg dir immer frische Saiten.
Denn so verlor ich eine Braut
nur mangels der Gitarrenpflege.
Doch wenn ich’s recht mir überlege:
Vielleicht war auch der Text versaut.

Misserfolg 89

Ich bin dereinst im halben Land
nach einer Spieluhr rumgerannt,
sie dir zu geben in die Hand
als eindeutiges Liebespfand.
Die Händler gaben mir bekannt,
das sei ein rarer Gegenstand.
Und so verlief es sich im Sand.
Dein Herz sich an ’nen andren band,
als hättest du mich nie gekannt.
Doch auch ich selbst ’ne andre fand
(die freilich mir recht bald entschwand).

Mezzopiano (Corona 21)

Unser kleiner, wattierter Kosmos,
in dem wir nicht rufen,
nicht rennen,
nicht jammern und weinen,
nicht lachen und schreien,
nur halblaut was meinen
und vorsichtig schreiten
und lächeln und flüstern
und tapfer leis atmen,
wird nun noch gehüllt
in dick-nassen Schnee.

Verwegen plane ich
Unseren Sommerurlaub.

Sentimentale Minute

Ein seltner Nebel hält die Nachbarschaft gefangen.
Doch da es 18 Uhr, ist hektisch man wie eh.
Sah wer, wie sich die Schwäne dort kanalwärts schwangen?
Ich denk, die Antwort darauf ist wahrscheinlich: Nee.

Tu ich hier auch gefühlig – lang hielt ich’s nicht aus.
Rasch wurden Schuh und Kleidung klamm, ich ging nach Haus.