Zur schönen Maienza-ha-heit

Uschi huschti ins Gebuschi
Mac versteckt den Schneck in der Heck
Liese pieselt in die Wiese
Maltes Alte schallte im Walde
Etes Käthe steht im Beete

Die Uschi, die Liese, die Alte, die Käthe und Mac
Das Gebuschi, die Wiese, der Wald, das Beet und die Heck
Huschi, Piesel, Schall, Steh und Versteck
Malte, Ete, der Schneck

Uschi und Malte
Mac und die Alte
Malte und Käthe
Liese und Ete

Das Piesel, das Huschi
Der Schneck, das Gebuschi

Bogen

Tänzelnden Schritts, ich weiß, es war Mai,
schien uns, was nicht Wir war, komplett einerlei.
Die Linden, die Amseln, Neukölln, der Kanal.
Die Welt stand uns offen, wir hatten die Wahl.

Die sommerliche Leidenschaft
zog eine tiefe Liebesschneise.
Lieb und Streit – mit aller Kraft
auf unbekannte Reise.

Der Herbst erfüllt den Zweck.
Man hat sich eingerichtet
so wie die Mad’ im Speck.
Die Bilder werd’n gesichtet.

Es klopft am Tor.
Das ist der Winter.
Was hat er vor?
Was ist dahinter?

Pfingsten

Gott hat die allerhöchste Macht
und sich den Kosmos ausgedacht?
Erschuf die ganze schöne Welt.
Bloß: Wer hat Gott dann hergestellt?

Jesus predigte recht flott
und meint’, er sei der Sohn von Gott.
Es hat zwar niemand ihn gefragt,
doch schließlich hat er’s selbst gesagt.

Und was mich fast vom Hocker reißt:
Zu Pfingsten kommt der Heilge Geist.
Die Jünger haben Christ gelobt
und warn bis untern Hut gedopt.

Mir ist das alles einerlei.
Weiß nur: Ich hab am Montag frei.

Trübe Aussichten

Kälte hält uns noch gefangen.
Ist das Mai? So ist’s ein Joke.
Mai, den wir so gern besangen,
uns um Hoffnung nun betrog.

Der Juni wird, so schätz ich, lau.
Wir werdn wohl nicht in Urlaub fahrn.
Ich weiß es zwar nicht ganz genau,
doch auch der Juli wird nicht warm.

Zu früh, um die Prognos zu wagen:
Kalt wird’s sicher im August.
Doch trifft es ein, so kann ich sagen:
Ich hab’s von Anfang an gewusst.

Endzeitliebe

Schließ die Fäuste, hörst du nicht die wilden Stürme,
die wie irre ganz in unsrer Nähe toben?
Sie umpfeifen schrill die hohen, schlanken Türme.
wo wir nunmehr wohnen – einsam und ganz oben.

Schließ die Augen, hörst du nicht mein wildes Zischen,
das dir sagen soll, ich hab dich ganz umfangen?
So kannst du nicht mir und ich nicht dir entwischen.
Unsre Küsse gierig. Unsre Zungen wie zwei Schlangen.

Wenn’s vorbei ist, zähln vielleicht wir zu den Freien,
die sich völlig auf sich selbst verlassen dürfen.
Doch bis dahin unsre Liebe muss gedeihen,
die wir fleißig weiter füreinander schürfen.

Frühlingshoffnung (Corona 33)

Nun hat der Frühling uns gepackt.
Die Todesstimmen werden leiser.
Wir spüren einen frischren Takt.
Wer wütend war, der ist nun heiser.

Es lebt und stirbt sich scheinbar leichter,
wenn Sonne strahlt mit teuflisch’ Gnade.
Der Virus langsam kam, bald weicht er.
Und wir tun so, als sei das Leben grade.

Immunität, du Himmelsgabe!
Wir werden trinken, singen, tanzen.
Wir feiern auf dem Massengrabe.
Auch dieses Bild fügt sich zum Ganzen.

Die Seuche

Da war ein großes Sterben.
Man wusste nicht warum.
Es fielen ziemlich plötzlich
die Tier’ und Menschen um.

Sie kriegten blaue Häute
und sagten leise „Ach!“
Und alle Hinterbliebnen
die schlugen großen Krach.

Die Christen habn gebetet.
Die Heiden habn geflucht.
Und jeder war erleichtert,
der noch nicht heimgesucht.

Die Seuche ist verschwunden
so rasch wie sie einst kam.
Und wer es überlebte,
der freute sich voll Scham.

Dialog (Corona 32)

Ich fragte das Virus: „Wie ist’s dir gelungen,
das Denken der Menschen zu infizier’n?
Wie hast du die Liebe niedergerungen?
Wie konnt’st die Beziehungen du korrumpier’n?“

Da sprach das Virus: „Na, schönen Dank!
Ich wühle nur auf den Schlamm.
Was jetzt korrumpiert scheint, war vorher schon krank.
Jetzt reißt euch gefälligst zusamm’!“

Kleingarten

Am Rande der Treptower Kolonie
steht trotzig die gezimmerte Laube.
Die Latten gewiss noch damals geklaut
aus einem siechen VEB.
Die hatten kein Westgeld für Gehwegplatten.
Keine Beziehungen und kein Händchen.
Zwei Meter Höhe,
für mehr haben Mühe und Geduld nicht gereicht.
Da wirst du dich bücken müssen beim Betreten.
Der Baum will auch nicht höher wachsen.
Aber Ostereier hängen noch dran
von vor vier Wochen
oder vierzig Jahren.

Berlinfrust

Da ist kein Sternenhimmel, da sind nur Laternen.
Kein Rauschen, Knacken, nur entferntes Motorbrummen.
Im Halbalarm wird diese Stadt wohl nie verstummen.
Wer will das Stillsein auch nur ansatzweise lernen?
Wie schnauft der Igel? Grunzt ein Füchslein, wenn es satt?
Um das zu wissen, müsst ich mich von hier entfernen.
Bleib unterm sternenlosen Himmel dieser Stadt.

Innehalten

Heute hört’ ich einen neuen Klang.
Pianotrio von Kurt Schwaen.
Und als ich’s hörte, blieb ich stehn,
weil eine Ahnung darin schwang:
Noch bin ich frei.
Bald ist’s vorbei.

Und als dann wieder alles still,
stand ich noch immer an dem Ort.
Für diesen Klang find ich kein Wort,
vielleicht weil ich keins finden will.
Was heut noch brennt,
bald ist’s zuend.

Vorteile (Corona 31)

Corona muss man so mal sehn:
Ich musste nicht zur Arbeit gehen.
In Bussen, Läden und Passagen
sah ich nicht lauter Drecksvisagen.
Und was ich auch gar nicht vermisse,
ist das Von-Fremden-Abgeküsse.
Auch bin ich wirklich fasziniert:
Die Fliegerei ist reduziert.
(Ich weiß, wer mich so reden hört,
glaubt wohl, ich sei komplett gestört.)

Trotz diesen supertollen Gründen
kann jetzt Corona gern verschwinden.

Schwieriges Verzeihen

Ach, könnte ich dir nur verzeihen
für den Verrat, den du begingst.
Wie konntst die Freundschaft du entweihen,
an der du doch auch selber hingst?

Ich geh durchs Wäldchen unsrer Zeiten,
in dem wir uns die Treue schwor’n
und dass wir immer uns begleiten.
Die Freundschaft wurde so gebor’n.

Ich hatte seitdem viele Mühen.
Und mein Gewissen du beschwerst.
Ich hätt vielleicht dir schon verziehen,
wenn du nicht schon gestorben wärst.

April-Depri

Hat sich doch des Frühlings
Drängen nicht erfüllt.
Hat die Eichhornbabys
die Krähe doch gekillt.

Müssen wir doch weiter
den Winter akzeptiern
und im Sonnenaufgang
bei Minusgraden friern.

Angestrengt und heiter
seh ich Wolken dräu’n
will mich dennoch weiter
auf den Sommer freu’n.

Symptome (Corona 29)

Hart im Blick und lätschig in der Birne
– zwei übersehne Folgen der Pandemie.
Wo einst klare Zärtlichkeit, herrscht nun
trübsinnige Feindschaft.

Wir haben verlernt, nicht übereinzustimmen
und doch Freunde zu bleiben, wenngleich auf Distanz.
Der Krebs des Unmuts breitet im Magen sich aus.
Mit Freundlichkeit sollt’ man sich impfen.

Krim ’94

Und als ich damals keine Münze
schleuderte ins Schwarze Meer,
als ich nicht wehmütig zurückschaute
auf die sanften Wellen am geliebten Strand,
als ich den Zug in Simferopol
mit Bitterkeit bestieg und flüsterte: Poka!,
da wusste ich: Der Abschied ist für immer.

Was ich nicht ahnte, als durch schmutzige Scheiben ich starrte:
Der eignen Jugend sagte ich Adé.

Die Christen zu Ostern

Sie danken dem Herrn Jesu Christ,
dass er für sie gestorben ist.
Das find ich doch recht schräg gedacht:
als hätt er selbst sich umgebracht.

Er nahm auch auf sich ihre Sünden,
die sind jetzt nur bei ihm zu finden.
So läuft es für die Christen glatt.
Die Logik setzt’s derweil schachmatt.

Sie schmücken sich, was jeder kennt,
mit einem Folterinstrument.
Und wer es dann noch krasser kann,
trägt Kruzifix mit Leiche dran.

Doch weinet nicht, seid ohne Not.
Der Jesus ist nicht wirklich tot.
Das Grab war leer. Ganz ohne Scheiß –
das ist der Aufersteh-Beweis.

Jetzt

Jetzt bleimse ma schön ruhig und locker.
Jetzt schreinse mich ma nich so an.
Jetzt kommse runter von dem Hocker.
Jetzt lassense ma los den Mann.

Jetzt wird sich nich jekloppt.
Jetzt wird hier nich jeprahlt.
Jetzt wird erst ma jestoppt.
Jetzt wird erst ma bezahlt.

Jetzt mach ma Trab.
Jetzt nimm den Hut.
Jetzt hau ma ab.
Und jetzt is jut.
(Dan Richter)

Inbalance

Spiegelblick: Seh aus als hätt ich Magenkrämpfe.
Kann die schlechte Laune mir nur schwer verzeihn.
Bitter stimmen mich die nicht gekämpften Kämpfe,
denn die trägt am End’ man aus mit sich allein.

Etwas schallt im Raum: Es ist mein eignes Lachen.
Könnt’ nicht sagen, was mich heute fröhlich stimmt.
Waren’s Klänge (in B Dur), die leicht mein Glück entfachen?
Eine Kerze, die im Fenster drüben glimmt?

Bleibe ich der Spielball meiner Emotionen?
Man sagt, ich sei zu lesen wie ein offnes Buch.
Soll mein Wille über den Gefühlen thronen?

Warum kämpf ich mit dem Lachen und den Tränen?
Ohne Spiel wird jede Emotion zum Fluch.
(„Lächle, und dann knirschst du nachts nicht mit den Zähnen.“)